Amerikanische Wald- und Strombilder: Erster Band
Curtis Brautfahrt
An dem kleinen Flüßchen »Fourche la fave,« das sich dreißig Meilen überhalb Little Rock in den Arkansas ergießt, lebte im Jahre 1841 ein Mann Namens Jeremias Curtis.
Er war noch, wie er selber sagte, in den besten Jahren, etwa zwischen sechs und dreißig und vierzig, und hatte erst vor zwei Jahren seine Frau an einem hitzigen Fieber verloren, was Wunder also, wenn es ihn mit dem erwachenden Frühling ebenfalls trieb, die heiligen Bande der Ehe auf's Neue zu knüpfen, da noch überdies drei unerzogene Kinder von vier, sechs und sieben Jahren ihn mahnten, daß sie der Mutterpflege bedürfen.
Zur Wartung der Kleinen, wie zur Besorgung der Wirthschaft, lebte indessen eine entfernte Verwandte, ein armes, aber braves und auch wirklich recht hübsches Mädchen, Namens Nancy, in seinem Hause, und schon mehrmals war ihm der Gedanke durch den Kopf gefahren, dieses zu heirathen und dadurch jeder weiteren Sorge überhoben zu sein. Jeremias Curtius war aber ein Mann, der nicht blos für die Gegenwart lebte, sondern auch hinaus in die Zukunft schaute, und da glaubte er denn vernünftiger und zweckmäßiger zu handeln, wenn er sich eine Frau wähle, die ihm nicht allein sich selbst, sondern auch noch eine kleine Aussteuer zuführe, auf daß er seine irdischen Güter, wenn er auch keinen Reichthum begehrte, doch um ein Weniges vermehren könne.
»Zwar bedurfte er dessen nicht« (wie er sich selbst vor seiner Hausthür auf-und abgehend, herzählte), »er hatte, was er brauchte im Überfluß; hier stand ein recht wohnliches Blockhaus, 18 bis 20 Fuß, wasserdicht gedeckt (die nordwestliche Ecke ausgenommen, wo es hineinregnen w o l l t e , er mochte auch thun was in seinen Kräften stand) mit einem guten Boden gelegt; daneben eine kleine Küche und ein Rauchhaus mit »Massen von Fleisch«; dabei neun Acker urbar gemachtes und eingefenztes Land, und dicht daneben noch ein kleines Eckchen für Rüben angefangen; zwei ausgezeichnet gute Pferde; sieben und dreißig Stück Rindvieh, groß und klein (und die viere eingerechnet, die ihm im vorigen Frühjahr in die Arkansas Rohrbrüche gegangen und noch nicht wieder gekommen waren); einige vierzig Schweine (oder nur neun und dreißig, wenn das s e i n e Sau gewesen, die der Bär in letzter Nacht gefressen); eine vorzügliche Stahlmühle; vier Hemden, fünf paar Socken und drei paar Beinkleider (zwei für den Sonntag und noch ganz neu); einen Frack von
Kenntucky Jeannet5, die beste Büchse im ganzen Revier, fünf Hunde, und — die Hauptsache, einen kleinen Negerjungen von circa neun Jahren, wie hundert und fünfzig Dollar in baarem, harten Gelde — h a r t e n G e l d e !«
Curtius wiederholte besonders die letzten Worte verschiedene Male »h a r t e m G e l d e — keines von Euerem lumpigen Arkansas-Papier-Geld — Arkansas-Real-Estate — 72 pro Cent Discount — Puh!«
»Aber Mr. Curtis, was haben Sie denn nur heute vor? Sie wollen wohl bei der nächsten Wahl eine Rede halten?« frug Nancy, die schon seit mehreren Minuten in der Thür gestanden und ihm leise kichernd zugeschaut hatte, wie er mit gewaltigen Schritten am Ufer des kleinen, vor seinem Hause vorbeifließenden Baches auf und abging, und lebhaft dazu mit den Händen gestikulirte.
»Hat der Braune gefressen?« frug aber Mr. Curtis dagegen, indem er stehen blieb und sich nach seiner Haushälterin umsah, ohne die lächelnde Bemerkung weiter einer Antwort zu würdigen.
»Vierzehn Kolben Mais habe ich ihm gegeben,« erwiederte Nancy, »und Bob ist bei ihm stehn geblieben, die Hühner vom Troge zu scheuchen; ich kann übrigens noch einmal hingehn und zusehn, ob er fertig ist und mehr verlangt.«
Dabei sprang sie leicht über die dem Hause als Stufen dienenden Klötze hinweg, und hüpfte mit fröhlichen Schritten dem Futterkasten zu, wo das Pferd, ein schönes, braunes Thier, die schon abgenagten Kolben, die sogenannten K o b s , zerkaute, und ungeduldig mit dem Vorderfuße den Boden scharrte.
»Nun Bill, bist du noch hungrig?« frug das Mädchen, ihm dabei freundlich den Hals klopfend, während Bill, dem die schmeichelnde Hand der Pflegerin zu behagen schien, nur stärker scharrte und mit dem schönen Kopfe auf- und niederfuhr — »nun warte — ich hole dir noch ein paar Kolben« und damit wandte sie sich dem Hause wieder zu, wobei der Braune, ihre Absicht wahrscheinlich ahnend und als Zeichen freudiger Beistimmung, hellauf wieherte.
Curtis hatte der schlanken, behenden Gestalt des hübschen Kindes mit wohlgefälligem Blicke nachgeschaut, aber ein ernstes, bedeutsames Kopfschütteln verrieth doch, daß er seine ganz absonderliche Bedenken dabei haben mußte, und auf's Neue trat er seinen, kaum unterbrochenen Spaziergang an, wiederum vor sich hinmurmelnd »einen kleinen, neunjährigen Neger und hundert fünfzig harte Dollars — harte, silberne Dollars.«
»Gieb ihm nichts mehr zu fressen, Nancy,« rief er da plötzlich, als er zum Hause aufblickte und Nancy mit dem nachträglichen und dem Braunen extra versprochenen Mais aus der Thüre treten sah — »ich will fortreiten — hol' mir einmal die Decke aus dem Rauchhaus — und reich' mir den Zügel heraus — er liegt unter meinem Bett.«
Nancy that wie ihr befohlen, und bald darauf hatte Jeremias Curtis seinem keineswegs ganz damit einverstandenen Pferde den Zügel an und den Sattel aufgelegt, schnallte sich dann einen äußerst blank gescheuerten Sporn an den linken Fuß, fuhr einige Male mit dem Ellenbogen über den etwas abgetragenen Biber, und schien bei dieser Beschäftigung wieder in tiefes, tiefes Nachdenken zu versinken. Plötzlich aber mußte ein großer Entschluß in seiner Seele gereift sein, denn mit gewaltiger Energie drückte er sich den Hut — fast etwas zu tief — in die Stirn, schwang sich in den Sattel, trabte bis vor die Hausthür, und blieb hier halten, wo er Nancy, die ihn verwundert betrachtete, genau fixirte.
»Nancy«, sagte er endlich — »ich will ausreiten.«
»Und in Ihren »Geh-zur-Kirche-Kleidern«?«
»Ja Nancy, und — wenn ich vielleicht — es könnte sein, daß ich — ich setze den Fall ich käme — nun Nancy«, brach er kurz ab, »räume das Haus hübsch auf und kehre Alles fein sauber ab; — wir — wir bekommen vielleicht — Besuch!« und dem Thiere den linken Hacken einbohrend, setzte er über den Bach, und trabte schnell die am Fluß hinaufführende Straße, am Fuß der mit Kiefern bedeckten Hügel, fort.
Nancy schaute ihm, bis er hinter den Bäumen verschwunden war, lächelnd und kopfschüttelnd nach, dann aber drehte sie sich lachend auf dem Absatz herum, und schmunzelte, in das Haus zurücktretend:
»Nun wenn d e r nicht Freiersgedanken im Kopfe hat, dann will ich nicht Nancy heißen. Viel Glück, Mr. Curtis, viel Glück! Neugierig bin ich aber doch, wo er hinreitet; dort oben wohnen zwar viele Mädchen, am Fluß hinauf — sollte er wohl nach Trumbells? die haben zwei Töchter — ih« — lachte sie kurz abbrechend und ihre Arbeit am Baumwollen-Spinnrad wieder beginnend — »ich werd's schon erfahren; morgen führt er ja wahrscheinlich seine Auserwählte heim.«
Jeremias Curtis ritt indessen mit leichtem, fröhlichem Herzen die Straße entlang, und stimmte endlich, in einem Ausbruch seiner nicht mehr zu bändigenden und zurückzuhaltenden Gefühle, eine weit hinausschallende Hymne an, so daß mehrere Hirsche, die friedlich an der Straße geäßt, entsetzt und mit mächtigen Sprüngen in's Dickicht flohen. Wenig aber kümmerte dies den Freiersmann; er war Einer von den Menschen, die sich Monate, Jahre lang mit einem Plan oder Entschluß herumquälen können, ohne ihn zur Reife oder Ausführung zu bringen, die aber, nur erst einmal mit sich selbst im Klaren, ruhig in die Zukunft hinaussehen und den lieben Gott für das weitere sorgen lassen.
Im besten Mannesalter, sah er — Nancy hatte ihm das selbst mehr als einmal versichert — gar nicht so übel aus; besonders wenn er Sonntags seine »reinen Sachen« angezogen. Nun wollte ihm zwar seine übergroße Bescheidenheit den Einwurf machen, daß ihn Nancy mit ein wenig zu partheiischen Augen betrachte, dann aber blickte er links am Pferd hinunter auf seine stattlichen, wohlproportionirten Gliedmassen, dann wieder rechts, nickte dazu lächelnd mit dem Kopf, murmelte »einen kleinen Neger und hundert und fünfzig Dollars in baarem, harten harten Geld,« und begann mit lauterer, stärkerer, ja recht herzfreudiger Stimme den geistlichen Gesang auf's Neue.
