Das Erbe der Toten
Ein Leben geht zu Ende
Adnil Tieretep
Das Erbe der Toten
Drachenseele
Ein Leben geht zu Ende
Lange pechschwarze Haare verbergen das Gesicht einer großen Frau, die gerade in ihrem Vorgarten Unkraut zupfte. Die Sonne stand am höchsten Punkt und sie schaute auf. Sie bedeckte mit ihren schmutzigen Händen die Augen und spähte zu den Nachbargrundstücken, die wie immer perfekt aussahen. Außer ihr Garten war doch irgendwie wilder, es störte sie nicht, denn so sah es natürlicher aus und nicht künstlich. Ihre strahlend blauen Augen, die man für kalt halten könnte, die aber Wärme ausstrahlten, sah auf einem Baum eine Krähe sitzen. Darunter kam gerade ein Nachbar zum Vorschein mit einem Besen in der Hand und fuchtelte wie wild damit herum, dass die Krähe endlich verschwand. Doch diese starrte unentwegt die junge Frau an. Der Nachbar gab es auf, lächelte beschämt seiner Nachbarin zu und verdrückte sich wieder in sein Haus. Doch Tier und Mensch schauten sich weiter an, dann nach fünf Minuten schoss die Krähe in die Höhe und war verschwunden. Kopfschüttelnd richtete sie sich auf und schaute die Blumenbeete ab, es war eigentlich noch viel zu tun, aber heute hatte sie genug erledigt und schlenderte mit dem Eimer voll Unkraut Richtung Komposthaufen. Da saß sie wieder, diese Krähe und starrte sie an, diesmal versuchte sie sie wegzuscheuchen, doch der Vogel bewegte sich keinen Millimeter und krähte zurück. Er breitete seine Flügel aus und mit einem lauten Flügelschlag, bei dem die Frau zusammenzuckte, raste der schwarze Vogel auf sie zu und über sie hinweg. Nun wankte die Frau hielt sich an einem kleinen Baum fest und fiel vornüber. Dunkelheit legte sich über sie und ihr letzter Gedanke war, dass sie nun sterben würde.
Zögernd öffnete sie ihre Augen, als kalte schwere Tropfen auf ihren Kopf fielen. Die Nacht war hereingebrochen und sie lag wie eine Obdachlose auf einer Parkbank, nahe eines kleines Waldes. Gegenüber erstreckten sich mehrere kleine Einfamilienhäuser, wo kein einziges Licht brannte. Die Straßenlaternen spendeten kaum genügend Helligkeit um die Häuser näher zu erkennen. Neben ihr war ein überfüllter Mülleimer mit einer Tageszeitung, doch diese war nicht auf Deutsch sondern auf Englisch, als Überschrift „New York Times“. Wie war sie soweit gereist? War sie mehrere Tage ohnmächtig? Plötzlich hörte sie wie eine Tür eines Hauses aufgemacht wurde und eine schemenhafte Gestalt von einem Mann stand im Türrahmen und sah sie an. Nach einigen Sekunden war er wieder verschwunden, doch die Tür war noch einen Spaltbreit offen. Sollte die Frau hineingehen? Schritt für Schritt bewegte sie sich in Richtung des Wohngebäudes, umso näher sie kam desto unwohler fühlte sie sich. Wurde sie entführt? Und wie war sie so schnell nach Amerika gekommen? Wo doch ihr Haus in Deutschland stand. In dem mittelgroßen Foyer stand sie nun endlich im Trockenen. Sie hatte gar nicht bemerkt wie sehr ihre Kleidung durchnässt war. Leicht zitternd schaute sie sich um, es wurde nur spärlich von kleinen Petroleumlampen beleuchtet und überall lag eine große Staubschicht auch roch es leicht modrig, als ob hier seit Jahren niemand wohnen würde.
