Ubud, meine Liebe
Ubud, meine Liebe
Adi Bachmann
Zehn kleine Berichte aus Balis
heimlicher Hauptstadt
Ubud, meine Liebe:
Die Begegnung der unbekannten Art
Es gibt Menschen, die steigen im Himalayagebirge auf sehr hohe Gipfel, um etwas zu erleben. Mit oder ohne kuenstlichem Sauerstoff. Andere tauchen 35 oder 40 Meter tief in Ozeane, um moeglicherweise Neues zu entdecken. Sie fuehren meist eine lichtstarke Lampe mit sich, denn bekanntlich faengt bei einer Tiefe von unter fuenf Metern das Wasser an, an Transparenz zu verlieren. Das Sonnenlicht wird umso staerker gebrochen und verliert an Leuchtkraft, je tiefer man taucht, sodass man bald die Lampe anknipsen muss, um etwas sehen zu koennen. Mir selbst genuegte eine kurze Fahrt auf meiner neuen Suzuki Skywave 125, schwarz, seidenmatt, mit rotlackierten Federn um die beiden Stossdaempfer, ohne irgendwelche Aufkleber oder Typenkennzeichen, dafuer mit einem ungueltigen Nummernschild – die echten Nummern sollte ich erst eine Woche spaeter bekommen – also, mir genuegte eine kurze Fahrt von Ubud-Kelod - Kelod bedeutet Nord - nach Sanggingan, um das Erstaunlichste zu sehen, was mir seit Jahren unterkam.
Ich fuhr die Hauptstrasse hinunter in Richtung Bruecke, die ueber den Campuhan River fuehrt. Ich war auf dem Weg zu Agustian, Suliyat und Necky. Agustian, the Visual Artist, kommt von der grossen Insel Sumatra; Suliyat, der seine Bilder mit S. Buamar signiert und Necky, der sich Grazy Boy nennt, obwohl er alles andere als grazy oder ein boy ist – er ist nur etwas klein geraten, ein laufender Meter sozusagen - kommen aus Zentraljava. Die Drei sind das, was man frueher bieder Kunstmaler nannte und haben ihre Studios und Ausstellungsraeume in dem erwaehnten Dorf Sanggingan ausserhalb von Ubud. Ich nenne sie die Sanggingan-Connection; im Juli 2009 stellte ich in meiner kleinen Galerie in Ubud Bilder von ihnen aus.
Soweit die Vorrede. Das Praeludium sozusagen. Oder das Vorspiel, das einstimmen und Lust machen soll auf das Eigentliche. Ich fuhr also den Berg hinunter. Mir entgegen kam ein anderer Mopedfahrer. „Der Andere“. Er hatte die Campuhan-Bruecke bereits ueberquert und war dabei, den Berg hinaufzufahren. In Richtung Ubud-Zentrum. Ja – es gibt viele Ubuds in Ubud. Genauso, wie es viele Balis auf Bali gibt - auf Bali und nicht in Bali – wie die Angelsachsen und Australier sagen.
Aus unbekanntem Grund fixierte ich erst den Anderen. Dann sein Fahrzeug. Und dann zwang mich etwas, weiter nach unten zu schauen – und da sah ich „Es“ liegen. Auf der mir zugewandten Seite lag der Kopf mit starren Augen und weit aufgerissenem Mund. Auf der mir abgewandten Seite – aber gerade noch zu erkennen – sein Schwanz. Breit und elegant geschwungen. Von Kopf bis Fuss – also ueber das Ganze gemessen – etwa 75 cm lang. Ein Prachtexemplar. Noch ehe ich ein zweites Mal schauen konnte, war das Moped, „Der Andere“, also der Fahrer und „Es“ verschwunden. An mir vorbei, die Steigung hinauf. Aus, vorbei. Auf nimmer Wiedersehen.
„Ein Fisch ohne Fahrrad“ heisst ‚der erste Roman, der die Probleme der postfeministischen Single-Frauen thematisiert’, in Deutschland 1982 erschienen, von Elisabeth Dunkel verfasst. Von einem „Fisch mit Moped“ beziehungsweise einem „Fisch auf dem Moped“ habe ich vorher und auch danach nie etwas gehoert. Also: woher kam der Fisch und wohin wurde er gebracht? Lebte er noch, als ich ihn sah, oder handelte es sich um einen Leichentransport? Auf Anhieb klar schien mir nur eins zu sein: dass es sich bei dem Tier um einen Meeres- und nicht um einen Suesswasserfisch handelte. Warum das klar erschien? Ganz einfach deshalb, weil ich einen so maechtigen Suesswasserfisch noch nie gesehen habe. Also stellten sich nicht nur die Fragen nach dem Woher und dem Wohin, nach der Art und dem Seinszustand, sondern auch danach, wo der Fisch gefangengenommen worden war. Und auch danach, welche Wegstrecke er auf dem Moped bereits zurueckgelegt hatte. Und auch musste hinterfragt werden, wohin die Fahrt fuer die uebergrosse Makrele, den Thunfisch, den jungen Hai oder den Barakuda fuehren sollte. Zurueck ins Meer? In die Tiefkuehltruhe? Oder gleich auf einen mit Kokosnuss-Schalen befeuerten Grill?
Ich weiss das bis heute nicht.
Wie Eingangs bereits festgestellt: ich muss keine hohen Gipfel stuermen oder in tiefe Meer tauchen, um mit Fragen hinterlassen zu werden, die mich dann – unguenstigerweise - ein Leben lang beschaeftigen.
Ubud, meine Liebe: Das Museum Puri Lukisan, die Mutter aller Museen Ubuds
Wenn man das Betrachten traditioneller balinesischer Gemaelde unterschiedlicher Stilrichtungen uneingeschraenkt geniesssen will, sollte man sich vielleicht vorher schlau machen, um was es bei dieser fuer Bali so typischen Malerei eigentlich geht. Das Museum Puri Lukisan in Ubud ist genau der richtige Ort fuer solche Belehrungen. Und wenn man darueber hinaus eine Vorstellung davon bekommen will, welch nachhaltige Einfluesse auslaendische Kuenstler auf die Malerei in Ubud hatten, dann ist das Museum Puri Lukisan dafuer ebenfalls der richtige Ort: Kuenstler wie Rudolf Bonnet, Walter Spies, Hans Snel, Mario Blanco oder Ari Smit zum Beispiel, malten in Ubud und hatten erkennbaren Einfluss auf viele balinesische Kuenstler.
Abgesehen davon ist das Museum Puri Lukisan das aelteste Museum in Ubud – und damit sozusagen die Mutter aller anderen: dem Neka Musem, dem ARMA (Agung Rai Museum of Art), dem Antonio Blanco Renaissance Museum oder dem Museum Rudana in Mas, ausserhalb von Ubud.
Zur Zeit – in Wirklichkeit schon seit einer ganzen Reihe von Monaten – ist der Zugang zu einer der Kostbarkeiten Ubuds etwas schwierig geworden. Am neuen Eingangsbereich an der Hauptstrasse und am neuen Parkplatz wird noch immer gebaut, aber es ist es wert, die Unannehmlichkeiten durch die Baumassnahmen in Kauf zu nehmen. Nach einigen Stufen aufwaerts befindet man sich in einem wunderbaren kleinen Park mit grossen alten Baeumen, bluehenden Bueschen und aufregend schoenen Lotusblumen, die in harmonisch geformten Teichen bluehen, samtigen Rasenflaechen und ... dem intensiven Zirpen unzaehliger Zikaden. Das ist die beschauliche Umgebung der drei Gebaeude des Museums. Uebrigens, abgesehen von den Zikaden, ein bemerkenswert stiller Ort unweit des Getuemmels auf Ubuds ueberaus touristischen Haupt- und Einkaufsstrassen.
1936 begruendeten der hollaendische Maler Rudolf Bonnet (1895-1978), zwei Prinzen des Koenigshauses von Ubud, naemlich Tjokorda Gde Agung Sukawati und Tjokorda Gde Taka Sukawati und der beruehmte balinesiche Architekt und Kuenstler I Gusti Nyoman Lempad, die Stiftung „Pita Maha“. Pita Maha bedeuted „grosse Lebenskraft“ oder auch „kraftvolle (starke) Entschlossenheit“. Ziel der Stiftung war es, balinesische Kuenstler in ihrer Kreativitaet und ihren kuenstlerischen Moeglichkeiten zu unterstuetzen, woechentliche Treffen zu organisieren, bei denen die neuesten Gemaelde und Skulpturen von Kuenstlern aus Ubud gezeigt und diskutiert werden sollten und die Arbeiten ihrer 125 Mitglieder durch Ausstellungen, auch im Ausland, vorzustellen und bekannt zu machen.
Sie zu ermutigen, ihre Kunst zu inspirieren und sie nach anspruchsvollen qualitativen Merkmalen auszuwaehlen und zu foerdern – mit diesen Mitteln versuchte Rudolf Bonnett, balinesische Kuenstler in ihrer Entwicklung zu bestaerken und zwar auf der Grundlage ihrer ureigenen Talente und Faehigkeiten. Bonnett war zutiefst davon ueberzeugt, das balinesische Kunst sehr viel intensiver wahrgenommen werden sollte, von den Balinesen selbst und von den Kunstfreunden ausserhalb Balis. Sechzehn Jahre spaeter, und nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende des Indonesischen Unabhaengigkeitskrieges und der Gruendung der Indonesischen Republik 1945, wurde 1952 die „Yayasan Ratna Wartha“ gegruendet, eine Gruppe, die die Ideen von Pita Maha aus der Zeit vor den Kriegen fortfuehren und die Qualitaet der traditionellen balinesischen Kunst steigern helfen sollte. Zur selben Zeit wurden die ersten Schritte getan, ein Museum fuer balinesche Kunst zu errichten.
1954 wurde der Grundstein fuer das erste Museum in Ubud gelegt und ein Name dafuer gefunden: „Museum Puri Lukisan“ – ein palast fuer Gemaelde und ein Meilenstein in der Entwicklung Ubuds zu einem der kulturellen Zentren Indonesiens. Der jetzige Direktor des Museum Puri Lukisan ist Jr. Tjokorda Bagus Astika, eines der vielen Mitglieder der „Puri Family“, der Familie der ehemaligen Koenige von Ubud.
Das Museum zeigt eine aussergewoehnliche Sammlung von qualitativ sehr guten, zum Teil hervorragenden Gemaelden und Holzskulpturen in verschiedenen traditionellen Stilrichtungen. Der Fundes des Museums basiert auf einigen Bildern, die Bonnet sammelte und dem Museum vermachte; einen anderen Teil vermachte er dem Ethnologische Museum in Leyden/Holland. Verschiedene einheimische Kuenstler ueberliessen dem Museum Ausstellungsstuecke; private Spenden und Gelder von der hollaendischen Regierung erlaubten den Museumskuratoren von Zeit zu Zeit, weitere Ausstellungsstuecke anzukaufen.. Die Waende der Gebaeude innen sind hoch und rauh verputzt und wenn man hinaufschaut, kann man die hoelzerne Dachkontruktion sehen. Es gibt nur kuenstliches Licht, das aber die ausgestellten Werke gut zur Geltung bringt. Die Gemaelde haengen in einer guten Hoehe, nicht zu dicht und - das ist fuer interessierte Besuche besonders wichtig - gut beschriftet; die Texte sind kompetent, gut zu lesen und oft in drei Sprachen verfasst: in Indonesisch, Englisch und meist auch in Japanisch.
