Das Schweigen im Walde

Ludwig Ganghofer · Kapitel 2 von 24

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Das Schweigen im Walde

Zweites Kapitel

 

Der letzte Dämmerschein des Abends war erloschen, und über dem Jagdhaus lag eine sternschöne Nacht.

Im Wohnzimmer des Fürsten standen die Fenster offen, und die Lampenhelle warf rötliche Lichtbänder über das dunkle Almfeld hinaus. Das Gebimmel der Glocken war verstummt, doch in Burgis Sennhütte ging es noch lustig zu; Schwatzen und Lachen wechselte mit Gesang und Zitherspiel. In einem Lehnstuhl saß der Fürst am offenen Fenster, und während er den Rauch der Zigarette vor sich hinblies, lauschte er bald dem unermüdlichen Frohsinn, der durch die Nacht zu ihm heraufklang, bald wieder blickte er sinnend über die schwarzen Wipfel hinüber zu den Felswänden, die sich grau emporhoben in das tiefe Stahlblau des Himmels. Wie stark und feurig in der reinen Höhenluft die Sterne funkelten! Als wären es andere, schönere Sterne als jene, die man dort unten sieht, in der staubigen Ebene und im Ruß der Stadt! Tief atmend erhob sich der Fürst. Ein paarmal wanderte er durch das Zimmer, dann setzte er sich an den Schreibtisch, um einen Brief zu beginnen:

»Mein lieber, treuer, väterlicher Freund!

 

Ich danke Dir von Herzen! Und ich kann nicht schlafen gehen, bevor ich

Dir das nicht gesagt habe. Als meine Ärzte befahlen: drei Monate nach dem

Süden und dann ungestörte Ruhe in reiner Höhenluft!— und als Du sagtest:

Bis du wiederkommst, will ich für dich einen Fleck Erde aussuchen, der dir

Ruhe gibt!— da wußt' ich schon, wie gut Du für mich sorgen würdest. Aber

heute hab' ich mehr gefunden, als ich selbst bei einer ungebührlichen

Rechnung auf Deine Freundschaft erwarten konnte. Welch ein schönes

Waldheim hast Du mir da bereitet! Und Dank für die behagliche Stube! In

ihr sitz' ich und schreibe. Ich habe mich hier daheim gefühlt von der ersten

Stunde an. Und so viel Ruh ist hier! Sie beginnt auch schon zu wirken. Kein

Brennen meiner Wunde mehr. Und wenn mich eins noch quält, so ist es

Bitterkeit gegen mich selbst.

Von einem kalten Grauen durchrieselt, betrachte ich den Taumel, der mich

ausgestoßen, und atme auf. Jetzt fühl ich mich erlöst von der letzten Kette

dieser wahnsinnigen Leidenschaft. Jetzt bin ich frei.

Frei! Könntest Du dieses kleine Wort so lesen, wie ich es im

Niederschreiben fühle! Frei! Das war ich noch gestern nicht. Noch weniger

in den Tagen zuvor. Diese Irrfahrtswochen im Süden! Der Ekel schüttelte

mich bis auf die Knochen. Doch mitten im bitteren Nachgeschmack immer

wieder eine Erinnerung, die sich wie Sehnsucht fühlte! Dann fragte ich

mich erschrocken: lieb' ich sie noch, kann ich sie denn noch lieben? Dazu

diese Menschen, diese Begegnungen! Als hätte sich unser ganzer Kreis von

zu Hause systematisch über meine Reiseroute verteilt, um mich zu martern.

In Capri, Amalfi, Rom, Bordighera, überall lief mir einer über den Weg,

und die erste Frage war immer eine Frage nach ihr! Man wird in unserer

guten Gesellschaft durch keine Großtat so berühmt, als wenn man sich

vergißt und vom sauberen Bürgersteig des Lebens hinuntertappt in die

Gosse.

Heute früh noch, bei der Abfahrt, in Innsbruck, wer steht vor mir? Der Edle

von Sensburg! Der ›kleine süße Mucki‹! Du weißt, wer ihn so zu rufen

liebte. Und seine erste Frage: ›Vo u s s e u l , m o n p r i n c e ? ‹ Ich hätte ihn mit der

Faust ins Gesicht schlagen mögen.

