Das rasende Leben

Kasimir Edschmid · Kapitel 1 von 2

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Das rasende Leben

Das Beschämende Zimmer

 

DEN ABEND war ich bei einem Freunde. Wir waren allein. Wir hatten uns in

politischen Dingen ausgerast. Wir hatten Tee getrunken, der — ich glaube —

sehr leicht nach dem Haar von Kamelen roch. Er sprach von einer Jagd in

Turkestan. Darauf sagte ich einiges und beiläufig von Wintertagen bei Utrecht.

Dann redeten wir lange wieder von Paris. Ich hatte gerade die Schattenspiele der

Connards erwähnt und wollte anfangen, von dem merkwürdigen Effekt zu

erzählen, als ich Wolfsberg ohne Bart am Square de Vaugirard traf . . . da war

mein Freund, der ganz ruhig gesessen hatte, wie unter einem lang

zurückgehaltenen Entschluß rapid aufgestanden und hatte mich durch sein Bad

in ein Zimmer geführt, von dessen Existenz ich keine Ahnung hatte.

Er hob den Arm. Zwei Lichter am Fuß der Wände füllten sich langsam mit

prächtigem Licht und strichen in warmen Flutungen und Bündeln die

honiggelben Seiten hinauf. Dann öffnete er das große Fenster nach der Straße

und schob eine Jalousie vor das Loch. Sein Profil stand rasch, von Abenteuern

zerfetzt, aber gütig, vor dem hellen Tuch . . . dann waren nur seine Hände da, die

grotesk waren in ihrer Röte und noch mehr wie sonst denen eines Matrosen

ähnlich schienen, wo sie allein von Licht überspielt dastanden. Kraft, die in

Weichheit gebändigt war, ging von allen seinen Bewegungen aus.

Dann öffnete er gegenüber zwischen zwei Schränken das Schiebefenster zum

Garten. Sommerliche Nacht strich herein. Das Tuch lehnte sich tief aus der

Füllung. Schatten überschaukelten den Teppich und an den Wänden zog ein

Klappern hin. Es war ein melancholisches unangenehmes Geräusch. Als ich

aufsah, lächelte der Freund, wies mit halbgedrehter Hand auf die Bilder, die die

hohe und breite Mauer in einem Gurt durchschnürten, daß über und unter ihnen

eine gleiche Fläche glänzender Tapete freiblieb. Sie hingen an Stricken,

Bändern, Seidenkordeln und Tauen. Einige bedeckten sich fast völlig, manche

überschnitten sich mit den Rahmen und bildeten in allen Stufen und Farben

zusammenhängend ein eigentümliches Mosaik.

Wies auf die Bilder und sagte: „Es ist keines darunter, in dem nicht ein

Erlebnis wühlte. Es ist eine Laune oder ein Experiment. Ich muß es abwarten.

Ich habe sie hier aufgehängt ohne Auswahl, ohne Ordnung, je wie ich hierher zurückkehrte und wie es mir gefiel. Es liegen Jahre in manchem eingeschlossen

und strömen sich aus.

Oft ist mein ganzes Zimmer hier voll von dem Frühling in Paris. Dieses Bild

ist die Schaukelnde des Fragonard. Sie hat das eine Bein zurückgezogen, das

andere zieht in dem trotzigen Aufschwung noch die Volute der losgeschnippten

Pantoufle nach, und um diese graziöse Entblößung fällt das Schwebende der

weiten Robe und der Duft der Farbe, der gleich einer Wolke darübersteht.

Ich kaufte es eines Abends an einem Tag, da wir morgens nach St. Germain

gefahren waren. Es war der erste jener bezwingenden Tage, die aufquellen aus

einer gleichgültigen Nacht und voll sind von der Zärtlichkeit des Blaus und der

warmen Stille einer Verheißung. Wir standen auf den Dächern der Waggons, die

starrten von Ruß. In den Gärten brachen die Mandelbäume auf. Wir liefen wie

ganz junge Hunde die Quere durch den Park. Es gibt in dieser Zeit nur eine

Seligkeit: fühlen, wie das Spiel der Muskeln um eine Freude herum erwacht. Wir

lachten und liefen, sprangen über Hürden, öffneten eine Holztür mit Lilien . . .

und dann wußten wir erst, daß wir Eindringlinge seien: als wir gerade

hineintraten in das Rondell.

Aus einem Bogengang ließ sich eine Schaukel nieder. Eine Dame saß darin.

