Das rasende Leben
Der Tödliche Mai
ALS es nun um Ende der Woche kam, daß der Tod ihm (dem Maler und
Offizier) die Eingeweide zerriß und er brüllend lag zwei Stunden lang, geschah
es, daß die Pflegende erstaunte, denn das Geschrei bog sich langsam um in eine
Stille, und aus der plötzlich sanften Ruhe seines Mundes stiegen jauchzende
Rufe wie bunte Kugeln mählich in die Höhe und ketteten sich ineinander zu
Jodlern, wie sie im Sommer der Schweiz tagelang von Berg zu Berg
hinüberschweben.
Sie trat dicht an ihn heran und wusch ihm mit einem getränkten Lappen den
Schweiß, der um den Mund herum austrat, aber er sang durch ihre kreisenden
Handbewegungen weiter, verdrehte die Augen, streckte sich scharf in die Länge,
legte sich auf die Seite und schwieg.
Nach einer halben Stunde rief er die Pflegende.
Seine Augen lagen tief in den Deckeln der Lider begraben, ein rötliches Weiß
schimmerte heraus und der halbe Abschnitt der Pupille. Der Mund und das Kinn
glänzten in leiser Seligkeit, die Stirn war rein und hell trotz der Bräune. Die
Schläfen waren eingefallen, die Nase angespannt und an den Nüstern unbewegt
wie über eine Pauke gezogenes Pergament.
„Die Bäume . . .“ sagte er. „Die Bäume . . .“ und jubelte mit der Hand.
Die Pflegende schauderte. Sie sah, wie der Tod seinen Leib aufwirbelte und
blähte und empfand zugleich, wie der Raum sich furchtbar unter seiner
Heiterkeit anfüllte.
Er sang das Wort „Diebäume“ im wechselnden Umschwung aller Melodien.
Er hielt mitten in den Buchstaben ein, ließ den Ton verrollen und schob
zwischen den bläulichen Lippen rasch und lachend den Rest nach. Er knickte die
Silben wie Weidengerten, warf die schwachen Vokale glitzernd hoch und duckte
die saftigen. Manchmal schien das Wort ein explosiver Ton, andermal eine
verwirrende Skala. Oft bog und verengte er die Laute, ließ sie wie Brandblasen
aufglühn und zerplatzen und schrie sie plötzlich in gleicher Folge wütend hinaus.
Er spielte mit dem Wort wie mit einer Beute, katzenhaft, tückisch, selig, feig,
lind und grenzenlos erbost.
Er klomm die letzte Krise der Krankheit hinauf, das Wort wie einen Säbel zwischen den Lippen.
Manchmal warf sich ein Lächeln über sein Gesicht. Trunken spannte er die
Nasenflügel und sog. Die letzten Stunden der Nacht waren höllisch.
Das Fieber kurbelte an die äußerste Grenze. Der Bauch sackte ein und wand
sich in Zuckungen. Das Weiß des Auges war über Gelb zu dickem Grün
geworden.
Er brach blutigen Kot, schüttelte die Hand und sang das Wort
Das Herz war im Brechen. Der Puls lief lächerlich dünn. Seine Zähne stießen
kleinen Schaum auf den Lippenrand, der sich unmerklich rundete: es war das
Wort.
Er hing an ihm zäh wie ein Affe, verbissen an einem Trapez. Und es riß ihn
heraus.
Schlank wie ein Tänzer lief er auf ihm durch die Nacht, das Fieber und den
blutigen Auswurf.
Segelte dumpf genesend durch das Aufundabgehen der Gestirne, der
tödlichen schweren Sonne und den leichteren Aufflug des glänzenderen Mondes
wie durch ein Spiel mit wechselnden bunten Ballonen hin mit unsäglicher und
berauschend linder Bewegung.
Schwamm mit beruhigendem Opium in den Adern durch die breite
Schwermut der ersten Abende und sehr frühen Morgen und das harte massive
Dunkel der Wolkendämmerungen mit einem Weiß auf der Stirn, das alle
erstaunte, und einem unmerklichen Flüstern auf den Lippen, die stets bewegt
waren gleich der Brust einer weich Schlafenden.
Eines Morgens stieß die Sonne in einem langen und schönen Streifen durch
sein Fenster und fiel hart unter sein Kinn. Da lief eine schwache Erregung über
ihn, er verdrehte die Augen nach links, warf sie dann nach rechts hinüber, starr,
daß die Pupillen, nach oben gestemmt und aus den Höhlen getreten, in das
Innere des Kopfes hinein zu bohren drohten, ließ sie dann sanft zurücksinken,
schüttelte sich, machte den Mund auf, groß und weit und schloß ihn wieder.
