Aus zwei Welttheilen: Erster Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 4 von 8 · Teil 1/2

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Aus zwei Welttheilen: Erster Band

Schwarz und Weiß. Aus dem Farmerleben Missouris.

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 2 Teile geteilt.

Schwarz und Weiß.

A u s d e m F a r m e r l e b e n M i s s o u r i s .

 

Weit aus dem fernen Westen, da wo die eisgekrönten Berge ihre zackigen Kuppen in einander drängen und zweien Meeren, dem atlantischen wie dem stillen Ocean die schäumenden Quellen zusenden; weit von daher, wo er sich seine rauhe Bahn durch die entsetzlichsten Felsmassen bricht, die er entweder mit starkem Arm zerreißt, oder sich im tollkühnen Satz hinüberschwingt, um nachher, wie ob des gelungenen Wagestücks, meilenlang weiter zu tanzen und zu sprudeln, – kommt der gewaltige Missouri herab, »der schmutzige Strom,« wie ihn der Indianer des Raubes wegen nennt, den er an seinem eigenen Ufer vollführt, oder der »brüllende Strom« (roaring river), wie ihn erstaunt der Weiße taufte, als er da zuerst sein Bett erblickte, wo er Fall nach Fall, dem verfolgten Panther gleich, aus den Gebirgsschluchten sprang, und erst dort still und geräuschlos seine Bahn vollendete, als er das schützende Dickicht der Niederung erreicht hatte und nun zwischen den riesigen Stämmen des Urwaldes hin, dem starken Bruder, dem Mississippi, in die Arme glitt.

Dort nun, wo in dem Schatten der Eichen und Hickorys der wilde Wein seine mächtigen Ranken von Zweig zu Zweig schlang und in zähen Armen die stattlichen Bäume verband, während mit zwar prunkenderem Aeußeren, mit bunter schimmernden Blüthen und saftigeren Blättern, andere Schlingpflanzen ebenfalls hinaufstrebten zu den starken Aesten und sich ihnen liebend anzuschmiegen schienen, indeß doch Gift in ihren Adern floß und sie nur Macht zu bekommen suchten, das wackere Holz fest, fest zu umklammern und ihm Licht und Luft zu rauben, daß es endlich in ihrem Griff erstickte, verdorrte, – dort, in dem fast noch unentweihten Heiligthume, stand ein kleines, roh aufgebautes Blockhaus mit breitmächtigem, aus Lehm errichteten Kamine, die Nordseite dicht an den dunkeln Wald geschmiegt, dessen ungeheuere Wipfel hoch über das niedere Dach emporragten, an den drei anderen Seiten aber durch ein wahres Chaos gefällter Bäume, hoch aufgestapelten Busch- oder Oberholzes, abgeschlagener Stämme und knorriger, sich weit umher spreizender Aeste im wahren Sinne des Wortes verbarrikadirt.

Der Eigenthümer dieses Platzes mußte augenscheinlich erst seit kurzer Zeit hierher gezogen sein und die Urbarmachung des Bodens begonnen haben, was auch noch überdieß ein dicht am Hause stehender, mit Leinwand bespannter Wagen bewies, der wohl, nebst einem nicht sehr weit von ihm entfernten Karren, sämmtliche Habseligkeiten des Farmers in dessen neue Waldheimath eingeführt hatte.

Die Sonne schimmerte eben noch mit ihrem rothen Gluthenlicht durch die Wipfel der Bäume, als sich ein Reiter, auf kleinem indianischen Poney, einem schmalen Kuhpfad folgend, dem Platze näherte und endlich gerade da die Lichtung erreichte, wo Stämme und Aeste am tollsten umhergestreut lagen. Wenige Secunden hielt er auch wirklich sein schnaubendes Pferd an, und schien sich in den Steigbügeln hoch emporrichtend, nach irgend einer Oeffnung zu suchen, durch die er in diese Holzmasse eindringen und das Haus erreichen könnte. Der Wunsch mochte aber wohl unerfüllt bleiben; denn, einen leisen Fluch ausstoßend, preßte er seinem Thier den einen bespornten Haken in die Flanke und setzte über die ersten, ihm den Weg versperrenden Klötze hinweg.

Das kleine muntere Pferd sah auch bald was sein Herr eigentlich beabsichtige, und daran gewöhnt Hindernisse zu beseitigen, die bei fortwährendem Reiten im Walde fast stündlich vorkommen, wand es sich mit wirklich bewundernswerther Geschicklichkeit immer näher und näher dem Hause zu, hier einen Stamm überspringend, dort vorsichtig durch wild umher gestreute und zersplitterte Aeste dahinschreitend, bis es sich plötzlich, nach einem besonders kühnen Satz über, oder vielmehr d u r c h den Wipfel einer gefällten Eiche, so von allen Seiten eingezwängt und von wirklich unübersteiglichen Hindernissen umgeben sah, daß es ruhig stehen blieb und, in der festen Ueberzeugung sein Aeußerstes gethan zu haben, ganz geduldig erwartete was jetzt der Reiter beschließen würde, der doch eigentlich auch bei der Sache interessirt war.

Dieser aber blickte vergebens nach einem Ausweg umher und that endlich das, was er von allem Anfang an hätte thun sollen, er rief das Haus an, und zwar mit einem kräftigen, weit hinausschallenden »Halloh!«, was augenblicklich im ohrzerreißenden Chor von zehn bis zwölf Rüden bellend und heulend beantwortet wurde.

Gleich darauf öffnete sich die Breterthüre, auf deren Schwelle eine schlanke, schon etwas ältliche Matrone erschien, die rings nach dem Rufenden, freilich vergeblich, umherschaute, während jetzt die durch den Anblick der Herrin immer noch mehr gereizten Hunde einen so fürchterlichen Lärm erhoben, daß er für kurze Zeit jeden andern Laut vollkommen übertäubte.

»Ruhig, Muse, ruhig, nieder mit dir, Watch, willst du still sein, Deik; Hunde, ihr bringt Einen noch zur Verzweiflung, ruhig da, hört ihr denn nicht!« rief die Frau, die Meute beschwichtigend, die sich denn auch endlich zufrieden geben wollte, als ein zweites »Halloh the house!« ihren Grimm aufs Neue erregte, der jetzt gar keine Grenzen mehr zu kennen schien.

Die Geduld der guten Frau mochte nun aber auch wohl ihr Ende erreicht haben; denn einen zum Trinkbecher ausgeschnittenen großen Flaschenkürbiß ergreifend, der in dem vollen, auf einem Gesims vor der Thüre stehenden Eimer schwamm, goß sie die klare, kalte Fluth über die Tobenden aus, die nun heulend und kläffend auseinander stoben.

Zum dritten Mal rief jetzt, diesen Augenblick der Ruhe benutzend, die Stimme ihr immer ungeduldiger werdendes »Halloh!« herüber, und nun erst ward die Matrone den Reiter gewahr, dessen Kopf nur wenig über das ihn umgebende Buschwerk hervorragte.