Mehrere Stunden mochte er also in der reinen, klaren Frühlingsluft fortgetrabt sein, als ihm aus der Ferne das helle Dach eines Blockhauses entgegenschimmerte, und er sich dem Ziele seiner Wanderung näherte; anstatt aber dem Pferde den Sporn einzudrücken, und im fröhlich kühnen Galopp vor die Thür der Auserwählten zu sprengen, ritt er langsam seitwärts vom Wege ab in das Gebüsch hinein; stieg ab und begann jetzt mit außerordentlicher Sorgfalt seine Toilette in Ordnung zu bringen.
Ein kleiner Spiegel wurde mit seinem spitzen Messer — das er in einer ledernen Scheide im Gürtel trug — an einem Baum befestigt, dann förderte er einen Kamm und eine kleine Bürste ebenfalls aus der Tiefe der fast unergründlichen Rocktasche zu Tage und striegelte und bügelte nun das widerspenstige Haupthaar sorg- und aufmerksam.
Mr. Trumbell, auf dessen Land und unfern von dessen Haus er sich jetzt befand, hatte zwei allerliebste Töchter, zwar noch ein wenig jung für einen Mann in seinem Alter, denn die älteste zählte erst achtzehn Jahr; leicht überredete er sich aber, daß sein noch so rüstiges, jugendliches Aussehen, und sein »kleiner neunjähriger Neger, wie die hundert und fünfzig Dollars« sehr zu seinen Gunsten sprechen würden, ja sprechen mußten, und mit wirklichem Wohlgefallen nahm er jetzt den Spiegel in die Hand und hielt ihn bald dicht vor die Augen, bald in etwa Armeslänge von sich entfernt, um ungefähr den Eindruck zu berechnen, den, wie er hoffte, sein erstes Erscheinen auf die Mädchen hervorbringen sollte.
Aber gar nicht mit seinen Plänen harmonirend, stahlen sich hie und da einzelne graue Haare sowohl aus dem Backenbart als auch aus den Schläfen hervor, und emsig war er eben bemüht, die unwillkommenen Boten eines ehrwürdigeren Zeitalters mit sicherer Hand und spitzen Fingern zu erfassen und herauszureißen, als plötzlich das helle Gelächter zweier silberreinen Mädchenstimmen an sein Ohr schlug, und er, entsetzt sich wendend, in die vor ausgelassener Freude funkelnden Augen eben dieser beiden Schönen blickte von denen er sich Eine zum ehelichen Gemahl ausersehen.
Hätte das ruhig neben ihm grasende Pferd ihn mit einem freundlichen »guten Morgen Mr. Curtis« angeredet, oder der Spiegel, der jetzt seiner zitternden Hand entfiel, ihm ein scheußliches Fratzengesicht gezeigt, als er hineinschaute und seine eigenen, wohlgebildeten Züge darin zu finden erwartete, oder die alte Eiche, unter der er stand, die Riesenarme über den Kopf zusammengeschlagen und sich die Wurzeln selber wie einen Zahn ausgezogen, er würde nicht so starr vor Schrecken, so völlig wie eine ungesalzene Madame Lot dagestanden haben. Nicht einmal die unbedeutendste Begrüßungsformel wollte über die Lippen, und mit weit aufgerissenen Augen und noch weiter geöffneten Lippen blieb er in der einmal eingenommenen Stellung, und blickte bald auf diese, bald auf jene Schwester.
»Aber Mr. Curtis,« begann jetzt die Älteste der Beiden, die sich zuerst wieder genug gesammelt hatte, um reden zu können, »läßt Ihnen denn Nancy zu Hause gar keine Ruhe, daß Sie soweit in den Wald hinein müssen, um Ihre Toilette zu machen?«
»Mr. Curtis will unter die Indianer gehen,« fiel die Schwester, immer noch mit vom Lachen unterbrochener Stimme ein — »er übte sich schon im Bartausraufen, und ich bin fest überzeugt, daß er in derselben Tasche, aus der er schon so viele andere Sachen hervorgeholt hat, auch noch die Kriegsfarben trägt.«
»Das ist möglich,« kicherte Lucy — »dort im Baum steckt sein Scalpirmesser.«
»Aber bester Mr. Curtis,« sagte Betsy mit scheinbarer Besorgniß, »dann müssen Sie ja auch t a n z e n , und da Sie doch jetzt erst zu den Methodisten — «
»Miß Lucy — Miß Betsy,« stammelte in höchster Verlegenheit der arme Curtis — »ich — ich habe einen kleinen Neger und hundert fünfzig Dollar — «
»Ah Sie werden ein Häuptling!« jubelte Betsy, »ich sehe Sie schon im Geist mit der Scalplocke und dem blutigen Tomahawk im Gürtel — buntbemalt, wehende Adlerfedern auf dem Haupte, die ausgefranzten Leggins von dem flatternden Haarschmuck der erlegten Feinde umweht — Brrrrr« fuhr sie schaudernd fort, »was Sie schon für wilde Blicke nach uns schießen;« und wiederum fingen die Mädchen an zu lachen, daß der Wald tönend das helle Echo zurückgab.
Der arme Curtis aber, die Zielscheibe dieses unerbittlichen Spottes, stand keineswegs mit wildem Blick, sondern mit höchst kläglicher, erbarmenswerther Miene da, und überlegte eben, mit welcher Wonne er in einen zwei hundert und fünfzig Fuß tiefen Brunnen oder in eine unergründliche Felsspalte hineinfahren könne, um nur hier, von dieser für ihn zum Marterpfahl gewordenen Stelle fortzukommen, denn aller Muth, auch nur eine Sylbe über die Absicht seines Besuches laut werden zu lassen, war ihm jetzt entfallen. Endlich aber faßte er sich ein Herz, hob mit einer schnellen und geschickten Bewegung den ihm vorhin entfallenen Spiegel wieder auf, ließ ihn in die Tasche gleiten, und frug jetzt, mit halb trotzigem, halb kläglichem Gesicht die Schwestern, was sie um des Himmels willen im Walde, hier an dieser einsamen Stelle allein zu thun hätten.
»Wenn wir nun grausam wären,« sagte Lucy, »könnten wir Ihnen das zu rathen aufgeben, so aber wollen wir Mitleiden mit Ihnen haben, und Sie in unser Geheimniß einweihen. Sehen Sie den Waschkessel da unten? sehen Sie das freundliche Gesicht Jessina's?«
Und Curtis sah das freundliche Gesicht Jessina's, denn nicht zwanzig Schritt von da entfernt, grinste ihm, zwischen ein paar blühenden Dogwoodbüschen hindurch, das breite, schwarze Antlitz eines kleinen, vierschrötigen Negermädchens entgegen, das seine Arbeit verlassen hatte und kichernd zwei Reihen der reinsten, weißesten Perlzähne zeigte, die je unter einer Negerin Lippe hervorschimmerten.
»How de do, Massa?« nickte ihm die Kleine freundlich zu, und der fromme Curtis hatte schon einen höchst gotteslästerlichen Fluch auf den Lippen, doch unterdrückte er ihn noch zur rechten Zeit, starrte einen Augenblick vor sich nieder, und war im Begriff, sein Pferd zu besteigen und den Ort zu fliehen, wo er unter für ihn so mißlichen Umständen empfangen worden. Da aber siegte der Verstand des ruhigen besonnenen Mannes.
Nein — Mr. Trumbell war sehr wohlhabend, und nicht allein hier, sondern auch im Oiltrovebottom, am Whiteriver, hatte er nicht unbeträchtliche Strecken Land, das am Fourche la fave jedoch, seiner gesünderen Lage wegen, zum Aufenthaltsort gewählt. Dabei viel Vieh — sehr viel Vieh und — was das bedeutendste war, eine ganze Colonie von Negern und besonders von sehr hübschen Negermädchen. Jeremias dachte an seinen eigenen jungen Sprößling aethiopischer Race — romantische Gebilde von fabelhaft großen Baumwollenplantagen mit unzähligen Negersclaven jagten an seiner inneren Seele vorüber — jedes der beiden vor ihm stehenden Mädchen war wenigstens zweitausend Dollar werth — er drückte sich den Hut etwas fester auf den Kopf. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen. Die Mädchen schienen ihr Betragen zu bereuen — sie flüsterten leise und ernst zusammen — sie wußten, daß sie ihm durch ihren Spott weh gethan haben mußten — Reue kam vielleicht dem, was er ihnen sonst noch bieten konnte, zu Hülfe; auf keinen Fall dürfte die kostbare Zeit versäumt werden, und Lucy sollte erfahren, daß es in ihrer Macht stehe, ihn zum Glücklichsten der Sterblichen zu machen.
Er setzte den rechten Fuß vor und hob den linken Arm auf — der Augenblick der Entscheidung war da.
Lucy wandte sich gegen ihn und sagte bittend:
»Nicht wahr, Sie sind nicht böse, wenn — «
»Mein Fräulein,« unterbrach sie mit freudiger Stimme der neue Hoffnung schöpfende Freier, — wie können Sie nur glauben, daß ich — ich habe — «
»Wenn ich eine Frage an Sie richte — « fuhr Lucy, ohne die Unterbrechung zu beachten, fort — »Betsy und ich haben miteinander gestritten — Betsy meint, Sie hätten sich die einzelnen Haare aus Verzweiflung ausgerissen, ich behaupte aber, Sie wollten ihrer Geliebten eine Locke mitbringen. Nicht wahr, ich habe Recht?«
Das war zu viel für den armen Curtis! er verschluckte die schon halb begonnene Anrede, steckte das Messer in den Gürtel, faßte sein Pferd am Zügel, hielt aber noch einmal und warf einen letzten, fragenden Blick auf die Schönen. Diese aber waren indessen in ein lautes Kichern ausgebrochen, das in dem blühenden Dogwoodbusch ein schallendes Echo fand, und ein paar blaue Heher, die gerade über der kleinen Versammlung auf dem jungen Aste eines jungen Sassafras saßen, stimmten mit ihren schmetternden, plappernden Stimmen ein in den Lärm. Curtis saß mit einem Sprung im Sattel.
