Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch

Alexander Solschenizyn · Kapitel 1 von 2 · Teil 1/3

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Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch

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Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Alexander Solschenizyn

 

Ein Tag im Leben des

Iwan Denissowitsch

Roman

 

Aus dem Russischen von Christoph Meng.

 

Luchterhand Nikita Chruschtschow mahnte eindringlich auf dem 22. Parteitag der KPdSU: »Es ist unsere Pflicht, derartige Angelegenheiten, die mit dem Mißbrauch der Macht zusammenhängen, sorgfältig und allseitig zu klären. Solange wir arbeiten, können und müssen wir vieles klarstellen und der Partei und dem Volk die Wahrheit sagen …« Mit dieser Erklärung setzte er sich für ein literarisches Werk ein, das nach Erscheinen sofort Weltruhm erlangte: »Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch«. Es bringt keine sensationellen Enthüllungen, sondern die nüchterne, mikroskopisch genaue Untersuchung des Lagerlebens in Sibirien, so wie es von den Opfern der stalinistischen Periode erlebt wurde.

Solschenizyn, Alexander Isajewitsch, sowjetruss. Schriftsteller, * 11. 12. 1918 Kislowodsk; 1945 bis 1956 in Haft u. Verbannung (in Kasachstan, wo er eine Krebserkrankung überstand), dann Mathematiklehrer. Die unter der Protektion N. S. Chruschtschows veröffentlichte Erzählung »Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch« 1962, dt. 1963, das erste Sowjet. Literaturwerk über die Stalinschen Straflager, schien eine neue Epoche

der Sowjetliteratur einzuleiten. Weitere zeit- u. gesellschaftskrit. Erzählungen: »Matrjonas Hof« 1963, dt. 1965; »Im Interesse der Sache« 1963, dt. 1964. S. wurde aber bald angegriffen, Verfolgungen ausgesetzt u. im April 1970 aus dem Sowjet. Schriftstellerverband ausgeschlossen. Seine großen Romane durften in der Sowjetunion nicht erscheinen: »Krebsstation« dt. 1968/69; »Der erste Kreis der Hölle« dt. 1968; »August Neunzehnhundertvierzehn« dt. 1971, unter dem Titel »August Vierzehn« 1972; »Der Archipel GULAG« 1973, dt. 1974. S. erhielt den Nobelpreis 1970, reiste aber nicht zur Entgegennahme nach Stockholm, da er befürchtete, die Sowjet. Regierung werde ihm die Wiedereinreise verwehren. In den folgenden Jahren trat S. trotz anhaltender Behinderung als führender Repräsentant der intellektuellen Opposition hervor. 1974 wurde er erneut verhaftet u. aus der Sowjetunion ausgewiesen. Er lebte zunächst in der Schweiz und seit 1976 in den USA.

In:

Alexander Solschenizyn

Im Interesse der Sache

Alle Erzählungen

und der Roman

»Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch«

 

Einmalige Sonderausgabe in der Reihe »Bücher der Neunzehn«,

veröffentlicht im März 1970 als Band 183.

8. Auflage 224.-233. Tausend.

© 1970 by Hermann Luchterhand Verlag GmbH,

Darmstadt und Neuwied.

Gesamtherstellung: Druck- und Verlags-Gesellschaft mbH

Darmstadt.

Printed in Germany, März 1974.

ISBN 3-472-84001-3

Um fünf Uhr morgens wurde das Wecksignal gegeben – Hammerschläge auf ein Stück Eisenbahnschiene, das neben der Stabsbaracke hing. Die abgehackten Töne drangen nur gedämpft durch die fingerdick vereisten Fensterscheiben und verstummten bald: es war kalt, der Aufseher hatte keine Lust, lange zu hämmern. Die Töne waren verstummt. Draußen war es noch immer so stockfinster wie mitten in der Nacht, als Schuchow zur Barackenlatrine gegangen war, nur drei Lampen schienen gelb durchs Fenster: zwei brannten in der Außenzone, eine im Lager.

Schuchow verschlief das Wecken nie, er stand immer sofort auf, denn bis zum Ausmarsch hatte man anderthalb Stunden Zeit, die einem ganz allein gehörten, und wer das Lagerleben kannte, der konnte sich stets etwas nebenher verdienen: aus altem Futterstoff dem oder jenem Kappen auf die Fausthandschuhe nähen, einem reichen Aktivisten die trockenen Filzstiefel auf die Pritsche stellen, damit er nicht barfuß herumtappen und seine Stiefel aus dem Haufen heraussuchen mußte; rasch zu den Ausgabestellen laufen und sehen, wo man sich beliebt machen konnte, indem man den Fußboden fegte oder Sachen herbeitrug; in der Kantine die Blechnäpfe von den Tischen räumen und die Stapel in die Spülküche bringen – dabei fiel manchmal etwas zu essen ab, nur gab's dort zu viele Anwärter; und außerdem: wenn man in einem Napf noch ein Restchen entdeckte, dann leckte man ihn sofort aus, man konnte sich einfach nicht beherrschen. Schuchow hatte sich die Worte seines ersten Brigadiers Kusjomin gut gemerkt – der war ein alter Lagerfuchs, hatte 1943 schon zwölf Jahre gesessen. Am Lagerfeuer auf einer Schneise hatte er einmal zu den Neuen gesagt, die gerade von der Front gekommen waren: »Hier herrscht das Gesetz der Taiga, Jungs. Aber auch hier kann man leben. Nur der geht im Lager vor die Hunde, der Schüsseln ausleckt, auf die Krankenbaracke spekuliert oder andere beim Gevatter1 verpfeift.«

Das mit dem Gevatter stimmte natürlich nicht. Spitzel gehen immer auf Nummer Sicher. Wenn auch auf Kosten anderer.

 

1 Gevatter – Lagerausdruck für den operativen Bevollmächtigten (»Operativ«), Beauftragter der Zentrale aller oder mehrerer Lager, der das Lager inspiziert, Verhöre führt und Beschwerden entgegennimmt.

 

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Sonst stand Schuchow nach dem Wecksignal immer sofort auf, heute nicht. Schon seit gestern abend war ihm nicht wohl in seiner Haut, mal fröstelte ihn, mal taten ihm alle Glieder weh. Und nachts konnte er nicht warm werden. Im Halbschlaf war ihm zumute, als sei er richtig krank geworden, dann fühlte er sich wieder etwas besser. Er wünschte sich nur, daß der Morgen nicht anbrach.

Aber der Morgen kam, nahm seinen Lauf. Wo sollte man sich hier auch wärmen – das Fenster vereist und an den Wänden entlang der Deckenfuge durch die ganze Baracke – eine Riesenbaracke war's! – weiße Spinnweben. Rauhreif.

Schuchow stand also nicht auf. Er lag auf der oberen Pritsche, hatte sich die Decke und die Wattejacke über die Ohren gezogen und beide Füße in die Weste, in einen umgekrempelten Ärmel, gesteckt. Er hielt die Augen geschlossen, aber die Geräusche ließen ihn wahrnehmen, was in der Baracke und in der Ecke, wo seine Brigade lag, geschah. Schwer den Gang hinunterstapfend, schleppten die Männer vom Barackendienst eine Latrine hinaus – acht Kübel. Das soll leichte Arbeit sein, für Invaliden, aber trag so ein Ding mal 'raus, ohne daß es überschwappt! In der 75. Brigade poltert gerade ein Bündel Filzstiefel aus dem Trockenraum auf den Fußboden. Jetzt auch bei uns (wir waren heute mit Stiefeltrocknen an der Reihe). Der Brigadier und der Hilfsbrigadier ziehen schweigend die Filzstiefel an, ihre Pritschen knarren. Der Hilfsbrigadier geht gleich zur Brotausgabe, der Brigadier in die Stabsbaracke, zu den Arbeitsleitern.

