Das Käthchen von Heilbronn: Oder, die Feuerprobe
Der Graf vom Strahl. Ruhig, ruhig.
Zweite Tante. Wir sind verloren! Wir sind gespießt.
Der Graf vom Strahl. Wo ist Fräulein Kunigunde, eure Nichte?
Erste Tante. Das Fräulein, unsre Nichte?
Kunigunde (im Schloß). Helft! Ihr Menschen! Helft!
Der Graf vom Strahl. Gott im Himmel! War das nicht ihre Stimme? (Er gibt Schild und Lanze an Käthchen.)
Erste Tante. Sie rief!—Eilt, eilt!
Zweite Tante. Dort erscheint sie im Portal!
Erste Tante. Geschwind! Um aller Heiligen! Sie wankt, sie fällt!
Zweite Tante. Eilt sie zu unterstützen!
Zwölfter Auftritt
Kunigunde von Thurneck. Die Vorigen.
Der Graf vom Strahl (empfängt sie in seinen Armen). Meine Kunigunde!
Kunigunde (schwach). Das Bild, das Ihr mir jüngst geschenkt, Graf Friedrich! Das Bild mit dem Futtral!
Der Graf vom Strahl. Was solls? Wo ists?
Kunigunde. Im Feu'r! Weh mir! Helft! Rettet! Es verbrennt.
Der Graf vom Strahl. Laßt, laßt! Habt Ihr mich selbst nicht, Teuerste?
Kunigunde. Das Bild mit dem Futtral, Herr Graf vom Strahl! Das Bild mit dem Futtral!
Käthchen (tritt vor). Wo liegts, wo stehts?
(Sie gibt Schild und Lanze an Flammberg.)
Kunigunde. Im Schreibtisch! Hier, mein Goldkind, ist der Schlüssel!
(Käthchen geht.)
Der Graf vom Strahl. Hör, Käthchen!
Kunigunde. Eile!
Der Graf vom Strahl. Hör, mein Kind!
Kunigunde. Hinweg! Warum auch stellt Ihr wehrend Euch—?
Der Graf vom Strahl. Mein Fräulein, Ich will zehn andre Bilder Euch statt dessen-Kunigunde (unterbricht ihn). Dies brauch ich, dies; sonst keins!—Was es mir gilt, Ist hier der Ort jetzt nicht, Euch zu erklären.—Geh, Mädchen geh, schaff Bild mir und Futtral: Mit einem Diamanten lohn ichs dir!
Der Graf vom Strahl. Wohlan, so schaffs! Es ist der Törin recht! Was hatte sie an diesem Ort zu suchen?
Käthchen. Das Zimmer—rechts?
Kunigunde. Links, Liebchen; eine Treppe, Dort, wo der Altan, schau, den Eingang ziert!
Käthchen. Im Mittelzimmer?
Kunigunde. In dem Mittelzimmer! Du fehlst nicht, lauf; denn die Gefahr ist dringend!
Käthchen. Auf! Auf! Mit Gott! Mit Gott! Ich bring es Euch! (Ab.)
Dreizehnter Auftritt
Die Vorigen, ohne Käthchen.
Der Graf vom Strahl. Ihr Leut, hier ist ein Beutel Gold für den, Der in das Haus ihr folgt!
Kunigunde. Warum? Weshalb?
Der Graf vom Strahl. Veit Schmidt! Hans, du! Karl Böttiger! Fritz Töpfer! Ist niemand unter euch?
Kunigunde. Was fällt Euch ein?
Der Graf vom Strahl. Mein Fräulein, in der Tat, ich muß gestehn-Kunigunde. Welch ein besondrer Eifer glüht Euch an?—Was ist dies für ein Kind?
Der Graf vom Strahl.—Es ist die Jungfrau, Die heut mit so viel Eifer uns gedient.
Kunigunde. Bei Gott, und wenns des Kaisers Tochter wäre! - Was fürchtet Ihr? Das Haus, wenn es gleich brennt, Steht, wie ein Fels, auf dem Gebälke noch; Sie wird, auf diesem Gang, nicht gleich verderben. Die Treppe war noch unberührt vom Strahl; Rauch ist das einzge Übel, das sie findet.
Käthchen (erscheint in einem brennenden Fenster) Mein Fräulein! He! Hilf Gott! Der Rauch erstickt mich! - Es ist der rechte Schlüssel nicht.
Der Graf vom Strahl (zu Kunigunden). Tod und Teufel! Warum regiert Ihr Eure Hand nicht besser?
Kunigunde. Der rechte Schlüssel nicht?
Käthchen (mit schwacher Stimme). Hilf Gott! Hilf Gott!
Der Graf vom Strahl. Komm herab, mein Kind!
Kunigunde. Laßt, laßt!
Der Graf vom Strahl. Komm herab, sag ich! Was sollst du ohne Schlüssel dort? Komm herab!
Kunigunde. Laßt einen Augenblick—!
Der Graf vom Strahl. Wie? Was, zum Teufel!
Kunigunde. Der Schlüssel, liebes Herzens-Töchterchen, Hängt, jetzt erinnr' ich michs, am Stift des Spiegels, Der überm Putztisch glänzend eingefugt!
Käthchen. Am Spiegelstift?
Der Graf vom Strahl. Beim Gott der Welt! Ich wollte, Er hätte nie gelebt, der mich gezeichnet, Und er, der mich gemacht hat, obenein! - So such!
Kunigunde. Mein Augenlicht! Am Putztisch, hörst du?
Käthchen (indem sie das Fenster verläßt). Wo ist der Putztisch? Voller Rauch ist alles.
Der Graf vom Strahl. Such!
Kunigunde. An der Wand rechts.
Käthchen (unsichtbar). Rechts?
Der Graf vom Strahl. Such, sag ich!
Käthchen (schwach). Hilf Gott! Hilf Gott! Hilf Gott!
Der Graf vom Strahl. Ich sage, such!—Verflucht die hündische Dienstfertigkeit!
Flammberg. Wenn sie nicht eilt: das Haus stürzt gleich zusammen!
Der Graf vom Strahl. Schafft eine Leiter her!
Kunigunde. Wie, mein Geliebter?
Der Graf vom Strahl. Schafft eine Leiter her! Ich will hinauf.
Kunigunde. Mein teurer Freund! Ihr selber wollt—?
Der Graf vom Strahl. Ich bitte! Räumt mir den Platz! Ich will das Bild Euch schaffen
Kunigunde. Harrt einen Augenblick noch, ich beschwör Euch. Sie bringt es gleich herab.
Der Graf vom Strahl. Ich sage, laßt mich!—Putztisch und Spiegel ist, und Nagelstift, Ihr unbekannt, mir nicht; ich finds heraus, Das Bild von Kreid und Öl auf Leinewand, Und brings Euch her, nach Eures Herzens Wunsch.
(Vier Knechte bringen eine Feuerleiter.)
- Hier! Legt die Leiter an!
Erster Knecht (vorn, indem er sich umsieht). Holla! Da hinten!
Ein anderer (zum Grafen). Wo?
Der Graf vom Strahl. Wo das Fenster offen ist.
Die Knechte (heben die Leiter auf). Oha!
Der erste (vorn). Blitz! Bleibt zurück, ihr hinten da! Was macht ihr? Die Leiter ist zu lang!
Die anderen (hinten). Das Fenster ein! Das Kreuz des Fensters eingestoßen! So!
Flammberg (der mit geholfen). Jetzt steht die Leiter fest und rührt sich nicht!
Der Graf vom Strahl (wirft sein Schwert weg). - Wohlan denn!
Kunigunde. Mein Geliebter! Hört mich an!
Der Graf vom Strahl. Ich bin gleich wieder da!
(Er setzt einen Fuß auf die Leiter.)
Flammberg (aufschreiend). Halt! Gott im Himmel!
Kunigunde (eilt erschreckt von der Leiter weg). Was gibts?
Die Knechte. Das Haus sinkt! Fort zurücke!
Alle. Heiland der Welt! Da liegts in Schutt und Trümmern!