Schloß ihn hart und fest, lag nach diesem Signal noch zwei Tage und war
darauf völlig durch die Gefahr hindurch. Er war mimosenhaft zart und sehr
scheu in den Stunden des genesenden Körpers und des kommenden
Bewußtseins. Seine Soldaten kamen zu ihm und gratulierten ihm zu dem Sieg
gegen den Tod. Er winkte mit der Hand hinauszugehen, erkannte sie kaum. Die
Pflegende sagte ihm, sie seien traurig, wo sie unter ihm in tausend
überschwemmenden tödlichen Minuten gestanden hätten, nun, wie er krank,
nicht von ihm geliebt zu sein. „So . . .“ sagte er. Assistenten, Ärzte kamen. Sie
versicherten ihm alle, daß er ihr Kopfschütteln ignoriert und stramm und
siegreich über ihren Unglauben in die Gesundung hineingesprungen sei, zweibeinig und massiv. Er sah sie verwirrt an.
Apathische Wochen folgten. Der Vorsteher des Genesungsheims erzählte
ihm. Krieg . . . ja . . . gewiß . . . er freue sich. Er legte den Kopf herum.
„Bücher?“
„Danke . . . nein.“
„Palette . . . Wollen Sie wieder malen? . . . Bedenken der Überanstrengung
zwar. Allein . . . ich wäre stolz —“
Er schüttelte langsam den Kopf.
Das Gewicht des Körpers nahm geringfügig nur zu. Wenig Interesse füllte ihn
für den Umkreis der Dinge, noch weniger für sich selbst. Lag eine Schwebe
zwischen Lebenwollen und Lebenmüssen, der Funktion aller Physis fähig, ein
Fragezeichen der Bejahung, allen Möglichkeiten neuen Lebens ausgesetzt . . .
aber ohne Schwung.
Oft trat er abends auf den Balkon des Hauses, der verwachsen und kühl war.
Die Ebene betäubte ihn anfangs mit ihrer Grenzenlosigkeit, langsam empfand er
sie aber — um ein an das Endliche stoßendes Bild zu haben — als eine riesige
Kreisbewegung, die um ihn herum, zuerst stark, dann sich im Silber der Ferne
verzehrend, gegen den Horizont schwinge. An einer Seite hingen ein paar
Wellenschläge ferner Gebirge, runde Hügel, gleich nach unten gekehrten
Wolken, zittrig in der Luft. Diese Gegend aus Fläche, Gras und Steppe, von
brüchiger Luft überstanden, gab ihm das Gefühl, Mittelpunkt einer gläsernen
Glocke zu sein. Sonne schlief reglos auf Bach und Moos und kleinem Gestrüpp.
Die Tage hatten katzenhaften Ablauf, stumpf und aufreizend in dem währenden
Gespanntsein dieser Leblosigkeit.
Da warf ihn eine Wagenfahrt, zu der der Arzt ihn zwang, in die unmittelbare
Nähe einer wenig entfernten Königsstadt in eine Schloßanlage. Der große
Dogcart mit den polierten roten Rädern schaukelte einen Nachmittag lang über
geschwungene Wege und über Brücken. Er erlebte dichtes Dunkel des Parks,
unendliche Stille um pagodenhafte Pavillons, den raschen Vorbeischwung
weißer Nebenschlösser. Dann befanden sie sich mitten im Gewühl weiter
Auffahrten, auf die ganz am Ende der Alleen die Kaskaden fesselloser Terrassen
herabstürzten. Hier empfand er Weite und Herrlichkeit der Welt an sich
vorbeiziehn. Der Wagen schwamm an dem langen Wasserspielwerk, das von der
Fassade bis in den blauen Horizont hinunterlief, entlang zwischen Hunderten
spazierender Menschen, zwischen farbigen Jacken, weichgelben Handschuhen
und der Orgie aufgeblasen roter Sonnenschirme.
Er kehrte nachdenklich nach Hause zurück.
Am Morgen erwartete er den Aufgang der Sonne von seinem Balkon. Er sah
den Aufstieg über die schmalen Hügel und die langsame Belichtung der Ebene, die sich sinnlos und schwer mit dem Rot anfüllte. Da ging eine unfaßbare
Sehnsucht nach Glühendem, Rasendem in ihm auf, er bog sich vor Gier nach der
Stadt. Der Arzt war dafür, er brach auf, durchstreifte Straßen, die voll Anmut,
Gärten, die voll Jugend waren. Am Abend landete er in einem Lokal, das mit
jubelnden Tapeten überzogen war. Es war gefüllt mit schönen weißen Tischen
und Stühlen. Viele bunte Laternen glühten darüber. Der Wind bewegte sie leicht.
Alle Gesichter waren von schwankendem Rot überströmt. Feine Frauen saßen in
den Sesseln, zurückgelehnt, lässig und mit Herren plaudernd. Es gab Musik.
Manchmal lief der Wind heftig durch die ausgehängten Fenster und es gab ein
Gewoge von Licht, das alle überstürmte. Dann hoben sich die Geigen aus der
Musik in die Höhe und übergitterten mit namenlosen Spitzen den Raum.