Sie trug ein dünnes hellrosa Kleid. Wir sahen sie vom Rücken. Ihre Arme

umfingen die beiden Schnüre und zogen sie in einer lässigen Knickung

zusammen, wobei sie sich etwas nach rechts lehnte. Ihre nach vorn vereinigten

Hände mußten etwas halten, über das sie den Kopf senkte. Es war so still, daß

man die Schaukel quietschen hörte, wenn die Dame am vorderen Auslauf sich

mit dem einen Bein an einem in rotpunktierten Blüten stehenden Aprikosenbaum

abstieß, während sie das andere hastig zurückzog. Dabei senkten sich jedesmal

eine Handbreit Spitzen unter dem Brett augenblickslang über ein sehr zierliches

Bein.

Dann hörte sie uns. Sie glitt von dem Holz. Ihr schmaler weißer Kopf senkte

sich schräg. Sie raffte mit einer schützenden Bewegung die dünne und kurze

Matinee. Damit gab sie sich noch mehr preis. Wieder erschien ihre Wade in dem

glänzenden Strumpf und der noch hellere Schuh. Allein das merkwürdige war

. . . sie ward nicht rot, nicht verlegen, sagte nur mit einer Stimme, die kindlich

war, anklagend, alles war und umschloß in Inhalt, Tiefe und Modulation dieses

‚Good morning‘ — nur dieses —, schritt langsam, ohne wieder herzusehen, in

einen Seitenweg.

Wir zogen uns zurück.

Ein Erlebnis wie ein Pastell . . . sagte einer.

Kindlich, dachte ich, niedlich, ästhetisch! Verstehen Sie! Es war kein Herr

dazugekommen, niemand hatte gerufen, etwas gesagt, nur ein Geräusch: good morning.

Aber am Abend im aufheulenden Lärm des Boulevards kaufte ich dies Bild.

Manchmal hörte ich den Klang der Stimme nachts im ganz Stillen, oft am Meer,

im Orkan der Versammlungen, im Räderstampfen und in der Explosion der

Dampfer. Jetzt im Augenblick rieche ich, physisch — Sie lächeln — ich rieche

jeden Geruch jenes Morgens, das Feuchte vom Boden, das Arom der Luft

zwischen den Knospen, den Aprikosenbaum und das Warme darüber. Sie sehen,

mit welch wahnsinniger Intensität sich ein Erlebnis einfressen kann, das wir

zuerst flach empfinden und leicht ablösbar wie die Spur des Atmens an einem

Spiegel . . . und das bleibt, stärker und nachwirkender wie das Ungeheuere im

ersten Erblicken eines anderen Erdteils, wie verstörter Ehrgeiz und Tod der

Schwester. — — —

Ich habe stets das gedacht, was mich retten konnte. Darum liebe ich jenes

Bild. Es ist wenig daran. Eine alte Radierung, zwei alte Menschen, ganz dunkel,

um die Köpfe nur ein wenig Licht. Ich dachte mir einiges Angenehme dazu. Es

half mir. Ich lag damals immer zu Bett, krank und mutlos. Ein kleines Mädchen

schenkte es mir, das abends in den Vorstädten geigte. Ich besinne mich

vergeblich auf ihre Haltung. Ich weiß keinen Zug mehr von ihrem Gesicht. Aber

ich weiß, wie sie das Bild auf meine Decke legte und ihren grauen

baumwollenen Handschuh daneben, der irgendwo dunkler geflickt war. — — —

Der Goya da kam eines Morgens als Paket in graues Sackpapier

eingeschlagen. Mag sein, daß ich mißmutig war. Riß es auf, und der Riß fuhr in

ihn hinein, klaffend bis mitten in die Kampfszene. Genau zwischen Stier, der den

Nacken zum Stoß einzieht, und Pferdebauch und gerade über den schnelleren

Heft der Lanze.

Er kam von einem Brasilianer, mit dem ich eine Nacht fuhr von Kowno nach

der Grenze. Es war Schneesturm. Er sagte mir mit Leidenschaft vieles von seiner

Heimat: dem fürstlichen Meer des Amazonenstroms, den glühenden Nächten,

die sie erträglicher machten durch das Genießen unzähliger Kannen sehr heißen

Kaffees, und dem Gekreisch der Papageienherden.

Der Sturm brach sich an der Böschung, drückte mit blödsinnigen Stößen auf

den langen Leib des Zuges. Wir wurden warm und zogen zusammen das Fenster

herunter. Sofort zerbrach es. Die Scheibe spritzte uns ins Gesicht. Wir bluteten

mit vielen kleinen Wunden. Der Wind knallte das andere Fenster hinaus, die

Rahmen krachten. Schnee stopfte uns den Mund voll, wenn wir sprechen, rufen

wollten, wir würgten, konnten nicht atmen. Pse! lachte der Brasilianer. Mehr

hörte ich nicht.

Hagel klatschte uns gegen das Gesicht, das anschwoll, schmolz daran, und

fror im gleichen Augenblick in einer Maske von Eis wieder vor. Wir sahen aus, als hätten wir Gesichter aus Glas oder von roter Gelatine. Denn wir bluteten sehr

und lachten.

Es ist auf dem Bild des Stierkampfs nur die unterste Reihe der Zuschauer zu

erkennen. Doch es scheint: eine Welle von Wut und Ekstase sei das

Amphitheater in einer Kaskade hinuntergestürzt und habe sich in diesem Parkett

bäumend gestaut.

Es ist eine schwere Lache Blut auf dem Bild.

Der Stich liegt auf einem alten gelben Papier, das vor Leidenschaft knistert,

wenn die Sonne durch das kleine Fenster in einer Säule darauf steht.

Ich denke gern an diese Nacht.

Aber ich liebe noch mehr jenen Sommer, in dem alle Tage waren wie jene

Nacht.“ (Er hob mit steifem Arm eine breite, weißgerahmte Radierung heraus,

daß die Schnur sich straff ins Zimmer spannte, und blieb, sie auf der hohlen

Hand wiegend — die andere in der Tasche — stehen.) — „Man kann nicht

anders empfinden: Alles ist hier bezwungen von dem bleichen Weg. Sei es, daß

er zwischen dunklen Hügeln in einer geheimnisvollen Biegung läuft, . . . ob

dämmrige, schwere Fischerhäuser nebenan der Düne liegen mit verglasten

Luken und dann der Spuk der Telegraphenstangen ihn begleitet bis zu dem

Kreuz auf dem Hügel . . . mag sein, daß das alles die geballte Atmosphäre gibt

von Trauer, Unheil und ganz schwachem süßem Licht am Horizont . . . ganz

groß und so, daß er all dies missen könnte, ist nur der lange weiße Gang des

Wegs, der sich langsam mit unheimlichem Wollen, steigend, verblassend, in den

grauen Himmel über den Dünen wie in ungeheure, frevelhafte

Übersinnlichkeiten hinausschraubt.

Es ist ein Sujet aus Bornholm von dem jungen Radierer Georgi. Ich traf ihn

auf einem Petroleumsegler von Kopenhagen nach den Faeroers. Wir waren die

einzigen Passagiere. Und die einzigen Fremden (wenn wir einen kleinen

Botaniker, der nach drei Tagen von einem unmöglichen Hügel abstürzte, nicht

rechnen) auf den Faeroers von Anfang Juli bis in den Oktober hinein, der schon

Eis brachte von Island her.

Wir lebten jeder in einem anderen Fischerdorf. Er zeichnete. Ich schrieb, nein

ich fischte, schoß mit einem siebenendigen Kugellazo nach Vögeln und liebte

die breiten Mädchen. Meistens war Sturm. Er kam und man fühlte ihn rund oder

blau und so stets wie als könne man ihn packen irgendwo. Oft schien es, er

flösse aus einer immer breiteren metallenen Hülse, dann stieg er auf der See

hoch gleich einem Segel und überschwemmte in einer plastischen Strömung den

Strand.

Häufig lagen wir einen ganzen Tag auf einer Klippe, die in rechtem Winkel

hinabsauste zum Meer. Wir hatten die Köpfe in den Arm gewühlt. So raste der Wind. Ganz hell, fast weiß war der Himmel. Wir konnten nicht aufstehn. Er hätte

uns hinuntergeweht. Ganz sacht vielleicht, spielend wie ein Stück Tuch, locker

es aufhebend, kreisend, rasch senkend und dann aufs Wasser legend. Wer weiß!

Zeitweis hielt ich mit aller Kraft (er machte eine Parade als zerknackte er etwas

im Armgelenk) einen Block vor den andern, auf den er Striche setzte. Wie hinter

einer Barrikade verschanzt und in atemloser Eile. So raste der Wind.

Ich lag ein anderesmal allein einen Tag in brennender Sonne und dann noch

eine Nacht auf einem Felsen und wagte einen Tritt nicht zurück, bis morgens

unten die Mädchen der Fischer vorüberfuhren. Eine trug einen roten Rock. Sie

winkte. Sie rief: Du bist früh hinaufgestiegen . . . Sie war aus Store Dimon. Da

tat ich es.

Wir trugen keine Schuhe in dieser Zeit. Bündel Bast lagen um unsere Füße.

