What happens in Las Vegas, Professor Zamorra Nr. 974

Anika Klüver und Simon Borner · Kapitel 1 von 1 · Teil 1/3

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What happens in Las Vegas, Professor Zamorra Nr. 974

What happens in Las Vegas...

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

»Las Vegas zeichnet sich durch ihr Nichtssein aus. Was immer an negativen Beschreibungen über Städte existiert, trifft auch auf diese zu, und doch lässt ihr Mangel an Beständigkeit mitunter an ihrer Existenz zweifeln. Ja, sie ist Niemandsland, leere Fläche, Geisterstadt, urbanes Scheinbild, Nirgendwo-City usw. Für uns ist sie aber stets Zeropolis, die Nicht-Stadt, die doch die allererste Stadt ist - genau wie Zero, Null, die erste Nummer ist. Las Vegas ist das Nichts, das zählt. Das Nichtssein des Neons.«

- Bruce Begout

 

Kapitel 1: Jackpot

Las Vegas

So hatte ich mir meine Hochzeitsnacht eigentlich nicht vorgestellt.

Brad Kowalski saß an der Bar des Indian Spirit Casinos in Las Vegas und nippte mürrisch an seinem Drink. Für gewöhnlich mochte er Jack Daniel’s, doch an diesem Abend schmeckte er irgendwie schal. Ein Kellner kam vorbei und warf ihm einen fragenden Blick zu, doch Brad schüttelte den Kopf, woraufhin der Mann diskret wieder verschwand.

Mit dem Glas in der Hand drehte sich Brad auf dem Barhocker um und sah am Black-Jack-Tisch vorbei in Richtung der Spielautomaten, die schräg gegenüber von ihm aufgestellt waren. Bunte Reihen flackernder Lichter machten den Anblick langfristig zu einer Tortur, doch weder die Wände mit der grellen Tapete noch der wild gemusterte Teppich boten eine annehmbare Alternative. Hinzu kam, dass das ganze Casino mit Spiegeln ausgestattet war, in denen sich die grelle Einrichtung vervielfachte. Selbst die Decke war teilweise mit Spiegeln versehen, und wenn man zu lange hinaufsah, verlor man schnell die Orientierung.

Irgendwie passte es jedoch zu dieser falschen, künstlichen Welt, fand Brad. Niemand war echt, alle waren nur Spiegelbilder ihrer wahren Ichs. Erst wenn sie Vegas verließen, wurden sie wieder zu dem, was sie vorher waren. Brave, unbescholtene Bürger mit langweiligen Jobs, die nur für kurze Zeit dem inneren Verlangen ihres Spiegelbilds nachgegeben hatten, von dem die Welt da draußen nie erfahren würde.

Fast alle Automaten waren besetzt, und das regelmäßige Klingeln der stoppenden Rädchen hallte in Brads Ohren wider. Als ob man dabei wirklich Gewinn machen könnte, dachte er. Nun, Janet schien jedenfalls davon überzeugt zu sein, denn sie fütterte den Automaten jetzt schon seit Stunden unermüdlich mit Münzen.

Janet. Mrs. Janet Kowalski. Brad musste trotz seiner schlechten Laune unwillkürlich schmunzeln. Es klang immer noch ein wenig ungewohnt. Allerdings waren sie ja auch erst seit Kurzem verheiratet. Seit wenigen Stunden, um genau zu sein. Gleich nachdem sie der Pastor in der Graceland Wedding Chapel getraut hatte, waren sie zum Hotel zurückgefahren. Brad konnte es gar nicht erwarten, aufs Zimmer zu kommen, aber Janet wollte sich noch ein wenig im hauseigenen Casino amüsieren. Er hatte versucht, es ihr auszureden, indem er argumentierte, dass sie ohnehin nichts gewinnen würde. »Darum geht es doch gar nicht, Brad«, war ihre Antwort gewesen. »Außerdem habe ich ein wirklich gutes Gefühl. Heute könnte sich für mich als doppelter Glückstag erweisen. Du weißt schon, Glück in der Liebe und Glück im Spiel.« Und damit war sie in ihrem Brautkleid in Richtung der einarmigen Banditen verschwunden.

Brad hätte ihr diesen Wunsch niemals abschlagen können, und abgesehen davon war es seine Idee gewesen, in Vegas zu heiraten, aber langsam verlor er wirklich die Geduld. Wofür bezahlte er schließlich das teure Zimmer, in dem der bestellte Champagner mittlerweile vermutlich schon warm geworden war? Er liebte Janet und wollte ihr nur das Beste bieten, und sie ließ ihn einfach links liegen, um wie eine Blöde am Hebel einer Maschine zu ziehen. Wütend nahm er einen Schluck von seinem Jack Daniel’s. Wenn es nach mir ginge, würde sie jetzt an mir herumspielen. Da hätten wir beide mehr von.

Ein Schrei riss ihn aus seinen Gedanken, und er blickte erschrocken auf. Schnell lokalisierte er die Quelle des Aufruhrs. Eine ältere Frau an einem der Automaten hatte einen Gewinn gemacht. Es war an diesem Abend nicht ihr erster, und sie hatte bisher jeden noch so kleinen Betrag, der aus dem Automaten fiel, mit hysterischem Gekreische bejubelt. Über beide Ohren grinsend nahm die alte Schachtel die Glückwünsche der Umstehenden entgegen und grabschte dann mit ihren knochigen dürren Fingern nach den Münzen, um sie gleich wieder in den Automaten zu werfen.

Brad musterte sie für einen Moment. Sie schien um die siebzig zu sein und trug ein Kleid, das mit schrillen pinkfarbenen Flamingos bedruckt war und damit zu ihren klauenartigen pink lackierten Nägeln passte. Auf ihrer Nase saß eine überdimensionale Brille, die an den Seiten spitz nach oben zulief, was ihr einen diabolischen Touch verlieh. Ihr dauergewelltes Haar war in einem blassen Lilaton gefärbt, der es eher nach einem missglückten Experiment als nach einer Frisur aussehen ließ. An den Ohren und um den Hals trug sie riesige Klunker, die ihren gebrechlichen Körper mit ihrem Gewicht nach unten zu ziehen schienen.

Brad lief ein Schauer über den Rücken. Er wandte sich schnell ab und sah zu Janet, die seinen Blick bemerkte und ihm kurz zuwinkte, bevor sie eine neue Münze in den Automaten warf und den Hebel zog. Sie bot wirklich einen tollen Anblick, besonders im Vergleich zu der alten Schrulle. Ihre dunkelbraunen Locken umrahmten ihr zartes, freundliches Gesicht mit den großen Rehaugen. Es waren diese Augen gewesen, in die er sich vor zwei Jahren verliebt hatte. Nun verließ sein Blick ihr Gesicht und glitt weiter über ihren Körper. Ihr weißes eng anliegendes Brautkleid schmiegte sich an ihre grazilen Kurven und ließ sie wie eine Göttin strahlen. Und Brad wollte nichts lieber tun, als ihr dieses Kleid endlich vom Leib zu reißen und mit ihr die nächsten vierundzwanzig Stunden in dem verdammten Hotelzimmer zu verbringen, wo er sie…

»Jaaaa! Ahahaha!«

Brad zuckte zusammen. Die alte Vettel hatte schon wieder gewonnen und kreischte wie am Spieß durchs ganze Casino. Janet fiel in den Chor der Gratulanten mit ein, und plötzlich überkam Brad ein beunruhigender Gedanke. Sah so seine Zukunft als verheirateter Mann aus? Sicher, Janet war jung und wunderschön, aber irgendwann würde sie alt werden, und wer konnte schon sagen, was dann war? Vielleicht würde sie genau wie die alte Schreckschraube am Automaten sein, und er müsste sich dieses unerträgliche Gekreische dann den ganzen Tag über anhören. Vermutlich würde sie ihn herumscheuchen und all sein hart verdientes Geld in Casinos ausgeben. Er würde überhaupt nichts mehr zu sagen haben, sondern allein zu Hause sitzen und vor sich hin vegetieren, bis er schließlich tot umfiel. Dann würde Janet kommen und sein mickriges Erbe einheimsen, um auch das noch zu verspielen. Hatte er einen Fehler gemacht? War die Sache mit der Hochzeit vielleicht eine überstützte Entscheidung gewesen?

Er liebte Janet mehr als alles andere auf der Welt, aber war er tatsächlich bereit dazu, den Rest seines Lebens mit ihr zu verbringen? Er hatte nie wirklich darüber nachgedacht. Bittere Erkenntnis gesellte sich zu seiner Frustration über den unbefriedigenden Verlauf des Abends. Womöglich war das hier der Anfang vom Ende. Vielleicht hätten sie noch warten oder sogar niemals heiraten sollen. Dann säße er jetzt auch nicht allein an dieser verdammten Bar, sondern wäre mit Janet in seinem Schlafzimmer in seinem Apartment in Minneapolis und würde das tun, was man in seiner Hochzeitsnacht eigentlich tun sollte.