Sie betrat langsam den nächsten Raum, auf alles gefasst. Niemand war hier, in der Mitte stand ein riesiger schwerer Eichentisch und links und rechts der Wand entlang waren deckenhohe Schränke mit schwach beleuchteten Glaskästen. Der Raum wirkte ziemlich belebt, doch niemand war zu sehen. Dunkle dicke Vorhänge bedeckten das breite Fenster, nur leicht schien der Mond hindurch. Die einzige Lichtquelle waren zwei große Kerzenständer die jeweils auf einer Seite des Tisches standen. Langsam drehte sich der Sessel, welcher zuvor mit der Rückenlehne zur ihr stand um und ein Mann mit einem schwarzen langen Umhang saß darauf, die Kapuze verdeckte vollkommen sein Gesicht. „Setz dich bitte!“, seine Hand zeigte auf den kleinen bequemen Sessel, doch trotzdem blieb sie stehen. „Kenne ich Sie?“, sagte sie mit leiser, aber fester Stimme. „Ja du kennst mich. Doch dein Gedächtnis wurde gelöscht. Um die ganze Wahrheit zu erfahren, muss ich dich um etwas bitten!“ „Mein Gedächtnis gelöscht? Aber warum?“, fragte sie ihn aufgeregt. Doch er schmunzelte nur leicht, was sie nicht sehen konnte. „Du bist Mary Maga, aber du willst bestimmt alles erfahren. Ich brauche dein Einverständnis.“, seine ruhige Stimme wurde zunehmend schärfer. „Mein Einverständnis? Was soll das? Wie kann ich Ihnen vertrauen?“ „Du musst wohl!“ Zögernd nickte sie ihm zu „Ja, ich möchte es wissen“ Schon war er aufgesprungen und drückte seine flache, dünnfingrige Hand gegen ihre Stirn.
Ein kleines schwarzhaariges Mädchen saß auf dem Boden eines düsteren Kinderzimmers und spielte mit schwarzen Voodoo-Puppen die sie von ihrem Vater geschenkt bekommen hatte. Sie mochte nicht sonderlich ihren Vater, aber es war halt ihr Vater. Was sie aber nicht wusste, dass diese Puppen wirklich mit einem Voodoo-Zauber verhext waren und so einige Menschen nicht mehr Herr ihrer Sinne waren. Die Tür sprang auf und eine dürre ebenso schwarzhaarige Frau trat herein. Das Kind schaute kaum merkbar auf. „Mary, nun komm. Dein Vater wartet nicht gerne wie du weißt!“, sagte sie leise und behutsam zu der Kleinen. Sachte streichelte sie ihrer Tochter über die seidenen Haare. Sie liebte Mary über alles, denn es war das Einzige worauf sie wirklich stolz war. Langsam stand Mary auf und schaute die Mutter mit ihren kalten blauen Augen an. Dieser lief ein Schauer über den Rücken, denn ihr Kind hatte die bösen Augen von ihrem Vater geerbt, aber sie hoffte, dass sie nicht so wird wie dieser. Gemeinsam gingen sie in den Thronsaal, wo schon der Vater dasaß und sie keines Blickes würdigte. Vor ihnen waren Menschen, welche sich verbeugt hatten. Mary's Augen ruhten auf einen Jungen, der vielleicht fünf Jahre älter schien als sie. Er war schlank und kraftlos. Dynastes Maga brummte laut: „Unsere neuen Diener. Hoffen wir sie sind besser als die Vorherigen. Meine Tochter braucht einen neuen Beschützer, der alte hatte es nicht mehr geschafft und landete in der Skorpionengrube. Diese abscheulichen Abkömmlinge werden noch nicht mal so alt wie wir.“ Angewidert schaute er alle nacheinander an. Abkömmlinge war ein schlimmes Wort für Magier ohne Klanangehörigkeit. Das heißt, dass die ältesten Magierfamilien Klanen angehören, welche Tiere als Ansehen beherrschen konnten. Zu den Magas gehörten Skorpione, aber es gibt noch einige weitere solche Klane. Früher waren es Hunderte, aber durch Machtkämpfe außerhalb und innerhalb der Familien rotteten sie sich gegenseitig aus. Diese Kämpfe wurden heute noch ausgetragen und an der Spitze waren die Skorpione. Abkömmlinge werden versklavt oder getötet, wenn sie sich ihnen widersetzten. Ein alter blinder Magier mit einem Verband um die Augen streckte seinen Zauberstab aus und richtete ihn auf einen Schmiedeofen, wo ein dreckiges altes Eisen lag. Dieses flog in die Luft und zeigte am Ende einen rotglühenden heißen Skorpion, welcher nun zwischen den Schulterblättern der Abkömmlinge eingebrannt wurde. Alle stöhnten leise auf, als das Mal die Haut berührte, außer dem Jungen, der keinen Mucks von sich gab. Dynastes schaute belustigt zu und freute sich innerlich soviel Macht zu haben. Er freute sich nicht nur an die Abkömmlinge sondern einige Klanführer und deren Angehörige waren dabei, welche den Kampf verloren hatten. Durch dieses Mal lief eine böse schwarze Magie und es verhinderte einen Ausbruch oder gar starke Zauber auszusprechen und sie gegen den Skorpionenklan einzusetzen.