»Mr. Hennigs, sind Sie das?« rief sie lachend, als sie die Lage des jungen Mannes errieth, »wie, um Christi willen, haben Sie sich denn da hinein verloren?«

»Verloren?« rief dieser in komischer Verzweiflung, »ich möchte wirklich wissen, wie ich mich hier verlieren sollte; ich sitze so fest, wie der Wolf in der Falle. Wo zum Henker ist denn der Eingang zu Ihrem Haus? ich bin hier zwar auf dem Fußweg, er scheint aber nicht sehr begangen.«

»Sie hätten um die Lichtung herum, durch den Wald reiten müssen,« entgegnete die Frau, »mein Mann hat hier Bäume gefällt.«

»Ja, das läßt sich nicht läugnen,« lachte der Reiter, »die Beweise liegen zur Hand.«

»Bleiben Sie nur da halten, Mr. Hennigs,« rief jetzt eine kichernde Mädchenstimme hinter der alten Dame vor, und dicht neben ihr ließen sich in diesem Augenblick zwei allerliebste Köpfchen sehen, die neugierig die Lage des jungen Mannes erspähen wollten, »bleiben Sie nur da halten; Vater hat gesagt, daß er im Lauf der nächsten Woche das ganze Holz wegräumen will, und dann wird der Fußweg wieder frei.«

»Danke, Sally, danke!« rief Hennigs lachend, »die Zeit möchte mir aber doch lang werden, wenn ich Ihre liebe Stimme immer so ganz in der Nähe hören müßte und nicht hinüber könnte. Nein, mag mein Poney sehen, wie es allein heraus kommt; ich will's ihm leichter machen!« Und damit sprang er vom Pferd, schnallte Sattel und Zaum ab, hing sich beides über die Schulter und kletterte nun, wenn auch nicht ohne bedeutende Anstrengung, dem kaum sechzig Schritt entfernten Hause zu.

Das Poney blieb im Anfang, als es sich so von seinem Herrn verlassen sah, ruhig stehen, und spitzte nur sehr bedeutend die kleinen Ohren; als es jedoch fand wie sich die Sache eigentlich verhielt, und den Trog witterte, an dem es gefüttert zu werden hoffte, warf es den Kopf in die Höhe, wieherte ein paar Mal hell auf, und flog dann, jetzt durch keine Last mehr zurückgehalten, mit kühnen Sätzen über Stamm und Busch hinweg, bis es schnaubend und mit den Hinterbeinen wild nach den hier auf es einstürmenden Hunden schlagend, vor der Thüre der Hütte hielt, und dort seinen jetzt ebenfalls herankeuchenden Herrn freudig begrüßte.

Dieser aber warf Sattel und Zaum nieder, sprang schnell die aus über einander gelegten Klötzen bestehenden Stufen hinauf ins Haus und rief hier, die Hände der Frauen ergreifend und herzlich schüttelnd:

»Wie geht's, Mrs. Draper, wie geht's, Sally und Lucy, Ihre Hand, Alle wohl? seh'n wenigstens Alle kerngesund aus; doch – wo ist der Alte?«

»Vater ist noch draußen im Wald, er sucht die Pferde,« entgegnete, nach der kurzen Begrüßung, Sally, das jüngste der beiden Mädchen, die etwa siebenzehn und neunzehn Jahre zählen mochten.

»Haben Sie gar keine Spuren im Wald gesehen?« frug die Matrone, während sie ihr großes Baumwollenspinnrad in die Ecke schob und die Kohlen im Kamine mit dem langen Schürstecken zu neuer Glut aufschüttelte.

»Sie müssen heute Morgen aus den Hügeln herunter gekommen sein,« meinte Hennigs, »am Bach wenigstens waren die Fährten, und wenn ich nicht irre, so habe ich auch gleich oben über dem Kreuzweg die Schelle gehört.«

»Ah, dann findet sie Vater gewiß nicht,« rief Sally bedauernd aus, »er wollte an Potters Creek hinauf und von da an links in das Thal hinüber suchen.«

»Nein, er ist wohl schon auf den Spuren,« entgegnete der junge Mann; »denn im weichen Quellboden sah ich deutlich die Abdrücke eines Schuhes.«

»Vater trägt heute seine Mocassins,« sagte Lucy, »das muß Jemand Anderes gewesen sein.«

»Dann allerdings; aber wer will denn die Pferde brauchen? ist ein Tanz irgendwo? es scheint Sie ja Alle ungemein zu interessiren, ob der Vater die Pferde findet, oder nicht.«

»Tanz? pfui, Mr. Hennigs, ich dächte doch Sie wüßten, daß wir nicht tanzen,« erwiederte ihm, etwas pikirt, die Matrone.

»Ach, alle Wetter ja, ich habe davon gehört, Sie hätten sich der »Kirche« angeschlossen und wären »religiös« geworden; Vater auch?«

»Noch nicht,« entgegnete, mit einem tiefheraufgeholten Seufzer, Mrs. Draper, »wir wollen aber morgen früh zur Campmeeting, und davon hoffe ich das Beste: der liebe Gott wird ihn ja wohl erleuchten, daß er den rechten Weg findet.«

»Das wird er, das wird er, Mrs. Draper, ob aber auf solche Art, bezweifle ich fast; der alte Herr trinkt gern sein Gläschen, und wenn ihm einmal etwas in die Quere kommt, ih nun, dann flucht er auch wohl ein Bischen, und ich glaube kaum, daß er sich das so leicht abgewöhnen wird. Wozu braucht er aber auch wirklich zu einer »Kirche« zu gehören? 's ist so ein herzensguter alter Mann, wie nur je Einer seine Sohlen in den Missouri-Bottom drückte, er thut ja keinem Menschen etwas zu Leide.«

»Wir sind Alle Sünder, Mr. Hennigs,« sagte die alte Dame sehr ernst, »und mein armer Mann besonders, er schwört und flucht, genießt geistige Getränke und hat neulich den reisenden Prediger, der bei uns übernachtete und die Gebete las, einen Hypokryten genannt, ja sogar gelogen, als er während des Gebetes aufstand und, Nasenbluten vorschützend, das Haus schnell verließ; ich habe später das Tuch untersucht, es war nicht ein einziger Blutfleck darin, und der arme Fremde wartete eine volle halbe Stunde mit dem Gebet, ehe er fortfuhr, damit der böse Mensch keinen Vers des heiligen Wortes versäumte.«

Hennigs lachte laut auf.

»Der arme Draper; also half ihm seine kleine Nothlüge nicht einmal?«

»Kleine Nothlüge, Mr. Hennigs?« sagte die Matrone mit größerer Strenge, als sie es sonst wohl gewohnt war, »Sie reden da recht böse, recht unendlich böse Worte; abgesehen davon, daß der Augenblick, wo er sich mit seinem Gott beschäftigen sollte, keine Nothlüge zuließ, so giebt es gar keine Nothlügen; es darf Nichts in der Welt einen frommen Menschen zu einer Lüge bewegen, nicht einmal die Noth; denn das Herz, was nicht wahr und treu ist, kann dem Herrn kein wohlgefälliges Opfer bringen.«

»Aber beste Mrs. Draper,« entgegnete ihr Hennigs, »Sie werden mir doch gewiß zugeben, daß es Fälle im menschlichen Leben giebt, wo eine Nothlüge nicht allein keine Sünde, sondern sogar gut und –«

»Nein, das gebe ich Ihnen n i c h t zu,« unterbrach ihn die Matrone schnell, »das kann ich Ihnen nicht zugeben, und schon ein solcher Gedanke ist Unrecht.«

»Wenn aber nun zum Beispiel Ihr Mann, oder eines von Ihren Kindern recht lebensgefährlich krank wäre,« demonstrirte Hennigs, »und wenn Sie nun wüßten, daß jede Aufregung für sie oder ihn die traurigsten, nachtheiligsten Folgen haben könnte, würden Sie da nicht, wenn nun etwa ein lieber Freund des Kranken eben gestorben wäre und er darnach früge, ihm den Todesfall verheimlichen? würden Sie da nicht lieber zu einer Nothlüge Ihre Zuflucht nehmen, ehe Sie das Ihnen theure Leben aufs Spiel setzten?«

»Mr. Hennigs, Sie bauen da eine ganze Menge von Voraussetzungen zusammen, um nur eine, Ihren Ansichten günstige Antwort zu hören. Das sind die Fallstricke, die uns der Teufel legt, um uns irre zu führen in dem, was recht und gut ist, und reichen wir ihm dann einen kleinen Finger, so hat er bald die ganze Hand und mit ihr die Seele des ihm Verfallenen. Draper nannte auch den frommen Mann einen Hypokryten.«

»Hm, ja, Mrs. Draper; aber Draper sagte mir, er hätte an dem Gebet volle sieben Viertelstunden gelesen, das ist doch ein Bischen stark.«

»Es war sehr erbaulich, und er gedachte aller unserer Sünden, da mußte es schon lange werden,« erwiederte die Frau.