Aber es ist kein Routinegang wie jeden Tag – erinnert sich Schuchow: Heute fällt die Entscheidung – ob die 104. Brigade von den Werkstätten zur neuen Baustelle der »Sozsiedlung« abgeschoben wird. Diese Sozsiedlung ist bisher noch ein Stück kahles Feld, mit Schneewächten, und vor Beginn der Bauarbeiten heißt es Löcher buddeln, Pfähle einrammen und eigenhändig Stacheldraht ziehen – damit keiner türmen kann. Dann erst wird gebaut.

Bestimmt gibt es dort einen ganzen Monat nichts, wo man sich aufwärmen kann, nicht mal eine Bretterbude. Und ein Feuer kann man dort auch nicht machen – kein Holz da. Schuften – die einzige Rettung. Der Brigadier macht sich Sorgen, er versucht die Sache

 

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abzubiegen. Sollen sie doch irgendeine andere, dümmere Brigade dorthin verfrachten. Mit leeren Händen kann man natürlich nichts erreichen. Ein halbes Kilo Speck muß der oberste Arbeitsleiter schon bekommen. Vielleicht sogar ein ganzes Kilo.

Ein Versuch kann nichts schaden, ob Schuchow nicht doch probieren sollte, im Krankenbau unterzuschlüpfen, sich einen Tag zu drücken? Alle Knochen taten ihm weh.

Aber – welcher Aufseher hat heute Dienst? Der ›Anderthalb-Iwan‹ – fällt ihm ein, der dürre, baumlange Sergeant mit den schwarzen Augen. Wenn man ihn zum erstenmal sieht, trifft einen fast der Schlag, aber wenn man ihn näher kennt, ist er von allen Aufsehern der gutmütigste: Er bringt einen nicht in den Bunker, schleppt einen nicht zum diensthabenden Natschalnik1. Man kann also ruhig liegenbleiben, bis Baracke 9 in die Kantine geht.

Die Doppelpritsche begann zu wackeln und schaukeln. Zwei standen gleichzeitig auf: oben Schuchows Nachbar, der Baptist Aljoschka, unten Bujnowskij, ehemaliger Fregattenkapitän.

Die Alten, die den Barackendienst machten und die Latrinenkübel hinaustrugen, stritten sich, wer von ihnen heißes Wasser zu holen hatte. Sie keiften wie alte Weiber. Der Elektroschweißer aus der 20. Brigade brüllte sie an:

»He, ihr Verrecker!« und schmiß einen Filzstiefel nach ihnen. »Ich mach euch kalt!«

Der Filzstiefel polterte dumpf gegen einen Pfosten. Sie verstummten. In der Nachbarbrigade knurrte der Hilfsbrigadier leise:

»Wassilij Fjodorytsch! In der Proviantausgabe haben sie uns übers Ohr gehauen, diese Schweine: Wir hatten immer vier Zweipfundbrote, und jetzt sind's nur drei. Wem zieh' ich da was ab?«

Er hatte leise gesprochen, aber die ganze Brigade hatte es natürlich gehört und hielt den Atem an: einer von ihnen würde abends zuwenig bekommen. Schuchow lag immer noch auf seiner Matratze mit dem zusammengedrückten Sägemehl. Wenn doch irgendwas passierte – entweder sollte ihn der Schüttelfrost packen oder das Gliederreißen vergehen. Aber so war's nichts Halbes und nichts Ganzes.

1 Natschalnik – Leiter, Vorgesetzter (nicht nur der Lagerkommandant).

 

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Während der Baptist seine Gebete flüsterte, kam Bujnowskij von draußen zurück und sagte fast schadenfroh vor sich hin:

»Auf, rote Matrosen! Bestimmt dreißig Grad!«

Und Schuchow entschied sich für den Krankenbau. In diesem Augenblick riß ihm eine offiziell dazu befugte Hand Weste und Decke vom Körper. Schuchow zog die Wattejacke vom Gesicht und richtete sich auf. Vor ihm, den Kopf in Höhe der Pritschenkante, stand der dürre Tatarin.

Er machte also außer der Reihe Dienst und hatte sich leise hereingeschlichen.

»S – achthundertvierundfünfzig!« las Tatarin vom weißen Lappen auf dem Rücken der schwarzen Wattejacke ab. »Drei Tage Bunker mit Arbeit!«

Kaum hatte er mit seiner merkwürdig gepreßten Stimme zu sprechen begonnen, da wurde es in der halbdunklen, nur von wenigen Glühbirnen beleuchteten Baracke, wo auf fünfzig verwanzten zweistöckigen Doppelpritschen zweihundert Mann schliefen, lebendig, und alle, die noch nicht aufgestanden waren, zogen sich hastig an.

»Wofür, Bürger Natschalnik?« fragte Schuchow und ließ seine Stimme kläglicher klingen, als er sich fühlte. Bunker mit Arbeit ist halb so schlimm, man bekommt warmes Essen und hat keine Zeit zum Grübeln. Bunker ohne Arbeit – das ist Strafe.

»Nach dem Wecken liegengeblieben. Los, in die Kommandantur«, sagte Tatarin träge, weil er wie Schuchow und alle andern wußte, wofür es die Strafe gab. Das bartlose faltige Gesicht Tatarins war vollkommen ausdruckslos. Er sah sich suchend nach einem zweiten Opfer um, aber alle Männer – die einen im Halbdunkel, die andern im Schein der Glühbirne, die auf den unteren und die auf den oberen Pritschen – zogen die schwarzen wattierten Hosen mit der Nummer auf dem linken Knie über; wer fertig war, verzog sich eilig nach draußen, um Tatarin im Freien zu erwarten. Wenn Schuchow den Arrest wenigstens verdient hätte, würde es ihn jetzt nicht so ärgern. Es wurmte ihn besonders, weil er sonst immer als einer der ersten aufstand. Aber Tatarin zu bitten, ihn laufenzulassen, hatte keinen Zweck. Das wußte er. Während er also nur aus Gewohnheit darum

 

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bat, zog Schuchow, der die wattierten Hosen nachts anbehielt (über dem linken Knie war auch ein verschlissener, schmutziger Flicken aufgenäht und mit schwarzer, jetzt verblaßter Farbe die Nummer S-854 gemalt), seine Weste an (sie hatte zwei Nummern – eine auf der Brust und eine auf dem Rücken), suchte seine Filzstiefel aus dem Haufen auf dem Fußboden, setzte die Mütze auf (auch sie trug vorn einen Flicken mit der Nummer) und ging hinter Tatarin her nach draußen.

Die ganze 104. Brigade sah, wie Schuchow abgeführt wurde, aber niemand sagte etwas: Es wäre doch umsonst, und was sollte man auch sagen? Der Brigadier hätte für ihn eintreten können, aber er war schon fort. Auch Schuchow sagte kein Wort, er wollte Tatarin nicht reizen. Die anderen würden schon so schlau sein und das Frühstück für ihn aufheben. So gingen die beiden hinaus.

Es war kalt und diesig, die Luft benahm einem den Atem. Die Strahlen der beiden großen Scheinwerfer auf den fernen Ecktürmen kreuzten sich über der Lagerzone. Überall, außerhalb des Stacheldrahtes und im Lager, brannten die Lampen. Sie standen so dicht, daß sie die Sterne überstrahlten.