Die museumseigene Sammlung ist das Herzstueck des Museums Puri Lukisan. Diese Sammlung zeigt eine grosse Auswahl an Bildern, ausgefuehrt mit sogenannten Balinesichen Farben, Blattgold, natuerlichen Pigmenten, Bleistift, chinesischer Tusche, aber auch mit modernen Acryl-, Tempera- oder Oelfarben auf Baumwollstoff, Papier, Glas, Hartfaserpappe oder Leinwand. Fast alle Gemaelde basieren auf meist sehr klaren Konturzeichnungen, die anschliessend mit Farben ausgefuellt werden. Es handelt sich also eher um kolorierte Zeichnungen als um Gemaelde. Die meisten Bilder basieren auf diesen Vorzeichnungen: da wird das Motiv, der Bildaufbau und die Komposition, seine Figuren, Flora und Fauna, bis ins Detail festgelegt. Das ist eines der Charakteristika in der traditionellen balinesichen Malerei - jenseits aller zeitlich und regional oder schulmaessig bedingter Unterschiede Ebenfall zur Museumssammlung gehoeren viele qualititiv herausragende Holzskuplturen, die von Bildhauern aus Ubud und Umgebung und von anderen Teilen der Insel stammen. In der Pita-Maha-Galerie im Nordbau des Museums ist Kunst aus den 1930er Jahren ausgestellt, den sogenannten „Grossen Jahren“, daneben aber auch Gemaelde aus den 1940er und 1950er Jahren. Aufsehenerregende Schnitzerein aus der Zeit zwischen 1939 und 1970, sechs Tuschzeichnungen vom Meister Balinesischer Kunst, I Gusti Nyoman Lempad, und zwei Bleistiftzeichnungen von Rudolf Bonnet - ein Selbstportait und ein Skizzenblatt mit verschiedenen Affendarstellungen - runden das Ausstellung in der Pita-Maha-Galerie ab.
Im oestlich gelegenen Ausstellungsgebaeude werden Stuecke im sogenannten Wayang Stil praesentiert - das aelteste aus dem Jahr 1605, zwei andere aus 1792 und 1799, was bei der Gefaehrdung der Materialien durch Schimmel, Faeulnis und Insektenfrass sehr ausergewoehnlich ist. Andere hochqualitative Ausstellungsstuecke vermitteln Einblicke und Kenntnisse in die Kunst der „Grossen Vorfahren“ und ihre unterschiedlichen Stile: die Stile von Batuan, von Sanur oder Badang (Denpasar) und - nicht zuletzt - den Ubud Stil. Auch gibt es hier wieder eine Sammlung feiner Holzschnitzereien zu bewundern.
Im kleineren Gebaeude des Westfluegels des Museums findet man eine schoene Sammlung mit zeitgenoessischer Kunst, Bilder im sogenannten „Young Artist Style“ eingeschlossen. Der hollaendische Maler Ari Smit hat bis heute einen grossen Einfluss auf junge Maler von Penestanan, einem Dorf bei Ubud. Dieser ganz besondere Stil wurde pupulaer und beeinflusste eine nicht geringe Anzahl von Malern bis heute und zwar nicht nur balinesische Kuenstler, sondern auch welche aus Uebersee. Ari Smit ist inzwischen fuenfundneunzig und noch immer aeusserst produktiv; im Neka Museum sind viele seiner Werke in einem eigenen Pavillongebaeude ausgestellt. In dem Westtrakt des Museums warden auch beruehmte Beispiele der sogenannten „Modernen Balinesischen Kunst“ ausgestellt, ein Stil, der in den 1970ern entstand und im ersten Moment alles andere als modern anmutet. Aber er setzt sich – mehr als in den traditionellen Bilder zuvor – mit den Veraenderungen und ihrer Bedeutung durch die Moderne auseinander und den dadurch entstandenen und weiter entstehenden Veraenderungen des Lebensstils der Balinesen. Ida Bagus Made gehoert zu den grossen Kuenstlern in diesem Bereich, zusammen mit I Gusti Nyoman Lempad, einem wichtigen Meister, von dem einige Arbeiten im Museum Puri Lukisan gezeigt werden.
Neben der staendigen Ausstellung organisiert das Museum themenzentrierte Ausstellungen. Mit einer besonders aufregenden feierte das Museum Puri Lukisan 2008 sein fuenfzigstes Jubilaeum, zusammen mit dem erfolgreichen Abschluss eines umfangreichen Renovierungsprojektes. Sechsunddreissig Gemaelde, von Rudolf Bonnet gesammelt und spaeter in die Niederlande gebracht, wo sie schlussendlich im Ethnologischen Museum in Leyden hingen, wurden aus Anlass des Jubilaeums mit den Gemaelden zusammengefuehrt, die Bonnet im Jahr 1956 dem Museum vermacht hatte. Diese balinesisch-hollaendische Kunsthochzeit wurde unter grosser Anteilnahme von Prominenz aus Bali und aus Holland gefeiert; der indonesische Minister fuer Kultur und Tourismus, Jero Warzik aus der Gegend von Kintamani, Bali, hielt die Eroeffnungsansprache, eine weit ueber Bali hinaus beruehmte Legong-Taenzerin, inzwischen gut in ihren Siebzigern, tanzte zu den Klaengen eines besonders gut aufgelegten Gamelan-Orchesters einen zu Traenen ruehrenden Tanz.
Das Museum Puri Lukisan bietet Kurse an mit einem breiten Spektrum von balinesischer Kunst und Kultur: Kurse im Anfertigen von Schattenspiel-Figuren und Drachen, Gamelan, Masken bemalen, Holzschnitzen, im vorbereiten und ausfuehren von Opfergaben, Korbflechten, Perlensticken, Floetenspiel, in klassischer und traditionelle Malerei, in Batik und in balinesischem Tanz – dieses volle Programm kann noch durch Sprachkurse in Indonesisch erweitert werden.
„The Legacy Collection Found“ wurde 2004 gegruendet und soll die Bewahrung des Sammlungen des Museums unterstuetzen. Unter der Anleitung von hollaendische Spezialisten – von denen einige waehrend ihres Jahresurlaubs im Museum ehrenamtlich arbeiten und unterrichten – werden alte Stuecke hoechst professionell gereinigt, restauriert und konserviert. Wie man sich vorstellen kann, ist es nicht leicht, in diesem tropischen Klima Wasserfarben in einem guten Zustand zu bewahren – auch wenn es in Ubud kuehler ist als beispielsweise in Kalibukbuk/Nordbali oder in Amed/Ostbali. Ein Museumsshop bietet kleine Geschenkartikel an, spezielle gedruckte Sachen wie Postkarten, Broschueren und Buecher; hier kann man auch softdrinks, Tee oder Kaffee bekommen. Zaehlt man zum Schluss all die Dinge zusammen, die man im Museum Puri Lukisan sehen, machen und erleben kann, dann leuchtet ein, dass das Museum zu einem der besuchenswertesten Ziele auf Bali gehoert: es ist einer der wichigsten Punkte in Balis Museumslandschaft; im anheimelnden Park kann man sich entspannen und seinen Gedanken nachhaengen; die Exponate sind interessant und von ausgesuchter Qualitaet; man kann ueber die detaillierten Beschreibungen viele Informationen ueber die Eigenheiten traditioneller balinesischer Kunst aus erster Hand bekommen, und man kann eine Liebesbeziehung zu Balis Kunst initiieren und zu den Menschen, die sie geschaffen haben und noch immer schaffen, zu den balinesischen Kuenstler. Sind das genug gute Gruende, einige Zeit im Museum Puri Lukisan zu verbringen? Ich denke schon.
Ubud, meine Liebe: Die Vision eines Mannes - das Neka Art Museum in Ubud
Will man ueber das „Neka Art Museum“ in Ubud reden, muss man ueber mindestens vier verschiedene Dinge sprechen. Zuerst selbstverstaendlich ueber Suteja Neka, sozusagen den Erfinder des Kunsthandels in Ubud und auf Bali, den Sammler mit seinen mannigfachen Beziehungen und beruehmten hommes des art Indonesiens. Suteja Neka hat sich ein umfangreiches Wissen erworben und viele Erfahrungen gesammelt, speziell im Bereich der traditionellen balinesischer Kunst, aber auch in der modernen balinesischen Kunst des 20. Jahrhunderts. Er ist ausserdem ein ausgewiesener Kenner antiker und moderner Kris’, den traditionellen indonesischen Dolchen.
Danach muss man wieder auf Suteja Neka zu sprechen kommen, den Sammler balinesischer Antiquitaeten, Bilder und Skulpturen -diesmal aber als den Gruender der „Neka Art Gallery“ und des Neka Art Museums – beide in Ubud zu Hause. Nummer drei ist das hervorragend organisierte Neka Art Museum selbst, sein didaktisches Konzept und seine aussergewoehnlich qualitaetsvollen Ausstellungsstuecke – beides zusammen eine wirklich beeindruckende Erfahrung.
Den Schluss bilden einige Saetze zu mehreren Abteilungen des Museums, die es wert sind, besonders hervorgehoben zu werden: zuerst die Arbeiten von I Gusti Nyoman Lempad, dann die grosse Ari-Smit-Collection und schliesslich die Sammlung sogenannter Master Paintings des 20. Jahrhunderts, die man mit dem Etikett „Moderne Kunst“ versehen koennte.
Es gibt kein eigenes Museum fuer zeitgenoessische Kunst in Ubud, aber eine Abteilung fuer zeitgenoessische indonesische Malerie im Neka Museum und im Museum Puri Lukisan, und es gibt eine Reihe von Galerien in Ubud und in seiner Umgebung, wo ausschliesslich zeitgenoessische Kunst ausgestellt wird, zum Beispiel in Gaya Art Space in Sayan, in Adi’s Gallery, Komaneka Fine Art Gallery, Pranoto’s Art Gallery, Sika Gallery – alle in Ubud und Tony Raka Art Gallery in Mas.
Lassen Sie uns zurueckkehren zum Beginn dieses kleinen Beitrags und ueber Suteja Neka sprechen: Suteja Neka kam 1939 in Peliatan zur Welt, einem Dorf suedoestlich von Ubud, das heute ein Teil eines Dorfkonglomerats mit ueber sechzigtausend Einwohnern ist, mit Ubud als Zentrum. Sein Vater war ein beruehmter Holzbildhauer und –schnitzer, der mit seinen Werken Indonesien zweimal auf Weltausstellungen vertrat und darueber hinaus in Indonesien und in vielen anderen Laendern ausstellte. Der Vater vermachte dem Sohn drei Dinge: eine tief wurzelnde Liebe zur Kunst, eine unzerstoerbare Liebe zu Bali und der balinesischen Lebensart und das Wissen um die Bedeutung einer guten Erziehung und Ausbildung. Suteja wurde Lehrer und Kunsterzieher. Auf diesem soliden Fundament begann er, Kunst zu sammeln und Kunst zu verkaufen. Von Kuenstlern aus der Umgebung kaufte er Bilder und Skulpturen an; die besonders guten hielt er fuer seine eigene Sammlung zurueck; die weniger herausragenden, aber noch immer guten, verkaufte er an andere Sammler und besonders an Auslaender, die sich in balinesische Kunst und Kunstgewerbe verliebt hatten. Im eigenen Auto fuhr er sie herum, machte sie mit einheimischen Kuenstlern bekannt, zeigte ihnen aber auch schoene und reich dekorierte „puras“, Tempel, und in dieser Zeit noch viele unzerstoerte Landschaften und Naturdenkmaeler. „In dieser Zeit“ bedeutet hier die mittleren und spaeten 1960er Jahre.