»Good bye Ladies!« rief er mit lauter, trotziger Stimme, und als ob er hinter einem alten Bären her auf flüchtiger Hetze den Wald durchrase, so flog er, über mehrere gestürzte Stämme hinweg, der mit so frohen Hoffnungen verlassenen Countystraße wieder zu.
Vergebens riefen ihm jetzt die Mädchen nach, zum Hause zu reiten und bei ihren Eltern zu übernachten, vergebens versprach Lucy ihn nicht zu necken und keine Sylbe des Vorgefallenen zu erwähnen, er hörte nichts von ihren versöhnenden Worten, und nur das spöttische (ihm t e u f l i s c h vorgekommene) Lachen tönte und klingelte ihm noch in den Ohren, als er schon mehrere Meilen in scharfem Trabe zurückgelegt, und nun endlich anfing, die Sache ruhig zu überdenken.
»Verdammt!« rief er, und zügelte den Eifer des schäumenden Thieres ein wenig, indem er sich zugleich erschrocken umsah, ob Niemand den gotteslästerlichen Fluch gehört habe, »kann ein einzelner Mensch größeres Unglück auf der weiten Gotteswelt haben, als ich an diesem gesegneten Morgen genossen? Aber gut — gut — spottet nur, lacht nur, meine Miß Lucy und meine Miß Betsy, verhöhnt nur den aufrichtigen Freier, der sich Euch mit treuem Herzen naht, Ihr werdet's schon noch einmal bereuen und dann will ich triumphiren; dann ist mein kleiner Neger groß geworden, mein baares Geld, meine hundert und fünfzig harten Dollars haben sich vermehrt, und die Zeit möchte kommen, wo Ihr Euch lieber Mistres Curtis als Miß Lucy oder Miß Betsy nennen hörtet.«
Er hatte sich bei den letzten Worten im Sattel umgedreht, und hob drohend den rechten Zeigefinger nach der Richtung hin auf, aus der er eben gekommen war. Seine Selbstliebe trug aber endlich den Sieg über die gekränkte Eitelkeit davon, ein mitleidiges, fast höhnisches Lächeln umspielte für einen Augenblick seine Mundwinkel, und sich dann fester im Sattel setzend, preßten seine Schenkel auf's Neue die Flanken des edlen Thieres, das mit ihm in langen Sätzen über die felsige Straße dahinflog.
Das nächste Haus, das jetzt in seinen Augen einigen Werth hatte — denn diejenigen Farmen, auf denen keine jungen Mädchen lebten, existirten gegenwärtig gar nicht für ihn — gehörte einem Leidensgefährten, einem Wittwer, Namens Ewis; der Magnet aber, der ihn dorthin zog, war des alten Ewis einziges Töchterlein, ein liebes, holdes Mädchen, schlicht und einfach, doch brav und häuslich erzogen, und eine amerikanische Jungfrau im reinsten und vollsten Sinne des Wortes. Darum war übrigens Curtis nicht gleich von allem Anfang hierhergeritten, weil — die Neger fehlten. Ewis konnte mit zu den wohlhabenderen Farmern gerechnet werden, seine Heerden weideten in allen Theilen der weitverbreiteten Rohrbrüche, sein Land trug herrliche, reichliche Frucht, und es gab in einem nicht geringen Umkreis keinen gutmüthigeren und zugleich rechtlicheren alten Mann, als eben ihn; aber die Neger fehlten, und Curtis hatte deßhalb Lucy und Bet — aber nein, er wollte gar nicht mehr an die Mädchen denken — sie verdienten es nicht.
Jetzt hatte er die äußersten Fenzen erreicht; im Osten wurden schon an dem erdunkelnden Nachthimmel einzelne, blitzende Sterne sichtbar, und nur im Westen verrieth ein schmaler bleicher Streif die geschiedene, schlummernde Sonne; aber dort wirkte und schaffte noch reges Leben; die Hunde bellten, die Kühe blökten, eine feine Kindesstimme rief das lockende »Huph — huph« in den Wald hinaus, und dazwischendurch schallten die eintönigen Schläge der Axt, die noch Feuerholz für die kühle Nacht herbeischaffen mußte.
Gleich darauf betrat er den inneren, von den verschiedenen Feldern und Gebäuden eingeschlossenen Raum, der gewissermaßen als Hof gelten konnte, und fand sich bald darauf, von fünf bellenden heulenden Rüden umgeben, vor einem einstöckigen, aber ziemlich hochgiebligen Blockhaus, aus dessen Innerem ihm schon ein freundlich gemüthlicher Lichtglanz, Wärme und Geselligkeit versprechend, entgegenleuchtete.
»Hallo Curtis!« rief der alte Ewis, als er den, wenn auch etwas fernwohnenden »Nachbar« erkannte, während er im Holzhacken einhielt und dem Ankommenden entgegentrat, — »das macht Ihr gescheidt, daß Ihr Euch endlich einmal sehen lasset; habt mir's lange genug versprochen. Komm Bill — nimm das Pferd und führ' es in den Stall; jag' nur die anderen hinaus, die haben jetzt gefressen, und wir brauchen sie morgen doch nicht; tretet ein; laßt nur den Sattel sein, Bill wird schon auf Alles Acht geben.«
Curtis athmete hoch auf — in der Thür der Hütte stand Anna, das holde liebe Kind, und lächelte ihm so freundlich entgegen, daß er vor lauter seligen Gedanken des Vaters Hand gar nicht wieder losließ. Er stieg aber vom Pferd, schüttelte die dargebotene Rechte des Alten recht derb und herzlich, und trat mit klopfendem Herzen in's Haus, wo er der Jungfrau nach alter wackerer Sitte die Hand zum Gruß bot.
»Nun, Curtis, wie gehts?« fragte Ewis, als sie sich zusammen zum Feuer gesetzt hatten und der Freiersmann emsig beschäftigt war, mit seinem Genickfänger einen Span zu zerschneiden, — »wie steht Euer Mais? schon gepflanzt? habt wohl fruchtbares Wetter abwarten wollen? ja s'ist merkwürdig trocken dieses Jahr.«
»Nicht so ganz — wenigstens nicht bei mir,« erwiederte Curtis, dem es war, als ob ihm das Herz die Brust zersprengen müsse, denn Anna stand dicht neben ihm und holte die blankgescheuerte Kaffeekanne zum am Feuer brodelnden Abendessen vom Gesims herunter — »mein Feld liegt, wie Ihr wißt, ein wenig tief, im Thalland d'rin — neun Acker urbar gemachtes Land und daneben noch ein kleines Stückchen für Rüben — eine schöne Fenz, drum — «
»Ja, ja, s'ist gutes Land, kann's aber doch mit meinem hier nicht aufnehmen.«
»Mr. Ewis«, entgegnete Curtis etwas pikirt (denn das heißt einem Ansiedler der westlichen Staaten an's Herz gegriffen, wenn man behauptet: entweder besseres Land, ein schnelleres Pferd, eine sichere Büchse oder tüchtigere Hunde zu haben), »Mr. Ewis, mein Land wurde durch die Feldmesser ausgesucht, und für das fruchtbarste im ganzen County erklärt; überdies habe ich noch ein recht gutes Wohngebäude, ein Rauchhaus, eine kleine Küche — «
»Haben Euch denn die Eichhörnchen und Truthühner dies Frühjahr viel Saat weggefressen? ich mußte an den Fenzen herum schon wenigstens zwei Mal nachpflanzen.«
»Das war bei mir nicht so bedeutend«, entgegnete Curtis, auf's Neue die Gelegenheit ergreifend, all sein bewegliches und unbewegliches Eigenthum im besten Lichte erscheinen zu lassen; »Ihr wißt, ich habe einen kleinen Neger, und der muß gehörig aufpassen; es ist sehr angenehm, einen kleinen Neger« — er sah sich schnell um, denn er konnte fast darauf schwören, es hätte Jemand hinter ihm gekichert, Anna stand aber ganz ernsthaft am Tisch, und war emsig beschäftigt, die Messer und Gabeln zu ordnen, und weiter sah er Niemand im Zimmer — »kleinen Neger zu haben«, fuhr er nach kurzer Pause in der unterbrochenen Rede wieder fort; »dabei die hundert und funfzig — «
»Wie ist's denn mit dem Brunnen geworden, den Ihr wolltet graben lassen? oder trinkt Ihr noch immer aus dem Bach? wenn ich Nancy wäre, ließ ich mir das gar nicht gefallen; im Sommer ist's ein schauderhaftes Getränk.«
»Oh bewahre — ich nahm Mowers Jim auf vierzehn Tage in Arbeit, und da ich doch hundert und sechszig Dollars in baarem, hartem Gelde liegen hatte, so wendete ich gleich zehn daran, diese wirklich nothwendige Arbeit gethan zu bekommen.«
»Hm«, sagte Mr. Ewis, und schaute den redseligen Curtis, während er mit dem Daumen und Zeigefinger der linken Hand die Unterlippe beobachtend zusammenkniff, forschend an. Zum ersten mal schien die Ahnung der Absicht seines Besuchs in ihm aufzudämmern. Zu jetziger Zeit war Alles eifrig in den Feldern beschäftigt, und Curtis hatte mitten in der Woche seine Sonntagskleider angezogen und sich zu ihm verfügt, blos um bei ihm zu übernachten. —
»Hm« — sagte er dann noch einmal, und sah forschend bald seine Tochter, bald Curtis an, der, als er dies bemerkte, feuerroth wurde und mit eisernem Fleiße an seinem Spahn fortschnitzte.
