Greenwood Lake, Remember Me
Greenwood Lake ~ Remember Me
Aileana Blair
Greenwood Lake
Remember Me
Für meine Mom! ✞Juni 2011
BookRix GmbH & Co. KG
81371 München
Greenwood Lake ~ Remember Me
Es war ein lauer Sommerabend, als Cassy mit ihrer Freundin Kim zum Haus von Drew Parker lief. Er war gerade von Newark nach Greenwood Lake gezogen und wohnte in dem alten Haus der Millers, unten am Ufer des Sees, der den gleichen Namen trug wie die Kleinstadt, in der er jetzt wohnte.
Cassy hatte zwar schon von Drew gehört, begegnet war sie ihm bis jetzt aber noch nicht. Kim hatte ihn am letzten Wochenende kennengelernt und da hatte er sie zu seiner Geburtstagsparty eingeladen. Seitdem schwärmte Kim ständig von Drew. Sie hatte sich erst vor kurzem von ihrem Freund getrennt und da kam ihr ›der Neue in der Stadt‹ gerade recht, schließlich gab es hier nicht viel Auswahl an unverheirateten Männern.
Kim plapperte und plapperte während sie liefen, doch Cassy hörte kaum zu. Ihr Vater war vor einem halben Jahr gestorben und sie hatte immer noch mit ihrer Trauer zu kämpfen. Ihre Mutter war schon vor einigen Jahren gestorben und jetzt hatte Cassy niemanden mehr, außer ihrer Cousine Amy, die aber in Newark wohnte.
Das große Haus, in dem sie jetzt alleine lebte, kam ihr leer vor und manchmal fühlte sie sich darin einsam und verloren. Cassy spielte mit dem Gedanken, es zu verkaufen und von hier fort zu ziehen, es hielt sie sowieso nichts mehr in Greenwood Lake und ihre letzte Beziehung war auch schon eine Weile her. Patrick hatte damals eine Stelle in New York City angenommen, und da Cassy lieber hier bei ihrem Vater bleiben wollte, hatten sie sich getrennt.
Drew war freudig überrascht, als er Kim mit einer Freundin vor der Tür stehen sah, begrüßte die beiden lachend und bat sie hinein.
»Hi, ich bin Drew.« Er schüttelte Cassy die Hand und schaute ihr dabei so tief in die blauen Augen, dass es ihr heiß den Rücken hinunter lief. Sie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoß und wusste, dass ihr Gesicht rot wie eine Tomate wurde.
Dieser Mann hatte eine Ausstrahlung die selten war. Das breite Lächeln auf seinem Gesicht war dermaßen ansteckend, dass sie nicht anders konnte, als zurück zu lächeln. Cassy spürte, das sie sich auf Anhieb sympathisch waren.
Seine braunen Augen schienen an ihr zu kleben, während sie antwortete: »Ich bin Cassandra Wilson, Cassy.«
»Hi, Cassy«, erwiderte er, seinen Blick immer noch auf sie gerichtet. Dann zeigte er mit einer Hand, in der er eine Bierflasche hielt, zum Wohnzimmer. »Geht rein, nehmt euch was zu trinken. Es sind einige meiner Freunde aus Newark hier und einige Leute aus der Nachbarschaft. Auf dem Grill liegen schon Ribs bereit, falls ihr Hunger habt.« Er schloß die Tür, lächelte Cassy noch einmal zu und lief dann nach rechts, in die Küche.
Kim schubste Cassy leicht. »Na, ist er nicht einfach toll?«, raunte sie und grinste von einem Ohr zum anderen, während sie ins Wohnzimmer gingen. Cassy nickte nur schmunzelnd, jetzt konnte sie die Schwärmerei ihrer Freundin für Drew verstehen.
Cassy und Kim begrüßten einige Gäste, die sie kannten, die Hausbar war gut gefüllt und die beiden nahmen sich etwas zu trinken. Kim wurde sogleich in eine Unterhaltung mit einem Mann verwickelt, der offensichtlich nicht aus Greenwood Lake war. Es war wohl einer von Drews Freunden.
