Der Spaziergang
Der Spaziergang
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 2 Teile geteilt.
Von
Robert Walser
Frauenfeld und Leipzig
Verlag: Huber & Co.
Den Einband zeichnete Karl Walser, Berlin
Copyright 1917 by Huber & Co., Frauenfeld & Leipzig
Druck von Huber & Co. in Frauenfeld
I ch teile mit, daß ich eines schönen Vormittags, ich weiß nicht mehr genau, um wieviel Uhr, da mich die Lust, einen Spaziergang zu machen, ankam, den
Hut auf den Kopf setzte, das Schreib- oder Geisterzimmer verließ, die Treppe
hinunterlief, um auf die Straße zu eilen. Beifügen könnte ich, daß mir im
Treppenhaus eine Frau begegnete, die wie eine Spanierin, Peruanerin oder
Kreolin aussah. Sie trug etwelche bleiche, welke Majestät zur Schau. Ich muß
mir jedoch auf das strengste verbieten, mich auch nur zwei Sekunden lang bei
dieser Brasilianerin oder was sie sonst sein mochte, aufzuhalten; denn ich darf
weder Raum noch Zeit verschwenden. So viel ich mich heute, wo ich dieses
alles schreibe, noch zu erinnern vermag, befand ich mich, als ich auf die offene
helle und heitere Straße trat, in einer romantisch-abenteuerlichen
Gemütsverfassung, die mich tief beglückte. Die morgendliche Welt, die sich vor
meinen Augen ausbreitete, erschien mir so schön, als sähe ich sie zum erstenmal.
Alles, was ich erblickte, machte mir den angenehmen Eindruck der
Freundlichkeit, Güte und Jugend. Rasch vergaß ich, daß ich oben in meiner
Stube soeben noch düster über ein leeres Blatt Papier hingebrütet hatte. Alle
Trauer, aller Schmerz und alle schweren Gedanken waren wie verschwunden,
obschon ich einen gewissen Ernst, als Klang, noch immer vor mir und hinter mir
lebhaft spürte. Freudig war ich auf alles gespannt, was mir auf dem Spaziergang
etwa begegnen oder entgegentreten könnte. Meine Schritte waren gemessen und
ruhig, und soviel ich weiß, ließ ich, indem ich so meines Weges ging, ziemlich
viel würdevolles Wesen sehen. Meine Empfindungen liebe ich vor den Augen
meiner Mitmenschen zu verbergen, ohne daß ich mich jedoch deswegen
ängstlich bemühe, was ich für einen großen Fehler und für eine starke Dummheit
halten würde. Ich war noch nicht zwanzig oder dreißig Schritte weit über einen
weiten menschenbelebten Platz gegangen, als mir Herr Professor Meili, eine
Kapazität allerersten Ranges, leicht begegnete. Wie die unumstürzliche Autorität
schritt Herr Professor Meili ernst, feierlich und hoheitvoll daher; in der Hand
trug er einen unbeugsamen wissenschaftlichen Spazierstock, der mir Grauen,
Ehrfurcht und Respekt einflößte. Professor Meilis Nase war eine strenge,
gebieterische, scharfe Adler- oder Habichtsnase, und der Mund war juristisch
zugeklemmt und zugekniffen. Des berühmten Gelehrten Gangart glich einem
ehernen Gesetz; Weltgeschichte und Abglanz von längst vorübergegangenen
heroischen Taten blitzten aus Herrn Professor Meilis harten, hinter buschigen
Augenbrauen verborgenen Augen hervor. Sein Hut glich einem unabsetzbaren Herrscher. Geheime Herrscher sind die stolzesten und härtesten. Im ganzen
genommen betrug sich jedoch Professor Meili ganz milde, so als wenn er in
keiner Hinsicht nötig gehabt hätte, merken zu lassen, welche Summen von
Macht und Gewicht er personifizierte, und seine Gestalt erschien mir trotz aller
Unerbittlichkeit und Härte sympathisch, weil ich mir sagen durfte, daß die, die
nicht auf süße und schöne Art lächeln, ehrlich und zuverlässig sind. Gibt es ja
bekanntlich Schurken, die die Lieben und Guten spielen, die das schreckliche
Talent haben, zu den Untaten, die sie begehen, verbindlich und artig zu lächeln.
Ich wittere etwas von einem Buchhändler und einem Buchladen; ebenso will
bald, wie ich ahne und merke, ein Bäckerladen mit prahlerischen
Goldbuchstaben zur Erwähnung und Geltung gelangen. Vorher aber habe ich
noch einen Priester oder Pfarrer zu verzeichnen. Ein radfahrender oder
fahrradelnder Stadtchemiker fährt mit freundlichem, gewichtigem Gesicht dicht
am Spaziergänger, nämlich an mir, vorüber, ebenso ein Stabs- oder
Regimentsarzt. Ein bescheidener Fußgänger darf nicht unbeachtet und
unaufgezeichnet bleiben; denn er ersucht mich um gefällige Erwähnung. Es ist
dies ein reichgewordener Althändler und Lumpensammler. Buben und Mädchen
jagen im Sonnenlicht frei und ungezügelt umher. »Man lasse sie ruhig
ungezügelt«, dachte ich; »das Alter wird sie einst schon schrecken und zügeln.
Nur zu früh, leider Gottes.« Ein Hund erlabt sich am Brunnenwasser.
Schwalben, scheint mir, zwitschern in der blauen Luft. Ein bis zwei elegante
Damen in verblüffend kurzen Röcken und überraschend feinen hohen farbigen
Stiefelchen machen sich doch wohl hoffentlich so gut bemerkbar wie irgend
etwas anderes. Zwei Sommer- oder Strohhüte fallen auf. Die Sache mit den
Herrenstrohhüten ist die: Plötzlich sehe ich nämlich zwei Hüte in der hellen
zarten Luft, und unter den Hüten stehen zwei bessere Herren, die einander
mittels schönen, artigen Hutlüftens und -schwenkens guten Morgen zu bieten
scheinen. Die Hüte sind bei dieser Veranstaltung sichtlich wichtiger als ihre
Träger und Besitzer. Im übrigen bittet man den Verfasser sehr ergeben, sich vor
tatsächlich überflüssigen Spötteleien und Föppeleien zu hüten. Man ersucht ihn,
ernsthaft zu bleiben, und hoffentlich hat er das jetzt ein für allemal verstanden.
