Das Judengrab; Aus Bimbos Seelenwanderungen
Das Judengrab
I n Jeddam gab es nur einen einzigen Juden, der auf folgende Weise dorthin verschlagen war: Seine Frau, mit der ihn treueste Liebe verband, war aus Jeddam
gebürtig, und als ihr Vater mit Hinterlassung bedeutender Ländereien starb, war
es wünschenswert, daß sie sich zur Regelung ihrer Erbschaft selbst hinbegebe.
Mit der Möglichkeit, das Vaterhaus wiederzusehen, erwachte in ihr das
Heimweh, und die Familie, die aus Vater, Mutter und zwei kaum erwachsenen
Kindern bestand, trat die weite Reise an. Da nun der Ort Jeddam, mit mehr
dörflichem als städtischem Charakter, so trotzig und anmutig zwischen mäßig
hohen Bergen, reichen Saatfeldern und grünen Geländen lag, die das Flüßchen
Melk bewässerte, und da die Frau sich in ihrer vertrauten Kinderheimat so wohl
fühlte, willigte der gutmütige Mann ein, ganz und gar überzusiedeln. Er konnte
freilich nicht daran denken, das große Gut seiner Frau selbst zu bewirtschaften,
sondern stellte dazu einen jungen Verwalter an, während er selbst ein Geschäft in
dem Ort eröffnete, wie er es früher betrieben hatte. Da es ein solches in Jeddam
bisher nicht gegeben hatte und die Einkäufe in der nächsten größeren Stadt
besorgt worden waren, hätte das Geschäft wohl gedeihen können, wenn nicht der
Inhaber ein Jude gewesen wäre, von welchem Volke die Bewohner von Jeddam
durchaus nichts wissen wollten. Verkauft wurde zwar genug, aber wenig bezahlt,
und wenn Herr Samuel die ausstehenden Gelder einklagen wollte, mußte er
erleben, daß sich die Behörden seiner nicht annahmen und er höchstens
Prozeßkosten zahlen mußte, ohne zu seinem offenkundigen Recht kommen zu
können. Es machte ihm oft Sorgen, was daraus werden sollte, und er wäre gern
mit den Seinigen auf und davon gegangen, wenn er gewußt hätte, wie er in
dieser feindseligen Umgebung zu seinem Gelde kommen und die Güter seiner
Frau ohne zu großen Schaden verkaufen sollte.
Eine Reihe von Jahren ging es so weiter, bis eines Tages Herr Samuel krank
wurde und nach dem Arzte im nächsten Städtchen schickte; als er auf seine
zweite Bitte, schleunig zu kommen (denn die erste hatte keinerlei Erfolg gehabt),
die Antwort erhielt, der Doktor sei sehr beschäftigt und bedaure, dem Rufe nicht
Folge leisten zu können, wurde es ihm unheimlich zumute, und er bedachte zum
ersten Male gründlich, wie er hier elend sterben und verderben könne. Während
die Familie sorgenvoll und ratschlagend um sein Bett herumsaß, sagte er: „Das
beste wäre, da ich doch einmal krank bin, wenn ich stürbe, dann könntet ihr unangefochten hier leben und glücklich sein.“ Seine Frau Rosette und die beiden
Kinder, Anitza und Emanuel, verwiesen ihm so zu reden, da sie ohne ihn auch
im Paradiese nicht glücklich sein könnten, und Herr Ive, der Verwalter, der
Anitzas Verlobter war, sagte, daß es auch deshalb unrichtig sei, weil die
Bewohner von Jeddam die abtrünnige Frau, die einen Juden geheiratet hatte, und
dessen Kinder ebensowenig unter sich leiden möchten wie ihn selber.
„Wie wäre es aber,“ sagte Anitza, „wenn wir dich, Vater, als tot ausgäben
und begrüben, während du heimlich in deine Heimat zurückkehrtest, und Ive, als
unser natürlicher Freund und Vormund, unsre Angelegenheiten ordnete und uns
dann zu dir führte?“
Herr Samuel wollte anfänglich von solchen Schlichen nichts hören, aber da
der Verwalter erklärte, er getraue sich wohl, die Sache zu einem guten Ende zu
bringen, und da Frau und Kinder zu dem Abenteuer, mittels dessen zugleich
denen von Jeddam ein Streich gespielt wurde, voll Lust und Ungeduld waren,
willigte er schließlich ein, es ins Werk zu setzen. Kaum war er wieder
einigermaßen hergestellt, als er nächtlicherweile Jeddam verließ; es glückte ihm,
unbemerkt zu dem nächsten größeren, am Meere gelegenen Ort zu gelangen, wo
er sich einschiffte.
Unterdessen stopften Frau Rosette und Anitza mit Herrn Ives Hilfe einen
netten Balg aus, befestigten eine passende Larve mit einem Bart aus Roßhaar vor
dem Strohkopfe und legten diese Figur, in ein reinliches Sterbehemd gekleidet,
auf Herrn Samuels Bett. Die Larve bedeckten sie mit einem Schnupftuch, doch
die wachsenen Hände, die sie der Echtheit und Ähnlichkeit halber mit dem
schönen Diamantring geschmückt hatten, den Samuel auf dem Zeigefinger zu
tragen pflegte, blieben sichtbar. Der Betrug wäre wohl doch entdeckt worden,
wenn das Haus des Juden nicht wie das eines Aussätzigen gemieden worden
wäre; als die Nachricht von seinem Tode ausgesprengt war, fehlte es zwar nicht
an Neugierigen, aber sie hielten an sich und spähten aus der Ferne, so daß nur
die eignen Dienstboten scheu von der Türschwelle aus den künstlichen
Leichnam betrachteten.