(Das Haus sinkt zusammen, der Graf wendet sich, und drückt beide Hände vor die Stirne; alles, was auf der Bühne ist, weicht zurück und wendet sich gleichfalls ab.—Pause.)
Vierzehnter Auftritt
Käthchen tritt rasch, mit einer Papierrolle, durch ein großes Portal, das stehen geblieben ist, auf; hinter ihr ein Cherub in der Gestalt eines Jünglings, von Licht umflossen, blondlockig, Fittiche an den Schultern und einen Palmzweig in der Hand.
Käthchen (so wie sie aus dem Portal ist, kehrt sie sich, und stürzt vor ihm nieder). Schirmt mich, ihr Himmlischen! Was widerfährt mir?
Der Cherub (berührt ihr Haupt mit der Spitze des Palmenzweigs, und verschwindet).
(Pause.)
Fünfzehnter Auftritt
Die Vorigen ohne den Cherub.
Kunigunde (sieht sich zuerst um). Nun, beim lebendgen Gott, ich glaub, ich träume!—Mein Freund! Schaut her!
Der Graf vom Strahl (vernichtet). Flammberg!
(Er stützt sich auf seine Schulter.)
Kunigunde. Ihr Vettern! Tanten! Herr Graf! so hört doch an!
Der Graf vom Strahl (schiebt sie von sich). Geht, geht!—Ich bitt Euch!
Kunigunde. Ihr Toren! Seid ihr Säulen Salz geworden? Gelöst ist alles glücklich.
Der Graf vom Strahl (mit abgewandtem Gesicht). Trostlos mir! Die Erd hat nichts mehr Schönes. Laßt mich sein.
Flammberg (zu den Knechten). Rasch, Brüder, rasch!
Ein Knecht. Herbei, mit Harken, Spaten!
Ein anderer. Laßt uns den Schutt durchsuchen, ob sie lebt!
Kunigunde (scharf). Die alten, bärtgen Gecken, die! das Mädchen, Das sie verbrannt zur Feuersasche glauben, Frisch und gesund am Boden liegt sie da, Die Schürze kichernd vor dem Mund, und lacht!
Der Graf vom Strahl (wendet sich). Wo?
Kunigunde. Hier!
Flammberg. Nein, sprecht! Es ist nicht möglich.
Die Tanten. Das Mädchen wär—?
Alle. O Himmel! Schaut! Da liegt sie.
Der Graf vom Strahl (tritt zu ihr und betrachtet sie). Nun über dich schwebt Gott mit seinen Scharen!
(Er erhebt sie vom Boden.) Wo kommst du her?
Käthchen. Weiß nit, mein hoher Herr.
Der Graf vom Strahl. Hier stand ein Haus, dünkt mich, und du warst drin. -Nicht? Wars nicht so?
Flammberg.—Wo warst du als es sank?
Käthchen. Weiß nit, ihr Herren, was mir widerfahren.
(Pause.)
Der Graf vom Strahl. Und hat noch obenein das Bild.
(Er nimmt ihr die Rolle aus der Hand.)
Kunigunde (reißt sie an sich). Wo?
Der Graf vom Strahl. Hier.
Kunigunde (erblaßt).
Der Graf vom Strahl. Nicht? Ists das Bild nicht?—Freilich!
Die Tanten. Wunderbar!
Flammberg. Wer gab dir es? Sag an!
Kunigunde (indem sie ihr mit der Rolle einen Streich auf die Backen gibt).
Die dumme Trine! Hatt ich ihr nicht gesagt, das Futteral?
Der Graf vom Strahl Nun, beim gerechten Gott, das muß ich sagen - Ihr wolltet das Futtral?
Kunigunde. Ja und nichts anders! Ihr hattet Euren Namen drauf geschrieben; Er war mir wert, ich hatts ihr eingeprägt.
Der Graf vom Strahl. Wahrhaftig, wenn es sonst nichts war-Kunigunde. So? meint Ihr? Das kommt zu prüfen mir zu und nicht Euch.
Der Graf vom Strahl. Mein Fräulein, Eure Güte macht mich stumm.
Kunigunde (zu Käthchen). Warum nahmst dus heraus, aus dem Futteral?
Der Graf vom Strahl. Warum nahmst dus heraus, mein Kind?
Käthchen. Das Bild?
Der Graf vom Strahl. Ja!
Käthchen. Ich nahm es nicht heraus, mein hoher Herr. Das Bild, halb aufgerollt, im Schreibtischwinkel, Den ich erschloß, lag neben dem Futtral.
Kunigunde. Fort!—das Gesicht der Äffin!
Der Graf vom Strahl. Kunigunde!-Käthchen. Hätt ichs hinein erst wieder ordentlich In das Futtral—?
Der Graf vom Strahl. Nein, nein, mein liebes Käthchen! Ich lobe dich, du hast es recht gemacht. Wie konntest du den Wert der Pappe kennen?
Kunigunde. Ein Satan leitet' ihr die Hand!
Der Graf vom Strahl. Sei ruhig!—Das Fräulein meint es nicht so bös. —Tritt ab.
Käthchen. Wenn du mich nur nicht schlägst, mein hoher Herr!
(Sie geht zu Flammberg und mischt sich im Hintergrund unter die Knechte.)
Sechzehnter Auftritt
Die Herren von Thurneck. Die Vorigen.
Ritter von Thurneck. Triumph, ihr Herrn! Der Sturm ist abgeschlagen! Der Rheingraf zieht mit blutgem Schädel heim!
Flammberg. Was! Ist er fort?
Volk. Heil, Heil!
Der Graf vom Strahl. Zu Pferd, zu Pferd! Laßt uns den Sturzbach ungesäumt erreichen, So schneiden wir die ganze Rotte ab!
(Alle ab.)
Vierter Akt
Szene: Gegend im Gebirg, mit Wasserfällen und einer Brücke.
Erster Auftritt
Der Rheingraf vom Stein, zu Pferd, zieht mit einem Troß Fußvolk über die Brücke. Ihnen folgt der Graf vom Strahl zu Pferd; bald darauf Ritter Flammberg mit Knechten und Reisigen zu Fuß. Zuletzt Gottschalk gleichfalls zu Pferd, neben ihm das Käthchen.
Rheingraf (zu dem Troß). Über die Brücke, Kinder, über die Brücke! Dieser Wetter vom Strahl kracht, wie vom Sturmwind getragen, hinter uns drein; wir müssen die Brücke abwerfen, oder wir sind alle verloren! (Er reitet über die Brücke.)
Knechte des Rheingrafen (folgen ihm). Reißt die Brücke nieder! (Sie werfen die Brücke ab.)
Der Graf vom Strahl (erscheint in der Szene, sein Pferd tummelnd). Hinweg!—Wollt ihr den Steg unberührt lassen?
Knechte des Rheingrafen (schießen mit Pfeilen auf ihn). Hei! Diese Pfeile zur Antwort dir!
Der Graf vom Strahl (wendet das Pferd). Meuchelmörder!—He! Flammberg!
Käthchen (hält eine Rolle in die Höhe). Mein hoher Herr!
Der Graf vom Strahl (zu Flammberg). Die Schützen her!
Rheingraf (über den Fluß rufend). Auf Wiedersehn, Herr Graf! Wenn Ihr schwimmen könnt, so schwimmt; auf der Steinburg, diesseits der Brücke, sind wir zu finden. (Ab mit dem Troß.)
Der Graf vom Strahl. Habt Dank ihr Herrn! Wenn der Fluß trägt, so sprech ich bei euch ein! (Er reitet hindurch.)
Ein Knecht (aus seinem Troß). Halt! zum Henker! nehmt Euch in acht!
Käthchen (am Ufer zurückbleibend). Herr Graf vom Strahl!
Ein anderer Knecht. Schafft Balken und Bretter her!
Flammberg. Was! bist du ein Jud?
Alle. Setzt hindurch! Setzt hindurch! (Sie folgen ihm.)