Ein weiterer Schrei der alten Frau veranlasste Brad dazu, sich entnervt abzuwenden. Er drehte sich wieder zur Bar um und winkte den Kellner heran, um sich nachschenken zu lassen. Ihm blieb kaum etwas anderes übrig. Frustriert starrte er auf die dunkle glänzend lackierte Holzvertäfelung der Bar. Die Maserung verschwamm vor seinen Augen, und er schüttelte heftig den Kopf. Wenn er zu Janet gehen und sie auffordern würde, mit ihm aufs Zimmer zu kommen, würde das vermutlich im Streit enden. Ihrem ersten Ehestreit, wurde ihm mit einem Schaudern bewusst. Vielleicht sollte er einfach allein aufs Zimmer gehen und die Flasche Champagner leeren. Immerhin war sie bereits bezahlt, und wenn seine Frau ihr Geld weiter so verschleuderte, würden sie sich so etwas Teures bald nicht mehr leisten können.

Das Klimpern einiger Münzen warnte Brad, dass die alte Frau vermutlich wieder einmal ein paar Dollar gewonnen hatte, und er bereitete sich mental auf das unvermeidliche Gekreische vor. Aber der befürchtete Laut blieb aus.

Vielleicht ist sie ja endlich tot umgefallen, dachte er gehässig.

Doch dann fiel ihm auf, dass es hinter ihm seltsam still geworden war. Die Geräusche der Automaten erklangen zwar weiterhin, aber das allgegenwärtige Gemurmel und Gelächter der Casinobesucher war verstummt. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch drehte sich Brad langsam um. Janet saß immer noch am Automaten und betätigte den Hebel. Nichts schien sich verändert zu haben. Doch die unheimliche Stille, die sich plötzlich über diesen Teil des Casinos gelegt hatte, veranlasste Brad dazu, aufzustehen und um die Automaten herum zu gehen.

Auch die anderen Spieler saßen alle noch vor ihren Automaten und zogen unablässig die Hebel. Irgendetwas stimmte nicht. Brad trat auf Janet zu. Ihr Gesicht wirkte seltsam leer und unfokussiert.

»Baby, ich denke wir sollten jetzt gehen.«

Sie reagierte nicht.

»Janet, sieh mich an.«

Als sie sich nicht regte, griff Brad nach ihren Schultern, um sie vom Stuhl zu ziehen. Doch als er sie berührte, durchfuhr ihn eine plötzliche Kälte, auf die sofort überwältigende Übelkeit folgte. Er roch Fäulnis und Tod, und musste gegen den Drang ankämpfen, sich auf der Stelle zu übergeben. »Janet!«, schrie er seine Frau verzweifelt an.

Mittlerweile waren auch andere Casinobesucher sowie das Personal auf das seltsame Geschehen aufmerksam geworden. Ein Mann im Anzug, der ein Headset trug und der Statur nach zu urteilen zum Sicherheitsdienst gehörte, wandte sich an Brad. »Sir, was geht hier vor?«

»Woher zum Teufel soll ich das wissen?«, keifte Brad ihn an. Die Angst um Janet ließ ihn hysterisch werden. Er versuchte, sich zu beruhigen, einen klaren Gedanken zu fassen, doch er sah nur seine Frau, die stumm vor ihm saß und nicht auf ihn reagierte. »Baby, was ist los?«, rief er flehend. »Bitte steh auf. Warum stehst du nicht auf?«

Plötzlich spürte er kräftige Hände an seinen Armen, die ihn wegzerrten, und von irgendwoher ertönte eine dumpfe Stimme. Die Worte klangen seltsam hohl, so als wäre er unter Wasser oder unter einer riesigen Glaskuppel gefangen. Das einzige Geräusch, das er noch mehr als deutlich vernahm, war das unaufhörliche mechanische Kläcken und Surren der Hebel an den Spielautomaten, die Janet und die anderen immer wieder zogen. Es hallte in seinem Kopf wider, vervielfachte sich dort und wurde wie ein Echo hin- und hergeworfen, nur dass es immer lauter statt leiser wurde.

Das Letzte, was er sah, bevor der Sicherheitsmitarbeiter ihn von dem Bereich mit den einarmigen Banditen wegzerrte, waren Janets große Rehaugen, die vollkommen leer waren und aus denen jegliches Leben gewichen zu sein schien.

***

Château Montagne

Will der mich auf den Arm nehmen?

Zamorra runzelte die Stirn, kniff die Augenlider enger zusammen. Das… das war doch…

»Dylan?«, murmelte er. »Wie kommst du denn jetzt dorthin?«

Wer als Dämonenjäger lebte, fand sich mitunter in Situationen wieder, in denen er selbst seinen besonders geschulten Sinnen nicht länger trauen durfte. Fast war Zamorra, als sei dies eine von ihnen.

Der Meister des Übersinnlichen stand an einem Fenster im Nordturm des weitläufigen und knapp tausend Jahre alten Gebäudes, das er Heim nannte, ganz in der Nähe seines Arbeitszimmers, und blickte hinaus auf das friedlich in der Morgensonne badende Loire-Tal. Grüne Wiesen und bebaute Felder erstreckten sich in alle Richtungen. Kleine Schäfchenwolken zogen träge über den ansonsten kristallklaren Bilderbuchhimmel, angestoßen von einer sanften Brise. Zu dieser frühen Stunde war es meist ruhig, draußen wie auch im Château selbst. Nicole, Zamorras langjährige Gefährtin in beruflichen wie privaten Dingen, lag noch ebenso reizvoll unbekleidet wie tief schlafend im gemeinsamen Bett, und seit Butler William das kleine Frühstück abgeräumt hatte, das Zamorra mit Dylan McMour, heute der einzige andere Frühaufsteher des Hauses, eben im Erdgeschoss eingenommen hatte, drang kein Laut mehr durch die Korridore.

Dylan.

Der ehemalige Dämonentourist, der die Welt auf der Suche nach eigenartigen Phänomenen durchreist hatte, bis er auf Zamorra und dessen Gefährten gestoßen war. Auf die Erbfolge.

Dylan, der einst unter dem Einfluss des grausamen Vampirs Matlock McCain gestanden hatte.

Dylan, der vor nicht einmal drei Minuten verkündet hatte, sich noch »eine Mütze Schlaf in meinem Zimmer« gönnen zu wollen.

Was machte ausgerechnet dieser Dylan jetzt dort draußen am Waldrand jenseits der Felder, gut und gerne einen Kilometer vom Château entfernt?

Denn das war Dylan, oder? Je mehr sich Professor Zamorra anstrengte, desto sicherer war er sich. Diese Statur, die Körperhaltung… Selbst die Kleidung war, so gut er das auf die Entfernung und ohne Sichthilfsmittel beurteilen konnte, das, was McMour soeben noch getragen hatte: Blaue Jeans, rotes T-Shirt.

Der spielt ein Spiel mit mir. Es war die einzige halbwegs Sinn ergebende Erklärung. Dylan erlaubte sich einen Streich und hatte sich nicht, wie angekündigt, auf sein Zimmer begeben, sondern nach draußen.

Nur: Das war eigentlich unmöglich!

Zum einen schafft der den Kilometer nicht mal eben so in drei Minuten -zumindest nicht ohne magische Unterstützung. Und wozu sollte er die gebraucht haben?

Je länger der Meister des Übersinnlichen dastand und dieses kleine Rätsel bedachte, desto mehr faszinierte und amüsierte es ihn. Der optisch etwa fünfundzwanzig Jahre alt wirkende Dylan befand sich noch immer am Waldrand, gerade an der Schwelle zwischen Licht und Schatten. Hecken und Unterholz verbargen ihn zum Großteil - fast erweckte er den Eindruck, als wolle er sich verstecken; aber das war natürlich Unsinn, denn warum sollte er? - Doch Zamorra entging seine Anwesenheit nicht. Es schien, als blicke Dylan zum Château hinüber. Nachdenklich und… ängstlich?

Weil er auf meine Reaktion wartet? Zamorra hob eine Braue. Kleiner, was auch immer du hier für eine Nummer abziehst, sie ist sehr undurchsichtig. Wo ist die Pointe, he?