Die Jahre verstrichen, Menschen wurden getötet, Klane vertrieben und die Macht ausgebreitet. Der Junge war nun dreizehn Jahre alt und führte die achtjährige Mary an der Hand. Sie schwiegen und liefen unter der schwarzglühenden Sonne. Das Schloss von dem Skorpionenklan lag am Rande der Roten Wüste des Todes. Niemand hätte in der Wüste alleine überleben können. Viele verloren dabei ihr Leben dieses trockene und tote Land zu durchqueren. Beide gingen auf einen schmalen Kieselweg Richtung eines kleinen Gebäudes, was an eine zu groß geratene Hütte erinnerte. Überall lagen Leichen von Menschen und Tieren, welche aus Spaß von dem Schwarzmagier, der in dem Gebäude lebte, umgebracht wurden oder einfach an Wassermangel verendet waren. Ater Obscuritas schaute hasserfüllt auf Mary hinab, ihr Vater hatte seine Familie ermordet und er musste sie anfassen. Sie lernten bei dem Magier die dunklen Sprüche und all das was man zum Leiden zufügen brauchte. Mary lernte schnell, schneller als Ater, aber sie wusste noch nicht richtig was das alles zu bedeuten hatte. Sie wusste nicht was der Tod war und was er für eine Bedeutung hatte. Auch kannte sie kein Leiden oder Schmerz. Ater durfte dies lernen, da er höher war als viele seiner Mitleidenden. Er musste diese Magie erlernen um Mary zu beschützen, auch wenn sie es alleine besser hätte können.
Eines Abends streifte Ater im Schloss umher und wiederholte mehrmals seinen Plan in Gedanken. Er wollte die junge Tochter eines Nachts umbringen um die nächste Generation der Skorpione auszulöschen. Leise kaum hörbar näherte er sich ihrem Schlafgemach. Er öffnete die Tür und sah auf das alte riesige Himmelbett. Es wimmerte jemand, es war Mary. Ater schloss die Tür leise hinter sich und stellte sich neben das Bett mit einem spitzen Gegenstand in der Hand, bereit zum Zustechen. Mary schlug die Augen auf, sie leuchteten noch mehr, denn sie waren mit Tränen gefüllt. Geschockt sah sie ihren eigentlichen Beschützer an. „Was machst du da?“ Ater suchte nach einer Ausrede, „Ich habe dich weinen gehört, ich dachte jemand tut dir weh!“ „Nein! Ich, ich habe schl... schlecht geträumt“, sie fing an zu stottern. Er ließ seinen Arm sinken, steckte den Dolch in seinen Umhang und setzte sich auf das Bett. Ein paar Sekunden eher und er hätte sie erledigt. „Um was ging es denn?“, fragte er teilnahmslos. „Um dich. Mein Vater hat dich umgebracht und ich habe schrecklich geweint, ich hatte so ein Schmerz in mir, als ob man mein Herz herausreißen würde. Ater was ist das für ein Gefühl?“ Er schaute erstaunt auf sie herab, hatte sie wirklich um ihn geweint? Hatte sie tatsächlich Gefühle wie jeder andere Mensch auch? „Aber wieso hast du dabei geweint?“ „Es war so schrecklich, wie du mich mit deinen toten Augen angesehen hast, so kalt und fern. Aber sag mir doch was das ist!“ „So etwas nennt man Trauer, Mary. Wenn man...“, eine längere Pause trat ein, „wenn man einen Menschen lieb hat!“ „Lieb hat?“ „Ja. Wie du deinen Vater oder deine Mutter lieb hast!“ „Aber ich habe so oft geträumt, dass ich nachts in das Zimmer meines Vaters kam und er tot war und ich war danach glücklich! Ist das schlimm?“ Etwas regte sich in Ater. Konnte es sein, dass Mary gar nicht böse war? „Meine Mutter habe ich lieb. Sie sieht aber immer so niedergeschlagen aus.“ Da hatte sie recht.