Der Graf vom Strahl. Folgt! Folgt! Es ist ein Forellenbach, weder breit noch tief! So recht! So recht! Laßt uns das Gesindel völlig in die Pfanne hauen! (Ab mit dem Troß.)
Käthchen. Herr Graf vom Strahl! Herr Graf vom Strahl!
Gottschalk (wendet mit dem Pferde um). Ja, was lärmst und schreist du?—Was hast du hier im Getümmel zu suchen? Warum läufst du hinter uns drein?
Käthchen (hält sich an einem Stamm). Himmel!
Gottschalk (indem er absteigt). Komm! Schürz und schwinge dich! Ich will das Pferd an die Hand nehmen, und dich hindurch führen.
Der Graf vom Strahl (hinter der Szene). Gottschalk!
Gottschalk. Gleich, gnädiger Herr, gleich! Was befehlt Ihr?
Der Graf vom Strahl. Meine Lanze will ich haben!
Gottschalk (hilft das Käthchen in den Steigbügel). Ich bringe sie schon!
Käthchen. Das Pferd ist scheu.
Gottschalk (reißt das Pferd in den Zügel). Steh, Mordmähre!—So zieh dir Schuh und Strümpfe aus!
Käthchen (setzt sich auf einen Stein). Geschwind!
Der Graf vom Strahl (außerhalb). Gottschalk!
Gottschalk. Gleich, gleich! Ich bringe die Lanze schon.—Was hast du denn da in der Hand?
Käthchen (indem sie sich auszieht). Das Futteral, Lieber, das gestern—nun!
Gottschalk. Was! Das im Feuer zurück blieb?
Käthchen. Freilich! Um das ich gescholten ward. Früh morgens, im Schutt, heut sucht ich nach und durch Gottes Fügung—nun, so! (Sie zerrt sich am Strumpf.)
Gottschalk. Je, was der Teufel! (Er nimmt es ihr aus der Hand.) Und unversehrt, bei meiner Treu, als wärs Stein!—Was steckt denn drin?
Käthchen. Ich weiß nicht.
Gottschalk (nimmt ein Blatt heraus). "Akte, die Schenkung, Stauffen betreffend, von Friedrich Grafen vom Strahl"—Je, verflucht!
Der Graf vom Strahl (draußen). Gottschalk!
Gottschalk. Gleich, gnädiger Herr, gleich!
Käthchen (steht auf). Nun bin ich fertig!
Gottschalk. Nun, das mußt du dem Grafen geben! (Er gibt ihr das Futtral wieder.) Komm, reich mir die Hand, und folg mir! (Er führt sie und das Pferd durch den Bach.)
Käthchen (mit dem ersten Schritt ins Wasser). Ah!
Gottschalk. Du mußt dich ein wenig schürzen.
Käthchen. Nun, bei Leibe, schürzen nicht! (Sie steht still.)
Gottschalk. Bis an den Zwickel nur, Käthchen!
Käthchen. Nein! Lieber such ich mir einen Steg! (Sie kehrt um.)
Gottschalk (hält sie). Bis an den Knöchel nur, Kind! bis an die äußerste, unterste Kante der Sohle!
Käthchen. Nein, nein, nein, nein; ich bin gleich wieder bei dir! (Sie macht sich los, und läuft weg.)
Gottschalk (kehrt aus dem Bach zurück, und ruft ihr nach). Käthchen! Käthchen! Ich will mich umkehren! Ich will mir die Augen zuhalten! Käthchen! Es ist kein Steg auf Meilenweite zu finden!—Ei so wollt ich, daß ihr der Gürtel platzte! Da läuft sie am Ufer entlang, der Quelle zu, den weißen schroffen Spitzen der Berge; mein Seel, wenn sich kein Fährmann ihrer erbarmt, so geht sie verloren!
Der Graf vom Strahl (draußen). Gottschalk! Himmel und Erde! Gottschalk!
Gottschalk. Ei, so schrei du!—Hier, gnädiger Herr; ich komme schon. (Er leitet sein Pferd mürrisch durch den Bach.—Ab.)
Szene: Schloß Wetterstrahl. Platz, dicht mit Bäumen bewachsen, am äußeren zerfallenen Mauernring der Burg. Vorn ein Holunderstrauch, der eine Art von natürlicher Laube bildet, worunter von Feldsteinen, mit einer Strohmatte bedeckt, ein Sitz. An den Zweigen sieht man ein Hemdchen und ein Paar Strümpfe usw. zum Trocknen aufgehängt.
Zweiter Auftritt
Käthchen liegt und schläft. Der Graf vom Strahl tritt auf.
Der Graf vom Strahl (indem er das Futteral in den Busen steckt). Gottschalk, der mir dies Futteral gebracht, hat mir gesagt, das Käthchen wäre wieder da. Kunigunde zog eben, weil ihre Burg niedergebrannt ist, in die Tore der meinigen ein; da kommt er und spricht: unter dem Holunderstrauch läge sie wieder da, und schliefe; und bat mich, mit tränenden Augen, ich möchte ihm doch erlauben, sie in den Stall zu nehmen. Ich sagte, bis der alte Vater, der Theobald sich aufgefunden, würd ich ihr in der Herberge ein Unterkommen verschaffen; und indessen hab ich mich herabgeschlichen, um einen Entwurf mit ihr auszuführen. —Ich kann diesem Jammer nicht mehr zusehen. Dies Mädchen, bestimmt, den herrlichsten Bürger von Schwaben zu beglücken, wissen will ich, warum ich verdammt bin, sie einer Metze gleich, mit mir herum zu führen; wissen, warum sie hinter mir herschreitet, einem Hunde gleich, durch Feuer und Wasser, mir Elenden, der nichts für sich hat, als das Wappen auf seinem Schild. —Es ist mehr, als der bloße sympathetische Zug des Herzens; es ist irgend von der Hölle angefacht, ein Wahn, der in ihrem Busen sein Spiel treibt. So oft ich sie gefragt habe: Käthchen! Warum erschrakst du doch so, als du mich zuerst in Heilbronn sahst? hat sie mich immer zerstreut angesehen, und dann geantwortet: Ei, gestrenger Herr! Ihr wißts ja!—Dort ist sie!—Wahrhaftig, wenn ich sie so daliegen sehe, mit roten Backen und verschränkten Händchen, so kommt die ganze Empfindung der Weiber über mich, und macht meine Tränen fließen. Ich will gleich sterben, wenn sie mir nicht die Peitsche vergeben hat—ach! was sag ich? wenn sie nicht im Gebet für mich, der sie mißhandelte, eingeschlafen!— Doch rasch, ehe Gottschalk kommt, und mich stört. Dreierlei hat er mir gesagt: einmal daß sie einen Schlaf hat, wie ein Murmeltier, zweitens, daß sie, wie ein Jagdhund, immer träumt, und drittens, daß sie im Schlaf spricht; und auf diese Eigenschaften hin, will ich meinen Versuch gründen.—Tue ich eine Sünde, so mag sie mir Gott verzeihen.
(Er läßt sich auf Knieen vor ihr nieder und legt seine beiden Arme sanft um ihren Leib.—Sie macht eine Bewegung als ob sie erwachen wollte, liegt aber gleich wieder still.)
Der Graf vom Strahl. Käthchen! Schläfst du?
Käthchen. Nein, mein verehrter Herr.
(Pause.)
Der Graf vom Strahl. Und doch hast du die Augenlider zu.
Käthchen. Die Augenlider?
Der Graf vom Strahl. Ja; und fest, dünkt mich.
Käthchen. - Ach, geht
Der Graf vom Strahl. Was! Nicht? Du hättst die Augen auf?
Käthchen. Groß auf, so weit ich kann, mein bester Herr; Ich sehe dich ja wie du zu Pferde sitzest.
Der Graf vom Strahl. So!—Auf dem Fuchs—nicht?
Käthchen. Nicht doch! Auf dem Schimmel.
(Pause.)
Der Graf vom Strahl. Wo bist du denn, mein Herzchen? Sag mir an.
