Das goldene Vließ

Franz Grillparzer · Kapitel 1 von 5

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Das goldene Vließ

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The Project Gutenberg EBook of Das goldene Vliess, by Franz Grillparzer #4 in our series by Franz Grillparzer

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Title: Das goldene Vliess

Author: Franz Grillparzer

Release Date: April, 2005 [EBook #7946] [Yes, we are more than one year ahead of schedule] [This file was first posted on June 3, 2003]

Edition: 10

Language: German

 

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GOLDENE VLIESS ***

Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen

 

This Etext is in German.

This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.

Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.

 

Das goldene Vließ

Franz Grillparzer

 

Inhalt:

Der Gastfreund

Die Argonauten

Medea

 

Der Gastfreund

Franz Grillparzer

Trauerspiel in einem Aufzug

 

Personen:

Aietes, König von Kolchis

Medea, seine Tochter

Gora, Medeens Amme

Peritta, eine ihrer Jungfrauen

Phryxus

Jungfrauen Medeens

Griechen in Phryxus' Gefolge

Kolcher

 

Kolchis. (Wilde Gegend mit Felsen und Bäumen, im Hintergrunde das Meer. Am Gestade desselben ein Altar, von unbehauenen Steinen zusammengefügt, auf dem die kolossale Bildsäule eines nackten, bärtigen Mannes steht, der in seiner Rechten eine Keule, um die Schultern ein Widderfell trägt. Links an den Szenen des Mittelgrundes der Eingang eines Hauses mit Stufen und rohen Säulen. Tagesanbruch.) Medea, Gora, Peritta, Gefolge von Jungfrauen. (Beim Aufziehen des Vorhanges steht Medea im Vorgrunde mit dem Bogen in der Hand in der Stellung einer, die eben den Pfeil abgeschossen. An den Stufen des Altars liegt ein, von einem Pfeile durchbohrtes Reh.)

Jungfrauen (die entfernt gestanden, zum Altare hineilend). Das Opfer blutet!

Medea (in ihrer vorigen Stellung).

Traf's?

Eine der Jungfrauen.

—Gerad' ins Herz!

Medea (indem sie den Bogen abgibt).

Das deutet Gutes; laßt uns eilen denn!

Geh' eine hin und spreche das Gebet.

Gora (zum Altar tretend).

Darimba, mächtige Göttin

Menschenerhalterin, Menschentöterin

Die den Wein du gibst und des Halmes Frucht

Gibst des Weidwerks herzerfreuende Spende

Und des Todfeinds Blut:

Darimba, reine, magdliche

Tochter des Himmels,

Höre mich!

Chor.

Darimba, mächtige Göttin,

Darimba! Darimba!

Gora.

Sieh ein Reh hab' ich dir getötet

Den Pfeil schnellend vom starken Bogen

Dein ist's! Laß dir gefallen sein Blut!

Segne das Feld und den beutereichen Wald

Gib, daß wir recht tun und siegen in der Schlacht Gib, daß wir lieben den Wohlwollenden

Und hassen den, der uns haßt.

Mach' uns stark und reich, Darimba,

Mächtige Göttin!

Chor.

Darimba, Darimba!

Gora.

Das Opfer am Altar zuckt und endet,

So mögen deine Feinde enden, Darimba!

Deine Feinde und die unsern!

Es ist Medea, Aietes' Tochter,

Des Herrschers von Kolchis fürstliches Kind

Die empor in deine Wohnungen ruft

Höre mich, höre mich

Und erfülle was ich bat!

Chor (mit Zimbeln und Handpauken zusammen schlagend). Darimba, Darimba!

Mächtige Göttin!

Eriho! Jehu!

Medea.

Und somit genug! Das Opfer ist gebracht, Vollendet das zögernde Geschäft.

Nun Pfeil und Bogen her, die Hunde vor,

Daß von des Jagdlärms hallendem Getos

Der grüne Wald ertöne nah und fern!

Die Sonne steigt. Hinaus! hinaus!

Und die am schnellsten rennt und die am leichtsten springt Sei Königin des Tags.—

Du hier Peritta? Sagt' ich dir nicht,

Daß du mich meiden sollst und gehn? So geh!

Peritta (knieend).

Medea!

Medea.

Kniee nicht! Du sollst nicht knien!

Hörst du? In deine Seele schäm' ich mich.

So feig, so zahm!—Mich schmerzt nicht dein Verlust, Mich schmerzt, daß ich dich jetzt verachten muß Und hab' dich einst geliebt!

Peritta.

O wüßtest du!

Medea.

Was denn?—Stahlst du dich neulich von der Jagd Und gingst zum Hirten ins Tergener Tal?

Tatst du's? Sprich nein! Du Falsche, Undankbare! Versprachst du nicht du wolltest mein sein, mein Und keines Manns? Sag' an, versprachst du's?

Peritta.

Als ich's gelobte wußt' ich damals—

Medea.

Schweig!

Was braucht's zu wissen, als daß du's versprachst. Ich bin Aietes' königliches Kind

Und was ich tu' ist recht weil ich's getan.

Und doch, du Falsche! hätt' ich dir versprochen Die Hand hier abzuhaun von meinem Arm

Ich tät's; fürwahr ich tät's, weil ich's versprach.

Peritta.

Es riß mich hin, ich war besinnungslos,

Und nicht mit meinem Willen, nein—

Medea.

Ei hört!

Sie wollte nicht und tat's!—Geh du sprichst Unsinn. Wie konnt' es denn geschehn

Wenn du nicht (wolltest). Was ich tu' das will ich Und was ich will—je nu das tu' ich manchmal (nicht). Geh hin in deines Hirten dumpfe Hütte

Dort kaure dich in Rauch und schmutz'gen Qualm Und baue Kohl auf einer Spanne Grund.

Mein Garten ist die ungemeßne Erde

Des Himmels blaue Säulen sind mein Haus

Da will ich stehn des Berges freien Lüften

Entgegen tragend eine freie Brust

Und auf dich niedersehn und dich verachten.

Hallo! in Wald! Ihr Mädchen in den Wald!

(Indem sie abgeben will kömmt von der andern Seite ein) Kolcher.

Kolcher.

Du Königstochter, höre!

Medea.

Was? Wer ruft?

Kolcher.

Ein Schiff mit Fremden angelangt zur Stund'!

Medea.

Dem Vater sag' es an. Was kümmert's mich!

Kolcher.

Wo weilt er?

Medea.

Drin im Haus!

Kolcher.

Ich eile!

Medea.

Tu's!

(Der Bote ab ins Haus.)

Medea.

Daß diese Fremden uns die Jagdlust stören!

Ihr Schiff, es ankert wohl in jener Bucht,

Die sonst zum Sammelplatz uns dient der Jagd.

Allein was tut's! Bringt lange Speere her

Und nahet ein Kühner, zahl' er's mit Blut!

Nur Speere her! doch leise, leise, hört!

Denn säh's der Vater wehren möcht' er es.

Kommt!—Dort das Mal von Steinen aufgehäuft Seht ihr's dort oben? Wer erreicht's zuerst?

Stellt euch!—Nichts da! Nicht vorgetreten! Weg! Wer siegt hat auf der Jagd den ersten Schuß:

So, stellt euch und wenn ich das Zeichen gebe

Dann wie der Pfeil vom Bogen fort! Gebt Acht! Acht!—Jetzt!—

Aietes (ist unterdessen aus dem Hause getreten, mit ihm der) Bote, (der gleich abgeht.)

Aietes.

Medea!

Medea (sich umwendend aber ohne ihren Platz zu verändern). Vater!

Aietes.

Du, wohin?

Medea.

In Wald!

Aietes.