Die Glastür zur Terrasse war geöffnet und Cassy konnte den Grill dort sehen, auf dem das Fleisch vor sich hin brutzelte und dessen Duft ihr verlockend in die Nase stieg. Hinter der Terrasse erstreckte sich der große Garten bis hinunter zum Seeufer. Cassy trat hinaus und betrachtete den Abendhimmel, den die untergehende Sonne in orange- und lilatöne tauchte. Sie lief ein Stück weiter, denn die Aussicht auf den See war von hier einfach grandios. Der riesige Greenwood Lake lag ruhig da, umgeben von üppigen Wäldern und seine Wellen glitzerten sanft in der Abendsonne. Sie nippte an ihrem Bier und blickte versonnen in die Landschaft.
Auf einmal stand Drew neben ihr. »Herrlich, nicht wahr?«
Cassy nickte zustimmend und schaute ihn an. Er war ein Stück größer als sie und seine dunkelblonden Haare sahen irgendwie zerzaust aus. Sie mochte ihn, sogar sehr. Er blickte lächelnd zurück und prostete ihr zu. Sie stießen ihre Flaschen gegeneinander und tranken dann einen Schluck, ohne die Augen voneinander zu nehmen.
»Wie alt wirst du eigentlich heute, wenn ich das mal fragen darf?« Cassys Herz klopfte in ihrer Brust und sie blickte wieder zum See. Drews Nähe machte sie ganz nervös.
»Fünfunddreißig«, antwortete er leise. »Wie alt bist du?« Er zwinkerte ihr schelmisch zu und schmunzelte.
»Sechsundzwanzig.« Cassy grinste, trotzdem konnte sie ihm nicht ins Gesicht sehen, zu nervös war sie. »Was hat dich ausgerechnet nach Greenwood Lake verschlagen? Hier gibt es doch nichts.«
»Genau das«, entgegnete er, machte eine ausladende Handbewegung und zeigte über den See. »Die Großstadt ist mir einfach zu stickig und dreckig geworden. Ich wollte endlich mal in die Natur, Ruhe und Frieden haben. Es war mein Glück, dass die Post hier eine Stelle frei hatte. Da habe ich diese Chance ergriffen, meine Sachen gepackt und bin ab auf´s Land.« Er setzte sich ins Gras und nahm noch einen Schluck aus seiner Flasche.
Cassy setzte sich neben ihn und nickte. »Das kann ich verstehen. Immer, wenn ich meine Cousine in Newark besuche, dann halte ich es dort nicht lange aus.«
»Meine Tochter wohnt in Newark«, meinte er und seine Stimme klang auf einmal sehr traurig.
Überrascht zog Cassy die Augenbrauen hoch. »Du hast eine Tochter?«
Drew trank seine Flasche leer, stellte sie neben sich ins Gras und nickte. »Ja. Valerie, sie ist vierzehn und mein ganzer Stolz. Das beste, was mir in meinem Leben passiert ist. Aber seit der Scheidung von ihrer Mutter habe ich kaum noch Kontakt zu ihr. Doch zu Weihnachten oder zum Geburtstag schreibt sie mir immer.« Plötzlich lächelte er, kramte in seiner Hosentasche und zog einen etwas zerknitterten Briefumschlag heraus. Er strich ihn glatt und sah ihn an.
»Den habe ich heute bekommen. Er ist von Valerie.«
Stolz gab er ihn Cassy. Sie betrachtete den Umschlag, auf dem seine Adresse aus Newark stand und der Absender von Valerie Parker. Das Datum des Poststempels war von vor zwei Jahren. Nachdenklich betrachtete sie Drew, der über den dunklen See blickte. Mittlerweile war die Sonne untergegangen und gab den Blick auf einen atemberaubenden Sternenhimmel frei. Wortlos gab sie Drew den Brief zurück und er steckte ihn wieder in seine Tasche.
Plötzlich rief eine Stimme: »Hey Drew, wo bleibst du denn?«
Die beiden blickten zur Terrassentür, wo einer seiner Freunde ihn fragend ansah. »Es ist doch deine Party, lass uns feiern!« Der Mann war offensichtlich nicht mehr ganz nüchtern und grinste nur.
»Ich komme ja schon, Stan«, entgegnete Drew, mit einem Mal wieder ganz fröhlich, und stand auf. Von der Schwermut und Traurigkeit, die eben noch wie ein Schatten über ihm gelegen hatten, war nichts mehr zu merken. »Ich gehe dann mal meine Gäste bespaßen. Nimm dir doch etwas zu essen und amüsiere dich.« Er warf Cassy noch ein entwaffnendes Lächeln zu und ging nach drinnen.