»Wollen Sie nicht mit uns zur Campmeeting gehen, Mr. Hennigs?« frug jetzt Sally den jungen Mann, und sah ihn bittend mit ihren großen dunkeln Augen an.

»Gewiß, gewiß!« rief dieser schnell. »In so angenehmer Gesellschaft führ ich selbst mit zur – Campmeeting,« verbesserte er noch zur rechten Zeit, da ihm schon ein sehr sündhaftes Wort auf den Lippen schwebte, »aber wahrhaftig,« sagte er, jetzt sich in dem kleinen Raume umschauend, »Draper muß ver – muß ungemein fleißig gewesen sein; er hat sich in den vier Wochen, die er hier ist, schon wirklich ganz behaglich eingerichtet; das Dach kann ja kaum vierzehn Tage liegen.«

»Mr. Draper ist auch in der That sehr fleißig gewesen,« erwiederte die Matrone, »wie lange wird's aber dauern, da packt ihn die leidige Wanderlust wieder an, und Knall und Fall verkauft er für wenige Dollar das, was ihm jahrelange Arbeit gekostet hatte, und zieht westlich, immer weiter westlich, und immer tiefer in den Wald zwischen wilde Menschen und Thiere hinein.«

»Nun, viel weiter westlich kann er jetzt nicht mehr gehen,« meinte Sally ganz ernsthaft, indem sie dem Gast einen Stuhl zum Feuer rückte; »Vater hat ja selbst gesagt, er wäre nun nicht mehr weit vom indianischen Gebiet, und in dem dürfen sich keine weißen Leute ansiedeln. Ueberdieß,« fuhr sie schelmisch lächelnd fort, »ist ja Mr. Hennigs ebenfalls hier in den Wald gezogen, und da muß die Gegend doch wirklich Vorzüge besitzen, die man ihr auf den ersten Anblick hin gar nicht zutrauen möchte.«

Lucy wandte sich ab und setzte ihre Arbeit an dem großen Baumwollenspinnrade fort.

»Das Wandern müssen Sie uns schon zu Gute halten,« erwiederte Hennigs, der ebenfalls Sally's Anspielung vermeiden zu wollen schien und jetzt in aller Verlegenheit mit seinem Taschenmesser an dem Stuhle herumschnitt, auf dem er saß. »Dafür sind wir ja eben Pionniere oder Squatter, wie uns der Ost-Amerikaner nennt. Amerika braucht aber gerade solche Leute, die weder wilde Thiere noch wilde Menschen fürchten, sondern keck hineinziehen mitten in ihr Bereich, und der Natur den Boden abtrotzen, der ihnen und ihrem Fleiß, nach Aussage aller klugen Leute, nun doch einmal gehört.«

»Ja, ja, das ist schon Alles recht schön und gut,« meinte Mrs. Draper, »aber lieber wäre ich denn doch in Illinois geblieben.«

»Was, in Illinois? in den ungesunden dürren Steppen? zwischen Prairie-Hühnern und Prairie-Wölfen, und in der Gesellschaft der wirklich weltberühmten Corncrackers!«[3] rief Hennigs erstaunt aus: »nein, da lobe ich mir das Kraftland unserer Niederung, das ist nicht todt zu machen, und wollen wir wirklich Prairien haben, nun, dann finden wir sie westlich von hier, schöner und herrlicher, wie sie der ganze Osten mit all seinen so hochgepriesenen Vortheilen aufweisen kann.«

[3]: Spottname für die Bewohner von Illinois.

»Das mag wahr sein,« entgegnete ihm Mrs. Draper; »aber Illinois ist doch kein Sclavenstaat, und, mag dieß Land so schön und gut sein, wie es will, es ist mir fürchterlich auch nur mit Menschen zusammenleben zu müssen, die ihre Brüder und Schwestern wie das Schlachtvieh verkaufen.«

»Ach Gott, ja, Madame, es mag viel Wahres daran sein,« meinte Hennigs kopfschüttelnd, »manchmal, wenn ich so recht allein darüber nachdenke, kommt's mir auch fast so vor, als ob es nicht ganz recht wäre, daß wir die Neger feilbieten und ebenso für sie, wie für andere Waaren, den möglichst höchsten Preis zu erhalten suchen. Für Sünde kann's aber doch auch nicht gelten; denn unsere Väter und Großväter haben's gethan, das Gesetz hat den Sclavenhandel geheiligt und die Bibel selbst scheint die Sache als etwas sehr Natürliches zu betrachten, wenigstens habe ich neulich einmal mit dem presbyterianischen Geistlichen, der auch Sclaven hält, darüber gesprochen und der behauptet, Gott selbst habe das so eingesetzt, daß die heidnischen Völker den Christen dienen müßten; das klingt auch eigentlich vernünftig genug.«

»Ich weiß es, ich weiß es,« sagte Mrs. Draper, »sie vertheidigen die Sclaverei, selbst aus der heiligen Schrift, aber nur Gott kann erkennen ob sie daran Recht thun; ich möchte nicht ein voreilig Urtheil fällen. Wir Frauen fühlen uns aber auch vielleicht weit näher darin berührt als die Männer; mir thut's ja schon in der Seele weh, wenn ich ein junges Huhn geschlachtet habe, und sehe nun, wie die alte Henne gluckend den ganzen Raum, den sie sonst zu begehen pflegt, durchläuft und das Verlorene sucht; wie vielmehr muß ich Mitgefühl mit einer Mutter haben, der fremde Menschen das Kind aus den Armen reißen, um es für wenige Dollar zu verkaufen, während sie selbst gern das eigene Herzblut dafür hingäbe, und doch zu arm ist es zu bezahlen. – Ich wollte, wir wären in einem Freistaat geblieben.«

»Nun, hier in Missouri wird die Sclaverei noch nicht so arg getrieben,« sagte Hennigs, »im Süden mag's freilich schlimmer sein; hier hören wir auch ganz selten von entflohenen Negern, und das, sollte ich denken, wäre ein ziemlich günstiges Zeichen. Wo ein Freistaat so nahe ist und die Sclaven trotzdem bei ihrem Herrn bleiben, da kann auch ihr Loos noch kein entsetzliches sein.«

»Und wie sollten sie denn entfliehen können?« frug Mrs. Draper, »muß denn nicht ein Neger, wenn er nur selbst auf eine andere Farm oder Plantage hinübergeht, einen Paß haben, ohne den er von jedem weißen Mann festgenommen werden kann? und liefert nicht selbst dann, wenn der flüchtige Neger den Freistaat wirklich erreicht hat, dieser, zur Schande der Vereinigten Staaten, den festgenommenen Sclaven an seinen Herrn aus? Wie also soll ein solcher armer Mensch denn entkommen, wenn er Niemanden weiß an den er sich wenden kann, wenn er Niemanden hat, der ihn unterstützt und ihm forthilft, und wer das thut – hat Zuchthausstrafe zu erwarten.«

»Das Ausliefern muß aber sein,« fiel ihr hier Hennigs in die Rede, »wie könnten denn die Vereinigten Staaten einig neben einander bestehen, wenn sie einander ihr Eigenthum vorenthalten wollten; das gäbe ja zu endlosen Streitigkeiten Anlaß, und müßte nach und nach zu Haß und Zwietracht führen. Nein, es ist allerdings schlimm, daß wir die Sclaverei haben, und ich selbst wollte Gott danken, wenn es ein Mittel gäbe ihrer los und ledig zu werden, und alle von Negern Abstammende wieder über die See zurück in ihre Heimath senden könnten, wie ja der Anfang dazu auch mit Liberia gemacht ist; da aber die klügsten Leute im Lande sich schon seit langen Jahren vergebens die Köpfe zerbrochen haben, wie Dem am Besten abzuhelfen wäre, so wird unser Einer doch auch nicht dagegen ankämpfen sollen. Das Bestehende, wie es nun einmal besteht, muß der Einzelne ehren.«

Lucy hatte indessen aus einer Spalte über dem Kamine ein zusammengefaltetes Zeitungsblatt herausgenommen, schlug es jetzt aus einander und hielt es dem jungen Mann entgegen.