Suteja Neka regte viele Kuenstler aus der Region an und unterrichtete auch manche davon. Er war sich ueber die Bedeutung einer moeglichst guten Ausbildung im Klaren und er war von der Notwendigkeit ueberzeugt, Bali weiterzuentwickeln, damit Bali als eine Insel der Religion, Kultur und Kunst, der Schoenheit und Harmonie, auch fuer den Tourismus und als Kunstmarkt -ueberleben konnte. Noch vor anderen entwickelte er ein entsprechendes Marketing fuer Bali und foerderte es gezielt als die Insel der Kunst, der Kunstliebhaber und der Kunstsammler. Eine Reihe von Kuenstlern konnten davon leben, dass Suteja Neka einen fortlaufenden Bedarf an Skulpturen und Bildern hatte – sein Kunsthandel wuchs unaufhoerlich.
Neka war und ist nie nur ein Kunstliebhaber. Er war durch und durch immer auch ein Geschaeftsmann - und ein geschickter dazu. Sonst waere es auch nicht moeglich gewesen, bereits nach so kurzer Zeit, naemlich 1982, das Neka Art Museum in Sanggingan bei Ubud zu errichten. Die 1980er Jahre waren tatsaechlich die Zeit grossen wirtschaftlichen Aufschwungs unter der diktatorischen „Neuen Ordnung“ der korrupten Regierung Praesident Suehartos. Uebrigens is das Neka Art Museum das erste Museum in Privatbesitz, das von der indonesischen Regierung offiziell als solches anerkannt wurde. Zeitlich vor dem Neka Museum war die Neka Gallery entstanden. Sie befindet sich im Zentrum von Ubud und liegt an seiner Hauptstrasse, gegenueber von Postamt und Ganesha Buchhandlung, also zwei weiteren wichtigen Institutionen des Stadt. Neben manchen nicht so bedeutenden Stuecken balinesischer Kunst kann man in der wunderbar grosszuegigen Galerie oft wirklich gut ausgearbeitete Bilder entdecken. Die Galerie ist es auf jeden Fall wert, besucht zu werden.
Der Grundriss des Neka Museums zeigt zehn Gebaeude, die zu einem eindrucksvollen Gesamtkomplex zusammengefuegt und von ueppigem Gruen umgeben sind. Von dem am meisten suedlich gelegenen Gebaeude zum Beispiel, der Halle fuer Empfaenge und Veranstaltungen, hat man einen atemberaubenden Blick hinunter zum Campuhan River.
Die anderen Gebaeude des Museums sind: die Eingangshalle mit Eintrittskarten- und Informations-Schalter, Buch- und Andenkenladen und, im Untergeschoss, einer Toilettenanlage. Westlich der Eingangshalle befindet sich ein Gebaeude fuer Wechselausstellungen; geradeaus in noerdlicher Richtung liegt eine langgestreckte Halle, die Halle mit balinesischen Gemaelden. Hier findet man balinesische Bilder im traditionellen,im transitionellen, im Ubud und Batuan Stil, alle erklaert durch gut verfasste, informative Texte.
Am Beginn der Halle mit den traditionellen balinesischen Bildern geht’s nach links zum Ost-West Anex, mit Gemaelden bekannter indonesischer und auslaendischer Kuenstler. Am Ende der Halle mit den traditionellen balinesischen Bildern kommt man rechts zur beruehmten Ari Smit-Collection, untergebracht im zweigeschossigen Ari Smit-Pavillon.
Von hier aus gelangt man zu den drei westlichen Gebaeuden: dem Fotoarchiv-Zentrum, dem Pavillon mit Werken des beruehmten Architekten und Kuenstlers I Gust Nyoman Lempad, dessen Arbeiten man sich unbedingt anschauen sollte – und dem Gebaeude mit zeitgenoessischer indonesischer Kunst. Wenn man will, kann man zurueckschlendern zu Empfangshalle, dort etwas trinken und eine Kleinigkeit essen und zurueckblicken auf die grossartige Sammlung mit allen ihren ausgewaehlten Kunststuecken, die man auf der Tour durch das Museum sehen konnte.
Eingangs war von vier verschiedenen Dingen die Rede; ueber drei wurde bereits berichtet – jetzt geht es um spezielle Bereiche im Neka Art Museum:
In der Halle der balinesischen Gemaelde findet man einen Bereich, der Bilder im „transitionalen Stil“ zeigt. Hier haengen Bilder, auf denen sich traditionelle balinische mit auslaendischen Einfluessen mischen – mit auslaendischen Einfluesse im fruehen 19. Jahrhundert durch die Hollaendern, beginnend in der alten Hauptstadt Singaraja und dann seit den 1920er Jahren in Suedbali. Das Mischen und vermischen ist typisch fuer die balinesische Kunst. Dadurch wurde ein veraenderter, wiederum eigener Stil geschaffen: die Figuren wurden naturalistischer und damit quasi menschlicher in ihrer Darstellungsweise. Maler des 20. Jahrhunderts, die die transitionalen Stil vertreten, sind zum Beispiel Dewa Ketut Ding, Ida Bagus Rai oder I Gust Ketut Kobot.
I Gusti Nyoman Lempad ist der mit Abstand beruehmteste Kuenstler Balis. Er war ueber mehr als einhundert Jahre lang Zeichner, Maler, Bildhauer, Architekt, Ratgeber und Lehrer; er lebte von 1862(?) bis 1978. In der Hauptsache illustrierte Lempad einheimische Epen und mythologische Erzaehlungen und Szenen balinesischer Folklore, und er war Mitbegruender der Kuenstlervereinigung Pita Maha (kraftvolle Entschlossenheit). Eine sehenswerte Auswahl seiner ausdruckstarken, informativen und manchmal sehr witzigen Schwarz-Weiss- und kolorierten Zeichnungen ist im intimen Lempad Pavillon ausgestellt.
Suteja Neka war mit mit zwei Kuenstlern besonders eng befreundet, deren Gemaelde er von Anfang an sammelte: Affandi (1907-1990, Westjava) und Abdul Aziz (*1928, Zentraljava). Affandi und Aziz sind im hoechsten Mass anerkannt – in Indonesien und von einer internationalen Galerie- und Sammlergemeinde. Unter anderem sind im Neka Museum das oft kopierte Gemaelde „Wechselseitige Anziehung“ von Abdul Aziz und das ueberaus kraftvolle Bild „Barong- und-Rangda-Tanz“ von Affandi ausgestellt. Viele auslaendische Kuenstler machten Bali zur Heimat ihres Herzens. Alle wurden und werden noch von Bali und seinen Kuenstlern beeinflusst, und alle haben auch einen mehr oder weniger starken Einfluss auf die balinesische Kunst und balinesische Kuenstler ausgeuebt, beziehungsweise ueben ihn noch immer aus. An dieser Stelle ist ein Kuenstler zu nennen, der einen so grossen Einfluss auf die balinesische Malerei hatte und noch immer hat, dass er als der Vater des „Young Artist’s Movement“ von Penestanan, Ubud, bezeichnet wird.
Die Rede ist von Ari Smit, 1916 in Zaanden, Holland, geboren, der seit mehr als fuenfzig Jahren auf Bali lebt – und noch immer unermuedlich malt. Ari Smit liess sich 1958 in Ubud nieder, nachdem er vorher in verschiedenen Doerfern Balis lebte; zwischen 1938 und 1958 verbrachte Smit in Indonesien und arbeitete fuer die hollaendische Regierung. Waehrend des 2. Weltkriegs war er Kriegsgefangener in Singapur und Thailand; er war einer der Kriegsgefangenen, die von den Japanern gezwungen wurden, die Buecke ueber den Kwai zu bauen (River Kwai-Bridge). Ari Smit versuchte den jungen balinesischen Kuenstlern in erster Linie eine Sache naeherzubringen: sie sollten ihren eigenen kuenstlerischen Weg gehen – farbenfoh, naiv und frei von Konventionen. In der Geschichte der Kunst des 20. Jahrhunderts wird Ari Smit in Erinnerung bleiben als derjenige, der Elemente der fauvistischen und expressionistischen Malerei aus Europa nach Suedostasien brachte, besonders nach Bali. Smit ist noch immer aktiv als Maler, und die Sammlung im Ari-Smit-Pavillon kann nur einen knappen Ausschnitt aus seinem Lebenswerk zeigen – dieser aber ist absolut sehenswert. Also: hingehen, schauen, entdecken, geniessen.
(Haben Sie inzwischen bemerkt, wie alt manche Kuenstler in Indonesien und auf Bali wurden?)
Das war der Abschluss dessen, worauf ich besonders hinweisen wollte. Grundsaetzlich aber heisst die Empfehlung: gehen oder fahren sie hinaus zum Neka Art Museum und besuchen Sie ein Juwel unter den Museen auf Bali. Es lohnt sich. Glauben Sie mir.
Ubud, meine Liebe:
Fluchtpunkt Botanischer Garten
Wissen Sie, was ich mache, wenn mir das „Leben im Paradies“ zwischendurch heftig auf die Nerven geht? Ich verrate es Ihnen: ich nehme meine kleine Mio, mein Moped, fahre hinunter zur Hauptstrasse, lasse den wuseligen Markt hinter mir und biege nach links ein in die Jalan Tirta Tawar. Auf ihr fahre ich weiter, bis ich schliesslich beim Botanischen Garten ankomme. Von unserem Haus aus sind das genau 2900, vom Markt aus gemessen, 2200 Meter. Nicht mehr.
Dort, in Ubuds Botanischem Garten bekomme ich das, was ich zwischendurch im taeglichen Leben in Ubud vermisse: Ruhe und Natur.
Erstaunlich genug: der mit 4 ha (40.000 Qadratmeter) grosse Garten ist eine durch und durch private Einrichtung. Weniger erstaunlich: er wurde von einer Oesterreicherin, einem Deutschen und einer Indonesierin gegruendet – von Herta Falkenburg, Stefan Reisner und Ibu Faizah. Wiederum erstaunlich: es sind gar nicht so viele Besucher, die hierher finden, wie man vielleicht befuerchtet hat,. Das heisst, man kann die unbeschreiblich erholsame Atmosphaere des gesamten Areals wirklich.
Aber lassen Sie uns jetzt einfach eintreten und herumgehen und uns umschauen, was es alles zu sehen gibt.
Gegenueber der Eingangshalle blickt man hinunter auf eine weite Senke, das wie ein Amphietheater geformt ist, mit einem quadratischen Teich in seiner Mitte, in dem ein kleines, tempelaehnliches Gebaeude steht.