Da ergriff ihn das Gewühl des Daseins mit einer tobenden Berauschtheit. Er
fühlte sich von heißester Erregung in starre Kälte geschleudert und dann von
neuem beißender Hitze entgegengeworfen. In seiner Brust wütete ein Orchester,
Orgeln brannten auf, und in langen, grausamen Voluten hoben sich die Bläser zu
einem furchtbaren Stoß.
Es war zuviel: Man sah einen Offizier die Arme dehnen, die Brust
herauspressen, einen seltsamen Jodler über das Lokal hinfeuern und die Hände
auf den Tisch zurückhauen.
Er zerschlug die Lampe und einiges Geschirr.
Der Kellner tat sehr ruhig. Fernersitzende dachten an Zufall und
Mißgeschick. Er gab dem Kellner märchenhaftes Trinkgeld, nahm die Mütze und
ging breitspurig, säbelschleifend hinaus.
Draußen begann er sofort zu weinen. Toll tanzten die wunderbaren Frauen,
die er wie zum erstenmal wieder sah (wieviele er gemalt hatte, wußte er nicht
mehr, denn Dasein dünkte ihm noch neues Leben nach halbem Tod) vor seinen
Augen, die Seiden, die Funken der Lichter. Unbegreiflich schluchzend empfand
er die Wärme der Nacht, flüsternd . . . „le . . . ben . . .“ —
Dann ballte er die Fäuste, und als er von der kleinen Station nach dem
Landhaus fuhr, stand sein Kopf scharf und sehr entschlossen auf seinem Körper.
Es kamen rasche Tage. Er rieb sich den Buckel an der blitzenden Scheibe der
Stadt. Freude umgab ihn lind. Trieb und Wonne füllten golden seine Adern.
Säfte rannen über seine Haut. Leben umspielte ihn reich. Es war die Rede, daß er
zur Front zurückkehre. Er nickte.
Er nickte. Es war gut.
Der Mond kam abends aus der Ebene durchsichtig und schön wie aus dem
weichen Munde eines Glasbläsers gebildet, und gleichsam von seinem Atem
gehoben, so schlank und zart überflog er die stumme und dunkle Festlichkeit des
Himmels.
Bald gab es tagelangen Sturm. Böen überschütteten die Steppe. Wolken
schlugen übereinander mit Geheul. Schwere Regen knallten an den Fenstern.
Geduckt sprang brüllender Wind in jede Spalte und zersprang dort in Fetzen von
niederreißendem Radau. Nachts, wenn die Regenschwaden vom Sturm schräg
herabgehauen auf die Ebene knatterten, schien es, Tausende von Eskadronen
überritten die Steppe und die Bäuche aller Pferde schlügen langgestreckt
zwischen den rasenden Sprüngen in einem Takt gegen die Erde.
Da zog er rocklos durch das Haus, probte die Muskeln, steckte Lichter an und
sang mit jubelnd gesteigerter Stimme.
Er sagte (als der Wind eine Pause einschob) „Sehen Sie die Kassiopeia?“ zur
Pflegenden, zog sie in die Fensternische, hob die Flügel, deutete nach oben und
lachte, als der Staunenden ein Nebelstreifen glitzernden Regen ins Haar schmiß.
Später einmal kam, heiß und verstaubt, ein schmaler Zug die Ebene herunter.
Er tauchte grau und wie ein Punkt auf und wurde ein dünnes Gerinnsel durch das
vergilbte Gras. Sie defilierten am Haus auf die Entfernung von zwanzig Metern.
Zuerst ging ein großer Mann, braun mit Narben von Hieben durch das
Gesicht. Sein Kleid war Polichinell. Enganliegend mit Dreiecken gemustert
zitronengelb und weiches Blau. Der Hals war unbedeckt und gefurcht. Seine
Beine traten wie ein Pferd einen nach vorne ausbiegenden Trab, der stets
Silhouetten vor dem vergrauten Horizont spannte und von trauriger Müdigkeit
war. Hinter ihm kam ein Elefant, ein Dromedar und ein Wagen voll von farbigen
Kindern.
Er trug zwei Stangen über der Schulter, um deren Spitzen ein Netz geknotet
war, in dessen Maschen ein kläffender Hund saß und ein perlweißer Fasan.
Es war so süß langweilig in diesen Tagen, daß die Insassen des Hauses alle
staunend und lachend hinausliefen, die Taschen umwandten, Geld über die
Menschen warfen und in Eile Stühle aufschlugen. O Rausch eines unerwarteten
Zirkus.
Es gab eine glänzende Vorstellung.
Der lange Führer wirbelte in die heiße Luft, mit Fahnen in der Hand, Sprünge
und Verrenkungen, strahlend und bunt.
Alle Soldaten suchten auf dem Dromedar zu reiten; Die farbigen Kinder
warteten gespannt, bis ein zufälliger Blick auf ihnen zu ruhen begann, sprangen
in die Höhe, überschlugen sich grotesk, setzten sich fest auf die Hintern und
streckten bettelnd die Hand vor.