Demnächst begab sich Herr Ive zum Gemeinderat, um den Tod des Herrn
Samuel anzuzeigen und die Beerdigung zu bestellen, wurde dort aber an den
Pfarrer verwiesen, der diese Dinge zu erledigen habe. Der Pfarrer war ein Mann
mit dichtem, lockigem Haar und kurzer, hölzerner Stirn über einem breiten
Gesicht, für gewöhnlich schweigsam, nicht aus Neigung oder Anlage, sondern
weil er nichts zu sagen wußte. Seine großen Augen flackerten ängstlich und
bekümmert vor der großen Leere seines Schädels, und er war im ganzen ein mehr hilflos trauriger und unschädlicher Mann als ein bösartiger, außer wenn es
sich um gewisse kirchliche Fragen handelte. Sowie nämlich irgendeine Sache
vorkam, in der er sein Urteil, sei es auch ein noch so verkehrtes, hatte, und in der
er überhaupt maßgebend war, bemächtigte er sich derselben mit Heftigkeit,
blähte sich auf und spie Gift gegen alle, die ihm nahe kamen, im unbewußten
Drange, sich dafür zu rächen, daß sie ihn so oft als einen unwichtigen, blöden
Tölpel unbrauchbar in der Ecke hatten stehen sehen. Als Herr Ive sich bei ihm
meldete, wußte er schon, um was es sich handelte, und empfing ihn mit den
Worten: „Was gibt es, Herr Ive? Da muß etwas Gewaltiges im Schwange sein,
daß Ihr zu mir kommt! Ihr pflegt mich nicht zu überlaufen, weder in meinem
Hause, noch im Hause Gottes! Diese Leute bedürfen der Seelsorge nicht; aber
jetzt gilt es wohl eine Erbschaft oder eine Heirat, wo sie immer bei der Hand
sind!“
Herr Ive entschuldigte sich höflich und sagte, daß er nur den Tod des
verstorbenen Herrn Samuel anzeigen wolle, was ihm als Vormund der
hinterbliebenen Familie zukomme. „Da habt Ihr Euch ein sauberes Amt
ausgelesen,“ sagte der Pfarrer; „wer Pech angreift, besudelt sich, wißt Ihr das
nicht? Bleibt mir mit Euerm toten Juden vom Leibe, ich habe nichts damit zu
schaffen!“ Herr Ive erklärte, daß der Gemeinderat ihn an den Pfarrer gewiesen
hätte, der die Beerdigungsförmlichkeiten samt und sonders zu erledigen pflegte.
„Ja,“ rief der Pfarrer aufbrausend, „die Beerdigungen von Christenmenschen
freilich! Den Juden mögen seine Rabbiner und Pharisäer in ihre Erde graben und
sich selber dazu, was desto besser für sie und uns wäre.“
Der Herr Pfarrer wüßte wohl, sagte Herr Ive, daß es in Jeddam weder
Pharisäer noch Sadduzäer gäbe, noch weniger einen jüdischen Kirchhof,
weswegen der Wunsch des Herrn Pfarrers nicht könnte ausgeführt werden; es
müßte der verstorbene Samuel wohl oder übel neben den übrigen Bürgern
Jeddams bestattet werden. Der Pfarrer zog die schwachen Brauen über den
großen rollenden Augen hoch, schlug mit der geballten Faust dreimal auf den
Tisch und rief: „Nichts da! Heraus mit Euch! Werft Euern toten Juden wohin Ihr
wollt, aber laßt Euch nicht mit ihm auf unserm christlichen Kirchhof blicken!“
Worauf Herr Ive, dem das Blut bereits zu kochen anfing, sich herumdrehte, die
Tür laut hinter sich zuschlug und spornstreichs zurück zum Gemeinderat eilte.
Dort gab es ein Köpfezusammenstecken und eiliges Hin- und Herlaufen, bis
es Herrn Ive endlich gelang, zum Bürgermeister vorzudringen, der es im
allgemeinen nicht liebte, in seinen Geschäften gestört zu werden. Er war ein
beleibter Herr, der unter seiner Freundlichkeit äußerste Verachtung der meisten übrigen Menschen verbarg und sich einbildete, seine Stellung als Bürgermeister
einzig seiner weltmännischen Gewandtheit und geistigen Überlegenheit zu
verdanken. Ihm war alles gleichgültig, außer daß er den Ruf seiner Unfehlbarkeit
und seine Beliebtheit nicht einbüßte, und es war deshalb ebenso angenehm, mit
ihm zu verkehren, wie schwer, irgend etwas von ihm zu erreichen und in Gang
zu bringen.