Schauen wir nach links, sehen wir das sogenannte „Orchideenhaus“; darin befinden sich neben vielen Toepfen mit den verschiedensten Orchideen auch eine Cafeterria. Rechter Hand sind eine Pflanzenschule und Verkaufsstaende untergebracht. Schoen gearbeites Kunsthandwerk, Heim-und-Garten-Artikel und -selbstverstaendlich - Gruenpflanzen und Bluemenstoecke aus eigener Zucht, stehen zum Verkauf.
Von hier aus geht man die bequemen Stufen hinunter zu einem schmalen, hurtigen Bach. Wir kommen an einer maechtigen Schildkroete vorbei, die aus grossen und kleineren Feldsteinen zusammengefuegt wurde. Dort fuehrt eine Abzweigung zu den fleischfressende Pflanzen, eine andere zum „Heliconia Huegel“ (vom griechischen helikonios = Berg). Wir folgen keinem der beiden Wege, sondern betreten den „Meditationsplatz“, eine intime Rotunde, wo rustikale, aber durchaus bequeme Sitze zum Niederlassen einladen. Um den sanften und ruhigen Platz sind aus Stein gehauene Buddha-Statuen aufgestellt und Skulpturen von Hindu-Gottheiten. Das ist ein Ort, an dem sich leicht gute Gefuehle und positive Gedanken einstellen koennen – man kann ihn deshalb ohne weiteres auch als Aufforderung zum Meditieren begreifen. Wir gehen weiter zum schattigen „Bambus Waeldchen“ und zu einem „Orchideen-Garten“ mit einer grossen Zahl und Vielfalt an wunderbaren verschiedenfarbigen Blueten, spazieren am „Lilien-und Lotusteich“ entlang und informieren uns im „Kraeutergarten“ ueber nuetzliche Pflanzen.
In der Naehe des Regenwaldes erinnern uns Schilder daran, welchen Einfluss das Klima in Suedostasien auf jede auch noch so naturbelassene Umgebung hat: „Waehrend der starken Ueberschwemmung ist der Regenwald voruebergehend geschlossen. Wir bitten um Entschuldigung.“ Also verlassen wir das von den Geraeuschen strudelnden Wassers erfuellte Flusstal und setzen unseren Weg fort, hinauf zu „Das Labyrinth“ und „Der islamische Garten“. Haben Sie es bemerkt? Hinduismus, Buddhismus und der Islam sind hier wohl vertreten in diesem von Menschen geformten Stueck Natur – auf eine gute und harmonische Art und Weise.
Weil ich alleine unterwegs war, hatte ich keine Moeglichkeit, das „Liebesnest“ auf seine Qualitaeten hin zu ueberprufen. Ich liess es einfach unbesucht rechts liegen.
Dem Hinweispfeil folgend kam ich zum „Labyrinth“. Ein Labyrinth, ein Irrgarten, kann Gefuehle und Verstand ganz schoen herausfordern. Nach alter hinduistischer Lehre hat eine schwangere Frau eine leichte Geburt, wenn sie durch ein Labyrinth geht. In anderen Kulturen soll das Labyrinth helfen, den Verstand zu klaeren, die Potenz zu staerken oder suendige Seelen aus dem Fegefeuer zu erretten. Oder es symbolisiert den Weg des Glaeubigen vom irdischen Jammertal zum Paradies und zu Gott. Oder es einfach ein schoenes Versteck fuer verliebte Paare und ein Tummelplatz fuer Kinder.
Das begehbare Layrinth im Botanischen Garten von Ubud ist durch entsprechend gepflanzte Hecken entstanden –hoeher als zwei Meter und sehr dicht. Bereits nach kurzer Zeit kann man sich verlaufen und es kann sich das Gefuehl einstellen, unrettbar verloren zu sein. Aber keine Angst: schlussendlich hat noch jeder wieder den Weg nach draussen gefunden. Die Suche nach dem Ausgang aus dem Labyrinth – zusammen mit Kindern oder anderen geliebten Menschen -, kann eine Menge Spass machen und manche Aufregung verursachen. Auch koennen Sie sich dabei als qualifizierter Labyrinth-Fuehrer unverhoffte Anerkennung verdienen. An dieser Stelle muss ich zugeben, dass ich mich im Labyrinth selbst nicht verlaufen habe, aber in einem verhaeltnismaessig langweiligen Abschnitt daneben, wo mein Weg wie eine Sackgasse einfach aufhoerte - direkt vor einer Unmenge dicht wachsender Pflanzen. Ein schlaues Schild informierte mich: „Apostle Plant, Neomarica gracilis, Orig: Mexico to Brazil“. Jetzt moechte ich Sie doch fragen: ist das vielleicht nichts?
Nachdem Sie den „islamischen Garten“ besucht haben, koennen Sie den Weg weitergehen, der Sie schliesslich zurueckbringt zum Orchideen-Haus und zur Cafeterria. Wenn Sie Glueck haben, treffen Sie dort Ibu Faizah und koennen mit ihr ein wenig plaudern. Die Mitbesitzerin und Organisatorin des Botanischen Gartens ist eine sehr charmante Frau und eine von ganzem Herzen kenntnisreiche Liebhaberin von Orchideen.
Oder Sie setzen sich einfach hin, trinken einen Kaffee und geniessen einen kleinen Snack und denken noch einmal an das, was Sie in den zurueckliegenden eineinhalb oder zwei Stunden gesehen und erlebt haben: die schoene und einfuehlsame Anordnung und der Aufbau der ganzen Parkanlage; die gut verstaendlich verfassten Info-Schilder mit Texten zu fast jeder Pflanze; die vielen fleissigen Arbeiter, die sich um das Ganze kuemmern und versuchen, die Schaeden zu beheben, die jeder Tag waehrend der Regenzeit bringen kann (erinnern Sie sich nur an den geschlossenen Regenwald); und geniessen Sie noch einmal die natuerliche Ruhe und den Frieden, die ueber dem gesamten Park liegen: keine Busse - keine LKW - keine Motorraeder – kein Hupen – kein Reisbauer, der mit lauter Maschine die Reisfelder rauf- und runterpfluegt. Nur Stille – gurgelndes Wasser – die Voegel – Ziegenmeckern von Zeit zu Zeit (wer weiss, warum die Ziegen meckern?) Das ist alles. Ich vermisste keine Elefanten, keine Affen, keine Tiger. Dafuer gibt es den Safari Zoo, den Monkey Forest und den Zirkus. Hier, im Botanischen Garten, brauche ich das nicht. Und schon gar nicht fuer nur 50.000 Rupiah Eintritt.
Ubud, meine Liebe:
Hanoman und andere Affen
Drei Namen in Ubud bringen uns in Kontakt mit einer der wichtigsten Figuren im hinduistischen „Ramayana“- Epos: das sind die Monkey Forest Street, die Hanoman Street und der Monkey Forest – drei Ziele, die von fast allen Besuchern angesteuert werden, die nach Ubud kommen. Um was geht es eigentlich im „Ramayana“ und und mit den ganzen Affengeschichten?
Nebem dem „Mahabharata“ – der großen Geschichte der Bharatas, dem bekanntesten indischem Epos – ist das Ramayana - der Weg Ramas - das zweite bedeutende indische Nationalepos. Niemand weiss genau, in welcher Zeit das Ramayana niedergeschrieben wurde – es wird ein sehr breiter Zeitraum zwischen dem 4. Jahrhundert vor und dem 2. Jahrhundert uZ. zugrunde gelegt; ein Text in Arbeit, sozusagen. Das uns heute bekannte Ramayana umfasst sieben Buecher mit ungefaehr 24.000 Versen, „Shlokas“ -es wurde wahrscheinlich im 2. Jahrhundert u.Z. abgeschlossen. Die Ramayana-Erzaehlung berichtet ueber Rama, einem Prinzen des indischen Koenigreiches Kosola, einem Helden und Gott; und ueber seine Frau Sita, der Tochter des Koenigs Janaka von Videha; ebenso von Ravana, dem Daemon, der Sita entfuehrte und nach Lanka brachte. Ausserdem wird von Sugriva, dem Koenig der Affen, erzaehlt und – jetzt kommen wir zum Punkt – von seinem Minister Hanoman. Hanoman ist der General der Affenarmee, und er ist der treueste und loyalste Diener Ramas. Mit der Hilfe seiner Kraft, seiner Klugheit und seiner Milde unterstuetzt und rettet Hanoman seinen Herren Rama und dessen Familie.
Hanoman wird durch einen Affen verkoerpert, und in den Erzaehlungen erscheint er als Fuehrer einer tuechtigen und machtvollen Armee von Affensoldaten. Kraft, Klugheit und Milde – diese verehrungswuerdigen Eigenschaften Hanomans, machten ihn in der hinduistischen Welt sehr beliebt, und manchmal wurde er – und wird er noch – als Gott verehrt.
Folgt man der balinesischen Version des Ramayana, dann leben noch immer Reste von Hanomans Armee auf Bali: eine grosser Teil im Affenwald von Sangeh, ein anderer in der Gegend um Wanagiri und ein dritter in Wanara Wana, dem Affenwald von Ubud oder in den Anlagen um den Uluwatu-Tempel. Die Affen in diesen Arealen sind tatsaechlich Bali Macacas, die zur Familie der Guenons gehoeren, der Langschwanzaffen. Kenner behaupten, dass in Ubuds Wanara Wana drei Klans leben, bestehend aus zusammengezaehlt ungefaehr 140 Affen.
Verglichen mit der Bedeutung des Wortes in unserer Sprache, ist der Monkey Forest mehr ein Park als ein Wald. Dennoch – Wald oder Park – der Monkey Forest ueberrascht mit einer nicht leicht zu beschreibenden Atmosphaere aus Erhabenheit, Urspruenglichkeit und Lebendigkeit seiner Tier- und Pflanzenwelt und einer unerwarteten Ruhe inmitten dieser geschaeftigen Stadt Ubud. Wenn man diese Atmosphaere besonders intensiv erleben will, sollte man sich am bereits am fruehen Morgen – gleich nach Sonnenaufgang – auf den Weg machen. Dann hat man die Gelegenheit, den erwachenden Tag zu erleben: die Morgensonne, die durch das dichte Laube scheint, den lauten Gesang der Voegel, die alten und jungen Affen, die von ihren Baeumen klettern, immer noch ein wenig verschlafen, oder bereits recht verspielt. Um diese Zeit trifft man selten auf andere Besucher; das Reinigungspersonal, das den Muell vom Vortag wegschafft, kommt gegen 7.00 Uhr. Man hat den Park fast fuer sich allein und muss ihn nur mit denen teilen, die hier zu Hause sind.
Aber auch waehrend dieser kostbaren stillen Stunde sollte man bestimmte Regeln beachten: die Affen nicht fuettern; nicht versuchen, sie zu beruehren und in ihre Aktionen einzugreifen. Dinge wie Brillen, Halsketten, Armbanduhren, Fotoapparate und Handtaschen sollte man entweder dicht am Koerper tragen oder in einer groesseren und schwereren Tasche verstauen. Die Affen sind naemlich nicht nur suess, sondern auch verspielt, neugierig, geschickt und schnell – und manchmal koennen sie wirklich wild werden - aus welchen Gruenden auch immer. Am besten gibt man ihnen keine Chance, sich etwas von seinen Sachen zu schnappen und damit in den Buesche oder hoch in den Baeumen zu verschwinden. Es kann unter Umstaenden recht lange dauern, bis so ein Affe einen Gegenstand wieder herausrueckt. Und manchmal tut er das nicht und man wartet vergeblich..