Bleib jetzt!

Medea.

Warum?

Aietes.

Ich will's. Du sollst.

Medea.

So fürchtest du, daß jene Fremden—

Aietes.

Weißt du also?—

(Näher tretend, mit gedämpfter Stimme.)

Angekommen Männer

Aus fernem Land

Bringen Gold, bringen Schätze,

Reiche Beute.

Medea.

Wem?

Aietes.

Uns, wenn wir wollen.

Medea.

Uns?

Aietes. 's sind Fremde, sind Feinde, Kommen zu verwüsten unser Land.

Medea.

So geh hin und töte sie!

Aietes.

Zahlreich sind sie und stark bewehrt

Reich an List die fremden Männer,

Leicht töten sie (uns.)

Medea.

So laß sie ziehn!

Aietes.

Nimmermehr.

Sie sollen mir—

Medea.

Tu was du willst

Mich aber laß zur Jagd!

Aietes.

Bleib, sag' ich, bleibe

Medea.

Was soll ich?

Aietes.

Helfen! Raten!

Medea.

Ich?

Aietes.

Du bist klug, du bist stark.

Dich hat die Mutter gelehrt

Aus Kräutern, aus Steinen

Tränke bereiten,

Die den Willen binden

Und fesseln die Kraft.

Du rufst Geister

Und besprichst den Mond

Hilf mir, mein gutes Kind!

Medea.

Bin ich dein gutes Kind!

Sonst achtest du meiner wenig.

Wenn ich will, willst du (nicht)

Und schiltst mich und schlägst nach mir;

Aber wenn du mein bedarfst Lockst du mich mit Schmeichelworten

Und nennst mich Medea, dein liebes Kind.

Aietes.

Vergiß Medea was sonst geschehn.

Bist doch auch nicht immer wie du solltest.

Jetzt steh mir bei und hilf mir.

Medea.

Wozu?

Aietes.

So höre denn mein gutes Mädchen!—

Das Gold der Fremden all und ihre Schätze—

Gelt lächelst?

Medea.

Ich?

Aietes.

Ei ja, das viele Gold

Die bunten Steine und die reichen Kleider

Wie sollen die mein Mädchen zieren!

Medea.

Ei immerhin!

Aietes.

Du schlaue Bübin, sieh,

Ich weiß dir lacht das Herz nach all der Zier!

Medea.

Kommt nur zur Sache, Vater!

Aietes.

Ich—

Heiß dort die Mädchen gehn!

Medea.

Warum?

Aietes.

Ich will's!

Medea.

Sie sollen ja mit mir zur Jagd.

Aietes.

Heut keine Jagd'

Medea.

Nicht?

Aietes.

Nein sag' ich und nein! und nein!

Medea.

Erst lobst du mich und—

Aietes.

Nun, sei gut, mein Kind!

Komm hierher! Weiter! hierher, so!

Du bist ein kluges Mädchen, dir kann ich trauen. Ich—

Medea.

Nun!

Aietes.

Was siehst du mir so starr ins Antlitz?

Medea.

Ich höre Vater!

Aietes.

O ich kenne dich!

Willst du den Vater meistern, Ungeratne?

I ch entscheide was gut, was nicht.

Du (gehorchst). Aus meinen Augen Verhaßte!

(Medea geht.)

 

Bleib!—Wenn du wolltest, begreifen wolltest— Ich weiß du kannst, allein du willst es nicht!

—So sei's denn, bleib aus deines Vaters Rat

Und diene, weil du dienen willst.

(Man hört in der Ferne kriegerische Musik.)

Aietes.

Was ist das? Weh sie kommen uns zuvor!

Siehst du Törin?

Die du schonen wolltest, sie töten uns!

In vollem Zug hierher die fremden Männer!

Weh uns! Waffen! Waffen!

(Der Bote kommt wieder.)

Bote.

Der Führer, Herr, der fremden Männer!—

Aietes.

Was will er? Meine Krone, mein Leben?

Noch hab' ich Mut, noch hab' ich Kraft

Noch wallt Blut in meinen Adern

Zu tauschen Tod um Tod!

Bote.

Er bittet um Gehör.

Aietes.

Bittet?

Bote.

Freundlich sich mit dir zu besprechen

Zu stiften friedlichen Vergleich.

Aietes.

Bittet? und hat die Macht in Händen, Findet uns unbewehrt, er in Waffen,

Und bittet, der Tor!

Bote.

In dein Haus will er treten,

Sitzen an deinem Tische,

Essen von deinem Brot

Und dir vertrauen

Was ihn hierher geführt.

Aietes.

Er komme, er komme.

Hält er Friede nur zwei Stunden,

Später fürcht' ich ihn nicht mehr.

Sag' ihm, daß er nahe,

Aber ohne Schild ohne Speer,

Nur das Schwert an der Seite,

Er und seine Gesellen.

Dann aber geh und biet auf die Getreuen

Rings herum im ganzen Lande

Heiß sie sich stellen gewappnet, bewehrt

Mit Schild und Panzer mit Lanz' und Schwert

Und sich verbergen im nahen Gehölz

Bis ich winke, bis ich rufe.—Geh!

(Bote ab.)

Ich will dein lachen du schwacher Tor!

Du aber Medea, sei mir gewärtig!

Einen Trank, ich weiß es, bereitest du

Der mit sanfter, schmeichelnder Betäubung

Die Sinn' entbindet ihres Diener-Amts

Und ihren Herrn zum Sklaven macht des Schlafs. Geh hin und hole mir von jenem Trank!

Medea.

Wozu?

Aietes.

Geh, sag' ich, hin und hol' ihn mir!

Dann komm zurück. Ich will sie zähmen diese Stolzen!

(Medea ab.)

Aietes

(gegen den Altar im Hintergrunde gewandt).) Peronto, meiner Väter Gott! Laß gelingen, was ich sinne Und teilen will ich, treu und redlich Was wir gewinnen von unsern Feinden. (Kriegerische Musik.) Bewaffnete Griechen (ziehen auf, mit grünen Zweigen in der Hand. Der letzte geht) Phryxus, (in der linken Hand gleichfalls einen grünen Zweig, in der Rechten ein goldenes Widderfell, in Gestalt eines Panieres auf der Lanze tragend.) Bewaffnete Kolcher (treten von der andern Seite ein. Die Musik schweigt.) (Indem Phryxus an dem im Hintergrunde befindlichen Altar und der darauf stehenden Bildsäule vorbeigeht, bleibt er, wie von Erstaunen gefesselt stehn, dann spricht er:)

Phryxus.

Kann ich den Augen traun?—Er ist's, er ist's!

Sei mir gegrüßt, du freundliche Gestalt,

Die mich durch Wogensturm und Unglücksnacht Hierher geführt an diese ferne Küste,

Wo Sicherheit und einfach stille Ruh

Mit Kindesblicken mir entgegen lächeln.

Dies Zeichen, das du mir als Pfand der Rettung

In jener unheilvollen Stunde gabst

Und das, wie der Polarstern vor mir leuchtend,

Mich in den Hafen eingeführt des Glücks,

Ich pflanz' es dankbar auf vor deinem Altar

Und beuge betend dir ein frommes Knie,

Der du ein Gott mir warest in der Tat

Wenn gleich dem Namen nach, mir Fremden, nicht!

(Er knieet.)

Aietes (im Vorgrunde).

Was ist das?

Er beugt sein Knie dem Gott meiner Väter!

Denk' der Opfer, die ich dir gebracht,

Hör' ihn nicht Peronto,

Höre den Fremden nicht!

Phryxus (aufstehend).

Erfüllet ist des Dankens süße Pflicht.

Nun führt zu eurem König mich! Wo weilt er?