Der Elefant rückte verlegen auf seinen Beinen, verengte den Raum unter sich
und ließ sich endlich mit seiner Rückseite auf einem Fünfzigliterfaß nieder und
zog die Vorderbeine hoch wie ein Pudel.
Der Führer gab ihm eine Mandoline in den Rüssel und band ihm ein rosa Band an die Spitze des Ohrs. Sein Gesicht blieb unbewegt und verächtlich wie
bei seinen Sprüngen.
Indem fuhr auf der anderen Seite des Hauses ein Wagen an. Der Maler sprang
heraus mit zwei geschossenen Lapins und die Augen voll Träumerei von Frauen,
mit denen ihn die Einsamkeit der Heide überfallen hatte. Er trat in das Haus und
schaute durch das Fenster.
Da schwoll sein Gesicht hochrot, er blies die Backen auf vor Zorn, und einen
dumpfen Laut ausschreiend, sprang er heraus. In seiner Hand lag ein Säbel. Er
machte einige Sätze und schlug dann die flache Klinge mit einem sirrenden Ton
dem Elefanten ausgestreckten Arms klatschend auf das Blatt.
Das Tier sprang auf. Es stand. Es spreizte langsam die Beine, schob die
Ohren zurück und hob den langen Rüssel ganz wagrecht.
Da ließ er, während alle anderen starr gebannt steif zuschauten, den Stahl
fallen und strich andächtig und bewundernd den Rüssel mit der Hand entlang
und hob ihn hoch, daß das weißliche Rosa des Mauls, das gleich einer fremden
von Überreife angefaulten Frucht zwischen der harten Seltsamkeit der
elfenbeinenen Hauer lag, aufklaffte. Dahinein legte er die Hand. Der Pulcinell
brachte unter Bücklingen Zucker und legte sie in den untersten Rüssel. Der
Elefant bog sie mit schlangenhafter Windung in das Maul.
Dann warf er wie einen Springbrunnen den Rüssel hoch und schoß
überraschend und plötzlich einen so ungeheuren dunklen und wilden Schrei
gegen die Menschen, daß sie einen Augenblick alle schwiegen.
„So . . . gefällst du“, sagte der Maler und steckte den Säbel ein.
Das Gesicht des Führers blieb über den Verbeugungen unbewegt und
verächtlich wie bei seinen Sprüngen.
Es lag den Abend ein gewaltiger Druck auf der Landschaft.
Sie waren, als die Sonne sank, heiß und verstaubt, ein schmaler Zug, die
Ebene hinuntergezogen. Sie flossen ein dünnes Gerinnsel durch das vergilbte
Gras und verschwanden grau und wie ein Punkt.
Am späten Mittag saß die Pflegende bei dem Maler, der auf einem
Schaukelstuhl lang lag und rauchte. Sie schwiegen lange Zeit.
„Können Sie sich den Urwald vorstellen“, fragte er. Sie lächelte: „Nein —“
„. . . den Rand des Urwalds, Schwester. Ein Elefant reißt Lianen auseinander,
erscheint. Die Sonne schwingt auf, rot. Er schreit ihr entgegen . . . Und hier: o
Müdigkeit . . . o Müdigkeit . . .“
Sie sah nachdenklich auf ihn. Dann stach sie eine Nadel durch ein
Fliederblatt und sagte langsam: „Es ist Ihre Sehnsucht, Wald, ich weiß es. Ich
weiß, daß Sie sich stets daran klammerten, als Ihre Krise war! Sie wissen
nichts?“
Er wußte es nicht.
Er schüttelte den Kopf, lächelte und verneinte.
Da sagte sie leis: „Die Bäu . . . me.“
Wieder kam das Lächeln über sein Gesicht Aber ihr war, als ob es Gewalt
bekomme über den Inhalt des Gesichts und als ob es sich einforme wie eine
fressende Säure. Seine gespannten Muskeln waren einem sekundenhaften Verfall
unterworfen. Sie schwanden unter der Haut.
Ganz weiß hob er den Kopf: „Habe ich . . . ha — — — be ich . . .“
Von schwerem Entsetzen geschüttelt wand er die Arme durch die Luft. Seine
Augen wurden rund, kugelhaft und fast wie Glas und starrten über die Ebene. Er
keuchte und deutete vor sich: „Geben Sie mir diesen Stein.“
Ihm schien die Schwelle eines seltsamen Unterbewußtseins durchstoßen. Er
hatte alle die Wochen nur ein Leben gehabt, das seine Wurzeln hatte in seiner
letzten Krankheit. Wohl wußte er die Dinge und Vorgänge der Zeit und seines
Lebens auch vorher. Aber in diesem Augenblick schien es ihm, daß eine dünne
Haut darüber gewesen sei und daß ihm die Erkenntnis nach deren Platzen nun
erst neu, groß und unendlich furchtbar wieder zuströme.