»Sie behaupten, es entflöhen hier in Missouri keine Neger ihren Herren?« sagte sie mit leisem Vorwurf im Tone, »da – überzeugen Sie sich selbst; hier stehen Drei angegeben, und vor jedem ein kleines Bildchen: ein armer Neger mit seinem Päckchen auf dem Rücken; der eine ist sogar von einem unserer Nachbarn, aus dem nächsten County, von Squire Wallis.«

»Das spricht für und wider mich,« sagte Hennigs; »wider mich, wegen dem Entlaufen, für mich, weil eben dieser Wallis auch Einer von Ihren sogenannten frommen Leuten ist; er hat sogar schon gepredigt, und die Presbyterianer halten ihn für ein besonderes Licht, das dem Staate und ihrer Kirche in diesem Manne aufgegangen sei. Gott bewahre uns vor solcher Beleuchtung!«

»Behandelt Mr. Wallis seine Sclaven wirklich so arg?« frug die Matrone.

»Dessen war Draper und ich neulich Zeuge,« erwiederte ihr Hennigs; »wir ritten gerade vorbei, als er einen seiner jungen Neger an einen Baum gebunden hatte und ruhig daneben seine Pfeife rauchte; dann und wann nur, wie um sich eine kleine Bewegung zu machen, stand er auf und peitschte den Unglücklichen höchsteigenhändig, daß ihm das klare Blut an dem Rücken hinunter lief. Wir frugen ihn, was ihn zu einer so fürchterlichen Strafe veranlaßt habe, er behauptete aber, er thue das aus christlicher Milde, es sei gegen seine Grundsätze einen seiner Sclaven im Zorn zu strafen, und da kühle er sich in der Zwischenzeit immer erst ein wenig ab, um ruhig zu bleiben und nicht hitzig zu werden.«

»Und das nennen Sie ein freies Land!« rief die Matrone entrüstet.

»Und das nennen Sie einen frommen Christen!« warf Hennigs dagegen ein; »ist Ihnen da nicht Ihr Mann mit all seinen kleinen Fehlern und Eigenheiten, meinetwegen Schwächen, zehntausendmal lieber, selbst wenn er dann und wann das untere Ende des Whiskeykruges höher hebt, als das obere, und seinem Herzen mit etwas rauh klingenden, aber keineswegs bösgemeinten Worten Luft macht?«

»Aber das viele gotteslästerliche Fluchen könnte er doch lassen,« sagte Mrs. Draper, freilich schon um Vieles milder gestimmt.

»Ja, und Sie auch, Sir,« lachte Sally, »Lucy hat schon oft gesagt, Sie wären ein ganz guter Mensch, wenn Sie nur nicht immer –«

»Sally!« rief Lucy, »wie kannst Du nur –«

Ein plötzliches Anschlagen der Hunde unterbrach hier jede weitere Rede, und gleich darauf trat auch, die Mütze fest in die Stirne gedrückt und die Büchse in der Hand, die er, ohne sich weiter umzusehen, auf die über der Thür eingeschlagenen Pflöcke legte, Draper ein.

»Da bin ich wieder,« sagte er, und drehte sich in diesem Augenblicke nach den Seinen um, sein Antlitz war aber auffallend bleich, sein ganzes Wesen schien erregt, und er fuhr merklich zusammen, als er einen Fremden an seinem Kamin erblickte, faßte sich jedoch augenblicklich und streckte dem schnell erkannten Freunde die Rechte entgegen.

»Und ohne die Pferde?« frug Hennigs, der die dargebotene Hand derb schüttelte, »mit leeren Zügeln? Die Damen hier scheinen deren Ankunft fest erwartet zu haben.«

»Dann müssen die Damen noch etwas Geduld haben,« lächelte der Alte, und nahm die Mütze ab, die er oben auf eine Ecke des Kaminsimses legte. Dabei schienen aber seine Gedanken wieder weit hinweg zu schweifen, und er starrte, die Hand noch immer oben an dem Brett, wohl mehrere Minuten lang, wie in tiefem Nachdenken versunken, auf die im Kamine glimmenden Kohlen nieder.

»Mr. Hennigs hat die Fährten im Potters Creek gesehen, Vater,« brach endlich Sally das Schweigen, »sie müssen nach der Niederung hinunter sein, und da, weißt Du wohl, wenn sie erst in den Schilfbruch kommen, findest Du sie immer nicht gleich wieder. Am Ende versäumen wir morgen den Anfang der Campmeeting.«

»Das wäre freilich entsetzlich,« lächelte der Alte, der jetzt seine volle Ruhe wieder erlangt hatte und sich behaglich auf dem für ihn hingeschobenen Stuhl niederließ, »und dann könntest Du und Lucy auch nicht eure neuen Kleider und Bonnets zeigen, und Mutter müßte das schöne Umknüpftuch noch ganze vierzehn Tage länger in der Kiste liegen lassen.«

»Aber, Mann!« unterbrach ihn vorwurfsvoll Mrs. Draper, »willst Du denn behaupten, daß wir solcher sündlichen Eitelkeit wegen zu der Versammlung reiten? Habe ich Dir dazu schon je Ursache gegeben?«

»Vater ist überhaupt heute so sonderbar?« sagte Sally plötzlich, indem sie auf ihn zuging und ihm scharf ins Auge schaute, »es fiel mir gleich auf wie er hereintrat; ich weiß nicht –«

»Aber ich weiß, was Jungfer Naseweiß zu thun hat,« sagte der Alte, und ergriff sie lächelnd beim Kinn; »draußen steht Mr. Hennigs Poney und wiehert nun schon, so lange ich im Hause bin, ganz ungeduldig um den versteckten Mais herum. Geh, und gieb ihm ein halbes Dutzend Kolben, und dann wollen wir das Pferd aushobbeln,[4] es mag sich hier herum sein Futter selbst suchen. Du mußt ihm aber vorher die kleine Glocke umschnallen, sie hängt hinten an der Hausecke.«

[4]: Aush o b b e l n nennt der Amerikaner das Zusammenbinden der Vorderbeine des Pferdes, damit sich dieses zwar langsam von der Stelle bewegen kann, sein Futter zu suchen, aber doch nicht im Stande ist fortzulaufen.