Zehn Jahre später war aus der kleinen Mary eine wunderschöne junge Frau geworden, welche nun mit einem silbergehornten geflügelten Pferd vor einer kleinen Baracke stand. Leicht angelehnt und schützend vor der schwarzen Sonne unter dem Dachvorsprung. Sie wartete auf jemanden. Sie schaute auf eine Stelle und kurz darauf, wie aus dem Nichts erschien ein junger Mann mit schwarzen Haaren. Unter seinen Augen lagen tiefe Augenringe, aber seine Augen strahlten vor Glück, als er Mary sah. „Das wird auch Zeit, Ater.“ „Tut mir leid Liebste, aber es war schwieriger als gedacht.“ Er lächelte ihr zu und gab ihr einen Kuss. „Wie das war schon alles?“, schmollte Mary. Er trat wieder näher an sie heran, nahm mit einer Hand sanft ihr Kinn und schob es nach vorne. Die andere schwang er um ihre Hüfte und zog sie zu sich und küsste sie leidenschaftlich. Sie vergaßen die Welt und die Tyrannei des Vaters, denn er hatte Ater von Mary getrennt, da sie alt genug war sich selbst zu verteidigen. Nun war er nur noch ein ganz normaler Diener, doch heimlich trafen die Verliebten sich.
Eine dunkle eisige Nacht lag über dem riesigen schwarzen Schloss. An der Grenzmauer bewegte sich ein dunkler Schatten. Seine Schritte konnte man nicht hören, denn er war geübt. Ater strich über die alte kalte Mauer und es schauderte ihn. Könnte er jemals dieses Schloss verlassen oder könnte er wenigstens seine geliebte Mary befreien? Er befolgte genau den Plan, ging genau den Weg entlang den er sich so oft vorgestellt hatte. Nun war Ater im Schloss angelangt und rannte leise zu den Schlafzimmern. Lautlos machte er die Tür auf und sah das riesige Bett vor sich. Er sah, dass die Königin die Augen auf hatte und leicht nickte. „Dynastes! Schnell! Eindringlinge!“ Laut zerbarst das Fenster und die Scherben flogen durch den ganzen Raum. Schreie ertönten von dem Hof in das Schlafzimmer. Dynastes war schnell aufgestanden und hatte sich seinen mannshohen Zauberstab genommen. „Was ist los?“, fragte er laut, dass man gar nicht geglaubt hätte, dass er gerade noch tief und fest geschlafen hatte. „Eindringlinge! Ich konnte sie nicht fern halten!“ Er trat an das Fenster und schleuderte Blitze hinab. Das war Marys Stichwort. Sie hatte lange am Fenster gewartet um das vereinbarte Zeichen schnell genug zu sehen. Schnell sprach sie eine Formel und nun waren auf dem Hof tausende schwarze Gestalten. Es war nur eine Illusion, aber hoffentlich fiel ihr Vater lange genug darauf herein. Sie hörte wie Dynastes das Zimmer verließ und schreiend durch das Schloss rannte. Die Wachen waren schon zur Stelle um ihn zu beschützen. Der Plan funktionierte sie sprang aus dem Fenster und ehe sie auf dem harten Boden aufkam, war ihr Pferd gekommen und sie flogen zu dem Fenster, wo Ater stand. Schnell schwang auch er sich auf den Rücken des Tieres, ihre Mutter winkte ihn traurig hinterher. Sie konnte und wollte nicht mit. Dynastes Fluch lag zu sehr auf ihr.