Und als er mir's abgequetscht hatte, wohin ich ging, schien er auf eine

Einladung zur ›Gamsjagd‹ zu warten — er sagt natürlich nicht Gemse,

sondern ›Gams‹, immer echt, der kleine süße Mucki! Während der ganzen

Fahrt verfolgte mich sein Kattungesicht, und immer roch ich seine p e a u

d ' E s p a g n e — er hatte, während er mit mir sprach, den Arm auf die

Wagenlehne gestützt. Um das Parfüm loszuwerden, nahm ich mir in

Leutasch eine Bauernkutsche. Es half nicht. Nun quälte mich die

Erinnerung an die Tage und Nächte, die ich mit diesem Menschen

verbringen mußte, weil sie es als lustigen Sport betrachtete, ihren

scheckigen Narren aus ihm zu machen. Ach, zum Teufel mit dem ganzen

Ekel! Ich bin ihn doch los, bin erlöst, bin frei! Seit heute, seit ich hier bin!

Und ich fühl' es wie ein Wunder, das an mir gewirkt wurde. Der Wald aus

seinem schönen Schweigen hat zu mir gesprochen: sieh, wie ruhig ich bin,

sei du es auch! Und ich hab's gehört, verstanden und befolgt.

Wie ganz genesen ich bin, mag Dir beweisen, daß ich fragen kann: ›Hast

Du schon mit ihr gesprochen?‹ Ich bitte Dich, spare da nicht in meine

Tasche! Ich will nicht, daß sie ›darben‹ muß, und sie ›darbt‹, wenn sie nicht

mindestens die Revenue einer Million zur Verfügung hat. Dir hab' ich es

vor einem Jahr nicht glauben wollen. Jetzt weiß ich es: mein Name, meine

Stellung, mein Besitz — das war's, was ihre ›große Feuerseele‹ bezwang.

Sie soll sich in ihren ›stolzen Hoffnungen‹ nicht ganz getäuscht haben. Du

weißt, für die Enttäuschten im Leben hab' ich immer ein schwaches Herz

gehabt.

Das ist gewiß Ironie, aber es gesellt sich zu ihr auch ein Hauch von Ernst

und Heiterkeit. Feilsche nicht! Und dann ist's vorüber. Für immer!

Aber was soll ich nun mit mir beginnen? Ich habe noch ein Leben vor mir.

Was soll ich ihm geben? Heut und für lange Wochen bin ich zufrieden mit

der Ruhe, die ich hier gefunden habe. Doch wenn mich der Winter von hier

verjagt? Was dann? Arbeit? Gewiß! Doch welche Arbeit? ›Da stock ich

schon‹ — und muß mir erst überlegen, was ich schreiben will.«

 

Er legte die Feder fort und trat ans Fenster. —

Aus der Stube, die unter dem Jagdzimmer des Fürsten lag, fiel ebenfalls die Helle einer Lampe über den Hof hinaus, doch nur als matter Schein, denn am Fenster waren die Gardinen vorsichtig zugezogen. In dieser Stube saß Martin vor einer Briefmappe. Er hatte eine schon halbgeleerte Flasche Bordeaux vor sich stehen, schmauchte eine Zigarette seines Herrn und hielt studierend den Federstiel in der Hand. Der Klang der Schritte, die über seinem Kopfe hin und her wanderten, ließ ihn zur Decke blicken.

»Wenn ich wüßte, was er denkt da droben, dann wüßt ich auch, was ich schreiben soll!«

Bedächtig blies er eine Rauchwolke über den Briefbogen hin und begann mit zierlichem Schnörkel die Überschrift:

»Hochverehrte Frau Baronin!

Meine gnädigste Gönnerin!

 