 

(Die Kolcher weichen schweigend und scheu zu beiden Seiten aus dem Wege.)

 

Phryxus (erblickt den König, auf ihn zugehend). In dir grüß' ich den Herrn wohl dieses Landes?

Aietes.

Ich bin der Kolcher Fürst!

Phryxus.

Sei mir gegrüßt!

Es führte Göttermacht mich in dein Reich,

So ehr' in mir den Gott, der mich beschützt.

Der Mann, der dort auf jenem Altar thront,

ist er das Bildnis eines der da lebte?

Wie, oder ehrt ihr ihn als einen Himmlischen?

Aietes.

Es ist Peronto, der Kolcher Gott.

Phryxus.

Peronto! Rauher Laut dem Ohr des Fremden,

Wohltönend aber dem Geretteten.

Verehrst du jenen dort als deinen Schützer

So liegt ein Bruder jetzt in deinem Arm,

Denn (Brüder) sind ja Eines Vaters Söhne.

Aietes (der Umarmung ausweichend).

Schützer er dir?

Phryxus.

Ja, du sollst noch hören.

Doch laß mich bringen erst mein Weihgeschenk.

(Er geht zum Altar und stößt vor demselben sein Panier in den Boden.)

Medea (kommt mit einem Becher.)

Medea (laut).

Hier Vater ist der Trank!

Aietes (sie gewaltsam auf die Seite ziehend, leise). Schweig Törichte!

Siehst du denn nicht?

Medea.

Was?

Aietes.

Den Becher gib der Sklavin

Und schweig!

Medea.

Wer ist der Mann?

Aietes.

Der Fremden Führer, schweig!

Phryxus (vom Altare zurückkommend).

Jetzt tret' ich leicht erst in dein gastlich Haus!

Doch wer ist dieses blühend holde Wesen,

Das, wie der goldne Saum der Wetterwolke

Sich schmiegt an deine krieg'rische Gestalt?

Die roten Lippen und der Wange Licht

Sie scheinen Huld und Liebe zu verheißen,

Streng widersprochen von dem finstern Aug,

Das blitzend wie ein drohender Komet

Hervorstrahlt aus der Locken schwarzem Dunkel. Halb Charis steht sie da und halb Mänade,

Entflammt von ihres Gottes heil'ger Glut.

Wer bist du, holdes Mädchen?

Aietes.

Sprich Medea!

Medea (trocken).

Medea bin ich, dieses Königs Kind!

Phryxus.

Fürwahr ein Kind und eine Königin!

Ich nehm' dich an als gute Vorbedeutung

Für eine Zukunft, die uns noch verhüllt.

O lächle Mädchenbild auf meinen Eintritt!

Vielleicht, wer weiß, ob nicht dein Vater,

Von dem ich Zuflucht nur und Schutz verlangt,

Mir einst noch mehr gibt, mehr noch, o Medea!

Aietes.

Was also, Fremdling, ist dein Begehr?

Phryxus.

So höre denn was mich hierher geführt,

Was ich verloren, Herr, und was ich suche.

Geboren bin ich in dem schönen Hellas,

Von Griechen, ich ein Grieche, reinen Bluts.

Es lebet niemand, der sich höhrer Abkunft,

Sich edlern Stammes rühmen kann als ich,

Denn Hellas' Götter nenn' ich meine Väter

Und meines Hauses Ahn regiert die Welt.

Medea (sich abwendend).

Ich gehe Vater um—

Aietes.

Bleib hier und schweig!

Phryxus.

Von Göttern also zieh' ich mein Geschlecht!

Allein mein Vater, alten Ruhms vergessend

Und jung-erzeugter Kinder Recht und Glück, Erkor zur zweiten Eh' ein niedrig Weib,

Das, neidisch auf des ersten Bettes Sprossen

Und üb'rall Vorwurf sehend, weil sie selbst

Sich Vorwurf zu (verdienen) war bewußt,

Den Zorn des Vaters reizte gegen mich.

Die Zwietracht wuchs und Häscher sandt' er aus Den Sohn zu fahn, vielleicht zu töten ihn.

Da ging ich aus der Väter Haus und floh

In fremden Land zu suchen heimisch Glück.

Umirrend kam ich in die Delpherstadt

Und trat, beim Gotte Rat und Hilfe suchend

In Phöbos' reiches, weitberühmtes Haus.

Da stand ich in des Tempels weiten Hallen,

Mit Bildern rings umstellt und Opfergaben,

Erglühend in der Abendsonne Strahl.

Vom Schauen matt und von des Weges Last

Schloß sich mein Aug und meine Glieder sanken; Dem Zug erliegend schlummerte ich ein.

Da fand ich mich im Traum im selben Tempel

In dem ich schlief, doch wachend und allein

Und betend zu dem Gott um Rat. Urplötzlich

Umflammt mich heller Glanz und einen Mann

In nackter Kraft, die Keule in der Rechten,

Mit langem Bart und Haar, ein Widderfell

Um seine mächt'gen Schultern, stand vor mir

Und lächelte mit milder Huld mich an.

("Nimm Sieg und Rache hin!") sprach er, und löste Das reiche Vließ von seinen Schultern ab

Und reichte mir's; da, schütternd, wacht' ich auf. Und siehe! von dem Morgenstrahl beleuchtet

Stand eine Blende schimmernd vor mir da

Und drin aus Marmor künstlich ausgehaun

Derselbe Mann, der eben mir erschienen

Mit Haar und Bart und Fell, wie ich's gesehn.

Aietes (auf die Bildsäule im Hintergrunde zeigend). Der dort?

Phryxus.

Ihm glich er wie ich mir.

So stand er da in Götterkraft und Würde,

Vergleichbar dem Herakles, doch nicht er.

Und an dem Fußgestell des Bildes war

Der Name (Kolchis) golden eingegraben.

Ich aber deutete des Gottes Rat;

Und nehmend was er rätselhaft mir bot

Löst' ich, ich war allein, den goldnen Schmuck

Vom Hals des Bildes, und in Eile fort.

Des Vaters Häscher fand ich vor den Toren

Sie wichen scheu des Gottes Goldpanier

Die Priester neigten sich, das Volk lag auf den Knieen Und vor mir her es auf der Lanze tragend

Kam ich durch tausend Feinde bis ans Meer.

Ein schifft' ich mich und hoch als goldne Wimpel Flog mir das Vließ am sturmumtobten Mast

Und wie die Wogen schäumten, Donner brüllten Und Meer und Wind und Hölle sich verschworen Mich zu versenken in das nasse Grab

Versehrt ward mir kein Haar und unverletzt

Kam ich hierher an diese Rettungsküste

Die vor mir noch kein griech'scher Fuß betrat.

Und jetzo geht an dich mein bittend Flehn

Nimm auf mich und die Meinen in dein Land,

Wo nicht so fass' ich selber Sitz und Stätte

Vertrauend auf der Götter Beistand, die

Mir (Sieg und Rache) durch dies Pfand verliehn!- Du schweigst?

Aietes.

Was willst du, daß ich sage?

Phryxus.

Gewährst du mir ein Dach, ein gastlich Haus?

Aietes.

Tritt ein, wenn dir's gutdünkt, Vorrat ist

Von Speis' und Trank genug. Dort nimm und iß!

Phryxus.

So rauh übst du des Wirtes gastlich Amt?

Aietes.

Wie du dich gibst so nehm' ich dich.

Wer in des Krieges Kleidung Gabe heischt

Erwarte nicht sie aus des Friedens Hand.

Phryxus.

Den Schild hab' ich, die Lanze abgelegt.

Aietes.

Das Schwert ist, denkst du gegen uns genug?