Er entschied, lange genug auf sie gewartet zu haben. Er hob die Hand, öffnete das Fenster und beugte sich mit dem Oberkörper hinaus. Mit der Linken und Rechten einen Trichter vor seinem Mund formend, rief er dann zum Waldrand: »Hey, Dylan? Erklär mir den Witz bitte, okay?«

Der Wind und die morgendliche Ruhe schienen wahre Wunder zu bewirken, denn der Ruf fand sein Ziel! McMour zuckte zusammen, als habe LUZIFER persönlich ihn beim Stehlen erwischt. Seine Augen weiteten sich schreckhaft, sein Gesicht wurde kreidebleich - zumindest glaubte Zamorra, dies auf die Entfernung so auszumachen. Ohne auf des Professors Aufforderung einzugehen, wirbelte Dylan herum und eilte tiefer in die Schatten. Er floh regelrecht, wie ein vom Jäger auf gescheuchtes Reh! Binnen Sekundenbruchteilen hatte der dichte Forst ihn verschluckt.

Und was sollte das jetzt?

Zamorra wusste nicht, ob er lachen oder den Kopf schütteln sollte. Er konnte es nicht benennen, doch irgendwie - und so absurd es auch schien -ließ das soeben Geschehene in ihm instinktiv die Alarmglocken schrillen.

Oder war er nur überreizt? Seit dem Untergang der Hölle war so viel vorgefallen, dass er es durchaus nachvollziehen konnte, wenn ihm seine Nerven ein wenig durchgingen.

Einen ratlosen Moment später schloss er das Fenster wieder, als plötzlich Schritte erklangen. Zamorra sah sich um. Niemand Geringeres als Dylan McMour eilte den Flur hinunter und auf ihn zu!

»Hier steckst du also«, sagte der ehemalige Dämonentourist und grinste. »Madame lässt anfragen, ob du zu Mittag lieber Spargel oder Kohl essen willst. Da ich gerade in der Küche war, habe ich in meiner gewohnt aufopferungsvollen Art angeboten, dich suchen zu gehen.« Madame Claire war die Köchin des Hauses und eine der wirklich guten Seelen im Hintergrund.

»Du willst mich veralbern«, sagte Zamorra. »Du warst doch gerade noch…«

»Ich weiß, ich weiß: auf dem Weg ins Bett.« Dylan winkte ab. Sein Grinsen wurde breiter, spitzbübischer. »Aber es roch noch so gut nach Kaffee da unten.«

»Nein, nein, ich meine da drauß…«

Zamorra kam nicht dazu, den Satz zu beenden, denn in dem Augenblick flog die Tür seines Arbeitszimmers auf, und Nicole Duval trat in den Flur. Sie war perfekt frisiert und äußerst attraktiv gekleidet. Hinter ihr sah der Professor mehrere Monitore, auf denen dem Anschein nach TV-Nachrichten aus aller Welt liefen.

»Ach, hier steckst du«, sagte sie statt einer Begrüßung. »Gut, dann muss ich nicht lange suchen. Ich hab hier was, das du dir schnellstens mal ansehen solltest. Wenn ich nicht irre, geht in Las Vegas gerade etwas höchst Bedenkliches vor.«

»Vegas? Cool!« Dylans Grinsen wurde noch breiter. Neugierig trat der Auserwählte näher und spähte ihr über die Schulter. »Kann ich mitkommen? Black Jack, Tom Jones, CSI…«

Zamorra sah von einem zur anderen. »Ich dachte, du schläfst noch«, sagte er, nun vollends verwirrt.

»Und ich dachte, du wärst ein Schnellschalter«, gab Nicole unwirsch zurück. Dann deutete sie mit dem Daumen zu den Monitoren hinter ihr. »Na los, Chef. Es gibt Arbeit!«

Es lag eine Dringlichkeit in ihrer Stimme, die ihn seine Fragen auf später verschieben ließ. Was immer sie entdeckt haben wollte, duldete offenkundig keinerlei Aufschub - und Dylans seltsamer Streich hatte ohnehin schon mehr als genug seiner Aufmerksamkeit erhalten.

»Touché«, sagte Zamorra. »Was liegt an?«

 

Kapitel 2: Wüstenteufel

Black Rock Desert, Nevada

»LeBron? Bist du hier irgendwo?«

Sand und Geröll knirschten unter seinen Schuhsolen, als Jamie DeMarco durch das Dunkel ging. Scheiße, war das kalt hier! Sie hatten es ihm gesagt, schon damals, als er sich für den ganzen Stuss hier angemeldet hatte. Jamie, hatten sie gesagt, unterschätze das nicht. Bei Wüste denkt jede Sau an Hitze und Schweiß, aber sowie es Nacht wird, frierst du dir da deinen Itaker-Arsch ab.

Nun, sie hatten recht. Das wusste Jamie inzwischen, spürte es am eigenen Leib.

Was sie aber nicht erwähnt hatten, war, wie verflucht unheimlich es hier werden konnte!

Das Festivalgelände inmitten der Black Rock, jener dreißigtausend Quadratkilometer messenden Wüste im Norden des US-Bundesstaats Nevada, präsentierte sich um diese späte Stunde wie die reinste Geisterstadt. Ihre Infrastruktur stand endlich - nach tagelanger Arbeit des mehrköpfigen und unentgeltlich malochenden Organisationsteams, zu dem in diesem Jahr auch Jamie gehörte. Provisorische Straßen und Parzellen waren während der letzten Woche im Nichts der Wüste entstanden, Polizei und Rettungsdienste hatten die Stellplätze für ihre Containerdienststellen zugewiesen bekommen. Selbst Straßenlampen waren errichtet worden - ein Novum in der Festivalgeschichte -, um der in den vergangenen Jahren stetig gestiegenen Verbrechensquote entgegenzuwirken. Alles war fertig.

Nur die Menschen fehlten. Menschen wie LeBron.

»Verflucht, Alter, wo steckst du? Lass den Scheiß, das ist echt nicht mehr lustig.«

Wieder sah Jamie sich um und ließ den Strahl seiner Taschenlampe durch die Wüstennacht gleiten. Nichts regte sich, außer den Wolken, die den Mond bedeckten und die Dunkelheit pechschwarz werden ließen. Täuschte er sich, oder heulte da ein Kojote in der Ferne? Keine angenehme Feststellung.

»LeBron«, murmelte sich Jamie in den buschigbraunen Vollbart, der -wie sein Haupthaar - seit Jahren keine Klinge mehr gesehen hatte, »wenn du nicht bald wieder auftauchst, geh ich zurück in den Wohnwagen, Mann.«

Was fiel dem Typen auch ein, ausgerechnet jetzt noch einen auf Spukgeschichte machen zu wollen, he? Tagelang hatten Jamie, er und die anderen Organisatoren - wie er allesamt Menschen der Sorten Späthippie, Aussteiger und Berufsindividualisten - geschuftet, um dem traditionsreichen, bald startenden Burning-Man-Festival eine perfekte Bühne zu bereiten, bevor die Festivalteilnehmer kamen. Und jetzt, da sie endlich fertig waren - keinen Tag zu früh, denn schon für morgen wurden die ersten Gäste erwartet - und noch eine Nacht durchatmen konnten, machte ausgerechnet Jamies Wohnwagenpartner LeBron Dougal einen auf Slasher-Film: Vor knapp zwei Stunden hatte er verkündet, »nur mal kurz austreten« zu gehen. Doch wiedergekommen war er nicht. Inzwischen schlich Jamie schon seit gut siebzig Minuten durch die menschenleere Nacht, um ihn zu suchen. Erfolglos.

Seine Laune war im Keller. Und das Herz, das musste sich Jamie eingestehen, hing ihm mittlerweile auch in den Knien. Dabei war er eigentlich kein Schisser, kein schreckhafter Kerl. Mit seinen eins fünfundneunzig und dem durchtrainierten Körper hatte er zeitlebens kaum einmal Grund gehabt, sich ernsthaft bedroht zu fühlen.

Aber bislang bin ich auch noch nie nachts um drei durch die Wüste gedackelt!, ergänzte er in Gedanken.

Wieder heulte der Kojote! Das Scheißvieh schien näher gekommen zu sein, klang lauter als vorhin. Jamie sah das Bild einer Gruppe von Geiern vor seinem geistigen Auge, die um den Leichnam eines Verdursteten kreiste, und schlang die muskelbepackten Arme um den Leib.

Dabei fiel ihm die Lampe aus der Hand. Das Klonk, mit dem sie auf dem Boden auf prallte, wirkte in der schwarzen Stille wie ein Donnerschlag. Ihr Licht verging.

»Verflucht« Jamie bückte sich, hob sie auf.

Nichts. Keine Reaktion. So sehr er auch rüttelte und dagegenschlug, so sehr passierte nichts mit dem Gerät. Es hatte den Geist auf gegeben.

Na toll. Das also auch noch.

Abermals sah er sich um. Ohne die Maglite wirkte die Dunkelheit gleich noch viel undurchdringlicher. Und der Kojote…

Scheiße, war das nah. Jetzt, beim dritten Geheul, war Jamie, als stünde das Viech nur wenige Dutzend Meter von ihm entfernt!

