Lolo

Kasimir Edschmid · Kapitel 1 von 2

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Lolo

Lolo

 

Mein Mund ist voll von Pfeifen, meine Stirn brennt vor Sonne, mein Zimmer wälzt sich in Licht. Rasend vor Musik ist der Raum. Er ist

wie ein großes Tier, das ich liebe um seiner starken Flanken und

seiner schmalen Treue . . . O als dein Brief kam, ward Morgen

irgendwie in meiner Müdigkeit, mein Bett hob sich um mich weiß und

glänzend, und es ward ein blitzschneller Spalt in meinem Schlaf, und

ich sah deinen Brief und lachte. Und schlief ein in mein Lachen

hinein. Ja, es ward Morgen, eine kleine glühende Spanne nach zwei

Nächten, die ich nicht schlief.

Sieh, ganz ist mein Mund voll Pfeifen. Wie war unser Tag neulich

voll Lachen. Das Futter des Briefes ist herausgefallen, ich habe es

gepackt, als es in Stufen nach dem Boden schwebte. Im habe es

gepackt und zerrieben vor Freude, und dann habe ich es geglättet und

geküßt und verbrannt.

Du . . . unser Tag . . . als wir über die Brücke gingen. Keines sagte:

ich habe dich viele Monate nicht gesehen. Nein. Niemand sagte so.

Röte ging rauschend über den Himmel. Türme und Kuppeln

schwammen strahlend und dunkel über die Glut des Abends. Wind riß

die letzte Sonne durch unser Haar.

Lolo, wir sprachen. Doch unsere Augen zerrten am Himmel. Dann

gingen wir ohne Worte. Und plötzlich blieben wir stehen: Du hast ein

grünes Kleid . . . Du hast einen hellen Hut. Staunen faßte uns wie

Kinder. Wir waren wie auf Inseln eine Begegnung. Du hast ein grünes

Kleid . . . O wie war unser Tag voll Gelächter.

Das waren die alten Häuser am Main, auf die die Sonne noch

einmal Strudel von Licht stürzte, daß sie erbebten. Das waren alte

Pappeln und viele Fischernetze. Das waren viele Dinge, über die wir hätten weinen mögen vor Sehnsucht, aber wir standen im Wind und

lachten.

Wir saßen im Dom zwischen armen Leuten und den bösen mittleren

Bedrückten, eingekeilt, du, Lolo mit den schönen Hüften. Wie strahlte

uns die dunkele Ecke von Holz und das Fenster und das rote Licht.

Auch hast du gekniet, einmal, es war eine Verzückung, meine

Fingerspitzen rauschten vor Seligkeit, ich hätte dich töten können.

Du warst königlich geworden. Es war mit jedem Schritt, als ob du

groß durch eine Wüste kämest. Und die Stille um dich war wie das

verknirschte Geheul einer betäubenden Menagerie. Wie waren deine

Schenkel stolz und wild. Immer war es: ich müsse ein Wort sagen,

platzend von Kraft und überreif vor Süßigkeit und lächelnd mit

meinen Händen über deine Wangen hinunterfahren über deine Hüften

bis an die Knie, die ich jubelnd empfinde als eine Freudigkeit. Lolo,

wie warst du schön, als dein Zimmer dich umgab und die Spiegel und

deine Ringe, ich weiß es kaum noch, Sonne rast taumelnd über

meinen Tisch. Du hattest viele köstliche Decken, Batik, wohl erinnere

ich mich. Lolo, deine Brust schwebte leuchtend unter der Bluse wie

das Elfenbein der Psalmen. Wie war dieser Tag dunkeläugig vor

Staunen, süß von Gelächter.

Lolo.

Ich habe dich nicht geküßt.

Aber noch höher riß uns wie dieser Rausch die Stunde in dem

großen Saal mit blitzendem Silber, dem Weiß, den Lichtern und der

Musik von tausend redenden Menschen . . . alles um dich wie ein

Wirbel, der dich schmückte, geschart. Als wir einen schönen Fisch

zwischen uns teilten und du den burgundischen Wein zwischen dem

Rosa deiner Hände hieltest, der wie Wachs war und Öl und nach Erde

schmeckte, herb und herbstlich. Wir redeten und unsere Silben liefen

wie Schlittschuhläufer atemlos über die Ebene der weißen Decke

aufeinander zu und trafen sich maßlos beseelt wie in einem endlosen

Raum von Verzückung. Lolo, Traum und Rasen schwellten mich, als

wir damals unter Menschen gingen, um allein zu sein.