Herr Ive erzählte atemlos und heftig, was ihm beim Pfarrer begegnet war,
häufig unterbrochen vom Bürgermeister, der sich nach unzähligen Einzelheiten
erkundigte, teils um seine sachkundige Gründlichkeit und menschliche
Teilnahme zu beweisen, teils um im allgemeinen Zeit zu gewinnen. Als Herr Ive
durchaus nichts mehr zur Klärung der Sachlage beizubringen wußte und
augenscheinlich auf eine Antwort erpicht war, legte der Bürgermeister den Kopf
auf die Seite, faltete die Hände über dem Bauche und sagte nachdenklich:
„Schade, schade, daß der Herr Samuel sterben mußte! Ein fleißiger Herr, ein
braver Herr, als Familienvater ausgezeichnet und als nützlicher Bürger, aber ein
Jude. Unleugbar ein Jude! Er hätte noch eine Weile länger leben dürfen.“
Herr Ive sagte ungeduldig: „Euer Gnaden werden Ihre rühmlich bekannte
Gerechtigkeitsliebe beweisen und nicht dulden, daß Leute, die Euer Gnaden
selbst als nützliche Bürger bezeichnen, wie faules Obst in den Graben geworfen,
anstatt rechtlich begraben werden.“
„Wie faules Obst in den Graben werfen!“ rief der Bürgermeister
erschrocken. „Das wäre in der Tat ein Unfug, den ich scharf ahnden würde. Die
Geistlichkeit läßt sich oft, wie wir alle wissen, vom frommen Eifer hinreißen,
allein das bürgerliche Haupt der Gemeinde folgt unbestechlich der
Gerechtigkeit. Es soll mir nimmermehr ein verstorbener Jude, der tugendhaft
gelebt hat, wie faules Obst auf der Gasse liegen!“
So würde, fragte Herr Ive, der Bürgermeister Befehl geben, daß der
Verstorbene schicklich auf dem allgemeinen Friedhof beerdigt würde. Das würde
er freilich, antwortete jener, nachdem er zuvor die Herren Gemeinderäte
versammelt und ihre Meinung eingeholt hätte: „Denn“, sagte er lächelnd, „den
Tyrannen möchte ich nicht spielen, gerade weil ich es könnte.“
Herr Ive mußte sich bescheiden, unverrichteter Sache heimzukehren, und
eilte zur Familie des Samuel, um von dem Vorgefallenen Bericht zu erstatten. Er
hatte im Laufe der Verhandlungen fast vergessen, daß sein Schwiegervater nicht
in Wirklichkeit tot war, wie er aber zu Hause die vergnügten Gesichter sah, kam
es ihm wieder zur Besinnung, und er mußte lachen, daß der Pfarrer sich dermaßen über eine Sache erhitzt hatte, die nur in der Einbildung bestand. Die
zierliche Anitza warf sich auf einen Teppich und lachte lautlos in ein Kissen, so
daß ihr die Tränen über das Gesicht liefen, aber ihre Mutter, eine hohe, kräftige
Frau, die nicht mit sich spaßen ließ, stand auf und sagte: „Ive, du bist gut, aber
du hast einen Lammsmut, du verstehst mit diesen Leuten nicht umzugehen, die
man nicht höflich, sondern grob und unverschämt, wie sie selber sind, behandeln
muß. Du wirst bescheiden vor der Tür gestanden und um Erlaubnis gefragt
haben, anstatt zu sagen: ‚Kurz und gut, morgen begraben wir meinen
Schwiegervater, und wer sich mir in den Weg stellt, dem zerschmettere ich mit
diesen Fäusten die Knochen zu Butter.‘“
„Ich habe mich so fest und entschlossen benommen, wie ich glaube, daß ein
Mann soll,“ sagte Herr Ive, dessen helles, hübsches Gesicht über und über rot
geworden war, als ihm Zaghaftigkeit vorgeworfen wurde. „Wenn es nötig ist,
kann ich auch dreinschlagen, doch ich dachte, es wäre dazu immer noch Zeit.“
Der junge Emanuel sagte: „Mama, die Leute haben im Grunde ganz recht.
Auf einen christlichen Kirchhof gehören Christen, auf einen jüdischen Juden.
Die Frage ist nicht so leicht zu entwirren, wie du dir einbildest.“
Nun loderte Frau Rosette in lichtem Zorne auf und rief: „Geh mir mit
deinen Spitzfindigkeiten! Dein Vater ist kein Dieb oder Mörder, sondern ein
besserer Mann als alle die Ochsenköpfe von Jeddam, die froh sein können, einen
solchen auf ihrem Friedhof begraben zu dürfen. Glaubst du, sie würden dich und
mich und Anitza, obwohl wir gut katholische Christen sind, achtungsvoller
behandeln? Sie würden uns auch in das erste beste Loch werfen; aber sie haben
sich in mir verrechnet. Ich nehme es mit andern Leuten auf als mit dem
hohlköpfigen Pfarrer und dem windigen Bürgermeister.“
Anitza klatschte vor Vergnügen in die Hände und sagte zu ihrem Bruder:
„Mama möchte, daß wir beide stürben, nur damit sie uns dem Pfarrer zum Tort
ein christliches Begräbnis herrichten könnte!“ Und Emanuel, der es liebte, seine
Mutter zu necken, sagte: „Frau und Kinder gehen nach des Vaters Seite, und ich
bezweifle, ob wir das Recht haben, uns auf dem Jeddamer Friedhof beerdigen zu
lassen.“
„Gelbschnabel!“ rief seine Mutter. „Meine Urgroßväter, Großväter und
mein Vater sind hier begraben, und ich möchte den sehen, der mich hindern
kann, an ihrer Seite zu liegen. Ich gehe bis zum Kaiser, wenn es nötig ist, um
diesen Prahlhänsen zu zeigen, wo ich mich begraben lassen kann!“
Es gelang Herrn Ive, die zürnende Frau zu bewegen, daß sie den Bescheid abwartete, den er jetzt vom Gemeinderate bekommen würde, und er machte sich
alsbald auf, um denselben in Empfang zu nehmen. Ehe er in das
Beratungszimmer geführt wurde, wo sich unter den übrigen Herren auch der
Pfarrer befand, sagte der Bürgermeister: „Es kommt mir nicht in den Sinn, nach
Tyrannenweise das Recht zu beugen, und daß dem Rechte nach kein Jude auf
unserm christlichen Gottesacker bestattet werden darf, sehe ich ein; doch halte
ich mich gern an den alten lateinischen Spruch, der besagt, daß man zwar
unerschütterlich im Handeln, aber gefällig und lieblich in der Form sein soll, und
werde deshalb dem jungen Manne den abschlägigen Bescheid so sanft wie