Cassy sah ihm einen Moment nach, stand dann ebenfalls auf und nahm sich ein paar Spare-Ribs. Mit einem gefüllten Pappteller in der Hand ging sie hinein und setzte sich auf die Couch. Genüsslich aß sie und beobachtete Drew verstohlen, der sich mit einigen Leuten unterhielt.
Die Musik dröhnte laut und die Party war in vollem Gange. Josy Adams, eine Arbeitskollegin, setzte sich zu ihr und sie unterhielten sich ein wenig. Die beiden arbeiteten zusammen in dem großen Einkaufscenter von Greenwood Lake.
Cassy bemerkte Drews Blicke, die immer wieder zu ihr wanderten. Sie ertappte ihn sogar einmal dabei, wie er sie heimlich beobachtete. Daraufhin wurde sie wieder rot und sah schnell weg. Meine Güte, wieso machte sie dieser Mann nur so nervös?
Irgendwann gingen die ersten Gäste wieder nach Hause. Cassy war mittlerweile auch müde und leicht beschwipst. Sie hatte noch zwei Gläser Wein getrunken und jetzt suchte sie nach Kim, konnte ihre Freundin aber nirgends finden. Also nahm sie ihren ganzen Mut zusammen, ging zu Drew und fragte ihn, ob er Kim gesehen hätte. Er verneinte.
»Falls du sie siehst, sag ihr bitte, ich bin nach Hause gegangen«, meinte sie daraufhin.
»Du willst schon gehen, und dann auch noch alleine, um diese Uhrzeit? Kommt gar nicht in Frage!« Drew nahm sie an der Hand und zog sie zur Tür. »Ich werde dich begleiten.«
»Musst du aber nicht, das hier ist ein kleines Kaff und es ist ja nicht weit. Außerdem werden deine Gäste dich vermissen.«
»Keine Widerrede!« Da war es wieder, dieses hinreißende Lächeln. »Die kommen auch einmal ohne mich aus.«
Cassy gab nach. Sie verließen das Haus und liefen die Straße entlang. Es war warm und der Mond stand am Himmel, umringt von glitzernden Sternen. Drew war ebenfalls angetrunken und lief leicht schwankend neben ihr her.
Da fiel ihr plötzlich etwas ein. »Komm mal mit«, sagte sie, nahm seine Hand und zog ihn mit sich. Sie liefen in Richtung See und gingen dann einen kleinen Waldweg entlang. Es ging eine Weile bergauf bis sie auf eine Lichtung kamen. Cassy lief bis zum höchsten Punkt, zog Drew neben sich und zeigte nach unten. »Sieh dir das an ...«
Drew erblickte den großen See, in dem sich der Mond spiegelte und die Häuser von Greenwood Lake, die von hier oben winzig klein aussahen, fast wie Puppenhäuser.
»Wow!«, stieß er überwältigt aus und setzte sich ins Gras.
Cassy nahm neben ihm Platz. »Ich war hier oft als Kind, wenn ich traurig war, oder einfach nur alleine sein wollte. Findest du es nicht auch wunderschön?«
Drew seufzte. »O ja, das ist es.«
Es war nichts zu hören, außer das Zirpen der Grillen und das Rauschen des Windes in den Blättern der Bäume. Die beiden saßen eine Weile schweigend da und genossen es, dass sie an diesem friedlichen Ort zusammen waren.
Drew wandte den Kopf und sah zu Cassy. Die blickte in seine dunklen Augen und ein kleiner Schauer jagte ihr den Rücken hinab. Es lag etwas sanftes und zärtliches in seinem Blick, doch er lächelte nicht. Drew hielt sie mit seinem Blick gefangen und fast verlor sie sich darin. Langsam beugte er sich zu ihr und Cassys Herz klopfte immer schneller. Überdeutlich spürte sie seine Nähe, fühlte seinen Atem ihre Wange streifen, doch kurz bevor sich ihre Lippen trafen, schaute er schnell weg, stand abrupt auf und sagte: »Ich bringe dich jetzt besser nach Hause.«
Cassy verstand die Welt nicht mehr.