Und vergiß nicht den kleinen Jungen, der uns den Weg zeigte, die

Fassade des Römer in der Nacht, und daß ich einmal nach deiner

Hand haschte.

Es war. Es war Ewigkeit. Auch dies.

Du hast mir, als wir noch sehr jung waren, du hast mir vor drei

Jahren einmal ins Gesicht geschlagen.

Wie ist dein Gang nun königlich.

Deine Augen, in denen Gefahr ist und über denen ein ewiges

Losschnellen hängt, sind mit Güte verdunkelt. Wie groß sie sind.

Als der Bahnhof mit dir entschwebte, als ich fuhr und deinen

Rücken sah, der sich vor mir bewegte, fiel die Finsternis gelöschter

Laternen wie prallender Regen auf die Halle, die zurücksank.

Ich werde dich auch nicht küssen, wenn du morgen kommst.

Blumen will ich an dein Bild heften an der Wand. Freude soll dich

schwellen, wenn du hereintrittst. Vieles will ich dir schenken, viele

Sachen, Spitzen und Bilder und Plastiken. Heute Nacht will ich dein

Bild mit Blicken in den Raum werfen über meinem Haus, daß es, von

meinen Augen rasend gehoben, gleich einem zuckenden Stern über

den Himmel zischt. Aber ich werde dich nicht küssen.

Du . . . mein Blut ist wie ein Büffel auf der Steppe im Frühling nach

dir. Ich will es dumpf machen, die Herzklappe schließen, daß sie

schrundig anschwillt. Will lächeln und die Zunge in den Hals

zurückstoßen, daß ich ersticke am eigenen Atem, der nach deinem

Mund raucht. Fieber wird mich ausbrennen — ich werde deine Hand

halten ruhig und selig wie ein Kind die Schnur seines Drachen, der

groß und schön in einem flockigen Abend steht. Werde dem Blut

befehlen, nicht weiter zu fließen als die Handgelenke, daß die Finger

einfach bleiben. Mögen Katarakte in meine Knie stürzen. Du wirst

nicht sehen, wenn sie zittern.

Denn es gibt einen Tag, der bleiben muß, aufgerissen und kühn über

jeder Umarmung, die ihn vernichten würde . . . Gibt einen Tag, der

bleiben muß . . . Freude (siehe) stirbt in jeder Umarmung. Unendliche

Freude unseres staunenden Lachens am ersten Tage wird darin sterben. Lolo, Seligkeit soll einwachsen in unsere Seele zuerst und

sicher, bis sie klar darin schwebt wie eine Kuppel in Kathedralen, wie

ein Dolch in einem gerundeten Wappen. Darum Lolo, darum will ich

mein Blut niederwerfen, wie Moses die Amalekiter hinschlug, indem

er die Hand hochstieß, senkrecht in den Himmel.

Dies da ist mehr (und ich weiß es brennend und stärker aus vielen

Umarmungen) als eine schwere Nacht mit dir: daß ich später über

alles hinweg, was komme, die reine unendlich große Luft der

Ewigkeit spüre, wenn ich an dich denke, wie ich es tat, als ich nach

Hause ging und den Brief fand, der dich ansagte . . . und als die

Schatten noch unbeknospter Birken in Mond und Dämmerung auf den

Asphalten froren . . . wie es steht in mir tänzerisch und steil auf der

hochgerissensten Welle:

wie du auf der Alten Mainbrüche standest, Wasserruch dich

umspannte, letzte Sonne, als der Fluß, ruhiger verströmend, dich

plötzlich liebte, Horizont aufbrach um dich, gelb und ungeheuer und

dich mit wilden Schreien die Mildheit hundert weißer Möven

umflatterte . . .

und dann wie du durch den Laternenabend Frankfurts neben mir

gingst in der fließenden Schönheit deines fürstlich grünen Kleides,

und, die ich dir in einem Wagen am Ufer gekauft habe, die

glasgoldenen Kugeln von zwei Apfelsinen in den Händen strahlend

wie deine eigenen Brüste über die Kaiserstraße trugst.