Im Park lohnt es sich, die Pura Prajapata zu besichtigen, den Platz, wo die Verbrennungen stattfinden und die Pura Dalem Agung Padang Tegal - Padang Tegal heisst die angrenzende Nachbarschaft, das Viertel. Dieser Tempel ist Durga geweiht, der Goettin des Todes. Das grosse Eingangstor zum Tempel ruht auf Bedawang, einer riesigen Schildkroete, die die Unterwelt versinnbildlicht. Das Tor wird von sieben Rangas bewacht, zwei davon scheinen tatsaechlich kleine Kinder zu verschlingen. Unbedingt zu empfehlen ist ein Besuch der kleinen Pura Beji: viele Stufen fuehren zu einer tiefen Schlucht hinunter; zwei lange Schlangen aus Beton bilden das Gelaender der steilen Treppe. Am Ende der Treppe und neben einem quadratischen Wasserbecken steht der Tempel. Maechtige Baeume umgeben den friedlichen und meditativ anmutenden Ort, der fuer manchen Besucher durchaus eine spirituelle Oeffnung darstellen kann. Wenn man will, kann man auf einem schmalen Pfad dem Bachlauf folgen und sich dabei vorstellen, an einen der geheimnisvollen Plaetze von „Mutter Erde“ zu gelangen.
Im nordoestlichen Teil des Parks – ein paar Stufen treppauf – stoesst man auf die Pura Prajapati und die neu erbaute Veranstaltungs- und Austellungshalle.
Wanara Wana, der Monkey Forest, hast uebrigens drei Eingaenge: zwei an der Monkey Forest Street und einen auf der gegenueberliegenden, suedlichen Seite des Parks, in Nyuh Kuning.
Ubud, meine Liebe:
Reisfelder, immer wieder Reisfelder – Eine Wanderung
Wenn man die nachfolgend beschriebene Wanderung unternehmen moechte, kann man zwischen fuenf Moeglichkeiten waehlen: man kann Voegel beobachten, Kraeuter bestimmen, einfach den Reisfeldern entlangspazieren, einen „Kunstpfad“ beschreiten oder sein Interesse an organischem Garten- und Landbau befriedigen. Wenn ich selbst diesen Spaziergang von Zeit zu Zeit unternehme, bevorzuge ich den Kunstpfad und schaue mir an, was der Garten-und Landbau so macht, den gemuetlichen Gang entlang der Reisfelder bekomme ich sowieso geliefert. Kommt man von Ubuds Zentrum und geht in Richtung Campuhan-Bruecke, also von Ost nach West, muss man - kurz bevor die Strasse zum Fluss hinab abfaellt - auf der rechten Seite nach mehreren Schildern Ausschau halten: „Abangan Bungalows“, steht auf einem, „Sari Organic“ auf einem anderen. Liest man auf einem Schild „Notaris ...“, dann ist es schon zu spaet - man ist bereits zu weit gegangen. Ueber eine steile, leider sehr schlechte, Strasse gehts hinauf; an ihrem Ende nach links nicht den breiten, beidseitig von Bueschen gesaeumten Weg nehmen, der einer Allee gleicht, nein, man biegt in den dahinterliegenden schmalen Weg, der auf beiden Seiten von einer Mauer begrenzt ist - hier gehts entlang. Dabei muss man das eine oder andere Mal den Weg mit einem Motorrad- oder Radfahrer teilen – also aufgepasst. Nach einer scharfen Kurve vor „Gustis Garden“, erreicht man die offene Landschaft und hat – bei gutem Wetter – eine atemberaubende Sicht auf die Berge im Westen, ueber grossflaechige Reisfelder und zahlreiche Gruppen maechtiger Kokosnusspalmen hinweg.
Jetzt wird es still und nichts stoert mehr; nur die schmalen Bewaesserungskanaele links und rechts murmeln vor sich hin. Die Reisterrassen sind hoch und voll fruchtbarer Erde; auf beiden Seiten des Weges stehen hohe Palmen und spenden grosszuegig Schatten.
Ist man inzwischen nicht in einen Kanal oder in ein Reisfeld geplumpst, sollte man jetzt „Pandis Studio and Gallery“ erreicht haben. Das ist einer der Hoehepunkte auf der Wanderung: I Nyoman Sutaria, der sich den Kuenstlernamen „Pandi“ gegeben hat, ist ein „unique visual artist“ – ein einzigartiger bildender Kuenstler also -, der fuer sich in Anspruch nimmt, bis 2020 beruehmt zu werden; das schreibt er auch auf viele seiner Bilder. In einer kleinen Huette malt er und stellt dort auch aus: ganz aktuelle Arbeiten und Bilder, die bis in die 1990er Jahre zurueckreichen. Ich kann Pandi nicht ganz ernst nehmen mit seinem „Famous in 2020“, weil er tatsaechlich jetzt schon beruehmt ist - zumindest in Ubud gehoert er zu den bekannten Kuenstlern und wird hin und wieder sogar von Kollegen kopiert; vielleicht meint er mit beruehmt ganz einfach wohlhabend oder reich.
Pandi malt gerne Frauen in allen nur denkbaren Weisen – bekleidet oder nackt, jung oder alt, als Portraits oder Ganzfiguren, stark farbig oder in Schwarzweiss, in grossen, mittleren und kleinen Formaten. Und er liebt Tiere, ebenfalls stark farbig oder in Schwarzweiss, in grossen, mittleren und kleinen Formaten: Hunde, Stiere, Voegel und Tiere, bei denen man nicht sehen kann, ob sie Dromedare, Hunde oder Kaenguruhs darstellen. Manchmal fuegt er seinen gemalten Figuren geschriebene Erklaerungen hinzu, die er frei und ungezwungen auf die Leinwaende pinselt. Wie auch immer – Pandi ist ein aussergewoehnlicher und sehr freundlicher Typ, aufgeschlossen und offen fuer Plaudereien - es zahlt sich aus, bei ihm anzuhalten, mit ihm zu schwaetzen und seine Bilder naeher zu begutachten.
Einige hundert Meter weiter von Pandis Galerie erreicht man eine Oase der visionaeren Art, inmitten von all dem Gruen der Reisfelder gelegen: „Sari Organic“. Sari Organic ist das Projekt und gleichzeitig das zu Hause von Nila, der Eigentuemerin und Betreiberin des Unternehmens und balinesischen Frau von Oded. Oded, ein Amerikaner israelischer Herkunft, ist der Gruender und Ideengeber dieses auf Bali sehr speziellen Projekts. Ja, was ist denn so speziell an Sari Organik? Ob man es glaubt oder nicht – Tasache ist, dass zwei Leute in dieser Ecke der Welt eine „Experimentation Station for Farming and Food Processing“ aufbauten und erfolgreich betreiben. Sie bauen Gemuese und Reis an – frei von chemischen Stoffen -, als ein Betrag fuer die Umwelt, fuer die balinesischen Bauern und als Moeglichkeit, saubere und gesunde Lebensmittel fuer die Menschen zu erzeugen. Die Aufgabe von Sari Organic war es – und ist es noch immer – ein Modell fuer einen baeuerlichen Familienbetrieb zu entwickeln, das man uebernehmen und weiterentwickeln kann - ein Modell fuer Bauern aus der Umgebung, fuer Bauern auf Bali und in Indonesien im Allgemeinen. Aufgebaut auf den Prinzipien wie „Permakultur“ und „Fair Trade“, begann Sari Organik 1992 auf 4000 Quadratmeter Land Gemuese anzubauen. Die Anlage wird mit Solarenergie betrieben und - wenn notwendig – zusaetzlich mit ueblichem elektrischem Strom aus der Steckdose. Sari Organic fing ausserdem damit an, organischer Reis zu erzeugen. Fuer beides – chemiefreies Gemuese und chemiefreien Reis - bildete sich ein wachsender Markt. Inzwischen ist seine Landwirtschaft stark gewachsen, aber „die meiste Zeit haben wir nicht genuegend Produkte, um unsere Kunden vollstaendig beliefern zu koennen“, sagt Oded. Die Zusammenarbeit mit einigen Bauern in der Nachbarschaft funktioniert gut. Sari Organic verkauft seine Produkte nicht nur an Restaurants und private Haushalte, es beliefert auch den woechentlich stattfindenden Oekomarkt in Ubud. „Wir versuchen, die Preise fuer unser organisch gezogenes Gemuese so niedrig wie moeglich zu halten, damit es von mehr Menschen gekauft werden koennen. Die Reaktionen unserer Kunden sind geradezu enthusiastisch.“ Am Schluss unseres Ausflugs in die Welt organischen Garten- und Landbaus kann man auf einen Drink, einen Snack oder ein Gericht a la Carte ins Sari-Organic-Restaurant gehen. Atmosphaere und Aussicht sind einfach grossartig und eine fast staendig wehende Brise macht den Aufenthalt besonders angenehm; selbstverstaendlich ist alles, was man verzehrt frei von chemischen Stoffen.
Und weiter gehts auf unserem Spaziergang oder unserer Wanderung – ganz wie man es nennen will. Der Pfad wird jetzt ganz naturbelassen, ohne festen Belag, und es empfiehlt sich, waehrend oder nach einem Regenfall besonders vorsichtig zu gehen. Schmale, hurtige Kanaele begleiten den Weg auf beiden Seiten und bald kommt man einem gepflegten Anwesen vorbei. Die dramatische Aussicht hinunter zum Fluss ist ein Grund, den Weg weiter zu verfolgen. Etwa 800 Meter nach Sari Organic trifft man auf eine kleine Kunstgalerie, in der man all die Dinge wiederfindet, die den Touristen entlang der Hauptstrassen Ubuds angeboten werden. Aber die Natur verzeiht und entschaedigt mit einem Blick hinunter auf einen zweiten Fluss und auf die malerische Landschaft: hier gibt es nur landwirtschaftlich genutzte Flaechen – Reis und Kokosnuesse vor allem – und nur einige wenige Gebaeude stoeren die Vorstellung, wie es hier in der guten alten Zeit ausgesehen haben mochte. Ein sanfter Wind bewegt das kraeftige Gruen der Reispflanzen wie Wellen – dieses Bild mag tief in uns eindringen und vielleicht unser Herz und unsere Gedanken oeffnen und zu einer (abermaligen) Verliebtheit mit Ubud und mit Bali fuehren und mit dem Leben in seiner moeglichen Einfachheit und Schoenheit. Einen halben Kilometer weiter kann man den Maler Nyoman kennenlernen. In seiner einladenden und gut ausgestatteten kleinen Galerie zeigt er eigene Bilder und die Arbeiten von Kollegen – eine schoene Auswahl an Gemaelden in traditionellen Stilrichtungen. Man kann Nyoman dabei beobachten, wie er auf einer Leinwand akurat ein Bild vorzeichnet, das er anschliessend mit Farbe ausmalt. Auf keinen Fall benuetzt er im Siebdruckverfahren schwarz auf Leinen gedruckte Zeichnungen, wie das von besonders verkaufsorientierten Herstellern praktiziert wird. Er ist ein wirklich echter und kompletter Maler. In Nyomans Galerie kauft man ehrliche Originale, geschaffen von einem stolzen Kuenstler. Dazu sollte man vielleicht wissen, dass oft Kinder und Jugendliche auf Leinen vorgedruckte Bilder in arbeitsteiligen Prozessen kolorieren – in einer Art von Kunstsklaverei. Diese billige Ware wird dann als Originalkunst in Ubuds beruehmtem „Tourist Market“ und entlang der Hauptstrassen der Stadt angeboten.