Doch halt' es wie du willst.

(Leise zu Medea.)

Begehr' sein Schwert!

Phryxus.

Noch eins! An reichem Schmuck und köstlichen Gefäßen Bring' ich so manches, was ich sichern möchte.

Du nimmst es doch in deines Hauses Hut?

Aietes.

Tu, wie du willst!

(Zu Medea.)

Sein Schwert sag' ich begehr'!

Phryxus.

Nun denn, Gefährten, was wir hergebracht

Gerettet aus des Glückes grausem Schiffbruch,

Bringt es hierher in dieser Mauern Umfang

Als Grundstein eines neuen, festern Glücks.

Aietes (zu Medea).

Des Fremden Schwert!

Medea.

Wozu?

Aietes.

Sein Schwert sag' ich!

Medea (zu Phryxus).

Gib mir dein Schwert!

Phryxus.

Was sagst du holdes Kind?

Aietes.

Fremd ist dem Mädchen eurer Waffen Anblick

Bei uns geht nicht der Friedliche bewehrt.

Auch ist's euch lästig.

Phryxus (zu Medeen).

Sorgest du um mich?

(Medea wendet sich ab.)

Sei mir nicht bös! Ich weigr' es dir ja nicht!

(Er gibt ihr das Schwert.)

Den Himmlischen vertrau' ich mich und dir!

Wo du bist da ist Frieden. Hier mein Schwert!

Und jetzo in dein Haus, mein edler Wirt!

Aietes.

Geht nur, ich folg' euch bald!

Phryxus.

Und du Medea?

Laß mich auch dich am frohen Tische sehn!

Kommt Freunde teilt die Lust wie ehmals die Gefahr!

(Ab mit seinen Gefährten.)

(Medea setzt sich auf eine Felsenbank im Vorgrunde und beschäftigt sich mit ihrem Bogen, den sie von der Erde aufgehoben hat. Aietes steht auf der andern Seite des Vorgrundes und verfolgt mit den Augen die Diener des Phryxus, die Gold und reiche Gefäße ins Haus tragen.—Lange Pause.)

Aietes.

Medea!

Medea.

Vater!

Aietes.

Was denkst du?

Medea.

Ich? Nichts!

Aietes.

Vom Fremden mein' ich,

Medea.

Er spricht und spricht;

Mir widert's!

Aietes (rasch auf sie zugehend).

Nicht wahr? Spricht und gleißt

Und ist ein Bösewicht,

Ein Gottverächter, ein Tempelräuber!

Ich töt' ihn!

Medea.

Vater!

Aietes.

Ich tu's!

Soll er davon tragen all den Reichtum

Den er geraubt, dem Himmel geraubt?

Erzählt' er nicht selbst, wie er im Tempel

Das Vließ gelöst von der Schulter des Gottes,

Des Donnerers, Perontos,

Der Kolchis beschützt.

Ich will dir ihn schlachten Peronto!

Rache sei dir, Rache!

Medea.

Töten willst du, den Fremden, den Gast?

Aietes.

Gast?

Hab' ich ihn geladen in mein Haus?

Ihm beim Eintritt Brot und Salz gereicht

Und geheißen sitzen auf meinem Stuhl?

Ich hab' ihm nicht Gastrecht geboten,

Er nahm sich's, büß' er's der Tor!

Medea.

Vater! Peronto rächet den Mord!

Aietes.

Peronto (gebeut) ihn.

Hat der Freche nicht an ihm gefrevelt?

Sein Bild beraubt in der Delpherstadt?

Führt der Erzürnte ihn nicht selbst her

Daß ich ihn strafe, daß ich räche

Des Gottes Schmach und meine?

Das Vließ dort am glänzenden Speer,

Des Gottes Kleid, der Kolcher Heiligtum

Soll's ein Fremder, ein Frevler entweihn?

Mein ist's, mein! Mir sendet's der Gott

Und (Sieg und Rache) geknüpft an dies Pfand

Den Unsern werd' es zu Teil!

Tragt nur zu des kostbaren Guts!

Ihr führet die Ernte mir ein!

Sprich nicht und komm! daß er uns nicht vermißt Gefahrlos sei die Rach' und ganz!

Komm, sag' ich, komm!

(Beide ab ins Haus.)

(Ein Kolchischer Hauptmann mit Bewaffneten tritt auf.)

Hauptmann.

Hierher beschied man uns. Was sollen wir?

Ein Kolcher

(aus dem Hause).) Heda!

Hauptmann.

Hier sind wir!

Kolcher.

Leise!

Hauptmann.

Sprich! Was soll's?

Kolcher.

Verteilt euch rechts und links und wenn ein Fremder— Doch still jetzt! Einer naht!—Kommt! hört das Weitre!

(Alle ab.)

Phryxus (mit ängstlichen Schritten aus dem Hause). Ihr Götter! Was ist das? Ich ahne Schreckliches. Es murmeln die Barbaren unter sich

Und schaun mit höhn'schen Lächeln hin auf uns. Man geht, man kommt, man winkt, man lauert.

Und die Gefährten, einer nach dem andern

Sinkt hin in dumpfen Schlaf; ob Müdigkeit,

Ob irgend ein verruchter Schlummertrank

Sie einlullt weiß ich nicht. Gerechte Götter!

Habt ihr mich hergeführt, mich zu verderben?

Nur eines bleibt mir noch: Flucht auf mein Schiff. Dort samml' ich die Zurückgebliebenen,

Und dann zur Rettung her, zur Hilfe—Horch!

(Schwertgeklirr und dumpfe Stimmen im Hause.)

Man ficht!—Man tötet!—Weh mir, weh!—zu spät! Nun bleibt nur Flucht. Schnell eh die Mörder nahn!

(Er will gehn.)

Krieger (mit gefällten Spießen treten ihm entgegen). Zurück!

Phryxus.

Ich bin verraten!—Hier!

(Von allen Seiten treten Bewaffnete mit gesenkten Speeren ihm entgegen.)

Gewaffnete.

Zurück!

Phryxus.

Umsonst! Es ist vorbei!—Ich folg' euch Freunde!

(An den Altar hineilend.)

Nun denn, du Hoher, der mich hergeführt,

Bist du ein Gott, so schirme deinen Schützling!

Aietes (mit bloßem Schwert aus dem Hause.) Medea (hinter ihm.) Gefolge.

Aietes.

Wo ist er?

Medea.

Vater, höre!

Aietes.

Wo, der Fremdling?

Dort am Altar. Was suchst du dort?

Phryxus.

Schutz such' ich!

Aietes.

Gegen wen? Komm mit ins Haus!

Phryxus.

Hier steh' ich und umklammre diesen Altar,

Den Göttern trau' ich; o daß ich es dir!

Medea.

O Vater höre mich!

Phryxus.

Du auch hier Schlange?

Warst du so schön und locktest du so lieblich

Mich zu verderben hier im Todesnetz?

Mein Herz schlug dir vertrauensvoll entgegen,

Mein Schwert, den letzten Schutz gab ich in deine Hand Und du verrätst mich?

Medea.

Nicht verriet ich dich!

Gabst du dein Schwert mir, nimm ein andres hier Und wehre dich des Lebens.

(Sie hat einem der Umstehenden das Schwert entrissen und reicht es ihm.)

Aietes (ihr das Schwert entreißend).

Törichte!

Vom Altar fort!

Phryxus.

Ich bleibe!

Aietes.

Reißt ihn weg!

Phryxus (da einige auf ihn losgehen).

Nun denn, so muß ich sterben?—Ha, es sei!

Doch ungerochen, klaglos fall' ich nicht.