Die nächsten Wochen sahen sie sich nicht oft. Cassy arbeitete und Drew ebenso. Ein paar mal begegneten sie sich, als er einkaufen war und Cassy an der Kasse saß. Dann lächelten sie sich zwar immer an, sagten aber nichts, außer: ›Hallo.‹
Cassy beobachtete ihn manchmal, wenn er die Post austrug. Sie stand versteckt hinter den Gardinen, während er die Post in ihren Briefkasten legte. Er schaute dann immer neugierig zu ihrem Haus, in der Hoffnung sie zu entdecken. Vor allem wenn ihr Auto in der Einfahrt stand, denn dann wusste er, dass sie zu Hause war. Doch Cassy blieb hinter den Gardinen und lächelte einfach nur.
Drew dachte oft an den friedvollen Augenblick mit ihr oben auf der Lichtung. Es war ein wunderschöner Moment gewesen. Er suchte die Stelle sogar wieder und fand sie auch, nachdem er erst ein paarmal vergeblich durch die Gegend gelaufen war. Eines Tages stand er einfach auf der Lichtung und hatte den herrlichsten Ausblick, den man sich denken konnte. Ja, dachte er dann bei sich, hier könnte ich es aushalten.
Cassy fuhr für eine Woche nach Newark und besuchte Amy, ihre ältere Cousine – die einzige Verwandte, die sie noch hatte. Amy bot ihr an, bei ihr zu wohnen, falls sie sich entschließen sollte aus Greenwood Lake fort zu ziehen. Es war eine schöne Woche die Cassy in Newark verbrachte, aber jeden Abend, wenn sie zu Bett ging, dachte sie an Drew.
Wieder zurück leerte sie ihren Briefkasten und fand darin eine Notiz.
Ich würde dich gerne wieder sehen.
Drew
Mehr stand da nicht. Ihr Herz machte einen Hüpfer und sie musste grinsen. Sie schrieb auf ein Blatt:
Am Samstag Nachmittag, packe eine Decke und
Getränke ein.
Cassy
Sie warf die Nachricht am nächsten Tag in seinen Briefkasten, als sie zur Arbeit fuhr.
Am verabredeten Tag schien die Sonne heiß vom Himmel hinab. Es war ein wunderschöner Hochsommertag und sie packte Hühnchen, Salat, ein paar Bananen und Äpfel in einen Korb und machte sich auf den Weg zu Drew. Als er ihr Auto vorfahren sah, schnappte er seine Sachen, eine große Decke, eine Tasche mit Bier, Wasser, Wein und einer Tüte Chips, und lief aus dem Haus. Er öffnete die Beifahrerseite und lächelte Cassy strahlend an. »Alles eingepackt«, sagte er sichtlich nervös, packte die Sachen schnell in den Kofferraum, stieg ein und schon fuhren sie los.
Cassy parkte an der Bootsanlegestelle und sie holten alles aus dem Kofferraum. Sie hatte ein Boot gemietet, in dem sie ihren Proviant verstauten und dann losfuhren. Sie freute sich schon auf die Fahrt über den See. Der Wind wehte ihr die blonden Haare aus dem Gesicht und sie fühlte sich frei und glücklich. Drew saß ein Stück weiter hinten auf der Bank, breitete seine Arme auf dem Bootsrand aus und streckte die Nase in die Sonne.
»Wo geht’s denn hin?«, rief er, um das laute Motorengeräusch zu übertönen.
»Zur Hütte vom Alten Jack!«, rief Cassy zurück. »Die steht schon seit Jahrzehnten leer. Ich glaube die meisten hier haben schon vergessen, dass es die überhaupt noch gibt.«
Drew lachte und sie fuhren weiter über den Greenwood Lake. Er beobachtete einen Seeadler, der in der Luft kreiste und anscheinend nach Beute Ausschau hielt.
Nach einer halben Stunde bogen sie in eine kleine Bucht des Sees ein, die man leicht übersehen konnte, wenn man nicht wusste, dass es sie gab. Sie lag versteckt hinter Bäumen und Gebüsch. Ein Stück weiter gab es einen kleinen Holzsteg. Cassy machte den Motor aus und sie glitten mit dem Boot über das Wasser, bis es mit einem sanften Rumpeln an den Steg anschlug. Sie legte ein Seil um einen der Pfleiler, damit es nicht abtrieb. Dann nahmen sie ihre Sachen und gingen ein Stück über den moosbewachsenen Boden. Die Sonne schien durch das Blätterdach der Bäume und die Augusthitze war hier kaum zu spüren.