Sally sprang singend hinaus, den erhaltenen Auftrag zu erfüllen, Draper aber ging zu seiner Frau hin, strich ihr schmeichelnd die nur noch halb schmollend weggedrehte Wange und sagte gutmüthig:

»Bist nicht böse, Alte, weißt schon, wie's gemeint ist; ein Bischen eitel seid ihr aber Alle, wenn ihr's auch nicht wollt merken lassen; denn in ihrem Alltagskleid ginge keine von euch zur Campmeeting, so viel weiß ich.«

»Das würde sich auch nicht schicken, Draper, das würde sich auch nicht schicken; wenn wir zu dem Herrn beten, müssen wir auch zeigen, daß wir etwas darauf halten, mit anständigem Aeußeren vor ihn zu treten.«

»Das wäre dem lieben Gott, so wie ich ihn kenne, sehr egal,« lachte Draper gutmüthig: »doch, Du hast recht, Du meinst's ehrlich dabei, und bist auch sonst brav und wacker; nur das scheinheilige Pack kann ich nicht leiden. Aber, Hennigs, wo habt Ihr denn die Pferde gesehen?«

»Die Pferde nicht, nur die Spuren,« erwiederte dieser, »sie kamen aus den Hügeln herunter und gingen, über den Kreuzweg hinüber, der Niederung zu; wenn ich nicht ganz irre, habe ich sogar die Schelle gehört, die der Fuchs um hat.«

»Ja, die schellt am weitesten, 's ist wohl möglich; nun, dann finde ich sie heute Abend an der Buffalolick, dorthin gehen sie gewöhnlich, wenn sie überhaupt die Richtung einschlagen.«

»Ich sah auch dort oben die Spuren eines Mannes,« fuhr Hennigs fort, »und glaubte erst, als ich hier hörte Ihr wäret ausgegangen die Pferde zu suchen, es seien die euren gewesen. Der die hinterließ trug aber Schuhe; es wird wohl ein Jäger gewesen sein.«

»Ja, ja, es wird wohl ein Jäger gewesen sein,« sagte der Alte, stand auf und schritt dann ein paar Mal in der Stube auf und ab; »ja, fuhr er dann fort, ich habe sie auch gesehen, sie gingen nach Süden, den Ansiedelungen zu; wahrscheinlich ein Jäger; aber was ist das für ein Zeitungsblatt?«

»Dasselbe, was der Sheriff heute Morgen hier herein gelegt hat, Vater,« erwiederte ihm Lucy, »wir blätterten darin herum.«

»Nun, giebt es Neuigkeiten aus St. Louis?« frug der Alte, und fuhr sich mit der linken Hand über die breite, offene Stirne, als ob er alle anderen Gedanken daraus verscheuchen wollte; »wie steht's mit der Wahl? was sagt unser Demokrat da? hat Polk Aussichten?«

»Nun, Missouri läßt ihn sicher nicht im Stich,« lachte Hennigs. »Das war's aber nicht, wir haben uns nicht mit Politik beschäftigt, sondern nur über eine Frage debattirt, die das gute Verständniß der südlichen und nördlichen Staaten betraf – über die Sclaverei, und zur Erläuterung derselben lasen wir hier einige Anzeigen von entlaufenen Sclaven.«

»Von entlaufenen Sclaven? wo? zeigt her!« rief Draper schnell und zwar mit einem Interesse, das einem genauen Beobachter sicherlich hätte auffallen müssen; Hennigs aber, die Bewegung einzig und allein der Neugierde zuschreibend, hielt ihm ruhig das Blatt hin und sagte:

»Drei Stück – Wallis hat auch wieder Einen hineinsetzen lassen.«

»Neunzehn Jahr alt,« las Draper, »schlank gewachsen, mit freier, hoher Stirn und besonders wolligem Haar; Farbe: Ebenholzschwärze, Größe: fünf Fuß sieben Zoll – das stimmt alles.«

»Was stimmt?« frug Hennigs.

»Was stimmt? ih nun, die – o, ich kenne den Burschen, der wahrscheinlich entlaufen ist,« erwiederte Draper, und wandte sich, wie um besser lesen zu können, mit der Zeitung ab, dem Lichte zu.

»Ist es etwa der, den er vor kurzer Zeit so fürchterlich mißhandeln ließ?« sagte Hennigs.

»Derselbe, derselbe; sein Rücken ist noch jetzt blutig und zerfleischt, die Narben hatten noch keine Zeit, wieder zu heilen, der arme Teufel konnte Tag und Nacht kein Auge schließen vor Schmerz und Qual und – mußte dennoch arbeiten; Donnerwetter, Alte, wo ist denn eigentlich der Whiskey,« unterbrach er sich plötzlich und bog sich nieder, um unter den Fuß des Bettes zu sehen, wo die fragliche Steinkruke gewöhnlich ihren Platz hatte, »ich bin trocken wie eine Ohio-Chaussee, ich staube ordentlich. Glaubt ihr, man soll euch die Pferde suchen, und nachher nicht einmal einen Tropfen trinken? Ich verdurste, wenn ich nicht bald etwas bekomme!«

»Vater hat wohl die Pferde gesucht, hat sie aber noch nicht gefunden,« sagte Sally, und schöpfte dabei, als sie eben in die Thüre trat, den Flaschenkürbiß voll des klaren Quellwassers, das in einem Eimer auf dem dort angebrachten Regale stand.

»Ist mein kleiner Kiek in die Welt auch schon wieder da?« lachte der Alte. »Also, weil ich sie nicht gefunden habe, braucht' ich auch nicht trocken im Halse geworden zu sein? und Wasser soll ich trinken? Wettermädchen das, folgt der Alten aufs Haar. Nein, Kinder, einen Schluck Whiskey muß ich vorher aufsetzen, aber laß nur das Wasser hier, Sally, zum Nachtrinken giebt's nichts Besseres auf der ganzen Welt.«

»Bester Mann,« bat Mrs. Draper, »ist nun das klare, liebe Himmelsgetränk nicht viel besser und zweckmäßiger, selbst den brennendsten Durst zu löschen?«

»Liebe, beste Frau,« entgegnete ihr Draper, während er von der ihm gereichten Kruke den, aus dem holzigen innern Theil eines Maiskolben bestehenden Stöpsel abzog und dann etwas von dem goldklaren Inhalt in den großen, vor ihm auf dem Tische stehenden Blechbecher ausgoß, – »das Wasser ist eben ein Himmelsgetränk, wie Du ganz richtig bemerkst, für uns arme Sterbliche aber müssen wir etwas Feurigeres, Herz und Seele mehr Zusammenhaltendes haben, und da hat denn der liebe Gott den Whiskey erschaffen.«

»Den hat der Teufel erschaffen!« rief Mrs. Draper lebhafter, als es sonst gewöhnlich ihre Art war, »das ist des Teufels Erfindung.«

»So? in der That? – dann bin ich dem Teufel wirklich mehr verbunden, als ich bis jetzt habe glauben mögen; die Erfindung macht ihm alle Ehre, und söhnt mich theilweise wieder mit ihm aus,« sagte der unverwüstliche Draper mit größter Ruhe, und leerte etwa die Hälfte des Inhalts, wornach er den Rest an Hennigs hinüber schob. Dieser aber zögerte, ihn anzunehmen, und blickte sich halb unschlüssig nach Lucy um.

»Lucy sieht nicht her!« neckte ihn Sally, der des jungen Mannes Verlegenheit keineswegs entgangen war, »Sie können's riskiren.«

»Laßt Euch durch die Frauen nicht irre machen, Hennigs,« ermahnte ihn der Alte, »wenn ich denen glauben wollte, dann wäre das gute Getränk hier vor uns ein Haken, und meine Kehle ein Arm, die mich selbander und mit vereinten Kräften in den Pfuhl der Hölle hineinrissen; so hat's ihnen wenigstens neulich der Presbyterianer erklärt.«

»Du bist ein böser Mann, Draper, und drehst Einem immer die Worte im Munde herum,« sagte die Matrone, reichte aber dem Gatten dabei freundlich die Hand hinüber: »Du weißt ja doch recht gut, wie ich's meine, und daß es nur immer Deines eigenen Besten wegen ist, wenn ich ein Wort einwerfe über Dein –«

»Trinken und Fluchen!« fiel ihr Draper ins Wort; »ja, ja, ich weiß schon, wovon die Rede ist; übrigens habe ich heute noch nicht ein einziges Mal geflucht, und was den Trunk betrifft, den ich selten genug zu meiner Erholung thue, so bin ich allerdings davon überzeugt, daß Du ihn mir nicht mißgönnst, da ist aber der gottverdammte –«

Sally's kleine Hand lag auf seinen Lippen, und er zog sie gutmüthig lächelnd herunter und drückte einen herzlichen Kuß auf den kleinen gespitzten Rosenmund des lieben Kindes.