Der Schnee knirschte unter den Filzstiefeln der Häftlinge, die eilig ihren Geschäften nachgingen – zur Latrine, in die Magazine, zur Paketausgabe, in die Küche, um dort Graupen abzugeben, aus denen man sich seine eigene Grütze kochen ließ. Alle zogen den Kopf ein, die Wattejacken waren fest zugeknöpft, alle froren schon bei dem Gedanken, den ganzen Tag in dieser Kälte verbringen zu müssen. Nur Tatarin in seinem alten Uniformmantel mit den speckigen hellblauen Kragenspiegeln schritt gleichmäßig aus, als wäre er gegen den Frost gefeit.

Sie gingen vorüber an dem hohen Bretterzaun, der den Strafblock umgab – das aus Stein gebaute Lagergefängnis; vorüber an dem Stacheldraht, der die Lagerbäckerei gegen die Häftlinge schützte; vorüber an der Ecke der Stabsbaracke, wo die bereifte Eisenschiene mit einem dicken Drahtseil an einem Pfosten hing; vorüber an einem anderen Pfosten in einer windstillen Ecke, wo das Thermometer hing, damit es nicht zu niedrige Temperaturen anzeigte. Es war dick bereift. Schuchow warf einen hoffnungsvollen Blick auf das

 

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milchweiße Röhrchen: Wenn es einundvierzig zeigte, durften sie nicht zur Arbeit hinausgejagt werden. Aber heute wollte es nicht einmal auf vierzig sinken.

Sie betraten die Stabsbaracke und gingen sofort in den Aufseherraum. Dort bestätigte sich, was Schuchow schon unterwegs geahnt hatte: Er bekam überhaupt keinen Bunker, sondern der Fußboden im Aufseherraum war nicht gewischt. Jetzt erklärte Tatarin, daß er Schuchow verzeihe, und befahl ihm, den Boden zu wischen. Diese Arbeit war eigentlich die Aufgabe eines bestimmten Häftlings, des Stubendienstes in der Stabsbaracke, der nicht draußen zu arbeiten brauchte. Da er schon so lange in der Stabsbaracke diente, hatte er Zutritt zu den Arbeitszimmern des Majors, des diensthabenden Natschalniks und des Gevatters; er erwies ihnen manche Gefälligkeit und bekam zuweilen Dinge zu hören, die nicht einmal die Aufseher erfuhren, und seit einiger Zeit fand er, daß es unter seiner Würde sei, bei den einfachen Aufsehern den Fußboden zu wischen. Sie forderten ihn einmal auf, ein zweites Mal, begriffen dann, was los war, und schnappten sich von da an einen einfachen Arbeitshäftling für ihren Fußboden. Der Ofen im Aufseherraum war glühend heiß. Nur in schmutzigen Uniformblusen spielten zwei Aufseher Dame, ein dritter lag im Pelzmantel und Filzstiefeln auf einer schmalen Bank und schlief. In einer Ecke stand ein Eimer mit einem Putzlumpen.

Schuchow sagte zu Tatarin, erfreut über dessen Großzügigkeit:

»Danke, Bürger Natschalnik! Ich werde nie mehr zu lange liegenbleiben.«

Hier herrschte ein einfaches Gesetz: Bist du fertig dann kannst du gehen. Jetzt, da man Schuchow Arbeit zugewiesen hatte, schienen seine Gliederschmerzen aufzuhören. Er nahm den Eimer und ging ohne Fausthandschuhe (in der Eile hatte er sie unter seinem Kopfkissen vergessen) zum Brunnen.

Die Brigadiers, die in der Plan- und Produktionsabteilung gewesen waren, drängelten sich um den Thermometerpfosten, ein jüngerer Brigadier, ehemaliger Held der Sowjetunion, kletterte hinauf und rieb das Röhrchen ab.

Die unten Stehenden rieten ihm: »Danebenhauchen, sonst steigt's!«

 

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»Steigen! Einen Scheißdreck steigt's … ist doch sowieso egal.« Tjurin, Schuchows Brigadier, war nicht dabei.

Schuchow, der den Eimer hingestellt und die bloßen Hände in die Ärmel gesteckt hatte, sah interessiert zu. Der Mann oben am Pfosten sagte heiser: »Siebenundzwanzig einhalb, schöne Scheiße.« Nachdem er noch einen prüfenden Blick aufs Thermometer geworfen hatte, sprang er hinunter.

»Das funktioniert doch gar nicht – fauler Zauber«, sagte einer, »die würden hier nie eines aufhängen, das funktioniert.«

Die Brigadiere gingen weg. Schuchow eilte zum Brunnen.

Unter den herabhängenden, aber nicht zusammengebundenen Ohrenklappen zwickte ihn der Frost in die Ohren.

Das Wasserloch im Brunnen hatte eine dicke Eiskruste angesetzt, so daß der Eimer kaum hineinpaßte. Und das Seil war stocksteif gefroren.

Mit tauben Händen trug Schuchow den dampfenden Eimer in den Aufseherraum. Dort tauchte er die Hände ins Brunnenwasser, allmählich wurden sie wieder warm.

Tatarin war nicht da, aber die Aufseher saßen jetzt zu viert in dem kleinen Raum, sie hatten Damespiel und Schläfchen beendet und stritten sich darum, wieviel Hirse sie im Januar bekommen würden. (In der »freien« Siedlung waren die Lebensmittel knapp, aber die Aufseher bekamen immer etwas, auch ohne Marken, und billiger als die anderen.)

»Tür zu, Scheißkerl! Es zieht!« brüllte einer von ihnen und unterbrach damit das Gespräch. Es war schlecht, sich schon morgens die Filzstiefel naßzumachen, denn er hatte keine zum Wechseln. In den acht Jahren Haft hatte Schuchow, was das Schuhwerk anging, alles mögliche erlebt: Einmal bekamen sie den ganzen Winter keine Filzstiefel, ein andermal hatten sie überhaupt keine festen Schuhe, nur Bastschuhe und eine Art Gummischuhe, aus Autoreifen gemacht. Jetzt schien es mit der Versorgung besser zu klappen: Im Oktober hatte Schuchow Stiefel erhalten (aber nur, weil er im Magazin nicht von der Seite des Hilfsbrigadiers gewichen war), stabile Stiefel, mit festen Kappen und Platz genug für zwei warme Fußlappen. Eine Woche ging er stolz in den Schuhen herum, als seien sie ein

 

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Geburtstagsgeschenk, klapperte laut mit den neuen Absätzen. Und im Dezember gab es gerade zur rechten Zeit Filzstiefel – so ließ es sich schon aushalten. Aber irgendein Schwein in der Buchhaltung flüsterte dem Lagerkommandanten ein: »Die Filzstiefel sollen sie haben, aber die Lederstiefel abliefern. Es ist nicht in Ordnung, daß ein Sträfling zwei Paar auf einmal hat.« Also mußte Schuchow sich entscheiden: entweder den ganzen Winter in Lederstiefeln herumlaufen oder Filzstiefel tragen – auch bei Tauwetter – und die Lederschuhe abgeben. Er hatte sie geschont, mit Solidol eingerieben, um das Leder weich zu machen, ach, die schönen neuen Stiefel! – In den ganzen acht Jahren hatte es ihm um nichts so leid getan wie um diese Stiefel. Sie waren mit allen anderen auf einen Haufen geworfen worden, er würde sie im Frühjahr nicht mehr herausfinden.

Jetzt wußte sich Schuchow folgendermaßen zu helfen: Er schlüpfte flink aus den Filzstiefeln, stellte sie in eine Ecke, warf die Fußlappen obendrauf (der Löffel, der immer im Stiefel steckte, fiel klirrend auf den Boden; so hastig er sich zum Bunker fertiggemacht hatte, den Löffel hatte er nicht vergessen), stellte sich barfuß hin, verteilte mit dem Putzlappen reichlich Wasser und fuhr den Aufsehern flugs unter die Filzstiefel.