Einige Minuten lang überlegte sich der Alte die Sache, und schien das pro und contra bedeutend in Betracht zu ziehen; endlich mußte aber doch wohl das pro den Sieg davon getragen haben, denn er stand auf, und verließ, unter dem Vorwand, nach den Pferden zu sehen, das Haus. Curtis war auch wirklich gar keine so üble Parthie! er hatte was er brauchte, ja von diesem wohl mehr als sieben Zehntel der übrigen Ansiedler, und die kleine, am Fourche la fave freilich ziemlich bekannte Eigenheit, daß er immer von seinem kleinen Neger erzählte, durfte, wie der Alte meinte, bei einem Mädchen auch weiter keinen Unterschied machen, wenn der Mann nur sonst brav und gut wäre.
Curtis, der nicht einmal diese Eigenschaft g e g e n sich, wohl aber alle die andern f ü r sich kannte, merkte gar bald, wenn er auch sonst gerade keine übermäßigen Verstandeskräfte besaß, daß er den Alten auf seiner Seite habe, und beschloß nun mit der Tochter die Sache ebenfalls schnell in's Reine zu bringen. Wie er aber allein mit ihr war, verließ ihn auf ein Mal aller Muth; es war ihm, als ob ihm Jemand mit zwei Fingern die Nase, und mit der ganzen Hand die Kehle zuhielte, und er nun mit jedem Augenblick ersticken müsse. Anna brach auch endlich zuerst das ihm wenigstens peinlich werdende Schweigen und frug ganz unbefangen:
»Wie befindet sich Nancy, Mr. Curtis? warum kommt sie nicht einmal herauf zu uns; sie hat es mir doch schon so oft versprochen.«
Curtis rückte eine Weile auf dem Stuhl umher, faßte sich aber endlich ein Herz und frug das junge Mädchen mit einem seiner zärtlichsten Blicke:
»Wie wär's, Miß Ewis, wenn Sie dafür einmal Nancy besuchten, vielleicht gefiel Ihnen der Ort?«
»Nancy muß erst zu mir kommen,« sagte Anna, »sie hat es versprochen.«
Eine lange Pause entstand jetzt, bis endlich der zaghafte Werber auf's Neue das Wort nahm und die Unterredung mit einem leisen:
»Es ist heute schönes Wetter« wieder anzuknüpfen suchte.
»Ja!« sagte Anna.
Curtis sah sich im ganzen Hause um, und seine Augen flogen bald über die an der Wand hängenden Kleider, bald über die im Schornstein angebrachten Speckseiten, und haftete endlich wieder auf Anna's schlanker Gestalt, die an das Feuer getreten war, um nach dem beigestellten Maisbrod zu sehen.
»Miß Anna!« sagte Curtis.
»Mr. Curtis?« frug Anna, sich nach ihm umdrehend.
»Ich muß Ihnen nur gestehen«, stotterte der Freier, »daß ich einzig und allein darum hierher gekommen bin, um — um Sie — um mich bei Ihnen — bei Ihnen zu erkundigen, — ob Sie — «
»Ob ich?« — fragte das Mädchen, den neugierig lächelnden Blick fest auf ihn gerichtet.
Er war so schön im Zuge gewesen, wie er ihr aber wieder in das dunkle Auge sah, das ihn so schelmisch, und doch auch so — er wußte selbst nicht wie, so — so trotzig anblickte, da verließ ihn auf's Neue sein Selbstvertrauen, und er stammelte, nach einigen vergeblichen Versuchen, die Fassung wieder zu gewinnen, auf das Fleisch deutend —
»Haben Sie das selber geräuchert?«
Wohl zwei Minuten mußte er aber auf die Antwort warten, denn so lange dauerte es, ehe sich Anna erholen konnte, die bei den letzten Worten in ein fast nicht zu beschwichtigendes Lachen ausgebrochen war.
»Und deßhalb also sind Sie die zwölf Meilen geritten?« frug sie endlich mit noch thränenden Augen, »blos um sich zu erkundigen, ob ich das Fleisch geräuchert hätte? o bester Mr. Curtis, das hätten Sie bequemer haben können, Nancy war dabei, wir haben es zusammen eingesalzen.«
Curtis wurde leichenblaß — er wußte, sein böses Geschick arbeitete jetzt an seinem Verderben; dieselbe Sehnsucht nach irgend einer noch unentdeckten Felsspalte oder nach einem bodenlosen Abgrund erfaßte ihn —
»Ich habe einen kleinen Neger — «
»Und hundert und fünfzig Dollar in baarem, hartem Gelde,« kicherte Anna. »Nancy hat mir das mehr als zwanzig Mal erzählt.«
»Kinder, was habt Ihr denn?« sagte der alte Ewis, der durch das Gelächter angelockt, in die Thüre trat. »Ihr seid ja ungemein lustig — ich glaubte — «
»O Vater, denke Dir nur — « lächelte Anna — aber ein flehender Blick des Unglücklichen traf sie, und dem konnte sie nicht widerstehen. Sie hatte Curtis Absicht bei seinem ersten Eintritt gemerkt, denn wenn ein lediger Mann an einem Wochentage, noch dazu in so nöthiger Arbeitszeit, und in seinen besten Kleidern, mit dem besten Sattel auf dem Pferd, auf einer Farm übernachtet, wo junge, heirathsfähige Mädchen sind, da wird und kann fast stets ein Heirathsantrag vorausgesetzt werden. Curtis war aber überdies noch in der ganzen Ansiedlung schon gewissermaßen p r o p h e z e i t worden, da er einige dunkle Worte hatte fallen lassen, was wie ein Lauffeuer von Farm zu Farm geflogen. Bei Steppdecken- und Klötzerollfesten hatten die jungen Mädchen auch schon zusammengekichert und gelacht, welche von ihnen die Glückliche sein werde, der »der kleine Neger und die hundert fünfzig Dollar« zuerst angeboten würden. Auf diese Art war gewissermaßen ein Complott gegen den armen Mann entstanden, und er glich jetzt einem Menschen, der wohlvermummt und verlarvt auf einem Maskenball umherwandert, fest überzeugt ist, daß ihn Niemand erkennen kann, und hinten auf dem Rücken, durch irgend eine boshafte Hand angeheftet, seine eigene Visitenkarte trägt.
Anna fürchtete aber fast, den Scherz zu weit getrieben zu haben, lenkte also ein, speiste den Vater mit einer ausweichenden Antwort ab, und war dann sehr beschäftigt, das Abendessen herzurichten und aufzutragen, wich aber sorgfältig jeder Erklärung von Curtis Seite aus, ja ging sogar ebenfalls hinaus, als sie merkte, daß sie der Vater nach Tische auf's Neue mit dem jungen Manne allein lassen wollte, und überzeugte die beiden Herren der Schöpfung gar bald, daß sie auf die Pläne, die sie zu brüten beliebten, nicht einzugehen gesonnen sei.
Curtis verzehrte sein Abendbrot sehr traurig — es war ihm, als ob ihm die Bissen im Munde stecken blieben, er verbrannte sich zweimal den Mund und nahm einen Löffel voll Senf statt braunem Zucker in den Kaffee; die Mahlzeit wurde auch sehr abgekürzt — der alte Ewis führte allein das Wort, erzählte ein paar lange Geschichten von einer Kuh, die ein Panther gefressen haben sollte und die nachher wieder plötzlich zum Vorschein gekommen war, und endlich konnte sich Curtis zurückziehn und sein stilles, einsames Lager suchen.
Sinnend verträumte er einen Theil der Nacht, aber auch frischen, neuen Lebensmuth sog er aus diesen Träumen. Weshalb sollte er sich bei dem zweiten, eigentlich nur e r s t e n Versuche abschrecken lassen, denn bei Trumbells war er ja nicht einmal an's Haus geritten. Nein — noch gab es mehr und recht hübsche Mädchen in der Ansiedlung, und solche auch wahrscheinlich, die seinen eigenen Werth, wie den seines kleinen Negers und seiner hundert und fünfzig Dollar zu schätzen wußten, ohne des anderen Eigenthumes zu gedenken.
Fest entschlossen also, den Muth nicht sinken zu lassen, hüllte er sich dicht in die weiche Steppdecke ein und Gott Morpheus nahm ihn sanft in seine Arme.
Am nächsten Morgen war er schon vor Tagesanbruch auf und besorgte sein Pferd; dringende Geschäfte riefen ihn, wie er dem alten Ewis sagte, noch weiter am Fourche la fave hinauf, und Miß Anna nur einen guten Morgen durch die Thüre zurufend; als er, schon im Sattel, am Hause vorbeiritt, drückte er dem alten Manne herzlich die Hand und sprengte auf der Countystraße weiter.
»Nein Curtis,« sprach er aber dabei mit sich selber, »wegwerfen thust Du Dich auch nicht; bitten und betteln ist Deiner unwerth, Du bist ein ordentlicher Kerl und hast« — er griff plötzlich dem Pferd in den Zügel und hielt in seinem Selbstgespräch und im Reiten an. Ein Gedanke durchzuckte ihn — »ich glaube, Miß Anna hat sich über meinen kleinen Neger lustig gemacht — sie lachte auf eine höchst unanständige Art, als ich ihn erwähnte — nun gut,« fuhr er, dem Braunen den linken Sporn wieder eindrückend, fort, indem dieser einen, der Anreizung entsprechenden Seitensatz that, und dann pfeilschnell mit ihm unter den thauträufelnden, duftigen Zweigen davonflog, »nun gut — wir werden ja sehn. Doch Miß Anna — die E i n z i g e sind Sie n i c h t in der Ansiedlung — Sie wahrhaftig nicht.«
Aber armer Curtis! — wieder und immer wieder solltest Du Deine Hoffnung, Dein felsenfestes Vertrauen getäuscht und betrogen sehen; wieder und immer wieder fandest Du Dich verschmäht, zurückgewiesen und ach, an vielen Orten gar verspottet.