»Nun, schon gut, schon gut, Sally,« sagte er dann, »'bist mein gutes Mädchen; jetzt seht aber nach euren Kühen – ach, ja so, es ist erst eine da; nun, schad't nichts, besorgt die nur, ehe es dunkel wird, es sollen schon mehrere nachkommen, und nachher zündet auch die Lampe an, oder habt ihr die Lichter schon gegossen?«

»Ja, Vater, die letzten drei Hirsche, die Du geschossen hast, hatten gar viel Talg bei sich, und aus den Bienenbäumen, die hier Mr. Hennigs für uns umgehauen, ist auch ein recht schönes Stückchen Wachs gekommen, – die Lichter sind fertig.«

»Brav, Kinder, dann macht alles bereit, Hennigs und ich, wir wollen indessen noch einmal nach der Buffalolick hinüber gehen und die Pferde holen; vielleicht finden wir auch unterwegs irgendwo ein Volk Truthühner aufgebäumt, ich will auf jeden Fall den Rifle mitnehmen.«

Und der alte Mann hob die schwere Büchse von der Wand herunter, hing sich die kaum abgelegte Kugeltasche wieder um, setzte die Mütze auf und wollte eben mit seinem jungen Freunde das Haus verlassen, als er plötzlich zurückprallte und erbleichend ausrief: »Tod und Teufel!«

Erschreckt sprangen seine Frau und Töchter hinzu, sie sollten aber über das, was den Vater so überrascht hatte, nicht lange in Zweifel bleiben; ein junger Neger mit bloßem Kopf und nur einer dünnen Leinwandjacke und eben solchen Hosen bekleidet, die nackten Füße in groben, rindsledernen Schuhen, das schwarze Antlitz eingefallen und verzerrt von Todesfurcht und übermäßiger Anstrengung vielleicht, sprang auf die Schwelle, warf einen scheuen, wilden Blick über die ihn jetzt Umstehenden, und brach dann, die Kniee des alten Mannes krampfhaft umklammernd, vor diesem halbohnmächtig zusammen.

»Ben, Ben, um Gottes Willen, was soll das heißen?« rief Draper und sah ängstlich nach Hennigs hinüber, der ganz überrascht dastand und gar nicht wußte, wie er sich diese merkwürdige Scene deuten solle.

»Rettet mich, Herr, rettet mich, wenn Ihr nicht wollt, daß sie mich bei lebendigem Leibe verbrennen, wie sie's dem armen Nigger in St. Louis gethan haben, rettet mich um des Heilands Willen, sie sind dicht hinter mir!«

Er blickte flehend zu ihm empor, und Hennigs konnte jetzt zum ersten Mal seine Züge erkennen. Kaum hatte er ihn aber einen Moment scharf in's Auge gefaßt, als er vorsprang, den Knieenden bei der Schulter ergriff und ausrief:

»Alle Wetter, das ist Wallis entlaufener Neger, halt, Bursche, wo kommst Du her und wo willst Du hin?«

Der unglückliche Ben warf einen flehenden Blick auf den alten Mann und sank dann, seine Kniee loslassend, ohnmächtig zu Boden.

»Der Bursche hat wahrscheinlich nicht mehr weiter gekonnt!« sagte Hennigs, als er ihn umwandte und fühlte, wie der arme Teufel regunglos in seinen Armen lag, »nun, ein Bischen kalt Wasser wird ihn schon wieder zu sich selbst bringen. Sie werden ihn aber hier behalten müssen, bis wir Wallis davon benachrichtigen können. Der wird nicht wenig froh sein, daß er seinen Neger wieder hat.«

»Sie werden ihn doch nicht ausliefern?« rief Lucy entsetzt.

»Nicht ausliefern, Miß Lucy? – wir sollen doch wohl nicht etwa gar einem Nigger zum Fortlaufen behülflich sein und nachher das Vergnügen im Zuchthaus büßen?«

»Man will ihn lebendig verbrennen!« rief Sally und faltete in Todesangst die kleinen weißen Händchen auf der klopfenden Brust.

»O bewahre Gott,« lächelte Hennigs, »das wäre ja wider des Herrn eigenen Vortheil, einen seiner Sclaven umzubringen; nein, Sally, der kommt mit einer Tracht Schläge davon, und die hat der Schlingel auch eigentlich verdient, warum läuft er fort; er weiß, daß er doch am Ende wieder gefangen wird.«

Draper bog sich schweigend zu dem Unglücklichen nieder und wies auf seinen Rücken, die Dämmerung brach schon stark herein, aber deutlich konnten sie noch erkennen, wie rothes Blut durch die dünne Leinwandjacke gedrungen war, und diese in langen, theils erhärteten, theils noch frischen Streifen an dem Rücken des Unglücklichen festgeleimt hatte.

Die Frauen stießen einen Schrei der Angst und des Entsetzens aus, und selbst Hennigs wandte sich schaudernd ab.

»Der arme Teufel!« brummte er vor sich hin.

Draper brach endlich das Schweigen und sagte mit hohler, fast tonloser Stimme, indem er den Neger noch immer mit seinem Arm unterstützte:

»Der Knabe hier rettete mir vor drei Wochen das Leben; ich badete im Strom, und nur seiner Dazwischenkunft verdanke ich es, daß ich das steile schroffe Ufer, zu dem mich die zu starke Strömung hingerissen hatte, wieder erklimmen konnte. Heute traf ich ihn flüchtig im Wald, und obgleich ich wußte, daß es ein entflohener Sclave sei, ließ ich ihn ungehindert ziehen. – Ich wandte mich ab und wollte nicht sehen, wohin er floh. Jetzt führt, Gott weiß nur welches Schicksal, den Unglückseligen in meine Hütte, und mir bleiben einzig und allein zwei Auswege offen: entweder ich verrathe meinen Lebensretter und überliefere ihn seinen Henkern, oder ich setze mich der Gefahr aus, angeklagt zu werden einem Neger, einem Sclaven, zur Flucht behülflich gewesen zu sein, – das Zuchthaus ist dann meine Strafe.«

»Hier ist, denk' ich, ein Ausweg möglich,« sagte Hennigs, »Wallis weiß, daß ihm ein Arbeiter nur dann von Nutzen sein kann, wenn er gesund und kräftig ist; auf Euer Wort giebt er überdies etwas, und wenn Ihr zu ihm hinüberreitet und ihm sagt, daß Ihr ihm seinen Neger gegen das Versprechen wieder verschaffen wollt, daß er den schon so arg Gemißhandelten nicht noch mehr züchtige, so glaub' ich, wird er schon ein vernünftiges Wort mit sich reden lassen und kein Unmensch sein. Zum Henker noch einmal, er gehört ja doch auch mit zur Kirche, und da darf er ja schon des Aufsehens wegen nicht den Tyrannen spielen.«

»Er schlägt die Augen auf,« sagte Mrs. Draper, die ihm indessen Stirn und Schläfe mit Essig eingerieben hatte, »er kommt wieder zu sich, großer Gott, wie weh dem armen Menschen ums Herz sein muß; Vater, wenn nun unser Sohn, der sich jetzt in Texas oder Mexico herumtreibt, so unter fremden Menschen läge, wie wolltest Du, daß ihm da geschähe?«

»Ich glaube wirklich nicht, daß ihm viel Gefahr droht, Mrs. Draper,« nahm Hennigs noch einmal das Wort; »wenn Sie es wünschen, so will ich selbst mit Draper hinüber reiten, um Wallis zur Milde zu stimmen, aber ausliefern müssen wir ihn, das verlangt nicht allein das Gesetz, sondern auch unsere eigene Sicherheit. Es ist ja denn doch auch nur ein Neger, und ich sehe nicht ein, weßhalb sich zwei Weiße seinetwegen in so entsetzliche Unannehmlichkeiten stürzen sollten, wie daraus entstehen könnten.«

»Es ist n u r ein Neger, Mr. Hennigs,« sagte Sally mit bitterem Vorwurf im Ton, »das klingt, aufrichtig gesprochen, recht garstig von Ihnen. Vater war in seinen Augen auch n u r ein Weißer, und er hat ihn doch aus dem Wasser gezogen. Das weiß ich, wenn Sie den armen Menschen wieder auslieferten, und ich wäre Lucy, ich spräche in meinem ganzen Leben kein Sterbenswörtchen mehr mit Ihnen.«

»Sein Sie barmherzig!« flehte auch Lucy jetzt, und sah bittend zu dem jungen Mann auf, der sich, den Hut in der Hand, verlegen hinter den Ohren kratzte.