Er nahm den Stein, den ihm die Pflegende reichte. Er war sehr schwer und
kantig. Er drückte seine Hände hinein, hielt ihn an die Stirn, hob und prüfte ihn
und legte ihn fest auf das Knie. Er empfand, wie die Angst vor der plötzlichen
Leere um ihn herum schwinde und wie das Gewicht des realen Steins ihn wieder
an das natürliche Leben und die geliebte Erde (prometheisch) zurückriß.
Dann warf er den Stein weg und sagte:
„Schwester, Sie kennen das nicht. Sie kennen das nicht, daß der Himmel
plötzlich ein Abgrund scheint und entflieht und die Erde unter Ihnen sanft
entweicht und am Horizont ein Strudel unermeßlich aufgeht und beginnt Sie
aufzusaugen, der Sie sich schon langsam zu drehen scheinen. Schwester, bleiben
Sie sitzen. Es könnte mich sehr stören, wenn Sie sich bewegten. Hören Sie: ich
war niemals feig . . . nie . . .“
Sie bewegte ihr stilles Gesicht hin und her.
„Sie denken an meine Auszeichnungen,“ schrie er sie an. „Nein. Sagen Sie
nichts. Daran sollen Sie nicht denken. Das liegt außerhalb meiner Betrachtung.
Bleiben Sie sitzen. Sie sollen an meine Seele und Ihren Mut denken. Können Sie
das? He — — —“
Sie sagte, ihr sei das Leben keine so besondere Sache, daß sie nicht auch dies
vermöge.
Da fing er an zu weinen, wurde sehr still und flüsterte: „Sie haben unrecht,
Schwester . . . es ist alles . . . al . . . es — —“
Er schluchzte mit einem zerreißend stillen Laut.
Darauf begann er wieder zu sprechen, kalt und hart.
Seine Stimme flog aus seinem Munde, als sei sie durch ihn, beziehungslos zu
den Lippen, die sie formten, aus irgendeiner dunklen Ferne geflossen. Sein Kopf
hob sich bleich und edel über der Kante des Stuhls, und die Haut der Schläfen
zitterte über dem blauen Geäder.
„Mitteldeutschland . . . Schwester, beim zweiten Rücktransport von der Front
nach der Passion von fünf durchlegenen Lazaretten . . . Mitteldeutschland im
Westen . . . und es war Mai . . . das ist fabelhaft. Der Rhein war nicht fern.
Himmel seidig und bebte vor Blau.
Wir waren da fast alles Offiziere im letzten Stadium des Genesens aus böser
Erkrankung wie hier fast . . . nur anders, süßer — unbeschreiblicher. Es war ein
modernes Schloß mit säuligen Bogen und Wiener Keramik, mein Gott. Dahinter
Wälder und überall herum schweifige Hügel und Täler, leicht gesenkt. Es gab
eine phantastische Hygiene. Marmor, weißes Gemöbel, Staubsektoren,
Sonnenfenster, Duschen von oben, Duschen von unten. Es gab einen
unendlichen von Weite ausgedehnten blauen Tanzsaal mit einem großen
glänzenden Flügel. Pariser Millionäre hatten diesen strenglinigen Tempel gebaut
und ihn einer südamerikanischen Tänzerin gegeben, die da die schönsten
Mädchen Europas in die gleitende Form körperlicher Musik hinein erzog. Die
Mädchen waren in einer nahen Stadt damals.
Die Kirschblüte kam. Die unzähligen Bäume beschwebten sich weiß. Es
flaggte drei Tage. Dann ging das flaumige Strahlen in einem wahnsinnigen Wind
zum Teufel. Ich liebe diese Blüte nicht. Sie ist zu weich. Kennen Sie
worpswedische Maler?
Nein, — ja, Schwester, was soll Ihnen Kunst, was soll Ihnen Bildnis?
O Nebensache, o Nebensache! Leben ist hundsföttisch mehr, ich weiß.
Nun ebenso schwach, so zag, ekelhaft überfein ist diese Blüte wie Zweige,
gemalt von diesen Menschen, hypertrophierten Empfindungsdestillatoren des
Seins. Leben ist breiter, saftiger, spritzender, Schwester: Weinernte am Rhein,
Heringsfang in Holland, bürgerliches Schmausen im Elsaß . . .
Dann brachen alle Apfelbäume aus. Unten die Blüten ein wenig rot, oben
kräftig weiß. Die Hügelkette war zum Platzen voll von ihnen. Manchmal standen
sie wie Haine zusammen. Ich liebe sie.
Es roch, Schwester —“
Er warf das Gesicht zurück in einer wahnsinnigen Spannung: „Ich fürchte
mich,“ flüsterte er.
Sie legte ihre Hand auf seine.
Aber er schüttelte sie ab: „Lassen Sie das —.“
Sie ließ es. Sie setzte sich näher zu ihm. Seine Stimme fing wieder an:
„Abends sanken Herden von Nachtigallen in die Bäume und verwüsteten die
Nacht mit Süßigkeit.