Unsere Insel hatte einen kleinen Strand. Schwarze Felsen lagen um sie herum in

Aufstiegen von hundert Metern. Unten formten sie kleine in sich selbst

strudelnde Fjords von hinreißender Elastizität der Linie. Ganz schwarz waren sie

und am Abend wie Basalt dunkelblau. Manchmal lösten sich hellere aus den

anderen und wurden Mövenschwärme, die den Himmel zuzogen und das Meer

überschrien.

Aller acht Tage kam der Dampfer von Edinburgh, der Konserven brachte und

Tabak. Er legte nur bei gutem Wetter an. Während der großen Sturmzeit kam er

vier Wochen nicht. Mit dem Glas sahen wir ein paar Amerikaner an der Reling

stehen, die nach Island fuhren. In dieser Zeit versäumte ich die wichtigste Post in

meinem Leben. Was lag mir an Post?

Teufel lag mir daran. Merde lag mir daran . . .

Freund! in diesen Tagen fingen wir eine Art Delphin. Größer als ein Mann.

Aufgesperrt den Rachen mit Lamellen aus samtnem Weiß. Die Augen ganz

dunkles Violett mit einem rötlichen dünnen Schein drüber von der Sonne, die

ihm gerade hineinschien. Einer der Fischer mit einer farbigen Mütze, die lang,

spitz über den Rücken fiel, stieß ihm eine Harpune in den Rachen, stieß immer

noch nach, als die Augen schon hinstarben, keine Sonne mehr brachen und der

Leib aufbrandete in drei zuckenden Sprüngen. Der scharfgefloßte Schwanz

wühlte ein Loch in den Sand, schlug, rasend wie der Kolben eines

Preßlufthammers, wütenden Takt und machte Wind an dem stillen Tag.

Seltsames Ding, dieser Schwanz: Porös, wie gewebt aus Gallerte, weichem Stahl

und etwas, das war, als ob es köstlich sein müsse auf der Zunge oder schön in

einem merkwürdigen Gefäß und vor allem von einer so maßlosen feuchten

Fremdheit. Ich glaube, daß ich nie etwas Neueres erlebte, etwas Seltsameres sah

als die Flosse des Fisches, die mit einer nie empfundenen Ekstase auf meine

Seele stieß.

Was war mir der wichtigste Brief meines Lebens?

Zut . . . ein Dreck war er mir.

Zwischen Georgis und meinem Dorf lag eine schwierige Klippe. Morgens

schossen wir, ließen die Echos hinüber- und herüberrollen, grüßten uns so.

Abends trafen wir uns darauf. Dann sahen wir ins Innere der Insel, das wie eine

Arena war, in deren Mitte das große, weiße Viereck lag, das Gebäude für die

einzige Krankheit, die diese Menschen hinfrißt, Männer Frauen, Frauen Männer,

durcheinander, wie es kam, aus ihren Hütten heraus in dies Gebäude, das in das

Dunkel noch lange hinausblitzt wie der Bauch eines Hais. — — —

Um zu diesem tief vorwachsenden holländischen Rahmen zu kommen, von

dem ich wollte, daß er aus dem siebzehnten Jahrhundert sei . . . vielleicht ein

wenig früher, aber keine Minute mehr, mußte ich achtundzwanzig

Seineantiquariate durchsuchen vier Tage lang, dann fand ich ihn . . . und sollte

dazwischen das Überfahrenwerden eines blonden Kindes erleben, das mir jeden

Morgen um zehn Uhr auf der ersten Straße des Jardin des Plantes ein Lächeln ins

Gesicht warf. Es hatte ein Kleid aus schwarzer Seide und eine gelbe, schöne

Krause an.

Von dem Bild in diesem Rahmen, das Segelboote zeigt, will ich nicht

erzählen. — — —

An dem kältesten Tag, den ich in Deutschland erlebte, stand ich vor dem

Bildzyklus in der Ecke dort, Hallo . . . ich stand nicht. Ging!

So kalt war es. Ging auf den Holzfliesen. Aber die Kälte brannte mir in die

Füße. Ich ging rascher und dann sehr rasch. Drei Schritte auf das Bild zu, drei

kleinere es entlang nach rechts, sechs die ganze Fläche hinunter nach links,

zurück zur Mitte und drei wieder, langsamer, rückwärts . . . und so fortfahrend

eilender im Schauen, unheimlich und lautlos gleich der Parade des schwarzen

Panthers vor seinem Gitter im ersten Käfig in Frankfurt.

Es ist der Isenheimer Altar des Grünewald. Sehen Sie die übersinnliche Kraft

des Lichtstrahls aus der oberen Ecke und den Leib dieses Leprösen, der schon

grün ist und überfault und so vegetativ, daß er sich nach Erde sehnt und halb

schon Erde ist, aber hier aufgefangen steht als qualvoller Schrei des Fleisches

zwischen Sehnsucht und Hiersein und Bestimmung zum Ende. Ganz Kolmar

klirrte an diesem Tag vor Kälte.

Ich liebe das Bild, weil es mich plötzlich mit einer überflutenden Intuition

mehr als durch tausend Bücher wie durch eine klaffende Wunde hineinschauen

ließ in das aufzischende Herz des Mittelalters. — — —“

(Nun hob er den Arm, als wollte er eine Lanze werfen und beschoß mit den

zitternden Kreisen der elektrischen Taschenlampe ein ganz kleines Bild)

„Erinnerungen eines Monats in einem schottischen Landhaus. Abends Silber, Kerzen, Toaste. Sonst Gehen auf geraden Wegen im Park, Rasen, zwei

Schwestern, Lilith und Jane, Rudern mit den Brüdern, die auf Ferien aus Oxford

waren, und zwischen all diesem Frischen endlose Ruhe. Holte mir Arbeitslust

für ein paar Jahre. Stahl, als ich wegging, von der Diele diesen winzigen Stich.

Es ist eine Szene mit Affen. Einer trägt das Kostüm Voltaires. Steht darunter: the

travelling monkey. — — —

Weheste und zarteste Erlebnisse, die wahllos ineinanderstürzen, aber binden

sich an diese Silhouette. Germaine schnitt sie mir, ultramarin auf orange, in

unserem kleinen Haus an den Tuilerien, als der Sommer dunkel und mit

Gerüchen durch unsere Gardinen wehte. Niemals in der grenzenlosen Flucht der

Zeit habe ich den Leib einer Frau mit dieser Hingebung geliebt wie den

Germaines. Ich ließ sie alle Tänze lernen, die ihren Gliedern neue Linien, tiefere

Inbrunst und glänzendere Seligkeit geben konnten. Am schönsten war sie, wenn

sie auf einem Fell abends neben meinen Füßen lag.

Sie trug ein langes weißes Hemd, träumte und färbte die Nägel ihrer Zehen.

Draußen der dunkle Garten bewegte sich manchmal. In Pausen ging jemand

vorüber, roter Himmel wuchs über die Rideaux, und wir wußten, wie nah und

brennend Paris über der Seine sei.

Germaine saß oft tagelang auf ihrem sechsbeinigen Schemel und schnitt

Silhouetten. Dann nahm ich sie mit ans Meer in ein kleines Nest der Bretagne.

Tagelang wieder lagen wir da im Sand, ihr Leib an meinem Leib, und wenn sie

anfing zu zittern, dann ward es Abend, und die Nacht schliefen wir in einem

Bett, das Boot war, und Germaines Glieder lagen auf den schweren roten Decken

wie Achat.

Paul Fort sagte von ihr, sie sei rührender als ein Papillon und schmerzender

als ein Gedicht von Francis Jammes.

Germaine liebte mich, ehe sie mich verließ, aber sie hatte keine Seele. Allein

sie besaß — unsagbarstes Wunder — besaß Knie von ungeheurer Süße, kleiner,

zärtlicher als die Brust eines schlanken norddeutschen Mädchens von dreizehn

Jahren. — — —

Den Carrière in dem ovalen Rahmen nahm ich aus dem Zimmer des Malers

Binetti, als er nach dreitägigem Kranksein an Cholera starb. Stunde auf Stunde,

den ganzen letzten Tag rief er einen seltsamen Namen. Er diktierte mir einen

Brief, dessen Adresse ich nicht verstand. Binetti schrie. Ich habe ihm Wasser

gereicht. Habe ihn in Eis gepackt. Ich habe ihn gebadet mit einer alten Frau.

Binetti schrie den Namen. Ich habe ihn nicht verstanden. Am Abend

gestikulierte er und formte immer eine merkwürdige Gebärde in die Luft. Sein

Blick wollte mich zwingen, zu begreifen. Immer wieder machte er die

Bewegung, und eine maßlose wütende Angst löste sich von seinen Augen ab. Er stieß mit der Zunge noch lange wie mit einem Dolch in die Luft, rascher,

qualvoller, spitzer. Aber ich verstand es nicht.

Der Brief ist das Furchtbarste an Weh. Ich habe die Adresse nie gefunden. Es

war in Marseille. Der Mond bewarf das Meer von flachen Dächern mit einem

Licht, daß sie, eine aufflammende Kette von Spiegeln, Feuer in den Himmel

brannten.

Vom Hafen her heulte das wahnsinnige Schmerzgeschrei eines Arabers die

Straße herauf.

Ich und Binetti, wir hatten nach Tunis fahren wollen.

Ich trug diesen Brief in der Tasche, und manchmal machte ich die vage Geste

in die Luft und wunderte mich und erschrak und wollte mich zwingen, es zu

lassen. Aber sie hatte Macht über mich bekommen und meinen

Nachahmungstrieb vergewaltigt, und so lief ich, ein Automat der fürchterlichen

Gebärde des Sterbenden, den Quai entlang. Und ich fühlte, wie ich anfing einen

Namen zu rufen, der sich langsam rundete wie aus einem zu A hin erhellten O

mit fremden Palatallauten dahinter. Bis ich mich plötzlich wiederfand und den

Kopf in die Fäuste geklammert aus dem Hafen rannte. Zwei Sergeanten traten

mir in den Weg. Ich kam in eine Allee, wo ein Weinen mich nahm und über eine

Bank warf.

Dies war die einzige Nacht, in der ich sterben wollte. — —

Den mennigroten Tod aus Wachs über Ihrer linken Schulter . . . nein so . . . ja

. . . schön . . . schenkte mir der finnische Dichter Karelainen, der eigentlich

Grönquist heißt. Grönquist ist schwedisch. Karelainen ist finnisch, Darin besteht

der wesentliche Wert Karelainens, daß er sich eindeutig so und nicht anders

heißt. Denn seine Verse sind schlecht. Für den Adel und die Intelligenz ist das

Schwedische die höhere Sprache, und sie heißen sich mit solchen Namen.

Karelainen stemmte dem aber seine breite Brust entgegen, seine feinen Hände

dazu und vor allem das helle Wunder seines Mezzosoprans und propagierte mit

dieser dreifachen Opposition das Finnische.

Aber es handelt sich nun keineswegs um Finnland. Wir saßen in einer

schmutzigen Schenke einer kleinen Stadt an dem litauischen See Ssilkine, in

dem wir gefischt hatten.

„Die litauischen Weiber sind Klötze Fleisch. Die Liebe der Männer geht über

sie hin, Unempfindliche, wie eine Welle beim Krebsen oder ein Schlag auf den

Schenkel. Sie atmen kaum.

Die litauischen Männer haben einen seltsamen Gang. Ihr Blut ist dick und

ihre Brunst ist die der Zugtiere.

Aber es gibt keinen Treubruch, niemals . . .“ sagte Karelainen.

Er sah mich forschend an. Ich schaute an ihm vorbei Da winkte er ungeduldig einem Hausierer, der, ein Grubenlicht vor den Bauch geschnallt, in der Ecke

Spiritus trank, kaufte den roten, wächsernen Tod und schenkte ihn mir.

Er wußte, daß ich jede Nacht bei der jungen Frau des Wirtes war, die

neunzehn Jahre und ganz weiße Haare hatte und eine Haut, glatt wie ein Aal.

Es ist nicht wahr, daß die Litauerinnen in ihren Betten liegen wie Klötze

Fleisch . . .

Dann hob Karelainen seine Hand, die flach auf dem Tisch lag, bis auf die

Kante des schmalen kleinen Fingers, und indem er sie viele Male zart aber scharf

auf den Tisch hakte, erzählte er, daß es im Finnischen nur drei Flüche gebe,

deren erster ist „Perkala“, deren zweiter ist „Perrrkala“ und deren dritter ist ein

rasches schneidendes Streichen eines jener Messer, deren Griff aus Horn ist und

deren Spitze etwas nach der Seite gebogen scheint fast wie eine Rosenschere.

Es ist nicht wahr, daß es im Finnischen nur drei Flüche gibt.

Es gibt viele Stufen dazwischen.

Denn hier stehe ich.

Und es ist unwahr, daß es niemals Treubruch gibt in Litauen.

Karelainen war klug. Allein seine Fallen lagen zu plump, weil er zu sehr voll

war von Eifersucht und Gift. Denn erstlich habe ich nie Angst vor Männern und

dann in diesem Falle, seine Stimme war — Mezzosopran.

Im übrigen war er auch darum wütend auf mich, weil ich eine Forelle fischte,

einen halben Fuß größer als seine längste. Er vergaß mir dies nie.

Auch ist an dem billigen Symbolismus seines Geschenks apriorisch

ersichtlich, daß er ein mieser Dichter war. — — —“

(Nun ging der Freund zögernd und unentschlossen um einen Schnitt herum,

der eine japanische Marterszene darstellte, und wechselte den Kopf zwischen

träumerischem Mich-Anschauen und einem Anstarren des Bildes. Dann warf er

rasch die Schultern herum und dachte aber, eh die entschlossene Bewegung

beendet war, — es schien mir — wieder eine Flut neuer Dinge. Auch sein Profil

hatte schärfere Linien. Und sagte dann:) „Ja.“

Nur: ja.