»Aber, beste Miß Lucy,« sagte er endlich, »was hülfe es ihm denn, wenn wir unsere eigene Sicherheit auch wirklich nicht einen Pfifferling rechnen wollten, deßhalb wäre ihm doch nicht mehr geholfen. Entfliehen kann er nicht; wie käme ein Nigger von hier bis zu der canadiensischen Grenze ohne Paß? Liefern wir ihn also nicht aus, wobei wir uns zugleich für ihn verwenden können, so fängt ihn Jemand Anderes, und dann geht's ihm erst recht schlimm.«

Der Neger hatte seine großen, lebhaften Augen geöffnet und zu dem Sprechenden mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Seelenschmerz in den dunkeln Zügen aufgeblickt. Jetzt theilten sich seine Lippen, und er flüsterte, mit aber noch kaum hörbarer Stimme:

»Ich bin verloren, die Verfolger sind mir auf den Fersen; ich traf einen der nach mir ausgesandten Männer zufällig im Wald, und nur die Verzweiflung gab mir Kraft genug, ihm in dem dichten Unterholz zu entgehen, das ihm nicht erlaubte mit dem Pferd so schnell hindurch zu brechen. Unfern von hier wußte ich ihn von meinen Fährten abzubringen und floh nun, als letztem Rettungsweg, Ihrem Hause zu. Ich kann nicht weiter, mein Rücken ist zerfleischt, meine Kräfte sind erschöpft, die Wunden brennen mich wie Feuer, und die Glieder versagen mir den Dienst. Liefern Sie mich aus, dann ist's vorbei, und ich habe dieß elende Leben überstanden.«

»Es ist nicht so schlimm, Ben!« sagte Hennigs gutmüthig, »wir wollen selbst zu Deinem Herrn hinüber reiten und ihn um Schonung für Dich bitten; er soll Dich nicht weiter mißhandeln.«

»Umsonst, umsonst!« stöhnte der Unglückliche, und sah starr vor sich nieder, »das wäre vergebens; letzten Freitag warf er mich zu Boden und trat mich mit Füßen; die harten Steine rissen die noch nicht geheilten Wunden der Peitschenhiebe wieder auf, wahnsinniger Schmerz durchzuckte mich, und in aller Verzweiflung, nicht mehr wissend was ich that, was ich beging, ergriff ich einen gerade dort liegenden Axtstiel und – schlug meinen Master zu Boden.«

»Unglückseliger!« sagte Hennigs mitleidig, »dann bist Du allerdings verloren!«

»Nein, nein!« rief Draper, »ich will verdammt sein, wenn ich ihn ausliefere. Ich weiß, was ich riskire, ich weiß was mich bedroht, wenn ich entdeckt werde, doch gleichviel; im schlimmsten Falle lasse ich die hier gethane Arbeit im Stich, und ziehe nach Iowa hinein, aber ich will nicht haben, daß mich das Bild dieses Unglücklichen mein ganzes Leben lang, Tag und Nacht hindurch mahnen und martern soll, und ich mir ewig sagen muß: der hatte dir nur das Leben gerettet, damit du ihn nachher gebunden seinem Henker überliefern konntest. Sei guten Muths, Ben, es soll Dir Nichts geschehn, ich will doch einmal sehn, ob der alte Draper so auf den Kopf gefallen ist, daß er nicht ein Mittel findet Dir fortzuhelfen.«

»Aber, Draper, Draper, denkt an Euer Weib und Euere Kinder,« sagte warnend der junge Mann.

»O, reden Sie dem Vater nicht ab,« bat ihn flehend Lucy, »lassen Sie ihn das gute Werk vollbringen, und – wenn Sie sich uns Allen als ein recht lieber, lieber Freund erweisen wollen, o, so helfen Sie nur dießmal, den armen, armen Jungen von so fürchterlicher Strafe zu erretten.«

»Liebe Miß Lucy,« erwiederte Hennigs, noch immer unschlüssig, »ich will ja gewiß Alles von Herzen gern thun, was Ihnen nur die mindeste Freude gewähren kann, ich sehe aber wahrhaftig nicht ein, wie dem armen Teufel geholfen werden soll. Sind ihm die Verfolger so dicht auf den Fährten wie er sagt, dann können wir sie auch jeden Augenblick hier erwarten, und in dem Zustand, in dem er sich jetzt befindet, wäre es für ihn unmöglich zu entfliehen. Hier im Haus sind wir eben so wenig im Stande ihn lange zu verbergen, selbst wenn wir wollten; denn das eine offene Gemach, was Sie haben, bietet nirgends auch nur den geringsten sichern Schlupfwinkel.«

»Wir müssen ihm einen Paß schreiben!« rief Mrs. Draper schnell, »das wird ihm durchhelfen; einen mit dem Paß versehenen Neger hält Niemand an.«

»Aber womit?« frug Lucy ängstlich, »wir haben weder Schreibzeug, noch Papier, selbst das Stückchen Bleistift, was in dem alten Haus über dem Kamin stak, muß verloren gegangen sein, ich konnte es wenigstens nirgends finden.«

Der Neger hatte indessen mit ängstlichen Blicken von einem der Sprechenden zum andern gestarrt, und seine Augen leuchteten, als er den Paß erwähnen hörte; jetzt, da ihm diese letzte Hoffnung abgeschnitten schien, barg er zitternd das Antlitz in den Händen, und wenn auch kein Laut, kein Schluchzen die Stille unterbrach, so kündete doch das convulsivische Zucken seiner ganzen Gestalt den ungeheueren Schmerz an, der ihn durchbebte.

»Hier muß Rath geschafft werden!« rief der alte Draper jetzt, und ging mit schnellen Schritten im Zimmer auf und ab, »Ben muß fort, und ein Paß, das seh' ich ein, ist dazu unumgänglich nöthig. So mag er denn hier im Haus verborgen bleiben, bis ich ihm den herbeischaffen kann; ich will noch heute zum Squire Mapel reiten und Tinte und Papier holen.«

»Aber das ganze County ist schon in Aufregung,« flehte in Todesangst Ben, »der, der mich heute verfolgte, wußte ebenfalls von dem, einem weißen Manne gegebenen Schlag; zweimal hätte er mich niederschießen können, aber er schrie fluchend, er wolle mich lebendig haben, um mich schmoren zu sehen; sie sind zum Fürchterlichsten entschlossen.«

»Halloh! da drüben!« schallte plötzlich eine Stimme von der andern Seite der niedergehauenen Bäume herüber, und gleich darauf übertäubte, wie bei Hennigs Ankunft, das Heulen der Meute jeden weitern Anruf.

»Das ist mein Verfolger!« stöhnte Ben und sank, die Hände gefaltet, in Verzweiflung auf einen Stuhl nieder, an dessen Lehne mehrere Tropfen klaren Blutes, die durch die dünne Jacke gequollen waren, hängen blieben.