möglich eingehen lassen.“
Als hierauf Herr Ive vorgelassen wurde, empfing er ihn mit wohlwollenden
Blicken, streichelte kosend über das Protokollpapier, das vor ihm lag, und sagte:
„Sie sind ein geschätzter Mitbürger, Herr Ive, auch der verstorbene Herr Samuel
war es, soweit er Bürger war, als Bekenner stand er mir fern. Sagen Sie selbst,
gibt es eine jüdische Gemeinde hier?“
Diese Frage konnte Herr Ive nicht anders als mit nein! beantworten, worauf
der Bürgermeister fortfuhr: „Es gibt hier keine jüdische Gemeinde, oder, was
dasselbe sagen will, keine Juden. Gibt es aber keine Juden hier, so gibt es auch
keinen Juden, und so hat auch Herr Samuel, der ein Jude war, im rechtlichen
Sinne niemals hier existiert. Seine Familie mag ihn beweinen, seine Freunde, ja
alle fühlenden Herzen mögen seinen Hinschied betrauern, die Gemeinde als
solche muß ihn als nie dagewesen betrachten und kann ihn infolgedessen auch
nicht begraben.“
„So bitte ich den Herrn Bürgermeister, mir zu sagen,“ rief Herr Ive
drohend, „wo ich ihn begraben soll, denn begraben muß er doch einmal
werden.“
„Das wäre zu wünschen,“ sagte der Bürgermeister, „und es sei ferne von
mir, den Hinterbliebenen darin auch nur das geringste in den Weg zu legen. Nur
den christlichen Gottesacker bitte ich auszunehmen, und daß innerhalb der
Stadtgrenzen kein Toter sich aufhalten darf, ist Ihnen sowie jedermann bekannt.“
Jetzt aber war es mit Herrn Ives Geduld zu Ende, und indem ihm das Blut
heiß in die Wangen schoß, rief er: „Wenn ihr den lebenden Juden unter euch
dulden konntet, werdet ihr auch den toten ertragen. Ich verlange kein Geläut und
kein Geplärr und Gezeter an seinem Grabe, aber ein Fleckchen Erde, wo er ruhig
liegen kann, das soll er trotz euch haben. Laßt es euch gesagt sein, daß ich ihn
morgen selber auf den Kirchhof bringen und jeden niederschlagen werde, der mich dabei stören will.“
Diese groben Worte entzündeten ein heftiges Wortgemenge, das durch den
plötzlichen Eintritt Frau Rosettens unterbrochen wurde, die, des Wartens
überdrüssig, selbst gekommen war, um mit ein paar kernigen Worten die Leute
zur Vernunft und die Sache zu Ende zu bringen. Als sie in großer Majestät, vom
Kopf bis zu den Schuhen in Schwarz gekleidet, auf der Schwelle stand,
verstummten alle, und der Bürgermeister beeilte sich, ihr entgegenzugehen und
einige Worte des Beileids zu sprechen. „Laßt die Phrasen, Herr Bürgermeister,“
sagte sie abwehrend, „auf die ich keinen Wert lege. Ich verlange von Euch nichts
als mein Recht, ich will meinen Mann auf den Kirchhof bringen, wo mir Vater
und Mutter, Großväter und Urgroßväter ruhen, und darin verlange ich von Euch
mehr unterstützt als behindert zu werden.“
„Euer verewigter Vater war mein geschätzter Freund,“ sagte der
Bürgermeister, indem er sich mit einem großen buntseidenen Taschentuche den
Schweiß von der Stirn wischte, „und sein Grab gereicht unserm Gottesacker zur
Ehre. Er war ein guter Bürger und ein guter Christ, und mehr braucht es nicht,
um in Jeddam gut aufgenommen und begraben zu werden.“
„So denke ich,“ sagte Frau Rosette, sich stolz umsehend, „daß ich diese
Ehre verdiene. Ich wünsche aber, was niemand einem christlichen Eheweibe
verargen wird, dereinst an meines Gatten Seite zu ruhen.“
Der Bürgermeister trocknete sich den Angstschweiß ab und besann sich,
welche Gelegenheit der Pfarrer, der sich nur ungern das Wort so lange hatte
nehmen lassen, ergriff und losfuhr: „Bückt ihr euch vor dieser stolzen und
abgöttischen Jesebel? Du hast einen Greuel in deine Familie und unsre
Gemeinde gebracht, Weib, aber auf unsern Friedhof sollst du ihn nicht bringen.
Es gibt genug Kehricht auf der Erde, wohin ihr eure ungläubigen Knochen
werfen könnt, unserm heiligen Gottesgarten sollen sie fernbleiben!“
Frau Rosette trat dicht an den Pfarrer heran und sagte: „Höre du, ich mache
mir zwar keine Ehre daraus, zwischen euern hohlen Gerippen begraben zu
liegen, aber mein angeborenes und angestammtes Recht lasse ich mir von euch
nicht rauben und möchte gleich auf dem Flecke sterben, damit ihr mit ansehen
müßtet, wie ich auf euern Schutthaufen Einzug halte.“
Die Anzüglichkeit der Frau Rosette hatte auch die übrigen Gemeinderäte in
Zorn versetzt, von denen einer sagte: „Die Frau eines Juden hat keinerlei Recht
mehr in Jeddam.“
„Ja, ich hätte meine Mitgift einem von euch hungrigen Bären bringen sollen!“ höhnte sie.
„Besser ein Bär als ein Schwein!“ rief ein andrer; denn so pflegte man die
Juden in Jeddam zu nennen.
Frau Rosette erbleichte und sagte: „Du mußt wohl ein Hund sein, daß du
einen edeln Toten beschimpfst.“ Dann legte sie eine Hand auf Herrn Ives Arm
und sagte, indem sie ihn mit sich zog: „Komm, wir werden uns selber helfen.“
Während der Bürgermeister auseinandersetzte, daß der Weise und
Weltmann nicht schimpfe, sondern fest und gelinde auf dem Buchstaben des
Rechtes beharre, trug der Pfarrer Sorge, daß die übermütige Frau Rosette ihren
Samuel nicht insgeheim in den Kirchhof einschmuggelte.
Das war diese allerdings willens, aber nicht verstohlenerweise, sondern
öffentlich und prächtig, am hellen Tage, indem sie darauf rechnete, daß man es
nicht zu einer Prügelei auf dem Kirchhof würde kommen lassen. Der Pfarrer
hatte aber noch zur rechten Zeit eine Menge von Bauern versammelt und zu
ihnen gesagt: „Kinder, der tote Jude wird unsre gute Erde verpesten! Leidet es
nicht! Mag er draußen auf dem Felde liegen, wo es nur Raben und Krähen gibt!