(Er reißt das Panier mit dem goldenen Vließ aus der Erde und tritt damit in den Vorgrund.)

Du unbekannte Macht, die her mich führend,

Dies Pfand der Rettung huldvoll einst mir gab

Und (Sieg und Rache) mir dabei verhieß;

Zu dir ruf' ich empor nun! Höre mich!

Hab' ich den (Sieg) durch eigne Schuld verwirkt, Das Haupt darbietend dem Verräternetz

Und blind dem Schicksal trauend statt mir selber So laß doch (Rache) wenigstens ergehn

Und halte deines Wortes zweite Hälfte!

Aietes.

Was zauderst du?

Phryxus.

Aietes!

Aietes.

Nun was noch?

Phryxus.

Ich bin dein Gast und du verrätst mich?

Aietes.

Mein Gast? Mein Feind.

Was suchtest du, Fremder, in meinem Land? Tempelräuber! Hab' ich dir Gastrecht gelobt? dich geladen in mein Haus? Nichts versprach ich, Törichter!

Verderbt durch eigne Schuld!

Phryxus.

Damit beschönst du deine Freveltat?

O triumphiere nicht! Tritt her zu mir!

Aietes.

Was soll's?

Phryxus.

Sieh dieses Banner hier, mein letztes Gut

Die Schätze alle hast du mir geraubt

Dies eine fehlt noch.

Aietes (darnach greifend).

Fehlt? Wie lange noch?

Phryxus.

Zurück! Betracht's, es ist mein letztes Gut

Und von ihm scheidend scheid' ich von dem Leben. Begehrst du's?

Aietes.

Ja!

Phryxus.

Begehrst du's?

Aietes

(die Hand ausstreckend).) Gib mir es!

Phryxus.

Nimm's hin des Gastes Gut du edler Wirt

Sieh ich vertrau' dir's an, bewahre mir's

(Mit erhöhter Stimme.)

Und gibst du's nicht zurücke, unbeschädigt

Nicht mir dem Unbeschädigten zurück

So treffe dich der Götter Donnerfluch

Der über dem rollt, der die Treue bricht.

Nun ist mir leicht! Nun Rache, Rache, Rache!

Er hat mein Gut. Verwahre mir's getreu!

Aietes.

Nimm es zurück!

Phryxus.

Nein! Nicht um deine Krone!

Du hast mein Gut, dir hab' ich's anvertraut

Bewahre treu das anvertraute Gut!

Aietes (ihm das Vließ aufdrängend).

Nimm es zurück!

Phryxus (ihm ausweichend).

Du hast mein Gut, verwahr' es treu!

Sonst Rache, Rache, Rache!

Aietes (ihn über die Bühne verfolgend und ihm das Banner aufdringend). Nimm es, sag' ich!

Phryxus (ausweichend).

Ich nehm' es nicht. Verwahre mir's getreu!

(Zur Bildsäule des Gottes empor.)

Siehst du? er hat's, ihm hab' ich's anvertraut

Und gibt er's nicht zurück, treff' ihn dein Zorn!

Aietes.

Nimm es zurück!

Phryxus (am Altar).

Nein, nein!

Aietes.

Nimm's!

Phryxus.

Du verwahrst's!

Aietes.

Nimms!

Phryxus.

Nein!

Aietes.

Nun so nimm dies!

(Er stößt ihm das Schwert in die Brust.)

Medea.

Halt Vater halt!

Phryxus (niedersinkend).

Es ist zu spät!

Medea.

Was tatst du?

Phryxus (zur Bildsäule empor).

Siehst du's, siehst du's!

Den Gastfreund tötet er und hat sein Gut!

Der du des Gastfreunds heilig Haupt beschützest O räche mich! Fluch dem treulosen Mann!

Ihm muß kein Freund sein und kein Kind, kein Bruder Kein frohes Mahl—kein Labetrunk—

Was er am liebsten liebt—verderb' ihn!—

Und dieses Vließ, das jetzt in seiner Hand

Soll niederschaun auf seiner Kinder Tod!—

Er hat den Mann erschlagen, der sein Gast—

Und vorenthält—das anvertraute Gut—

Rache!—Rache!—

(Stirbt. Lange Pause.)

Medea.

Vater!

Aietes (zusammenschreckend).

Was?

Medea.

Was hast du getan!

Aietes (dem Toten das Vließ aufdringen wollend). Nimm es zurück!

Medea.

Er nimmt's nicht mehr. Er ist tot!

Aietes.

Tot!—

Medea.

Vater! Was hast du getan! Den Gastfreund erschlagen Weh dir! Weh uns allen!—Hah!—

Aufsteigt's aus den Nebeln der Unterwelt

Drei Häupter, blut'ge Häupter

Schlangen die Haare,

Flammen die Blicke

Die hohnlachenden Blicke!

Höher! höher!—Empor steigen sie!

Entfleischte Arme, Fackeln in Händen

Fackeln!—Dolche!

Horch! Sie öffnen die welken Lippen

Sie murren, sie singen

Heischern Gesangs:

Wir hüten den Eid

Wir vollstrecken den Fluch!

Fluch dem, der den Gastfreund schlug!

Fluch ihm, tausendfachen Fluch!

Sie kommen, sie nahen

Sie umschlingen mich,

Mich, dich, uns alle!

Weh über dich!

Aietes.

Medea!

Medea.

Über dich, über uns!

Weh, weh!

(Sie entflieht.)

Aietes (ihr die Arme nachstreckend).

Medea! Medea! (Ende.)

Die Argonauten

Franz Grillparzer

Trauerspiel in vier Aufzügen

 

Personen:

Aietes, König von Kolchis

Medea und Absyrtus, seine Kinder

Gora, Medeens Amme

Peritta, eine ihrer Gespielen

Jason

Milo, sein Freund

Medeens Jungfrauen

Argonauten

Kolcher

 

Erster Aufzug

(Kolchis.—Wilde Gegend mit Felsen und Bäumen. Im Hintergrunde ein halbverfallener Turm, aus dessen obersten Stockwerke ein schwaches Licht flimmert. Weiter zurück die Aussicht aufs Meer. Finstere Nacht.)

Absyrtus (hinter der Szene).

Dorther schimmert das Licht!—Komm hierher Vater!— Ich bahne dir den Weg!—Noch diesen Stein!—

So!—

(Auftretend und mit dem Schwert nach allen Seiten ins Gebüsch hauend.)

Aus dem Wege unnützes Pack!

Vater, mein Schwert macht klare Bahn!

Aietes (tritt auf, den Helm auf dem Kopfe, ganz in einen dunkeln Mantel gehüllt.)

Absyrtus.

Wir sind an Ort und Stelle, Vater.

Dort der Turm, wo die Schwester haust.

Siehst das Licht aus ihrer Zelle?

Da weilt sie und sinnt Zaubersprüche

Und braut Tränke den langen Tag,

Des Nachts aber geht sie gespenstisch hervor

Und wandelt umher und klagt und weint.

(Aietes macht eine unwillige Bewegung.)

Absyrtus.

Ja Vater und weint, so erzählt der Hirt

Vom Tal da unten, und ringt die Hände

Daß es, spricht er, kläglich sei anzusehn!

Was mag sie wohl treiben und sinnen, Vater?

(Aietes geht gedankenvoll auf und nieder.)

Absyrtus.

Du antwortest nicht?—Was hast du Vater?

Trüb und düster ist dein Gemüt.

Du hast doch nicht Furcht vor den Fremden, Vater?

Aietes.

Furcht Bube?

Absyrtus.

Nu, (Sorge) denn, Vater!

Aber habe nicht Furcht noch Sorge!

Sind uns nicht Waffen und Kraft und Arme?