Am rechten Ufer des Fourche la fave, kam ihm ein Ansiedler, den er noch gar nicht kannte, sogleich mit der Frage entgegen: »Ach, Sie sind der, der den kleinen Neger und die hundert und fünfzig Dollar hat, nicht wahr?« An anderen Orten liefen die Mädchen hinaus, wenn er kam, ließen sich von dem Ersten Besten ihr Pferd satteln, und galoppirten zur nächsten Ansiedlung, dahin schon die Kunde von dem wandernden Freier tragend, und Curtis hielt endlich, am dritten Tag spät Abends an der Farm eines Freundes, der, ziemlich abgelegen von den übrigen Ansiedlungen, auch wenig, selbst mit seinen nächsten Nachbarn zusammenkam und verkehrte.
Peterson hatte zwei hübsche Töchter, recht liebe und brave Mädchen, neben diesen aber noch die Tochter eines Bruders, der in Texas gestorben. Fanny, so hieß die Jungfrau, stammte aus Georgien, wo ihr Vater damals eine kleine Banmwollenplantage besaß, und war ein sehr schönes, dunkeläugiges und heißblütiges Kind, aber auch toll, wild und ausgelassen, und ihr Onkel hatte sich schon früher einmal bei Curtis darüber beklagt, daß sie es sich in den Kopf gesetzt hätte, einen jungen Bengel zu heirathen, der — A d v o k a t wäre. »Ein Mensch, der erstlich einmal schon Advokat sei,« hatte er dabei geäußert, »solle nie, so lange er lebe und athme, eines von seinen eigenen, noch seines Bruders Kindern zur Frau bekommen, wenn e r es verhindern könne — ein Advokat, der den Leuten weißmache, roth sei blau und grün schwarz! nein wahrhaftig nicht.« Hatte nicht noch überdies im vorigen Herbst derselbe Lasse seinem Nachbar durchgeholfen, der angeschuldigt war, eine von Peterson's Kühen geschlachtet zu haben? und hatte nicht er — Peterson selbst, die Haut von der Kuh, »auf die er das Sakrament nehmen wollte,« über dessen Fenz hängen sehen? nein — ein Mensch, der so etwas zu thun im Stande sei, der sei zu A l l e m fähig. Überdies konnte er nicht einmal einen Maiskolben von einer Waizenähre unterscheiden, und hatte ihn selbst — er konnte das beschwören — gefragt, ob die Baumwolle auf solchen Bäumen wüchse, wie sie hier im Bottom ständen und die Baumwollenbäume hießen.
Und so ein Mensch sollte einmal Besitzer von einer Baumwollenplantage werden? nein — Fanny war erst achtzehn Jahr alt, und bis zum ein und zwanzigsten m ü ß t e sie bei ihrem Onkel bleiben; nachher würde sie schon Vernunft angenommen und eingesehen haben, daß ihr alter Onkel ehrlich und trefflich für sie gesorgt, indem er sie vor einem solchen Schritte bewahrte.
Dies Haus betrat jetzt Curtis und wurde herzlich von Allen empfangen; ja so herzlich, daß er schon hoffte, jenes unglückselige Gerücht über seinen kleinen Neger sei nicht bis hierher gedrungen, und sich heimlich zuschwor, auch keine Sylbe davon zu erwähnen; aber leider schienen die beiden Misses Peterson recht gut zu wissen, was den armen Mann zu ihnen geführt hatte, und wenn sie auch, emsig mit ihrer Arbeit beschäftigt, kein Wort, keine Sylbe äußerten, so verriethen doch dem jetzt schon mißtrauisch Gewordenen einzelne verstohlene Blicke den kleinen lachenden Teufel, der in den Herzen der Waldschönen lauerte.
Ganz anders benahm sich dagegen Fanny; sie setzte sich zu ihm — plauderte mit ihm, war ernst und gesetzt und sah ihn dabei ein paar Mal, wenn sie sich unbeobachtet glaubte — Curtis hatte es deutlich gemerkt — so forschend, so theilnehmend an, daß ihn einmal, als er diesem dunklen, fest auf ihn haftenden Auge begegnete, ein eiskalter, aber unendlich wohlthuender Schauer durchrieselte, und er sich schon in's Geheim drei oder vier keineswegs schmeichelhafte Ehrentitel beilegte, nicht gleich von allem Anfang an hierhergeritten zu sein. Er ließ sich diese kleinen Zeichen denn auch nicht zweimal gesagt sein lassen — rückte näher zu ihr, und fing nun an, um gleich mit etwas Schmeichelhaftem zu beginnen, das selbstgewebte Zeug zu loben, was sie trage, und meinte dabei:
»Ja Miß Fanny, es steht einem jungen Mädchen Nichts auf der weiten Welt besser, als der Stoff, den es selbst gesponnen und gewebt — das, ist der Grundstein der Häuslichkeit, und ein Mann — «
»Das Zeug hab' ich gewebt, Mr. Curtis,« sagte Kitty, die jüngste, mit einer etwas malitiösen Betonung auf dem Pronomen.
Curtis saß da wie vom Schlag getroffen, Fanny riß ihn aber schnell aus der Verlegenheit, indem sie versicherte, sie habe sich zu Hause all ihr Zeug selbst gewoben und hielte es auch für passend, daß eine Hausfrau das thun solle.
Curtis lebte wieder auf, die ganze alte Scheu verlor sich, er wurde gesprächig und hatte wirklich mehrere ausgezeichnete Einfälle, über die Fanny ganz besonders lachte, der alte Peterson sich aber ausschütten wollte. Diesen schien übrigens die Zuneigung, die seine Nichte zu dem einfachen Farmer gefaßt, herzlich zu freuen (denn daß Curtis blos darum gekommen sei, um eins der Mädchen anzuhalten, darüber war Niemand in der ganzen kleinen Gesellschaft mehr zweifelhaft). »Gott sei Dank,« dachte er bei sich selber, »hat sie doch endlich den verwünschten Advokaten vergessen; ich wußte es aber wohl, der R e c h t e mußte nur kommen; das ist mit allen Mädchen so.«
Das Abendessen war verzehrt — der alte Peterson hatte sich, sehr vernünftiger Weise, zu Bett begeben; dem Gast war, »wenn er sich niederlegen wolle, sein Bett gezeigt« und Kitty und Rosy beendeten ebenfalls mit manchen einander heimlich zugeflüsterten Bemerkungen ihre Arbeit, verschwanden dann urplötzlich hinter einer breiten, an den oberen Querbalken des Hauses aufgehangenen Matte, und Curtis fand sich mit klopfendem Herzen allein neben Fanny am Feuer sitzen.
Er gedachte der Zeit, wo er, ganz auf ähnliche Art, seiner ersten Frau die Leidenschaft gestanden, die er fühlte, und wieder drohte ihm ein unbeschreiblich ängstliches Gefühl die Kehle zuzuschnüren, denn wenn er auch in den letzten Tagen für solche Erklärungen etwas abgestumpft geworden war, da er die Gelegenheit gehabt mehrere zu geben, so fühlte er doch, daß hier Alles — Alles für ihn spreche, denn Fanny wäre sonst nicht allein zurückgeblieben, und die Liebenswürdigkeit selbst gewesen.
So sehr er aber auch den Augenblick herbeigesehnt, wo er mit ihr allein sein würde, so schien es doch, als ob er, der noch vor so kurzer Zeit der Redseligste gewesen, plötzlich die Sprache verloren hätte, und er nahm wieder, aus lauter Verlegenheit, sein Messer aus der Scheide und fing an zu schnitzeln.
Fanny saß ihm gegenüber, an der andern Seite des Kamins, also so weit wie nur irgend möglich von ihm entfernt. Curtis hätte zwar um's Leben gern ihr seinen Stuhl näher gerückt, aber er wagte es nicht, er wußte keine Ausrede, die das auch nur im Mindesten entschuldigen konnte, und doch fühlte er wie die Zeit verrann, und er sich lächerlich machen würde, wenn er noch länger so still und stumm wie der Klotz, der neben ihm zum Nachlegen lehnte, da saß.
Mit einem tiefen Seufzer sprengte er endlich die Fesseln, die seine Zunge in Banden hielten und sagte zögernd:
»Miß Fanny — sind Sie noch nicht müde?« — er fühlte, sobald ihm die Worte über die Lippen waren, daß er auf der weiten Gotteswelt Nichts Dümmeres hätte sagen können, aber es waren doch wenigstens Wo r t e gewesen, die vielleicht den Zauber gebrochen hatten.
Um Fanny's Lippen spielte bei dieser endlichen Frage ein leises, leises Lächeln; es zuckte ihr nur so durch die Korallenlippen, und für einen Augenblick stiegen, wie Bläschen aus einem Crystallbecher, zwei leichte, wunderliebliche Grübchen empor auf den rosigen Wangen; sie verschwammen aber fast eben so schnell, wie sie entstanden in der Sammethaut und nur mit leiser Stimme sagte sie:
»Freilich würde es eigentlich Zeit sein schlafen zu gehen, und ich weiß nicht — « »Miß Fanny,« stotterte Curtis.
»Onkel schläft schon,« meinte Fanny — »wir werden ihn wieder aufwecken durch unser lautes Reden.«
Curtis ließ sich das nicht zweimal sagen; blitzesschnell war er von seinem Stuhle auf und rückte diesen neben das schöne, leichterröthende Mädchen.
»Dann brauchen wir doch wenigstens nicht so laut zu sprechen,« meinte er.
»Aber Mr. Curtis.«
»Ach Miß Fanny,« seufzte Curtis, der jetzt einmal im Gang, auch alle Furcht und Scheu überwunden hatte, »Sie müssen es lange gemerkt haben, daß ich Sie liebe; wissen Sie wohl noch das letzte Klötzeroll-Fest?« Fanny nahm die kirschrothe Unterlippe zwischen die Perlzähne und blickte still vor sich nieder. »Ich bin allein,« fuhr Curtis jetzt selbst mit niedergeschlagenem Blicke fort — »ich habe Niemanden zu Hause, der — der Theil an mir nimmt — oder der — der mich lieb hätte; ich — ich habe lange gewünscht, — lange gewünscht ein Herz zu finden, das — das gern in meiner Nähe wäre. Da bin ich denn hierher gekommen — Miß — Miß Fanny.«
Fanny spielte verlegen mit der Schnur der Kugeltasche, die an der Seite des Kamins neben ihr herunter hing. —
»Und wollte Sie fragen, Miß« — fuhr Curtis mit angehaltenem Athem fort — »ob Sie — ob Sie Ihr Schicksal mit einem Manne theilen wollten, der — der es brav und ehrlich meint, und Alles thun wird, was in seinen Kräften steht, Sie glücklich zu machen.«
Ein tiefgeholter Seufzer kündete jubelnd die vollendete Erklärung, das Abrollen des Felsengewichts, das bis zu dem Augenblick seine Brust beängstigt hatte.