Obwohl ich Bemerkenswertes nicht zu melden habe, erlaube ich mir, Frau

Baronin doch heute noch eine Nachricht zu senden, um kurz zu berichten,

daß unsere allverehrte Durchlaucht heute nachmittag, etwas angegriffen von

der langen Fahrt, aber doch bei wünschenswert gutem Gesundheitszustand

im Jagdhaus eingetroffen sind. Selbes liegt in einer vollständig

unkultivierten Berggegend, was vermuten läßt, daß es Durchlaucht nicht

sehr lange hier aushalten werden. Für den Komfort Seiner Durchlaucht im

Jagdhause haben Graf Sternfeldt leidlich gesorgt. Dagegen befinden sich

die Zimmer im Fremdenhaus und auch das einzige Gastzimmer im

Fürstenhaus in einem sehr primitiven Zustand. Letzteres Zimmer, welches

von den Jägern das ›Grafenstüberl‹ genannt wird, wurde durch mehrere

Wochen von Graf Sternfeldt bewohnt. Das Meublement genügt kaum den

bescheidensten Ansprüchen, und da bei einem Besuche der gnädigen Frau

Baronin nur dieses Zimmer in Betracht kommen kann — es liegt auf dem

gleichen Flur mit den Zimmern Seiner Durchlaucht —, so werde ich einem

verläßlichen Menschen in Innsbruck sofort den Auftrag geben, bis zum

Eintreffen der gnädigen Frau Baronin alles Nötige zu beschaffen, damit das

Zimmer würdig des zu erwartenden Gastes gestaltet werden kann.

Da diese Änderung ohne Wissen Seiner Durchlaucht ausgeführt werden

muß, bitte ich gnädige Frau Baronin untertänigst, meine Eigenmächtigkeit

Seiner Durchlaucht gegenüber zu vertreten und die Sache so darzustellen,

als hätte ich mich nur deshalb für diesen delikaten Auftrag gewinnen lassen,

weil es sich um eine freudige Überraschung für Seine Durchlaucht

gehandelt hätte.

Sonst habe ich nur zu melden, daß Durchlaucht heute früh in Innsbruck mit

Herrn von Sensburg zusammentrafen und selben sehr ungnädig

behandelten, wofür sich Herr von Sensburg in gewohntem Takt mit

doppelter Liebenswürdigkeit revanchierten. Hier in dieser

menschenverlassenen Wildnis sind Begegnungen, welche die gnädige Frau

Baronin beunruhigen könnten, nicht zu befürchten. Doch hatten wir heute

abend, bei der Vorliebe Seiner Durchlaucht für einsame Spaziergänge,

bereits einen kleinen Schreck zu überstehen. Durchlaucht hatten gegen

sechs Uhr das Jagdhaus verlassen, um etwas Motion zu machen. Für halb

acht war das Diner befohlen, aber es wurde acht Uhr, es wurde finster —«

 

Martin hielt im Schreiben inne und blickte zur Decke hinauf. Dort oben waren die hin-und herwandernden Schritte verstummt. — Der Fürst hatte sich wieder zum Schreibtisch gesetzt, um seinen Brief zu vollenden:

 

»Mir will die Erleuchtung nicht kommen. Arbeit? Ja! Mich sehnt nach ihr.

Ich glaube doch wohl, daß sie fürs Leben eine Notwendigkeit ist, wie Luft

und Freude. Aber da seh' ich Dich lächeln, Du liebenswürdigster aller

Residenzbummler, und höre Dein paradoxes Lieblingswort: Arbeit ist ein

Fluch, das hat schon die Bibel gesagt, und das ist ein kluges Buch! Aber ich

weiß auch, daß Du im Grunde Deiner Seele anders denkst. Das ist ja

überhaupt Deine Art so: anders zu sprechen, als Du denkst — nein, so

gesagt wär's eine Unhöflichkeit, ich hätte schreiben sollen: anders zu

denken, als Du sprichst! Und mir gegenüber hast Du immer eine Ausnahme

gemacht. Tu es auch jetzt! Gib mir einen Rat! Was soll ich beginnen, um

aus meinem in die Irre geratenen Leben einen Zweck zu machen? Und gibt

es für mich keine Arbeit, welche Ziel und Zweck hat, gut, so will ich das

Zwecklose schaffen. Nur etwas leisten! Und hätt' ich auch keinen besseren

Dank davon als einen müden Abend und einen festen Schlaf. Aber was soll

ich? Ins Regiment zurück? Noch heute, wenn Krieg in Aussicht wäre! Für

die Parade und den bewaffneten Frieden? Nein! Oder soll ich mich ins

Parlament wählen lassen? Ich wüßte nicht, für welche Partei. Was ich

politisch denke, verträgt sich mit keiner. In mir mischt sich der Absolutist

mit dem extremen Republikaner. Ich müßte heute mit den Junkern stimmen,

morgen mit den Sozialisten. Eine parlamentarische Unmöglichkeit. Und

überhaupt, das Parlament! Soll ich arbeiten für eine Sache, von der ich

überzeugt bin, daß sie sich überlebt hat?