Riechen Kojoten es, wenn jemandem die Muffe geht? Bestimmt, aber nicht auf weite Distanz. Was immer das Raubtier auch zum Näherkommen verleitete, er war es nicht. Das war physikalisch und biologisch unmöglich. Oder?

Jamie atmete tief durch und fällte eine Entscheidung. Er würde noch zum Burning Man selbst gehen, dem so ziemlich einzigen Eck des Geländes, das er bislang nicht durchsucht hatte. Sollte LeBron sich auch da nicht zu erkennen geben, konnte er seiner Meinung nach ruhig draußen erfrieren oder auf Wile E. Coyote warten.

Still in sich hineinfluchend, machte Jamie sich auf den Weg. Er mochte den Burning Man nicht, so absurd das auch war. Seit seiner Ankunft hier draußen empfand er schon so, seit er das gut vierzig Meter hohe, mannähnliche Gebilde aus Holz, Neonröhren und Aussteigerträumen zum ersten Mal aus nächster Nähe gesehen hatte. Irgendwie war ihm das Ding unsympathisch.

Bescheuerter Gedanke, oder? Wie konnte einem eine Menschennachbildung aus Holz unsympathisch sein? Das war doch nichts Lebendes, nichts Denkendes!

»Genau das ist der Punkt«, flüsterte er, als er endlich vor dem beeindruckenden Bauwerk ankam. »Das bist du nämlich doch, irgendwie. Oder? Du wirkst so… real. Nicht auf faktische Weise, aber emotional. Irgendwie.« Er wusste selbst nicht, wie er es formulieren sollte -geschweige denn begreifen. Wie verlieh man einem Gefühl Worte, für das es keine Beschreibung gab und das aller Logik trotzte? »Ich weiß, dass du nur Gerüst bist. Aber falls du dich jetzt bewegen würdest, wäre ich nicht überrascht.«

Der Burning Man schwieg. Natürlich. Trotz der Finsternis sah Jamie seine gewaltige Form vor sich in den wolkenverhangenen Himmel ragen: ein Leviathan der Wüste, aufgebockt auf einem mehrere Meter durchmessenden und mindestens fünf Meter hohen Unterbau aus Schnitzereien, Drahtgebilden und allerhand anderem Gerümpel. Er war die eigentliche Hauptfigur des jährlich stattfindenden Festivals. Um ihn herum gruppierten sich die gut vierzigtausend Teilnehmer, die erwartet wurden. Auf ihn projizierten sie ihre Träume, Hoffnungen und Wünsche, und in dem Feuer, in dem er am letzten Abend des mehrtägigen Aussteigerspektakels hier in der Black Rock Desert vergehen würde, hofften sie, auch ihre Sorgen und Ängste zu verbrennen.

Ab morgen, wenn die ersten Feiernden ihre noch leeren Parzellen bezogen hatten und die Party langsam in Gang geriet, würde der Burning Man nachts beleuchtet sein. Dafür hatten Jamie, LeBron und die anderen gesorgt. Jedes Glied des Holzmannkörpers war mit Neonröhren versehen. Die Festivalveranstalter mussten nur einen Hebel im Aggregatorencontainer umlegen, und das Gerippe würde Strom bekommen. Würde leuchten.

Doch noch sparten sie sich den Aufwand. Hier draußen im Nirgendwo, wo es wirklich nichts gab, was nicht zuvor von den Veranstaltern und ihren Gästen herbeigekarrt worden war, hatte man nichts zu vergeuden. Auch keine Energie. Deswegen blieb auch die Straßenbeleuchtung noch aus.

»LeBron?«, rief Jamie in die Stille hinein. Inzwischen zitterte er vor Kälte, und seine Zähne klapperten so sehr, dass ihm das Sprechen schwerfiel. »Letzte Warnung, Mann. Komm raus, oder ich gehe allein zurück pennen.«

Einen Moment lang verharrte er reglos, hielt sogar den Atem an, um nur ja kein Geräusch, keine Bewegung im Dunkel zu verpassen. Doch es gab nichts zu verpassen. Auch hier, direkt am Burning Man, schien sein Wohnwagengenosse wie vom Erdboden verschluckt.

»Dann eben nicht«, murmelte Jamie, machte auf dem Absatz kehrt und wandte sich zum Geh… Der Kojote!

Der Gedanke kam so plötzlich, dass die mit ihm einhergehende Überraschung den Schock zunächst überlagerte. Erst nach einer kurzen Schrecksekunde begriff Jamie DeMarco das wahre Ausmaß seines Problems.

Und dann, dass das noch untertrieben war.

Denn das Vieh, das dort keine fünf Meter vor ihm im Dunkel hockte und ihn aus Augen anstarrte, die rot zu glühen schienen, war nicht der Kojote, den er vorhin gehört hatte. Oooh nein, Sir! Den Eindruck hatte ihm sein Verstand nur vorgegaukelt.

Kojoten leuchteten nicht.

»Hi, Jamie«, zischte das Ding mit der Perversion einer menschlichen Stimme, die Jamie nur zu gut wiedererkannte. »Du weißt ja, was sie in diesem Staat sagen, oder? Rien ne vas plus…!«

Dann machte es einen Satz auf ihn zu, blitzschnell, den Tod verheißend.

Jamie sah gespenstig schimmernde Klauen in der Wüstennacht. Zähne aus Eis.

Und er schrie.

***

Es hieß, in Extrem- und Gefahrensituationen reagiere der Körper besser. Dann seien die Sinne besonders scharf, die Reflexe stärker denn je. Damit man überlebte, allen Umständen zum Trotz.

Das, so erkannte Jamie nun, war völliger Schwachsinn.

Wie oft er schon hingefallen war, wusste er nicht mehr zu sagen. Längst hatte er den Überblick verloren, auch die Orientierung, und obwohl er dieses Gelände - diese Stadt aus Träumen mitten im Nichts - selbst mit aufgebaut hatte, fand er sich nicht mehr in ihr zurecht. Allein zwei Dinge gab es noch in seiner Welt, deren er sich sicher sein konnte: Erstens, dass er weg musste, einfach nur weg, weiter rennen und, verdammt noch mal, aufstehen! Und zweitens, dass ihn das bizarre Viech hinter ihm andernfalls erledigte. Dieser Wüstenteufel, der mit LeBrons Stimme sprach. Dieses gespenstisch schimmernde Monstrum, dessen Form so undefinierbar blieb wie seine Existenz absurd.

Wieder hörte er es zischen, knurren. Und wieder rappelte er sich auf, floh weiter. Obwohl er es besser wusste.

Er hatte verloren. Daran konnte kein Zweifel bestehen. Dies war ein Spiel, dessen Regeln ihm so unbekannt waren wie sein Sinn, aber Jamie spürte genau, welch undankbare Rolle die Spielleiter ihm zugedacht hatten: die . des Opfers.

Trotz der Kälte schwitzte er. Sein Atem ging röchelnd, seine Lunge schien ihm aus dem Leib springen zu wollen. Wann immer er langsamer wurde, tanzten bunte Flecken vor seinen Augen -sichere Anzeichen einer drohenden Erschöpfungsohnmacht.

Parzellen zogen an ihm vorbei. Leere Felder, auf denen nur wenige Stunden nach Tagesanbruch erste Wohnwagen, Zelte, kurz: alle möglichen und unmöglichen Arten provisorischer Behausungen stehen würden. Nun aber waren sie so verlassen wie Jamie sich fühlte.

Das passiert nicht wirklich. Ich liege in echt friedlich schnarchend im Schlafsack. Das ist nur ein Albtraum.

Doch der stechende Schmerz in seiner Seite und das Blut, das er im Mund schmeckte, bewiesen ihm das Gegenteil. Mit entsetzlich definitiver Klarheit.

Abermals stolperte er über irgendetwas. Jamie ruderte mit den Armen, krümmte sich im Fallen zusammen und schaffte es tatsächlich, sich über die Schulter abzurollen. Sand und Steine knirschten unter der Last seines Aufpralls, und für einen kurzen Moment raubten die Erschöpfungsflecken ihm vollends die Sicht.

Dann sah er das Monster.

Es stand keine drei Meter hinter ihm und blickte ihn aus gierigen Augen an. Kalten Augen.

Jamie erstarrte in der Hocke. »W… Was willst du?«, hauchte er. Gänsehaut zog über seinen Leib, und ein plötzlicher pochender Schmerz in seiner Schulter signalisierte ihm, dass er sich etwas gebrochen haben musste. Etwas Kompliziertes. »Was bist du?«

Keine Antwort. Nur dieser taxierende, wartende, schrecklich gierige Blick.

Nein, das war nicht LeBron. Genauso wenig, wie es ein Kojote war. Alles nur Hirngespinste - vergebliche Erklärungsversuche seines Verstandes, etwas Unverständliches zu bestimmen.

Aber es war, was LeBron widerfahren war.