Fanny sprach kein Wort, nur manchmal warf sie einen ängstlichen Blick nach der Thür und nach dem kleinen Fenster, das, mit einer dünnen weißen Gardine verhangen, dem Kamin gegenüber angebracht war.
»Miß Fanny,« flüsterte jetzt, durch dies bedeutungsvolle Schweigen kühn gemacht, der Glückliche — »Miß Fanny, ich bin auch kein hergelaufener Squatter, der Nichts hat, als seine Axt und Büchse, und mit jedem neuen Frühjahr auch wieder eine neue unbewohnte Gegend aufsucht — ich habe ein recht wohnliches Haus mit einer kleinen Küche und dem Rauchhaus — neun Acker urbar gemachtes und gut eingefenztes Land, auch ein kleines Rübenstück — zwei ausgezeichnet gute Pferde — sieben und dreißig Stück Rindvieh, einige vierzig Schweine, eine vorzügliche Stahlmühle, vier Hem — die beste Büchse im ganzen Revier und einen kleinen Neger von — «
Curtis hielt plötzlich inne; der Neger war ihm wider Willen herausgefahren, und Fanny barg plötzlich ihr Gesicht im Taschentuch und wandte sich ab — Hals und Nacken färbten sich ihr hochroth; — lachte sie ihn aus?
Eine peinliche Pause entstand — um Gotteswillen — sie schluchzte.
»Ach Gott! — Miß Fanny — was fehlt Ihnen? habe ich Sie durch irgend etwas gekränkt oder beleidigt? o mein Himmel, so reden Sie doch — Sie bringen mich zur Verzweiflung.«
»Mr. Curtis,« flüsterte endlich das schöne Mädchen noch immer hinter dem Tuche vor —
»Miß Fanny,« bat Curtis.
»Für wie eigennützig — niedrig denkend müssen Sie mich halten, daß Sie mir Ihre Reichthümer aufzählen, als ob Sie glaubten, dadurch mein Herz bestechen zu wollen.«
»Miß Fanny!« sagte Curtis, und war wie vom Schlag gerührt; Scham und Freude rangen in seiner Brust um die Oberherrschaft. Scham, da er fühlte, wie Recht sie hatte; — Freude aber, da dieser Ausbruch des Gefühls ein sicheres Geständniß ihrer Zuneigung zu ihm war. Die Freude trug aber nach kurzem Ringen den Sieg davon.
»Fanny,« flüsterte er und faltete bittend die Hände — »Fanny — wollen Sie die Meine sein?«
Fanny, mit noch immer abgewandtem, verhülltem Gesicht reichte ihm ihre Hand, die er glühend an seine Lippen preßte.
»Es wird spät, Mr. Curtis,« flüsterte endlich das holde Mädchen, indem sie leise die Hand entzog und von ihrem Stuhl aufstand — wie mit Purpur übergossen war ihr liebes Angesicht — »wir müssen uns für heute Abend trennen — sprechen Sie Morgen mit meinem Onkel.«
»Fanny,« sagte Curtis noch ein Mal und wollte seinen Arm um ihre Taille legen, »Sie haben mich zum Glücklichsten — «
Fanny stieß einen leisen Schrei aus, denn mit fürchterlichem Gepolter kam ein großer Stein zu dem niederen Kamin herunter, daß Funken und Asche weit umherstiebten; gleich darauf schlugen die draußen gelagerten Rüden an, und umbellten wüthend das Haus.
»Was um Gotteswillen?« rief Curtis.
»Sick' em!« sagte der alte Peterson im Schlaf die Hunde antreibend.
»Gute Nacht!« flüsterte Fanny dem Glücklichen zu; »gute Nacht, Mr. Curtis.«
»Gute Nacht, theuere, theuere Fanny!« rief dieser entzückt, drückte noch einen heißen Kuß auf die nicht widerstrebende, zierlich kleine Rechte und suchte dann ebenfalls das für ihn bereitete Lager.
Aber an Einschlafen war nicht zu denken, wie mit Schmiedehämmern tobte es ihm in den Schläfen, und wenn er sich auch unruhig bald auf diese, bald auf jene Seite warf, kein Schlummer kam in seine Augen; die Hähne krähten schon wieder, draußen im Walde kullerte der wilde Truthahn und die Eule heulte ihr Morgenlied, als er endlich in einen leisen Schlaf der Ermattung sank, aus dem ihn bald wieder das Holzschlagen des alten Peterson weckte, der gleich darauf mit einem schweren Klotze auf der Schulter in das Haus trat, und diesen, als Rückstück, in's Feuer warf.
Er sprang auf, kleidete sich an und folgte dem Alten vor die Thür. Hier gestand er ihm denn seine Liebe für dessen Nichte, behauptete ihrer Einwilligung gewiß zu sein und bat um seinen Segen und seine Zustimmung.
Peterson hatte es, nach Allem was er am vorigen Abend gesehen, erwartet, sprach sich aber recht herzlich gegen den Farmer aus, wie er sich freue, daß seine Nichte so vernünftig gewesen, eine so kluge Wahl zu treffen, und versprach ihm dafür zu sorgen, daß es ihm fortan recht gut und wohl gehen solle, da Fanny keineswegs unvermögend, dem Manne ihrer Wahl nicht allein ihre liebreizende Gestalt, sondern auch ein recht ansehnliches Grundeigenthum wie verschiedenes anderes bewegliches Besitzthum mitbrächte.
Noch an demselben Morgen ward Alles geordnet und Curtis wünschte nun mit seiner jungen Braut den Fourche la fave hinunter zu Mr. Houston, dem nächsten Friedensrichter, zu reiten, um dort mit ihr für immer vereinigt zu werden; Fanny aber bat den Bräutigam, ihr den Gefallen zu thun, und sie den Fluß hinauf zu dem etwa fünfzehn Meilen entfernten Richter Welmot zu begleiten, der, ein Freund ihres verstorbenen Vaters, stets den innigsten Antheil an ihr genommen und jetzt auch dem wichtigsten Schritte ihres Lebens beiwohnen solle.
Hiergegen ließ sich Nichts einwenden, Curtis war sehr gern damit zufrieden, und seinem Wunsche nach wären sie augenblicklich aufgebrochen; Fanny hatte aber noch so viel zu ordnen, so viel zu besorgen, daß der Nachmittag heranrückte, und erklärte nun, als der Vater vorschlug, den nächsten Morgen abzuwarten, »sie wünsche bei einer Freundin, die etwa auf der Hälfte Weges zwischen hier und dem Richter wohnte, zu übernachten, wo auch Mr. Curtis gern gesehen sein würde, da sie dort schon viel von ihm gesprochen.«
Wie hätte Curtis dem holden Mädchen die erste Bitte abschlagen können? was Fanny wünschte, geschah; um drei Uhr etwa brachen sie, herzlichen Abschied von Allen nehmend, auf, und der alte Peterson gab noch, da er der dringenden
Arbeiten wegen nicht selber mitreiten konnte, der Nichte einen Zettel6 für den Friedensrichter, der — freilich etwas unorthographisch, doch hinreichend war, jenen mit seinen Wünschen bekannt zu machen.
Wohl noch eine Stunde vor Dunkelwerden erreichten sie die Farm, in welcher Fanny die Nacht zu bleiben wünschte, wurden hier auf das Freundlichste bewillkommt, und schienen sogar erwartet zu sein, obgleich Curtis nicht begreifen konnte, wie das möglich war; die Unterhaltung ward übrigens sehr lebhaft geführt und Fanny ließ sich besonders viel von einem jungen Deutschen erzählen, der eben aus den Ozark-Gebirgen zurückkam und hier ebenfalls eingekehrt war, weil schwerdrängende Wetterwolken eine stürmische Nacht verkündeten.
Curtis fühlte sich übrigens sehr abgespannt; drei Nächte lang hatte er fast jedes Schlafes entbehrt, und die fortwährende Aufregung, in der er sich befunden, mußte überdies noch dazu beitragen, die Ermattung und Erschlaffung seines ganzen Nervensystems zu entschuldigen. Der Farmer bemerkte auch bald seine Müdigkeit, winkte ihm seitab, und führte ihn in die Ecke zu seinem Lager von weichgebreiteten Hirschfellen, auf das er sich warf, und hier bald dem Schlummergott, der ihm so lange treulos gewesen, in die Arme sank.
In der Nacht machten die Hunde einmal einen fürchterlichen Lärmen, und Curtis träumte, es fiele wieder ein Stein im Kamin herunter; er wachte aber nicht davon auf, und erst ein unruhiges Umherlaufen im Haus, und ein Auf- und Zuschlagen der Thüren erweckte ihn.
Es war schon heller Tag, die Sonne schien durch die Seitenspalten des Blockhauses, als sie eben die dunkelwogenden Fichtenwipfel überstieg, und der Deutsche schnürte vor dem Kamin die wollene Decke zusammen, um seine Wanderung, den Fluß hinunter, fortzusetzen; Fanny konnte aber auch noch nicht auf sein, denn er sah sie nirgends.
Mit außerordentlicher Geschicklichkeit, die auch wirklich nur dem daran gewöhnten Hinterwäldler eigen ist, kleidete er sich jetzt unter der Bettdecke soweit an, daß er aufstehen und seine Toilette vor den übrigen Mitgliedern der Familie vollenden konnte und trat nun ebenfalls zum Feuer.