Käthchen. Auf einer schönen grünen Wiese bin ich, Wo alles bunt und voller Blumen ist.
Der Graf vom Strahl. Ach, die Vergißmeinnicht! Ach, die Kamillen!
Käthchen. Und hier die Veilchen; schaut ein ganzer Busch.
Der Graf vom Strahl. Ich will vom Pferde niedersteigen, Käthchen, Und mich ins Gras ein wenig zu dir setzen. - Soll ich?
Käthchen. Das tu, mein hoher Herr.
Der Graf vom Strahl (als ob er riefe). He! Gottschalk!—Wo laß ich doch das Pferd;—Gottschalk! Wo bist du?
Käthchen. Je, laß es stehn. Die Liese läuft nicht weg.
Der Graf vom Strahl (lächelt). Meinst du?—Nun denn, so seis!
(Pause.—Er rasselt mit seiner Rüstung.)
Mein liebes Käthchen!
(Er faßt ihre Hand.)
Käthchen. Mein hoher Herr!
Der Graf vom Strahl. Du bist mir wohl recht gut.
Käthchen. Gewiß! Von Herzen.
Der Graf vom Strahl. Aber ich—was meinst du? Ich nicht.
Käthchen (lächelnd). O Schelm!
Der Graf vom Strahl. Was, Schelm! Ich hoff—?
Käthchen. O geh! Verliebt ja, wie ein Käfer, bist du mir.
Der Graf vom Strahl. Ein Käfer! Was! Ich glaub du bist-Käthchen. Was sagst du?
Der Graf vom Strahl (mit einem Seufzer). Ihr Glaub ist, wie ein Turm, so fest gegründet!—Seis! Ich ergebe mich darin.—Doch, Käthchen, Wenns ist, wie du mir sagst-Käthchen. Nun? Was beliebt?
Der Graf vom Strahl. Was, sprich, was soll draus werden?
Käthchen. Was draus soll werden?
Der Graf vom Strahl. Ja! hast dus schon bedacht?
Käthchen. Je, nun.
Der Graf vom Strahl.—Was heißt das?
Käthchen. Zu Ostern, übers Jahr, wirst du mich heuern.
Der Graf vom Strahl (das Lachen verbeißend). So! Heuern! In der Tat! Das wußt ich nicht! Kathrinchen, schau!—Wer hat dir das gesagt?
Käthchen. Das hat die Mariane mir gesagt.
Der Graf vom Strahl. So! Die Mariane! Ei!—Wer ist denn das?
Käthchen. Das ist die Magd, die sonst das Haus uns fegte.
Der Graf vom Strahl. Und die, die wußt es wiederum—von wem?
Käthchen. Die sahs im Blei, das sie geheimnisvoll In der Silvesternacht, mir zugegossen.
Der Graf vom Strahl. Was du mir sagst! Da prophezeite sie—?
Käthchen. Ein großer, schöner Ritter würd mich heuern.
Der Graf vom Strahl. Und nun meinst du so frischweg, das sei ich?
Käthchen. Ja, mein verehrter Herr.
(Pause.)
Der Graf vom Strahl (gerührt).—Ich will dir sagen, Mein Kind, ich glaub, es ist ein anderer. Der Ritter Flammberg. Oder sonst. Was meinst du?
Käthchen. Nein, nein!
Der Graf vom Strahl. Nicht?
Käthchen. Nein, nein, nein!
Der Graf vom Strahl. Warum nicht? Rede!
Käthchen. - Als ich zu Bett ging, da das Blei gegossen, In der Silvesternacht, bat ich zu Gott, Wenns wahr wär, was mir die Mariane sagte, Möcht er den Ritter mir im Traume zeigen. Und da erschienst du ja, um Mitternacht, Leibhaftig, wie ich jetzt dich vor mir sehe, Als deine Braut mich liebend zu begrüßen.
Der Graf vom Strahl. Ich wär dir—? Herzchen! Davon weiß ich nichts. - Wann hätt ich dich—?
Käthchen. In der Silvesternacht. Wenn wiederum Silvester kommt, zwei Jahr.
Der Graf vom Strahl. Wo? In dem Schloß zu Strahl?
Käthchen. Nicht! In Heilbronn; Im Kämmerlein, wo mir das Bette steht.
Der Graf vom Strahl. Was du da schwatzst, mein liebes Kind.—Ich lag Und obenein todkrank, im Schloß zu Strahl.
(Pause.—Sie seufzt, bewegt sich, und lispelt etwas.)
Der Graf vom Strahl. Was sagst du?
Käthchen. Wer?
Der Graf vom Strahl. Du!
Käthchen. Ich? Ich sagte nichts.
(Pause.)
Der Graf vom Strahl (für sich). Seltsam, beim Himmel! In der Silvesternacht— (Er träumt vor sich nieder.) - Erzähl mir doch etwas davon, mein Käthchen! Kam ich allein?
Käthchen. Nein, mein verehrter Herr.
Der Graf vom Strahl. Nicht?—Wer war bei mir?
Käthchen. Ach, so geh!
Der Graf vom Strahl. So rede!
Käthchen. Das weißt du nicht mehr?
Der Graf vom Strahl. Nein, so wahr ich lebe.
Käthchen. Ein Cherubim, mein hoher Herr, war bei dir, Mit Flügeln, weiß wie Schnee, auf beiden Schultern, Und Licht—o Herr! das funkelte! das glänzte!— Der führt', an seiner Hand, dich zu mir ein.
Der Graf vom Strahl (starrt sie an). So wahr, als ich will selig sein, ich glaube, Da hast du recht!
Käthchen. Ja, mein verehrter Herr.
Der Graf vom Strahl (mit beklemmter Stimme). Auf einem härnen Kissen lagst du da, Das Bettuch weiß, die wollne Decke rot?
Käthchen. Ganz recht! so wars!
Der Graf vom Strahl. Im bloßen leichten Hemdchen?
Käthchen. Im Hemdchen?—Nein.
Der Graf vom Strahl. Was! Nicht?
Käthchen. Im leichten Hemdchen?
Der Graf vom Strahl. Mariane, riefst du?
Käthchen. Mariane, rief ich! Geschwind! Ihr Mädchen! Kommt doch her, Christine!
Der Graf vom Strahl. Sahst groß, mit schwarzem Aug, mich an?
Käthchen. Ja, weil ich glaubt, es wär ein Traum.
Der Graf vom Strahl. Stiegst langsam, An allen Gliedern zitternd, aus dem Bett, Und sankst zu Füßen mir—?
Käthchen. Und flüsterte-Der Graf vom Strahl (unterbricht sie). Und flüstertest, mein hochverehrter Herr!
Käthchen (lächelnd). O Nun! Siehst du wohl?—Der Engel zeigte dir-Der Graf vom Strahl. Das Mal—Schützt mich, ihr Himmlischen! Das hast du?
Käthchen. Je, freilich!
Der Graf vom Strahl (reißt ihr das Tuch ab).
Wo? Am Halse?
Käthchen (bewegt sich). Bitte, bitte.
Der Graf vom Strahl. O ihr Urewigen!—Und als ich jetzt, Dein Kinn erhob, ins Antlitz dir zu schauen?
Käthchen. Ja, da kam die unselige Mariane Mit Licht—und alles war vorbei; Ich lag im Hemdchen auf der Erde da, Und die Mariane spottete mich aus.
Der Graf vom Strahl. Nun steht mir bei, ihr Götter: ich bin doppelt! Ein Geist bin ich und wandele zur Nacht!
(Er läßt sie los und springt auf.)
Käthchen (erwacht). Gott, meines Lebens Herr! Was widerfährt mir!
(Sie steht auf und sieht sich um.)
Der Graf vom Strahl. Was mir ein Traum schien, nackte Wahrheit ists: Im Schloß zu Strahl, todkrank am Nervenfieber, Lag ich danieder, und hinweggeführt, Von einem Cherubim, besuchte sie Mein Geist in ihrer Klause zu Heilbronn!
Käthchen. Himmel! Der Graf!