Und bei aller Freiheit meines Denkens — ich bin empfindlich gegen

Ungezogenheiten. Wer sich heute ins Parlament wählen läßt, muß unter

dem Schutze der mißbrauchten Immunität sich Verdächtigungen,

Grobheiten und Ausdrücke gefallen lassen, die man im gewöhnlichen

Leben mit einer Kugel oder besser noch mit einer Ohrfeige erwidert. Nein,

ich danke! Aber Holzhacken, wörtlich und bildlich genommen, kann ich

doch nicht. Dazu sind meine Hände nicht robust genug. Es wird mir also

nichts anderes übrigbleiben, als mich auf meine Scholle zu setzen. Seinen

Acker bewirtschaften und seinen Besitz bei gesundem Leben zu erhalten,

ist schließlich auch eine Arbeit. Auf meinen Gütern beschäftige ich ein paar

hundert Menschen. Für die als Herr zu sorgen, ihr Dasein zu einem

menschlich erträglichen, nach Möglichkeit zu einem behaglichen zu

machen? Ist das nicht auch ein Zweck? Dazu noch ein guter? Für die große

Menschheit arbeiten zu wollen, ist Donquichotterie — aber meine paar

hundert Leute daheim, das ist eine Menschheit im kleinen, und für die kann

ich arbeiten.

Daheim? Hab' ich denn noch ein Daheim? Mein Haus in der Stadt ist mir

verleidet. Und unser schönes Bernegg? Seine Mauern sind mir tot

geworden, seit das Leben erlosch, das in ihnen wirkte — seit meine Mutter

starb. Ich kann mir nicht denken, wie ich dort leben soll, ich, allein! Das

wirst gerade Du mir nachfühlen können. Ich weiß, wie groß Du von meiner

Mutter dachtest.

Wenn ich mit Dir plaudre von ihr, wird Dein spottendes Auge ernst und

Dein sarkastische Lächeln ein anderes. Und vor Jahren, wenn Du mir von

allem Lob das beste sagen wolltest, dann sagtest Du zu mir: ›Du Sohn

deiner Mutter!‹ Das Lob war unverdient. Was sie aus ihrer Seele gab, das

hab' ich nur äußerlich angenommen. Die klare Harmonie des Lebens, die

willensstarke Fähigkeit, eine Freude auch noch im bittersten Weh zu finden

— das war dem Wesen meiner Mutter angeboren. Sie hatte das, wie man

Augen hat, mit denen man sieht. Dieses Ruhige floß von ihr auf den

verschüchterten Knaben über, aus jedem Blick, der mit Liebe auf mir ruhte.

Aber es wurzelte nicht in meinem Herzen, es war bei mir nur ein

Angelerntes und war vergessen bei der ersten verwirrenden Frage, mit der

mich das Leben prüfte.

Ob es auch so gekommen wäre, wenn ich die Mutter nicht verloren hätte?

Nein! Ihre lebende Nähe wäre mir ein Schutz gegen jeden häßlichen

Aufruhr meines Blutes gewesen. Denkst Du noch an unseren alten Suttner,

der früher als Förster in der einsamen Hirschau diente? Im Jähzorn

mißhandelte er seine Frau und seine Kinder und machte seinen

Untergebenen den Dienst zu einer Marter. Da nahm ihn meine Mutter als

Parkmeister ins Schloß — und ihr Blick verwandelte den Wildfang in einen

ruhigen Menschen. Hätte meine Mutter noch gelebt, es wäre nie geschehen,

was ich jetzt, da ich mit allem Katzenjammer einer Menschenseele von

diesem Rausche ernüchtert bin, mit Fäusten hinausstoßen möchte aus

meinem besudelten Leben.

Aber als dieser Irrsinn meines Herzens begann, da ahnte ich nicht, wie er

enden würde. Das war in mir, als hätt' ich das Heiligste und Herrlichste des

Lebens gefunden. Und wenn ich zurückdenke an den Feuersturm jenes

ersten Gefühls, dann wird es mir schwer, zu wünschen: ich hätte besonnen

meine glatte Straße gehen und mir ein temperiertes ›Glück‹ mit ruhiger

Überlegung schaffen können, um Sommer für Sommer als guter Mann

meiner guten Frau kohlbauend auf meinem Gute zu sitzen und während des

Winters in der Stadt keine Opernpremiere, keinen Rout und keinen Hofball

zu versäumen. Der Gedanke, daß solch ein ›wohlgeordnetes‹ Glück mich

hätte treffen können, weckt in mir ein gelindes Grauen. Dennoch steckt in

mir ein schmerzliches Bedauern, daß es nicht so kam! Aber wenn ich es ›so

gut‹ gefunden hätte? Wäre dieses windstille Treibhausglück von Dauer

gewesen? Bis zu einem sanften, in Gott ergebenen Lebensabend? Vielleicht

hätte sich auch dann einmal in dunkler Stunde das Blut meines Vaters in

mir geregt, um die gläserne Herrlichkeit in Scherben zu schlagen,

irgendeinem Unwert oder einer Häßlichkeit zuliebe?