»Langsam, du Mistvieh!« Einer hatte es gemerkt und zog die Füße hoch.

»Reis? Reis fällt unter eine andere Norm, Reis kannst du nicht damit vergleichen!«

»Wieviel Wasser brauchst du eigentlich zum Wischen, du Idiot?«

»Bürger Natschalnik! Anders kriegt man den Boden nicht sauber. Der Dreck sitzt zu fest …«

»Hast du schon mal zugeschaut, wie deine Alte den Boden wischt, du Ferkel?«

Schuchow richtete sich auf, in einer Hand den triefenden Lappen. Er grinste gutmütig. Man sah, daß ihm ein paar Zähne fehlten – sie waren ihm 1943 in Ust-Ischma durch Skorbut ausgefallen. Damals wäre er fast krepiert. Die Ruhr hatte ihn fertiggemacht, der gequälte Magen konnte nichts mehr aufnehmen. Jetzt erinnerte nur noch sein leichtes Nuscheln an jene Zeit.

»Von meiner Alten, Bürger Natschalnik, bin ich Einundvierzig

 

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weggeholt worden. Ich weiß überhaupt nicht mehr, wie sie aussieht.«

»Da sieht man's, wie sie aufwischen … Diese Schweine. können nichts und wollen nichts tun. Sie sind das Brot nicht wert, das sie bekommen. Scheiße sollte man ihnen zu fressen geben.«

»Jeden Tag hier putzen, verdammter Blödsinn! Der Boden wird ja gar nicht trocken. He du, Achthundertvierundfünfzig! Wisch nur ein bißchen drüber, sonst wird's zu naß, und dann hau ab!«

»Reis! Du kannst Hirse doch nicht mit Reis vergleichen!« Schuchow machte seine Arbeit schnell fertig. Die Arbeit ist wie ein Stock, sie hat zwei Enden: Machst du sie für vernünftige Menschen, dann muß sie etwas taugen, machst du sie für einen Dummkopf, dann tu nur so als ob.

Anders wären sie alle längst krepiert, klare Sache. Schuchow wischte den Fußboden so, daß keine trockenen Stellen mehr blieben, warf den nassen Lappen hinter den Ofen, zog auf der Türschwelle seine Filzstiefel an, schüttete das Wasser auf den Weg, den die Vorgesetzten benutzten – und rannte quer übers Gelände, vorbei an der Sauna, vorbei an der dunklen ungeheizten Klubbaracke zur Kantine.

Er mußte ja noch in den Krankenbau, wieder tat ihm alles weh. Und vor der Kantine durfte er keinem Aufseher in die Hände laufen: Der Lagerkommandant hatte strikten Befehl gegeben, zu spät kommende Einzelpersonen aufzugreifen und in den Bunker zu stecken. Heute morgen war kein Gedränge vor der Kantine – ein seltenes Ereignis – niemand mußte Schlange stehen. Hinein!

Drinnen ein Dampf wie in der Sauna – von der Eingangstür strömte die scharfe Frostluft in Schwaden herein, auf den Tischen dampfte die heiße Suppe. Die Brigaden saßen an den Tischen oder zwängten sich durch die Gänge, warteten auf freie Plätze. Laut rufend trugen zwei, drei Mann von jeder Brigade ihre Schüsseln mit Gemüsesuppe und Grütze auf Holzbrettern durchs Gedränge und versuchten, sie auf den Tischen abzustellen. Hört einfach nichts, dieser Tölpel, dieser Holzklotz, da, jetzt stößt er auch noch ans Tablett! Schwapp, schwapp! Mit der freien Hand kriegt er eine ins Genick, noch eine! Ganz richtig! Steh andern nicht im Weg, glotz nicht herum, wo's etwas auszulecken gibt. Dort am Tisch, den Löffel

 

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noch neben der Suppenschüssel, bekreuzigt sich ein junger Bursche. Also ein Westukrainer, Neuling obendrein. Die Russen haben längst vergessen, mit welcher Hand man das Kreuz schlägt. Man spürt die Kälte, wenn man stillsitzt, die meisten behalten ihre Mütze auf, essen aber ohne Eile, angeln sich die fast zerkochten Fischbrocken unter den fauligen Kohlblättern hervor und spucken die Gräten auf den Tisch. Wenn sich ein Häufchen angesammelt hat, fegt einer sie auf den Fußboden, ehe die nächste Brigade kommt, dann werden sie zertreten. Die Gräten direkt auf den Boden zu spucken gilt als unfein. Quer durch die Baracke zogen sich zwei Reihen Pfosten oder Stützbalken, an einem Balken saß Fetjukow, einer aus Schuchows Brigade, er hatte ihm das Frühstück aufgehoben. In der Brigade war er schlecht angesehen, viel schlechter als Schuchow. Mit ihren schwarzen Wattejacken und den Nummern sahen alle gleich aus, dabei gab es erhebliche Unterschiede – Rangstufen. Bujnowskij würde niemandem die Suppenschüssel hüten, aber Schuchow übernahm auch nicht jede Arbeit, es gab noch niedriger Stehende. Fetjukow hatte Schuchow bemerkt und seufzte, als er ihm den Platz überließ.

»Ist ganz kalt geworden. Ich wollte schon die Suppe für dich essen, dachte – du bist im Bunker.« Und er wartete nicht länger, weil er wußte, daß Schuchow ihm nichts übrigließ, beide Schüsseln würde er sauber leerputzen.

Schuchow zog seinen Löffel aus dem Stiefelschaft. Er hing sehr an diesem Löffel, der ihn durch den ganzen Norden begleitet hatte. Schuchow hatte ihn aus Aluminiumdraht im Sand gegossen und eingekratzt: »Ust-Ischma 1944.«

Dann nahm Schuchow die Mütze vom kahlgeschorenen Kopf – es mochte noch so kalt sein, er brachte es nicht über sich, beim Essen die Mütze aufzubehalten –, und während er die abgestandene Suppe umrührte, prüfte er schnell, was er abbekommen hatte. Es ging, mittelmäßig.

Der Schlag war nicht oben aus dem Kübel, aber auch nicht vom Grund. Fetjukow wäre zuzutrauen, daß er sich beim Aufpassen auf die Schüssel eine Kartoffel herausgefischt hatte.

Das einzig Gute an dieser dünnen Suppe war, daß sie meistens heiß

 

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war, aber was Schuchow jetzt bekam, war ganz kalt. Trotzdem aß er ebenso langsam, ebenso aufmerksam wie sonst. Und wenn die Baracke abbrennt – kein Grund zur Eile. Vom Schlaf abgesehen, der Lagerinsasse hat morgens beim Frühstück ganze zehn Minuten für sich selbst, beim Mittagessen und Abendbrot nur fünf.

Die Gemüsesuppe blieb Tag für Tag die gleiche, je nachdem, welches Gemüse für den Winter eingelegt worden war. Im vorletzten Jahr hatten sie nur Mohrrüben eingesalzen – also gab es von September bis Juni Mohrrübensuppe. Und in diesem Winter – Kohl. Für den Häftling ist die fetteste Zeit der Juni: Dann gibt es kein Gemüse mehr, nur Graupen. Die magerste Zeit ist der Juli, dann werden Brennesseln in den Kessel geschnitten.