(Sie setzt sich den Hut auf, und rückt sich das Tuch zurecht.)
Der Graf vom Strahl.
Was tu ich jetzt? Was laß ich?
(Pause.)
Käthchen (fällt auf ihre beiden Kniee nieder). Mein hoher Herr, hier lieg ich dir zu Füßen, Gewärtig dessen, was du mir verhängst! An deines Schlosses Mauer fandst du mich, Trotz des Gebots, das du mir eingeschärft; Ich schwörs, es war ein Stündchen nur zu ruhn, Und jetzt will ich gleich wieder weiter gehn.
Der Graf vom Strahl. Weh mir! Mein Geist, von Wunderlicht geblendet, Schwankt an des Wahnsinns grausem Hang umher! Denn wie begreif ich die Verkündigung, Die mir noch silbern wiederklingt im Ohr, Daß sie die Tochter meines Kaisers sei?
Gottschalk (draußen). Käthchen! He, junge Maid!
Der Graf vom Strahl (erhebt sie rasch vom Boden).
Geschwind erhebe dich! Mach dir das Tuch zurecht! Wie siehst du aus?
Dritter Auftritt
Gottschalk tritt auf. Die Vorigen.
Der Graf vom Strahl. Gut, Gottschalk, daß du kommst! Du fragtest mich, Ob du die Jungfrau in den Stall darfst nehmen; Das aber schickt aus manchem Grund sich nicht; Die Friedborn zieht aufs Schloß zu meiner Mutter.
Gottschalk. Wie? Was? Wo?—Oben auf das Schloß hinauf?
Der Graf vom Strahl. Ja, und das gleich! Nimm ihre Sachen auf, Und auf dem Pfad zum Schlosse folg ihr nach.
Gottschalk. Gotts Blitz auch, Käthchen! hast du das gehört?
Käthchen (mit einer zierlichen Verbeugung). Mein hochverehrter Herr! Ich nehm es an, Bis ich werd wissen, wo mein Vater ist.
Der Graf vom Strahl. Gut, gut! Ich werd mich gleich nach ihm erkundgen.
(Gottschalk bindet die Sachen zusammen; Käthchen hilft ihm).
Nun? Ists geschehn?
(Er nimmt ein Tuch vom Boden auf, und übergibt es ihr.)
Käthchen (errötend). Was! Du bemühst dich mir?
(Gottschalk nimmt das Bündel in die Hand.)
Der Graf vom Strahl. Gib deine Hand!
Käthchen. Mein hochverehrter Herr!
(Er führt sie über die Steine; wenn sie hinüber ist, läßt er sie vorangehen und folgt.—Alle ab.)
Szene: Garten. Im Hintergrunde eine Grotte, im gotischen Stil.
Vierter Auftritt
Kunigunde, von Kopf zu Fuß in einen feuerfarbnen Schleier verhüllt, und Rosalie treten auf.
Kunigunde. Wo ritt der Graf vom Strahl hin?
Rosalie. Mein Fräulein, es ist dem ganzen Schloß unbegreiflich. Drei kaiserliche Kommissarien kamen spät in der Nacht, und weckten ihn auf; er verschloß sich mit ihnen, und heut, bei Anbruch des Tages schwingt er sich aufs Pferd, und verschwindet.
Kunigunde. Schließ mir die Grotte auf.
Rosalie. Sie ist schon offen.
Kunigunde. Ritter Flammberg, hör ich, macht dir den Hof; zu Mittag, wann ich mich gebadet und angekleidet, werd ich dich fragen, was dieser Vorfall zu bedeuten? (Ab in die Grotte.)
Fünfter Auftritt
Fräulein Eleonore tritt auf, Rosalie.
Eleonore. Guten Morgen, Rosalie.
Rosalie. Guten Morgen, mein Fräulein!—Was führt Euch so früh schon hierher?
Eleonore. Ei, ich will mich mit Käthchen, dem kleinen, holden Gast, den uns der Graf ins Schloß gebracht, weil die Luft so heiß ist, in dieser Grotte baden.
Rosalie. Vergebt!—Fräulein Kunigunde ist in der Grotte.
Eleonore. Fräulein Kunigunde?—Wer gab euch den Schlüssel?
Rosalie. Den Schlüssel?—Die Grotte war offen.
Eleonore. Habt ihr das Käthchen nicht darin gefunden?
Rosalie. Nein, mein Fräulein. Keinen Menschen.
Eleonore. Ei, das Käthchen, so wahr ich lebe, ist drin!
Rosalie. In der Grotte? Unmöglich!
Eleonore. Wahrhaftig! In der Nebenkammern eine, die dunkel und versteckt sind.—Sie war vorangegangen; ich sagte nur, als wir an die Pforte kamen, ich wollte mir ein Tuch von der Gräfin zum Trocknen holen.—O Herr meines Lebens; da ist sie schon!
Sechster Auftritt
Käthchen aus der Grotte. Die Vorigen.
Rosalie (für sich). Himmel! Was seh ich dort?
Käthchen (zitternd). Eleonore!
Eleonore. Ei, Käthchen! Bist du schon im Bad gewesen? Schaut, wie das Mädchen funkelt, wie es glänzet! Dem Schwane gleich, der in die Brust geworfen, Aus des Kristallsees blauen Fluten steigt! - Hast du die jungen Glieder dir erfrischt?
Käthchen. Eleonore! Komm hinweg.
Eleonore. Was fehlt dir?
Rosalie (schreckenblaß). Wo kommst du her? Aus jener Grotte dort? Du hattest in den Gängen dich versteckt?
Käthchen. Eleonore! Ich beschwöre dich!
Kunigunde (im Innern der Grotte). Rosalie!
Rosalie. Gleich, mein Fräulein! (Zu Käthchen). Hast sie gesehn?
Eleonore. Was gibts? Sag an!—Du bleichst?
Käthchen (sinkt in ihre Arme). Eleonore!
Eleonore. Hilf, Gott im Himmel! Käthchen! Kind! Was fehlt dir?
Kunigunde (in der Grotte). Rosalie!
Rosalie (zu Käthchen). Nun, beim Himmel! Dir wär besser, Du rissest dir die Augen aus, als daß sie Der Zunge anvertrauten, was sie sahn!
(Ab in die Grotte.)
Siebenter Auftritt
Käthchen und Eleonore.
Eleonore. Was ist geschehn, mein Kind? Was schilt man dich? Was macht an allen Gliedern so dich zittern? Wär dir der Tod, in jenem Haus, erschienen, Mit Hipp und Stundenglas, von Schrecken könnte Dein Busen grimmiger erfaßt nicht sein!
Käthchen. Ich will dir sagen—(Sie kann nicht sprechen.)
Eleonore. Nun, sag an! Ich höre.
Käthchen. - Doch du gelobst mir, nimmermehr, Lenore, Wem es auch sei, den Vorfall zu entdecken.
Eleonore. Nein, keiner Seele; nein! Verlaß dich drauf.
Käthchen. Schau, in die Seitengrotte hatt ich mich, Durch die verborgne Türe eingeschlichen; Das große Prachtgewölb war mir zu hell. Und nun, da mich das Bad erquickt, tret ich In jene größre Mitte scherzend ein, Und denke du, du seists, die darin rauscht: Und eben von dem Rand ins Becken steigend, Erblickt mein Aug-Eleonore. Nun, was? wen? Sprich!
Käthchen. Was sag ich! Du mußt sogleich zum Grafen, Leonore, Und von der ganzen Sach ihn unterrichten.
Eleonore. Mein Kind! Wenn ich nur wüßte, was es wäre?
Käthchen. - Doch ihm nicht sagen, nein, ums Himmels willen, Daß es von mir kommt. Hörst du? Eher wollt ich, Daß er den Greuel nimmermehr entdeckte.
Eleonore. In welchen Rätseln sprichst du, liebstes Käthchen? Was für ein Greul? Was ists, das du erschaut?
Käthchen. Ach, Leonor', ich fühle, es ist besser, Das Wort kommt über meine Lippen nie! Durch mich kann er, durch mich, enttäuscht nicht werden!