»So ist es doch, oder?«, flüsterte Jamie, ohne den Blick von der glühenden Erscheinung zu nehmen. Er wusste nicht, woher er den Mut dazu nahm, das Ding überhaupt anzusprechen. Vermutlich aus seiner inneren Resignation. »Du hast ihn dir geholt. Hier draußen. Einfach so.«

Wüstenteufel. Kein anderer Begriff passte besser. Dieser unmöglichen und dennoch existierenden Kreatur dort vor ihm musste das menschenfeindliche Reich der Black Rock Desert, in das sie sich vorgewagt hatten, gehören. Und nun war es gekommen, um sein Hausrecht durchzusetzen!

Noch immer rührte es sich nicht.

Jamie hielt den Atem an, setzte alles auf eine Karte und erhob sich. Langsam, Zentimeter für Zentimeter. Bloß nichts provozie… Er kam nicht dazu, den Gedanken zu beenden. Und die Bewegung auch nicht.

Das Vieh - der Wüstenteufel - sprang in die pechschwarze Nacht, und mit einer Geschwindigkeit, die allen Naturgesetzen ins entsetzt staunende Gesicht lachte, war es über ihm!

***

Hoch über Black Rock City, der Metropole der Träume, zog der Wind über die nächtliche Wüstenebene. Er strich um die Gipfel der fernen Berge, besuchte Skorpione, Schlangen, Kojoten, wehte über die vergessenen Skelette vor Jahrzehnten unauffällig entsorgter Mafiosi. Und überall, wohin er kam, erzählte er vom Schrei, der die Stadt der Menschen zum Erzittern gebracht hatte. Von der Verzweiflung und der Todesangst, die in ihm gelegen hatten.

Und von dem entsetzlichen Moment, in dem der Schrei geendet war.

Macht einen Bogen um die Stadt, so die Moral seiner Erzählung. Dort herrscht etwas Dunkles. Etwas, das vernichtet.

Und die Schlangen, Berggipfel und Mafiosigerippe verstanden.

Einzig die Menschen hörten nicht auf den Wind. Denn als die Sonne des neuen Tages über der Black-Rock-Wüste aufging, saßen sie bereits in ihren Wagen und hielten auf den hölzernen Leviathan zu. Den Burning Man, der auf sie wartete.

***

Als die Hand unter ihren Bikini glitt und anfing, mit ihrer Brust zu spielen, schloss Leonard die Augen und wünschte sich ganz weit weg. Eigentlich tat er das schon, seit diese Fahrt in den Wahnsinn vor knapp fünfzehn Stunden begonnen hatte, doch bislang hatte alles Wünschen nichts genützt.

Steve, der Fahrer des nahezu schrottreifen VW-Busses, welcher für die kommende Woche ihre Zentrale sein sollte, grölte zufrieden. Er hatte seit ihrem Aufbruch aus Cheyenne, Wyoming, im Alleingang acht Dosen Bier und eine halbe Flasche Jack Daniel’s vernichtet, war aber nach wie vor unbestrittener Alleinherrscher über das Lenkrad und somit ihrer aller Gesundheit. Niemand hier stellte das infrage, denn mit Ausnahme zweier Personen waren alle anderen nicht minder hackedicht und längst über das Stadium hinaus, in dem es sie noch gestört hätte.

Die eine dieser Ausnahmen war Leonard selbst. Seine letzten drei Protestversuche waren aber mit Spott und Kopfnüssen quittiert worden, also hielt er nun den Mund und stellte sein iPad lauter, auf dem der »Game of Thrones«-Soundtrack sich redlich bemühte, ihn vor der Realität fliehen zu lassen.

Die zweite Ausnahme hieß Cassie. Und ihr Gesichtsausdruck machte mehr als deutlich, dass nicht einmal die Aussicht auf einen grauenvollen Unfalltod sie davon abbringen konnte, sich endlich von jemandem relevant betatschen zu lassen. Auch wenn dieser jemand Marc Stepkow war.

Leonard erkannte seine ein Jahr ältere Schwester kaum wieder. Und er verstand sie nicht. Zum einen war Stepkow die wohl größte Null unter der Sonne - ein Quarterback, der zwar auf dem Platz punktete, aber ohne den Leistungsbonus seiner sportlichen Meriten in so ziemlich jedem Fach ihrer gemeinsamen High School durchfallen würde -, und zum anderen hatte Cassie eigentlich weit mehr Grips im Schädel, als dass sie so ein Hohlbrot auch nur in Gedanken an sich rangelassen hätte.

Eigentlich.

Hier aber, auf der lang geplanten und wider alle Hindernisse tatsächlich zustande gekommenen Mission Burning Man, schien sie ihren Verstand abgeschaltet zu haben. So erpicht war sie darauf, endlich sexuell zu punkten und mit ihren prahlerischen Freundinnen gleichzuziehen - allesamt Arschgeweih-White-Trash-Dummchen, denen Leonard kein Wort glaubte -, dass sie sogar in Kauf nahm, zumindest das offenbar dazugehörige Vorgeplänkel in Gegenwart ihres eigenen Bruders abzuarbeiten. Denn eins war klar: Was auch immer Cassie da vorn auf dem Beifahrersitz abzog, war Arbeit. Mit Leidenschaft hatte das nichts zu tun.

Leonards Fantasy-Soundtrack ging gerade in ein donnerndes Crescendo über, als plötzlich jemand an seinem linken Ohrstecker zog.

»Ey, Eierkopf«, nuschelte unmittelbar darauf Callum in seinen Gehörgang, der ihn optisch immer an den kürzlich verstorbenen Ryan Dunn in Ungepflegt erinnerte. »Steph würd gern nochma hörn, wassde übern Burning Man erzähls. Kannste?«

Callum Ward und seine Freundin Steph Myers waren die Letzten in ihrer sechsköpfigen East-Cheyenne-High-Reisegruppe. Zwei rasta-belockte und batik-beshirtete Hippies aus Leidenschaft, die sich nie gesucht und trotzdem gefunden hatten. Sie würden auch in fünfzig Jahren noch zusammen sein, denn sie waren meist viel zu breit, um zu merken, wie unerträglich sie schon in Einzelpersondosierung waren.

Leonard schaltete »Game of Thrones« aus und wandte sich zu ihnen um. Die beiden fläzten sich auf der hintersten Sitzreihe des Kleinbusses, direkt vor den Kühlboxen und Konservenkartons. Von dort aus verpesteten sie seit Stunden die Luft mit ihrem Gras und lachten über Leonard, wann immer er röchelnd den Kopf aus dem Fenster steckte.

»Die Sache fing 1986 an«, begann Leonard nun, denn er hatte gelernt, dass er diese Tortur nur durch Geduld überstand. »Irgendwelche Typen in San Francisco bauten einen Holzmann und verbrannten ihn am Strand, klar? Dadurch wollten sie den Sommer feiern und sich irgendwie selbst ausdrücken. Na ja, die Sache wurde zur Tradition. Jahr für Jahr wiederholten sie sie, und Jahr für Jahr kamen mehr Leute dazu. Erst Kumpels, schließlich völlig Fremde. Durch Mundpropaganda. Eines Jahres war die Meute so groß geworden, dass das inzwischen zum Festival ernannte Ereignis in die Wüste Nevadas ausgelagert wurde, wo es niemanden gab, den es stören konnte. Seitdem entsteht dort alle Jahre wieder Black Rock City aus dem Nichts, der vielleicht gigantischste Campingplatz der Welt - komplett mit Straßen und allem. Die Wüstenstadt ist im Halbkreis um ihren wichtigsten Bürger angeordnet: den Burning Man. Aus der Holzpuppe von einst ist inzwischen ein echter Riese geworden, denn so wie das Festival wuchs, wuchs auch der Burning Man. Im vergangenen Jahr maß das Ding gute siebenunddreißig Meter Höhe, dieses Mal soil’s noch größer sein.«

Callum sah Steph in die bekifft-glasigen Augen. Dann prusteten beide los.

»Habchdir doch gsagt, dass der Freak ds alles draufhat, ey«, nuschelte Callum nahezu ekstatisch vor Begeisterung. »Ds sinn diese Eierköppe. Denen brauchse nurn Stichwort zu gebn, unn schon spuln die dirn komplettes Scheißreferat runter!« Er grinste Leonard so breit an, dass die nikotingelben Zähne in seinem bärtigen Gesicht zum Vorschein kamen. »Saugeil, Alter. Echt.«

Steph, die gerade an ihrem gemeinsamen Joint gezogen hatte, atmete aus und blies Leonard den süßlich riechenden Rauch direkt ins Gesicht. Ihre großen, fragenden Augen waren so falsch wie die vermeintliche Ehrfurcht in ihrer Stimme. »Sag mal, hast du eigentlich auch so ne… so ne… wie heißt der?… so ne Captain-Smirk-Uniform?«

Leonard seufzte innerlich und hustete. Nein, er hatte keine Kirk-Uniform, aber selbstverständlich war er ein Star Trek-Fan. Nur: Wenn er das jetzt zugab, hielten die beiden Spinner auf der Rückbank ihn erst recht für den letzten Obernerd.