Ist nicht ein Häuflein nur der Fremden?

Wären ihrer doch zehnmal mehr!

Laß sie nur kommen, wir wollen sie jagen

Eilends heim in ihr dunkles Land

Wo keine Wälder sind und keine Berge,

Wo kein Mond strahlt, keine (Sonne) leuchtet

Die täglich, hat sie sich müde gewandelt,

Zur Ruhe geht in unserem Meer.

Laß sie nur kommen, ich will sie empfangen,

Du hast nicht umsonst mich wehrhaft gemacht,

Nicht umsonst mir gegeben dies blitzende Schwert, Und den Speer und den Helm mit dem wogenden Busch, Waffen d u , und Mut die (Götter)!

Laß die Schwester mit ihren Künsten,

Schwert gegen Schwert, so binden wir an!

Aietes.

Armer Wurm!

Absyrtus.

Ich bin dein Sohn!

Damals als du den Phryxus schlugst—

Aietes.

Schweig!

Absyrtus.

Das ist ja eben warum sie kommen

Her nach Kolchis, die fremden Männer

Zu rächen, wähnen sie, seinen Tod

Und zu stehlen unser Gut, das strahlende Vließ.

Aietes.

Schweig Bube!

Absyrtus.

Was bangst du Vater?

Fest verwahrt in der Höhle Hut

Liegt es das köstliche, goldene Gut.

Aietes

(den Mantel vom Gesicht reißend und ans Schwert greifend). Soll ich dich töten, schwatzender Tor?

Absyrtus.

Was ist dir?

Aietes.

Schweig!—Dort sieh zum Busch!

Absyrtus.

Warum?

Aietes.

Mir deucht es raschelt dort

Und regt sich.—Man behorcht uns.

Absyrtus

(zum Gebüsch hingehend und an die Bäume schlagend). He da!—Steht Rede!— Es regt sich Niemand!

(Aietes wirft sich auf ein Felsenstück im Vorgrunde.)

Absyrtus (zurückkommend).

Es ist nichts, Vater! Niemand lauscht.

Aietes

(aufspringend und ihn hart anfassend). Ich sage dir, wenn du dein Leben liebst Sprich nicht davon!

Absyrtus.

Wovon?

Aietes.

Ich sage dir, begrab's in deiner Brust

Es ist kein Knabenspielzeug, Knab'! Doch alles still hier! Niemand empfängt mich;

Recht wie es ziemt der Widerspenst'gen Sitz.

Absyrtus.

Hoch oben am Turme flackert ein Licht.

Dort sitzt sie wohl und sinnt und tichtet.

Aietes.

Ruf ihr! Sie soll heraus!

Absyrtus.

Gut Vater!

 

(Er geht dem Turme zu).

Komm herab du Wandlerin der Nacht

Du Spät-Wachende bei der einsamen Lampe!

Absyrtus ruft, deines Vaters Sohn!

(Pause.)

Sie kommt nicht, Vater!

Aietes.

Sie soll! Ruf lauter!

Absyrtus

(ans Tor schlagend). Holla ho! Hier der König! Heraus ihr!

Medeas Stimme (im Turm).

Weh!

Absyrtus.

Vater!

Aietes.

Was?

Absyrtus (zurückkommend).

Hast du gehört?

Weh rief's im Turm! War's die Schwester die rief?

Aietes.

Wer sonst! Geh, deine Torheit steckt an.

Ich will rufen und sie soll gehorchen!

(Zum Turme gehend.)

Medea!

Medea (im Turm).

Wer ruft?

Aietes.

Dein Vater ruft und dein König!

Komm herab!

Medea.

Was soll ich?

Aietes.

Komm herab, sag' ich!

Medea.

O laß mich!

Aietes.

Zögre nicht! Du reizest meinen Zorn!

Im Augenblicke komm!

Medea.

Ich komme!

(Aietes verhüllt sich und wirft sich wieder auf den Felsensitz.)

Absyrtus.

Wie kläglich, Vater, ist der Schwester Stimme.

Was mag ihr fehlen? Sie dauert mich!—

Dich wohl auch, weil du so schmerzlich schweigst, Das arme Mädchen!—

(Ihn anfassend.)

Schläfst du, Vater?

Aietes (aufspringend).

Törichte Kinder sind der Väter Fluch!

Du und sie, i h r tötet mich,

Nicht meine Feinde!

Absyrtus. Still! Horch!—Der Riegel klirrt!—Sie kommt!—Hier ist sie! Medea (in dunkelroter Kleidung, am Saume mit goldenen Zeichen gestickt, einen schwarzen, nachschleppenden Schleier der an einem, gleichfalls mit Zeichen gestickten Stirnbande befestigt ist, auf dem Kopfe, tritt, eine Fackel in der Hand, aus dem Turme.)

Medea.

Was willst du, Herr?

Absyrtus.

Ist das die Schwester, Vater?

Wie anders doch als sonst, und ach, wie bleich!

Aietes (zu Absyrtus).

Schweig jetzt!

(Zu Medeen.)

Tritt näher!—näher!—

Doch erst Lösch' deine Fackel, sie blendet mir das Aug!

Medea

(die Fackel am Boden ausdrückend). Das Licht ist verlöscht, es ist Nacht, o Herr!

Aietes.

Jetzt komm!—Doch erst sag' an wer dir erlaubt, Zu fliehn, des väterlichen Hauses Hut

Und hier, in der Gesellschaft nur der Wildnis

Und deines wilden Sinns, Gehorsam weigernd,

Zu trotzen meinem Worte, meinem Wink?

Medea.

Du fragst?

Aietes.

Ich frage!

Medea.

Reden soll ich?

Aietes.

Sprich!

Medea.

So höre wenn du kannst und zürne wenn du darfst. O könnt' ich schweigen, ewig schweigen!

Verhaßt ist mir dein Haus

Mit Schauder erfüllt mich deine Nähe.

Als du den Fremden erschlugst,

Den Götterbeschützten, den Gastfreund

Und raubtest sein Gut,

Da trugst du einen Funken in dein Haus,

Der glimmt und glimmt und nicht verlöschen wird, Gössest du auch darüber aus

Was an Wasser die heil'ge Quelle hat,

Der Ströme und Flüsse unnennbare Zahl

Und das ohne Grenzen gewaltige Meer.

Ein törichter Schütze ist der Mord,

Schießt seinen Pfeil ab ins dunkle Dickicht,

Gewinnsüchtig, beutegierig,

Und was er für ein Wild gehalten,

Für frohen Jagdgewinn,

Es war sein Kind, sein eigen Blut,

Was in den Blättern rauschte, Beeren suchend.

Unglücksel'ger was hast du getan?

Feuer geht aus von dir

Und ergreift die Stützen deines Hauses

Das krachend einbricht

Und uns begräbt.—

Aietes.

Unglücksbotin was weißt du?

Medea.

In der Schreckensstunde

Als sie geschehn war die Tat,

Da ward mein Aug geöffnet Und ich sah sie, sah die Unnennbaren

Geister der Rache.

Spinnenähnlich,

Gräßlich, scheußlich,

Krochen sie her in abscheulicher Unform

Und zogen Fäden, blinkende Fäden,

Einfach, doppelt, tausendfach,

Rings um ihr verfallen Gebiet.

Du wähnst dich frei und du bist gefangen,

Kein Mensch, kein Gott löset die Bande

Mit denen die Untat sich selber umstrickt.

Weh dir, weh uns allen!

Aietes.

Verkaufst du mir Träume für Wirklichkeit?

Deines Gleichen magst du erschrecken,

Törin! Nicht mich!

Hast du die Zeichen, die Sterne gefragt?

Medea.