Mein Vater! — — Das Wort ist kalt für mich. Als mein Vater jenen

tödlichen Sturz auf der Rennbahn tat, war ich noch ein halbes Kind. Sein

Tod hatte keinen Schmerz für mich, nur einen Schreck, den ich halb

verstand, als ich einen unserer Gäste sagen hörte: ›Der gute Ettingen hat

sich den Hals recht à p r o p o s gebrochen, sonst hätte er noch seinen Namen

und seinen Besitz, seine Frau und seinen Jungen in den Sumpf geritten!‹

Dieses böse Wort brachte das eine Gute, daß ich mich noch zärtlicher an die

Mutter anschloß, wie in der Ahnung, daß meine Liebe sie vor einem Leid

zu beschützen hätte. Weiß Gott, lieber Freund, es geht mir warm durchs

Herz, wenn ich mir sage: ich habe meiner Mutter, solange sie lebte, keine

Enttäuschung bereitet. Sie konnte lächelnd die Augen schließen und

sterbend glauben, daß sie in ihrem Sohn ein wohlgebautes Werk ihrer Liebe

und ihres Lebens hinterließe.

Und nun? Wie steht es vor Dir, dieses Werk meiner Mutter? In meiner Seele

sieht es aus wie in den löcherigen Taschen eines Bettlers. Ich hätte leben

sollen als meiner Mutter Sohn und hab's meinem Vater nachgetan. Übel hat

mich bei diesem Rennen um das Glück das zügellose Tier meiner

Leidenschaft in den Sand geworfen! Sand? Wie höflich das Wort gewählt

ist! Wohl hab ich mich leidlich wieder aufgerichtet. Aber ich spüre den

Sturz an Leib und Seele. Und da konnt' ich vor einer halben Stunde noch

schreiben: ich bin genesen, ich fühle mich frei. Nein! Ich bin es nicht. Oder

weiß ich nur die quälende Stimmung dieses Augenblickes nicht klar zu

erkennen?

Was mich mit so brennender Unruhe bedrückt? Eine letzte Kette, die mich

noch fesselt an das Vergangene? Nein! Es kann auch das Grauen sein — vor

der Leere und dem Unwert meines kommenden Lebens! Eine heiße

Sehnsucht, die begehrt und dennoch weiß, daß sie unstillbar ist! Heiliges

Glück — das ist Finden auf reinem Weg. Wer durch Sumpf gewatet ist, darf

keinen Tempel mehr betreten.

Ein böser Gedanke! Der hätte mir nicht kommen sollen! Ich will's

versuchen, ihn wieder aus mir hinauszustoßen, will zufrieden sein, nur weil

ich einsam bin, stadtferne und mir selbst gegeben. Und wie häßlich auch

das Leben ist, dem ich entfloh und das mich erwartet — schön ist doch die

sommerduftende Stille, in der ich hier atme. Schön ist die Nacht, die da

draußen mit großen Sternen leuchtet. Schön ist das tiefblaue Rätsel des

schlafenden Himmels und das graue Wunder der nachtverschleierten Berge!

Hättest Du nur den Abend gesehen, der dieser Nacht voranging! Aber

solche Schönheit läßt sich nur fühlen, nicht mit Worten sagen! Und wie

sicher vor allen bösen Gedanken, wie ruhig war ich, als ich einsam da

draußen unter den alten Bäumen saß!«

 

Da stockte dem Schreibenden die Feder. Er lehnte sich in den Stuhl zurück und blickte nach dem offenen Fenster, in dessen Rahmen sich der schwarzgezahnte Wipfelkamm des nahen Waldsaumes und darüber ein Stück des stahlblauen Himmels mit zwei funkelnden Sternen zeigte.