Eleonore. Warum nicht? Welch ein Grund ist, ihm zu bergen—? Wenn du nur sagtest-Käthchen (wendet sich). Horch!
Eleonore. Was gibts?
Käthchen. Es kommt!
Eleonore. Das Fräulein ists, sonst niemand, und Rosalie.
Käthchen. Fort! Gleich! Hinweg!
Eleonore. Warum?
Käthchen. Fort, Rasende!
Eleonore. Wohin?
Käthchen. Hier fort, aus diesem Garten will ich-Eleonore. Bist du bei Sinnen?
Käthchen. Liebe Leonore! Ich bin verloren, wenn sie mich hier trifft! Fort! In der Gräfin Arme flücht ich mich! (Ab.)
Achter Auftritt
Kunigunde und Rosalie aus der Grotte.
Kunigunde (gibt Rosalien einen Schlüssel). Hier, nimm!—Im Schubfach, unter meinem Spiegel; Das Pulver, in der schwarzen Schachtel, rechts, Schütt es in Wein, in Wasser oder Milch, Und sprich: komm her, mein Käthchen!—Doch du nimmst Vielleicht sie lieber zwischen deine Kniee? Gift, Tod und Rache! Mach es, wie du willst, Doch sorge mir, daß sies hinunterschluckt.
Rosalie. Hört mich nur an, mein Fräulein-Kunigunde. Gift! Pest!
Verwesung! Stumm mache sie und rede nicht! Wenn sie vergiftet, tot ist, eingesargt, Verscharrt, verwest, zerstiebt, als Myrtenstengel, Vor dem, was sie jetzt sah, im Winde flüstert; So komm und sprich von Sanftmut und Vergebung, Pflicht und Gesetz und Gott und Höll und Teufel, Von Reue und Gewissensbissen mir.
Rosalie. Sie hat es schon entdeckt, es hilft zu nichts.
Kunigunde. Gift! Asche! Nacht! Chaotische Verwirrung! Das Pulver reicht, die Burg ganz wegzufressen, Mit Hund und Katzen hin!—Tu, wie ich sagte! Sie buhlt mir so zur Seite um sein Herz, Wie ich vernahm, und ich—des Todes sterb ich, Wenn ihn das Affenangesicht nicht rührt; Fort! In die Dünste mit ihr hin: die Welt, Hat nicht mehr Raum genug, für mich und sie! (Ab.)
Fünfter Akt
Szene: Worms. Freier Platz vor der kaiserlichen Burg, zur Seite ein Thron; im Hintergrunde die Schranken des Gottesgerichts.
Erster Auftritt
Der Kaiser auf dem Thron. Ihm zur Seite der Erzbischof von Worms, Graf Otto von der Flühe und mehrere andere Ritter, Herren und Trabanten. Der Graf vom Strahl, im leichten Helm und Harnisch, und Theobald, von Kopf zu Fuß in voller Rüstung; beide stehen dem Thron gegenüber.
Der Kaiser. Graf Wetterstrahl, du hast, auf einem Zuge, Der durch Heilbronn dich, vor drei Monden, führte, In einer Törin Busen eingeschlagen; Den alten Vater jüngst verließ die Dirne, Und, statt sie heimzusenden, birgst du sie Im Flügel deiner väterlichen Burg. Nun sprengst du, solchen Frevel zu beschönen, Gerüchte, lächerlich und gottlos, aus; Ein Cherubim, der dir zu Nacht erschienen, Hab dir vertraut, die Maid, die bei dir wohnt, Sei meiner kaiserlichen Lenden Kind. Solch eines abgeschmackt prophetschen Grußes Spott ich, wie sichs versteht, und meinethalb Magst du die Krone selbst aufs Haupt ihr setzen; Von Schwaben einst, begreifst du, erbt sie nichts, Und meinem Hof auch bleibt sie fern zu Worms. Hier aber steht ein tief gebeugter Mann, Dem du, zufrieden mit der Tochter nicht, Auch noch die Mutter willst zur Metze machen; Denn er, sein Lebelang fand er sie treu, Und rühmt des Kinds unsel'gen Vater sich. Darum, auf seine schweren Klagen, riefen wir Vor unsern Thron dich her, die Schmach, womit Du ihre Gruft geschändet, darzutun; Auf, rüste dich, du Freund der Himmlischen: Denn du bist da, mit einem Wort von Stahl, Im Zweikampf ihren Ausspruch zu beweisen!
Der Graf vom Strahl (mit dem Erröten des Unwillens). Mein kaiserlicher Herr! Hier ist ein Arm, Von Kräften strotzend, markig, stahlgeschient, Geschickt im Kampf dem Teufel zu begegnen; Treff ich auf jene graue Scheitel dort, Flach schmettr' ich sie, wie einen Schweizerkäse, Der gärend auf dem Brett des Sennen liegt. Erlaß, in deiner Huld und Gnade, mir, Ein Märchen, aberwitzig, sinnverwirrt, Dir darzutun, das sich das Volk aus zwei Ereignissen, zusammen seltsam freilich, Wie die zwei Hälften eines Ringes, passend, Mit müßgem Scharfsinn, an einander setzte. Begreif, ich bitte dich, in deiner Weisheit, Den ganzen Vorfall der Silvesternacht, Als ein Gebild des Fiebers, und so wenig Als es mich kümmern würde, träumtest du, Ich sei ein Jud, so wenig kümmre dich, Daß ich gerast, die Tochter jenes Mannes Sei meines hochverehrten Kaisers Kind!
Erzbischof. Mein Fürst und Herr, mit diesem Wort, fürwahr, Kann sich des Klägers wackres Herz beruhgen. Geheimer Wissenschaft, sein Weib betreffend, Rühmt er sich nicht; schau, was er der Mariane Jüngst, in geheimer Zwiesprach, vorgeschwatzt: Er hat es eben jetzo widerrufen! Straft um den Wunderbau der Welt ihn nicht, Der ihn, auf einen Augenblick, verwirrt. Er gab, vor einer Stund, o Theobald, Mir seine Hand, das Käthchen, wenn du kommst Zu Strahl, in seiner Burg, dir abzuliefern; Geh hin und tröste dich und hole sie, Du alter Herr, und laß die Sache ruhn!
Theobald. Verfluchter Heuchler, du, wie kannst du leugnen, Daß deine Seele ganz durchdrungen ist, Vom Wirbel bis zur Sohle, von dem Glauben, Daß sie des Kaisers Bänkeltochter sei? Hast du den Tag nicht, bei dem Kirchenspiel, Erforscht, wann sie geboren, nicht berechnet, Wohin die Stunde der Empfängnis fällt; Nicht ausgemittelt, mit verruchtem Witze, Daß die erhabne Majestät des Kaisers Vor sechzehn Lenzen durch Heilbronn geschweift? Ein Übermütiger, aus eines Gottes Kuß, Auf einer Furie Mund gedrückt, entsprungen; Ein glanzumfloßner Vatermördergeist, An jeder der granitnen Säulen rüttelnd, In dem urewgen Tempel der Natur; Ein Sohn der Hölle, den mein gutes Schwert Entlarven jetzo, oder, rückgewendet, Mich selbst zur Nacht des Grabes schleudern soll!
Der Graf vom Strahl. Nun, den Gott selbst verdamme, gifterfüllter Verfolger meiner, der dich nie beleidigt, Und deines Mitleids eher würdig wäre, So seis, Mordraufer, denn, so wie du willst. Ein Cherubim, der mir, in Glanz gerüstet, Zu Nacht erschien, als ich im Tode lag, Hat mir, was leugn' ichs länger, Wissenschaft, Entschöpft dem Himmelsbronnen, anvertraut. Hier vor des höchsten Gottes Antlitz steh ich, Und die Behauptung schmettr' ich dir ins Ohr: Käthchen von Heilbronn, die dein Kind du sagst, Ist meines höchsten Kaisers dort; komm her, Mich von dem Gegenteil zu überzeugen!