Nach weiteren dreihundert Metern wird es etwas touristischer: mehrere kleine Kunstgalerien und ein Silberschmied preisen ihre Artikel an; ausserdem kann man auf einen Kaffee oder Softdrinks einkehren.
Langsam, langsam kommt unser Ausflug zu seinem Abschluss. Am Ende des Pfades stehen Schilder, wie man auf die Strasse nach Ubud kommt. An dieser Stelle zwei Empfehlungen: No.1, den gleichen Weg zurueckgehen, den man hergekommen ist; No.2, bereits vorher eine Fahrgelegenheit organisieren oder an Ort und Stelle nach einer solchen Ausschau halten, die einen zurueck in die Stadt bringt. Die Strasse hinunter endet an der Hauptstrasse, direkt zwischen Palast und Banjar Hall. Diese Strecke auf der Strasse zu gehen, zieht sich mehr als man annimmt und ist auch ein wenig langweilig.
Auf keinen Fall sollte man einen Regenschirm vergessen. Das Wetter in Ubud kann sich in ausgesprochen kurzen Intervallen aendern. Auch waehrend der sogenannten trockenen Jahreszeit kann es einen mit einem kraeftigen Guss warmen Wassers vom Himmel ueberraschen. Die Leute nennen das einen Regenschauer, Regen, heftigen Regen oder Gewitterregen – je nach dem.
Ubud, meine Liebe: Sind die aktuellen Stromsperren wirklich nur stoerend?
In diesen Tagen gibt es wieder zahlreiche Stromsperren auf Bali, Java und anderen indonesischen Inseln. Auch in Indonesien waechst der Bedarf an elektrischer Energie unaufhoerlich und der staatliche Energieversorger PNL versucht, dem Mangel mit Rationierung zu begegnen. Die Situation als solche liefert – neben der oft aergerlichen Einschraenkungen - einen guten Grund, sich zurueckzulehnen und wieder einmal ueber die Bedeutung der Elektrizitaet fuer alle von uns nachzudenken. Vor etwas mehr als einhundert Jahren, gab es in Deutschland bereits so viele Elektrizitaetswerke, dass elektrischer Strom im ganzen Land zur Verfuegung stand. Freilich dauerte es noch eine ganze Weile, bis auch das letzte und abgelegenste Dorf an das Versorgungsnetz angeschlossen werden konnte. Die Moeglichkeiten durch die neue Energiequelle waren gewaltig und seine Nutzung veraenderten die industriellen Produktionsmethoden weltweit und veraenderten das Leben der Menschen und ihren Lebensstil fundamental. Wenn man nur an all die Industrieanlagen, Maschinen, Aggregate und Werkzeuge denkt, die nun ueberall auf der Welt Tag und Nacht genutzt werden koennen – 365 Tage und Naechte im Jahr. Oder wenn man die elektrisch betriebenen Gegenstaende ins Auge fasst, die uns zu Hause und in unserem taeglichen Leben zur Verfuegung stehen, die Informations- und Unterhaltungsgeraete nicht zu vergessen, die elektrisch betrieben werden.
Tag und Nacht: die Nacht zum Tag machen – das ist es, was wir mit Hilfe des elektrischen Stroms tun. Wir benuetzen alle moeglichen Lampen und Gluehbirnen – heute nennen wir das Beleutungskoerper und Leuchtmittel – und versuchen, daemmerig in strahlend hell und farblos in vielfarbig umzuwandeln. Die Elektrifizierung war einer der Hauptschritte der industriellen Umwaelzungen (Revolutionen?) im 20. Jahrhundert. 1920 stellte Lenin fest: „Kommunismus – das ist Sowjetmacht plus die Elektrifizierung des ganzen Landes.“
Der weltweiten Nutzung des elektrischen Stroms folgte die Nutzung der Energie, die durch die Atomspaltung freigesetzt werden kann und dann folgten die Computerisierung und Digitalisierung fast aller Prozesse in Industrie, Kommunikation und in den Verwaltungs- und Dienstleistungsbereichen; der zweite und der dritte Schritt basierten und basieren auf dem ersten Schritt: dem Angebot an elektrischer Energie.
An diesem Punkt kehren wir zureuck nach Bali und nach Ubud: Wenn man mit Balinesen spricht oder mit Auslaendern, die schon seit langer Zeit auf Bali leben, dann koennen sie sich noch sehr klar an die Zeiten erinnern, in denen es noch keinen Strom auf der Insel gab. Einige dieser Menschen bekommen romatisch strahlende Augen, wenn sie davon erzaehlen, wie natuerlich und wie anders das Leben damals war. Vielleicht haben die langen und dunklen Naechte ohne Radio, Fernsehen, CDs oder DVDs etwas zu tun mit den zahlreichen Kindern, die die Familien damals hatten? Wer weiss?
Aber eines ist klar: das lag vierzig oder dreissig Jahre zurueck und heute haben wir „moderne Zeiten“ – auch Bali ist davon eingeholt worden. Moderne Menschen in modernen Zeiten wuenschen sich ueberall helles Licht, sie wollen Telefon und Fernsehen, warme Duschen und Klimageraete, kalte Getraenke und kochendes Wasser, 12-Stunden-Waescherei-Service inklusive Buegeln und billige Handwerker, die mit elektrisch betriebenen Maschinen schneller arbeiten als bisher.
Meine Schwiegereltern – ein echt balinesisches Paar – zahlt pro Monat vielleicht 25.000 Rupiah an die Elektrizitaetsgesellschaft; meine balinesische Frau bezahlt 175.000 bis 200.000 Rupiah fuer den gleichen Zeitraum. Das ist ein Unterschied zwischen den alten und den neuen Zeiten.
Als ich ein kleiner Junge war, gab es im Muenchen der zweiten Haelfte der 1940er Jahre elektrischen Strom nur stundenweise. Die meisten Elektrizitaetswerke waren im Zweiten Weltkrieg durch die Bombenangriffe der Alliierten auf die Stadt schwer beschaedigt oder zerstoert worden, und es dauerte Jahre, bis wieder eine brauchbare Infrastruktur aufgebaut werden konnte. Meine Mutter war alles andere als gluecklich ueber diese Situation, musste sie doch meist ohne Strom auskommen und ihre taegliche Hausarbeit um die wechselnden Stromsperren des Elektrizitaetswerkes herum einrichten. Ich aber habe durchaus schoene Erinnerungen an diese fast gemuetliche Zeit: den Geruch der Stearinkerzen, das weiche Licht, die Hitze ihrer Flammen und die manchesmal wilden Schatten an Waenden und Decken oder die Aufregung, wenn die Streichhoelzer nicht zu finden waren, um die uebersichtlich und griffbereit aufgestellten Kerzen anzuzuenden. Jetzt, wenn der elektrische Strom auf Bali und damit auch in Ubud rationiert wird, kommen einige dieser Kindheitserinnerungen zurueck. Nicht nur diese, sondern auch das Bewusstsein, dass wir alle mehr Elektrizitaet verbrauchen, als der Stromversorger bereitstellen kann. Aber was koennen wir tun, hier auf Bali oder in der Heimat zu Hause, um weniger Strom zu verbrauchen? Im eigenen Haushalt haben wir einige Dinge geaendert: fast alle gewoehnlichen Gluehbirnen haben wir durch Energiesparlampen ersetzt; bei insgesamt fuenfzehn Raeumen plus acht Baedern (unser angemietetes Haus war frueher einmal eine Pension gewesen), mehreren Fluren und der Hofbeleuchtung war das tatsaechlich eine groessere Investition. Wir verzichten auf die Standby-Funktionen bei den elektrischen Geraeten wie Laptop, Scanner, Drucker, CD- und DVD-Geraet; Standby-Funktionen verbrauchen mehr Strom als wir gewoehnlich annehmen. Die installierten Deckenventilatoren benuetzen wir nur, wenn es tatsaechlich zu heiss wird; Klimageraete haben wir nicht. Zusammengenommen: wir versuchen Strom zu sparen, wo immer das moeglich ist – das ist gut fuer die Umwelt und gut fuer unseren Geldbeutel.
Aber wir freuen uns selbstverstaendlich darueber, wenn der elektrische Strom wieder fliesst und wir zum normalen modernen Leben zurueckkehren koennen: Lesen bei hellem Licht, einen Film anschauen, den Komputer benuetzen und bei hellem Licht sehen, welches Essen sich auf dem Teller und welches Getraenk sich im Glas befindet. Ich behaupte, dass auch das ein Teil vom „Leben im Paradies“ ist.
Nachtrag: Auf Bali wird kein elektrischer Strom produziert. Er kommt von einem Kraftwerk auf Ost-Java und gelangt mit Hilfe von drei dicken Kabeln, die unter der Bali Strait auf dem Meeresboden verlegt wurden, auf unsere Insel. Seit Jahren besteht die Absicht, in Norwest-Bali ein eigenes Kraftwerk zu bauen. Aber wie bei so vielen andere Dinge auch, dauert es hier oft etwas laenger, bis eine Absicht verwirklicht wird.
Indonesien plant den Bau von vier Atomkraftwerken; eines davon soll am Fuss eines Vulkanes entstehen (!). Der Ausbruch des Merapie 2010, und die Katastrophe von Fukushima 2011, fuehrten dazu, das diese Plaene erst einmal auf Eis gelegt wurden. Das Problem knapper elektrischer Energie hat Indonesien damit aber noch nicht geloest.
Ubud, meine Liebe: Von Isolation zu Integration - Senang Hati = Glueckliche Herzen Text zusammen mit Vern Cork
Wenn man die Hauptstrasse in Richtung Postamt und der grossen Skulptur neben Ubuds einziger Verkehrsampel hinunterspaziert, kann man ihn - ziemlich genau gegenueber von „Highway“ gelegen -eigentlich nicht verfehlen: den neuen Laden von „Senang Hati-Foundation“. Senang Hati bedeutet Glueckliche Herzen – und was kann besser sein, als ein glueckliches Herz zu haben? Natuerlich kann man ein glueckliches Herz nicht kaufen, aber es macht das Herz ein bisschen gluecklicher, wenn man im Senang Hati Laden einkaufen geht. Warum das, ist zu fragen, was unterscheidet diesen Laden von den vielen anderen entlang von Ubuds geschaeftigen Haupt- und Nebenstrassen? Der Senang Hati Laden ist ein Ergebnis einer grundsaetzlichen Entscheidung, die 2001 getroffen wurde und einer weitreichenden Verpflichtung, die dieser Entscheidung folgte: Von der Isolation zur Integration – Freude zu behinderten Menschen auf Bali bringen. Hier sind die Geschichte und einige Informationen ueber die Senang Hati-Foundation.