Tun sie das nicht ohnehin?

»Warum willst du eigentlich hier dabei sein, Kleiner?«, wollte Steph nun wissen. »Ich meine, so ein Typ wie du… Auf dem Burning Man? Wärst du nicht lieber daheim in deinem Zimmer bei deinen Comics und den Gedanken an deinen ersten Sex - in etwa dreißig Jahren?«

Na super, dachte Leonard, jetzt auch noch Jungfräulichkeit-Witze. Auf dieser Tour blieb ihm wohl kein einziges Klischee erspart.

Callum grölte vor Vergnügen. »Der will gar nich mit«, presste er zwischen zwei Lachschüben hervor, »Der muss! Weil sein Dad… weil sein Dad Cassie nur gehn lassn wollt, wenn er mitkommt. Kannse dir das vorstelln? Der - als Anstandswauwau?« Der Gedanke daran, dass ausgerechnet ein Nerd die Ehre von Alan Derringers einziger und auf dem Schlampentrip befindlicher Tochter beschützen sollte, brachte den Pothead Callum dermaßen zum Wiehern, dass ihm schon Tränen über die sonnengebräunten Wangen liefen.

Es kostete Leonard Mühe, ihn zu ignorieren.

Zwei weitere qualvolle Stunden später waren sie da. Mitten im Nirgendwo. Black Rock City wuselte nur so vor Leben. Es war ein Areal, wie es bizarrer nicht sein konnte. Der Vergleich mit dem größten Campingplatz der Welt kam hin, nur dass hier ausschließlich die Spinner, Freaks und Selbstdarsteller ihre Zelte aufzuschlagen schienen. Wohin Leonard auch blickte, als er aus dem Wagen stieg und sich die steif gewordenen Beine vertrat, sah er Menschen in extremsten Formen. Manche waren von Kopf bis Fuß in Body-Paintings gehüllt oder von Tätowierungen übersät, andere trugen ihre alternative Lebensweise so vehement zur Schau, dass es fast schon zwanghaft anmutete. Ökos, Deadheads, Teenies auf fehlgeleitetem Selbstfindungstrip, Woodstock-Veteranen, die geistig nie wieder richtig nach Hause gekommen waren, Linksradikale, Hardcore-Pazifisten… Gestalten aller Couleur und Orientierung wimmelten zwischen den nicht minder exzentrischen Wohnwagen, Zelten und anderen provisorischen Behausungen umher, manche mehr, manche weniger und manche gar nicht bekleidet. Dem schlechten Geschmack waren in Black Rock keine Grenzen gesetzt, denn hier fiel auch das Hässliche und Bescheuerte unter den Oberbegriff »Persönliche Freiheit«. Und allein sie zählte für die nächsten Tage.

»Hey, Eierkopf«, rief Steve vom Wagen her, wo Callum und Marc begonnen hatten, die Vorzelte um den Bus zu gruppieren.

Leonard wandte sich um - gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie der sturzbetrunkene Surfertyp, der sie hierhergebracht hatte, seine Hose zu Boden sinken ließ und einer vorbeiflanierenden Body-Painting-Schönheit voller Stolz sein Gemächt präsentierte.

»Was sagste, Leo?«, rief er dabei Leonard zu. »Machen wir zwei Oberchecker jetzt hier die Bräute klar, oder wie?«

Die Schönheit eilte von dannen - entsetzt, aber auch amüsiert. Und Callum, Steph, Marc und Cassie bogen sich vor Lachen.

***

»Ihr könnt sagn, wasser wollt«, lallte Steve und stand mühsam auf. Sein Blick glitt von einem zum anderen. »Aber ich geh jetz fickn!«

Callum und Steph kugelten sich, als hätten sie nie etwas Witzigeres gehört. Die Flammen des kleinen Lagerfeuers, um das sie alle saßen, spiegelten sich auf der Scotchfiasche in Stephs Hand.

»Nee, echt«, beharrte Steve, der ihr Gelächter offenkundig als Irrglaube interpretierte. »Machich. Kannj… Kaja… Kannjanich angehn, dasswer schon sechs Stunnen hier sinn, ohne dassich n Stich gemacht hätt.« Dabei griff er sich in den Schritt, als könne er so seinen Willen unterstreichen.

»Gar keine so schlechte Idee«, sagte Marc leise, grinste Cassie an und machte- sich an ihrem Bikiniknoten zu schaffen.

Die warf ihm einen Blick zu, der so abgebrüht und gleichzeitig lasziv gemeint sein musste, dass Leonard sich fragte, wie lange sie ihn wohl schon vor dem Spiegel geübt hatte. »Benimm dich, Stepkow«, spielte sie die Entrüstete. Doch sie ließ ihn tapfer gewähren.

»Machtoch wasser wollt«, grunzte Steve noch, dann verschwand er in der Nacht. Um nach Frauen zu suchen, die noch mehr an Geschmacksverirrung litten als Cass.

Es war spät geworden in Black Rock City, und überall pulsierte das Leben. Laute Musik wehte aus diversen Richtungen über den Platz. Vorn am neonhellen Burning Man tanzten Hunderte wild und ungestüm herum. Grüppchen mit Biergürteln zogen über die Straßen, guckten, sangen Stadionlieder. Die Kids von der East Cheyenne High School hatten inmitten des Runds ihrer Zelte, das sie und der VW-Bus bildeten, ein Feuer entzündet, um das sie nun alle saßen und Flaschen rundgehen ließen.

Alle bis auf Leonard. Er war im Bus geblieben, von wo aus er hin und wieder halb angewiderte, halb entsetzte Blicke Richtung Cassie warf, die diese geflissentlich ignorierte, und sich ansonsten seinem iPad und der darauf laufenden Warehouse-Episode widmete. Gott sei Dank für lang haltende Akkus!

»Burning Man, Burning Man«, sang Callum plötzlich - zur Melodie von »Spider-Man« und zu Marcs großem Vergnügen. Da er offenbar nur die eine Melodiezeile kannte, wiederholte er sie in stupider Schleife, bis Steph ihm eine Kopfnuss gab und ihn zu sich und ihren gepiercten Lippen zog.

Super. Sollten sie doch alle rumknutschen, als gäbe es kein Morgen mehr. Hauptsache, sie ließen ihn endlich in Ruhe, fand Leonard und wandte seine Aufmerksamkeit nun endgültig den Warehouse-Agenten Lattimer und Bering zu. Gerne auch bis zur Rückfahrt.

***

»Scheiße, was habich mich verlaufn.«

Steve Colwitz lachte und sah sich schwankend um. Die letzten Ausläufer von Black Rock City lagen inzwischen gut und gern fünfzig Meter hinter ihm. Wie zum Geier war er nur aus der Siedlung geraten? Er wollte doch Tussis klarmachen, nicht den Mond anheulen gehen!

»Hab wohl Aussetzer«, sagte er in die kalte Nachtluft, kicherte und wandte sich um. Dann erstarrte er. »Halloo!«

Vor ihm stand plötzlich eine Göttin. Traumfigur, Traumfrisur - oben wie unten - und Traumkleidungsstil: textilfrei. Sie war vielleicht zehn Schritt rechts von ihm, mitten in der Wüste, und sah ihn so verführerisch und so selbstbewusst an, als hätte sie seit Tagen auf ihn und ihn allein gewartet. Steve war sogar, als glühe sie regelrecht, aber das musste am Alkohol liegen.

Sie machte keinerlei Anstalten, ihre Blöße zu bedecken. Im Gegenteil: Sie präsentierte ihren Körper so gezielt, dass es nur eine Einladung sein konnte. Ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. In ihren Augen funkelten Schalk und Begierde um die Wette. Begierde gewann.

»Alls klar?«, stieß Steve hervor. Irgendwo in seinem vom Scotch umnebelten Hirn registrierte er noch, dass das der wohl beknackteste Anmachspruch aller Zeiten und tief unter seiner Würde sein musste. Doch seinen Lenden war das egal.

Und der Göttin offensichtlich nicht minder! Sie nickte - Grundgütiger, sie nickte! -, hob langsam den Arm und winkte Steve zu sich. Ihr Augenaufschlag reichte, Männerherzen stehenbleiben zu lassen.