Der Kaiser. Trompeter, blast, dem Lästerer zum Tode!
(Trompetenstöße.)
Theobald (zieht). Und wäre gleich mein Schwert auch eine Binse, Und einem Griffe, locker, wandelbar, Von gelbem Wachs geknetet, eingefugt, So wollt ich doch von Kopf zu Fuß dich spalten, Wie einen Giftpilz, der der Heid entblüht, Der Welt zum Zeugnis, Mordgeist, daß du logst!
Der Graf vom Strahl (er nimmt sich sein Schwert ab und gibt es weg). Und wär mein Helm gleich und die Stirn, die drunter, Durchsichtig, messerrückendünn, zerbrechlich, Die Schale eines ausgenommnen Eis, So sollte doch dein Sarraß, Funken sprühend, Abprallen, und in alle Ecken splittern, Als hättst du einen Diamant getroffen, Der Welt zum Zeugnis, daß ich wahr gesprochen! Hau, und laß jetzt mich sehn, wes Sache rein?
(Er nimmt sich den Helm ab und tritt dicht vor ihn.)
Theobald (zurückweichend). Setz dir den Helm auf!
Der Graf vom Strahl (folgt ihm). Hau!
Theobald. Setz dir den Helm auf!
Der Graf vom Strahl (stößt ihn zu Boden). Dich lähmt der bloße Blitz aus meiner Wimper?
(Er windet ihm das Schwert aus der Hand, tritt über ihm
und setzt ihm den Fuß auf die Brust.) Was hindert mich, im Grimm gerechten Siegs, Daß ich den Fuß ins Hirn dir drücke?—Lebe!
(Er wirft das Schwert vor des Kaisers Thron.) Mag es die alte Sphinx, die Zeit, dir lösen, Das Käthchen aber ist, wie ich gesagt, Die Tochter meiner höchsten Majestät!
Volk (durcheinander). Himmel! Graf Wetterstrahl hat obgesiegt!
Der Kaiser (erblaßt und steht auf). Brecht auf, ihr Herrn!
Erzbischof. Wohin?
Ein Ritter (aus dem Gefolge). Was ist geschehn?
Graf Otto. Allmächtger Gott! Was fehlt der Majestät? Ihr Herren, folgt! Es scheint, ihr ist nicht wohl? (Ab.)
Szene: Ebendaselbst. Zimmer im kaiserlichen Schloß.
Zweiter Auftritt
Der Kaiser (wendet sich unter der Tür). Hinweg! Es soll mir niemand folgen! Den Burggrafen von Freiburg und den Ritter von Waldstätten laßt herein; das sind die einzigen Männer, die ich sprechen will! (Er wirft die Tür zu.)—Der Engel Gottes, der dem Grafen vom Strahl versichert hat, das Käthchen sei meine Tochter: ich glaube, bei meiner kaiserlichen Ehre, er hat recht! Das Mädchen ist, wie ich höre, funfzehn Jahr alt; und vor sechszehn Jahren, weniger drei Monaten, genau gezählt, feierte ich der Pfalzgräfin, meiner Schwester, zu Ehren das große Turnier in Heilbronn! Es mochte ohngefähr eilf Uhr abends sein, und der Jupiter ging eben, mit seinem funkelnden Licht, im Osten auf, als ich, vom Tanz sehr ermüdet, aus dem Schloßtor trat, um mich in dem Garten, der daran stößt, unerkannt, unter dem Volk, das ihn erfüllte, zu erlaben; und ein Stern, mild und kräftig, wie der, leuchtete, wie ich gar nicht zweifle, bei ihrer Empfängnis. Gertrud, so viel ich mich erinnere, hieß sie, mit der ich mich in einem, von dem Volk minder besuchten, Teil des Gartens, beim Schein verlöschender Lampen, während die Musik, fern von dem Tanzsaal her, in den Duft der Linden niedersäuselte, unterhielt; und Käthchens Mutter heißt Gertrud! Ich weiß, daß ich mir, als sie sehr weinte, ein Schaustück, mit dem Bildnis Papst Leos, von der Brust los machte, und es ihr, als ein Andenken von mir, den sie gleichfalls nicht kannte, in das Mieder steckte; und ein solches Schaustück, wie ich eben vernehme, besitzt das Käthchen von Heilbronn! O Himmel! Die Welt wankt aus ihren Fugen! Wenn der Graf vom Strahl, dieser Vertraute der Auserwählten, von der Buhlerin, an die er geknüpft ist, loslassen kann: so werd ich die Verkündigung wahrmachen, den Theobald, unter welchem Vorwand es sei, bewegen müssen, daß er mir dies Kind abtrete, und sie mit ihm verheiraten müssen: will ich nicht wagen, daß der Cherub zum zweitenmal zur Erde steige und das ganze Geheimnis, das ich hier den vier Wänden anvertraut, ausbringe! (Ab.)
Dritter Auftritt
Burggraf von Freiburg und Georg von Waldstätten treten auf. Ihnen folgt Ritter Flammberg.
Flammberg (erstaunt). Herr Burggraf von Freiburg!—Seid Ihr es, oder ist es Euer Geist? O eilt nicht, ich beschwör Euch—!
Freiburg (wendet sich). Was willst du?
Georg. Wen suchst du?
Flammberg. Meinen bejammernswürdigen Herrn, den Grafen vom Strahl! Fräulein Kunigunde, seine Braut—o hätten wir sie Euch nimmermehr abgewonnen! Den Koch hat sie bestechen wollen, dem Käthchen Gift zu reichen —: Gift, ihr gestrengen Herren, und zwar aus dem abscheulichen, unbegreiflichen und rätselhaften Grunde, weil das Kind sie im Bade belauschte!
Freiburg. Und das begreift ihr nicht?
Flammberg. Nein!
Freiburg. So will ich es dir sagen. Sie ist eine mosaische Arbeit, aus allen drei Reichen der Natur zusammengesetzt. Ihre Zähne gehören einem Mädchen aus München, ihre Haare sind aus Frankreich verschrieben, ihrer Wangen Gesundheit kommt aus den Bergwerken in Ungarn, und den Wuchs, den ihr an ihr bewundert, hat sie einem Hemde zu danken, das ihr der Schmied, aus schwedischem Eisen, verfertigt hat.—Hast du verstanden?
Flammberg. Was!
Freiburg. Meinen Empfehl an deinen Herrn! (Ab.)
Georg. Den meinigen auch!—Der Graf ist bereits nach der Strahlburg zurück; sag ihm, wenn er den Hauptschlüssel nehmen, und sie in der Morgenstunde, wenn ihre Reize auf den Stühlen liegen, überraschen wolle, so könne er seine eigne Bildsäule werden und sich, zur Verewigung seiner Heldentat, bei der Köhlerhütte aufstellen lassen! (Ab.)
Szene: Schloß Wetterstrahl. Kunigundens Zimmer.
Vierter Auftritt
Rosalie, bei der Toilette des Fräuleins beschäftigt. Kunigunde tritt ungeschminkt, wie sie aus dem Bette kömmt, auf; bald darauf der Graf vom Strahl.
Kunigunde (indem sie sich bei der Toilette niedersetzt). Hast du die Tür besorgt?
Rosalie. Sie ist verschlossen.
Kunigunde. Verschlossen! Was! Verriegelt, will ich wissen! Verschlossen und verriegelt, jedesmal!
(Rosalie geht, die Tür zu verriegeln; der Graf kommt ihr entgegen.)
Rosalie (erschrocken). Mein Gott! Wie kommt Ihr hier herein, Herr Graf? - Mein Fräulein!
Kunigunde (sieht sich um). Wer?
Rosalie. Seht, bitt ich Euch!
Kunigunde. Rosalie!
(Sie erhebt sich schnell, und geht ab.)
Fünfter Auftritt
Der Graf vom Strahl und Rosalie.
Der Graf vom Strahl (steht wie vom Donner gerührt). Wer war die unbekannte Dame?
Rosalie.—Wo?