Die Hütte war tatsächlich schon alt und heruntergekommen. Sie gingen daran vorbei, dahinter befand sich ein Gartenstück, mit einem herrlichen Ausblick auf die Wälder und den See. Cassy stellte ihren Korb ab und atmete tief die frische Luft ein. Drew breitete die Decke aus und sie setzten sich.
Er war überwältigt von so viel Natur. Als Mensch, der den größten Teil seines Lebens nur in der Stadt verbracht hatte, konnte er nicht anders, als es wundervoll zu finden. Und das beste war, dass er mit Cassy hier sein konnte. Sie hatte irgendetwas an sich, dem er nicht widerstehen konnte. Vom ersten Augenblick an hatte er sie gemocht und das Gefühl gehabt, sie zu kennen. Anscheinend ging es ihr genauso.
Sie packten das Essen aus und ließen es sich schmecken. Cassy erzählte ihm vom Tod ihres Vaters und dass sie daran dachte, von hier wegzuziehen. Sie könnte in Newark bestimmt eine bessere Arbeit finden und wäre nicht mehr ganz alleine in dem großen Haus ihrer Eltern.
»Wie kannst du nur von hier wegziehen?«, fragte Drew ungläubig. »Es ist hier so schön ruhig und friedlich, nicht wie in der Stadt. Alles ist dort so laut, es gibt zu viele Menschen und dann diese Hektik.« Er schüttelte den Kopf und verzog abfällig den Mund.
»Ich bin hier aufgewachsen«, erwiderte sie nur mit einem Schulterzucken. »Für mich ist die Stadt wie ein Abenteuer.«
»Würdest du das alles hier denn nicht vermissen?«
»O doch, und wie.«
»Und was, wenn es einen Grund für dich gäbe, hier zu bleiben?« Er schaute ihr in die Augen und sie schmolz dahin.
Einfach so legte er seine Hand in ihren Nacken, zog sie sanft zu sich und küsste sie. Als ihre Lippen sich trafen, lief es ihr heiß den Rücken hinab. Sie waren so zart und weich, dass sie nie wieder aufhören wollte, Drew zu küssen.
Die Vögel zwitscherten, während sie sich in den Armen lagen und nicht mehr voneinander lassen konnten. Sie liebten sich, erst zärtlich, dann leidenschaftlich, bis die Sonne langsam unter ging.
~*~
Ihre Beziehung machten sie nicht gerade öffentlich, sondern genossen einfach ihre Zweisamkeit und wollten das mit niemandem teilen.
Sie schrieben sich immer kleine Nachrichten, die der andere dann im Briefkasten fand. Mal verabredeten sie sich, mal waren es einfach nur ein paar Zeilen, um den anderen wissen zu lassen, dass er an ihn dachte.
Manchmal sahen sie sich, wenn Drew einkaufen ging und lächelten sich dann immer verschmitzt an. Cassy winkte ihm vom Fenster aus zu, wenn er die Post verteilte und sie zu Hause war. Ab und an öffnete sie auch die Tür, Drew kam dann verstohlen hinein und machte er eine vorgezogene Mittagspause, die Cassy und er ausgiebig im Bett nutzten.
Doch Drew trank viel. Manchmal war er betrunken, wenn sie ihn Abends unverhofft besuchte. Er war dann sehr anhänglich und redselig und nannte sie immer Baby.
Meistens sprach er dann auch von seiner Tochter, er vermisste sie sehr und meinte, er sei kein guter Vater. Er wünschte sich so gerne eine richtige Familie. Cassy riet ihm dann immer, dass er Geduld haben solle, Valerie würde schon auf ihn zukommen, sie sei ein Teenager und die haben eben alles andere als ihre Eltern im Kopf. Sie versuchte, Drew immer irgendwie Mut zu machen.
Eines Abends im Dezember schlug sie ihm deshalb vor, seine Tochter doch über Weihnachten zu sich einzuladen. Seine Miene erhellte sich, als sie das sagte und er meinte, es wäre eine gute Idee, das würde er machen.
Cassy verbrachte die Feiertage in Newark bei ihrer Cousine, aber sie vermisste Drew schrecklich. Sie rief ihn an und wünschte ihm Frohe Weihnachten. Er war ziemlich kurz angebunden und sagte nicht viel.
»Was ist los?«
»Mmmh ...«, brummte er, beantwortete ihre Frage aber nicht. Sie merkte das es ihm nicht gut ging und er nicht darüber reden wollte.
