Aus des Angelus Silesius Cherubinischem Wandersmann
Anmerkung
Der Dichter des Cherubinischen Wandersmann, Johann Scheffler, bekannter
unter dem Namen Angelus Silesius, wurde 1624 zu Breslau geboren. 1643 bezog
er als Mediziner die Universität Straßburg. Von den nächsten Jahren verbrachte
er zwei in Leyden, hier ist er wahrscheinlich durch den Umgang mit dem
schlesischen Theosophen Abraham von Franckenberg und durch das Studium
der Schriften Jakob Böhmes in die mystische Strömung gekommen. 1647 ging er
nach Padua und erlangte dort den Doktorgrad »mit höchstsonderlichen Ehren.«
1649 wurde er Leibarzt des Herzogs von Öls, gab diese Stellung jedoch schon
nach drei Jahren auf und trat im Juni 1653 zur katholischen Kirche über. Der
feinempfindende Dichter fühlte sich von dem trocknen Protestantismus
abgestoßen, die Mystik führte ihn zum Pantheismus, der Pantheismus zum
Katholizismus. Beim Übertritt nahm er den Namen Angelus an und nannte sich
in der Folge in seinen Dichtungen Johann Angelus Silesius (der Schlesier).
1657 erschienen, vielleicht früher von der lutherischen Zensur beanstandet, seine
Hauptdichtungen, beide mit Erlaubnis der katholischen Zensur: »Geistreiche
Sinn- und Schlußreime«, bekannter unter dem Namen der zweiten vermehrten
Auflage als »Cherubinischer Wandersmann«, und die Sammlung seiner
geistlichen Lieder, die zu den bedeutendsten ihrer Art gehören. Manche davon
sind in protestantische Gesangbücher übergegangen und werden noch heute
häufig gesungen.
Sein hervorragendstes Werk voll ewiger, unvergänglicher Gedanken ist der
Cherubinische Wandersmann. Neben wunderbar Schönem und Tiefem, wie es
nur der Philosoph, der Künstler und echte Dichtergeist auszusprechen vermag,
finden sich jedoch Reime, die alle Mängel des sich mehr und mehr in
Sektenaberglauben verstrickenden Sehers verraten und die sich schwer mit dem
übrigen Inhalt des Buches vereinigen lassen; diese konnten für unsere
Erneuerung nicht in Frage kommen. Im Februar 1661 wurde Scheffler Minorit,
im Mai erhielt er die Priesterweihe – und aus dem tiefsinnigen, weihevollen
Dichter ward nun der fanatische Feind des Protestantismus. Seine Haupttätigkeit
blieb fortan die literarische Fehde, so daß er in zwölf Jahren fünfundfünfzig zum
Teil sehr umfangreiche Streitschriften herausgab. In den letzten Jahren seines
Lebens zog er sich ganz ins Matthiasstift seiner Vaterstadt zurück und starb
daselbst nach jahrelangem Leiden am 9. Juli 1677.
Zusammengestellt von Ch. H. Kleukens
Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig