Das Mädchen aus der Feenwelt, oder Der Bauer als Millionär

Ferdinand Raimund · Kapitel 1 von 5 · Teil 2/3

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Das Mädchen aus der Feenwelt, oder Der Bauer als Millionär

Project Gutenberg's Das Maedchen aus der Feenwelt, by Ferdinand Raimund

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Lottchen (springt vor Freude).

Ists möglich? Ach Karl, wir wollen ihm vertrauen—

Wurzel (von innen).

Aufdecken lassen!

Lottchen. Himmel! Der Vater kömmt zurück! Ach, wenn er dich sieht, so ist alles verloren.

Karl.

Leb wohl, ich entspringe. (Will abgehen.)

Lottchen.

Du läufst ihm ja entgegen. Ich will sehen, ob er nach dem Garten geht, dann schnell hinab, sonst sind wir verloren. (Eilt schnell ab.)

Ajaxerle (ihr nachrufend).

Fürchte Sie sich nicht! Bleibe Sie da!

Karl.

Verdammte Geschichte, der Alte kommt herauf.

Ajaxerle.

Das macht nichts, er wird uns nicht beiße. Aber weil ich das Ding gar fein anstelle will, so schlupfe Sie derweile in den Kasten hinein.

Karl (probiert am Kasten).

Er ist verschlossen!

Ajaxerle. Warte Sie, er wird gleich offen sein! Ich hab ja mein Werkzeugle bei mir. (Er zieht schnell einen Zauberkreis, ein kleines Buch und ein kurzes Stäbchen aus der Tasche, stellt sich in den Kreis und schnattert die Worte.) Pitschill! Putschill! Frisill! sauf! Kästerle! Kasterle! tu dich doch auf! (Schlägt mit dem Stab auf das Buch. Der Kasten springt auf und verwandelt sich dadurch in eine transparente Laube mit einem Rasensitz. Karl springt erstaunt hinein, die Flügel schließen sich, und der Kasten steht wieder wie vor da. Ajaxerle steckt seine Zauberrequisiten ein.)

Lottchen (stürzt herein).

Es ist umsonst, er folgt mir auf dem Fuß! Wo ist Karl?

Ajaxerle (deutet auf den Kasten).

Den hab ich aufghoben, im Kasten da drin.

Lottchen.

Unter der alten Wäsche?

Ajaxerle. Ja wohl, bei die alten Strümpf, damit doch ein neuer auch dabei ist.

Lottchen.

Still, der Vater kommt.

 

Elfter Auftritt

Wurzel. Vorige.

 

Wurzel. Nun, was ist denn für ein Gejage über die Stiegen? (Sieht Ajaxerle.) Was ist das für eine Figur? Wer hat denn das Gsicht hereingelassen? Nu, was gibts? Sind wir was? Wollen Sie was? mit Ihrer dreieckigten Physiognomie?

Ajaxerle.

Könnt ich nicht die Ehre haben, mit Ihnen zu sprechen?

Wurzel.

Nun, die Ehr hat Er ja schon. Nur heraus mit der Katz aus dem Sack.

Ajaxerle.

Sie werden mich wahrscheinlich schon kenne?

Wurzel.

Ich? woher denn?

Ajaxerle.

Ich bin der Martin Haugerle und bin Schneckenhändler aus dem Reich.

Wurzel. Und wegen den soll ich Ihn kennen? Vielleicht weil Er so schlampicht ist wie ein Schneck? Hinaus mit Ihm, oder Er wird mich kennenlernen.

Ajaxerle.

Oh, ich habs schon ghört, Sie sind ein Tiger, mir hats mein Vetter gschrieben, der arme Fischerkarl, daß Sie so unbarmherzig mit ihm umgehen, und darum bin ich herabgereist.

Wurzel.

Auf der Schneckenpost?

Ajaxerle.

Und will für ihn um das Mädle anhalte. Sie haben ihm vor drei Jahren Ihr Ehrenwort gegeben, und das müssen Sie halten.

Wurzel. Was sind das für Keckheiten? Ich werd unsinnig. Erstlich untersteht Er sich, dem Taugenichts sein miserablicher Vetter zu sein, und zweitens wagt Ers und halt um meine Tochter an, für den liederlichen Fischer?

Ajaxerle. Schimpfe Sie nicht, er ist ein bravs Männle, und ein Bürschle wie die gute Stund.

Lottchen.

Ach ja Vater, er trübt kein Wasser.

Wurzel. Ein Fischer—und trübt kein Wasser? und pritschelt den ganzen Tag darin herum. (Streng zu Lottchen.) Du schweigst! und wenn du dich nicht in meinen Willen fügst und immer vom Wald phantasierst, du melancholische Wildanten, und mir noch einmal dein Bauerngwand heimlich anziehst, was dadrin in einem Pünkel versteckt hast, und nichts als Fisch und Wasser im Kopf hast, so gib acht, wie ich dich durchwassern werde, einen Wolkenbruch laß ich auf deinen Buckel niedergehen, wannst nicht den alten Millioneur heuratst.

Lottchen.

Ach, was bin ich für eine arme Närrin!

Wurzel. Just, wenn man eine arme Närrin ist, muß man suchen, auch Millioneurin zu werden, so verzeihen einem doch die Leut die Narrheit leichter. Ein Fischer heiraten wollen—dieses unsichere Metier, bis er einen Fisch fangt, kommen ihm hundert aus. Da heirat lieber einen von den seinen Schnecken, so kriegst doch einen Hausherrn.

Lottchen. Vater, bringen Sie mich nicht auf das äußerste. Hören Sie meinen Schwur: Ich verachte alle Reichtümer Ihrer Stadt und werde nie, nie von meinem armen Karl lassen.

(Es donnert sehr stark.)

Ajaxerle.

Haben Sie ghört, den Pumperer?

Wurzel. War das ein Donner? desto besser, vielleicht schlagt der Donner drein, so darf ichs nicht tun. (Zu Lottchen.) Du willst also nicht von den Fischer lassen?

Ajaxerle.

Nein, und recht hat s'! wissen Sie das? Und wenn Sie ihr den Burschen nicht geben, so wirds Ihnen reuen, so viel Haarle Haar Sie auf Ihren Strobelkopf haben, auf Ihren bockbeinigen.

Wurzel. Nun gut, so hören Sie denn auch meinen Schwur, Sie Vorsteher der würdigen Schneckenzunft. (In diesem Augenblick kommt hinter Wurzel ein kleiner Satyr mit Pferdefüßen, auf einer abgebrochenen Säule sitzend, aus der Versenkung. Er hat eine schwarze Tafel und schreibt Wurzels Schwur darauf.) Nicht eh darf diese Verbindung vollzogen werden, bis aus dem Blut, das wie geschmolznes Eisen glüht, ein Himbeergefrornes wird—bis diese kräftgen Zwillingsbrüder, meine Fäust, so kraftlos sind, daß ich nicht einmal einen Kapauner mehr transchieren kann—bis dieses kienrußschwarze Haupt sich in einen Gletscher verwandelt— kurz, bis ich so ausschau, daß ich auf den Aschenmarkt hinaus ghör!—Dann fragen Sie sich wieder an, mein lieber Schneckensensal, dann halt ich Ihren Fischer mein Wort.

Ajaxerle (rasch).

 

Zwölfter Auftritt

Lottchen. Karl im Kasten.

 

Lottchen (die Hände ringend).

Ach, was muß ich erleben!

Karl (pocht heftig im Kasten).

Auf, Lottchen! Auf!

Lottchen.

Bleib ruhig, ich bitte dich, um alles in der Welt!

Karl (sprengt den Kasten). Nein, ich kann nicht länger bleiben, es schlägt in mir wie der Eisenhammer unseres Gebürgs. Seinen ehrlichen Namen so herabgesetzt zu hören von diesen Faulenzer und ruhig bleiben! Leb wohl, Lottchen, du siehst mich nie mehr. (Will fort.)

Lottchen.

Karl, wenn du mich liebst, so gehst du jetzt nicht durch diese Tür.

Karl.

So spring ich durch das Fenster.

Lottchen.

Am hellen Tag?

Karl. Ich bleib nicht länger hier, du siehst mich reich oder nie wieder! (Er steigt zum Fenster hinaus.)

Lottchen.

Karl, wenn du fällst—halt dich an das Gitter.

(Es geschieht ein plötzliches Gekrache, ein Schrei und zugleich ein Fall. Dann Geschrei von mehrern Stimmen.)

Lottchen (sehr stark aufschreiend).

Himmel! was ist das? (Eilt sehr schnell zur Tür hinaus.)

 

Dreizehnter Auftritt

Sehr schnelle Verwandlung in einen großen schönen Platz der Stadt. Links Wurzels prächtiges Haus mit Schalougittern, wovon eines durch Karls Fall herabgerissen ist und nebst einem Stück Gesimse, welches er herabgetreten, an seiner Seite liegt, aber sogleich von einem Zuschauer aufgehoben wird, der es den noch dazu Kommenden zeigt.

Karl liegt auf der Erde, und Wurzel hält ihn an der Brust. Zuschauer vollenden das Tableau.

Der Lärm, welchen man im Zimmer unter der Verwandlung schon hörte, dauert nach derselben einen Augenblick noch fort.

 

Wurzel. Um die Wache fort! der Bursch ist ein Räuber. (Zwei Bediente laufen ab.) Er ist in mein Haus eingebrochen. ich massakrier ihn. Fallt mir der Kerl auf den Kopf.

Karl (hat sich aufgerafft und packt Wurzel).

Spitzbube! willst du mir meinen guten Namen wiedergeben?

Lottchen (stürzt aus dem Hause und ruft).

Himmel! Karl, was tust du—mein Vater.

Karl (im höchsten Zorn).

Wart, Schuft! du sollst den Bauer kennenlernen. (Eilt ab.)

AlleS (ruft).

Halts ihn auf! (Einige eilen ihm nach.)

Lottchen (stürzt in Verzweiflung zu Wurzels Füßen). Vater! was haben Sie getan?

Wurzel (schleudert sie vom Tor weg). Fort! Satan! (Er läuft schnell ins Haus und schlägt das Tor hinter sich zu.)

Lottchen (eilt ihm nach und will hinein).

Er hat das Tor abgeschlossen, wie wird das enden? Vater! Vater! Verzeihung! Hören Sie mich!

Wurzel (erscheint am Fenster mit dem Bünkel, in welchem sich Lottchens Bauernkleider befinden, außen ist der Strohhut aufgebunden).

Du bist nicht mein Kind, du bist eine angenommene Kreatur! Hinaus mit dir in den Wald, zu deinen Gespielinnen, zu die Wildgäns, wo ich dich gfunden hab, du Waldschnepf, (wirft ihr die Kleider hinab) in mein Haus kommst du nimmermehr! (Schlägt das Fenster zu.)

Lottchen (weint). Ich unglückliches Kind! (Zu einem Schlosser.) Ach mein Herr, nehmen Sie sich doch an um mich.

Schlosser (recht derb).

Ja, da muß man halt gut tun, mein Schatz, wenn man von ander Leut Gnaden lebt. Was soll denn unsereiner sagen, der sich vor Kummer nicht aus weiß? da heißts fleißig sein! (Im nämlichen Ton fort zu einem vorübergehenden Tischlergesellen.) Franzl, wo gehst denn hin?

Tischler (schon an der Kulisse).

Ins Wirtshaus! (Geht hinein.)

Schlosser (ruft ihm nach).

Wart, ich geh auch mit, leih mir zwei Gulden. (Geht ihm nach.)

(Alle Zuschauer lachen und verlieren sich.)

Lottchen (allein). Also so weit ist es mit mir gekommen? Gibt es denn kein Wesen, das Erbarmen mit mir hat? O daß die Nacht niedersinken möchte, um mich und meine Schande zu verhüllen.

(Dumpfer Donner. Musik. Graue Wolkenschleier senken sich langsam über die ganze Bühne herab. Dann sinkt die Nacht personifiziert nieder. Eine kolossal gemalte Figur, welche an Breite den größten Teil der Mitte des Theaters einnimmt. Sie ist in graues faltiges Gewand gehüllt, mit ausgestreckten Armen, einen schwarzen Mantel ausbreitend. Bleiches Angesicht und geschlossene Augen. Auf dem Haupte eine schwarze Krone, in der rechten Hand einen eisernen Zepter, dessen Knopf ein Mohnkopf bildet. Mit der Linken gebietet sie Schweigen. Sie schwebt ernst und feierlich herab und sinkt in das geöffnete Podium. Die Nebel vergehen und lassen die vorige Straße im Mondenglanz zurück. Die Luft ist rein und mit transparenten Sternen besäet, auch die Mondessichel ist transparent auf der Hinterkortine sichtbar.

Während diesem singen die Geister der Nacht folgenden Chor in der Kulisse.)

Chor.

In dem finstern Reich der Klüfte,

Die dem Glanz zum Hohn erbaut,

Herrscht die Königin der Grüfte,

Sie des Lichts verstoßne Braut.

Nur wenn durch der Unschuld Rufen

Sich ihr düstrer Busen hebt,

Kommts, daß über Tagesstufen

Sie zu ihrer Rettung schwebt.

(Auf dem vordern Fluggang schwebt ein Genius nieder mit einem glänzenden Brillantstern auf dem Haupte, er ergreift Lottchens Hand und führt sie während dieses Chores ab, welcher gleich aus dem ersten übergeht.)

Chor.

Darum folge ihren Sternen,

Sie erglänzen dir allein,

Führen dich in weiten Fernen

In das Tal der Ruhe ein.

(Der Genius führt sie fort.—Der Sturm heult, schreckliches Gewitter tritt ein, die Sterne verlöschen, der Mond wird rot.

Unter folgendem Chor kommen zwölf Geister der Nacht in grauem Flor, das Haupt mit Schleier verhüllt, das Antlitz bleich, jeder einen transparenten Stern auf dem Haupte, sie laufen auf der Bühne durcheinander und gruppieren sich endlich nach der Breite des Theaters gegen Wurzels Haus in drohender Stellung. Ober ihnen fällt, so breit als die Bühne ist, ein Chaos von Wolken ein, in welchen grau gemalte Geister den andern ähnlich schweben und sich so verschlingen, daß die Sterne auf ihren Häuptern die transparenten Worte bilden:

Entflieh nur der Pracht,

Dich rächet die Nacht.

Währenddessen folgender Chor.)

Chor.

Doch ihn zu verderben,

Der Lust zu enterben,

Verschwört sich die Nacht,

Ergreifet die Freude,

Stürzt sie als Beute

In grundlosen Schacht.

(Wenn die transparenten Worte erscheinen, singt der Chor die folgenden Worte und läßt sie schauerlich verklingen.)

Chor.

Entflieh nur der Pracht,

Dich rächet die Nacht.

(Auf Wurzels Fenster fliegt eine Nachteule mit glühenden Augen und schlägt mit den Flügeln an die Glasscheibe. Die Kortine fällt schnell.)

Schlage Sie ein, es gilt! (Hält die Hand hin.)

Wurzel (schlägt ein).

So wahr ich auf der Welt bin, und jetzt—(stark) Punktum!

Satyr (mit kräftiger Schadenfreude).

Satis! (Er hat bei den Worten Wurzels: "So wahr ich auf der Welt bin" geendet. Schlägt bei dem Wort: "Satis" mit der flachen Hand auf die Tafel, macht dann schnell eine drohende Bewegung hinter Wurzel und versinkt wieder.)

Ajaxerle.

So, und jetzt lebe Sie wohl, Sie Herr von Wurzle. Vergesse Sie nicht auf Ihren Schwur, malträtiere Sie nur das arme Mädle da, verachte Sie den ehrlichen Bauernstand, halte Sie sich an Ihre Saufbrüderle. Aber weh Ihnen, wenn Sie den Schneckenhändler aus den Reich wieder einmal zu Gesicht kriege werde. Verstehe Sie mich? Weh Ihne! das merke Sie sich wohl, Sie Hasenfuß. (Läuft ab.)

Wurzel (ergreift im Zorn einen Stuhl und eilt ihm nach). Wart, du schwäbische Krautstauden! (Ab.)

 

Zweiter Aufzug

 

Erster Auftritt

Die Dekoration stellt nur zwei Kulissen tief ein angenehmes Tal vor, in welchem sich die Natur einfach und kräftig ausspricht. Links eine praktikable Hütte, auf deren Strohdach Tauben nisten. Die Hütte ist von einem kleinen Gärtchen umgeben, in welchem sich einige Lilien, aber keine bunten Blumen befinden. Die Kortine stellt hohes Gebirge vor. Die Hälfte dieser Hinterwand nimmt ein breiter, in den Vordergrund tretender Blumenberg mit vielen sich verschieden krümmenden Wegen ein, auf denen sich dort und da wie in einem Garten silberne Statuen befinden und Rosenbrücken angebracht sind. Auf der andern Hälfte dieser Hinterwand sind in weiterer Entfernung zwei ausgezeichnete Alpen zu sehen. Die niederere erglänzt silberartig und ist mit goldenem Gesträuch bewachsen. Auf ihrem Gipfel erblickt man die Statue des Reichtums mit einem goldenen Füllhorn. Die noch höhere Alpe ist steil, mit Lorbeerbäumen bewachsen, auf ihrer Spitze steht der goldene Tempel des Ruhmes, aus welchem eine Sonne strahlt, die den ganzen Horizont um das Haupt des Berges rötet. Zwischen diesen Gebirgen und dem Tal liegt ein dichter Wald, durch welchen sich ein steiler einsamer Weg in das Tal abwärts windet.

Unter passender Musik kömmt Illi, ein Genius, als Klepperpostillon angezogen, mit dem Klapperbrettlein lärmend durch die Luft auf einem großen Stieglitz geflogen, welcher ein Paket Briefe im Schnabel hält. Er steigt ab, nimmt einen Brief aus dem Paket und klappert vor der Hütte.

 

Illi. He, die Klepperlpost ist da, aufgemacht! (Das Fenster in der Hütte öffnet sich. Illi spricht zum Fenster hinein.) Ein Brief aus Wolkenhain vom Geisterscheckel mit Rezepiß. Gleich unterschreiben. (Gibt den Brief hinein. Nach einer Pause, während er ein paarmal ungeduldig auf und abtrippelt.) Ein bißl gschwind, ich muß wieder weiter! (Eine Hand gibt das Rezepiß zurück.) So. Was? Nichts franco! Acht gute Kreuzer. (Die Hand gibt ihm das Geld.) So. (Sieht das Geld an.) Keinen Pfennig gibt s' mehr als acht Kreuzer und kein neues Jahr auch nicht. Wann ich nur da keinen Brief herbringen durft, das ist schon mein größter Zorn. (Indem er sich aufsetzt.) Gar so eine Schmutzerei! (Den Stieglitz schlagend.) Na weiter, wirst fliegen oder nicht? (Der Stieglitz fliegt ohne Musik ab, und unter dem Fliegen räsoniert Illi noch immerfort.) Pfui Teuxel, da wollen s' Geister sein, ja—Bettelleut Umkehr! (Ab.)

 

Zweiter Auftritt

Sanfte Musik.

Lottchen tritt auf, ihren Strohhut anhängend.

 

Lottchen. Wo befinde ich mich? Welch ein angenehmes Tal! Gehör ich schon den Geistern an? Am Eingange des Waldes nahm mein freundlicher Führer von mir Abschied und sprach: Weiter darf ich dich nicht geleiten, doch folge deinem Herzen, und du wirst mich nicht vermissen. Ich ging und ging, und unwillkürlich hat es mich hieher gezogen. Dieses schöne Gärtchen, diese Hütte, wie wird mir so sonderbar bei ihrem Anblicke! Warum wird es auf einmal so stille, so ruhig in meiner Brust? Wer bewohnt sie? (Über der Tür erscheinen schnell die transparenten Worte: Die Zufriedenheit. In diesem Augenblicke ertönt ein sehr schmelzendes Adagio von einigen Takten.) Die Zufriedenheit? Der Vater sagte ja, die wohne nur in der Stadt? wie kommt sie hieher? Ich weiß es schon, sie wird in der Stadt erkrankt sein und gebraucht jetzt die Landluft. Ich will anklopfen und sie um Beistand bitten, vielleicht braucht sie ein Dienstmädchen, sie wird wohl eine vornehme Frau sein. (Klopft an.) Euer Gnaden, ein armes Mädchen möchte gern die Ehre haben—

 

Dritter Auftritt

Die Zufriedenheit. Lottchen.

 

Zufriedenheit (mit innerer Ruhe und heiterem Gemüte. Ihr Anzug ist griechisch, eine einfache graue Toga, unbedecktem Haupt. Sie tritt aus der Tür, einen Brief in der Hand).

Was verlangst du von mir, mein Kind?

Lottchen (erstaunt).

Wer ist denn das?

Zufriedenheit.

Nur näher, ich bin die Dame, die du suchst.

Lottchen.

Wirklich? Sie sind eine recht liebe Person, aber für eine Dame hätt ich Sie nicht gehalten.

Zufriedenheit.

Nicht? Und doch bin ich noch mehr, ich bin die Königin dieses Tales, und von meiner Stirne strahlt das Diadem der Heiterkeit—

Lottchen (fällt ängstlich auf die Knie).

Ach, so verzeihen mir Euer Hoheit, aber da wär ich in meinem Leben nicht darauf gekommen.

Zufriedenheit. Steh auf! Du bist mir in diesem Brief, den ich vor kurzem erhielt, von mächtigen Geistern schon angekündet, und ich will dich in meine Dienste nehmen. Du hast wenig Geschäfte. Das Aufbetten wirst du ersparen, denn ich schlafe auf einem Stein. Küche und Keller werden dir wenig Mühe verursachen, denn mich nähren die Früchte des Bewußtseins, mich tränket die Quelle der Bescheidenheit.

Lottchen.

Ach, ich bin ja mit allem zufrieden!

Zufriedenheit.

Hast du denn meine Hütte so leicht gefunden?

Lottchen.

Ach ja, das ist ja nicht schwer.

Zufriedenheit. Glaubst du? Viele Tausende wandern nach mir aus und finden mich nicht, denn der dürre Pfad, der zu mir führt, scheint ihnen nie der rechte zu sein. Siehst du dort oben die bunten Auen, wo des Glückes Blumen farbig winken? (Deutet auf den Blumenberg.) Dort wollen sie mich finden, und je reizender der Pfad sie aufwärts lockt, desto tiefer entschwindet meine niedre Hütte aus ihrem getäuschten Auge. Denn wer mich ängstlich sucht, der hat mich schon verloren.

Lottchen.

Aber auf jenen hohen Bergen muß doch eine schöne Aussicht sein?

Zufriedenheit. Nicht für dich, mein Kind. Du gehörst ins Tal. Siehst du dort den hohen flimmernden Berg? Das ist die Alpe des Reichtums, und ihm gegenüber sein noch glänzenderer Nebenbuhler, der Großglockner des Ruhmes! Das sind schöne Berge, doch sende deine Wünsche nie hinauf, stark und erhebend ist die Luft auf ihren Höhen, aber auch der Sturmwind des Neides umsaust ihre Gipfel, und kann er die Flamme deines Glückes nicht löschen, so löscht er doch den schönen Funken des Vertrauens in deiner Brust auf immer aus.

Lottchen.

Das versteh ich nicht.

Zufriedenheit. Darin bestehet ja dein Glück, weil du mich nicht verstehst, bist du mit mir verwandt.

Lottchen.

Verwandt? Und doch haben sich Euer Hoheit nie um mich bekümmert?

Zufriedenheit. Glaube das nicht, ich habe dich mir ja erzogen und will nun deine Freundin sein. Der Mann, der heute dich verstieß, ist nicht dein Vater, sonst hätt er es nie getan. Doch eine Mutter hast du noch, die dich innig liebt und die du bald umarmen wirst. Bis dahin reiche mir deine Hand und nenne mich Schwester.

Lottchen. Recht gerne! Ach, was ist das Schönes, wenn man eine Schwester hat. Aber da muß ich hernach auch du zu Euer Hoheit sagen und bin so viel als Euer Hoheit selbst?

Zufriedenheit.

Allerdings! Du sitzest neben mir auf meinem moosbewachsenen Thron, und über uns spannt sich der schönste Baldachin, der heitre Himmel aus.

Lottchen.

Ach du liebe Schwester, wie soll ich dir danken?

Zufriedenheit.

Bleibe, wie du bist, und du hast den Lohn schon abgetragen.

Lottchen (freudig).

Ach ja, wie ich bin—doch—nun ja—wie ich bin, nicht wahr?

Zufriedenheit.

Nun ja.

Lottchen.

Da muß ich aber auch ledig bleiben?

Zufriedenheit (lächelnd).

Ja so! Und du hast den schönen Wunsch zu heiraten?

Lottchen. Ja freilich. Doch sei nicht böse, liebe Schwester, seit ich bei dir bin, wünsche ich mir fast gar nichts mehr. Aber wenn ich an meinen Karl denke, kann ich doch mit dem Wünschen noch nicht recht fertig werden.

Zufriedenheit. Das sollst du auch nicht, liebes Lottchen! Tröste dich, ich werde dich mit deinem Karl vereinen. Er verdienet dich, ich kenne ihn genau.

Lottchen.

Du kennst ihn? Ist er vielleicht auch mit dir verwandt?

Zufriedenheit. Er war es. Ich war stets um ihn, wie noch der muntere Hirsch das Sinnbild seiner kräftgen Freude war, und nur du hast uns entzweit, du hast ihn mir entrissen.

Lottchen.

Das ist mir unbegreiflich.

Zufriedenheit. Komm! Du wirst deinen Karl heute noch erhalten. Er soll uns beide wiederfinden, dich und mich durch dich. Und hab ich euch vereint, geb ich auch meinem Herzen dann ein Fest, durchziehe froh die Welt, und wo ich einen Armen finde, der krank liegt am Verlust der Freude, will ich schnell die Hand ihm reichen und sie überströmen lassen aus meinem Herzen in das seinige! Vielleicht gelingt es mir, ein Bündnis mit der Welt zu schließen, die ich so innig liebe und die so hart mich von sich stoßt. (Geht mit ihr in die Hütte.)

 

Vierter Auftritt

Verwandlung

Saal mit Lustern und Wandleuchtern. Punschtableau. Beim Aufziehen der Kortine ein rauschender Tusch von allen Instrumenten. An der rechten Seite eine hohe Glastür, gegenüber die Eingangstür.

 

Wurzel. Afterling. Musensohn. Schmeichelfeld.

Alle (übermütig schreiend). Der Hausherr soll leben! hoch—(Ein paar werfen die Gläser an die Wand.)

Wurzel.

Schlagts nicht so viel Gläser zusamm, ich bin ja kein Glasfabrikant—

Schmeichelfeld (etwas angestochen). Ah was da, man hört so keine Uhr, wenn einmal die Gläser fliegen, so weiß man doch, wieviels gschlagen hat.

Musensohn. Aber jetzt ists aus, meine Herren, es ist fünf Uhr, und ich muß heute abend noch geschwind den letzten Akt von meinem Trauerspiel schreiben.

Schmeichelfeld. Was Trauerspiel? Lustig wollen wir von unserm teuern Herrn von Wurzel scheiden, dem aimabelsten Mann in der ganzen Stadt. Singen wollen wir, und dazu machen Sie uns Verse, wenn Sie ein Dichter sein wollen.

Musensohn.

Schön! Wir wollen die Freundschaft besingen.

Afterling (der einen starken Rausch hat). Ja singen, schön singen wollen wir, und hernach kerzengerade nach Haus. (Er taumelt. Alle lachen.)

Wurzel.

Der hat ihn heute.

Afterling. Lachen? Ihr Spitzbuben!—Seid nichts nütze—alle sind nichts nutz— Herr von Wurzel, alle, bis auf den (auf den Dichter zeigend)—und der ist auch nichts nutz. Aber Sie, Herr von Wurzel, sind ein großer Mann. Aber sind Sie aufrichtig, Herr von Wurzel! (Beschwörend.) Herr von Wurzel, sind Sie aufrichtig!— Haben Sie—keinen Punsch mehr?

Wurzel. Nun so gebt ihm noch ein Glas, so fallt er gar hinunter untern Tisch.

Afterling. Herr von Wurzel! (Fällt ihm um den Hals.) Sie sind unser Vater, und wie Sie sich heute auf mich stützen können, so können Sie sich auf uns alle stützen. Punsch her—Punsch! Der Herr von Wurzel soll leben! (Er taumelt gegen die Tür und fällt vor Rausch in einen Stuhl.)

Wurzel.

Nu, der hats überstanden. Habakuk! (Habakuk tritt vor.) Führts ihn hinüber ins rauschige Zimmer und legts ihn in das Bett, was ich hab herrichten lassen, wenn einem von meinen guten Freunden übel wird.

Habakuk. Ja es liegen ja so schon drei drinn und einer vor der Tür, man kann gar nimmer hinein.

Wurzel. So legts ihn ins blaue Zimmer hinüber, wo der große Spiegel ist und 's Porzelain. Aber bindts ihn an, sonst schlagt er uns alles zsamm.

Habakuk (und zwei Bediente tragen Afterling fort). Nu, das sind schöne Herrschaften!

Musensohn (hat bei einem Tisch mit Bleistift geschrieben und springt auf).

Fertig sind die Verse. Jetzt, meine Herrn, stimmen Sie.

Alle.

Bravo! Bravo!

Musensohn. Die Phantasie hat mich begeistert. Herr von Wurzel! (schlägt ihn auf die Achsel) wollen Sie ihre Stimme hören?

Wurzel.

Lassen Sie sie los!

Trinklied

Musensohn (singt vor).

Freunde, hört die weise Lehre,

Die zu euch Erfahrung spricht.

Schickt die Freude ihre Heere,

Öffnet alle Tore nicht:

Mann für Mann laßt nur herein,

Wollt ihr lang ihr Feldherr sein.

Chor. Mann für Mann laßt nur herein,

Wollt ihr lang ihr Feldherr sein.

Musensohn. Wenn des Lebens Bajadere

Hält den goldnen Wagen still

Und für ihres Glücks Schimäre

Euren Frieden tauschen will:

Jagt die feile Dirne fort,

Denn Fortuna hält nicht Wort.

Chor. Jagt die feile Dirne fort,

Denn Fortuna hält nicht Wort.

Musensohn. Doch wenn voll der Becher blinket, Bacchus' Geist den Saal durchrauscht,

Euch die Freundschaft zu sich winket

Und Gefühle mit euch tauscht:

Drückt sie beide an die Brust,

Sie gewähren Götterlust!

Chor. Drückt sie beide an die Brust,

Sie gewähren Götterlust!

 

(Alle ab.)

 

Fünfter Auftritt

Wurzel. Lorenz. Habakuk.

Bediente räumen die Tische hinaus.

 

Wurzel. Das war ein prächtiges Mittagmahl heut. Ich bin so gut aufgelegt, heut Nacht leg ich mich wieder nicht schlafen. Habakuk, bring einen Champagner herauf. (Habakuk ab.) Lorenz, jetzt trinken wir erst recht.

Lorenz.

Allo! das ist ein Leben! juhe!

Wurzel.

Stoß an, Lorenz! Alle Rauschigen sollen leben—

Lorenz.

Hoch!

(Donnerschlag. Stille. Die Glocke schlägt zwölf.)

Wurzel.

Was ist denn das? Zwölf Uhr? Hat denn die Uhr einen Rausch? Es ist ja erst sechs Uhr und der schönste Abend. Schauts auf die Uhr.

(Alle sehen auf die Uhren, er selbst auch.)

Lorenz.

Was ist denn das? Es geht ja keine.

Wurzel.

Bei mir ists zwölf Uhr.

Alle Bedienten.

Bei mir auch.

Wurzel. Ich glaube gar, ihr macht euch einen Spaß mit mir? Redet! (Man hört an der Tür stark pochen.) Was ist denn das? Schau hinaus! (Es pocht stärker.) Mir scheint, der schickt die Grobheit voraus, daß sie statt ihm anklopfen soll. (Lorenz geht hinaus.) Jetzt weiß ich nicht, bin ich im Narrenturm oder zu Haus?

Lorenz (kommt zurück). Euer Gnaden! ein junger Herr ist gfahren kommen in ein goldenen Wagen, der voller Blumen ist, und zwei Rappen vorn, die er kaum erhalten kann, und hintern Wagen tanzen lauter Pagen und rosenfarbe Kammerjungfern her. Er will mit Ihnen reden.

Wurzel.

Wie heißt er denn?

Lorenz.

Das weiß ich nicht, er sagt, er ist die Jugend.

Wurzel. Ah, ein Jugendfreund wird er gsagt haben. Gleich laßt ihn herein. Das ist a prächtige Visitt. Champagner tragts rauf, ihr verdammten Kerls! Ich bin doch ein glücklicher Mann, die schönsten Leut kommen zu mir. (Lorenz öffnet die Tür.)

 

Sechster Auftritt

Sechs Pagen und sechs Mädchen weiß gekleidet mit rosenroten Spensern, welche samt den Hüten mit blühenden Rosen verziert sind, tanzen herein und gruppieren sich auf beiden Seiten der Tür. Dann hüpft die Jugend herein, eine weiß kasimirne kurze Hose, weiß atlaßne Weste mit silbernen Knöpfchen, am Kragen mit Rosen garniert. Rosenrotes Fräckchen. Weiß atlaßnen runden Hut mit einem Rosenband. Das Beinkleid am Knie mit silbernen Knöpfen und rosenroten Bändern gebunden. Sie spricht im hochdeutschen Dialekte mit einem Anklange des preußischen.

Vorige.

 

Jugend. Grüß dich der Himmel, Brüderchen! Du nimmst es doch nicht übel, daß ich dir meine persönliche Aufwartung mache?

Wurzel. Das ist ein prächtiger Mensch! hundsjung und geißnarrisch! Hat mich noch nie gsehen, und gleich Brüderl.

Jugend.

Ja Bruder, ich komme in einer besonderen Angelegenheit!

Wurzel. Nun Bruder, mit was kann ich dienen? (Für sich.) Der braucht gwiß ein Geld.

Jugend.

Ja—nimm es nicht übel, Brüderchen, aber mit uns ists aus. Ich bin hier, um dir meine Freundschaft aufzukünden.

Wurzel.

Nun, das wär nicht übel, Bruder, jetzt lernen wir uns erst kennen, Bruder, und sollen schon wieder bös aufeinander sein, Bruder, das wär gfehlt.

Jugend. Haha! Was fällt dir ein, Brüderchen? Fehlgeschossen, das endigt ja eben unsere Freundschaft, weil wir schon gar zu lange miteinander bekannt sind. Wir sind ja schon zusammen auf die Welt gekommen, weißt du denn das nicht mehr?

Wurzel. Ja, ja, ich erinnere mich schon, nachmittag wars, und gregnet hats auch.

Jugend. Wir sind auch miteinander in die Schule gegangen. Weißt du denn das auch nicht, wir sind ja auf einer Bank gesessen.

Wurzel.

Ist richtig! Auf der Schandbank sind wir gesessen. (Für sich.) Ich kenn ihn gar nicht.

Jugend. Ja freilich! Sie haben uns ja dadurch zwingen wollen, daß wir etwas lernen sollen.

Wurzel.

Nun ja, was das für Sachen waren, aber wir haben nichts dergleichen getan. Oh, wir waren ein Paar feine Kerls! (Für sich.) Ich hab ihn mein Leben nicht gsehen noch.

Jugend. Und wie wir beide zwanzig Jahr alt waren, haben wir die ganze Gemeinde geprügelt. Oh, das war ja prächtig, Brüderchen!

Wurzel.

Oh, das war ein Hauptjux! (Für sich.) Ich weiß kein Wort davon.

Jugend.

Und getrunken haben wir, Bruder, das war mörderisch.

Wurzel.

Oh, das war schändlich, Bruder!

Jugend.

Ja, und was wir alles getrunken haben!

Wurzel.

Nu, einmal haben wir, glaub ich, gar einen Wein getrunken, das Verbrechen!

Jugend.

Ja, und was für einen!

Wurzel.

Einen Luttenberger.

Jugend.

Und einen Grinzinger!

Wurzel (für sich).

Ist alles nicht wahr.

Jugend. Du hast mich ja in alle Wirtshäuser herumgeschleppt, wir waren ja alle Tage sternhagelvoll besoffen. Kurz, wir waren ein Paar wahre Lumpen.

Wurzel (beiseite).

Er muß doch eine Spur von mir haben, er kennt mich doch. (Laut.) Bruder, wir wollens noch sein! schlag ein, Bruderherz!

Jugend. Bruder, nein! Jetzt ists gar. Du mußt jetzt solid werden, du mußt dich um sieben Uhr zu Bette legen, darfst dir keinen Rausch mehr trinken—kurz, was du zu tun hast, das wirst du von einem anderen hören, der dir alles pünktlich auseinandersetzen wird.

Wurzel. Bruder, was wär denn das?—Ich keinen Rausch—und das ist das Edelste an mir. Ich bin so gsund, daß ich mit einer Armee raufen könnt.

Jugend. Ja Brüderchen, jetzt solang ich noch bei dir bin. (Stark.) Doch den ersten Schritt, den ich aus diesem Saal mache, wird dich die Lust verlassen, auf eine so unedle Weise dein Schicksal ferner zu versuchen.

Wurzel.

Ich fang mich völlig zum fürchten an. Auf die Letzt kann der Kerl hexen! Das wär eine hantige Bruderschaft.

Jugend. Also adieu, lieber Bruder! Verzeihe mir, was ich dir Leids getan hab, du lieber guter Kerl du! Ich bin gewiß ein fideler Junge, habs lang genug mit dir ausgehalten, du warst mein intimster Freund, aber du bist gar ein lüderliches Tuch, darum leb wohl, Brüderchen! sei nicht böse auf mich und sage mir nichts Schlechtes nach.

Duett

Jugend. Brüderlein fein, Brüderlein fein,

Mußt mir ja nicht böse sein!

Scheint die Sonne noch so schön,

Einmal muß sie untergehn.

Brüderlein fein, Brüderlein fein,

Mußt nicht böse sein.

Wurzel. Brüderlein fein, Brüderlein fein,

Wirst doch nicht so kindisch sein!

Gib zehntausend Taler dir

Alle Jahr, bleibst du bei mir.

Jugend. Nein, nein, nein, nein!

Brüderlein fein, Brüderlein fein,

Sag mir nur, was fällt dir ein?

Geld kann vieles in der Welt,

Jugend kauft man nicht ums Geld.

Drum, Brüderlein fein, Brüderlein fein,

's muß geschieden sein.

Jugend. Brüderlein, bald, Brüderlein, bald

Flieh ich fort von dir.

Wurzel (gleichzeitig).

Brüderlein, halt, Brüderlein, halt,

Geh nur nicht von mir.

(Unter dem Ritornell tanzt die Jugend und ihr Gefolge.) Jugend. Brüderlein fein, Brüderlein fein,

Wirst mir wohl recht gram jetzt sein?

Hast für mich wohl keinen Sinn,

Wenn ich nicht mehr bei dir bin?

Brüderlein fein, Brüderlein fein,

Mußt nicht gram mir sein!

Wurzel. Brüderlein fein, Brüderlein fein,

Du wirst doch ein Spitzbub sein!

Willst du nicht mit mir bestehn,

Nun, so kannst zum Teuxel gehn!

Jugend. Nein, nein, nein, nein!

Brüderlein fein, Brüderlein fein,

Zärtlich muß geschieden sein.

Denk manchmal an mich zurück,

Schimpf nicht auf der Jugend Glück!

Drum, Brüderlein fein, Brüderlein fein,

Schlag zum Abschied ein!

Beide. Brüderlein fein, Brüderlein fein,

Schlag zum Abschied ein!

 

(Umarmen sich. Die Jugend tanzt ab, ihr Gefolge nach.)

 

Siebenter Auftritt

Wurzel geht nach einer Flasche Wein, will trinken, stellt sie aber mißmutig zurück und setzt sich in einen Stuhl.

Lorenz.

Lorenz (nähert sich Wurzel langsam).

Wie ist denn Euer Gnaden?

Wurzel.

Gar nicht gut. So gewiß dumm ist mir.

Lorenz.

Ja, man sieht Ihnens an, völlig vernagelt schauen Sie aus.

Wurzel.

Und was ists denn so kalt heran, hab ich denn s' Fieber?

Lorenz (sieht zum Fenster hinaus).

Ja ich glaubs, es fang' ja zum schneien an. Ah, das ist gspaßig! Da schauen S' naus in den Garten, alles ist weiß, und die Bäume, alle Blätter werden gelb.

Wurzel.

Was ist denn das für eine Hexerei?

(Habakuk bringt Champagner.)

Habakuk.

Der Champagner ist da!

Wurzel. Marschierst! Einen Kamillentee laßt mir machen, und einheizen, man möcht ja erfrieren. (Es wird im Kamin eingeheizt. Die Turmuhr schlägt Eilf.) Jetzt hats elf Uhr gschlagen! Erst wars zwölf, jetzt ists wieder elf Uhr. Hat denn die Zeit einen Krebsen verschluckt, daß die Stunden rückwärts gehen? Es wird ja stockfinster, bringts Lichter! (Es wird Nacht. Von außen Katzengeschrei: Miau! Miau!) So! jetzt singen die vierfüßigen Nachtigallen, das ist eine falsche Stund! (Heftiges Pochen von außen.) Ist schon wieder wer da? Verdammtes Gesindel! Ist denn keine Ruh! Schau hinaus. (Wird wieder geklopft.) Und das Klopfen! Wollen s' denn aus meinem Haus eine Stampfmühle machen?

(Bediente bringen Lichter.)

Lorenz (hält den Kopf zur Glastür hinaus). Ui je! Ui je! Ein alter Herr mit ein Leiterwagen ist drauß, er will mit Ihnen reden.

Wurzel.

Wer ist er denn?

Lorenz (ruft hinaus).

Wo sind wir denn her?

Das Alter (von außen).

Aus Eisgrub.

Wurzel.

Aus Eisgrub? Nein, was das für Visiten sein, da kenn ich kein Menschen.

Alter (von außen).

Na, nur aufmachen. Ich bin das hohe Alter. Ich will hinein!

Wurzel. Das Alter? die Tür sperrst zu und unterstehst dich nicht, daß du ihn hereinläßt.

Alter (von außen).

Nun, wird die Tür aufgmacht oder nicht?

Wurzel.

Nein, saperment!

Alter (von außen).

Ah so? Nun, so komm ich schon mit Gewalt hinein!

(Die Glastür wird vom Wind aufgerissen, so daß die Scherben davonfliegen. Das Alter fliegt herein auf einem Wolkenleiterwagen. Zwei Schimmel, alte Bauernpferde, sind vorgespannt. Der Wagen ist mit gelbem Gesträuch ausgefüllt. Das Alter sitzt in einem alten Hausrock, der bis an die Knie reicht, darin, den Kopf mit einer Pelzschlafhaube bedeckt, die Füße in Pölster gewickelt, auf dem Schoß einen schlafenden Mops und auf der Achsel eine Eule. Ein kleiner uralter Kutscher ist auf dem Bock. Der Wagen ist etwas beschneit.)

Alter (mit kränklicher Freundlichkeit und persiflierendem Wohlwollen, steigt aus dem Wagen, mit einem Krückenstock). Sie verzeihen, daß ich so frei bin, meine mühselige Aufwartung zu machen. Ich weiß nicht, ob Sie mir es ansehen werden oder nicht, ich bin das hohe kranke Alter, Ihnen miserablicht zu dienen. Ich hab da ein Einquartierungszettel bei Ihnen.

Wurzel.

Bei mir? Glaubt der Herr, bei mir ist ein Spital?

Alter. Wird schon eins werden, wenn ich eine Weile da bin. Sein S' nicht bös, daß ich so unerwartet komm, gewöhnlich korrespondieren die Leut schon vorher mit mir, aber Sie haben ein braves Kind, die 's mit Ihnen gut gmeint hat, aus dem Haus gjagt, und da haben s' mich dafür gschickt. Nehmen Sie mich an Kindesstatt an.

Wurzel.

Ja, aber z' Haus bhalt ich Ihn nicht, ich gib Ihn ins Kadettenstift nach Ybbs.

Alter. I bewahr! wir werden uns schon miteinander vertragen, ich bin ein spaßiger Kerl. Ich mach noch an mancher Tafel, bei manchen Hausball meine Lazzi, ich hupf noch bei manchen Ecossais mit, bis mir einen rechten Riß gibt, hernach setz ich mich gschwind nieder.

Wurzel.

Ja, ja, gscheider ists!

Alter. Wenn wir eine Weile bekannt sind, werden schon meine Verwandten auch ihre Aufwartung machen. Mein liederlicher Vetter, der verdorbene Magen, das wird der erste sein, der Ihnen die Honneurs machen wird, und meine Cousine, die Gicht, die hat mich schon versichert, sie kanns gar nicht erwarten, Sie an ihr gefühlvolles Herz zu drücken. Oh, hören S', das ist eine unterhaltliche Person, ich sieh Ihnen schon ordentlich nach Pistyan ins Bad mit ihr reisen, und treu ist sie—

Wurzel. Ich weiß, man bringt s' gar nicht los. Ein jeder sagt: da hast du s', ich mag s' nicht.

Alter. Und was tun Sie denn, mein lieber Herr von Wurzel? Was gehen S' mir denn so kühl herum? Werden S' gleich ein Schlafrock anziehen? Sapperment hinein! so schaute doch auf euren Herrn! Ist ja ein alter Herr, müßt ja hübsch acht geben auf ihm. Wenn er euch stirbt, seids brotlos. Gleich bringts ihm ein Schlafrock!

(Bediente wollen fort.)

Wurzel.

Nicht unterstehen—oder ich schlag einen hinters Ohr!

Alter. Was, schlagen? Gleich niedersetzen! (Er nimmt ihn an der Hand und setzt ihn in einen Stuhl.)

Wurzel.

Himmel! wie wird mir?

Alter. Nicht unterstehn und schlagen. Die Pferd schlagen aus, nicht die Leut. Damit Sie aber nimmer ausschlagen (berührt sein Haupt, und Wurzel bekommt ganz weißes Haar)—So, jetzt ist aus dem Bräunl ein Schimmel worden. So! hato! mein Schimmerl! Nu, nichts hato?

Wurzel (weinend). Lorenz, mein Schlafrock.

(Man zieht ihm denselben an, und zwar so, daß er dadurch zugleich sein Bauerkleid anzieht, dessen Ärmel in den Ärmeln des Schlafrocks stecken. Er bekommt einen kaschierten Kropf.)