Ich sagte auch: „Ja.“

Ich wußte nichts anderes zu sagen. Auch fand ich es heiß und drückend.

Er sah mich sehr fremd und erstaunt an. „Ja“ . . . sagte ich.

Da antwortete er ganz kurz: „Gut.“ Und dann:

„Auch dies war in Marseille. Viele Städte haben mich geschlagen. Doch mein

bestes hellstes Blut ließ ich in dieser. Wenn ich im Traum Schiff fahre und

strande: es ist die Mole von Marseille. Wenn man im Traum (herrlicher

Rimbaud!) mich amputiert: es ist das gelbe Spital dort im östlichen Viertel. Und

auch dies, man krönt mich mit allen Insignien meines Ehrgeizes: es ist das Stadthaus von Marseille, aus dem ich in das Hohngelächter des Erwachens fahre.

So hasse ich diese Stadt . . . Die Pest . . .

Ich fuhr viel damals nach Aix. Es ist nicht weit. An der Universität hatte ich

einen Bekannten, der über Bakteriologie las. Abends spielten wir zur

Besänftigung Ecarté zu viert, ein jüdisch-russischer Flieger und ein japanischer

Schüler meines Freundes, der noch kleiner war, als Japaner gewöhnlich

scheinen. Er hatte eine sympathische Weichheit der Bewegungen und hinter den

Augen: Energie. Er besuchte mich oft in Marseille und verstand es, was Ecarté

allein ermöglicht, beim Kartenspiel entzückend zu plaudern. Einmal traf ich ihn

mit einer Dame. Doch grüßte er mich nicht.

Auf Karneval waren wir alle zusammen in eines der großen mehrstöckigen

Cafés gezogen, mußten uns aber bald zerstreuen. Nach einer Weile bekam ich

Streit mit einem kleinen Kolonialoffizier, dem ich seine Jungfrau abnehmen

wollte, die ich als Modell des roten Malers Hessemer von Lausanne erkannte —

es ist ja nur ein Sprung —, die Kleine hatte ein Kostüm als Nymphe, loses Haar

mit einem Reif, kurzes Kleid und nackte Beine. Ich faßte sie um die Taille, doch

sie wollte, halbbetrunken, zu ihrem Leutnant. Sie wollte sich losreißen. Da legte

der Flieger Blumenthal seine Pranke um ihr Gelenk. Jetzt gab es kein

Loskommen mehr. Sie riß, warf sich mir schäumend um die Brust und biß mich

durch den Frack tief in die Schulter,

Blumenthal sah es, ließ sie los, sie riß sich frei. Lief davon, ich folgte. Der

Leutnant nahm den Flieger auf sich. Ich glaube, er wollte ihn in die Tasche

stecken. Doch ich verlor die Nymphe.

Auf der Treppe zum dritten Stock sah ich aber eine junge Frau, die ein gelbes

Kleid trug, das schönste an diesem Abend. Ich griff nach ihr. Sie lachte und stieß

mir, rückwärts steigend, stets über mir, immer mit dem Knie an die Brust. Ich

lachte. Plötzlich entlief sie mir.

Ich folgte ihr über ein paar Treppen, und da ich sie küssen wollte, führte ich

sie in eine Nische gerade unter einen Streif Sternhimmel, der zwischen zwei

Firsten lag. Sie legte mit Grazie und Wissen zwei halbvolle, leicht nach Wein

duftende Lippen, die sehr warm waren, auf meinen Mund und flüsterte jedesmal

— denn ich tat es öfters — dazwischen: maman . . . Dann lief sie wieder. Ich

hinter ihr.

Sie rannte in einen Schminkraum. Ich wartete und sah auf dem Milchglas der

Tür ihre Silhouette. Sie legte Rot auf. Ich lugte hinter einer Säule. Als sie

herauskam, trat ich vor, und sie lief wie sehr erschreckt im Spiel davon. Wir

rannten durch einen Saal, durch Lauben und Séparés, und kamen auf einen

Korridor, ich wollte sie greifen — da sah ich an einem hohen Fenster gleich

einem überraschend aufgestellten Marionettenspiel die Szene: Der kleine Japaner gestikulierend . . . ihm gegenüber ein Mann mit stark südlichem, fast

spanischem Aussehen, in tückischer Haltung. Daneben an die Draperie des

Fensterbogens gelehnt, bleich, halb leblos, sehr gerade, eine Dame.