»Na gut, ich bin nach Silvester wieder zu Hause. Sehen wir uns dann?«
»Ja ... hmm ...«, druckste er herum, dann herrschte eine ganze Weile Funkstille in der Leitung, bis sie leise seine tiefe Stimme hörte. »Warum bist du jetzt bloß nicht hier bei mir?«
In dem Moment wünschte sie, sie wäre bei ihm und könnte ihn ganz fest im Arm halten.
»Es sind ja nur noch ein paar Tage, dann bin ich wieder da«, antwortete sie ihm. »Ist deine Tochter zu Besuch gekommen?«
Als Antwort kam wieder nur Gebrummel. Dann sagte er leise: »Sie hat mir eine Karte geschickt.«
»Tut mir ehrlich leid, das sie nicht gekommen ist, Drew.«
Sie hörte, wie er laut die Luft ausstieß und dann nuschelte: »Ich wünsch' dir auch Frohe Weihnachten. Wir sehen uns dann.« Er legte auf.
Den Rest der Woche konnte sie nicht genießen. Sie machte sich Sorgen um Drew.
Wieder in Greenwood Lake angekommen fuhr sie gleich zu ihm, doch er war nicht da, also ging sie nach Hause und versuchte ihn auf dem Handy anzurufen. Er hob nicht ab und rief auch nicht zurück.
Eine Woche später stand er vor ihrer Tür. Kaum hatte sie geöffnet, lagen sie sich in den Armen und küssten sich leidenschaftlich, rissen sich die Kleider vom Leib und schafften es kaum bis ins Bett.
Er war über Silvester nach Newark gefahren und hatte seinen besten Kumpel besucht, erzählte er danach. Alleine hatte er es hier einfach nicht ausgehalten. Sie lagen eng umschlungen in den Laken und genossen die Wärme des anderen.
»Dann sage doch das nächste Mal etwas«, meinte Cassy. »Ich bin doch für dich da Drew, das weißt du doch.«
Er nahm sanft ihre Hand und küsste ihre Finger, schaute ihr lange in die Augen und lehnte dann seinen Kopf zärtlich gegen ihren.
Der Winter dauerte noch lange, und sie sahen sich so oft es ging. Mal bei ihm, mal bei ihr. Als der See ein paar Wochen lang richtig fest zugefroren war, gingen sie Eislaufen. Der Schnee lag hoch und ein paar Mal gab es heftige Blizzards, in denen die halbe Stadt im Schnee versank. Doch an ihrer Beziehung änderte sich nicht viel. Es blieb wie es war – halbherzig aber sehr leidenschaftlich.
Cassy merkte mittlerweile ziemlich schnell, wenn Drew wieder einmal zu viel getrunken hatte. Sie blieb ihm dann lieber fern, weil es immer dasselbe war. Er redete und redete und wiederholte sich, aber es kam nichts konstruktives dabei heraus, und im nüchternen Zustand sagte er nicht viel. Da war an Gespräche über Gefühle kaum zu denken. Sie kamen einfach nicht weiter, wenn sie ein ernsthaftes Gespräch mit ihm führen wollte, war das einfach nicht möglich.
Es waren immer nur die kurzen Momente, wenn sie miteinander schliefen, in denen er seine Gefühle zeigte. Die Zeiten, die sie zusammen verbrachten, waren wunderschön, aber sie waren immer viel zu schnell vorbei. Wenn sie zusammen etwas unternahmen, draußen in der Natur waren, oder wenn sie sich liebten, nur dann hatte sie das vage Gefühl, dass er sie liebte. Doch er sagte es ihr nie.
»Liebst du mich?«, fragte sie ihn einmal, als sie im Frühling zum Zelten raus gefahren waren. Sie saßen Abends an einem kleinen Lagerfeuer und er trank ein Bier.
»Was ist schon Liebe«, erwiderte er während er gedankenverloren ins Feuer starrte.
Sie war verletzt, ließ es sich aber nicht anmerken. »Ich liebe dich«, meinte sie leise und lehnte sich an ihn. Er nahm einen Schluck aus der Flasche und lehnte seinen Kopf an ihren. »Ich weiß.« Mehr sagte er nicht.