Vom Fisch hatte er vor allem Gräten erwischt, das Fleisch war zerkocht und zerfallen, nur am Kopf und Schwanz hing noch etwas. Schuchow, der an dem spröden Fischskelett kein Schüppchen, keine Faser gelassen hatte, zerkaute die Gräten, sog sie aus – und spuckte sie auf den Tisch. Er aß jeden Fisch restlos auf, mit Kiemen, Schwanz und Augen, wenn sie noch im Kopf steckten, waren sie aber herausgekocht und schwammen in der Suppe herum – große Fischaugen –, aß er sie nicht. Die anderen machten sich darüber lustig. Heute konnte Schuchow sparen: da er nicht in die Baracke gegangen war, hatte er seine Brotration nicht bekommen und aß jetzt seine Suppe ohne Brot. Das Brot würde er später verdrücken – dann sättigt es noch mehr.

Als zweites gab es Fenchelhirse. Sie war zu einem festen Kloß zusammengepappt, Schuchow bröckelte einzelne Stückchen davon ab. Ob kalt oder warm, das Zeug schmeckte nach nichts, und es machte nicht satt, reines Gras, nur gelb wie Hirse. Man hatte den großartigen Einfall gehabt, diese Hirse statt Graupen auszugeben. Sie kam angeblich von den Chinesen. Jeder bekam einen Schlag von dreihundert Gramm – und damit basta: Ob Grütze oder nicht, das Zeug lief unter Grütze. Nachdem Schuchow den Löffel abgeleckt und ihn wieder in den Filzstiefel gesteckt hatte, setzte er die Mütze auf und ging in die Krankenbaracke. Der Himmel, dessen Sterne die Lagerbeleuchtung verdrängte, war immer noch dunkel. Und immer noch zerschnitten die breiten Strahlen der Scheinwerfer die

 

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Lagerzone. Als dieses Lager, ein Sonderlager, angelegt wurde, besaß die Wachmannschaft noch Unmengen von Leuchtraketen aus dem Krieg, kaum setzte die Dämmerung ein – ließen sie einen Regen von Raketen über dem Lager niedergehen, weiße, grüne, rote, wie im Krieg. Später hörten sie auf, Raketen zu verschießen. Vielleicht wurde es ihnen zu teuer.

Obwohl es noch so dunkel wie beim Wecken war, konnte ein erfahrenes Auge an verschiedenen Zeichen ablesen, daß bald das Signal zum Ausmarsch gegeben würde. Chromojs Gehilfe (der Kantinendienst Chromoj hielt sich einen Gehilfen und fütterte auch ihn durch) holte die Baracke sechs, die sogenannte Invalidenbaracke, zum Frühstück – alle, die nicht außerhalb des Lagers arbeiteten. Der alte Maler mit dem Bärtchen trottete langsam in die Kultur- und Bildungsabteilung – Farbe und Pinsel besorgen, um Nummern zu malen. Tatarin überquerte schon wieder eilig die Lagerstraße in Richtung Stabsbaracke. Nur wenige Menschen waren im Freien zu sehen – alle hatten sich noch einmal verkrochen und genossen die letzten Minuten im Warmen. Schuchow versteckte sich schnell hinter einer Barackenecke: Wenn er Tatarin noch einmal in den Weg läuft, kassiert der ihn wieder ein. Man muß immer auf Draht sein. Darauf achten, daß die Aufseher einen nie allein sehen, sondern immer nur im Haufen. Vielleicht braucht so ein Aufseher jemanden für eine Arbeit, vielleicht möchte er auch nur seine schlechte Laune abreagieren. In allen Baracken wurde die Anordnung verlesen – daß man fünf Schritte vor dem Aufseher die Mütze abzunehmen hat und sie zwei Schritte entfernt erst wieder aufsetzen darf. Manche Aufseher tappen wie Blinde dahin, ihnen ist das ganz gleichgültig, anderen aber ist das eine reine Lust. Wie viele Häftlinge sind wegen dieser dummen Mütze schon im Bunker gelandet! Ach nein, lieber ein Weilchen hinter der Ecke stehenbleiben.

Tatarin war weitergegangen – und Schuchow schon fest entschlossen, in den Krankenbau zu gehen. Plötzlich fiel ihm ein, daß er heute früh vor dem Ausmarsch mit dem langen Letten aus Baracke sieben verabredet war, der ihm zwei Gläser Eigenbau verkaufen wollte. Schuchow war so beschäftigt gewesen, daß er es glatt vergessen hatte. Der lange Lette hatte gestern abend ein Paket

 

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bekommen, morgen besaß er vielleicht schon keinen Tabak mehr, dann mußte man wieder einen ganzen Monat auf das nächste Paket warten. Der Tabak war sehr gut, nicht zu scharf und aromatisch. Graubraun. Schuchow ärgerte sich heftig und blieb unschlüssig stehen. Sollte er nicht lieber in die Baracke sieben umkehren? Aber zur Krankenbaracke waren es nur noch ein paar Schritte, und er lief im Trab zum Treppenaufgang. Der Schnee knirschte laut unter seinen Füßen. Der Flur im Revier war, wie immer, so sauber, daß er kaum wagte, ihn zu betreten. Die Wände waren mit weißer Emailfarbe gestrichen. Auch die Möbel waren alle weiß.

Aber die Türen der Behandlungsräume waren geschlossen. Naja, die Ärzte hatten sich noch nicht aus ihren Betten erhoben. Im Dienstzimmer saß der Heilgehilfe, der junge Kolja Wdowuschkin, in einem frischen weißen Kittel an einem sauberen Tisch – und schrieb irgendwas.

Außer ihm war niemand da.

Schuchow nahm wie vor einem Natschalnik die Mütze ab, und da er aus alter Lagergewohnheit Dinge zu erspähen suchte, die man eigentlich nicht sehen sollte, bemerkte er natürlich auch, daß Nikolaj regelmäßige Zeilen untereinander schrieb und jede Zeile, in leichtem Abstand vom Rand des Blattes, säuberlich mit einem großen Buchstaben begann. Schuchow begriff sofort, daß dies keine offizielle Arbeit, sondern eine Nebenbeschäftigung war, aber das ging ihn ja nichts an.

»Also, Nikolaj Semjonytsch … ich bin gewissermaßen … krank«, sagte Schuchow bekümmert, als habe er kein Recht dazu.

Wdowuschkin sah mit seinen ruhigen, großen Augen von der Arbeit auf. Er trug eine weiße Kappe, einen weißen Kittel, eine Nummer war nicht zu sehen.

»Warum kommst du so spät? Warum bist du nicht gestern abend gekommen? Du weißt doch, daß morgens keine Sprechstunde ist. Die Krankenliste ist schon in der Planabteilung.«

Schuchow wußte das alles. Er wußte, daß es auch abends nicht einfacher war, sich krank schreiben zu lassen.

»Aber Kolja … gestern abend hatte ich noch nicht solche Schmerzen …«

 

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»Was für Schmerzen? Was hast du denn?«

»So richtige Schmerzen sind es auch gar nicht. Mir ist einfach nicht wohl.«

Schuchow gehörte nicht zu denen, die ständig versuchen, im Krankenbau unterzuschlüpfen, das wußte Wdowuschkin. Aber er durfte morgens nur zwei Mann krank schreiben – unter der grünlichen Glasplatte auf dem Tisch waren die Namen dieser zwei bereits notiert und ein Strich daruntergezogen.

»Du hättest es dir früher überlegen müssen. Warum kommst du direkt vor dem Ausmarsch her? Da, nimm!« Wdowuschkin nahm eines der Thermometer heraus, die in einem Glas mit Gaze steckten, wischte die aseptische Lösung ab und reichte es Schuchow. Schuchow setzte sich auf eine Bank an der Wand, auf die äußerste Kante, gerade so, daß die Bank nicht kippte. Er setzte sich nicht absichtlich so unbequem, aber unwillkürlich machte er damit deutlich, daß ihm das Revier fremd war und daß er nur wegen einer Kleinigkeit gekommen war.