»Redest nich gern, he?« Er lachte leise. »Annererseits: Was gibt’s groß zu sagn. Ich bin scharf, du bis scharf. Ab dafür, he?«

Nicht für einen Moment kam ihm in den Sinn, sich über ihr plötzliches Erscheinen zu wundern. Auch die Tatsache, dass er sie trotz der Finsternis hier draußen in der Wüstenleere so deutlich sehen konnte, als wäre es taghell, irritierte ihn nicht. Und als sie von einem Augenblick auf den anderen zehn Meter weiter hinten, noch tiefer in der Wüste, stand, fand Steve auch das nicht erstaunlich, sondern hielt es für einen weiteren Bestandteil des verführerischen Spiels, das sie einzig und allein um seinetwillen zu spielen schien.

Wieder hob sich ihr Arm. Wieder winkte sie, lockte. Zu mir, zu mir.

»Worauf du dich verlassn kanns«, raunte Steve, ging auf sie zu und nestelte schon am Verschluss seiner Jeans.

Er kam nie wieder.

 

Kapitel 3: Leviathan

Las Vegas

»Willkommen in Las Vegas, der Stadt, in der die Lichter niemals ausgehen. Und falls doch, gibt es immer noch die Polizei, die mit ein wenig Blaulicht aushelfen kann.«

Zamorra und Nicole standen ein Stück entfernt vor dem Indian Spirit Casino, dessen Eingang mit gelb-schwarzem Absperrband versehen worden war. Einige Schaulustige drängten sich um den Ort des Geschehens herum und wurden immer wieder von den anwesenden Polizisten zurückgescheucht. Das Blaulicht der Streifenwagen blitzte unentwegt auf und veranstaltete seine ganz eigene Lichtshow. »Mal sehen, ob uns jemand berichten kann, was hier passiert ist«, sagte der Professor. »Der leitende Beamte vor Ort dürfte bereits darüber informiert sein, dass wir kommen.«

»Weiß er, wer wir sind und was wir tun?«, wollte Nicole wissen.

»Er weiß, dass wir zwei Experten sind, die sich mit Fällen auskennen, bei denen die Polizei nicht weiter weiß, und dass er mit uns kooperieren soll. Das sollte fürs Erste genügen. Zum Glück schuldete mir der Polizeipräsident von Vegas noch einen Gefallen. Das vereinfacht die Dinge.«

Sie überquerten den Parkplatz und gingen zielstrebig Richtung Eingang. Ein paar vereinzelte Touristen fotografierten das beeindruckende Polizeiaufgebot und mutmaßten untereinander, worum es hier wohl ging. Mord? Eine Bombendrohung? Eine Drogenrazzia?

Zamorra schüttelte ob der Vermutungen nur den Kopf. Wenn es das nur wäre, dachte er. Als sie den abgesperrten Eingangsbereich erreichten, bemerkte Zamorra einen alten Indianer, der in der traditionellen Kleidung seines Volkes ein wenig abseits des Geschehens stand. Neben ihm befand sich eine aufgeklappte Kiste mit kleinen Figürchen, indianischem Schmuck und ein paar Traumfängern. Wohl eher Touristenfängern, schoss es Zamorra durch den Kopf. Der hat sich mit dem Indian Spirit Casino ja den passenden Ort für seine Geschäfte ausgesucht. Er wollte Nicole gerade auf diese Ironie aufmerksam machen, als sein Blick den des alten Mannes traf. Die dunklen starren Augen des Indianers fixierten Zamorra, und dem Professor lief ein Schauer über den Rücken.

Doch dann war der Moment vorbei, und Zamorras Aufmerksamkeit wurde von einem uniformierten Polizeibeamten beansprucht, der auf ihn und Nicole zukam. »Sir, Ma’am, bitte treten sie zurück. Sie behindern die Ermittlungen.«

»Eigentlich sind wir hier, um die Ermittlungen zu unterstützen«, erwiderte Zamorra. »Wären Sie so freundlich, Ihren Vorgesetzten herzuholen?«

Der junge Mann war sichtlich verwirrt und schien etwas erwidern zu wollen, überlegte es sich dann aber anders und eilte schnell davon. Kurz darauf erschien ein Mann in Zivil, der seine Dienstmarke an einer Kette um den Hals trug, sodass sie gut sichtbar auf seiner Brust prangte. »Ich bin Lieutenant Jeff Rawlins«, sagte er ohne Umschweife. »Ich leite die Ermittlungen. Sie müssen Professor Zamorra sein.«

»So ist es. Und das ist meine Assistentin, Nicole Duval.«

Rawlins schenkte Nicole ein knappes Nicken. »Ich wurde bereits darüber informiert, dass Sie uns bei diesem Fall unterstützen. Folgen Sie mir.«

»Der Mann verliert keine Zeit«, murmelte Nicole.

Im Inneren des Casinos tummelten sich sogar noch mehr Polizisten als vor der Tür. Zamorras Blick fiel sofort auf einen abgesperrten Bereich voller einarmiger Banditen. Er zuckte zusammen, als er sah, dass an den Automaten Menschen saßen, die sie bedienten, dabei jedoch völlig geistesabwesend wirkten.

»Was genau ist hier passiert?«, wollte der Professor von Rawlins wissen.

»So genau können wir das auch nicht sagen. Der Besitzer des Casinos meinte, dass nichts anders war als sonst. Alles lief völlig normal ab, die Glückspieler amüsierten sich, niemand verhielt sich in irgendeiner Weise auffällig. Und dann reagierten die Leute an den Automaten plötzlich nicht mehr. Sie warfen zwar weiter Münzen ein und zogen die Hebel, aber niemand konnte sie bisher von den verfluchten Dingern wegbekommen. Jeder, der es versuchte, bekam… tja, ich weiß nicht genau, wie ich es beschreiben soll, eine Art elektrischen Schlag oder so was. Wir haben bereits drei verschiedene Ärzte konsultiert, doch die konnten auch nicht mehr sagen, als dass die Körperfunktionen dieser Leute nach wie vor völlig normal arbeiten. Leider konnten sie die Opfer nicht umfassend untersuchen, da sie bei jeder Berührung Übelkeit überkam. Sie meinten, es könnte eine bisher ungekannte Art von Wachkoma sein, aber niemand weiß, warum es all diese Leute im gleichen Moment befallen hat und wieso sie sich immer noch bewegen können. Es ist, als hätten sie sich in Zombies verwandelt.«

Nicole schnaubte. »Das würden Sie nicht sagen, wenn Sie jemals einen echten Zombie gesehen hätten, glauben Sie mir. Diese Leute hier sehen nicht nur besser aus, sie riechen auch besser.« Sie musterte die Betroffenen kurz und fügte dann hinzu: »Vielleicht mit Ausnahme der Dame in dem Flamingokleid.«

»Ich würde gerne selbst mit dem Besitzer dieses Casinos sprechen«, meinte Zamorra und kam damit wieder zum aktuellen Problem zurück.

»Das können Sie tun, aber ich fürchte, das wird Ihnen nicht weiterhelfen. Mr. De Luca konnte uns auch nicht mehr zu dieser Sache sagen«, erklärte Rawlins.

»Er war über die Ereignisse äußerst bestürzt und konnte sich nicht erklären, was hier passiert ist. Wir haben ihn fürs Erste nach Hause geschickt, damit er sich beruhigen kann und nicht im Weg ist.«

Der Professor war unterdessen näher an den abgesperrten Bereich herangegangen und schien Rawlins nur noch mit einem Ohr zuzuhören. »Hier ist zweifellos eine böse Macht am Werk«, murmelte er. »Aber warum hier? Und was hat das mit den Automaten zu tun?« Er konzentrierte sich und aktivierte Merlins Stern, um seine Vermutung zu bestätigen. Das Amulett wurde sehr schnell sehr warm. Zamorra taumelte eine paar Schritte zurück.

»Chérie!«, rief Nicole und trat besorgt zu ihm.

»Alles in Ordnung«, versicherte er. »Die magische Präsenz ist nur ein wenig stärker, als ich erwartet hatte. Wie es aussieht raubt sie den Opfern ihre Energie, auch wenn ich nicht ganz sicher bin, wie das vonstatten geht.«

»Wir müssen diesen Menschen irgendwie helfen«, meinte Nicole nachdrücklich. »Wenn diese Macht dich schon beeinflusst, wie muss es ihnen dann gehen?« Sie deutete auf die Reihe der stummen Casinogäste. Ihnen am nächsten saß eine junge Frau in einem Brautkleid. Sie hatte sich ihren Aufenthalt in Vegas sicher anders vorgestellt.