Manchmal saß Cassy Abends einfach nur da und starrte vor sich hin, während sie an Drew dachte. Er tat viel für sie und wenn sie einmal Hilfe brauchte, war er ohne zu Fragen sofort zur Stelle. Warum bloß wollte er nicht richtig mit ihr zusammen sein? Sie verstanden sich doch eigentlich wunderbar, alles passte. Trotzdem war da irgendetwas, das ihn zurückhielt, doch sie wusste nicht, was. Wenn sie ihn darauf ansprach, bekam sie immer nur dasselbe zu hören: »So wie es ist, ist es doch schön, oder? Lasse es uns nicht mit einer Beziehung kaputt machen.«
Irgendwann fasste sie für sich dann einen Entschluss, so wollte sie nicht mehr weitermachen. Sie rief einen Makler an und bereitete alles vor, das Haus zu verkaufen. Es fiel ihr unheimlich schwer, es Drew nicht zu sagen, doch sie traute sich einfach nicht recht.
Ihre Cousine half ihr, eine Wohnung zu finden, nicht weit von ihrer eigenen entfernt. Cassy fand auch eine Stelle in einem großen Einkaufsmarkt in Newark, wo sie im August anfangen konnte.
Eines Tages fuhren sie und Drew wieder zu der Hütte am See hinaus. Er hatte durch ihre vielen Besuche bei Amy gemerkt, das irgendetwas nicht stimmte, denn er fragte sie: »Hast du uns aufgegeben?« Fast schon verzweifelt schaute er sie an. Als Antwort schossen Cassy Tränen in die Augen. »Nein Drew, aber du gibst uns einfach keine Chance.«
Er umarmte sie so fest, dass sie kaum Luft bekam. »Du machst mich so glücklich«, wisperte er mit erstickter Stimme. »Weißt du das denn nicht?«
Sie schüttelte den Kopf und bekam keinen Ton heraus. Er wischte ihre Tränen fort und küsste sie zärtlich. In dem Moment bereute sie ihren Entschluss und wusste, dass Drew sie liebte.
Einen Tag vor Drews Geburtstag kam der Möbelwagen. Alles wurde eingeladen und in die Wohnung nach Newark gebracht.
Als sie Drew endlich vor ein paar Wochen oben auf der Lichtung, gesagt hatte, das sie bald wegziehen würde, war er sichtlich geschockt gewesen, hatte den Kopf geschüttelt und war wortlos gegangen. Sie war ihm nachgelaufen, wollte ihn zurückhalten, doch er hatte sie nur von sich gestoßen. Bis mitten in die Nacht war sie dort oben geblieben, und hatte sich die Augen ausgeweint. Seitdem hatte sie nichts mehr von ihm gehört oder gesehen.
Als der Möbelwagen losfuhr, schloss sie die Tür hinter sich, schaute noch einmal auf das Haus, in dem sie aufgewachsen war und nahm still Abschied. Dann stieg sie in ihren Wagen und fuhr zu Drews Haus. Sie parkte, stellte den Motor ab und schaute zur Tür. Sein Wagen stand in der Einfahrt, er war also da. Unschlüssig saß sie da, wusste nicht ob sie aussteigen sollte, um sich zu verabschieden, oder lieber nicht. Wenn er doch nur zur Tür käme, sie öffnen würde, dann könnte sie es. Aber nichts tat sich, alles blieb still. Vielleicht stand er hinter einem der Fenster und schaute hinaus, sah sie dort sitzen und wartete auf sie.
Cassy startete den Wagen und fuhr mit Tränen in den Augen davon.
Drew stand hinter dem Küchenfenster und blickte hinaus, sah Cassy in ihrem Wagen sitzen. Er hoffte sie würde aussteigen, doch nichts, sie saß einfach nur da. Er wollte am liebsten zu ihr gehen, sie in die Arme nehmen und anflehen zu bleiben, doch seine Füße taten keinen Schritt. Er schluckte und versuchte seine Tränen zurück zu halten. Sie hatte ihn verlassen, wie sollte er das jetzt aushalten?
Drew ging zum Kühlschrank und holte eine Flasche Bier, setzte sich ins Wohnzimmer und starrte durch das Fenster auf den See, der ruhig in der Sommersonne da lag. Er kramte in seiner Hosentasche und holte den Zettel mit ihrer neuen Adresse hervor, den sie ihm vor ein paar Tagen in den Briefkasten gelegt hatte. Dieses Jahr würde sein Geburtstag ausfallen.
Ein paar Wochen später klingelte Cassys Handy. Als sie die Anrufer-ID sah, tat ihr Herz vor Freude einen Hüpfer – es war Drew. Atemlos hob sie ab.