Da eine äußerst stattliche, reichhaltige Buchhandlung mir angenehm in die
Augen fiel und ich Trieb und Lust spürte, ihr einen kurzen und flüchtigen
Besuch abzustatten, so zögerte ich nicht, in den Laden mit sichtlich guter Manier
einzutreten, wobei ich mir allerdings zu bedenken erlaubte, daß ich vielleicht
mehr als Inspektor und Bücher-Revisor, als Erkundigungen-Einsammler und
feiner Kenner denn als beliebter und gerngesehener reicher Einkäufer und guter Kunde in Frage käme. Mit höflicher, überaus vorsichtiger Stimme und in den
begreiflicherweise gewähltesten Ausdrücken erkundigte ich mich nach dem
Neusten und Besten auf dem Gebiet der schönen Literatur. »Darf ich«, fragte ich
schüchtern, »das Gediegenste und Ernsthafteste und damit selbstverständlich
zugleich auch das Meistgelesene und am raschesten Anerkannte und Gekaufte
kennen und augenblicklich schätzen lernen? Sie würden mich zu
ungewöhnlichem Dank in sehr hohem Grad verbinden, wenn Sie die
weitgehende Gefälligkeit haben und mir das Buch gütig vorlegen wollten, das,
wie ja sicher niemand so genau wissen wird wie gerade Sie, die höchste Gunst
beim lesenden Publikum sowohl als bei der gefürchteten und daher ohne Zweifel
auch umschmeichelten Kritik gefunden hat und ferner munter findet. Sie glauben
garnicht, wie ich mich interessiere, sogleich zu erfahren, welches von allen den
hier aufgestapelten und zur Schau gestellten Büchern oder Werken der Feder
dieses fragliche Lieblingsbuch ist, dessen Anblick mich ja höchst
wahrscheinlich, wie ich auf das allerlebhafteste vermuten muß, zum sofortigen
freudigen, begeisterten Käufer machen wird. Das Verlangen, den
Lieblingsschriftsteller der gebildeten Welt und sein bewundertes, stürmisch
beklatschtes Meisterwerk zu sehen und wie gesagt vermutlich auch sogleich zu
kaufen, gramselt und rieselt mir durch alle Glieder. Darf ich Sie höflich bitten,
mir dieses erfolgreichste Buch zu zeigen, damit die Begierde, die sich meines
gesamten Wesens bemächtigt hat, sich zufrieden gibt und aufhört, mich zu
beunruhigen?« »Sehr gern«, sagte der Buchhändler. Er verschwand wie ein Pfeil
aus dem Gesichtskreis, um jedoch im nächsten Augenblick schon wieder zu dem
begierigen Käufer und Interessenten zurückzukehren und zwar mit dem meist
gekauften und gelesenen Buch von wirklich bleibendem Wert in der Hand. Das
kostbare Geistesprodukt trug er so sorgsam und feierlich, als trage er eine heilig
machende Reliquie. Sein Gesicht war verzückt; die Miene strahlte höchste
Ehrfurcht aus, und mit einem Lächeln auf den Lippen, wie es nur Gläubige und
Innigstdurchdrungene zu lächeln vermögen, legte er mir auf die gewinnendste
Art vor, was er daherbrachte. Ich betrachtete das Buch und fragte:
»Können Sie schwören, daß dies das weitestverbreitete Buch des Jahres ist?«
»Ohne Zweifel.«
»Können Sie behaupten, daß dies das Buch ist, das man gelesen haben
muß?«
»Unbedingt.«
»Ist das Buch wirklich auch gut?«
»Was für eine gänzlich überflüssige und unstatthafte Frage.«
»Ich danke Ihnen recht sehr«, sagte ich kaltblütig, ließ das Buch, das die
absolut weiteste Verbreitung gefunden hatte, weil man es unbedingt gelesen
haben mußte, lieber ruhig liegen, wo es lag, und entfernte mich geräuschlos,
ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren. »Ungebildeter und unwissender
Mensch!« rief mir freilich der Verkäufer in seinem berechtigten tiefen Verdruß
nach. Ich ließ ihn jedoch reden und ging gemächlich weiter und zwar, wie ich
sogleich näher auseinandersetzen und verständlich machen werde, direkt in die
nächstgelegene imposante Bankanstalt.
Wo ich nämlich meinte vorsprechen zu müssen, um über gewisse
Wertpapiere zuverlässigen Aufschluß zu erhalten. »Im Vorbeigehen rasch in ein
Geldinstitut hineinzuspringen«, dachte oder sagte ich für mich selber, »um über
Finanzangelegenheiten zu verhandeln und Fragen vorzubringen, die man nur
flüsternd vorträgt, ist hübsch und nimmt sich ungemein gut aus.«
»Es ist gut und trifft sich prächtig, daß Sie persönlich zu uns kommen«, sagte
mir am Schalter der verantwortungsvolle Beamte in sehr freundlicher Tonart,
und er fügte, indem er fast schalkhaft, jedenfalls aber sehr angenehm und heiter
lächelte, Folgendes hinzu:
»Es ist, wie gesagt, gut, daß Sie gekommen sind. Soeben wollten wir uns
brieflich an Sie wenden, um Ihnen, was jetzt mündlich geschehen kann, die für
Sie ohne Frage erfreuliche Mitteilung zu machen, daß wir Sie aus Auftrag eines
Vereines oder Kreises von Ihnen offenbar hold gesinnten gutherzigen und
menschenfreundlichen Frauen mit
Franken Eintausend
nicht belastet, sondern vielmehr, was Ihnen zweifellos wesentlich
willkommener sein dürfte, bestens kreditiert haben, was wir Ihnen hiedurch
bestätigen und wovon Sie, wenn Sie so gut sein wollen, prompt Notiz im Kopf
oder, wo es Ihnen sonst paßt, nehmen wollen. Wir nehmen an, daß Ihnen diese
Eröffnung lieb ist; denn Sie machen uns, offen gestanden, den Eindruck, der uns
mit, wir möchten uns erlauben zu sagen, fast nur schon zu großer Deutlichkeit
sagt, daß Sie Fürsorge delikater und schöner Natur geradezu bedenklich nötig
haben. Das Geld steht von heute ab zu Ihrer Verfügung. Man sieht, daß eine
starke Fröhlichkeit sich in diesem Augenblick über Ihre Gesichtszüge verbreitet.
Ihre Augen leuchten; Ihr Mund hat in diesem Moment etwas Lachendes, mit
welchem Sie vielleicht schon die längste Zeit nicht mehr gelacht haben, weil
zudringliche tägliche Sorgen häßlicher Art Ihnen verboten haben, das zu tun, und
weil Sie sich seit langer Zeit meistens vielleicht in trüber Laune befanden, da
allerhand böse und traurige Gedanken Ihre Stirne umdüsterten. Reiben Sie sich nur immer vor Vergnügen die Hände, und seien Sie froh, daß einige edle,
liebenswürdige Wohltäterinnen, durch den erhabenen Gedanken bewogen, daß
Leid eindämmen schön und Not lindern gut sei, daran dachten, daß ein armer
und erfolgloser Dichter (denn nicht wahr, das sind Sie doch?) der Unterstützung
bedürfe. Zu der Tatsache, daß sich einige Menschen fanden, die sich herablassen
wollten, sich Ihrer zu erinnern, und zu dem Umstand, daß nicht alle Leute sich
gleichgültig über des vielfach verachteten Dichters Existenz hinwegsetzen,
gratulieren wir Ihnen.«
»Die mir von weichen und gütigen Feen- oder Frauenhänden gespendete,
unvermutet zugeflossene Geldsumme«, sagte ich, »möchte ich ruhig bei Ihnen
liegen lassen, wo sie ja einstweilen am besten aufgehoben ist, da Sie über die
nötigen feuerfesten und diebsichern Kassenschränke verfügen, um Schätze vor
jeglicher Vernichtung und vor jeglichem Untergang zu bewahren. Überdies
zahlen Sie ja sogar noch Zinsen. Darf ich Sie um einen Empfangschein bitten?
Ich stelle mir vor, daß ich die Freiheit habe, jederzeit nach Belieben und
Bedürfnis von der großen Summe kleine Summen abzuheben. Bemerken möchte
ich, daß ich sparsam bin. Ich werde mit der Gabe wie ein solider, zielbewußter
Mann, d. h. äußerst vorsichtig umzugehen wissen, und den freundlichen
Geberinnen werde ich in einem besonnenen und artigen Schreiben meinen Dank
abzustatten haben, was ich schon morgen früh zu tun denke, damit es nicht durch
Aufschieben vergessen wird. Die Annahme, die Sie vorhin so offen äußerten,
daß ich arm sei, mag immerhin auf kluger und richtiger Beobachtung beruhen.
Es genügt aber vollkommen, daß ich selber weiß, was ich weiß, und daß ich
selbst es bin, der am besten über meine Person unterrichtet ist. Oft trügt der
Schein, mein Herr, und ein Urteil über einen Menschen zu fällen, wird wohl am
besten diesem Menschen selbst überlassen sein. Niemand kann einen Mann, der
schon allerlei gesehen und erfahren hat, so gut kennen wie er selbst. Ich irrte zu
Zeiten allerdings im Nebel und in tausenderlei Schwankungen und
Verlegenheiten umher, und oft fühlte ich mich elendiglich verlassen. Aber ich
denke, daß es schön ist, zu kämpfen. Nicht auf Freuden und Vergnügungen ist
ein Mann stolz. Stolz und froh im Grunde der Seele machen ihn nur tapfer
überstandene Anstrengungen und die geduldig ausgehaltenen Leiden. Doch
hierüber verschwendet man nicht gerne Worte. Welcher redliche Mann war im
Leben nie hilflos, und welches menschlichen Wesens Hoffnungen, Pläne,
Träume sind im Laufe der Jahre gänzlich unzerstört geblieben? Wo ist die Seele,
deren Sehnen, kühnes Wünschen, süße und hohe Vorstellungen von Glück in
Erfüllung gingen, ohne daß sie sich Abzüge hat machen lassen müssen?«
Quittung über eintausend Franken wurde mir aus- und eingehändigt, worauf
sich der solide Geld-Einleger und Konto-Korrent-Mensch empfehlen und
entfernen durfte, nämlich niemand anderer als ich. Von Herzen froh über das mir
so zauberhaft, wie aus blauem Himmel zugefallene Kapital-Vermögen lief ich
aus dem hohen, schönen Kassaraum fort, an die freie Luft hinaus, um den
Spaziergang fortzusetzen.
Anfügen will und kann und darf ich hoffentlich (da mir im Augenblick
Neues und Gescheites nicht einfällt), daß ich eine höfliche, reizende Einladung
von Frau Aebi in der Tasche mittrug. Die Einladekarte forderte mich ergebenst
auf und ermunterte mich, punkt halb ein Uhr jedenfalls zum bescheidenen
Mittagessen erscheinen zu wollen. Ich nahm mir fest vor, der Aufforderung zu
gehorchen und bei der fraglichen schätzenswerten Person zur angegebenen Zeit
prompt aufzutauchen.
Indem du dir, lieber gewogener Leser, die Mühe nimmst, sorgfältig mit dem
Schreiber und Erfinder dieser Zeilen vorwärts in die helle, freundliche
Morgenwelt hinaus zu marschieren, nicht eilig, sondern vielmehr ganz
behaglich, sachlich, glatt, bedächtig und ruhig, gelangen wir beide vor die
bereits vorgemerkte Bäckerei mit Goldinschrift, wo wir uns bewogen fühlen,
entsetzt stehen zu bleiben, um auf betrübliche Weise über gröbliche Protzerei
und über damit aufs engste verbundene traurige Verunstaltung des lieblichen
Ländlichkeitsbildes zu staunen.
Spontan rief ich aus: »Ziemlich entrüstet, bei Gott, darf ein ehrlicher Mensch
angesichts solcher goldenen Firmeninschrift-Barbareien sein, die der Landschaft,
in welcher wir stehen, ein Gepräge der Eigensucht, Geldgier, elenden, völlig
nackten Seelenverrohung aufdrücken. Hat denn ein einfacher, redlicher
Bäckermeister wirklich nötig, so großartig aufzutreten, mit seiner törichten
Gold- und Silber-Ankündigung in der Sonne zu strahlen und blitzen wie ein
Fürst oder wie eine putzsüchtige zweifelhafte Dame? Backe und knete er doch
sein Brot in Ehren und in vernunftentsprechender Bescheidenheit. In was für
einer Schwindelwelt fangen wir an zu leben oder haben wir bereits begonnen zu
leben, wenn von Gemeinden, Nachbarschaft und öffentlicher Meinung nicht nur
geduldet, sondern unglücklicherweise offenbar sogar noch gepriesen wird, was
jeden guten Sinn, jeden Sinn für Vernunft und Gefälligkeit, jeden Schönheits-
und Biedersinn beleidigt, was krankhaft großtut, sich ein lächerliches Lumpen-
Ansehen verleiht, das auf hundert und mehr Meter Entfernung in die gute
ehrliche Luft hinausschreit: »Ich bin der und der. Ich habe soundso viel Geld,
und ich darf mir herausnehmen, unangenehm aufzufallen. Ich bin zwar sicherlich ein Lümmel und Tölpel und geschmackloser Kerl mit meinem häßlichen
Prunken; aber es hat mir niemand zu verbieten, lümmelhaft und tölpelhaft zu
sein.« Stehen goldene, weithin glitzernde, abscheulich leuchtende Buchstaben in
irgend einem annehmbaren, ehrlich gerechtfertigten Verhältnis und in irgend
einer gesunden verwandtschaftlichen Beziehung zu – – Brot? Mit nichten! Aber
abscheuliche Großtuerei und Prahlerei haben an irgend einer Ecke, in irgend
einem Winkel der Welt, zu irgend einer Stunde angefangen, haben, gleich einer
beklagenswerten jämmerlichen Überschwemmung, Fortschritte um Fortschritte
gemacht, Unrat, Schmutz und Torheit mit sich reißend, dieselben über die Welt
verbreitend, und haben auch meinen ehrsamen Bäckermeister ergriffen, um
seinen bisherigen guten Geschmack zu verderben, seine ihm angeborene
Sittsamkeit zu unterwühlen. Ich gäbe viel, ich gäbe den linken Arm oder das
linke Bein her, wenn ich durch ein solches Opfer wieder den alten feinen Sinn
für Gediegenheit, die alte gute Genügsamkeit herbeiführen helfen, Land und
Leuten wieder jene Ehrsamkeit und Bescheidenheit zurückgeben könnte, die
sicher vielfach und zum Bedauern aller Menschen, die es redlich meinen,
verloren gegangen sind. Zum Teufel mit der miserablen Sucht, mehr zu
scheinen, als was man ist. Eine wahre Katastrophe ist das, die Kriegsgefahr, Tod,
Elend, Haß und Verwundungen auf der Erde verbreitet und allem, was existiert,
eine verwünschenswerte Maske von Bosheit und Häßlichkeit aufsetzt. So sei mir
doch ein Handwerker kein Monsieur und eine einfache Frau keine Madam. Aber
es will heute alles blenden und glitzern, neu und fein und schön sein, Monsieur
sein und Madam sein, daß es ein Grauen ist. Doch kommt es vielleicht mit der
Zeit auch noch einmal wieder anders. Ich will es hoffen.«
Ich werde mich übrigens sogleich punkto herrenhaften Auftretens und
hochherrschaftlichen Gebarens, wie man bald erfahren wird, selber beim Ohr
nehmen. Auf was für eine Art wird sich zeigen. Es wäre nicht schön, wenn ich
andere schonungslos kritisieren, mich selber aber nur ganz zart anfassen und so
schonungsvoll wie möglich behandeln wollte. Ein Kritiker, der es so macht, ist
nicht der wahre, und Schriftsteller sollen mit der Schriftstellerei keinen
Mißbrauch treiben. Ich hoffe, daß dieser Satz allgemein gefällt, Genugtuung
erweckt und warmen Beifall findet.
Eine Arbeiter-gefüllte und arbeitsreiche Metallgießerei verursacht hier links
vom Landschaftsweg auffälliges Getöse. Bei dieser Gelegenheit schäme ich
mich aufrichtig, daß ich nur spaziere, wo so viele andere schuften und arbeiten.
Ich schufte und schaffe freilich vielleicht dann zu einer Stunde, wo alle diese
Arbeiter Feierabend haben und ausruhen.
Ein Monteur auf dem Fahrrad, Kamerad vom Landwehrbataillon 134/III, ruft
mir beiläufig zu: »Du spazierst wieder einmal, scheint mir, am heiterhellen
Werktag.« Ich grüße ihn lachend und gebe mit Freuden zu, daß er recht hat,
wenn er der Ansicht ist, daß ich spaziere.
»Sie sehen es mir an, daß ich spaziere«, dachte ich im stillen und spazierte
friedlich weiter, ohne mich im geringsten über das Ertapptwordensein zu ärgern,
was ganz dumm gewesen wäre.
In meinem hellgelben, geschenkt bekommenen Engländer-Anzug kam ich
mir nämlich, muß ich offen gestehen, wie ein großer Lord, Grandseigneur, im
Park auf und ab spazierender Marquis vor, trotzdem es doch nur eine halb
ländliche, halb vorstadtmäßige schlichte liebe bescheidene und kleinliche
Armutsgegend und Landstraße war, wo ich mich erging, und durchaus kein
vornehmer Park, wie ich mir angemaßt habe anzudeuten, was ich sachte wieder
zurückziehe, weil alles Parkhafte ganz aus der Luft gegriffen ist und hierher
absolut nicht paßt. Kleinere und größere Fabriklein und mechanische
Werkstätten lagen beliebig verstreut im Grünen. Fette warme Landwirtschaft gab
hier herum gleichsam klopfender und hämmernder Industrie, die immer irgend
etwas Zerarbeitetes und Mageres an sich hat, freundschaftlich den Arm.
Nußbäume, Kirschbäume und Pflaumenbäume gaben dem weichen, rundlichen
Weg etwas Anziehendes, Unterhaltsames und Zierliches. Ein Hund lag quer
mitten auf der Straße, die ich an und für sich schon schön fand und liebte. Ich
liebte überhaupt das meiste, was ich nach und nach sah, augenblicklich feurig.
Eine andere kleine hübsche Hundeszene und Kinderszene war folgende: Ein
großer, aber durchaus drolliger, humorvoller, ungefährlicher Kerl von Hund
betrachtete still einen Knirps von Knaben, der auf einer Haustreppe kauerte, und
der wegen der Aufmerksamkeit, die ihm das gutmütige, jedoch ein wenig
schreckhaft aussehende Tier zu schenken beliebte, vor Angst jämmerlich brüllte
und ein starkes, kindisches Geheul veranstaltete. Ich fand den Auftritt
entzückend; aber einen andern Kinderauftritt im Landstraßentheater fand ich fast
noch netter und entzückender. Zwei ganz kleine Kinderchen lagen auf der
ziemlich staubigen Straße wie in einem Garten. Das eine Kind sagte zum andern:
»Gib mir ein liebes Küßchen.« Das andere Kind gab ihm das dringlich
Geforderte. Nun sagte es zu ihm: »So. Jetzt darfst du vom Boden aufstehen.« Es
würde ihm also höchst wahrscheinlich ohne süßes Küßchen nicht erlaubt haben,
was es ihm jetzt gestattete. »Wie paßt diese naive kleine Szene zu dem schönen
blauen Himmel, der auf die frohe leichte helle Erde so göttlich herunterlacht!«
sagte ich mir. »Kinder sind himmlisch, weil sie immer wie in einer Art Himmel sind. Wenn sie älter werden und aufwachsen, schwindet ihnen der Himmel, und
sie fallen aus der Kindlichkeit dann in das trockene, berechnende Wesen und in
die langweiligen Anschauungen der Erwachsenen. Für Kinder von armen Leuten
ist die sommerliche Landstraße wie ein Spielzimmer. Wo sollen sie sonst sein, da
ihnen die Gärten eigennützig zugesperrt sind? Wehe dahersausenden
Automobilen, die kalt und bös in das Kinderspiel, in den kindlichen Himmel
hineinfahren, daß kleine unschuldige menschliche Wesen in Gefahr kommen,
zermalmt zu werden. Den schrecklichen Gedanken, daß ein Kind von solch
einem plumpen Triumphwagen tatsächlich überfahren wird, will ich garnicht
denken, weil mich sonst der Zorn zu groben Ausdrücken verleitete, mit denen
man ja bekanntlich doch nie viel verrichtet.«
Leuten, die in einem sausenden, staubaufwerfenden Automobil sitzen, zeige
ich immer mein böses und hartes Gesicht, und sie verdienen auch kein besseres.
Sie denken dann, daß ich ein Aufpasser und Polizist in Zivil sei, von hohen
Obrigkeiten und Behörden beauftragt, auf das Fahren aufzupassen, mir die
Nummer des Fahrzeugs zu merken und solche später zu hinterbringen. Ich
schaue da stets finster auf die Räder, aufs Ganze und nie auf die Insassen, welche
ich verachte und zwar keineswegs persönlich, sondern rein grundsätzlich; denn
ich begreife nicht und werde niemals begreifen, daß es ein Vergnügen sein kann,
so an allen Gebilden, Gegenständen, die unsere schöne Erde aufweist,
vorüberzurasen, als wenn man toll geworden sei und rennen müsse, um nicht
elend zu verzweifeln. In der Tat liebe ich die Ruhe und alles Ruhende. Ich liebe
Sparsamkeit und Mäßigkeit und bin allem Gehetz und Gehast im tiefsten Innern
in Gottes Namen abhold. Mehr als was wahr ist brauche ich nicht zu sagen. Und
wegen dieser Worte wird das Automobilfahren sicher nicht mit einmal aufhören
nebst luftverderbendem üblem Geruch, den sicherlich niemand besonders
hochschätzt und liebt. Es wäre widernatürlich, wenn jemandes Nase lieben und
mit Freuden einziehen würde, was für jede rechte Menschennase einfach
manchmal, je nachdem man vielleicht gelaunt ist, empörend und
abscheuerweckend ist. Schluß und nichts für ungut. Und nun weiter spaziert.
Himmlisch schön und gut und uralt einfach ist es ja, zu Fuß zu gehen.
Anzunehmen ist, daß das Schuhwerk und Stiefelzeug in Ordnung ist.
Werden mir sehr geehrte Herrschaften, Gönnerschaften und Leserschaften,
indem sie diesen vielleicht etwas zu feierlichen und hochdaherstolzierenden Stil
wohlwollend hinnehmen und entschuldigen, nunmehr gütig erlauben, dieselben
auf zwei besonders bedeutende Personen, Gestalten oder Figuren, nämlich
erstlich oder besser erstens auf eine vermeintliche gewesene Schauspielerin und zweitens auf die jugendlichste vermutliche angehende Sängerin gebührend
aufmerksam zu machen? Ich halte diese zwei Leute für denkbar wichtig und
habe sie daher geglaubt zum voraus schon, bevor sie in Wirklichkeit auftreten
und figurieren werden, ordentlich anmelden und ankündigen zu sollen, damit ein
Geruch von Bedeutsamkeit und Ruhm den beiden zarten Geschöpfen vorauseile
und dieselben bei ihrem Erscheinen mit all der Achtsamkeit und sorgfältigen
Liebe empfangen und angeschaut werden können, womit man meiner
geringfügigen Meinung nach solcherlei Wesen fast notwendigerweise
auszeichnen muß. Gegen halb ein Uhr wird ja dann der Herr Verfasser
bekanntermaßen, zum Lohn für seine vielfachen Strapazen, im Palazzo oder
Haus der Frau Aebi essen, schwelgen und speisen. Bis dahin wird er indessen
noch eine beträchtliche Strecke Weges zurückzulegen und noch manche Zeile zu
schreiben haben. Aber man weiß ja zur Genüge, daß er ebenso gern spaziert als
schreibt; letzteres allerdings vielleicht um eine Nüance weniger gern als ersteres.
Vor einem bildsaubern und hübschen Haus sah ich, hart an der schönen
Straße, eine Frau auf einer Bank sitzen, und kaum hatte ich sie erblickt, so
erkühnte ich mich auch bereits sie anzusprechen, indem ich unter möglichst
artigen und verbindlichen Wendungen Folgendes vorbrachte:
»Verzeihen Sie, wenn sich mir, einem Ihnen völlig unbekannten Menschen,
bei Ihrem Anblick die eifrige und sicherlich dreiste Frage auf die Lippe drängt,
ob Sie nicht vielleicht ehemals Schauspielerin gewesen seien. Sie sehen nämlich
ganz und gar wie eine einstmals verwöhnte, gefeierte große Schauspielerin und
Bühnenkünstlerin aus. Gewiß wundern Sie sich mit größtem Recht über die so
verblüffend waghalsige kecke Anrede und Anfrage; aber Sie haben ein so
schönes Gesicht, ein so gefälliges, nettes, und ich muß beifügen, so interessantes
Aussehen, zeigen eine so schöne, edle, gute Figur, schauen so grad und groß und
ruhig vor sich hin, auf mich und überhaupt in die Welt hinein, daß ich mich
unmöglich habe zwingen können, an Ihnen vorüberzugehen, ohne gewagt zu
haben, Ihnen etwas Artiges und Schmeichelhaftes zu sagen, was Sie mir
hoffentlich nicht übel nehmen werden, obschon ich fürchten muß, daß ich wegen
meiner Leichtfertigkeit Strafe und Mißbilligung verdiene. Als ich Sie sah, kam
ich augenblicklich auf den Gedanken, daß Sie Schauspielerin gewesen sein
müßten, und heute, so dachte ich bei mir, sitzen Sie nun hier an der einfachen,
wenn auch gleich schönen Straße, vor dem hübschen kleinen Laden, als dessen
Inhaberin Sie mir vorkommen. Sie sind vielleicht bis heute noch von keinem
Menschen hier so ohne alle Umstände angeredet worden. Ihr freundliches und
zugleich anmutiges Äußeres, Ihre liebenswürdige, schöne Erscheinung, Ihre Ruhe, Ihre feine Gestalt und Ihr edles, munteres Aussehen bei vorgerücktem
Alter, das Sie mir erlauben wollen anzumerken, haben mich ermutigt, ein
zutrauliches Gespräch auf offener Straße mit Ihnen anzufangen. Auch hat der
schöne Tag, dessen Freiheit und Heiterkeit mich beglücken, eine Fröhlichkeit in
mir angezündet, mit welcher ich vielleicht der unbekannten Dame gegenüber
etwas zu weit gegangen bin. Sie lächeln! Dann sind Sie also über die
ungezwungene Sprache, die ich führe, keineswegs böse. Es dünkt mich, wenn
ich so sagen darf, schön und gut, daß dann und wann zwei unbekannte
Menschen frei und harmlos miteinander reden, wozu wir Bewohner dieses
irrenden, seltsamen Planeten, der uns ein Rätsel ist, ja schließlich Mund und
Zunge und die sprachliche Fähigkeit haben, welch letztere an und für sich schon
so schön und seltsam ist. Jedenfalls haben Sie mir, als ich Sie sah, sogleich
herzlich gut gefallen; doch ich muß mich nun respektvoll entschuldigen, und ich
möchte Sie bitten, überzeugt zu sein, daß Sie mir die wärmste Ehrfurcht
einflößen. Kann das offene Geständnis, daß ich sehr glücklich war, als ich Sie
sah, Sie veranlassen, mir zu zürnen?«
»Vielmehr muß es mich freuen«, sagte die schöne Frau heiter; »aber
bezüglich Ihrer Vermutung muß ich Ihnen eine Enttäuschung bereiten. Ich bin
nie Schauspielerin gewesen.«
Worauf ich mich bewogen fühlte, zu sagen: »Ich bin vor einiger Zeit in diese
Gegend aus kalten, traurigen, engen Verhältnissen, krank im Innern, ganz und
gar ohne Glauben, ohne Zuversicht und Zutrauen, ohne jegliche schönere
Hoffnung hergekommen, mit der Welt und mit mir selber entfremdet und
verfeindet. Ängstlichkeit und Mißtrauen nahmen mich gefangen und begleiteten
jeden meiner Schritte. Stück um Stück verlor ich dann das unedle, häßliche
Vorurteil. Ich atmete hier wieder ruhiger und freier – und wurde wieder ein
schönerer, wärmerer, glücklicherer Mensch. Die Befürchtungen, die mir die
Seele erfüllten, sah ich nach und nach verschwinden; Trauer und Öde im Herzen
und die Hoffnungslosigkeit verwandelten sich allgemach in heitere Befriedigung
und in einen angenehmen, lebhaften Anteil, den ich von Neuem fühlen lernte.
Ich war tot, und jetzt ist es mir, als habe mich jemand gehoben und gefördert.
Wo ich viel Unschönes, Hartes und Beunruhigendes erfahren zu müssen
geglaubt habe, treffe ich den Liebreiz und die Güte an und finde ich alles
Ruhige, Zutrauliche und Gute.«
»Umso besser«, sagte die Frau mit freundlicher Miene und Stimme.
Da mir der Augenblick gekommen zu sein schien, die ziemlich mutwillig
begonnene Unterhaltung zu beendigen und mich zu entfernen, so grüßte ich die Frau, die ich für eine Schauspielerin gehalten hatte, die jedoch jetzt leider keine
große und berühmte Schauspielerin mehr war, weil sie selbst es für nötig
gefunden hatte zu bestreiten, mit, ich darf wohl sagen, ausgesuchter, sehr
sorgfältiger Höflichkeit, indem ich mich vor ihr verneigte, und ging friedlich,
wie wenn weiter gar nichts geschehen wäre, weiter.
Eine bescheidene Frage: Ist vielleicht nachgerade für ein zierliches
Putzgeschäft unter grünen Bäumen hervorragendes Interesse und womöglich
etlicher Beifall spärlich vorhanden?