Wenn ihr nicht auf der Hut seid, werdet ihr Gift und Pestilenz und Viehseuche
haben!“ Die Folge davon war, daß die Knechte, die den Sarg mit dem
künstlichen Samuel trugen, die Kirchhofpforte verrammelt und von feindseligen
Bauern besetzt fanden, die ihnen den Eingang wehrten. Frau Rosette, Herr Ive
und die Kinder, die in einem offenen Wagen folgten, sahen voll Erstaunen, wie
sich ein tüchtiges Handgemenge entspann, in dem ihre Knechte bald den
kürzeren zogen, da sie bedeutend in der Minderzahl waren. Herr Ive verfolgte
den Kampf eine Weile mit dem Kennerblick eines jungen Straßenbuben und
wachsender Ungeduld, bis er schließlich nicht mehr an sich zu halten vermochte,
aus dem Wagen sprang, die Jacke abwarf und sich mit einem lauten,
schnalzenden Schrei unter die Prügelnden mischte. Emanuel, dessen dunkle
Augen vor Kampflust feucht geworden waren, schickte sich an, es seinem
Schwager nachzutun, und die Mutter hatte Mühe, ihn festzuhalten und Anitzas
Heiterkeit, die sich ihrer beim Anblick des tapfer ringenden Bräutigams
bemächtigt hatte, durch Zupfen, Winken und Warnen in etwas zu mäßigen. Ihren
Schwiegersohn sah Frau Rosette zwar mit Genugtuung und Billigung im
Kampfgewühl, dennoch bat sie ihn, angesichts der immer wachsenden Zahl
seiner Gegner, für heute abzustehen, da man mit so geringen Streitkräften nicht
hoffen könne, den Sieg davonzutragen. Herr Ive, da er einmal im Raufen war,
hörte nur ungern auf, doch sah er ein, daß seine Schwiegermutter recht hatte, und
führte die Familie unter hellem Übermut der Kinder und prasselndem Zornfeuer Frau Rosettens nach Hause zurück.
Die Zurückgebliebenen prügelten sich weiter und waren so eifrig dabei, daß
es der Gemeindepolizei kaum gelang, sie bei einbrechender Nacht auseinander
zu treiben. Dieser Auflauf machte den Bürgermeister und mehrere Herren vom
Rate so bedenklich, daß sie sich nochmals in einem verschwiegenen Zimmer des
Wirtshauses, das öfter zu wichtigen Beratschlagungen diente, versammelten, um
einen gütlichen Ausweg dieser heiklen Angelegenheit zu finden.
„Es ist nicht zu leugnen,“ begann der Bürgermeister freundlich, indem er
tändelnd den Deckel seines Bierkrugs auf- und zuklappte, „daß ein toter Mensch
irgendwo begraben werden sollte. Auch kann man der Frau Rosette nicht
zumuten, daß sie ihren verstorbenen Gatten zwischen ihren Getreidefeldern und
Kartoffeläckern beerdigt.“
„Beileibe nicht!“ rief der Pfarrer drohend. „Soll er unsern christlichen
Erdboden verpesten? Hinaus mit ihm! Weit weg mit ihm! Werden doch auch die
toten Pferde und Hunde da draußen eingescharrt.“
Der Bürgermeister klapperte sinnend mit seinem Deckel und sagte: „Ich
gebe zu, Ehrwürden, daß ein Jude kein Christ ist, sollte er aber deswegen unter
die Tiere fallen?“
Hieran knüpfte sich eine längere Beratung, und nachdem in dieser Weise
genugsam hin und her gestritten war, machte einer der Gemeinderäte folgenden
Vorschlag: „Es wird den Herren bekannt sein,“ sagte er, „daß wir in einer Ecke
des Kirchhofes, wo wildes Unkraut wächst und der Totengräber zu keiner Pflege
und Säuberung verpflichtet ist, die kleinen Kinder begraben, die totgeboren
wurden oder gleich nach der Geburt starben, so daß sie leider die heilige Taufe
nicht empfangen konnten. Diese scheinen mir insofern mit dem Juden
vergleichbar, als sie, wie er, ungetauft sind, und es dünkt mich deshalb nicht
unschicklich, wenn man ihn dort in aller Stille vergrübe.“
Der Bürgermeister wollte eben einen mäßigen Beifall dieses Vorschlages
laut werden lassen, als der Pfarrer, die Hände über dem Kopfe
zusammenschlagend, ausrief: „Wo ist euer Christentum? Ihr schwatzt wie
Heiden und Türken daher! Wißt ihr nicht, daß die vor und während der Geburt
gestorbenen Christenkinder Engel sind? Kleine Engelkinder, die ihre schwarzen
Augen niemals aufgetan und durch den Anblick unsrer häßlichen Erde getrübt
haben! die mit ihren kleinen Rosenfüßen niemals den Dreck berührt haben,
durch den wir waten! Auf der Schwelle unsers Lebens haben sie die Flügel
geschüttelt und sind wieder davongeflogen in den Himmel.“
Hier fing der Pfarrer, der die kleinen Kinder zärtlich liebte, an zu weinen,
und auch einige Gemeinderäte wischten sich die Augen, indessen der
Bürgermeister sagte: „Es bleibt den Kindern unbenommen, in den Himmel zu
fliegen, und dem Juden, in die Hölle zu fahren, nichtsdestoweniger sind sie vom
bürgerlichen Standpunkte aus alle ungetauft, und es scheint mir daher billig und
recht, daß sie am selben Orte begraben werden.“ Er fürchtete nämlich die große
und behäbige Verwandtschaft Frau Rosettens, die sich zwar um Herrn Samuel
wenig bekümmert hatte, von der es aber doch anzunehmen war, daß sie die
Kränkung einer von ihrer Sippschaft übel vermerken würde.