Wdowuschkin schrieb weiter.

Der Krankenbau befand sich im entferntesten Winkel der Lagerzone, und von draußen drang kein Laut herein. Keine Wanduhr tickte hier – Häftlingen stehen Uhren nicht zu, die Lagerleitung weiß die Zeit für sie. Nicht einmal Mäuse raschelten irgendwo – alle hatte die eigens dazu angeschaffte Katze gefangen. Schuchow war merkwürdig zumute, in einem so sauberen Zimmer, in einer solchen Stille, bei so hellem Lampenlicht ganze fünf Minuten dazusitzen und nichts zu tun. Er betrachtete die Wände ringsum – aber da war nichts. Er besah sich seine Jacke – die Nummer auf der Brust war abgescheuert, er mußte sie erneuern lassen, damit sie ihn nicht einbuchteten. Mit der freien Hand fuhr er über sein Gesicht – der Bart war seit der letzten Sauna, vor mehr als zehn Tagen, ganz schön gewachsen. Aber das störte ihn nicht. In drei Tagen ist wieder Sauna, dann wird er abrasiert. Warum stundenlang beim Friseur warten und Zeit verschwenden? Er brauchte sich ja für niemand schönzumachen.

Während Schuchows Blick an Wdowuschkins schneeweißer Mütze hängenblieb, erinnerte er sich an das Feldlazarett am Fluß Lowatj, wohin er mit einer Kieferverletzung kam und sofort – idiotische

 

16

Ungeduld – freiwillig zu seiner Einheit zurückkehrte. Fünf Tage hätte er dort liegen dürfen!

Und jetzt träumt er davon: für zwei, drei Wochen krank werden, nicht lebensgefährlich und ohne Operation, aber im Krankenbau liegen müssen – er würde seine drei Wochen dort bleiben, ohne sich zu rühren, würde Bouillon zu essen bekommen – nicht schlecht. Aber dann fiel Schuchow ein, daß man jetzt auch im Krankenbau keine Ruhe mehr hatte. Mit irgendeinem Transport war ein neuer Doktor angekommen – Stepan Grigorjitsch, ein übereifriger Angeber, der immer geschäftig herumrannte und auch den Kranken keine Ruhe gönnte: Er war auf die Idee gekommen, alle Patienten, die nicht liegen mußten, zur Arbeit in Nähe des Lazaretts hinauszutreiben; sie mußten Zäune errichten, Wege anlegen, Erde für die Beete herbeischaffen und im Winter – Schnee schippen. Er sagte, Arbeit sei die beste Medizin. Gäule können an zuviel Arbeit krepieren. Aber das muß man erst mal wissen. Wenn er selbst mal als Maurer geschuftet hätte, würde er sicher gern stillsitzen. Wdowuschkin schrieb immer noch. Er war wirklich mit einer Schwarzarbeit, einer für Schuchow unverständlichen Arbeit, beschäftigt. Er schrieb ein langes Gedicht ins reine, das er gestern vollendet hatte und heute Stepan Grigorjitsch, jenem Verfechter der Arbeitstherapie, zu zeigen versprochen hatte.

Wie es nur im Lager passieren konnte, hatte Stepan Grigorjitsch Wdowuschkin geraten, sich als Arztgehilfe auszugeben, und ihm dann diesen Posten verschafft. So lernte Wdowuschkin, ungebildeten »Arbeitern«, denen es bei ihrer Gutgläubigkeit nie in den Sinn gekommen wäre, daß der Arztgehilfe in Wirklichkeit gar keiner war, intravenöse Spritzen zu geben. Kolja hatte Literatur studiert, im zweiten Studienjahr war er verhaftet worden. Stepan Grigorjitsch wollte, daß er im Gefängnis schrieb, was er in der Freiheit nicht schreiben durfte.

… Durch die mit einer hellen Eisschicht bedeckten Doppelfenster drang kaum hörbar das Signal zum Ausmarsch. Schuchow stand seufzend auf. Er hatte noch immer leichten Schüttelfrost, aber anscheinend gelang es ihm nicht, sich zu drücken. Wdowuschkin streckte die Hand nach dem Thermometer aus, sah es an.

 

17

»Siehst du, nichts Ganzes und nichts Halbes, siebenunddreißig zwei. Wenn du achtunddreißig hättest, wäre die Sache jedem klar. Ich kann dich nicht krank schreiben. Wenn du es riskieren willst, kannst du hierbleiben. Wenn der Doktor nach der Untersuchung meint, daß du krank bist, stellt er dich zurück. Wenn nicht, fliegst du als Drückeberger in den Bunker. Geh lieber arbeiten.«

Schuchow antwortete nicht, nickte nicht einmal, stülpte die Mütze auf und ging hinaus.

Wer im Warmen sitzt, kann einen Frierenden nicht verstehen.

Die Kälte benahm ihm den Atem. Beißender Nebel umhüllte ihn; er mußte husten. Draußen waren siebenundzwanzig Grad, Schuchow hatte siebenunddreißig. Mal sehen, wer der Stärkere ist.

Im Trab rannte Schuchow zu seiner Baracke. Die Lagerstraße war leer, das ganze Lager schien ausgestorben. Es war jener kurze, täuschende Augenblick, in dem schon alle zum Aufbruch bereit sind und doch jeder so tut, als sei gar nichts, als gebe es heute keinen Ausmarsch. Die Soldaten der Begleitmannschaft sitzen in ihren warmen Räumen, lehnen schlaftrunken die Köpfe an die Gewehre – auch für sie ist es kein Zuckerlecken, bei diesem Frost auf den Wachtürmen herumzustehen. Die Posten auf der Hauptwache schütten noch einmal Kohlen auf. Die Aufseher sitzen noch in ihrer Baracke und rauchen die letzte Selbstgedrehte zu Ende. Dann gehen sie die Sträflinge filzen. Und die Häftlinge, in ihrem abgerissenen Zeug, alle möglichen Stricke und Schnüre um den Leib gebunden, das Gesicht vom Kinn bis zu den Augen gegen den Frost mit Lappen umwickelt – liegen wie erstarrt, mit geschlossenen Augen, in ihren Filzstiefeln auf den Decken ihrer Pritschen. Bis der Brigadier brüllt: »Aufstehen!«

Auch die 104. Brigade in Baracke neun döste vor sich hin. Nur der Hilfsbrigadier Pawlo bewegte leise die Lippen, während er mit dem Bleistiftstummel etwas ausrechnete, und auf einer oberen Pritsche las Schuchows Bettnachbar, der Baptist Aljoschka, ordentlich und sauber gewaschen, in seinem Notizbuch, in das er sich das halbe Neue Testament abgeschrieben hatte. Obwohl Schuchow in höchster Eile hereingestürzt kam, bewegte er sich fast geräuschlos und – geradewegs zur Pritsche des Hilfsbrigadiers. Pawlo sah auf.

 

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»Nicht im Bunker, Iwan Denissytsch?« (Die Westukrainer können es sich einfach nicht abgewöhnen, sogar im Lager reden sie einen noch mit Vatersnamen und Sie an.)