Ich glaube stark daran, und so wage ich die ganz ergebene Mitteilung zu
machen, daß ich im Gehen und Vormarschieren auf dem schönsten aller Wege
einen ziemlich albernen, jünglinghaften und lauten Freudeschrei aus einer Kehle
ausstieß, die solches und ähnliches selber nicht für möglich hielt. Was sah und
entdeckte ich Neues, Unerhörtes und Schönes? Ei, ganz einfach besagtes
allerliebstes Putzgeschäft und Modesalon. Paris und Petersburg, Bukarest und
Mailand, London und Berlin, alles, was elegant, liederlich und hauptstädtisch ist,
trat mir nah, tauchte vor mir auf, um mich zu faszinieren und zu bezaubern. Aber
in den Haupt- und Weltstädten fehlt der grüne sanfte Baumschmuck, der
Schmuck und die Wohltat freundlicher Wiesen und vieler lieben zarten Blätter
und nicht zuletzt der süße Blumenduft, und den hatte ich hier. »Das alles«, so
nahm ich mir im stillen und während des Stillstehens vor, »schreibe ich
bestimmt demnächst in ein Stück oder in eine Art Phantasie hinein, die ich ›Der
Spaziergang‹ betiteln werde. Namentlich darf mir dieser Damenhutladen
keineswegs darin fehlen. Ein hoher malerischer Reiz würde dem Stück sonst
sicher abgehen, und diesen Mangel werde ich so gut zu vermeiden als zu
umgehen und unmöglich zu machen wissen.« Die Federn, Bänder, künstlichen
Früchte und Blumen auf den netten drolligen Hüten waren für mich fast ebenso
anziehend und anheimelnd wie die Natur selber, die mit ihrem natürlichen Grün,
mit ihren Naturfarben die künstlichen Farben und phantastischen Modeformen
umrahmte und zart einschloß, derart, als sei das Putzgeschäft ein bloßes
liebliches Gemälde. Ich rechne, wie gesagt, hiebei mit dem feinsten Verständnis
seitens des Lesers, vor dem ich mich aufrichtig fürchte. Dieses elende
Feiglingsgeständnis ist begreiflich. Es ist noch allen kühneren Autoren so
gegangen.
Gott! was erblickte ich, ebenfalls unter Blättern, für einen reizenden,
niedlichen, entzückenden Fleischladen mit rosaroter Schweine-, Rind- und
Kalbfleischware. Der Metzger hantierte im Ladeninnern, wo auch Käufer
standen. Einen Schrei ist dieser Metzgerladen gewiß ebenso gut wert wie der Laden mit den Hüten. Drittens sei ein Spezereiladen sanft genannt. Zu allerlei
Wirtschaften komme ich später, wie mir scheint, noch früh genug. Man kann mit
Wirtshäusern zweifellos nicht spät genug am Tag anfangen, weil sich ja Folgen
einstellen, die man kennt, und zwar leider jeder selber nur zur Genüge. Auch der
Tugendhafteste darf nicht bestreiten, daß er gewisser Untugenden nie ganz Herr
wird. Glücklicherweise jedoch ist man ja – Mensch und als solcher leicht zu
entschuldigen. Man beruft sich einfach auf die Schwachheit der Organisation.
Hier habe ich mich wieder einmal neu zu orientieren. Ich setze voraus, daß
mir Neueinrichtung und Umgruppierung so gut gelingen wie irgend einem
Generalfeldmarschall, der alle Umstände überblickt und alle Zufälligkeiten und
Rückschläge in das Netz seiner, es wird gestattet sein zu sagen, genialen
Berechnung zieht. In den Tagesblättern liest solches ein fleißiger Mensch
gegenwärtig täglich, und er merkt sich Ausdrücke, wie: Flankenstoß. Ich bin in
letzter Zeit zu der Überzeugung gekommen, daß Kriegskunst und Kriegführung
fast so schwer und geduldheischend sind wie Dichtkunst und umgekehrt. Auch
Schriftsteller treffen oft, wie Generäle, langwierigste Vorbereitungen, ehe sie
zum Angriff zu schreiten und eine Schlacht zu liefern wagen, oder mit andern
Worten ein Machwerk oder Buch auf den Büchermarkt schleudern, was
herausfordernd wirkt und mitunter zu gewaltigen Gegenangriffen mächtig reizt.
Bücher locken Besprechungen hervor, und diese fallen manchmal so grimmig
aus, daß das Buch sterben und der Verfasser verzweifeln muß!
Befremden darf nicht, wenn ich sage, daß ich alle diese hoffentlich zierlichen
netten Zeilen mit deutscher Reichsgerichtsfeder schreibe. Daher die sprachliche
Kürze, Prägnanz und Schärfe, die an einigen Stellen zu spüren ist, worüber sich
jetzt niemand weiter wundere.
Aber wann komme ich wohl endlich zu dem wohlverdienten Schmaus bei
meiner Frau Aebi? Ich fürchte, daß das noch ziemlich lange dauert, da noch
erkleckliche Hindernisse wegzuräumen sind. Appetit wäre längst in Hülle und
Fülle vorhanden.
Indem ich wie ein besserer Strolch, feinerer Vagabund und Tagedieb oder
Zeitverschwender und Landstreicher so des Weges ging, neben allerlei mit
zufriedenem behaglichem Gemüse vollbepflanzten und vollgestopften Gärten
vorbei, neben Blumen und Blumenduft vorbei, neben Obstbäumen und neben
Bohnenstangen und Stauden voll Bohnen vorbei, neben hochaufragendem
Getreide, wie Roggen, Hafer und Weizen vorbei, neben einem Holzplatz mit
vielen Hölzern und Holzspänen vorbei, neben saftigem Gras und neben einem
artig plätschernden Wässerchen, Fluß oder Bach vorbei, neben allerhand Leuten, wie lieben handeltreibenden Marktfrauen, hübsch vorbei, neben einem mit Lust-
und Freudenfahnen geschmückten Vereinshaus ebenso gut wie an manchen
andern gutmütigen und nützlichen Dingen vorbei, neben einem besonders
schönen und lieben Feen-Apfelbäumchen vorbei und weiß der liebe Gott an was
sonst noch allem Möglichen vorbei, wie z. B. auch an Erdbeerbüschen und
Blüten oder besser bereits an den reifen roten Erdbeeren manierlich vorbei,
währenddessen mich immer allerlei mehr oder weniger schöne und angenehme
Gedanken stark beschäftigten, weil beim Spazieren viele Einfälle, Lichtblitze
und Blitzlichter sich ganz von selber einmengen und einfinden, um sorgfältig
verarbeitet zu werden, kam ein Mensch, ein Ungeheuer, ein Ungetüm mir
entgegen, der mir die helle lichte Straße fast völlig verdunkelte, ein lang- und
hochaufgeschossener unheimlicher Kerl, den ich leider nur allzu gut kannte, ein
höchst sonderbarer Geselle, nämlich der Riese
Tomzack.
An allen andern Orten und auf allen andern Wegen eher als hier auf dem
lieben weichen Landweg würde ich ihn vermutet haben. Seine trauervolle,
schauervolle Erscheinung, sein tragisches, ungeheures Wesen flößte mir
Schrecken ein und nahm alle gute, schöne und helle Aussicht und alle Froheit
und Freude von mir weg. Tomzack! Nicht wahr, lieber Leser, der Name allein
klingt schon nach schrecklichen und schwermütigen Dingen. »Was verfolgst du
mich, was hast du nötig, mir hier mitten auf meinem Weg zu begegnen, du
Unglückseliger?« rief ich ihm entgegen; doch Tomzack gab mir keine Antwort.
Groß schaute er mich an, d. h. er schaute nur so von hoch oben auf mich herab;
denn er überragte mich an Länge und Höhe um ein Bedeutendes. Ich kam mir
neben ihm wie ein Zwerg oder wie ein kleines armes schwaches Kind vor. Mit
der größten Leichtigkeit hätte mich der Riese zertreten oder erdrücken können.