Fanny ließ noch immer Nichts von sich sehen.
»Mr. Curtis,« sagte endlich der alte Farmer, als er die ungeduldigen Blicke bemerkte, die der feurige Liebhaber nach den Gardinen warf, hinter denen die Geliebte noch immer weilte; »Mr. Curtis, wissen Sie es schon?«
»Wissen Sie?« frug Curtis überrascht — »wissen? was?«
»Sie wissen also Nichts davon?« sagte jener kopfschüttelnd.
»Von was denn, um Gotteswillen?«
»Hm!« sagte der Alte —
»Mr. Peterson, Sie bringen mich in Verzweiflung; was ist vorgefallen? was soll ich wissen? so reden Sie doch — wo ist Fanny?«
William, Petersons ältester Sohn, winkte dem Ungeduldigen auf bedeutungsvolle Art und verließ das Haus. Curtis drückte sich den Hut auf den Kopf und folgte ihm schnell — ihm ahnte Schreckliches.
»Mr. Curtis,« sagte William, als er hinter der Fenz, da wo sie das Haus nicht mehr sehen konnten, stehen blieb — »Mr. Curtis, ich habe einen Auftrag an Sie auszurichten?«
»Auftrag — von wem?«
»Von Miß Fanny Lowland!«
»Von meiner Braut?«
»Von Miß Fanny Lowland.«
»Mann Gottes, ist sie denn nicht mehr im Hause? ist sie wieder heimgekehrt?«
»Nein; sie ist zum Friedensrichter,« sagte William.
»Zum Friedensrichter?« rief Curtis plötzlich beruhigt, »ja das ist was anderes; aber so lange hätte sie doch noch warten können, bis ich mich angezogen hatte. Ja da muß ich gleich nach — «
»Bitte,« sagte William und hielt den Forteilenden zurück — »ich habe auch noch ein kleines Briefchen an Sie abzugeben.«
»Einen Brief? von wem?«
»Von Miß Fanny Lowland!«
»Von meiner Braut?«
»Von Miß Fanny Lowland.«
»Der Mensch macht mich noch wahnsinnig,« dachte Curtis, und riß dem Lächelnden das zusammengefaltete Papier aus der Hand. Es war versiegelt, und enthielt, mit Bleistift geschrieben, die folgende, tröstliche Nachricht.
»Dear Sir —
Kaum darf ich hoffen, daß Sie mir eine List verzeihen, zu der mich freilich nur die Nothwehr gezwungen hat. Ich liebe einen jungen Mann, einen Advocaten aus Cincinnati, und mein Onkel hätte mir noch Jahrelang seine Einwilligung versagt, da hörte ich von Ihrer Ankunft. Schon am Tag vorher, ehe Sie unser Haus betraten, war die Nachricht gekommen, daß Sie bei Smeiers um die Hand der Tochter angehalten, und da zwischen dort und unserem Hause nur drei Farmen lagen, von denen nur auf zweien heirathsfähige Mädchen lebten, so konnten wir mit Gewißheit darauf rechnen, Sie gestern bei uns zu sehen. Mein Plan war augenblicklich gefaßt; durch Sie mußte ich die schriftliche Erlaubniß meines Onkels bekommen, mich zu verheirathen — ich sandte meinem Bräutigam durch einen sicheren Neger Kunde, und versuchte nun selbst, Ihr Herz für mich zu gewinnen. Ich will aber nicht eitel sein, ich will es nicht meinen Reizen zuschreiben, die mir das Ihrige so schnell eroberten; doch sei dem wie ihm wolle, mein Plan gelang, ich erhielt das Papier; Sie selber führten mich in die Arme meines Bräutigams, der Sie am vorigen Abend erst mit dem Stein erschreckte, und dann gegen Morgen kam, mich abzuholen. Ich bin, wenn Sie diese Zeilen erhalten, — sein Weib.«
Curtis starrte mehrere Secunden verblüfft in das Antlitz seines Begleiters — dann fuhr er fort zu lesen.
»Zürnen sie mir nicht, aber ich war stets ein wildes, unfolgsames Kind,
und verdiente weder Sie noch ihren kleinen Neger, noch die hundert und fünfzig Dollar — leben Sie wohl und machen Sie eine Andere glücklich.«
»P. S. Meine Cousinen wußten Nichts von meiner List, auch Peterson's
haben es nicht erfahren, nur William, der junge Mann, der Ihnen diesen Brief übergiebt, ist im Geheimniß — ihm können Sie vertrauen. Er hat zwei liebenswürdige Schwestern; und da Sie gerade an Ort und Stelle sind — doch einem Manne von Ihrer Erfahrung — «
Curtis warf den Brief auf die Erde und trat ihn so lange mit den Hacken seines Stiefels in den weichen Erdboden hinein, bis er auch nicht die Spur mehr davon entdecken konnte; dann wandte er sich wild gegen den jungen Mann und wollte seinem Grimm in tobenden Worten Luft machen; dieser legte jedoch warnend und beschwichtigend den Finger auf den Mund, trat lächelnd näher und sagte leise, des Ärgerlichen Arm ergreifend:
»Pst, Mr. Curtis — Blatt vor den Mund — um Gottes Willen Blatt vor den Mund; bis jetzt weiß die Sache keiner als wir Beide, denn Miß Fanny oder — Mrs. Grey kommt, wenn sie zurückkehrt, wahrscheinlich nicht hier wieder vorbei — also s t i l l g e s c h w i e g e n , das ist das Gescheidteste, was Sie unter den Verhältnissen thun können. Mit einem Mädchen, das Sie nicht liebt, wären Sie überdies nie glücklich geworden.«
»Ich will ihr nach« knirschte Curtis.
»Um ausgelacht zu werden?« meinte William. »wollen Sie einen guten Rath annehmen, Mr. Curtis?«
Curtis sah fragend zu ihm auf.
»Sie suchen eine Frau, und werden überall abgewiesen — «
»Sir!«
»Ich meine es gut, Mr. Curtis, bei Gott, ich meine es gut, aber — gehen Sie in einen anderen Staat, wenigstens in ein anderes County. Sie wissen nicht, wie schwer es hält, Vorurtheile zu besiegen.«
»Mr. Peterson, ich werde Sie um Ihren Rath ersuchen, wenn ich dessen bedarf,« rief Curtis entrüstet, eilte zum Hause zurück, warf dort seinen Sattel auf das höchst unmuthig wiehernde Pferd, dem es gar nicht behagen wollte, einen neuen Ritt ohne vorhergenossenes Frühstück anzutreten, drückte ihm den Zaum in's Gebiß, den er sich nicht einmal die Zeit nahm festzuschnallen, schwang sich hinauf und sprengte, ohne auch Jemanden »good bye« oder ein sonstiges Abschiedswort zu sagen, wie besessen die Straße hinauf, dem Hause des Friedensrichters zu.
Der frühe Ritt aber, der kalte Nordwind, der durch den Wald dahin strich, und die noch von den Zweigen träufelnden Regenperlen, die der nächtliche Sturm in dem Nadelholz zurückgelassen, kühlte seine Wangen und — seinen Jähzorn. Er hatte zuerst im Sinn gehabt, wie ein zürnender Gott vor das Mädchen zu treten, das ihn so schändlich hintergangen, aber des jungen Peterson's Worte: »Sie werden nur ausgelacht,« schallten noch immer in seinen Ohren.
»A u s g e l a c h t ? « er hielt sein Pferd an, und blickte nachdenkend auf die Straße nieder; »a u s g e l a c h t — und hat jenes — Geschöpf — verdient, daß ich mich so um sie ärgere?« Sein Auge fiel auf die frisch eingedrückten Spuren zweier Pferde, von denen er die einen augenblicklich als die Spuren des Poneys erkannte, das Fanny gestern geritten.
Curtis — der fromme Curtis fluchte — er schwur, er wolle verdammt sein, wenn er nicht Rache — »nein — er wolle n i c h t verdammt sein« — sagte er plötzlich, indem er den Zügel losließ, den Hut abnahm und sich mit der Hand hinter dem Ohre kratzte.
»Curtis!« sprach er dann nach kleiner Weile vor sich hin, »Curtis, bist Du nicht ein rechter strafwürdiger Narr gewesen?«
Das Pferd nickte ein paar Mal mit dem Kopfe auf und nieder und wieherte — es hatte Hunger. »Hast Du Dich nicht in der Ansiedelung zweck-und ziellos umhergehetzt?« fuhr der Reiter fort, ohne des Pferdes Bewegung weiter zu beachten, »hast Du nicht nach Glaskorallen draußen im Weiten gesucht, während Du einen Diamant im eigenen Hause hegst? Curtis — Du hast diese Strafe verdient — lange hättest Du merken müssen, daß Dir Nancy gut sei, und — gestehe es Dir nur ein, Du h a s t es gemerkt, Du hast es gefühlt, daß sie Dich heimlich liebe, aber von schnöder Geldgier, von dem Drang mehr und mehr Dein eigen zu nennen getrieben, verachtest Du ein Herz, das Dir mit treuer Liebe entgegen schlug, und das in Leid und Freud' bei Dir ausharrte, nur um Dich zu trösten und zu pflegen.«
Er schwieg und sah wohl mehrere Minuten lang sinnend vor sich nieder, dann aber, wie von einem unwiderruflichen festbeschlossenen Gedanken durchglüht, setzte er den Hut wieder auf, ergriff den Zügel, lenkte den Braunen herum, der mit der größten Bereitwilligkeit Folge leistete, und sprengte dann »daß Kies und Funken stoben« — zurück, der eigenen Heimath zu.
Aber nicht an Peterson's Hause wollte er vorüber, deshalb verließ er bald die breite ausgehauene Countystraße und trabte durch den Wald dem Flusse zu, den er an einer bekannten Furth kreuzte; die Niederung dann durchschneidend erreichte er bald den Fuß der südlich liegenden Hügel, wo er wußte, daß er, ohne an einer Ansiedelung vorüber zu kommen, seine eigene Farm erreichen konnte, und sprengte dann mit verhängtem Zügel und so schnell ihn des Braunen Füße tragen konnten, weiter.