Er reichte ihm die Ration vom Tisch. Auf dem Brot war ein Häufchen Zucker wie ein kleiner weißer Berg. Schuchow hatte es sehr eilig, trotzdem antwortete er höflich (auch der Hilfsbrigadier ist ein Natschalnik, von ihm hängt mehr ab als vom Lagerkommandanten). Aber bei aller Eile – er schnappte den Zucker mit den Lippen auf, leckte das Brot ab, einen Fuß schon auf dem unteren Pritschenrand, um nach oben zu klettern und das Bett zu bauen – fand er noch Zeit, die Ration genau zu besehen, in der Hand abzuwiegen, ob sie auch die ihm zustehenden 550 Gramm hatte. Tausende solcher Rationen hatte Schuchow schon in verschiedenen Gefängnissen und Lagern bekommen, und obwohl er noch keine einzige auf der Waage hatte kontrollieren können, obwohl er als schüchterner Mensch nicht gewagt hätte, Krach zu schlagen und auf sein Recht zu pochen, wußte er wie jeder Häftling, daß die Leute von der Brotausgabe schummeln mußten, weil sonst das Brot nicht für alle reichen würde. An jeder Ration fehlte ein bißchen – die Frage war nur, wieviel? So betrachtete man jeden Tag sein Stück, um die Seele zu beruhigen: Vielleicht haben sie mich heute nicht so unverschämt übers Ohr gehauen? Vielleicht stimmt die Ration ungefähr? Ungefähr zwanzig Gramm zuwenig – dachte Schuchow und brach das Stück Brot in zwei Hälften. Eine Hälfte steckte er sich vorn unter die Weste, dort war eine kleine weiße Tasche eingenäht (die Westen für die Häftlinge hatten normalerweise keine Taschen). Die andere, beim Frühstück eingesparte Hälfte, hätte er am liebsten sofort gegessen, aber was man eilig hinunterschlingt, setzt nicht an, sättigt nicht. Er streckte schon den Arm aus, um die halbe Ration in den Kasten zu legen, überlegte sich's aber anders, denn ihm fiel ein, daß den Leuten vom Barackendienst schon zweimal Prügel verpaßt worden waren, weil sie geklaut hatten. Die Baracke war groß, ein Absteigequartier.

Ohne das Brot hinzulegen, zog Iwan Denissowitsch die Filzstiefel aus, ließ geschickt die Fußlappen mitsamt dem Löffel darin, kletterte barfuß nach oben, zerrte in der Matratze ein kleines Loch

 

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auseinander und versteckte die halbe Ration in dem Sägemehl. Er riß sich die Mütze vom Kopf, nahm Nadel und Faden heraus (sie waren tief im Futter versteckt, weil beim Filzen auch die Mützen abgetastet wurden: Einmal hatte sich der Aufseher an der Nadel gestochen und vor Wut Schuchow fast den Schädel eingeschlagen). Ein Stich, noch einer, noch einer – und das Loch war zu. Inzwischen hatte sich der Zucker im Mund ganz aufgelöst. Alles in Schuchow war aufs äußerste gespannt – gleich wird der Einsatzleiter an der Tür losbrüllen. Schuchows Finger bewegten sich flink, seine Gedanken eilten schon voraus, er überlegte, was weiter zu tun sei. Der Baptist las nicht leise, sondern flüsternd in seinem Testament (vielleicht tat er es absichtlich für Schuchow, diese Baptisten machen gern Propaganda):

»Niemand aber unter euch leide als ein Mörder oder Dieb oder Übeltäter oder der in ein fremdes Amt greift. Leidet er aber als ein Christ, so schäme er sich nicht; er ehre aber Gott in solchem Fall.«

Eins bewunderte er an Aljoschka: er versteckte sein Notizbuch so geschickt in einer Wandritze, daß es noch bei keiner Filzung gefunden worden war. Mit denselben raschen Bewegungen hängte Schuchow seine Wattejacke über einen Querbalken, zog seine Handschuhe unter der Matratze hervor, außerdem ein Paar abgetragene Fußlappen, eine Schnur und einen

Lappen mit zwei Streifen daran. Er verteilte das Sägemehl möglichst gleichmäßig in der Matratze (sie waren klumpig zusammengepreßt), stopfte die Decke rundum fest, warf das Kopfkissen an seinen Platz – kletterte mit bloßen Füßen wieder hinunter und zog die Stiefel an, zuerst aber die guten Fußlappen, darüber die abgetragenen.

In diesem Augenblick räusperte sich der Brigadier laut, stand auf und bellte:

»Aufstehen, Hundertvierte! Raustreten!«

Sofort erhob sich die ganze Brigade, ob sie noch gedöst hatte oder nicht, gähnte und marschierte zum Ausgang. Der Brigadier saß schon neunzehn Jahre, er jagte keinen auch nur eine Minute zu früh hinaus. Wenn er »Raustreten!« schrie, war es wirklich höchste Zeit. Während die anderen seiner Brigade einer nach dem anderen wortlos

 

20

hinausstapften, durch den Korridor, dann durch den Vorraum auf die Vortreppe, und der Brigadier der 20. ebenso wie Tjurin »Raustreten!« brüllte, war Schuchow mit den doppelt gewickelten Fußlappen in die Filzstiefel geschlüpft, hatte die Wattejacke über die Weste gezogen und mit einem Strick gegürtet (hatte einer Lederriemen, so nahm man sie ihm ab, Lederriemen sind im Sonderlager nicht erlaubt). Schuchow hatte glücklich alles erledigt und holte im Vorraum die letzten aus seiner Brigade ein; ihre Rücken mit den Nummern verschwanden durch die Tür zur Vortreppe. Dicklich, schwerfällig, weil sie alle Kleidungsstücke anhatten, die sie besaßen, gingen die Männer im Gänsemarsch zur Lagerstraße, bestrebt, einander nicht zu überholen. Ihre Stiefel knirschten auf dem Schnee. Es war immer noch dunkel, obwohl der Himmel im Osten schon heller wurde und grünlich schimmerte. Von Osten wehte ein dünner, bösartiger Wind. Das war der bitterste Augenblick – dieser Ausmarsch am Morgen. In die Dunkelheit hinaus, durch den Frost, mit hungrigem Bauch, für einen ganzen Tag. Die Zunge ist wie gelähmt, man mag nicht reden.

An der Lagerstraße rannte der stellvertretende Einsatzleiter hin und her.

»Na, Tjurin, wie lange sollen wir noch warten? Hinkst du wieder mal nach?«

Diesen Unteroffizier fürchtete Schuchow vielleicht, nicht aber Tjurin. Der würde bei dieser Kälte seinetwegen nicht den Mund aufmachen, wenn's nicht nötig war. Er stapfte schweigend weiter. Und die Brigade ihm nach durch den Schnee: tapp-tapp, knarr-knarr. Das Kilo Speck hatte er offenbar abgeliefert – denn die Hundertvierte kam wieder zu ihrer alten Kolonne, man sah es an den Nachbarbrigaden. In die Sozsiedlung würden sie Ärmere und Dümmere abschieben. Das mußte heute entsetzlich sein: siebenundzwanzig Grad, dazu dieser Wind und nirgends ein Unterschlupf! Der Brigadier braucht viel Speck: für die Plan- und Produktionsabteilung und für den eigenen Wanst. Er selbst bekommt zwar keine Pakete geschickt – trotzdem sitzt es niemals auf dem trockenen. Wer von der Brigade etwas bekommt – bringt ihm gleich seinen Anteil. Nur so kann man überleben.

 

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Der oberste Einsatzleiter notiert etwas auf seinem Brett: »Von deinen Leuten ist einer krank, Tjurin, dreiundzwanzig rücken aus?«

»Ja«, nickt der Brigadier.