Niemand weiß das, der es nicht sah: Sie werfen ihren Hals hoch, daß er
plötzlich mit Gesang, der nicht Ton wurde, rasend gefüllt steht gleich einer
runden Trommel, eine glühende Blase, größer schier als ihr Leib, an der sie wie
an Montgolfieren in die weiche Unendlichkeit verschweben könnten — und
dann werfen sie die stählerne Wärme der langen aufblitzenden Laute
ergreifendsten Verzücktseins in die entzündete Dunkelheit.
Wir hatten einen blonden Kameraden aus Bornholm. Er wurde verrückt, als
nach einem Gewitter aus einem nassen Fliederbusch ein Dutzend Nachtigallen
plötzlich mit Gesang aufklirrend sein Gleichgewicht zu schwer erschütterten.
Ja, daß Schönheit tausendfach mehr tötet als Haß und Wut, Sie sollen es
wissen. Was sage ich Ihnen, Schwester. Wo will ich hin . . . hören — hören Sie
mich? . . .“
„Sie erzählen die Verzücktheit des Lebens . . .“ sagte die Schwester innig und
bewegt.
„Ich erzähle die Verzücktheit des Lebens. Ja. O Rausch, o Sonne, o Ruhm, o
Süßigkeit . . .“ Er stemmte die Fäuste im äußersten Schmerz und schwärmerisch
gegen die Brust.
„An einem Abend kamen dreißig Damen, ein Fürst und viele Herren. Es hatte
eine märchenhafte Art. Sie trugen seidige Kleider, Schwester, o von so feinen
Firmen, die Sie nicht kennen. Und es gab wie Glas schimmernde Namen und
schwermütige Profile.
Es gab Lampione.
Es gab Mond.
Unter den Apfelbäumen war eine Lichtung. Der Hügel schob sich leicht und
schräg gegen den Horizont.
Wir saßen alle auf Stühlen, die auf der Wiese standen. Der Fürst hatte einen
Säbel in einer Hand, in der anderen Blüten.
Dann kamen die Mädchen, Jungfrauen im Alter bis gegen Zwanzig, die kein
Mann berührt hatte und die nur wenige sahen, die sich, weibliche Narzisse, nur
in der entrollten Geschmeidigkeit sälelang ins Uferlose gestellter Spiegel in
ihren Körpern empfanden. Sie trugen kleine Tuniken, die wie nichts waren, und
tanzten auf dieser schrägen Ebene uns gegenüber zwischen den Bäumen, tanzten
mit Hüften, fließend wie die glatten Sprünge der Leoparden, Beinen . . . stumm
vor Berauschtheit, und Armen, die sie im wilden Entsetzen der Schönheit in den
Mond hinein schwangen.
Alle gingen dann zurück zum Schloß, ich stieg zum höchsten Hügel . . .“
Er hielt ein. Sein Blick tauchte verschleiert in die Tiefe des späten Mittags. Seine Worte fielen dann, als er wieder anhub, heftig, immer schärfer und in
monotoner Geschwindigkeit. Sie fielen, als stünde einer im Licht in voller
Rüstung und schlüge im riesigen Kreisschwung beider Arme zwei Schwerter
pfeifend immer rascher durch die Luft.
Er sagte:
„Es war still geworden, fast tonlos. Manchmal allein in langen brausenden
Linien stürzten schwere Hummeln auf die weiße Ebene der Bäume. Es war lau,
weich, Wasserdampf schwebte in der Luft. Das ließ die Ferne vibrieren und die
Sterne hatten davon etwas feuchten Schimmer. Hügel schob glatt über Hügel,
Linie über Linie schwingend, in die Rheinebene. Bäume sprangen Abhänge
hinauf, in der Nacht hin und her, und standen näher, tänzerisch
zueinandergeneigt. Oben hing der Mond.
Diese Nacht war ungeheuerlich in ihrer Üppigkeit. In ihrer nassen Glut. In
ihrem unheimlich gesteigerten stummen Gebrüll nach Dasein und trunkenster
Fülle des Lebens.
Schwester: ich dachte da mit einemmal blitzhaft an die wüstesten und größten
Dinge meines Lebens.
Ich wußte um Grate im bayrischen Gebirg, die ich spielerisch als Knabe
überrannt hatte. Ich sah den schweren Wahnsinn der afrikanischen Hetzen. Sah
den zerschlagenen beuligen Kopf im Dirnenhaus des Genuesischen
Hafenviertels im Augenblick des Erwachens verzerrt in schmutzigen Kissen. Ich
wußte um das aufschreiende Werben fetzender Granaten, die trunkene Explosion
der Abendschlacht. Ich sah ein Segelboot kentern im Starnberger See, sah den
großen Verzicht eines feinen Mädchenauges (o weinen, weinen), sah den
verwesten Leichnam des Freundes aus der Konfirmation im Park erhängt, sah
das Sterben Maria Anderssons, die ich geliebt habe, die Schöne und Tanzende,
wie einen bunten Vogel. Ich wußte um den Augenblick, der bewegungslos in der
Pupille des Persers hing, als er in einer Pariser Spielspelunke den Dolch mir über
die Achsel in den Rücken schlug — —
Was wissen Sie, Schwester, was einem Mann schwer und Gefahr ist . . .