Glaubst du ich könnt's, ich vermöcht' es?

Hundertmal hab' ich aufgeblickt

Zu den glänzenden Zeichen

Am Firmament der Nacht.

Und alle hundertmale

Sanken meine Blicke

Von Schreck getroffen, unbelehrt.

Es schien der Himmel mir ein aufgerolltes Buch Und (Mord) darauf geschrieben, tausendfach,

Und (Rache) mit demantnen Lettern

Auf seinen schwarzen Grund.

O frage nicht die Sterne dort am Himmel,

Die Zeichen nicht der schweigenden Natur,

Des Gottes Stimme nicht im Tempel:

Betracht' im Bach die irren Wandelsterne,

Die scheu dir blinken aus den düstern Brau'n

Die Zeichen die die Tat dir selber aufgedrückt,

Des Gottes Stimme in dem eignen Busen,

Sie werden dir Orakel geben, Viel sicherer als meine arme Kunst,

Aus dem was ist und war, auf das was werden wird.

Absyrtus.

Der Vater schweigt. Du bist so seltsam Schwester Sonst warst du rasch und heiter, frohen Muts;

Mich dünkt du bist dreifach gealtert

In der Zeit als ich dich nicht gesehn!

Medea.

Es hat der Gram sein Alter, wie die Jahre

Und wer der Zeit (vorauseilt), guter Bruder,

Kommt früh ans Ziel.

Absyrtus.

Du weißt wohl also schon

Von jenen Fremden die—

Medea.

Von Fremden—?

Aietes.

Halt!

Ich gebot dir zu schweigen! Schweig denn, Schwätzer! Medea, laß uns klug sprechen und besonnen,

Das Gegenwärt'ge aus der Gegenwart

Und nicht aus dem betrachten was Vergangen.

Wiss' es denn. Fremde sind angekommen, Hellenen, Sie begehren zu rächen Phryxus' Blut,

Verlangen die Schätze des Erschlagnen

Und des Gottes Banner, das goldene Vließ.

Medea

(aufschreiend). Es ist geschehn! Der Streich gefallen! Weh!

(Will in den Turm zurück.)

Aietes (sie zurückhaltend).

Medea, Halt!—Bleib, Unsinnige!

Medea.

Gekommen die Rächer, die Vergelter!

Aietes.

Willst du mich verlassen, da ich dein bedarf?

Willst du sehen des Vaters Blut?

Medea ich beschwöre dich

Sprich! Rate! Rette! Hilf!

Gib mich nicht Preis meinen Feinden!

Argonauten nennen sie sich

Weil Argo sie trägt, das schnelle Schiff.

Was das Hellenenland an Helden nährt,

An Tapfern vermag, sie haben's versammelt

Zum Todesstreich auf deines Vaters Haupt.

Hilf Medea! Hilf meine Tochter!

Medea.

I ch soll helfen, hilf du selbst!

Gib heraus was du nahmst, Versöhnung bietend!

Aietes.

Verteilt sind die Schätze den Helfern der Tat;

Werden sie wiedergeben das Empfangne?

Besitzen sie's noch? die törichten Schwelger,

Die leicht vertan das leicht erworbne.

Soll ich herausgeben das glänzende Vließ,

Des Gottes Banner, Perontos Gut?

Nimmermehr! Nimmermehr! Und tät' ich's

Würden sie drum schonen mein und eurer?

Um desto sichrer würgten sie uns,

Rächend des Freundes Tod,

Geschützt durch das heilige Pfand des Gottes.

Deine Kunst befrage, gib andern Rat!

Medea.

Rat dir geben, ich selber ratlos!

Aietes.

Nun wohl, so verharre, du Ungeratne!

Opfre dem Tod deines Vaters Haupt.

Komm mein Sohn, wir wollen hinaus,

Den Streichen bieten das nackte Haupt,

Und fallen unter der Fremden Schwertern.

Komm mein Sohn, mein einzig Kind!

Medea.

Halt Vater!

Aietes.

Du willst also?

Medea.

Hör' erst!

Ich will's versuchen, die Götter zu fragen,

Was sie gebieten was sie gestatten.

Und nicken sie zu, so steh' ich dir bei,

Helfe dir bekämpfen den Feind,

Helfe dir schmieden den Todespfeil

Den du abdrücken willst ins dunkle Gebüsch,

Nicht wissend, armer Schütze, wen du triffst.

Es sei! Du gebeutst, ich gehorche!

Aietes.

Medea, mein Kind, mein liebes Kind!

Medea.

Frohlocke nicht zu früh, noch fehlt das Ende.

Ich bin bereit; allein versprich mir erst,

Daß, wenn die Tat gelang, dein Land befreit,

Zu hoffen wag' ich's kaum, allein wenn doch,—

Du mich zurückziehn läßt, in diese Wildnis

Und nimmer mehr mich störst, nicht du, nicht andre.

Aietes.

Warum?

Medea.

Versprich's!

Aietes.

Es sei!

Medea.

Wohlan denn Herr,

Tritt ein bei deiner Magd, ich folge dir!

Aietes.

Ins Haus?

Medea.

Drin wird's vollbracht.

Aietes (zu Absyrtus).

So komm denn Sohn!

(Beide ab in den Turm.)

Medea.

Da gehn sie hin, hin die Verblendeten!—

Ein töricht Wesen dünkt mich der Mensch;

Treibt dahin auf den Wogen der Zeit

Endlos geschleudert auf und nieder,

Und wie er ein Fleckchen Grün erspäht

Gebildet von Schlamm und stockendem Moor

Und der Verwesung grünlichem Moder,

Ruft er: (Land)! und rudert drauf hin

Und besteigt's—und sinkt—und sinkt—

Und wird nicht mehr gesehn!

Armer Vater, armer Mann!

Es steigen auf vor meinen Blicken

Düstrer Ahnungen Schauergestalten,

Aber verhüllt und abgewandt

Ich kann nicht erkennen ihr Antlitz!

Zeigt euch mir (ganz), oder verschwindet

Und laßt mir Ruh, träumende Ruh!

Armer Vater! Armer Mann!—

Aber der Wille kann viel—und ich will.

Will ihn erretten, will ihn befrein Oder untergehn mit ihm!

Dunkle Kunst, die mich die Mutter gelehrt

Die den Stamm du treibst in des Lebens Lüfte

Und die Wurzeln geheimnisvoll

Hinabsenkst zu den Klüften der Unterwelt,

Sei mir gewärtig!—Medea (will)!

Ans Werk denn!

(Zu einigen Jungfrauen die am Eingange des Turmes erscheinen.)

Und ihr des Dienstes Beflißne

Bereitet die Höhle, bereitet den Altar!

Medea will zu den Geistern rufen,

Zu den düstern Geistern der schaurigen Nacht

Um Rat, um Hilfe, um Stärke, um Macht!

(Ab in den Turm.)

(Pause. Dann tritt) Jason (rasch auf.)

Jason.

Hier hört' ich Stimmen!—Hier muß—Niemand hier?

Milo (hinter der Szene).

Holla!

Jason.

Hierher!

Milo (eben so).

Jason!

Jason.

Hier Milo, hier!

Milo (der keuchend auftritt).

Mein Freund, such' dir 'nen anderen Begleiter!

Dein Kopf und deine Beine sind zu rasch,

Sie laufen, statt zu gehn. Ein großer Übelstand!

Von Beinen mag's noch sein, da hilft das Alter, Allein ein Kopf der läuft!—Glück auf die Reise! Such' einen andern sag' ich, ich bin's satt!

(Setzt sich.)

Jason.

Wir haben, was wir suchten!—Hier ist Licht!

Milo.