Wer fehlt denn? Pantelejew. Der ist doch nicht krank! Sofort geht ein Flüstern durch die Brigade: Pantelejew, dieser Hund, bleibt schon wieder im Lager. Er ist gar nicht krank, der Politoffizier hat ihn freigestellt. Wird wieder jemand verpfeifen.

Tagsüber können sie ihn ungestört holen, stundenlang dortbehalten, kein Mensch hat etwas gesehen oder gehört.

Und hier wird er als Kranker eingetragen … Die ganze Lagerstraße war schwarz von Wattejacken – langsam rückten die Brigaden zum Filzen vor. Da fiel es Schuchow ein, daß er die Nummer auf seiner Weste erneuern lassen mußte, er drängelte sich quer durch die Kolonne auf die andere Seite der Lagerstraße. Dort standen schon ein paar Häftlinge beim Maler Schlange. Auch Schuchow stellte sich an. Diese Nummer bringt unsereinem nur Ärger, der Aufseher erkennt einen schon von weitem daran, jeder Konvoisoldat kann sie sich notieren, und wenn man sie nicht rechtzeitig erneuern läßt, kriegt man Bunker: Warum kümmerst du dich nicht um die Nummer?

Im Lager gibt es drei Maler, sie malen für die Chefs kostenlos Bilder, außerdem kommen sie abwechselnd morgens zum Ausmarsch, um Nummern zu pinseln. Heute ist der Alte mit dem grauen Bärtchen dran. Wenn er mit seinem Pinsel die Nummer auf der Mütze nachzieht – denkt man, der Pope salbt einem die Stirn mit öl.

Er pinselt und pinselt und haucht in seinen Handschuh. Der Handschuh ist gestrickt, dünn, die Hand erstarrt, bringt die Nummern kaum zustande. Der Maler hatte das »S-854« auf Schuchows Weste erneuert, und Schuchow rannte seiner Brigade nach, ohne die Wattejacke zuzuknöpfen, und mit dem Strick in der Hand, weil sie ja doch gleich gefilzt wurden. Und er bemerkte sofort, daß Caesar, einer aus seiner Brigade, rauchte. Er rauchte nicht Pfeife wie sonst, sondern eine Zigarette – also konnte man einen Zug bei ihm schnorren. Aber Schuchow bat ihn nicht geradeheraus darum, er blieb nur dicht neben Caesar stehen und streifte ihn mit einem halben Blick.

 

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Scheinbar gleichgültig sah er an ihm vorbei, aber er beobachtete genau, wie die Zigarette allmählich kürzer wurde (Caesar zog nur ab und zu gedankenverloren daran), wie sich der Rand rotglühender Asche weiterbewegte und allmählich der Zigarettenspitze näherte. Da machte sich Fetjukow heran, dieser Schakal, stellte sich genau vor Caesar hin und starrte ihm auf den Mund, mit glühenden Augen.

Schuchow besaß kein Krümelchen Tabak mehr, und bis zum Abend hatte er keine Aussicht, sich welchen zu beschaffen. Er zitterte innerlich vor Spannung, und der Zigarettenstummel schien ihm kostbarer als die Freiheit zu sein, aber er würde sich nie so erniedrigen wie Fetjukow und einem anderen auf den Mund starren. In Caesar hatten sich wohl alle Rassen gemischt: Es ließ sich nicht ausmachen, ob er Grieche, Jude oder Zigeuner war. Er war noch jung. Hatte Filme gedreht. Aber er hatte den ersten noch nicht beendet, als er verhaftet wurde. Er trug einen dichten schwarzen Schnurrbart. Den hatte man ihm hier nicht abrasiert, weil er auf dem Foto in seinen Akten genauso aussah. »Caesar Markowitsch!« Fetjukow, der es nicht mehr aushielt, sagte sabbernd: »Lassen Sie mich nur einmal ziehen!«

Sein Gesicht war von Gier verzerrt. … Caesar hob die Augenlider ein wenig, die halb geschlossen über den schwarzen Augen lagen, und sah Fetjukow an. Deswegen hatte er sich angewöhnt, Pfeife zu rauchen, damit ihn niemand störte und um den Zigarettenstummel bat. Es tat ihm nicht um den Tabak leid, sondern um den unterbrochenen Gedankengang. Er rauchte, um sich auf einen wichtigen Gedanken zu konzentrieren und ihn auszuspinnen. Aber kaum zündete er sich eine Zigarette an, las er in mehreren Augenpaaren: »Laß mir was übrig.«

… Caesar drehte sich zu Schuchow um und sagte: »Da nimm, Iwan Denissytsch!«

Mit Daumen und Zeigefinger drehte er den glühenden Zigarettenstummel aus der kurzen Bernsteinspitze. Schuchow zuckte zusammen (er hatte damit gerechnet, daß Caesar ihm die Kippe von selber anbieten würde), mit einer Hand nahm er hastig, dankbar das Zigarettenende, die andere hielt er schützend darunter, damit es nicht auf die Erde fiel. Er war nicht beleidigt, daß Caesar ihn nicht aus der

 

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Bernsteinspitze rauchen ließ (die einen haben einen sauberen Mund, die anderen einen stinkigen), und seine schwieligen Finger waren unempfindlich gegen die Glut. Hauptsache – er hatte diesem Schakal Fetjukow eins ausgewischt. Und nun zog er den Rauch ein, bis er sich die Lippen an der Glut versengte. Hmmm! Der Rauch durchdrang den hungrigen Körper, Schuchow spürte es sofort in den Beinen und im Kopf. Kaum hatte das Wohlgefühl seinen ganzen Körper durchströmt, als Iwan Denissowitsch die anderen rufen hörte:

»Sie nehmen uns die Unterhemden ab.« So ist das Leben des Sträflings. Schuchow hatte sich daran gewöhnt: Sieh dich nur vor, daß sie dir nicht an die Gurgel fahren.

Warum die Hemden? Der Kommandant selbst hat sie doch ausgeben lassen? … Da stimmt was nicht … Vor ihnen mußten noch zwei Brigaden gefilzt werden, und jetzt konnte die ganze 104. sehen: Der diensthabende Natschalnik, Leutnant Wolkowoj, war aus der Stabsbaracke herübergekommen und schrie den Aufsehern etwas zu. Und die Aufseher, die eben noch nachlässig gefilzt hatten, wurden wild, stürzten sich wie Tiere auf die Häftlinge, und der Oberaufseher brüllte: »Hemden aufknöpfen!«

Nicht nur die Häftlinge und die Aufseher fürchteten Wolkowoj, es hieß sogar, der Lagerkommandant hätte Angst vor ihm. Gott hatte den Schurken gekennzeichnet, hatte ihm einen schönen Namen gegeben! – Wolkowoj sah wirklich aus wie ein Wolf. Dunkelhaarig, lang aufgeschossen, mit finsterem Gesicht – und überall zur gleichen Zeit. Tauchte plötzlich hinter einer Baracke auf: »Was soll die Versammlung hier?« Man konnte ihm einfach nicht entgehen. Anfangs trug er immer eine Peitsche bei sich, armlang, aus Leder geflochten. Es hieß, daß er im Lagergefängnis Häftlinge damit prügelte. Oder abends, wenn die Häftlinge sich zum Zählappell vor der Baracke zusammendrängten, schlich er sich von hinten an sie heran und schlug einem mit der Peitsche ins Genick: »Warum stehst du nicht im Glied, Sauhund!« Wie eine Welle wich die Menge vor ihm zurück. Der Getroffene faßte sich in den Nacken, wischte schweigend das Blut ab: damit er ihn nicht auch noch in den Bunker steckte.

Aus irgendwelchen Gründen trug er jetzt die Peitsche nicht mehr

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