Aber ich wußte in dieser Minute: daß ich lächelnd dies alles wiederholen
würde, daß ich singend wie ein Engel van Dycks gegen tausend Mündungen
Kanonen gehen könne . . . statt dieser Minute . . . daß dies alles Erlebte eine
kleine Prüfung, ein verächtlicher Vergleich und ein Geringes und Unwirkliches
an Schwere sei gegen diesen einen Augenblick des Erlebens.
Denn es kam, daß ich vor der tobenden Süßigkeit der Nacht, in der das Leben
dunkel rauschte wie ein verschlossener Schwarm von Bienen, daß ich vor der
ungeheuerlichen Berauschtheit des Daseins mich hinwarf und weinte und
grenzenlos den Tod zu fürchten begann.
Den Tod, der mir eine gemeine Sache, Oberfläche und sehr gering zu
schätzen erschien, wo er mir nahe war wie eine Kugel, ein Gift oder ein Dolch
. . . und es mir blieb . . . in dieser Form . . . auch späterhin. In dieser Form . . . in
dieser Form.
Ich weinte.
Und da schwamm aus dem Schloß das hungrige Begehren einer Geige, hob
sich, klirrte wie ein scharfer Käfer, raste um die Hügel, hieb sich verzweifelt
sehnsuchtsvoll in die starke Brunst der weißen Bäume und kreiste den Horizont
ein in zuckende Tiraden.
Und ich spürte die Hand, welche sie führte, fühlte mit gleichem Gefühl das
weiche Fleisch des jungen Mädchens, das sie spielte, die rasche Berührung ihrer
Brust, ihres streifenden Beines, das erzitternde weiche Fleisch mit dem silbernen
Flaum, die mädchenhafte Weise des wiegenden Gangs, die königliche Süßigkeit
. . . und ich brüllte, Schwester! Ich lief in den Hain und brüllte: — Nicht sterben!
— brüllte ich. Riß kleine Zweige und zerkaute sie, bohrte das Gesicht in
überschäumte Äste, betete, fluchte, weinte . . . es gab keinen Gott, der dies löste.
Ich begriff es nicht: Den Tod belächeln, das Leben fürchten . . .
Aber überall war Tod. Die Blüten brannten furchtbar an den unteren Flächen.
Tausendfach schwoll Blut in der Luft. Eine riesige Spinne krampfte schnürend
das Getanz der Apfelbäume zusammen, sie zitterten unter entsetztem Schrecken.
Regenbogen schnellten durch die Nacht. Mord saß dunkel im Geäst. Ich ängstete
auf der Stirn. Der Mond war mild. Aber die Sterne bogen sich herum und
blitzten kalt wie die Spitzen unzähliger hingehaltener Schwerter.
Und das Schweigen dehnte sich, als ob es zerreißen müsse, und die
Stummheit, die volle maßlose Trunkenheit der Nacht kam in Bewegung, drehte
einmal um und begann zu kreisen und ward ganz fern am Himmel ein dunkler
Strudel, der sog und sog —
Ich schrie. Hell. Entsetzt und außer mir . . . Ich wollte nicht sterben.
Wollte nicht sterben. Nein . . schrie —
Schwester, ich habe nachher noch, eh ich herkam, vor meinem Typhus, den
Tod gekannt in vielen Phasen, nahe an mir vorbei oder sich zurückwerfend vor
mir im letzten Moment des Anlaufs. Ich stand in ihm wie der Mittelpunkt einer
Explosion zahlloser Schrapnells.
Ich lüge nicht. Ich hob die Hand, ihn zu zerdrücken.
Ich hob die Hand, verächtlich, und schlug nach seinem Gesicht —
Aber in jener Nacht, da . . . da erkannte ich tiefer den Tod in der
ungeheuerlichsten Schwellung des Lebens.
Ich lief ins Schloß, kroch in eine Ecke und fürchtete mich.
Ich wurde verachtet, geschmäht, verlacht. Man tat das Äußerste zur Erklärung des Unbegreiflichen im zivilen Dasein: man zweifelte an meiner
Zurechnungsfähigkeit. Man hätte mich anspeien können.
Ich hätte gebettelt: Leben . . . leben . . .
So ist es.
Schwester — aber ich weiß, ich weiß nun mehr, unerträglich mehr wie alle
anderen Menschen. Ich weiß: ungeheure Taten mögen geschehen, endloser
Ruhm errafft werden von Dichtern, Feldherrn, Musikanten und Malern . . . im
letzten Ziel ist Tod. Andere wissen das nicht, ahnen es, haben aber nicht die
Schärfe ewigverkündlichen Wissens und Umsichfühlens.