Ah, ich wußte, wer er war. Für ihn gab es keine Ruhe. Ruhelos ging er in der
Welt umher. In keinem sanften Bett schlief er, und in keinem wohnlichen
heimeligen Hause durfte er wohnen. Er hauste überall und nirgends. Heimat
hatte er keine, und irgend ein Heimatrecht besaß er keins. Ohne Vaterland und
ohne Glück war er; gänzlich ohne Liebe, und ohne Menschenfreude mußte er
leben. Anteil nahm er nicht, und auch an ihm und an seinem Treiben und Leben
nahm niemand Anteil. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft waren ihm eine
wesenlose Wüste, und das Leben war zu gering, zu klein, zu eng für ihn. Es gab
keinerlei Bedeutung für ihn, und er selbst wieder bedeutete für niemanden etwas.
Aus seinen großen Augen brach ein Glanz von Überwelten- oder Unterwelten-
Gram. Ein unendlicher Schmerz sprach aus seinen müden schlaffen Bewegungen. Er war nicht tot und nicht lebendig, nicht alt und nicht jung.
Hunderttausend Jahre alt schien er mir zu sein, und es schien mir, als müsse er
ewig leben, um ewig nicht lebendig zu sein. Er starb jeden Augenblick und
vermochte dennoch nicht zu sterben. Kein Grab mit Blumen gab es für ihn. Ich
wich ihm aus und murmelte für mich: »Leb wohl, und laß es dir immerhin gut
gehen, Freund Tomzack.«
Ohne mich nach dem Phantom, nach dem bedauernswürdigen Koloß und
Übermenschen weiter umzusehen, wozu ich wahrhaftig nicht die geringste Lust
hatte, ging ich weiter und gelangte bald nachher, so in der weichen, warmen Luft
ruhig weiterschreitend und den trüben Eindruck verwindend, den die fremdartige
Mannes- oder vielmehr Riesengestalt auf mich gemacht hatte, in einen
Tannenwald, durch den sich ein gleichsam lächelnder, schelmisch anmutiger
Weg schlängelte, den ich mit Vergnügen verfolgte. Weg und Waldboden waren
wie ein Teppich, und hier im Waldinnern war es still wie in einer glücklichen
Menschenseele, wie in einem Tempelinnern, wie in einem Palast und
verzauberten und verträumten Märchenschlosse, wie im Dornröschenschloß, wo
alles schläft und schweigt seit Hunderten von langen Jahren. Tiefer drang ich
hinein, und ich rede vielleicht ein wenig schön, wenn ich sage, daß ich mir wie
ein Prinz mit goldenem Haar und den Körper bedeckt mit einer kriegerischen
Rüstung erschien. Es war so feierlich im Wald, daß schöne und feierliche
Einbildungen ganz von selber sich des empfindlichen Spaziergängers
bemächtigten. Wie war ich über die süße Waldesstille und Ruhe glücklich! Von
Zeit zu Zeit drang von außen her einiger schwacher Lärm in die liebliche
Abgeschiedenheit und reizende Dunkelheit hinein, etwa ein Schlag, ein Pfiff
oder sonst ein Geräusch, dessen ferner Schall die herrschende Geräuschlosigkeit
nur noch erhöhte, die ich recht nach Herzenslust einatmete, und deren Wirkung
ich förmlich trank und schlürfte. Da und dort in all der Schweigsamkeit und in
all der Stille ließ ein Vogel aus dem liebreizenden und heiligen Verborgenen
heraus seine heitere Stimme vernehmen. Ich stand so und horchte, und plötzlich
befiel mich ein unsagbares Weltempfinden und ein damit verbundenes,
gewaltsam aus der Seele hervorbrechendes Dankbarkeitsgefühl. Die Tannen
standen kerzengerade wie Säulen da, und nicht das Geringste rührte sich im
weiten zarten Walde, den allerlei unhörbare Stimmen zu durchklingen und zu
durchhallen schienen. Töne aus der Vorwelt kamen, von ich weiß nicht woher,
an mein Ohr. »O, so will denn auch ich gerne, wenn es sein soll, zu Ende gehen
und sterben. Eine Erinnerung wird mich dann noch im Grabe beglücken, und
eine Dankbarkeit wird mich im Tode beleben; ein Danksagen für die Genüsse, für die Freude, für das Entzücken; ein Danksagen für das Leben und eine Freude
über die Freude.« Leises hohes Rauschen ließ sich, von oben aus den
Tannwipfeln herabsäuselnd, vernehmen. »Hier müßte Lieben und Küssen
göttlich schön sein«, sagte ich mir. Die bloßen Schritte auf dem angenehmen
Boden wurden zum Genuß, und die Ruhe zündete in der fühlenden Seele Gebete
an. »Hier tot zu sein und in der kühlen Walderde unauffällig begraben zu liegen,
müßte süß sein. Ach, daß man den Tod im Tode fühlen und genießen dürfte!
Vielleicht ist es so. Im Walde ein ruhiges kleines Grab zu haben, wäre schön.
Vielleicht würde ich das Singen der Vögel und das Waldrauschen über mir
hören. Ich wünschte mir das.« Herrlich fiel eine Sonnenstrahlen-Säule zwischen
Eichenstämmen in den Wald herab, der mir wie ein liebes grünes Grab erschien.
Bald trat ich wieder ins helle Freie hinaus und ins Leben.
Es käme jetzt und träte hervor ein Wirtshaus, und zwar ein sehr feines,
reizendes, schmeichelhaftes, ein Wirtshaus, nah am Rand des Waldes gelegen,
aus dem ich soeben erst herauskam, ein Wirtshaus mit köstlichem Garten voll
erquicklichem Schatten. Der Garten läge auf einem aussichtsreichen niedlichen
Hügel, und dicht daneben läge oder stände ein künstlicher Extra-Aussichtshügel
oder Rondell, wo man stehen und ziemlich lang sich über die prächtige Aussicht
freuen könnte. Ein Glas Bier oder Wein wäre sicher auch nicht schlecht; aber der
Mensch, der hier spaziert, besinnt sich rechtzeitig, daß er sich ja auf keinem gar
so sehr anstrengenden Ausmarsch befindet. Das mühereiche Gebirge liegt weit
in der bläulich glänzenden, weißumhauchten Ferne. Er muß sich ehrlich
gestehen, daß sein Durst weder mordsmäßig noch heidenmäßig ist, da er bis jetzt
verhältnismäßig nur kleine Strecken zurückzulegen gehabt hat. Handelt es sich
doch hier mehr um zartes, sanftes Spazierengehen als um eine Reise und
Wanderung, und mehr um einen feinen Rundgang als um einen Gewaltritt und -
Marsch, und daher verzichtet er gerechter- so gut wie vernünftigerweise auf den
Eintritt ins Lusthaus und Erquickungshaus und nimmt Abgang. Alle ernsthaften
Leute, die dies lesen, werden seinem schönen Entschluß und seinem guten
Willen gewiß reichen Beifall zollen. Nahm ich nicht bereits vor einer Stunde
Anlaß, eine jugendliche Sängerin anzumelden? Sie tritt jetzt auf.
Und zwar an einem Fenster zu ebener Erde.
Ich kam nämlich jetzt aus der Waldabschwenkung wieder in den Hauptweg
zurück und da hörte ich – –
Doch halt! und eine kleine Anstandspause gemacht. Schriftsteller, die ihren
Beruf verstehen, nehmen denselben möglichst ruhig. Sie legen gern von Zeit zu
Zeit die Feder ein wenig aus der Hand. Anhaltendes Schreiben ermüdet wie Erdarbeit.