Viele behinderte BalinesInnen leben noch immer in relativer Isolation – vor allem bedingt durch die kulturelle Bewertung ihrer Behinderung. Behinderungen werden oft als karmische Strafe betrachtet oder als das Ergebnis von Schwarzer Magie. Oft verhindern aber auch Verlegenheit, Scham und der Mangel an Verstaendnis, dass Behinderte eine angemessene Behandlung erfahren oder Wege finden koennen, die ihnen ein glueckliches und erfuelltes Leben ermoeglichen.
Die Geschichte von Sengan Hati hat zwei Wurzeln: 1997 wurde die behinderte Malerin Ibu Putu Suriati eingeladen, an einer Gruppenausstellung teilzunehmen – ein grosser persoenlicher Erfolg fuer sie; mit einer zweiten Ausstellung, die 2000 im Bali Beach Hotel veranstaltet wurde, war sie ebenfalls erfolgreich. Ermutigt von den beiden erfolgreichen Ausstellungen, kamen von da an jeden Monat einige behinderte Kuenstler zusammen, um miteinander sowohl ihre Arbeiten, als auch ihre Ideen und Plaene zu besprechen und zu diskutieren.
Erkennend, dass die soziale Isolation eines der Haupthindernisse in der Entwicklung von Selbstvertrauen darstellt, organiserte eine kleine Gruppe von Auslaendern Ausfluege fuer behinderte BalinesInnen. Fuer viele Behinderte war es das erste Mal, dass sie aus ihrem Dorf herauskamen und Leute kennenlernten, die unter vergleichbaren Umstaenden lebten.
Von 2002 an wurde regelmaessig „Wassertherapie“ betrieben, dann kam eine Theatergruppe dazu und es wurde Toepferunterricht angeboten. Im Mai 2003 wurde die Gruppe offiziell unter dem Namen Senang Hati als Stiftung anerkannt. Die Leitung der Stiftung lag von Anfang an – und liegt noch immer - ausschliesslich bei behinderten balinesischen Frauen und Maennern. Kurze Zeit spaeter spendete Glen Adams, ein amerikanischer Geschaeftsmann, das Geld fuer die fuenfjaehrige Pacht von mehreren leerstehenden Schulgebaeuden, die als Veranstaltungszentrum von Senang Hati genutzt werden konnten. Diese Gebaeude befinden sich direkt neben dem Pura Dalem in Tampaksiring im Regierungsbezirk Gianyar. Aus dem Umkreis konnten genuegend Spenden gesammelt werden, um die Gebaeude zu renovieren. Heute sind dort Klassenzimmer untergebracht, eine Kunstgalerie, ein Raum fuer Kunsthandwerk, einer mit Physiotherapie-Geraeten, ein Computerraum und mehrere Schlafraeume.
Hauptziel von Senang Hati ist es, das Selbstbewusstsein von Behinderten zu staerken und sie in ihrer sozialen, wirtschaftlichen und physischen Unabhaengigkeit und Integration zu unterstuetzen, nach dem Motto, dass Menschen mit Behinderungen mehr sind als nur ihre Behinderungen. Sie erklaeren: „Was wir koennen ist mehr als das, was wir nicht koennen.“
Von Anfang an war es das Ziel von Senang Hati, mit anderen Organisationen zusammenzuarbeiten. Gleichzeitig entstand die klare Vision, nachdruecklich und selbstbestimmt und mit Freude am Leben teilzuhaben. Senang Hati will eine Gesellschaft aufbauen helfen, die behinderte Menschen willkommen heisst und sie wertschaetzt.
Viele Leben von Mitgliedern von Senang Hati haben sich radikal geaendert, seit sie bei Senang Hati mitmachen. Einen Rollstuhl zu erhalten, hat es vielen moeglich gemacht, ihre Isolation zu beenden und erstmals in ihrem Leben ihr zu Hause zu verlassen und neue, unterstuetzende Freundschaften zu schliessen. Einige von ihnen lernten erfolgreich am Computer, lernten Englisch, wurden Kuenstler oder Handwerker. Einige fanden eine Anstellung in oeffentlichen Verwaltungen oder im privaten Bereich; andere begannen, ihre Kunst oder ihr Kunsthandwerk zu verkaufen – besonders jetzt im neuen Senang Hati-Laden an Ubuds Hauptstrasse Jl. Raya. Einige wenige reisten nach Java und sogar ins Ausland, um an Veranstaltungen oder Trainings teilzunehmen. Nur ein zu Herzen gehendes Beispiel: am 31. Maerz 2009 heirateten Dewa Ayu Sarih und Made Sumerta; beide gehen mit der Hilfe von Kruecken. Sie lernten sich in Seneng Hati kennen – Ayo arbeitet im Bereich Betriebswirtschaft, Made schnitzt kunsthandwerkliche Gegenstaende. Vor zwei Jahren verliebten sie sich ineinander, jetzt sind sie ein Paar, nach dem Gesetz verheiratet und von ihren Familien und den Menschen in beider Doerfer akzeptiert. Eine „Bali-Paradies-Erfolgsgeschichte“, koennte man denken. Nicht wirklich. Die Mitglieder von Senang Hati muessen hart daran arbeiten, um ihre anspruchsvollen Ziele zu erreichen:
Es bedarf dem fortlaufenden Eingang von Spenden, um die Gebaeude zu erhalten und auszubauen, fuer Gehaelter und fuer besondere Aktivitaeten.
Es werden laufend Rollstuehle gebraucht, ebenso Kruecken und Hoergeraete; auch Computer sind jederzeit willkommen. Fuer physiotherapeutische Behandlungen werden noch immer Uebungsbaelle gebraucht, ein oder zwei Massagetische und ein Geraet, um zu behandelnde Koerperpartien aufzuwaermen. Was ebenso notwendig gebraucht wird: Senang Hati moechte gerne erfahrene ehrenamtliche Mitarbeiter dazu gewinnen, ihre Kenntnisse und Faehigkeiten zu teilen und mit den Behinderten zu arbeiten.
Behinderten Menschen auf Bali Freude bringen –
das Senang Hati-Programm beinhaltet:
Medizinische Betreuung: medizinische Behandlungen, die Bereitstellung von Rollstuehlen und anderen Gegenstaenden, Unterricht;
Training: Lesen und Schreiben, Englisch, Selbstbewusstsein und Selbstbehauptung, Faehigkeiten am Computer, Kunst, Kunsthandwerk, Menschenfuehrung;
Koerperarbeit: Physiotherapie, Schwimmen und Wassertherapie, Beweglichkeitstraining, Yoga;
Kulturbetrieb: Besuche balinesischer Tempel, Ausstellungen kuenstlerischer und kunsthandwerklicher Arbeiten, Schreiben und Lesen, Ausfluege und Picknicks, Singen und Musizieren, Schauspiel und Tanzauffuehrungen.
Das waren jetzt eine ganze Menge an Informationen. Wenn Sie jetzt in den Senang Hati-Laden gehen, wissen Sie, dass jedes einzelne Stueck, das dort zum Verkauf ausgestellt ist, von einem Mitglied von Senang Hati angefertigt wurde: die Gemaelde, die Schnitzereien und die Arbeiten aus Perlen und selbstverstaendlich auch das grosse Angebot an Schmuck. Als ein Andenken an das kunstsinnige Ubud, als ein Beitrag zu der Senang Hati-Stiftung und als eine Moeglichkeit, einen Unterschied im Leben Behinderter und in Ihrem eigenen Leben zu machen: treten Sie ein, schauen Sie sich um, geniessen Sie die freundliche Atmosphere, waehlen Sie Ihre Lieblingsartikel aus und – kaufen Sie, bitte, mehr als einen Gegenstand. Es gibt fast nicht Besseres, was man in Ubud tun kann.
Ubud, meine Liebe: Wandern zwischen zwei Fluessen und einem Ozean aus Gras
Seit altersher zog es die Menschen an, sich in der Naehe von fliessendem Wasser anzusiedeln: Baeche, Fluesse, Stroeme oder an Seen und Meereskuesten. Ich muss nur an Samarinda denken und an den breit stroemenden, ueber 700 Kilometer langen Mahakam auf Borneo, an Kairo am Nil, London an der Themse, Paris an der Seine, Hamburg an der Elbe und – als Patriot – Muenchen an der Isar; an Chicago entlang des Michigan Sees und die zahlreichen Staedte, die an Meereskuesten entstanden: Jakarta, Melbourne, Singapur, Alexandria, Athen, Marseilles, Genua, Southamton, Los Angeles, San Francisco und so weiter, und so weiter.
Auch der Zusammenfluss von Fluessen inspirierte die Menschen: als Symbol fuer das Zueinanderfinder und das Zusammenkommen, fuer das Zusammensein und fuer die Vorstellung, sich miteinander zu vermischen – das sind kraftvolle Urspruenge menschlichen Seins und menschlicher Zivilisation.
Es gibt tatsaechlich eine solche Stelle in Ubud, und genau dort beginnen wir unseren Ausflug. Die Stelle ist da, wo die beiden Arme des Campuhan River wild und zugleich romantisch ineinanderfliessen. Man kann das leicht von der hoch ueber die Schlucht gespannten Bruecke aus sehen, und man sollte die Anstrengung nicht scheuen und die Stufen hinuntersteigen, sich hinsetzen und das Strudeln und Gurgeln des Wassers beobachten und belauschen und auf sich wirken lassen. Und es sich gestatten, in eine Art meditativer Trance zu fallen. Wenn man Glueck hat, wird am Flussufer gerade eine religioese Feier abgehalten – farbenfroh, nachdenklich, spirituell, lebendig, heiter – und manchmal sogar ausgesprochen lustig, wenn Kinder daran teilnehmen, die waehrend der Zeremonie gerne ihr eigenen Dinge treiben. Ubud wurde einst an diesem Fluss gegruendet, der als heiliger Bezirk gilt – heilig und gesund. Ubud leitet sich naemlich ab von Ubat - und Ubat bedeutet Medizin. Seit altersher war Ubat und der Capuhan River bekannt fuer seine Heilkraefte und die Balinesen glaubten – und glauben das auch noch heute – dass nach einem Bad im kuehlen Wasser des Flusses die Krankeit verschwindet und die betreffende Person wieder gesund wird. Vom Zusammenfluss des Campuhan River gehen wir hinauf zum Campuhan Tempel und schauen auf diesen wundervoll gelegenen balinesischen Tempel. Es sind in erster Linie nicht seine Architektur oder seine Dekor, die ihn so bemerkenswert machen – sein wirklicher Name lautet uebrigens „Pura Gunung Lebah“, - nein, es ist die Art und Weise, wie er in die Natur eingefuegt ist, die ihn umgibt. Der Pura Campuhan ist eines dieser ganz besonderen Bauwerke auf Bali, wo das von Menschen Geschaffene sich tatsaechlich in grosser Harmonie zusammenfindet mit der Natur und der Landschaft. Vom Tempel aus fuehrt ein schmaler, aber gut gepflasterter Weg hinauf. Der Pfad wird noch schmaler. Und es geht noch weiter bergauf, und man sollte zwischendurch ruhig einmal anhalten, ein kurze Pause einlegen und sich ein wenig umschauen und dem Fluss zuhoeren, der tief unten vor sich hinrauscht. Das mit der Pause erwaehne ich besonders fuer die Leser in meinem Alter, ich werde bald 66.