Ja Lichts genug um uns da zu beleuchten

Und zu entdecken und zu schlachten, wenn's beliebt.

Jason.

Ei, Milo Furcht?

Milo

(rasch aufstehend). Furcht?—Lieber Freund, ich bitte Wäg' deine Worte eh du sprichst!

(Jason faßt entschuldigend seine Hand.)

Milo.

Schon gut!

Wir laufen, nu, die Worte laufen mit!

Doch ernst. Was suchst du hier?

Jason.

Kannst du noch fragen?

Die Freunde, sie, die mir hierher gefolgt,

Ihr Heil vertrauend meines Glückes Stern

Und Jasons Sache machend zu der ihren,

Sie schmachten, kaum dem schwarzen Schiff entstiegen, Hier ohne Nahrung ohne Labetrunk

In dieser Küste unwirtbaren Klippen,

Kein Führer ist, der Wegeskunde gäbe

Kein Landmann bietend seines Speichers Vorrat Und von der Herde triftgenährter Zucht.

Soll ich die Hände legen da in Schoß

Und müßig zusehn wie die Freunde schmachten?

Beim Himmel! Ihnen soll ein Führer werden

Und Trank und Speise, sollt' ich auf sie wiegen

Mit meinem Blut!

Milo.

Das treue, wackre Herz!

O daß du nicht des Freundes Rat gefolgt

Und weggeblieben bist von dieser Küste!

Jason.

Warum denn auch? Was sollt' ich wohl daheim? Der Vater tot, mein Oheim auf dem Thron

Scheelsüchtig mich, den künft'gen Feind, betrachtend. Mich litt es länger nicht, ich mußte fort.

Hätt' er nicht selbst, der Falsche, mir geboten

Hierher zu ziehn in dieses Inselland

Das goldne Götterkleinod abzuholen

Von dem man spricht, so weit die Erde reicht

Und das dem Göttersohne Phryxus einst,

Ihn selber tötend, raubten die Barbaren,

Ich wäre selbst gegangen, freien Willens,

Dem eckelhaften Treiben zu entfliehn.

Ruhmvoller Tod für ruhmentblößtes Leben

Mag's tadeln wer da will, mich lockt der Tausch! Daß dich, o Freund, ich mitzog und die andern,

Das ist wohl schlimm, allein ihr wolltet's so!

Milo.

Ja freilich wollt' ich so und will noch immer

Denn sieh, ich glaub', du hast mir's angetan,

So lieb' ich dich und all dein Tun und Treiben.

Jason.

Mein guter Milo!

Milo.

Nein! 's ist unrecht sag' ich,

Ich sollt' der Klügre sein, ich bin der Ältre.

Hättst du mich hingeführt, wohin auch immer, Nur nicht in dieses gottverlaßne Land.

Kommt irgend sonst ein Mann in Fährlichkeit,

Nu Schwert heraus und Mut voran. Doch hier

In dieses Landes feuchter Nebelluft

Legt Rost sich, wie ans Schwert, so an den Mut. Hört man in einem fort die Wellen brausen,

Die Fichten rauschen und die Winde tosen,

Sieht kaum die Sonne durch der dichten Nebel

Und rauhen Wipfel schaurigen Versteck,

Kein Mensch rings, keine Hütte, keine Spur,

Da wird das Herz so weit, so hohl, so nüchtern

Und man erschrickt wohl endlich vor sich selbst. Ich, der als Knabe voll Verwundrung horchte,

Wenn man erzählte, 's gäb' ein Ding

Die (Furcht) genannt, hier seh' ich fast Gespenster Und jeder dürre Stamm scheint mir ein Riese

Und jedes Licht ein Feuermann. 's ist seltsam.

Was unbedenklich sonst, erscheint hier schreckhaft Und was sonst greulich wieder hier gemein.

Nur kürzlich sah ich einen Bär im Walde,

So groß vielleicht als keinen ich gesehn

Und doch kams fast mir vor, ich sollt' ihn streicheln, Wie einen Schoßhund streicheln mit der Hand,

So klein, so unbedeutend schien das Tier

Im Abstich seiner schaurigen Umgebung.

Du hörst nicht?

Jason (der indes den Turm betrachtet hat).

Ja ich will hinein!

Milo.

Wohin?

Jason.

Dort in den Turm.

Milo.

Mensch, bist du rasend?

(Ihn anfassend). Höre!

Jason (sich losmachend und das Schwert ziehend). Ich will, wer hält mich? Hier mein Schwert! Es schützt mich Vor Feinden wie vor überläst'gen Freunden.

Die erste Spur von Menschen find' ich hier

Ich will hinein. Mit vorgehaltnen Eisen

Zwing' einen ich von des Gebäuds Bewohnern,

Zu folgen mir, zu führen unsre Schar

Auf sichern Pfad aus dieses Waldes Umfang,

Wo Hunger sie und Feindeshinterhalt

Weit sichrer trifft als mich hier die Gefahr.

Sprich nicht! Ich bin entschlossen. Geh zurück

Ermutige die Schar. Bald bring' ich Rettung!

Milo.

Bedenk'!

Jason.

Es ist bedacht! Wer kann hier weilen

Im kleinen Hause, wüst und abgeschieden?

Ein Haushalt von Barbaren und was mehr?

Ich denk' du kennst mich! Hier ist nicht Gefahr

Als im Verweilen.—Keine Worte weiter!

Milo.

Doch wie gelangst du hin?

Jason.

Siehst du dort drüben

Gähnt weit ein Spalt im alternden Gemäuer.

Das Meer leiht seinen Rücken bis da hin

Und leicht erreich' ich's schwimmend.

Milo.

Höre doch!

Jason.

Leb' wohl!

Milo.

Laß mich statt dir!

Jason.

Auf Wiedersehn!

(Springt von einer Klippe ins Meer)

Milo.

Er wagt es doch!—Dort schwimmt er!—Tut es (doch), Und läßt mich schmälen hier nach Herzenslust!

Ein wackres Herz, doch jung, gewaltig jung!

Hier will ich stehn und seiner Rückkehr harren:

Und geht's auch schief, wir hauen uns heraus.

(Er lehnt sich an einen Baum.)

(Ein düsteres Gewölbe im Innern des Turms. Links im Hintergrunde die Bildsäule eines Gottes auf hohem Fußgestell, im Vorgrunde rechts eine Felsenbank.) (Jungfrauen mit Fackeln bringen einen kleinen Altar und Opfergefäße und stellen alles ordnend umher.)

(Eine Jungfrau tritt ein und spricht an der Türe:)

Jungfrau.

Genug! Es naht Medea! Stört sie nicht!

(Alle ab mit den Lichtern.)

Jason (tritt durch einen Seiteneingang links auf mit bloßem Schwerte.)

Jason.

Ein finsteres Gewölb'.—Ich bin im Innern!

Mehr Menschen faßt das Haus, scheint's, als ich glaubte, Doch immerhin! wird nur mein Ziel erreicht.

Behutsam späh ich, bis ein Einzelner

Mir aufstößt, dann das Schwert ihm auf die Brust Und mit mir soll er, will er nicht den Tod.

(Er späht mit vorgehaltenem Schwerte umher.)

Ist da kein Ausgang?—Halt!—Ein Block von Stein Das Fußgestell wohl eines Götterbildes.

Ehrt man hier Götter und verhöhnt das Recht?

Doch horch!—ein Fußtritt!—Bleiche Helle gleitet Fortschreitend an des Ganges engen Bogen.

Man kommt!—Wohin—?—Verbirg mich dunkler Gott!

(Er versteckt sich hinter die Bildsäule.)

Medea (kommt, einen schwarzen Stab in der Rechten, eine Lampe in der Linken.)