Unterwegs aber überdachte er in zürnendem Sinnen die Körbe — die ganze Korbhandlung, die er erhalten, und grollte mit dem Schicksal, das ihn dazu verdammt habe, überall seine Hoffnungen zertrümmert, seine Pläne untergraben zu sehen. War es aber das Schicksal, das Alles dieses verübt? war es ein böses Fatum, das über seinen Handlungen wachte und die schönsten Keime noch in der Blüthe erstickte? — nein — er hatte sonst in Allem Glück, seine Erndten gehörten stets zu den besten, sein Viehstand wuchs mit jedem Jahre stärker, als er es selber zu hoffen wagte; keinem anderen Ansiedler am Fourche la fave zerriß der Panther weniger Kälber oder der Bär weniger Schweine, und kein Haus war weniger vom kalten Fieber heimgesucht gewesen, als gerade Curtis; dabei war er ein ordentlicher, fleißiger und braver Mann, nicht streitsüchtig, aber tapfer und unerschrocken, wo es galt, seinen Mann zu stehen, und bei der Arbeit unermüdlich.
Woher nun konnte es kommen, daß er von allen Mädchen, um die er anhielt, verschmäht wurde, die noch überdies zu all den obigen Eigenschaften seine Verhältnisse kannten, die in diesen anspruchslosen Gegenden wirklich an Wohlhabenheit grenzten. Kaum glaublich ist es, aber die Ursache lag einzig und allein in jener Angewohnheit, von seinem kleinen Neger und seinem baaren Gelde zu sprechen; er war v e r l a c h t und v e r s p o t t e t worden, und irgend Eines der Mädchen hätte lieber einen anerkannten S c h u f t geheirathet, als einen Mann, der sich einmal — l ä c h e r l i c h gemacht.
Curtis fühlte das jetzt selbst, und er beschloß hinfüro die Aufzählung seines Eigenthums zu verschieben, bis er darum gefragt werde — »doch« — fuhr er dann in seinem Selbstgespräche fort — »was bedarf ich dessen weiter — Nancy liebt mich auch mit meinen Schwächen, denn sie kennt meine guten Eigenschaften ebenfalls, und ich werde jetzt das Glück zu Hause finden, das ich, Thor der ich war, vergebens unter Fremden suchte.«
Diese Nacht lagerte er bei einem alten Jäger, der, ziemlich abgeschieden von anderen Ansiedelungen, sich dicht am Flussesufer eine kleine Hütte gebaut hatte, Viehzucht trieb und dabei jagte. Er fand dort gastliche Aufnahme und Nahrung für sich und sein Pferd; schlief auch, da er die Gewißheit hatte, der Alte könne Nichts von seinem Unglück erfahren haben, sanft und ruhig die Nacht, und war am andern Morgen, als die Sonne eben erst den äußersten Hügelsaum vergoldete, schon wieder unter Weges.
Ihn trieb jetzt die Sehnsucht heim, wie sie ihn vor wenigen Tagen fortgetrieben, und freudig und stürmisch klopfte sein Herz, als er endlich das eigene Dach hinter den maigrünen Maulbeerbäumen, die dem Hofe Schatten gaben, hervorschimmern sah.
Der Braune wieherte ebenfalls vor Freuden, als er den heimischen Trog erblickte, und Curtis streichelte ihm im Mitgefühl den schöngeformten Hals. — Ha — da war Nancy — sie hatte das bekannte Wiehern des Braunen gehört, und war in die Thür gesprungen, das heimkehrende Paar zu begrüßen, das heißt, nicht etwa den Braunen und dessen Herrn, sondern den Herrn und dessen — Frau; sie blieb auch etwas überrascht in der Thüre stehen, als sie Mr. Curtis allein zurückkehren sah; dieser aber drückte dem treuen Thier die Hacken in die Seite, sprengte bis dicht vor die Pforte, blieb dort plötzlich mit einem Ruck halten, und sagte:
»Guten Morgen, Nancy?«
»Ei guten Morgen, Mr. Curtis,« rief das fröhliche Mädchen, »Sie scheinen ja heute gewaltig guter Laune zu sein; ich dachte aber Sie brächten Gesellschaft?«
»Wie gehts Nancy?« frug Mr. Curtis, ohne jedoch auf die letzte Bemerkung weiter zu achten, indem er immer noch vor dem Hause hielt, und zu ihr aufsah — »wie ist es die Tage über gegangen?«
»Danke — gut, Mr. Curtis — sehr gut — aber warum steigen Sie denn nicht ab? wo bleibt denn der Besuch? ich habe das ganze Haus gescheuert und gekehrt.«
»Schadet Nichts, Nancy,« sagte Mr. Curtis, und sah sinnend auf den — kleinen Neger nieder, der höchst bedeutungsvoll vor ihm stand und dem Pferde nach dem Zügel griff — »ja Bob,« rief er diesem dann zu, »führ ihn fort und füttere ihn gut, ich reite nun sobald nicht wieder aus, der Braune soll sich eine Woche pflegen, denn zu Richter Houstons nebenbei können wir zu Fuße gehn. Höre Nancy,« wandte er sich dann an das junge Mädchen — »ich hab Dir viel zu erzählen, und muß Dich um etwas fragen.« —
»Mich? — ei um was denn?«
»Sollst es gleich erfahren, aber — Du hast Dir ja all Deine Sonntagskleider vorgeholt? ist ein Tanz in der Nähe?«
»Ach Mr. Curtis — ich hätte Ihnen auch viel zu erzählen,« sagte Nancy, und wurde feuerroth.
»Nun Nancy? heraus mit der Sprache,« lächelte dieser, »heraus mit der Sprache — was ist's?«
»Ach, Sie werden mich auszanken!«
»Ich Dich auszanken, Nancy? habe ich Dich jemals ausgezankt?«
»Ach Gott ja, wissen Sie wohl das eine Mal, wo ich über den kleinen Neger« —
»Oh — Unsinn,« sagte Mr. Curtis.
»Es war Jemand hier während Ihrer Abwesenheit,« fuhr Nancy fort.
»So? wer denn? aber was wolltest Du mir denn erzählen?«
»Mr. Pelter, Sir, — der junge Mr. Pelter.« —
»So? wollte er das Joch Ochsen kaufen, wegen dem er sich schon fast die Füße abgelaufen hat?«
» — Nein — er — er hat,« sagte Nancy zögernd und bis in die Haare hinauf erröthend — »er hat um meine Hand angehalten.«
Curtis zuckte wie von einem Blitzstrahl getroffen zusammen, und blickte dem Mädchen so wild, so stier in's Auge, daß dieses erschreckt einen Schritt zurücktrat und ausrief:
»Mr. Curtis!«
Es war aber auch nur ein Moment, dann geschah ihm das, was uns armen Sterblichen nicht selten geschieht, wenn ein Unglück so schnell dem andern folgt, daß wir kaum Zeit behalten, über das erste nachzudenken, während schon das zweite und dritte nachbricht — die ganze Sache kam ihm komisch vor — er schlug ein fürchterliches Gelächter auf und fing dann wie wahnsinnig an zu pfeifen.
Nancy sah ihn erschrocken an — was konnte dem Manne wohl fehlen? sein ganzes Benehmen war ihr schon sonderbar erschienen — sollte er — es wäre schrecklich — übergeschnappt sein? —
»Bob!« rief Curtis seinen kleinen Neger an —
»Jes Massa.«
»Sattle den Rappen, der Braune mag sich ausruhen, ich muß fortreiten.«
»Aber Mr. Curtis« — sagte Nancy.
»Und wann wollt Ihr Euch verheirathen, Nancy?«
»Sobald Sie zurückkamen — heute« — stotterte Nancy.
»Willst Du mir einen Gefallen thun, Nancy?«
»Gern — von Herzen gern — welchen?«
»Willst Du noch bei den Kindern bleiben und auf das Haus acht geben, bis ich, vielleicht in acht Tagen, zurückkehre?«
»Das will ich mit Freuden, aber — wo wollen Sie denn hin?« —
»Nach Tenessee hinüber, vielleicht nach Kentucky,« sagte Curtis, und trat vor die Thüre, denn in diesem Augenblick brachte Bob den Rappen.
»Good bye Nancy« — sagte Jeremias, als er sich in den Sattel schwang.
»Good bye Mr. Curtis,« sagte Nancy, als sie ihm kopfschüttelnd nachblickte. Jeremias aber setzte wieder, wie vor einigen Tagen, über den Bach weg und pfiff sich ein munteres Lied, bog aber diesmal anstatt links, rechts in die Countystraße ein, und murmelte, als er dem feurigen Rappen den Hacken fester in die Seite drückte:
»Das müßte doch mit dem Henker zugehen, wenn ich keine Frau kriegen könnte.«
Jeremias Curtis zog nun über den Arkansas, und wie es hieß, sogar über den Mississippi hinüber.
Nancy aber, die allerdings versprochen hatte, bei den Kindern, keineswegs aber ledig zu bleiben bis er zurückkehre, schloß nicht mit Unrecht, daß dies wohl noch eine Zeit lang dauern könne, und da es, wie sie schon mehrere Sonntage gehört hatte, nicht gut wäre, daß der Mensch allein sei, besonders in den dichten Wäldern des fernen Westens, so verband schon am zweiten Tage nach Curtis plötzlicher Abreise der benachbarte Friedensrichter die beiden Liebenden, und »der junge Mr. Pelter« zog, da »die Heerden doch unmöglich so lange ohne männliche Aufsicht bleiben konnten,« indessen als Verwalter auf Curtis Farm.
Hoffentlich bekomme ich recht bald und recht günstige Nachrichten über Curtis zweiten Zug, und werde dann sicherlich nicht ermangeln, dem freundlichen Leser mitzutheilen, ob C u r t i s e i n e F r a u b e k a m .