Wer zu spät kommt

Aileana Blair · Kapitel 1 von 1

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Wer zu spät kommt

Kapitel 1

Aileana Blair

 

Wer zu Spät kommt...

1

Anna Braun schreckte hoch und saß kerzengerade im Bett. Hektisch griff sie nach dem Wecker – fünf nach halb zwei.

Fünf nach halb zwei? dachte sie, und warf einen Blick zum Fenster. Die Morgensonne begrüßte sie strahlend. Mist!

Der Wecker war mitten in der Nacht stehen geblieben, die Batterien mussten leer sein. Es wurde Zeit, dass sie sich endlich einen dieser digitalen Radiowecker zulegte. Ausgerechnet heute hatte sie verschlafen, wo diese wichtige Präsentation anstand, für den potentiellen neuen Kunden ihrer Werbefirma.

Sie sprang aus dem Bett, rannte zu der Kommode auf der das Handy lag, schaltete es ein und wartete, bis sie endlich die Uhrzeit ablesen konnte: Zwanzig vor neun zeigte das Display.

OH NEIN! Sie würde es nicht mehr rechtzeitig schaffen. Wenn dieser Kunde absprang, konnte sie ihre Provision vergessen, ganz zu schweigen von dem Ärger, den ihr Chef ihr machen würde, der 'Vista' unbedingt als Neukunden gewinnen wollte.

»Scheiße! Scheiße! Scheiße!«, murmelte sie verzweifelt vor sich hin, rannte ins Bad und begann hektisch mit einer Katzenwäsche. Nur die wichtigsten Körperareale wurden gereinigt und die blonden Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Das Schminken sparte sie sich, Wimperntusche und Lipgloss mussten genügen.

Dann hetzte sie zum Schrank, zog eine weiße Bluse, einen beigefarbenen Rock, Nylonstrumpfhosen und passende, nudefarbene Pumps heraus. In Windeseile zog sie alles an, rannte wieder zum Handy und sah nach der Uhrzeit: Zehn vor Neun. Sie wählte die Nummer vom Taxi-Service und bestellte ein Taxi. »Bitte, so schnell wie möglich.«, flehte sie die Frau von der Zentrale an, die ihr versicherte, dass in fünf Minuten ein Taxi da wäre.

Anna hechtete ins Arbeitszimmer und nahm die Präsentationsmappe vom Tisch. Sie lief in den Flur, während sie schnell noch einen Blick in die Mappe warf, um zu checken, ob alles da war. Ja, es sah gut aus, Datenstick und Folien waren alle vorhanden und einsortiert.

Sie zog ihren Blazer über, schnappte sich ihre Handtasche und verließ die Wohnung, sie würde vor der Tür auf das Taxi warten. Am Aufzug angekommen drückte Anna den Knopf und wartete. Es tat sich nichts.

Sie drückte wieder und wieder, doch sie hörte kein Rumpeln und Surren, welches sonst erklang, wenn der Fahrstuhl sich in Bewegung setzte.

Na super, auch das noch!, dachte Anna, drehte sich um und lief zum Treppenhaus. Jetzt musste sie auch noch drei Stockwerke hinunter laufen. Hoffentlich verpasste sie nicht das Taxi.

Im Treppenhaus kam ihr Frau Hölzer mit ihren drei Hunden entgegen, welche vor der älteren Dame die Stufen hinauf hechelten.

»Guten Morgen Frau Braun«, grüßte Frau Hölzer ganz außer Atem, während sie versuchte, mit ihren Hunden Schritt zu halten, die eindeutig etwas schneller waren, als sie. »Was für eine Misere, der Aufzug funktioniert nicht.«

Anna hielt sich seitlich an der Wand, um der Hundemeute aus dem Weg zu gehen und an Frau Hölzer vorbei zu kommen. »Guten Morgen Frau Hölzer«, grüßte Anna so freundlich wie möglich zurück. »Da haben Sie recht. Gerade heute, wo ich es eilig habe und mein Taxi bestimmt schon unten wartet.«

Einer der Hunde kläffte und sprang freudig an Anna hoch. Sie versuchte auszuweichen, doch es war schon passiert. Eine der Hundekrallen riss ihr eine Laufmasche. Verdammt!