»Nun, in Anbetracht der Tatsache, dass weder die Polizei noch die Ärzte noch die Zeugenaussagen weiterhelfen, sehe ich nur eine Möglichkeit, an mehr Informationen über das zu kommen, was diese Leute gefangen hält. Ich werde mich selbst an einen der Automaten setzen und sehen, was passiert. Sobald die Macht versucht, Kontrolle über mich zu erlangen, werde ich sie bekämpfen.«

»Bist du verrückt geworden?«, entfuhr es Nicole. »Was, wenn du nicht stark genug bist und ebenfalls als hirnlose Hülle endest?«

»Ich bitte dich, Nicci. Erstens ist das eher unwahrscheinlich, und zweitens bleibt uns kaum eine andere Wahl, wenn wir diesen Menschen so schnell wie möglich helfen wollen. Ich werde mich schon zu wehren wissen, falls unser schwarzmagischer Freund frech wird.«

»Sir«, mischte sich Rawlins ein. »Ich muss Ihrer Assistentin zustimmen. Ich wurde beauftragt, mit Ihnen zu kooperieren und Ihnen meine Unterstützung zukommen zu lassen, aber das geht wirklich zu weit. Ich kenne mich mit diesem Voodoo-Zeug zwar nicht aus, doch ich kann nicht zulassen, dass Sie sich absichtlich in Gefahr begeben. Sie mögen auf diesem Gebiet ein Spezialist sein, aber…«

»Allerdings, das bin ich«, unterbrach ihn Zamorra. »Ich habe schon Dinge gesehen, nach deren Anblick Sie sich tagelang übergeben müssten, und ich sage das mit allem Respekt, den ich vor Ihnen und der Arbeit, die sie als Polizist leisten, habe. Vertrauen Sie mir. Meine Fähigkeiten sind stark genug, um es mit diesem Ding aufzunehmen. Ich werde nur mal einen Blick darauf werfen, damit wir wissen, womit wir es zu tun haben. Danach können wir dann an einer geeigneten Gegenmaßnahme arbeiten und diese Leute befreien. Ach, und mit Voodoo hat das hier übrigens ganz sicher nichts zu tun.«

»Also gut«, sagte Rawlins zögerlich. »Sie sind der Experte. Aber ich habe Sie gewarnt.«

Zamorra blickte noch einmal zu Nicole, die so aussah, als ob sie ihn am liebsten bewusstlos geschlagen und aus dem Casino gezerrt hätte. Doch sie sagte nichts, und damit war die Sache besiegelt.

Zamorra ging zu einem der wenigen leeren Plätze vor einem Automaten und setzte sich. Er schloss die Augen und atmete ein paar Mal tief ein und aus. Dann legte er eine Hand an den Hebel des einarmigen Banditen und betrachtete das Gerät eingehend. Mit einem verlegenen Grinsen drehte er sich plötzlich wieder zu Nicole und Rawlins um. »Äh, hat einer von euch vielleicht ein bisschen Kleingeld für mich?«

Nicole schnaubte nur verärgert. Rawlins kramte in seinen Hosen- und Jackentaschen herum, und präsentierte schließlich eine kleine Auswahl an Münzen. Zamorra nahm sie entgegen, warf eine davon in den Schlitz und zog am Hebel. Er starrte auf die Anzeige des Geräts. Kirsche, Kirsche, Münze. Nichts passierte. Er warf die nächste Münze ein und zog wieder am Hebel. Kirsche, Münze, Kirsche. Wieder nichts. Er drehte sich zu Nicole und Rawlins um…

... und stand mitten in einer Wüste. Um ihn herum war weit und breit nichts außer Felsen, Geröll, trockener Erde und ein paar vereinzelten verdorrten Grasbüscheln. Es gab weder Häuser noch Fahrzeuge, nirgendwo fand sich ein Hinweis auf Zivilisation oder menschliches Leben. Zamorra drehte sich ein paar Mal hin und her. War er wirklich an diesem Ort, oder war es nur eine Illusion? Unwillkürlich blickte er an sich herab. War das nun das echte Amulett, das seine Brust schmückte oder war es nur eine Illusion? Die Sonne, die erbarmungslos vom Himmel brannte und ihm bereits den Schweiß auf die Stirn trieb, wirkte jedenfalls sehr echt.

Er spürte zwar paranormale Schwingungen, konnte sie aber nicht genau zuordnen. In Ermangelung einer besseren Idee setzte er sich in Bewegung und wanderte auf der Suche nach Hinweisen durch die Wüste. Schon nach wenigen Schritten machte ihm die trockene Hitze zu schaffen. Ein sengender Wind wehte und brachte Staub und feinen Sand mit, der bald an Zamorras verschwitzter Haut klebte und in seinen Augen brannte. Vergeblich versuchte er, die kleinen Schmutzpartikel fortzublinzeln, doch das machte es nur noch schlimmer. Seine Sicht verschwamm, doch da weit und breit nichts außer flacher Ebene und fernen Felsen zu sehen war, spielte das kaum eine Rolle. Zamorra stapfte mühsam weiter. Seine Schritte wurden schwer, doch er versuchte, sich trotz der lebensfeindlichen Umgebung auf seine Aufgabe zu konzentrieren.

Wenn ich hierher gelangt bin, werden die anderen Leute an den Automaten vermutlich auch hier sein, überlegte er. Ich muss sie also nur finden.

Ein plötzlicher Hitzeschwall, der so nah war, dass er nicht von der Sonne kommen konnte, ließ den Professor innehalten. Er hatte das Gefühl, dass seine Nackenhaare angesengt wurden, und drehte sich langsam um. Ein erschrockenes Keuchen entfuhr seinen Lippen, als er auf das starrte, was nur wenige Schritte hinter ihm stand!

Zuerst sah er nur Feuer, eine Wand aus Flammen, die hektisch loderten und sich selbst zu verzehren schienen, um immer wieder neu zu entstehen. Zamorra taumelte zurück und befahl ganz unwillkürlich dem Amulett, einen Schutzschirm zu bilden. Im gleichen Moment erwachte die schützende Magie von Merlins Stern zum Leben. Der beruhigende grüne Schimmer aus Energie legte sich um den Meister des Übersinnlichen, doch er spürte sofort, wie das Amulett an seiner Kraft zehrte. Immerhin war es also keine Illusion, er war also wirklich hier.

Und dieses Ding da vorn ist wohl von der heftigeren Sorte - der Heftigkeit nach zu urteilen, mit der das Amulett mir die Kraft nimmt, schoss es ihm durch den Kopf.

Er hob den Blick und erkannte, dass es sich bei seinem Gegenüber um eine Art Figur handelte. Es war eine stark vereinfachte über zwanzig Meter hohe Darstellung eines Menschen. Die Luft in ihrer unmittelbaren Umgebung waberte von der Hitze, die von ihr ausging.

EINDRINGLING!, erschallte es um ihn herum oder vielleicht auch nur in seinem Kopf. Das Ding hatte immerhin keinen richtigen Mund, aus dem das Wort hätte kommen können.

»Was willst du?«, fragte Zamorra den brennenden Riesen. »Was hast du mit diesen Leuten im Casino angestellt?«

ENERGIE!, dröhnte es zurück.

Zamorra genügt diese Erklärung. Diese schwarzmagische Macht saugte den Menschen in ihrem Bann offenbar tatsächlich die Lebensenergie aus, und das würde jetzt sofort auf hören! Zamorra konzentrierte sich und sammelte seine Kräfte für einen Angriff.

Dieser Kerl verträgt sicher einiges, dachte er. Da sollte ich nicht zimperlich sein.

Ein geistiger Befehl an das Amulett ließ es silberne Blitze hervorschießen, die mit einem befriedigenden Zischen auf den Flammenriesen trafen. Die Stelle loderte kurz auf, doch Zamorras Angriff schien keine weiteren Auswirkungen zu haben. Die Energieblitze waren einfach in dem Wesen verschwunden, so als hätte es sie absorbiert. Ein grollendes Donnern erfüllte die leere Ebene, und der brennende Mann hob einen Arm.

»Sieht so aus, als hätte ihn das nur wütend gemacht«, murmelte Zamorra und verstärkte instinktiv seine Abwehr.

»Da muss ich wohl zu härteren Mitteln greifen.« Er griff in die Tasche seines Jacketts, zog seinen Dhyarra-Kristall heraus und…

Der riesige Arm des Kolosses sauste auf ihn zu! Zamorra sprang zu Seite, doch er war nicht schnell genug. Die brennende Hand seines Gegners traf ihn. Die Abwehrmagie des Amuletts bewahrte ihn zwar vor einer direkten Berührung, doch die Wucht war stark genug, um den Professor einige Meter durch die Luft zu schleudern. Er prallte hart auf dem Wüstenboden auf. Benommen hob er den Kopf, doch seine Sicht war verschwommen. Außerdem schmeckte er Blut, was ebenfalls kein gutes Zeichen sein konnte. Er spuckte aus und schüttelte den Kopf. Der grüne Schimmer seiner Abwehrmagie flackerte beunruhigend. Nicht weit entfernt setzte sich der brennende Riese in Bewegung und stampfte mit donnernden Schritten auf ihn zu. Zamorra rappelte sich auf und mobilisierte seine Kraftreserven, um sich seinem Gegner erneut entgegenzustellen.

Weiter: Teil 2 von 3