Der Pfarrer konnte gegen den Gemeinderat, der einmütig war, nichts
ausrichten, machte sich aber an das Volk, stellte ihm die Unbill vor, die ihm
angetan werden sollte, und ermunterte es, dieselbe in Gottes Namen mit Fäusten
abzuwehren. „Würdet ihr ruhig zusehen,“ rief er, „wenn man einen Wolf in euern
Schafstall ließe? Und sie wollen einen falschen Judas zwischen eure
unschuldigen Kinder legen, die am Throne der Dreieinigkeit für arme Sünder
beten. Pestilenz! Feuersbrunst! Wassernot! Kriegsnot und Hungersnot werden
über euch kommen, wenn ihr zulaßt, daß der heilige Gottesacker durch diesen
Verräter vergiftet wird.“
Die Bürger von Jeddam ließen sich dies nicht zweimal sagen, rotteten sich
zusammen und schwuren, jedweden totzuschlagen, der den toten Samuel auf
ihren Friedhof bringen würde. Am furchtbarsten unter den Aufwieglern war ein
Großbauer namens Pomilko, ein hünengroßer Mann mit dickem Kopf und
weißblonden Haaren, der mit seinem Gefolge von Angehörigen, Verwandten,
Abhängigen und Knechten das ganze Gemeinwesen hätte über den Haufen
werfen können. Pomilko hatte vor kurzem eine zweite Frau genommen, die ihm
ein totes Kind geboren hatte. Demselben hatte er zwar keinen Blick geschenkt,
sondern, als ihm die Botschaft gebracht worden war, hatte er sich fluchend und
zähneknirschend aufs Feld begeben und sich zwei Tage lang nicht im Hause
blicken lassen; jedoch sah er es als eine gröbliche Ehrenkränkung an, daß ein
Jude in der Nähe seines Sprößlings begraben sein sollte, und er erklärte laut, er
fürchte weder den Bürgermeister noch den Kaiser und würde diesen zeigen, was
Pomilko vermöchte, wenn sie sich ihn zu beleidigen getrauten. Er hatte aus
erster Ehe eine erwachsene Tochter namens Sorka, ein großes, starkes Mädchen
mit kecken, blitzenden Augen, einem feinen Munde und Zähnen, die fest wie
Kieselsteine und gelbglänzend wie Marmor waren. Als das Mädchen hörte, daß
eine Stiefmutter ins Haus ziehen sollte, erklärte sie dem Vater, sie wolle das
nicht leiden, er möchte davon abstehen, was ihn bewog, die Heirat um so
schneller zu vollziehen. Als Sorka beim ersten gemeinsamen Mittagsmahle fehlte, der Vater sie hereinrief und die Stiefmutter ihr mit saurer Miene die
Suppe in den Teller füllte, schob Sorka denselben so heftig zurück, daß das reine
Tischtuch über und über bespritzt wurde, sagte: „Ich esse nicht, was du gekocht
hast!“ und schaute dem Vater und seiner Frau herausfordernd und mit
verhaltenem Frohlocken ins Gesicht. „So magst du hungern,“ rief der Vater
zornig, „andre Speise gibt es hier für dich nicht!“ Sorka lachte und sagte:
„Lieber such ich mir selbst mein Brot,“ und zog stracks mit einem Bündel
Habseligkeiten aus dem Hause.
Sie nahm, da sie nicht gleich etwas andres fand, bei einem kleinen Bauer
einen Dienst an und hatte bald eine Liebschaft mit dessen Sohn, was der Vater,
der alte Darinko, geschehen ließ, weil er wußte, daß Pomilko seiner Tochter ihr
mütterliches Erbe nicht vorenthalten konnte. Diese Vorgänge hatten den Pomilko
mit übler Laune, Ärger, Zorn und Rachsucht ganz angefüllt, weshalb er die
Gelegenheit, zu zanken, zu raufen und allenfalls jemand totzuschlagen, sogleich
ergriffen hatte.
Der Bürgermeister konnte sich nicht verhehlen, daß eine förmliche
Revolution im Anzuge sei, und in seiner Verlegenheit hielt er eine Ansprache an
das Volk, er würde die Frage wegen des Judengrabes Seiner Majestät dem Kaiser
zur Entscheidung vorlegen, inzwischen möchten sie ihren Geschäften nachgehen
und sich still verhalten, das Gemeinwesen ruhe sicher in seinen Händen. In
Wirklichkeit begab er sich nicht zum Kaiser, sondern zu dem Kommandanten
einer Garnison, die im nächsten Orte lag, und dieser erklärte sich vollständig
damit einverstanden, daß Herr Samuel in jener Ecke des Jeddamer Kirchhofes,
wo die ungetauften Kinder lägen, beerdigt würde, bewilligte auch dem
Bürgermeister eine kleine Abteilung Soldaten für den Fall, daß bei der
Bestattung Ruhestörungen vorkämen.
Es wurde nun der Frau Rosette mitgeteilt, wo und wie sie ihren Gemahl
beerdigen dürfe, und sie wurde zugleich ersucht, das Begräbnis bei Nacht vor
sich gehen zu lassen, damit Ärgernis vermieden würde. Frau Rosettens Stolz
wurde dadurch zwar nicht ganz befriedigt, doch sagte sie sich, daß es sich
eigentlich nicht um ihren Samuel, sondern nur um eine nachgemachte Puppe
handle, und daß sie froh sein müsse, wenn die Schwindelei so bald wie möglich
von der Erde verschwände, und versprach infolgedessen, sich gemäß der
empfangenen Weisung zu verhalten.
Die Bürger von Jeddam hatten angesichts der Soldaten beschlossen, sich in
diese Sache nicht mehr zu mischen, hielten sich aber während des Begräbnisses
in den Häusern, da sie es doch nicht anständig fanden, gegenwärtig zu sein und keinen Tumult zu veranstalten. Es trabte also der schwarzverhangene Wagen
durch die stille Mitternacht, als wäre das Dorf durch Zauberei gebannt oder
versteinert, und nichts war hörbar als das Trotten der Pferde, das Rollen der
Räder und das leise Schwatzen von Frau Rosette und Herrn Ive, die im leichten
Gefährt dem Sarge folgten. Mit Hilfe des Totengräbers wurde der vermeintliche
Samuel aufs Geratewohl in jene verwilderte Ecke gestopft, worauf die Familie,
die unterdessen schon die Koffer gepackt hatte, sich schleunig auf die Reise
begab, um sich mit dem Vater wieder zu vereinigen. Herr Ive blieb einstweilen
wegen der Angelegenheiten, um derentwillen der ganze Betrug angezettelt war,
in Jeddam zurück.