»Otto! Aus!« schimpfte Frau Hölzer mit ihrem Dackel. »Das tut mir leid, Frau Braun, ich werde Ihnen die Strumpfhose natürlich ersetzen.«

»Nein, nein, schon gut Frau Hölzer, ich muss los. Das Taxi...«

»Dann will ich Sie nicht weiter aufhalten. Einen schönen Tag noch.« Die Hunde zogen wuselnd an ihren Leinen und Frau Hölzer versuchte, sie irgendwie zu bändigen.

»Danke, Ihnen auch«, antwortete Anna knapp und war endlich an Frau Hölzer und ihrer Meute vorbei. Sie lief schnell die Stufen hinunter und dann zur Eingangstür hinaus.

Gott sei dank, das Taxi war da und wartete schon auf sie. Schnell sprang Anna hinein und teilte dem Fahrer die Adresse mit. »Bitte beeilen Sie sich.«

»Ich werde fahren, so schnell ich kann«, entgegnete der Taxifahrer lächelnd und setzte den Wagen in Bewegung.

Während der Fahrt kramte Anna in ihrer Tasche und fand tatsächlich ein Fläschchen Nagellack - leider war die Farbe knallrot. Na ja, vielleicht fiel es nicht so auf, wenn sie einen Tupfer davon auf das Ende der Laufmasche tat. Hauptsache, die Masche lief nicht noch weiter, und der Rock könnte es verdecken. Gerade als sie mit dem Pinsel ansetzte, machte das Taxi eine Vollbremsung. Anna wurde mit einem Ruck gegen den Vordersitz geschleudert und rutschte mit dem Pinsel aus. Der Tupfer wurde zu einem roten Strich auf ihrem Bein, ein Teil davon verlief sogar über ihrem Rock.

Na Prima, auch das noch! Ihr Bein, sowie der beige Rock hatten jetzt einen roten Nagellackstriemen, direkt vorne, wo es wunderbar zu sehen war. Anna war langsam am verzweifeln.

Das Taxi fuhr auch nicht weiter. Der Fahrer drehte sich zu ihr um und meinte: »Da vorne geht es leider nicht weiter, ein Unfall. Aber ich könnte einen kleinen Umweg fahren.«

»Machen Sie das, ich muss schnell in die Firma«, entgegnete Anna sichtlich angespannt.

Das Taxi setzte zurück, fuhr in die nächste Seitenstraße ein und nach etwa zehn Minuten kamen sie vor Annas Arbeitsgebäude an. Sie bezahlte die Gebühr und überließ dem Fahrer das Restgeld als Trinkgeld. Er hatte sein Bestes getan, um so schnell wie möglich hier anzukommen.

Anna nahm ihre Tasche, klemmte die Mappe unter ihren Arm und hielt ihre Geldbörse noch in der Hand, als sie aus dem Taxi stieg. Plötzlich rutschte ihr rgendwie die Präsentationsmappe unter dem Arm weg, als sie die Autotür zuschlug und die Mappe fiel auf den Bürgersteig, wo sich die Folien schön verteilten.

»Herrje!«, rief Anna aus, das konnte doch nicht wahr sein! Schnell packte sie ihre Geldbörse ein und ging in die Hocke, um die Folien wieder in die Mappe zu stecken.

Als sie aufstand und sich umdrehen wollte, um in das Gebäude zu laufen, stieß sie mit einem Mann zusammen, stolperte und knickte mit dem Knöchel um. Ein stechender Schmerz flammte in ihrem Fuß auf, und sie zog scharf die Luft ein. Der Plastikbecher mit heißem Kaffee, den der Mann in der Hand hielt, fiel auf den Gehweg, natürlich nicht, ohne vorher noch einen Teil seines Inhalts auf Annas Blazer zu vergießen.

Der Mann hielt Anna am Arm fest, damit sie nicht hinfiel. »Meine Güte«, stieß er hervor. »Das tut mir leid. Ist Ihnen auch nichts passiert?« Besorgt sah er sie an und kramte in seiner Hosentasche nach einem Tuch, welches er ihr dann reichte.