Schritt fuer Schritt verlaesst man das dichte und dunkle Gruen zwischen den beiden Fluessen und kommt langsam hinauf zum Licht, zum Himmel und zur Sonne. Das koennen sehr ergreifende Momente auf dieser Wanderung sein.
Augenblicklich wird man feststellen, warum es in der Ueberschrift heisst: ein Ozean aus Gras. Auf beiden Seiten, und so weit das Auge reicht, sieht man grosse Flaechen, bewachsen mit Alang-Alang-Gras. Alang-Alang ist eine spezielle Grassorte, die hoch und breit waechst; es wird seit vielen Jahrhunderten auf Bali zum Decken von Daechern benutzt. Auch wenn heutzutage fast ausschliesslich Dachziegel aus gebranntem Ton oder duenn verzinktes Wellblech zum Dachdecken verwendet wird, nutzt man Alang-Alang noch immer, oder wieder, als Dacheindeckung. Heute werden viele Hotels, Resorts oder Homestays mit dem oekologischen, weil ohne Energie-und Resourcenverbrauch nachwachsendem Alang-Alang-Gras gedeckt – viel mehr, als private balinesische Haeuser. Allerdings muss ein Alang-Alang-Dach alle acht bis zehn Jahre erneuert werden, aber das alte Material kann kompostiert werden und belastet die Umwelt nicht.
Vom Weg durch den „Ozean aus Gras“ kann man die zwei Fluesse auf beiden Seiten erkennen; man kann allerdings das stroemende Wasser nicht sehen, jedoch aber die tief eingeschnittenen Taeler. Und man kann sie hoeren: es ist anregend und erhebend, zwischendurch stehen zu bleiben, zu Schweigen und nur den Geraeuschen der beiden Fluesse zuzuhoeren. Manchmal kann man Maenner auf den Alang-Alang-Feldern sehen und bei ihrer Arbeit beobachten. Wie sie sich das Gras bueschelweise greifen, mit einer Sichel schneiden und dann zusammentragen. Nach dem Schneiden, Trocknen und Buendeln muss das geerntete Gras auf schmalen Pfaden die steilen Haenge hinaufgeschafft werden bis zu einer Stelle, wo es auf einen Pickup geladen werden kann. Das ist eine harte und ermuedende Arbeit, an der sich im Prinzip seit Jahrhunderten nichts geaendert hat – von den Pickups einmal abgesehen.
Waehrend des Spaziergangs stoesst man mit Sicherheit auf eine ganze Menge junger Leute: Maedchen und Burschen, hoeflich und freundlich, nutzen die Alang-Alang-Wiesen als Treffpunkt; sie lagern im Gras, auf kleinen, flachgedrueckten Flaechen, neben dem Weg – und sie plaudern, lachen und flirten. Andere Jungs und Maedels treiben irgendwelchen Sport, fahren Rad oder spielen Federball, oder sie sitzen zusammen, spielen auf kleinen Gitarren und singen Lieder. Und niemand weiss so genau, was sie nach Einbruch der Dunkelheit dort tun.
Schaut man in die Richtung zurueck, aus der man kam, entdeckt man ueber den Baeumen die auffaellige Kuppel des „Antonio Blanco Renaissance Museums“ und linker Hand, bis hinunter zum Flussufer, die Rueckseiten der Hotels und der anderen grossen Gebaeude, die entlang der Jalan Campuhan und der Jalan Sanggingan wie auf einer Schnur gefaedelt stehen – darunter auch das beruehmte Neka Art Museum. Auf der rechten Seite sind fast keine Haeuser – nur die kleine Huette von Pandi’s Studio and Gallery und das Restaurant von Sari Organic sind zu sehen.
Alles in allem ist es fast nicht zu glauben, dass ganz in der Naehe von diesen auffaelligen und teilweise protzigen Gebaeuden in und um Ubud noch so ein einfaches, baeuerliches Leben existiert, das die andere, die traditionelle Seite Balis zeigt – mit Sicherheit die malerischere und unverbildetere Seite der Insel. Ja, man wird leicht ein wenig hinweggetragen, wenn man dieses malerische und romatische Stueckchen Erde noch einmal vor seinem inneren Auge Revue passieren laesst. Deshalb sollte man zur Realitaet zurueckfinden und einige Fakten zusammentragen: die Wegstrecke der Wanderung betraegt – von der Hauptstrasse aus gemessen – etwa 2,5 Kilometer, hin und zurueck also 5 Kilometer. Es gibt keine Moeglichkeit, zwischendurch einzukehren und sich etwas zu essen oder zu trinken zu goennen. Man braucht keine besonderen Schuhe – normale, bequeme Schuhe tun es auf jeden Fall.
Aber: unbedingt sollte man einen Regenschirm dabeihaben; wie jeder Ubud-Besucher schnell herausfindet, kann sich das Wetter innerhalb kurzer Zeit aendern, und auch waehrend der sogenannten trockenen Jahreszeit kann man von dem einen und anderen kraeftigen Regenschauer ueberrascht werden. Scheint hingegen die Sonne, wird aus dem Regenschirm ein Sonnenschirm, der gegen die heissen tropischen Strahlen schuetzt. Auch nicht schlecht. Oder?
Ubud, meine Liebe:
Es gibt nur ein Ubud, ein Bali, eine Erde …
Mit Beginn des Jahres 2010 fing ich an, kleine Artikel zum Thema „Mein Ubud“ zu schreiben. Der vorliegende ist der letzte aus der Serie.
Waehrend dieser wenigen Monate habe sich die Dinge abermals veraendert – und nicht zu ihrem Besseren. Unsere Erde ist mehr belastet als je vorher; Balis natuerliche und die von Menschen verursachten Probleme sind weiterhin weit davon entfernt, geloest zu werden. Der zunehmende Tourismus in Ubud verursacht zusaetzliche Umweltbelastungen, die das sogenannte kulturelle Zentrum Balis mittlerweile zum Zentrum einer stark uebernuetzten Insel macht.
Es gibt keinen Grund, hysterisch zu werden - einfach deshalb, weil Hysterie selten zu etwas Gutem fuehrt. Aber es ist notwendiger denn je, aufzuwachen und sich bewusst zu machen, von welcher Art die Veraenderungen sind und wohin uns diese fuehren koennen. Sich Enstehungsgeschichten und Sachzusammenhaenge bewusst zu machen und dann die Verantwortung fuer seine Umwelt zu uebernehmen, ist der einzig gangbare Weg, ueber die Bedrohungen unserer Umwelt nicht zu verzweifeln. Hier ein paar Punkte: Verhalten Sie sich bitte so, als sei die Erde Ihr ganz persoenlicher Aufenthaltsort, Ihr persoenlicher Besitz: Ihr Wohnzimmer, Schlafzimmer, Kueche, Badezimmer, Toilette oder Ihr Vorgarten. Halten Sie sie sauber und ordentlich, haben Sie sie lieb und kuemmern Sie sich um sie – das ist der Ort, an dem Sie sich wohlfuehlen wollen.
Sagen Sie „Nein!“ zu jeder Form von Verschwendung: verschwenden Sie kein Wasser, keine elektrische Energie und keinen Treibstoff, verschwenden Sie kein Geld an junk food und an in Plastik doppelt und dreifach eingewickelte und verpackte Artikel. Benuetzen Sie ein Fahrrad anstelle eines Mopeds; benuetzen Sie ein Moped anstelle eines Autos; benuetze ein kleines Auto anstelle eines grossen Benzinfressers. Jeder weiss, dass auf Schusters Rappen die gesuendeste, billigste und – fuer die Umwelt – beste Art und Weise ist, von einem Ort zum anderen zu gelangen. Auch wenn mein Vater immer wieder sagte: „Besser schlecht gefahren, als gut gelaufen.“ Der Begriff ‚auf Schusters Rappen’ stammt aus einer Zeit, in der es noch leibhaftige Schuster gab. Aber zu dieser Zeit bestand noch keine Notwendigkeit fuer „Global Warming“- Konferenzen. Besuchen Sie auch Orte und Plaetze ausserhalb des Stadtzentrums von Ubud und versuchen Sie, dort mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Dann bekommen Sie einen Geschmack von den vielen verschiedenen Ubuds und Balis, die es in Wahrheit gibt. Wenn Sie die vielen schmalen Strassen, Wege und Pfade benuetzen, haben Sie gute Chancen, dem fuerchterlich lauten und stinkenden Verkehr zu entkommen, der eine zusaetzliche Plage unserer sogenannten modernen Zeit geworden ist.
Wertschaetzen Sie die Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Balinesen. Respektieren Sie ihre religioesen und kulturellen Eigenheiten und ihre Feste und Feiern – sie sind nicht entstanden, um Touristen zu unterhalten, sondern sie sind die traditionell tief verankerten Ausdrucksweisen ihres spirituell reichen taeglichen Lebens.
Seien Sie umsichtig, wofuer Sie Ihr Geld ausgeben: „All-inclusive“-Ferien und organisierte Touren, wie sie von fuehrenden Reiseagenturen angeboten werden, lassen ihr Geld in die Taschen von nur wenigen fliessen, deren Taschen ohnehin bereits recht voll sind. Verteilen Sie ihr Urlaubsbudget auf kleinere und moeglichst authentische Anbieter: lassen Sie sich in einem lokalen Spa massieren; gehen Sie zum Essen in ein balinesisches Warung; kaufen Sie ein Gemaelde bei einem lokalen Kuenstler; gehen Sie in Geschaefte, die abseits der ueberfuellten und teuren Laeden im Marktviertel liegen – sie sind es meist wert, ausgekundschaftet zu werden.
Viele Balinesen bieten kleine Dienste an oder versuchen auf verschiedene Arten, etwas Geld zu verdienen: eine englischsprachige Zeitung hier, Karten fuer eine Gamelan-Vorstellung da, die Befoerderung auf einem Motorrad oder in einem Auto, eine Massage, kleine Gerichte, Imbisse und Getraenke am Strasssenrand – oder die Geste einer bettelnden Frau oder eines bettelnden Kindes. Akzeptieren Sie deren freundliche Angebote oder Anfragen und lassen Sie sie ein wenig teilhaben an Ihrem – vergleichsweise - Wohlstand: solche taeglichen Einnahmen helfen mancher Familie, finanziell ueber die Runden zu kommen. Zum Schluss – und das ist nicht unwichtig in Zeiten der Klimakatastrophen: vergessen Sie Ihren Regenschirm nicht oder anderen Sonnen- und Regenschutz. Auch in Ubud aendert sich das Wetter schnell.
Und alles andere auch.
Texte: Adi Bachmann
Bildmaterialien: Neka Museum, Ubud/Bali
Alle Rechte vorbehalten.
Tag der Veröffentlichung: 07.04.2012
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Adi Bachmann