So saß er eine Weile. Dann schüttelte er unter leisem Lächeln den Kopf — und begann wieder zu schreiben:

 

»Die schöne Ruhe, die ich draußen gefunden habe, überkommt mich

wieder! Ein Trost für die Nacht — ich glaube, daß ich schlafen werde.

Nun Gott befohlen, lieber Goni! Wüßt' ich nicht, daß Du in der Stadt

bleibst, um als Freund für mich zu handeln, so würd' ich Dir schreiben:

komm, und laß uns die Schönheit teilen, die mich hier umgibt! Aber ich

hoffe doch, daß dieser unbehagliche Freundschaftsdienst Dich nicht

allzulange zurückhalten wird und daß ich Dich bald bei mir begrüßen kann.

Mit diesem Herzenswunsche bin ich Dein

dankbar getreuer Heinz.«

 

Der Fürst schloß den Brief und schrieb die Adresse: »Graf Egon von Sternfeldt — Wien.« Er wollte dem Diener läuten, doch lächelnd nahm er den Brief noch einmal aus dem Kuvert.

 

»Als Nachschrift eine Bitte. Ein Zufall hat mich heut an Arnold Böcklins

Bild ›Das Schweigen im Walde‹ erinnert. Du kennst das Bild: auf dem

Einhorn reitet die weiße Waldfee unter den Bäumen, mit großen

Märchenaugen, und lauschend, als hätte das Waldschweigen redende

Stimmen, die kein Menschenohr vernimmt, nur sie allein. Schon vor drei

Jahren, als ich das Bild in einer Ausstellung sah, hätt' ich es gerne gekauft.

Es hatte schon seinen glücklichen Besitzer.

Wie schade! Nun sind Erinnerung und Wunsch in mir wieder wach

geworden. Aber wer einen solchen Schatz besitzt, überläßt ihn keinem

anderen. Ich werde mich mit einer Reproduktion begnügen müssen. Willst

Du mir die besorgen? Einen Stich oder eine Radierung. Willst Du? Ja?

Meinen Dank im voraus.

Heinz.«

 

Der Fürst siegelte den Brief und läutete dem Diener, dann trat er ans offene Fenster.

Drunten in der Sennhütte ging es lustig zu. Der Wein schien in den Köpfen der Jäger seine Wirkung zu üben, ihre fröhliche Stimmung hatte sich in wirres Kreischen und Lachen aufgelöst. Das schwieg zuweilen. Dann klang's wieder auf. Und der Übermut dieser konfusen Stimmen hörte sich seltsam an in der schwarzen, schweigenden Einsamkeit der Bergnacht. Der Lakai trat in das Zimmer. »Durchlaucht befehlen?« »Dort liegt ein Brief. Hast du dich schon erkundigt, wie die Post besorgt wird?« »Die Leutascher Jäger sind noch hier. Einer von ihnen wird den Brief zur Besorgung übernehmen. Von morgen an wird ein regelmäßiger Postdienst eingerichtet.«

Der Fürst nickte und ging zur Tür des Schlafzimmers; als ihm der Lakai folgen wollte, sagte er: »Danke, Martin, geh nur, ich brauche dich nicht mehr.« Von der Sennhütte klang eine Lachsalve herauf, so toll und lärmend, daß der Fürst aufblickte.

Martin runzelte die Stirn. »Ich werde die Leute sofort zur Ruhe verweisen.« »Nein! Laß sie nur! Sie sollen sich amüsieren, solang es ihnen Freude macht. Ich werde deshalb nicht schlechter schlafen. Morgen früh sieben Uhr das Bad. Für neun Uhr hab' ich den Förster zum Frühstück gebeten. Gute Nacht!« Der Fürst trat in das Schlafzimmer und zog hinter sich die Tür zu.

Martin schloß die beiden Fenster; dann glitt er lautlos auf den Schreibtisch zu. Er nahm den Brief, las die Adresse und lächelte. Vorsichtig, um das Siegel nicht zu verletzen, drückte er den Brief an den Kanten zusammen, so daß sich die Klappe des Kuverts ein wenig ausbauchte. Da konnte er ein paar Worte lesen: »— heut an Arnold Böcklins Bild ›Das Schweigen im Walde‹ erinnert. Du kennst das Bild; auf dem Einhorn reitet —«

Beruhigt schob Martin den Brief in die Brusttasche und blies auf dem Schreibtisch die Lampe aus.