Der alte Mann trat indessen in die Thür, beschwichtigte mit einem Wort die Hunde, die, der Stimme des Herrn gehorsam, nur leise knurrend den fremden Tönen lauschten, und rief jetzt die Gegenfrage an den späten Gast hinüber:

»Wer ist da, und was wollt Ihr?«

»Wer da ist, zum Henker, Pitt ist da, oder ist eigentlich noch nicht da; denn er steckt hier in einem undurchdringlichen Gewirr von allem Möglichen, und weiß nicht, wie er herauskommen soll. Wo in aller Welt ist nur der Fahr- oder Reitweg, Draper? Auf dem, wo ich hergekommen bin, liegen wenigstens zwanzig Klafter Holz!«

»Seid Ihr allein?« frug Draper zurück.

»Ja, allerdings, es werden aber gleich noch eine ganze Menge kommen, ich traf sie nicht weit von hier, und sie redeten davon, bei Euch zu übernachten.«

»Ich komme gleich, Pitt,« rief Draper ihm zu, »bleibt nur einen Augenblick da halten, Euer Pferd könnte sonst in den vielen Splittern Schaden nehmen,« und damit warf er die Thüre wieder in die Klinke und trat in das Innere seiner Hütte zurück.

»Es ist zu spät!« sagte er eintönig, als er mit starrem Blick auf den unglücklichen Knaben niedersah, »sie werden hier sein, ehe wir im Stande sind, auch nur einen vernünftigen Rettungsplan zu ersinnen, viel weniger auszuführen.«

»Wenn er sich nun draußen im Walde versteckte?« frug schüchtern Sally, »ich will ihm ja recht gern Speise und Trank bringen; morgen früh gelingt es dann vielleicht, dem Armen zu helfen.«

»Nein, das ist unmöglich, die Hunde würden ihn dort nicht unbeachtet lassen; überdieß bringen die Fremden, wenn es seine Verfolger wirklich sind, auch auf jeden Fall ihre Rüden mit, und dann wäre seine Entdeckung unvermeidlich. Ich begreife ohnedem nicht, wie ihn meine eigenen Bärenfänger so unbelästigt hereingelassen haben.«

»So verbirg ihn dort zwischen unsern Betten!« sagte Sally plötzlich, »dort mag er liegen, bis sich irgend ein Ausweg für ihn gefunden hat, und wenn es bis morgen früh wäre.«

»Das ist das Einzige; Höll' und Teufel, Pitt wird ungeduldig da drüben, ich muß ihn holen; so versteckt ihn denn schnell, und möge Gott geben daß er dort unentdeckt bleibt, sonst ist mein guter Name für Missouri dahin, und ich muß selbst der Rache seiner Bürger entfliehen.«

Tief aufseufzend verließ er die Hütte, seinen heute so unwillkommenen Gast herein zu holen, während die Frauen indessen ein ziemlich weiches Lager für den armen Gemißhandelten bereiteten und es, zwischen den Betten und durch einen mit Kleider überhangenen Stuhl, so verdeckten, daß, wenn nicht eine wirkliche und hier keineswegs zu befürchtende Haussuchung Statt fand, sein Lager von den in der Hütte befindlichen Personen sicherlich nicht gesehen werden konnte, da sich auch schon ohnedieß keiner der Amerikaner neugierig einer Stelle zugedrängt hätte, die der »Damen-Schlafplatz« war.

Bald darauf erreichte der späte Besuch den kleinen, vor dem Hause befindlichen, offenen Platz, sprach dort einige Worte, seines Pferdes wegen, mit Draper, und betrat dann, schon von draußen den Frauen einen guten und freundlichen Abend hereinrufend, das Innere des jetzt durch ein selbstgegossenes Licht erhellten Raumes.

Mr. Pitt war ein kleines, wohlbeleibtes Männchen, mit so blonden Haaren, daß er sie oft selbst im Scherz »Isabellfarben« nannte, dazu mit großen blaugrauen Augen und gewöhnlich in einen Pfeffer- und Salz-farbenen Oberrock eingeknöpft. So gemüthlich er aber auch sonst in manchen Sachen sein mochte, so viel er selbst auf sein Vieh, auf seine Pferde und Rinder hielt, die er sich nie überarbeiten ließ, so sehr haßte er die Neger, und behandelte seine eigenen Sclaven, wenn er sie auch gut »fütterte,« wie er es nannte, stets mit der größten Verachtung. Die Sclaven der ganzen Nachbarschaft fürchteten ihn auch ungemein, haßten ihn aber wohl noch mehr und nannten ihn überall nur den »Niggerfresser.«

Und doch war dieser Mann ein ganz guter Bürger, ehrlich und rechtschaffen in all seinem Thun und Handeln, und hatte sich, einzig und allein durch eigenen Fleiß, ein gar nicht unbedeutendes Vermögen erworben.

Seinem Ehrgeiz war übrigens dadurch Genüge geschehen, daß ihn sein »Township« zum Friedensrichter, und zwar damals noch ernannt hatte, als die Aufregung für General Harrison selbst bis in den fernen Westen drang; er rühmte sich auch seines eifrigen Whigthums und schwärmte natürlich für Henry Clay, und besonders für Frelinghuysen, der, seiner Aussage nach, der frömmste Mann der Welt sei und eher verdiente, Präsident, als nur Vicepräsident zu werden.

Seiner Religion nach war er Presbyterianer, und hing dabei so eifrig an der Kirche, daß er schon einmal, als er sich bei einer großen Betversammlung befand, wo der andächtig harrenden Gemeinde gemeldet wurde, der plötzlich krank gewordene Prediger könne nicht kommen, selbst, unvorbereitet, den Rednerstuhl bestieg, und mit Kraftworten und noch nie dagewesenen Gesticulationen den Leuten erzählte, wie's ihm eigentlich ums Herz sei. Man wollte ihn später allerdings dazu bereden der geistlichen Beredsamkeit sein Leben ausschließlich zu weihen, Mr. Pitt zog es aber vor Friedensrichter zu bleiben, und behauptete, vielleicht nicht ganz ohne Grund, »als Laie die Eingeborenen viel mehr in Erstaunen setzen zu können, als wenn er aus der heiligen Sache eine wirkliche Profession mache«. Dabei war er höchst ritterlich und gefällig gegen Damen, obgleich er, als alter Junggeselle, von diesen auch manches Scherz- und Stichelwort ertragen mußte; ja, er hatte sogar selbst, vor noch nicht so langer Zeit, bei einer Entführung in St. Louis thätigen Antheil genommen. Wenn er aber auch gern von dieser Sache sprach, so verfehlte er doch nie dabei die Bemerkung zu machen, daß das vor der Zeit gewesen sei, wo er als Friedensrichter in Thätigkeit getreten, und er jetzt, gerade im Gegentheil, eine solche ungesetzliche Handlung mit jeder ihm zu Gebote stehenden Macht verhindern würde.

Mr. Pitt trat also in die Thüre der Hütte, und reichte, sich nicht mit dem allgemeinen »guten Abend, Ladies,« begnügend, noch jeder der Damen insbesondere die Hand, führte dabei auch so total allein das Wort und erkundigte sich so angelegentlich nach dem Befinden und Wohlergehen seiner »neuen Nachbarn« (sein Haus lag elf englische Meilen entfernt), daß er die Verlegenheit und Aufregung, in welcher sich diese befanden gar nicht bemerkte, sondern geschäftig einen der Stühle zum Kamin schob (und zwar mit dem Rücken gegen die Thür, also den Betten mehr zugewandt), von dem aus er an Draper und Hennigs indessen tausend verschiedene Fragen zu gleicher Zeit richtete.

Draper war übrigens selbst zu aufgeregt, um sich in eine Beantwortung derselben einzulassen, und frug nur seinerseits, wobei er freilich einen Augenblick benutzen mußte, in dem der würdige Mann gerade Athem schöpfte, wen er noch von Fremden im Walde getroffen habe, was diese getrieben und wann sie hier eintreffen würden.

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