Dort war aber der Kampf noch keineswegs beendet. Es fanden sich nämlich
am Tage nach dem Begräbnis auf der Kirchhofmauer, da, wo die ungetauften
Kinder lagen, allerlei fürwitzige Inschriften angemalt, wie zum Beispiel: Hier ist
Schweinemarkt! oder: Misthaufen von Jeddam! oder: Kehrichthof! und andre
Witze dieser Art, was bald zu den Ohren der Leute kam, die Kinder an dieser
Stelle begraben hatten. An die Spitze der Beleidigten stellte sich der mächtige
Pomilko, dem es ohnehin lieber war, auf seiten der Regierung zu stehen, und der
nicht zweifelte, daß der alte Darinko, bei dem sich seine Tochter befand, ihm
diese Beschimpfung angetan hätte. Dadurch wurde dieser das Haupt einer
geistlichen Partei, die fortfuhr, gegen die Anwesenheit des verstorbenen Samuel
auf dem Kirchhof zu meutern; er leugnete zwar, die Inschriften an der Mauer
verfaßt zu haben, war es aber übrigens wohl zufrieden, aus seiner ärmlichen
Bedeutungslosigkeit herausgerissen zu sein, und raufte und hetzte fröhlich unter
dem Schutze der Kirche und des Pfarrers. Allmählich geriet der tote Jude, der
die Ursache des langwierigen Kampfes gewesen war, bei den beiden Rotten in
Vergessenheit, und sie benutzten die Gelegenheit, um allerlei alten Hader
auszufechten, taten sich alle erdenklichen Übel an, und es gab so viel blutige
Köpfe, gebrochene Gliedmaßen und brennende Scheuern, daß Ärzte, Bader,
Polizei und Löschmannschaft Tag und Nacht vollauf zu tun und zu laufen hatten.
Der Bürgermeister hätte gern zum Pomilko gehalten, der der mächtigste und
begütertste unter den Bauern war und zudem die gerechte Sache vertrat, allein
die geistliche Partei war bei weitem zahlreicher, so daß er es mit dieser auch
nicht verderben wollte. Der Pfarrer war trunken vom Gefühl seiner Wichtigkeit
und triumphierte außer sich: „Feuer ist da! Brand ist da! Vatermord und
Brudermord ist da! Habe ich es nicht prophezeit? Habe ich euch nicht gewarnt?
Jeddam ist verpestet! Durch Unglauben ist es verpestet! Heraus mit der
Eiterbeule von Jeddam! Heraus mit dem ungetauften Gebein aus Jeddam, oder
wir werden alle verderben! Kinder, wir werden alle verderben!“ Und er weinte, weil er durchaus nicht mehr zweifelte, daß es wirklich so wäre. Der
Bürgermeister bat ihn, gleichfalls unter Tränen, dergleichen aufreizende Reden
zu unterlassen und lieber das wütende Heer zu beruhigen, aber er brachte den
Pfarrer dadurch nur noch mehr auf, der entrüstet sagte, er würde seinen Gott
nicht verkaufen und wenn man ihm hundert Goldgulden dafür böte.
Vielleicht wäre Jeddam in Blut und Flammen untergegangen, wenn sich der
Bürgermeister nicht aufgemacht hätte, um noch einmal die Hilfe des
Kommandanten in Anspruch zu nehmen. Die Nachricht, daß der Kaiser an der
Spitze eines Regimentes daherziehe und die Aufrührer niederschmettern würde,
verbreitete lähmenden Schrecken, und einer nach dem andern schlich sich nach
Hause und an seine Arbeit.
„Darinko,“ sagte der Pfarrer an diesem Tage zum Sohne des kleinen
Bauern, der an der Spitze der geistlichen Partei gestanden hatte, „ich verspreche
dir, daß du Sorka heiraten und ihr Erbe ungeschmälert erhalten wirst, wenn du
diese Nacht auf den Kirchhof gehst, den Samuel ausgräbst und in die Melk
wirfst.“
„Das will ich wohl tun,“ sagte der junge Darinko, „und ich wundere mich,
daß wir es nicht schon längst getan haben.“
„Tu es heute,“ sagte der Pfarrer, „und es wird dich nicht gereuen,“ was alles
Darinko der Sorka getreulich wieder erzählte. Sorka erklärte, dem Geliebten in
diesem Unternehmen beistehen zu wollen, da es für ihn allein eine schwierige
Sache gewesen wäre, denn er mußte sich mit vielen Werkzeugen versehen, nicht
nur um das Grab, sondern auch um den schweren Sarg aus Eichenholz zu öffnen,
den er nicht bis zum Flusse hätte tragen können. Als es völlig Nacht und rings
alles still war, stahlen sie sich aus dem väterlichen Hof und machten sich auf den
Weg. Es war eine lange und harte Arbeit, das Grab des Samuel zu finden, das auf
keinerlei Art bezeichnet war, und sie mußten graben und wühlen, daß ihnen der
Schweiß von der Stirne troff, bis sie endlich auf den großen Sarg stießen, den sie
als den richtigen erkannten. Sie atmeten erleichtert auf, und da sie noch eine
Weile Zeit hatten, kauerten sie sich nebeneinander auf die aufgeworfene Erde
nieder, und Sorka holte Brot, Käse und eine Flasche Bier hervor, die sie zur
Stärkung mitgenommen hatte. Ohnehin vergnügt über die Aussicht auf die
Heirat, die ihnen der Pfarrer eröffnet hatte, teilten sie das Essen miteinander,
faßten sich bei den Händen und küßten sich, und Sorka sagte: „Meinetwegen
hätte der alte Jude hier können liegen bleiben, der Stiefmutter zum Tort.“
„War sie wirklich so schrecklich böse?“ fragte Darinko neugierig.
