Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?
Kapitel 1
Aber auch nur derjenige, der, selbst aufgeklärt, sich nicht vor Schatten
fürchtet, zugleich aber ein wohldiszipliniertes zahlreiches Heer zum Bürgen der
öffentlichen Ruhe zur Hand hat, – kann das sagen, was ein Freistaat nicht wagen
darf: R ä s o n n i e r t , s o v i e l i h r w o l l t , u n d w o r ü b e r i h r
w o l l t ; n u r g e h o r c h t! So zeigt sich hier ein befremdlicher, nicht
erwarteter Gang menschlicher Dinge; sowie auch sonst, wenn man ihn im
großen betrachtet, darin fast alles paradox ist. Ein größerer Grad bürgerlicher
Freiheit scheint der Freiheit des G e i s t e s des Volks vorteilhaft und setzt ihr
doch unübersteigliche Schranken; ein Grad weniger von jener verschafft
hingegen diesem Raum, sich nach allem seinen Vermögen auszubreiten. Wenn
denn die Natur unter dieser harten Hülle den Keim, für den sie am zärtlichsten
sorgt, nämlich den Hang und Beruf zum f r e i e n D e n k e n, ausgewickelt hat:
so wirkt dieser allmählich zurück auf die Sinnesart des Volks, (wodurch dies der
F r e i h e i t z u h a n d e l n nach und nach fähiger wird), und endlich auch
sogar auf die Grundsätze der R e g i e r u n g, die es ihr selbst zuträglich findet,
den Menschen, der nun m e h r a l s M a s c h i n e ist, seiner Würde gemäß zu
behandeln.[1]
Königsberg in Preußen, den 30. Septemb. 1784.
I . K a n t .