»Hallo«, war alles, was sie hervorbrachte.
»Hey, Baby«, hörte sie seine Stimme, und er lachte. »Wie geht’s dir?«
Sie wusste sofort, dass er getrunken hatte.
»Mir geht es gut, danke. Und du, bist du okay, Drew?« Ihr schossen Tränen in die Augen als sie seine Stimme hörte und all ihre Gefühle für ihn kamen wieder hoch. Sie vermisste ihn mehr, als alles andere auf der Welt.
»Jetzt, wo ich deine Stimme höre, geht es mir wieder gut«, antwortete er leise und schluckte. »Du fehlst mir so.« Seine letzten Worte waren nur noch ein Flüstern.
Cassy nickte und schluckte ihre Tränen nach unten, brachte kaum einen Ton hervor. Sie räusperte sich kurz. »Ich wollte dich auch schon anrufen, am Wochende.«
»Da war ich wohl schneller«, versuchte er zu scherzen, doch in seiner Stimme konnte sie Anspannung und Nervosität hören.
»Ja, weißt du Drew ...«, druckste sie herum und wusste nicht, wie sie ihm das jetzt beibringen sollte.
Seine Stimme wurde auf einmal ganz sanft. »Was denn, Cassy?«
Sie schluckte schwer. »Du wirst Vater, Drew. Ich bin schwanger, im dritten Monat«, kam es einfach so über ihre Lippen. Sie musste es ihm ja schließlich sagen und wartete gespannt auf seine Reaktion.
Stille am anderen Ende der Leitung. Eine lange Stille, bis Cassy schon dachte er hätte aufgelegt. Dann hörte sie ihn einatmen und seine Stimme drang leise an ihr Ohr.
»Cassy, das ... das ist ... O Cassy, das ist das Größte!« Er lachte und freute sich und war plötzlich ganz aus dem Häuschen. »Ich komme sofort zu dir. Deine Adresse habe ich ja.«
Jetzt war sie erleichtert, ihr fielen zehntausend Steine vom Herzen, er freute sich und wollte kommen. Alles würde gut werden.
»Ich mache mich gleich auf den Weg«, hörte sie ihn noch sagen.
»Nein, Drew du hast ge ...«, doch er hatte schon aufgelegt. Cassy versuchte ihn zurückzurufen doch er antwortete nicht. Sie holte tief Luft, setzte sich dann auf die Couch und wartete.
Am nächsten Morgen war er immer noch nicht da.
Ein Jahr später saß sie mit ihrer zwei Monate alten Tochter im Garten von Drews Haus und blickte über den Greenwood Lake. Sie hatte Drews Haus mit dem Geld gekauft, das sie damals für ihres bekommen hatte und war wieder zurück gezogen. Im Haus hatte sie alles so gelassen, wie es war, bevor Drew starb, denn hier hatten sie sich damals kennen gelernt. Sie hatten sich hier still voneinander verabschiedet, als sie nach Newark gezogen war, und jetzt sollte hier ihre gemeinsame Tochter aufwachsen.
Sie waren damals so glücklich gewesen, doch sie hatte es zu spät bemerkt. Aber die Erinnerung an Drew würde sie immer in ihrem Herzen tragen.
Ihre Tochter strampelte mit ihren kleinen Beinchen, schaute sie mit seinen Augen an und lächelte sein Lächeln. Cassy lächelte mit Tränen in den Augen zurück, gab ihr einen Kuss und hielt sie fest an sich gedrückt. »Wir werden deinen Daddy nie vergessen, nicht wahr, Drew?« Sie blickte ihre Tochter wieder an, der sie den Namen ihres Vaters gegeben hatte.
Ihr Blick schweifte wieder über den See und die Wälder, bis zum tiefblauen Horizont, während sie sich an sein Gesicht erinnerte, an seinen Geruch, seine Stimme, sein ansteckendes Lachen und daran, wie es sich anfühlte ihn zu küssen.
Heute wäre sein Geburtstag gewesen.
Verlag:
BookRix GmbH & Co. KG
Implerstraße 24
81371 München
Deutschland
Texte: Aileana Blair
Bildmaterialien: Aileana Blair
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Tag der Veröffentlichung: 03.02.2018
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ISBN: 978-3-7309-8933-3
Sie haben Greenwood Lake, Remember Me zu Ende gelesen
Aileana Blair