Die ganzen Erinnerungen sah Mary wie durch einen Fernseher, doch diesmal war sie an diesem Ort. Sie fand sich auf einer Ruine wieder, welche nur aus Schutt und Asche bestand. Leicht wehten ihre langen, pechschwarzen Haare im Wind und ihre Augen leuchteten kälter als zuvor. Ihre blutroten Lippen waren schmerzlich zusammengepresst und sie kniff die Augen zusammen, denn ein Windstoß wirbelte den jahrealten Staub und die Asche auf. Nun erinnerte sie sich und diesmal war es ihr Gehirn was diese Informationen gab.
Ein riesiges Feuer wütete hier vor Jahren, das diese kleine Villa bis auf die Grundmauern ausbrannte. Mary war hier, als die Flammen wüteten. Sie kletterte die kleine zerbrechliche Leiter in die Bodenkammer hinauf. Gefangen und keine Rettung in Sicht. Die seltsam blauen und roten Flammen schlugen wie Peitschenhiebe auf sie ein. Sie rutschte mit einem Fuß ab und konnte sich aber gerade noch festhalten. Mit letzter Kraft zog sie sich nach oben und kroch in die hinterste Ecke unter einem Fenster. Sie suchte ihren magischen Stock, doch sie fand ihn nicht. Tränen aus Zorn kamen in ihr hoch und die Augen funkelten böse und kalt, so dass sie ihrem Vater ähnlicher sah als zuvor. Ater hatte sie verraten, das wusste sie. Zusammen lebten sie drei Jahre in diesem Haus in der menschlichen Welt und versteckten sich vor der magischen Welt. Niemand wusste wo sie zu finden sind, doch in letzter Zeit war ihr Ater so unruhig und unnahbar vorgekommen und seit ein paar Tagen war er verschwunden. Jetzt wusste sie wo er war, er war in die Dienste ihres Vaters zurückgekehrt und wollte sie ausliefern. Das Fenster über ihr zerbarst laut und sie schreckte aus ihren Gedanken hoch. Ein Regen aus Scherben schoss auf sie hinab. Ungläubig stand sie auf und schaute hinaus. Eine kleine Menschenmenge rief immer wieder ihren Namen. Einige standen einfach nur da, hatten ihre Stäbe vorgestreckt und flüsterten eine Zauberformel. Langsam fing es an zu regnen, aber es war kein normaler Regen, denn dieser war nur über dem Haus und allmählich wurden die Flammen kleiner, erloschen aber nicht vollständig. Panik stand auf ihr Gesicht geschrieben, doch nicht länger als ein Augenzwinkern, schwebte ein schwarzes Pferd, mit silbernen Horn und schwarzen Flügeln neben ihr. „Oh, Hämatit“. Es war das Tier, welches ihr Vater, als sie noch ein Kind war, schenkte. Sie hatte ihm die Freiheit nach der Flucht wiedergegeben, denn sie konnte es zu den Menschen nicht mitnehmen. Geschwächt zerrte sie sich auf den Rücken des Tieres und krallte sich an der langen, schwarzen, seidenen Mähne fest. „Wie kommst du hierher?“, fragte sie. Natürlich wusste sie, dass Hämatit nicht antworten konnte. Als die anderen Magier merkten, dass Mary in Sicherheit war, kamen sie so schnell wie sie konnten auf sie zu. Die Kälte war angenehm und doch zitterte die junge Frau. Ein Zauberer streckte ihr einen verschnörkelten schwarzen Stab entgegen. „Hier Mary. Er fing an zu leuchten und schoss aus dem Fenster. Ich glaube er wollte nicht verbrennen.“, sagte ein alter weißhaariger Mann. „Meister, ich danke Ihnen!“ „Du weißt, dass du mich nicht mehr Meister nennen sollst. Du bist nun viel stärker als ich und ich bin eh alt und schwach!