Alter. So, mein lieber Herr von Wurzel! Tun S' mich nur gut pflegen, damit wir lang beisamm bleiben, mit mir muß man gar heiklich umgehn.

Wurzel.

Aber was soll denn das heißen?

Alter.

Das sind die Wintertag.

Wurzel.

Ah, ich hätt glaubt, die Hundstäg!

Alter. Wie mans nehmen will. Aber jetzt leben Sie wohl, ich hab mein Post ausgerichtet. Wenn S' mich auch nicht mehr sehen, Sie werden mich schon spüren. Für einhundertunddreißig Jahr können Sie sich ausgeben, auf mein Wort. Adieu! (Umarmt ihn.) Also schön merken: In der Früh ein Schalerl Suppen und ein Semmerl drinn, um ein elf ein bisserl in der Sonn spazierengehen, aber immer ein Hafendeckl auf den Magen legen, daß Sie sich nicht erkühlen. Z' Mittag ein eingmachts Henderl und ein halbs Seiterl Wein, und auf d' Nacht eine halbete Biskoten. Und gleich ins Betterl gehn. So! jetzt pa! pa! alter Papa, und befolgen Sie meinen Rat. Kein Tee müssen S' nicht trinken, den haben S' so schon. (Er steigt in den Wagen.) Hansel! langsam fahren, daß wir kein Unglück haben, mit die Teufeln von Rosser. (Macht Pa aus dem Wagen.) Gute Nacht! mein lieber Herr von Wurzel! gute Nacht! (Fliegt ab.)

 

Achter Auftritt

Wurzel. Lorenz.

 

Wurzel. Jawohl gute Nacht. So weit hab ichs gebracht! Lorenz, gib mir einen Spiegel! (Lorenz gibt ihm den Spiegel, er sieht hinein.) Ah, die Positur! jetzt kann ich in der Häßlichkeit Lektion geben. Nein, ich halts nicht aus, ich geh durch! (Will fort.) Es geht nicht, ich hab 's Podagra! (Lacht verzweifelnd.) Haha, nichts mehr hoto!

Lorenz.

Freilich, lieber tschihi ins Bett.

Wurzel.

Was hängt denn da für ein Habersackel? Hab ich denn ein Kropf?

Lorenz. Nu, und das was für ein, als wenn S' einen Suppentopf gschlückt hätten. Ui je! jetzt haben S' einen buckeligen Hals! (Lacht.)

Wurzel.

Ich glaub, der Kerl lacht mich noch aus?

Lorenz.

Nein, einen Neid werd ich haben, wegen den.

Wurzel (auffahrend). Der Neid? das ist ein schöner Spitzbub. Ja, der ist an mein Unglück schuld, und jetzt laßt er mich sitzen. Was hab ich jetzt von dem verdammten Geld? Ich kanns ja nicht genießen. Ich wirfs zum Fenster hinaus, vielleicht wird wieder alles wie vorher.

Lorenz. So sein S' doch gscheid. Wann S' Ihren Reichtum verwünschen, so ist er ja hin. Sie haben mir es ja selbst erzählt.

Wurzel. Und er soll hin sein, ich will ihn nimmer haben, hab ich meine Schönheit verloren, so will ich auch nimmer reich sein, ich will lieber arm sein und gsund. Hör mich, du verdammter Neid, nimms, dein Geld, ich mags nimmermehr. Oh, wär ich nur, wo ich hingehör, wär ich nur bei die Meinigen!

(Ein Blitzstrahl fährt herab. Schnelle Verwandlung in ein düstres Tal, an der Seite ein Teil der halbverfallnen Hütte Wurzels. Die vordere Gegend ist finster gehalten und herbstlich mit gelben Blättern. Zwischen zwei sehr dunkel sich hereinlegenden Bergen erhebt sich in der Mitte ein hoher Gletscher. Der Sitz von Samt, auf welchen Wurzel nach seiner Verwünschung zurückgesunken ist, verwandelt sich in einen Baumstamm. Er und sein Diener verwandeln sich in arme Bauern. Neben Wurzel liegen ein Paar große Ochsen, worein sich zwei Seitenkredenzen verwandelten, und mehre andere weiden auf dem Berg und perspektivisch in den Wald hinein, daß es das Ansehen einer weidenden Herde hat. Die Musik drückt das Brüllen der Ochsen aus.)

Lorenz. So, da haben Sies, Sie übermütiger Ding! Jetzt sind S' bei die Ihrigen.

Wurzel.

Die haben doch eine Freud über mich, wenn s' mich sehen. Gelts, meine Kinder? (Ochsengebrüll. Ein Geißbock meckert auf einem Felsen.) Das ist eine rührende Anhänglichkeit. Alle Ochsen weinen über mich!

Lorenz.

Und ich wein doch nicht.

Wurzel.

Hast denn kein Gefühl? Schamst dich denn nicht vor die Ochsen? die werden sich was Schönes denken von dir, du undankbarer Bursch du!

Lorenz. Was wär das? Kein Geld mehr haben und grob auch noch sein? Ah, jetzt muß ich andre Saiten aufziehen. Was glaubst denn du, grober Mensch? Du hast ja nichts mehr, schau s' an, dein verfallne Hütten. Da steht s' jetzt, dein Palast, wo die Mäus Frau Gvatterin leih mir d' Scher spielen. Z' gut ists ihm gangen, z' übermütig ist er worden, und jetzt ist alles hin, aber alles, sein Sach und mein Sach. (Weinerlich.) Ich bin nur ein armer Dienstbot, und er bringt mich um das Meinige. Ist denn das eine Herrschaft? Jetzt hab ich ihn drei Jahr lang betrogen, und jetzt hab ich nicht einmal was davon.

Wurzel.

Weil dich der Himmel bestraft hat dafür!

Lorenz. Wenn du dich noch einmal unterstehst, und kommst mir unter die Augen, so reiß ich einen Felberbaum aus und wichse dich damit herum, daß d' an mich denken sollst, du verdorbener millionistischer Waldhansel du! (Geht ab.)

Wurzel.

Ist jetzt kein Mensch mehr da, der mir eine Grobheit sagt?

 

Neunter Auftritt

Wolken fallen vor.

Der Neid kommt auf einer grünen Wolke, die sich an eine rote schließt, worauf der Haß steht, aus der Kulisse gerollt. Diese Erscheinung muß äußerst schnell vor sich gehen.

 

Wurzel. Der Neid ist römisch gekleidet, doch ganz gelb. Das Kleid hat eine Bordüre von gestickten Schlangen, einen Turban mit Nattern umwunden. Der Haß in römischer roter Kleidung mit goldener Stickerei, Brustharnisch und Helm von roter Folio, auf dem Helm eine Spiritusflamme.

Weiter: Teil 3 von 3