„Sie war nicht böser als ich,“ sagte Sorka, „aber ich mochte sie nicht leiden,
und darum bin ich weggelaufen und lache, wenn sie sich ärgert,“ und sie lachte,
daß ihre gelben Zähne glänzten.
Sie hatten inzwischen die Arbeit wieder aufgenommen und machten sich
daran, den Sarg zu öffnen, was um so schwieriger war, als sie sich bemühen
mußten, so wenig Lärm wie möglich dabei zu machen. Als es gelungen war,
hielt Darinko einen Augenblick inne und sagte: „Jetzt kommt das schwerste
Geschäft; es ist dunkle Mitternacht, und wir sind ganz allein.“ Sorka sah ihn
listig an und sagte: „Fürchtest du dich? Hast du dich doch nicht gefürchtet, als
du mir den ersten Kuß gabst, und ich hätte dir doch ebensogut eine Ohrfeige
geben können wie der tote Jude?“
Darinko fühlte seinen Mut durch die Erinnerung an dieses Heldenstück neu
belebt, schlug den Deckel zurück und faßte den, der im Sarge lag, um den Leib,
in der Absicht, geschwind, ohne ihn anzusehen, mit ihm davonzulaufen und ihn
in die Melk zu werfen. Kaum hatte er ihn aber gefaßt, als er ihn mit einem Schrei
wieder fallen ließ, etwas so Unerwartetes und Unheimliches war es, den
Strohbalg zu berühren. Sorka lachte hell auf über die Bangigkeit des Darinko
und beugte sich über die zusammengefallene Puppe, um zu sehen, was es da
Fürchterliches gäbe. Als sie inne wurden, daß sie wirklich nur eine ausgestopfte
Figur mit Larve und Wachshänden vor sich hatten, blieb dem Darinko vor
Erstaunen der Mund offen stehen, während Sorka so unmäßig lachte, daß sie
sich auf die Erde werfen und hin und her wälzen mußte. „Was kann das
bedeuten?“ fragte endlich Darinko, der unsicher war, ob es sich vielleicht um
eine zauberhafte Verwandlung oder sonst eine höllische Kunst handelte. „Was
geht das uns an?“ sagte Sorka. „Wir können keinen andern Samuel in die Melk
werfen als den, den wir gefunden haben; ob es der richtige ist, das ist nicht unsre
Sache.“ Sie war unterdessen aufgestanden und untersuchte die Puppe eifrig unter
fortwährendem Gelächter, wobei sie denn auch den herrlichen Diamantring
entdeckte, der noch am Zeigefinger der einen Wachshand saß, sei es, daß Frau
Rosette ihn vergessen hatte, oder daß sie ihn absichtlich als ein freiwilliges
Opfer zum glücklichen Ausgang des dreisten Abenteuers hatte mit begraben
lassen. Jetzt erschrak auch Sorka und fuhr zurück im Gedanken, es könnte hier
Gott weiß was für eine Teufelsschlinge verborgen sein; doch gewöhnte sie sich
schnell an die Seltsamkeit und kam zu der Überzeugung, der Ring sei ein
kostbarer Ring und nichts weiter, den sie mit Fug und Recht als Belohnung für
ihre Arbeit an sich nehmen und für sich behalten könnten. Sie bemächtigten sich
des Ringes, gaben sich gegenseitig das Wort, über ihre Entdeckungen gegen
jedermann zu schweigen, und fast berauscht vor Glückseligkeit kugelten und tummelten sie sich noch eine geraume Weile auf dem nächtlichen Friedhof; dann
schleppte Darinko den Balg in die Melk, während Sorka den leeren Sarg wieder
eingrub, die Erde darüberschaufelte und alles so machte, wie es zuvor gewesen
war.
Die Soldaten, die am andern Tage in Jeddam einrückten, fanden nichts mehr
zu tun, und da die Rädelsführer bei den verschiedenen Brandstiftungen,
Raufereien und andern Missetaten schwer festzustellen waren, kam es auch nicht
zu erheblichen Bestrafungen.
Nach einiger Zeit, als in weiter Ferne der arglose Herr Samuel, dem die
Familie die Vorfälle in Jeddam verschwiegen hatte, damit er sich nicht etwa eine
Kränkung daraus zöge, das gute alte häßliche Gesicht von Wiedersehensfreude
glänzend, seine Lieben in die Arme schloß, saß der Pfarrer von Jeddam beim
Bürgermeister zu Tisch, und der letztere sagte: „Jedermann weiß, daß Ehrwürden
in der Theologie und allen Dingen der Gottesfurcht weiser sind als meine
Wenigkeit. Doch kann ich die Bemerkung nicht unterdrücken, daß Pestilenz,
Feuersbrunst und Kriegsnot vorüber sind, seit die Soldaten bei uns einrückten,
wiewohl der tote Samuel nach wie vor inmitten der ungetauften Kinder begraben
liegt.“
„Das tut er bei Gott nicht,“ triumphierte der Pfarrer und schlug mit der
Faust auf den Tisch, daß es klirrte. „In der Nacht, ehe die Soldaten kamen, habe
ich ihn ausgraben und in die Melk werfen lassen, die ihn wohl längst ins Meer
geschwemmt hat, wo er bei Fischen und anderm Unrat liegen bleiben mag.“
Der Bürgermeister war so verblüfft, daß er nicht wußte, ob er lachen oder
zornig werden sollte. „Meint Ihr wirklich,“ fragte er endlich, „daß das die
Ursache ist, warum Frieden und Wohlergehen wieder bei uns eingekehrt sind?“
„Was sonst?“ rief der Pfarrer; „unser Gemeinwesen war in großer Gefahr,
und ich habe es gerettet, doch prahle ich nicht laut damit, sondern gebe Gott die
Ehre.“ Und er erhob das volle Weinglas und hielt es dem Bürgermeister zum
Anstoßen hin, der, obwohl ihn seine Niederlage wurmte, es für das Feinste hielt,
zu schweigen und zu trinken.