“ „Wissen Sie wer es war?“ Sie konnte ihn nicht mehr in die Augen blicken, sie wusste wer es war und Mane Sol, ihr guter Meister, nickte stumm. Ihr Herz wurde kälter als Eis und sie fühlte nur noch Hass und Trauer zugleich. Sie wurde in das Geheimversteck gebracht, wo man auf ihren Wunsch hin, ihr Gedächtnis veränderte und sie leben sollte wie ein normaler Mensch. Niemand sollte wissen wer sie ist und wo sie lebte. Nie wollte sie in diese Welt zurückkehren, obwohl sie den Verrat rächen wollte, es aber dennoch nicht über sich gebracht hätte.
Weitere Bilder wirbelten an ihr vorbei, doch ihre Gedanken waren nur auf eins gerichtet. Hass und Wut kam in ihr auf. Als sie ihre Augen wieder aufschlug, stand sie an derselben Stelle in dem kleinen Haus und schaute hasserfüllt auf ihr gegenüber. „Wie hast du mich gefunden?“ Ihr rechter Arm war ausgestreckt und sie umklammerte fest ihren zwei meterlangen Stab, woher sie ihn hatte wusste sie nicht, aber sie wollte keinen weiteren Gedanken daran verschwenden, solange diese Person vor ihr stand. „Es war nicht leicht das muss ich zugeben, aber ich war sehr bemüht dich zu finden.“ „Warum?“ Er hatte nun seine Kapuze abgenommen und schaute sie an. Seine schwarzen Augen trafen ihre blauen. Sie hatte ihn so sehr geliebt und nie gedacht, dass er sie verraten würde. Sie ausliefern würde in die boshaften Hände ihres Vaters. „Du fragst mich warum? Du weißt warum!“ „Nie hätte ich es von dir gedacht, ich dachte du würdest Reue zeigen oder was weiß ich was. Aber nie hätte ich gedacht, dass du mich wieder verraten würdest.“ „Du verstehst mich falsch Mary. Ich liebte dich sehr, doch das eingebrannte Mal war stärker. Am Anfang konnte ich es noch unterdrücken, als wir Mane Sol und die anderen kennenlernten, die uns in Sicherheit brachten. Ich war glücklich mit dir, aber dann brannte es schlimmer denn je. Ich versuchte mich dagegen zu wehren und wusste aber dass ich es nicht schaffen würde. Also entfernte ich mich von dir in der Hoffnung du würdest von mir weggehen und ein Leben ohne mich anfangen. Denn ich konnte nicht weggehen. Es sagte mir, ich solle bei dir bleiben. Es ist nicht das normale Mal, musst du verstehen, als er mich zu deinem Beschützer auserkoren hatte, hatte er noch einen weiteren Fluch über mich gelegt. Dass ich dich beschützen soll und nicht verlassen. Dass ich trotzdem nur auf ihn hören soll. Mein Verstand und Geist waren vernebelt und er schaute durch meine Augen. Er sah dich, aber nie konnte er entdecken wo wir waren. Er war noch nie in der Welt der Menschen, also befahl er mir eines Nachts zu ihm zu kommen. Natürlich war ich noch immer dein Beschützer und ich sollte bei dir bleiben, doch die Befehle von Dynastes sind ihm übergestellt und so machte ich mich auf.“ Er ging um den Tisch herum auf Mary zu. „Ich konnte nichts dagegen machen, als Befehl bekam ich dich auszuräuchern, aber dich nicht zu töten und so machte ich es. Doch der Plan schlug fehl, ein Spion teilte den Plan den Lichtwächtern mit und so waren sie rechtzeitig da um dir zu helfen und ich musste verschwinden, bevor sich mich erwischten.