Anna rieb sich damit über den Blazer und ihren Rock. Dunkle Kaffeeflecken zeichneten sich darauf ab.

»Danke«, erwiderte sie und gab dem Mann das Tuch zurück. »Es geht schon. Mir tut es leid, ich hätte besser aufpassen sollen.« Dann humpelte sie mit schmerzendem Knöchel in das Gebäude.

Als sie endlich in ihrer Abteilung angekommen war, ging sie gleich zur Sekretärin. »Guten Morgen Frau Müller, ich bin leider etwas zu spät. Ist der Herr Riefer von 'Vista' noch da? Ich hatte um neun Uhr die Präsentation mit ihm, oder hat er das Warten aufgegeben?«

»Du meine Güte, Frau Braun«, rief Frau Müller plötzlich ganz erschrocken, nachdem Sie kurz in den Terminplaner geschaut hatte. »Das tut mir sehr leid, ich habe ganz versäumt, Sie anzurufen. Herr Riefer hat abgesagt, er hat seinen Flieger verpasst. Das Meeting wurde auf morgen, zehn Uhr, verschoben.« Sie blickte Anna mit einem entschuldigenden Lächeln an. »Ist alles in Ordnung? Sie sehen leicht mitgenommen aus«, meinte sie noch, mit einem Blick auf Annas lädiertem Äusseren.

»Alles in Ordnung«, seufzte Anna resigniert.

Humpelnd lief sie an ihren Schreibtisch, legte ihre Sachen ab und setzte sich. Sie zog die Pumps von ihren Füßen und rieb sich ihren schmerzenden Knöchel. Heute ging aber auch alles schief. Wie lautete dieses tiefsinnige Sprichwort? Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben...

Plötzlich stand Tim Engler vor ihr. »Guten Morgen, Anna«, begrüßte er sie mit einem entwaffnenden Lächeln. »Hast du nicht eigentlich diese wichtige Präsentation jetzt?«

Oh nein! Ausgerechnet Tim musste sie jetzt so sehen, für den sie heimlich schwärmte, seit er vor ein paar Monaten neu in die Firma gekommen war. »Guten Morgen, Tim. Nein, das Meeting wurde auf Morgen verschoben, der Kunde hat seinen Flieger verpasst.« Anna errötete leicht und vermied es, Tim direkt anzusehen. Sie sah bestimmt völlig fertig aus.

»Was ist denn mit dir passiert? Du siehst etwas zerzaust aus.« Tim blickte an ihr hinunter und bemerkte ihren verletzten Fuß.

»Ach, alles ging schief heute Morgen. Zu allem Übel habe ich mir auch noch den Knöchel verknackst.« Anna rieb sich wieder mit der Hand über die schmerzende Stelle.

Tim beugte sich hinunter und begutachtete Annas Verletzung. »Ich hole mal etwas Eis aus dem Kühlfach in der Kaffeeküche.«

Als er wieder kam, stellte er ihr eine heiße Tasse Kaffee vor die Nase und legte ein Küchentuch, gefüllt mit Eiswürfeln, über ihren Knöchel.

»Danke«, meinte Anna ganz perplex und trank einen Schluck. »Genau das brauche ich jetzt.«

Tim sah von unten zu ihr hoch und grinste schelmisch. »Hoffentlich brodelt jetzt nicht die Gerüchteküche bei den Kollegen, weil ich hier so vor dir knie.«

Anna musste ebenfalls grinsen. Das Eis auf ihrem Knöchel tat gut und linderte den Schmerz etwas.

»Wir könnten ja noch einen draufsetzen und heute Abend zusammen Essen gehen, vorrausgesetzt dein Knöchel spielt mit.« Sein ansteckendes Lächeln wurde noch breiter, als er sie erwartungsvoll mit seinen braunen Augen anblickte.

Anna lächelte strahlend zurück. Dieses Date würde sie sich auf keinen Fall entgehen lassen, selbst wenn sie auf Krücken humpeln musste ...

Texte: Aileana Blair (Copyright liegt ausschließlich bei mir. Diebstahl geistigen Eigentums ist strafbar.)

 

Bildmaterialien: Aileana Blair

Alle Rechte vorbehalten.

Tag der Veröffentlichung: 14.04.2015

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