Ich sah, wie der Japaner den Arm leise hob, wie das Gesicht seines Partners

zu bluten anfing, und wie der Japaner dessen Arm über den Rücken hochriß . . .“

Da geschah etwas Seltsames.

Der Freund stockte, er keuchte. Sein Atem pfiff über die Stimmbänder mit

einem Ton, als geige jemand über gebrochenes Glas. Ich fuhr auf. Er hob

befehlend die Hand, ein wenig gebückt. Ich setzte mich wieder.

Er schellte rasch: „Wasser . . .!“

„Verzeihen Sie!“ rief er. „Ich habe Sie geblufft . . . es hat mich überwältigt

. . . ich wollte zuerst nicht erzählen . . . dann mußte ich doch. Aber ich

travestierte, tauschte alles um . . . Alle Personen sind unwahr. Keine ist echt . . .

keine Kontur. Glauben Sie es! . . .“

Ich sah ihn kalt an.

„Diese Geschichte ist ganz anders,“ sagte er nun. „Ich habe geglaubt, sie von

mir abtun zu können, wenn ich sie erzählte, aber ich konnte sie nicht erzählen.

Da phantasierte ich sie. Aber das war noch schlimmer, zu sehen, wie etwas hätte

werden können . . .“

Er sah starr nach dem Fenster.

Dann brach er in ein häßliches Gelächter aus. Sein Mund zog sich nach dem

Kinn hinunter wie im Zwang von zwei Fäusten.

Dann drehte er stumm den Schnitt gegen die Wand, verbeugte sich und bat,

nachdem er die Lichter gelöscht hatte und indem sein Gesicht wieder langsam in

die alte Form zurückkehrte, ihn hinüber zu begleiten.

Allein ich blieb in der Türe stehen.

Alles stürzte mit verdoppelter Wut, mit erneuter Wucht über mich hin.

Ich fühlte: Abenteuerlichkeit fraß sich in die Wände. Schicksal brannte in den

Rahmen und wollte heraus. Sehnsüchte ohne Maß, gelebte, nur gestreifte,

schwellten den Raum, daß er fast barst, und Jahre rasten auf dem Sekundenblatt

der Pendüle herunter.

Ich sah in diesem Zimmer alles wie in einem glänzenden Kaleidoskop

verwirrt.

Und als ich über die Schwelle zurücktrat und das Gebeugte im Gang meines

Freundes sah, ward mir plötzlich das Straffe meiner Brust bewußt und das

Brutale meiner Haltung, und da wußte ich, daß ich mein Leben gut gelebt hatte.

Denn dies ist nicht die Frage, ob wir aufleuchtende Dinge erleben und in heiß

aufklaffenden Abenteuern stehen (wie wäre das klein und subaltern), sondern es

ist dieses, was dem Geschehenen erst Form gibt und Würde: was wir mit den Erlebnissen tun . . . Und ich wußte bei diesem Zusammenbruch, was mir immer

klar war, das war recht:

Man soll keine Erinnerungen haben. Niemals. Nein! Und am wenigsten noch

armselig Fetische bilden und seine Erlebnisse in Dinge tun. Man soll keine

Beichtstühle in seine Wohnungen tun. Sie zwingen in die Knie. Dann oder wann.

Man soll die Dinge von sich werfen. Weit. Und die Erlebnisse abstreifen wie

einen Seifenschaum mit nachlässiger Hand von der Brust am Morgen und am

Abend und jeden Tag, damit sie uns nicht demütigen einmal früher oder später

so und so.

Denn der Genuß des Abenteuers ist das ungewiß Beschwebende: Wissen,

vieles Bunte getan zu haben, aber eine Luft hinter sich zu fühlen ohne Halt und

ohne Farbe. Tosendes . . . rasendes Leben . . . — So ist es.

Aber auch ohne dies war das Zimmer eine Sünde gegen die Kraft: Sein

Rausch war ein Anreiz im einen, und ein Opiat im andern, und eine Hemmung

im Ganzen. Denn es lagen in ihm (wie ein Hohn) zusammen das Große und

Schwache, und das Ungeheure wie das Süße . . . die Erhebungen, zwischen

deren Polen sich die Skala unserer Erlebnisse bewegt und beglänzt, und die in

dieser Spaltung, das Eine oder das Andere, maßlos entfernt und fremd

voneinander und niemals zu packen in einem Griff, unser Leben ausmachen und

erfüllen und so sind (im täglichen Leben) wie diese beiden Beispiele:

Die Sensation eines Expreß, der eine kleine abendliche Station durchrast —

und das Erleben eines Ladens mit ausgebreiteten Seiden an einem allzuschnellen

Frühlingstag auf der Meisengasse zu Straßburg.