“ „Du bist ein widerlicher, abstoßender und stinkender Abkömmling, die Eingeweide sollte ich dir herausreißen.“, großer Zorn durchströmte sie. „Bevor du urteilst, lass mich ausreden.“ Kurz wartete er und als sie nichts sagte redete er weiter. „Als ich sah was ich angerichtet hatte, war es schon zu spät. Die Nebel über meinen Geist und Verstand lichteten sich. Ich kehrte nach dem Brand nicht zu deinem Vater zurück, sondern streifte umher. Das Brandmal spürte ich zwar noch und konnte auch die Befehle in meinem Kopf hören, doch ich konnte selbst entscheiden, ob ich sie ausführe oder nicht. Endlich nach mehreren Monaten traf ich auf Mane Sol, den ich die ganze Zeit suchte. Er war nicht sonderlich gut auf mich zu sprechen, lies mich aber ausreden. Er erklärte mir, dass du dein Gedächtnis gelöscht hast und jetzt irgendwo lebst. Niemand wusste wo, ich vermisste dich schrecklich und irgendwann glaubte mir Mane. Doch er hatte andere Pläne, die dich nicht inbegriffen hatten, denn du solltest dein ruhiges Leben weiterführen. Es kam zu einer großen Schlacht, leider waren wir weit in der Unterzahl und hätten nicht gedacht, dass Dynastes Macht sich schon so weit verbreitet hatte. Leider merkten wir es zu spät und viele kamen dabei ums Leben. Ich war auf der Seite deines Vaters, um von innen heraus zu zerstören, aber bevor ich anfangen konnte, ging ein Raunen durch die Mengen. Mane Sol war gefallen, durch die Hand seines blinden Bruders, Vesperi Sol. Er hatte ihn unterschätzt und nun waren die Lichtwächter gebrochen und flohen. In meinem Kopf arbeitete es schnell, ich wusste nur eines konnte helfen, Dynastes Maga zu stürzen. Nämlich dich wieder zurückzuholen. Dynastes war stolz auf sich, doch immer noch gehörte ihm nicht das ganze Reich und um mehr Macht zu bekommen, brauchte er dich. Der nächste Plan war es dich zu finden, was ich sehr willkommen hieß, denn ich wollte dich auch finden, nicht für Dynastes sondern für den Sturz des Königs.“ Als er geendet hatte schaute er tief in Marys Augen. „Und das alles soll ich dir glauben?“ Verwirrt schaute er sie an. „Ich glaube dir, dass es zur Schlacht kam, ich glaube dir auch das Mane Sol gefallen ist. Doch ich glaube dir nicht, dass du mich für die Lichtwächter geholt hast. Du wolltest mich nur so lange davon abhalten zu fliehen bis Vesperi hier ist.“ Ihre Stimme ist zum Ende nur noch ein Flüstern geworden, denn im unteren Stockwerk war eine Tür aufgegangen und Schritte waren zu hören. „Denke nicht, dass ich es dir noch einmal so leicht mache mich zu überwältigen.“ Die Schritte kamen näher und Ater wollte sie packen, doch er griff in die Luft. Sie war verschwunden. Eine Sekunde später ging die Tür auf und eine große dunkle Gestalt kam auf ihn zu.
Mary stand jetzt in einem dichten Wald in der Nähe der ukrainischen und russischen Grenze. Sie ging mit gezielten Schritten auf einen großen Felsbrocken zu und strich dicht gewachsenes Moos zur Seite. Dahinter war ein schmaler hoher Spalt, wo sie gerade so durch passte und kaum hineingegangen, fand sie sich in einer anderen Welt wieder.
Ihr Leben als Mensch war zu Ende und ihr neues und dennoch altes Leben als Magierin begann.