Wie ist die Welt bunt! Leichte Karussells laufen über die Jahrmärkte. Flieger
erschwimmen die betäubende Höhe der Gestirne, gewiegt vom Nichts. Kapellen
spielen in Theatern und Gärten. Mädchen tragen Schürzen im Hause und Bänder
zum Ball. Und die Pferde . . . auch die Hunde sind schön und von Andacht . . .
Städte erleuchten sich abends mit sanftem Gas.
Wie kann ich dieses Beschwingte fürder noch spüren, den feinen Reiz und die
breite Schönheit, wenn ich den Tod darin sehe jederzeit? Und muß sie doch
lieben grenzenloser als immer und brennender wie jeder, weil ich weiß, daß das
Leben so schwer und so gewaltig hoch das Letzte ist. Aber meine glühende
Liebe wird stets auf den Tod stoßen, und so werde ich hin und her geschleudert
sein, ahasverisch und in einem verzehrenden Tosen, zwischen ungeheuerer
Anbetung und tödlicher Erkenntnis.
Ich werde in unmenschlichen Spannungen leben müssen, denn das
Spannungslose saugt mich auf. Ich werde lächeln und, von Gefahr und höchstem
Erleben zu anderen springend, mich bewegen wie aus dem Arm von unzähligen
Frauen in den von neuen Namenlosen. Es ist eine tolle übersinnliche Liebe zum
Leben dies, Schwester.
Ich werde nicht mehr ruhen können.
Denn Gefahr ist ein kleiner Augenblick und Sterben darin eine strahlende
Sekunde. Schönheit der Welt aber dem Wissenden eine unendliche Qual und
Bedrohung und ewige Leere.
Ich möchte nicht, daß Sie an diese Erkenntnis streiften, Schwester, weil Sie
ein schönes und ruhiges Gesicht haben.
Ich bin von Freude geschwellt für den Augenblick, wo ich hier abziehe. Denn
alles da ist trostlos und müd und ohne Heroischkeit.
Sehn Sie, es ist furchtbar, wenn ich müßig in die Ferne schaue . . . Schwester,
liebe Schwester . . . wie der Horizont sich dann zusammenzieht, wie Hügel
hineinschwanken und gleichsam in einem Rachen verschwinden. Manchmal
blinkt es silbern. Nun hebt sich die Ebene. Taumelnd gurgelt die Welt in den
Strudel. Die Leere . . . die Leere —
Glauben Sie nichts. Ich weiß, daß das eine Vision ist, daß wir fest stehen und
unerschütterlich, wie wir es glauben. Aber ich empfinde alles im Gleichnis, und
oft ist Gleichnis uns die nächste und verwirrend deutlichste Realität. Ich sehe
vieles im Bilde, weil ich in einer übersteigerten Sekunde über das Leben und
gewöhnte Maß hinaus erkannt habe.“
Er schwieg und schloß die Augen.
Er sagte noch: „Wo ich das Grauen vor dem Tod am zerschmetterndsten
empfunden habe, an dieser Stelle, meine ich, muß die ungeheuerlichste Kraft des
Lebens sitzen —
Darum rief ich, wie ich sterben sollte, nach diesen Bäumen.“
Er sann nach. Und plötzlich schien Furchtbares auf ihn zu stürzen.
Aber bald formte sich sein verzerrter Mund in lächelnde Ruhe, und er
flüsterte halb singend, somnambul: „Die Bäu . . . me —“
Dann schüttelte er kurz den Kopf, lächelte rasch und sagte: „. . . Liebe
Schwester — müssen Sie nicht bei all diesem auch dem Tode näher sein als dem
Leben?“
„Nein,“ sagte die Pflegende unendlich mild und fest, „es ist das Gegenteil.“
Er sah sie staunend an.
Dann aber war es, als rase das entsetzliche Erleben in einer letzten
grauenhaften Spannung noch einmal in ihm hoch.
Er warf die Hände in die Luft und rannte hinaus.
Die Pflegende ging ans Fenster und lehnte sich ruhig hinaus. Sie sah ihn eilig
hinauslaufen und in den Hof einbiegen.
Dort stolperte er über eine Gießkanne, schwebte kurz in der Luft und
taumelte dann zur Seite. Er fiel, die Hände vorgestreckt, in einen Hügel und
bohrte auch sein Gesicht hinein.
Es war Kuhdünger aus den Ställen vom Morgen her.
Der Hügel dampfte in einer weißen Wolke warm und schön.
Er aber tat den Kopf nicht gleich zurück, sondern ließ ihn wenige
Herzschläge lang da noch liegen, denn er fühlte in einem wunderbaren Gefühl,
daß diese Lage unschön sei und schmutzig vielleicht und auch wohl manchem
großen Ekel machend, aber (was viel größer sei) tief und warm und so unendlich
voll Dasein.
Die Pflegende am Fenster hob ihr Gesicht ein wenig höher und dachte: O
diese Hölle in einer Brust. Er wird das Leben furchtbar packen wie eine
unendliche Geliebte. Wie ich ihn lieben muß.
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Kasimir Edschmid
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