Der Graf vom Strahl. Die, wie der Turm von Pisa, hier vorbeiging?—Doch, hoff ich, nicht—?
Rosalie. Wer?
Der Graf vom Strahl. Fräulein Kunigunde?
Rosalie. Bei Gott, ich glaub, Ihr scherzt! Sybille, meine Stiefmutter, gnädger Herr-Kunigunde (drinnen). Rosalie!
Rosalie. Das Fräulein, das im Bett liegt, ruft nach mir.—Verzeiht, wenn ich—! (Sie holt einen Stuhl.)
Wollt ihr Euch gütigst setzen?
(Sie nimmt die Toilette und geht ab.)
Sechster Auftritt
Der Graf vom Strahl (vernichtet). Nun, du allmächtger Himmel, meine Seele, Sie ist doch wert nicht, daß sie also heiße! Das Maß, womit sie, auf dem Markt der Welt, Die Dinge mißt, ist falsch; scheusel'ge Bosheit Hab ich für milde Herrlichkeit erstanden! Wohin flücht ich, Elender, vor mir selbst? Wenn ein Gewitter wo in Schwaben tobte, Mein Pferd könnt ich, in meiner Wut, besteigen, Und suchen, wo der Keil mein Haupt zerschlägt! Was ist zu tun, mein Herz? Was ist zu lassen?
Siebenter Auftritt
Kunigunde, in ihrem gewöhnlichen Glanz, Rosalie und die alte Sybille, die schwächlich, auf Krücken, durch die Mitteltür abgeht.
Kunigunde. Sieh da, Graf Friederich! Was für ein Anlaß Führt Euch so früh in meine Zimmer her?
Der Graf vom Strahl (indem er die Sybille mit den Augen verfolgt). Was! Sind die Hexen doppelt?
Kunigunde (sieht sich um). Wer?
Der Graf vom Strahl (faßt sich). Vergebt! Nach Eurem Wohlsein wollt ich mich erkunden.
Kunigunde. Nun?—Ist zur Hochzeit alles vorbereitet?
Der Graf vom Strahl (indem er näher tritt und sie prüft). Es ist, bis auf den Hauptpunkt, ziemlich alles-Kunigunde. (weicht zurück). Auf wann ist sie bestimmt?
Der Graf vom Strahl. Sie wars—auf morgen.
Kunigunde (nach einer Pause). Ein Tag mit Sehnsucht längst von mir erharrt! -Ihr aber seid nicht froh, dünkt mich, nicht heiter?
Der Graf vom Strahl (verbeugt sich). Erlaubt! ich bin der Glücklichste der Menschen!
Rosalie (traurig). Ists wahr, daß jenes Kind, das Käthchen, gestern, Das Ihr im Schloß beherbergt habt—?
Der Graf vom Strahl. O Teufel!
Kunigunde (betreten). Was fehlt Euch? Sprecht!
Rosalie (für sich). Verwünscht!
Der Graf vom Strahl (faßt sich).—Das Los der Welt! Man hat sie schon im Kirchhof beigesetzt.
Kunigunde. Was Ihr mir sagt!
Rosalie. Jedoch noch nicht begraben?
Kunigunde. Ich muß sie doch im Leichenkleid noch sehn.
Achter Auftritt
Ein Diener tritt auf. Die Vorigen.
Diener. Gottschalk schickt einen Boten, gnädger Herr, Der Euch im Vorgemach zu sprechen wünscht!
Kunigunde. Gottschalk?
Rosalie. Von wo?
Der Graf vom Strahl. Vom Sarge der Verblichnen! Laßt Euch im Putz, ich bitte sehr, nicht stören! (Ab.)
Neunter Auftritt
Kunigunde und Rosalie.
(Pause.)
Kunigunde (ausbrechend) Er weiß, umsonst ists, alles hilft zu nichts, Er hats gesehn, es ist um mich getan!
Rosalie. Er weiß es nicht!
Kunigunde. Er weiß!
Rosalie. Er weiß es nicht! Ihr klagt, und ich, vor Freuden möcht ich hüpfen. Er steht im Wahn, daß die, die hier gesessen, Sybille, meine Mutter, sei gewesen; Und nimmer war ein Zufall glücklicher Als daß sie just in Eurem Zimmer war; Schnee, im Gebirg gesammelt, wollte sie, Zum Waschen eben Euch ins Becken tragen.
Kunigunde. Du sahst, wie er mich prüfte, mich ermaß.
Rosalie. Gleichviel! Er traut den Augen nicht! Ich bin So fröhlich, wie ein Eichhorn in den Fichten! Laßt sein, daß ihm von fern ein Zweifel kam; Daß Ihr Euch zeigtet, groß und schlank und herrlich, Schlägt seinen Zweifel völlig wieder nieder. Des Todes will ich sterben, wenn er nicht, Den Handschuh jedem hinwirft, der da zweifelt, Daß ihr die Königin der Frauen seid. O seid nicht mutlos! Kommt und zieht Euch an; Der nächsten Sonne Strahl, was gilts begrüßt Euch, Als Gräfin Kunigunde Wetterstrahl!
Kunigunde. Ich wollte, daß die Erde mich verschlänge!
(Ab.)
Szene: Das Innere einer Höhle mit der Aussicht auf eine Landschaft.
Zehnter Auftritt
Käthchen, in einer Verkleidung, sitzt traurig auf einem Stein, den Kopf an die Wand gelehnt. Graf Otto von der Flühe, Wenzel von Nachtheim, Hans von Bärenklau, in der Tracht kaiserlicher Reichsräte, und Gottschalk treten auf. Gefolge, zuletzt der Kaiser und Theobald, welche in Mänteln verhüllt, im Hintergrunde bleiben.
Graf Otto (eine Pergamentrolle in der Hand). Jungfrau von Heilbronn! Warum herbergst du, Dem Sperber gleich, in dieser Höhle Raum?
Käthchen (steht auf). O Gott! Wer sind die Herrn?
Gottschalk. Erschreckt sie nicht!—Der Anschlag einer Feindin, sie zu töten, Zwang uns, in diese Berge sie zu flüchten.
Graf Otto. Wo ist dein Herr, der Reichsgraf, dem du dienst?
Käthchen. Ich weiß es nicht.
Gottschalk. Er wird sogleich erscheinen!
Graf Otto (gibt ihr das Pergament). Nimm diese Rolle hier; es ist ein Schreiben, Verfaßt von kaiserlicher Majestät. Durchfleuchs und folge mir; hier ist kein Ort, Jungfraun, von deinem Range, zu bewirten; Worms nimmt fortan, in seinem Schloß, dich auf!
Der Kaiser (im Hintergrund). Ein lieber Anblick!
Theobald. O ein wahrer Engel!
Eilfter Auftritt
Der Graf vom Strahl tritt auf. Die Vorigen.
Der Graf vom Strahl (betroffen). Reichsrät, in festlichem Gepräng, aus Worms!
Graf Otto. Seid uns gegrüßt, Herr Graf!
Der Graf vom Strahl.—Was bringt Ihr mir?
Graf Otto. Ein kaiserliches Schreiben dieser Jungfrau! Befragt sie selbst; sie wird es Euch bedeuten.
Der Graf vom Strahl. O Herz, was pochst du? (Zu Käthchen.) Kind, was hältst du da?
Käthchen. Weiß nit, mein hoher Herr.-Gottschalk. Gib, gib, mein Herzchen.
Der Graf vom Strahl (liest). "Der Himmel, wisset, hat mein Herz gestellt, Das Wort des Auserwählten einzulösen. Das Käthchen ist nicht mehr des Theobalds, Des Waffenschmieds, der mir sie abgetreten, Das Käthchen fürderhin ist meine Tochter, Und Katharina heißt sie jetzt von Schwaben."
(Er durchblättert die andern Papiere.) Und hier: "Kund sei"—Und hier: "das Schloß zu Schwabach"-(Kurze Pause.)
Nun möcht ich vor der Hochgebenedeiten In Staub mich werfen, ihren Fuß ergreifen, Und mit des Danks glutheißer Träne waschen.