Was ich aus dem Fenster zu ebener Erde hörte, war der lieblichste, frischeste
Volks- und Operngesang, der mir als Morgen-Ohrenschmaus und als
Vormittagskonzert völlig unentgeltlich in die überraschten Ohren tönte. Ein
junges Mädchen, das fast noch ein Schulmädchen und doch auch schon schlank
und groß war, stand nämlich im hellen Kleid am ärmlichen Vorstadtfenster, und
dieses Mädchen sang in die blaue Luft hinaus und hinauf einfach zum
Entzücken. Auf das angenehmste betroffen und durch den unerwarteten Gesang
bezaubert, blieb ich seitwärts stehen, um die Sängerin nicht zu stören und mich
damit nicht der Zuhörerschaft sowie des Genusses zu berauben. Das Lied, das
die Kleine sang, schien von glücklicher und lieblicher Art zu sein; die Töne
klangen wie junges, unschuldiges Lebens- und Liebesglück selber; sie flogen,
gleich Engelsgestalten mit schneeweißem Freudengefieder, in den Himmel, aus
welchem sie wieder herunterzufallen und mit einem Lächeln zu sterben
schienen. Es glich dem Sterben aus Kummer, dem Sterben vielleicht auch aus
überzarter Freude, einem überglücklichen Lieben und Leben und einem
Nichtlebenkönnen wegen zu reicher und schöner Vorstellung vom Leben, daß
gewissermaßen der zärtliche, von Liebe und Glück überquellende, übermütig in
das Dasein drängende Gedanke sich zu überstürzen und über sich selber
zusammenzubrechen schien. Als das Mädchen mit dem ebenso einfachen wie
reichen, reizenden Gesang, mit dem schmelzenden Mozart- oder Hirtinnen-Lied
zu Ende gekommen war, trat ich zu ihr hin, grüßte sie, bat sie um Erlaubnis, ihr
zu der schönen Stimme gratulieren zu dürfen, und machte ihr wegen des
ungewöhnlich seelenvollen Vortrages mein Kompliment. Die kleine
Gesangskünstlerin, die wie ein Reh oder wie eine Art Antilope in Mädchenform
aussah, schaute mich mit schönen braunen Augen verwundert und fragend an.
Sie hatte ein sehr feines, zartes Gesicht und lächelte einnehmend und artig.
»Ihnen«, sagte ich zu ihr, »steht, wenn Sie Ihre schöne, junge, reiche Stimme zu
pflegen und behutsam auszubilden wissen, wozu es sowohl Ihres eigenen wie
des Verständnisses anderer bedarf, eine glänzende Zukunft und große Laufbahn
bevor; denn Sie erscheinen mir, offen und ehrlich gestanden, wie die zukünftige
große Opernsängerin selber! Ihr Wesen ist offenbar klug, Sie selber sind sanft
und schmiegsam, und Sie besitzen, wenn mich meine Vermutungen nicht
gänzlich trügen, eine ganz bestimmte Seelenkühnheit. Feuer und offensichtlicher
Adel des Herzens sind Ihnen eigen; das hörte ich soeben aus dem Liede, das Sie
so schön und wahrhaft gut gesungen haben. Sie haben Talent, noch mehr: Sie
haben unzweifelhaft Genie! und ich rede Ihnen da durchaus nichts Leeres und Unwahres vor. Es ist mir darum zu tun, Sie zu bitten, recht sorgsam acht auf Ihre
edle Begabung zu geben, sie vor Verunstaltung, Verstümmelung, vorzeitigem
gedankenlosem Verbrauch zu hüten. Einstweilen kann ich Ihnen nur aufrichtig
sagen, daß Sie überaus schön singen und daß das etwas sehr Ernstes ist; denn es
will viel bedeuten; es will vor allen Dingen bedeuten, daß man Sie auffordern
soll, fleißig jeden Tag ein wenig weiter zu singen. Üben und singen Sie mit
klugem, schönem Maßhalten. Sie selber kennen die Ausdehnung und den
Umfang des Schatzes, den Sie besitzen, ganz gewiß nicht. In Ihrer gesanglichen
Leistung tönt bereits ein hoher Grad von Natur, eine reiche Summe
ahnungslosen lebendigen Wesens und Lebens und eine Fülle von Poesie und
Menschlichkeit. Man glaubt Ihnen sagen zu dürfen und Ihnen die Versicherung
geben zu müssen, daß Sie eine echte Sängerin deshalb zu werden in jedem Sinn
versprechen, weil man glaubt, daß Sie ein Mensch sind, den es wahrhaft aus dem
Wesen heraus drängt zu singen und der erst zu leben, sich seines Lebens freuen
zu können scheint, sobald er beginnt zu singen, alle vorhandene Lebenslust
derart in die Kunst des Gesanges hinüberleitend, daß alles menschlich und
persönlich Bedeutende, alles Seelenvolle, Verständnisvolle in ein höheres Etwas,
in ein Ideal hinaufsteigt. In einem schönen Gesang ist immer ein gleichsam
zusammengedrängtes und -gepreßtes Erfahren, Empfinden und Fühlen, eine zur
Explosion fähige Summe von beengtem Leben und von bewegter Seele, und mit
solcher Art von Gesang vermag eine Frau, wenn sie sich die guten Umstände
zunutze macht und an der Leiter, die die Zufälligkeiten bilden, hinaufgelangt, als
Stern am Himmel der Tonkunst viele Gemüter zu bewegen, große Reichtümer zu
gewinnen, ein Publikum zu stürmischen und begeisterten Beifallskundgebungen
hinzureißen und die aufrichtige Liebe und Bewunderung von Königen und
Königinnen an sich zu ziehen.«
Ernst und staunend hörte das Mädchen den Worten, die ich sprach, zu, die
ich indessen mehr nur zu meinem eigenen Vergnügen redete, als um von der
Kleinen gewürdigt und begriffen zu werden, wozu ihr die nötige Reife fehlte.
Von weitem sehe ich bereits einen Bahnübergang, den ich zu überschreiten
haben werde; aber einstweilen bin ich noch nicht so weit; denn ich habe, muß
man unbedingt wissen, vorher noch zwei bis drei wichtige Kommissionen zu
besorgen und einige notwendige unumgängliche Abmachungen zu treffen. Über
diese Kommissionen soll so umständlich und so genau wie möglich Bericht
abgelegt oder abgestattet werden. Man wird mir huldreich gestatten, zu
bemerken, daß ich im Vorbeigehen in einem eleganten Herren-Maßgeschäft oder
Schneideratelier wegen eines neuen Anzuges, den ich anprobieren oder umändern lassen muß, tunlich vorzusprechen habe. Zweitens habe ich im
Gemeindehaus oder Amthaus schwere Steuern zu entrichten, und drittens soll
ich ja einen bemerkenswerten Brief auf die Post tragen und in den Briefkasten
hinab werfen. Man sieht, wie viel ich zu erledigen habe und wie dieser scheinbar
so bummelige und behagliche Spaziergang voll praktischer geschäftlicher
Verrichtungen ist, und man wird daher wohl die Güte haben, Verzögerungen zu
verzeihen, Verspätungen zu billigen und langfädige Auseinandersetzungen mit
Berufs- und Kanzleimenschen gutzuheißen, ja vielleicht sogar als willkommene
Beigaben und Beiträge zur Unterhaltung zu begrüßen. Wegen aller hieraus
entstehenden Längen, Weiten und Breiten bitte ich zum voraus gebührend um
gefällige Entschuldigung. Ist je ein Provinz- und Hauptstadt-Autor gegenüber
seinem Leserzirkel schüchterner und höflicher gewesen? Ich glaube kaum, und
daher fahre ich mit äußerst ruhigem Gewissen im Erzählen und Plaudern fort
und melde folgendes:
Um der tausend Gottes willen, es ist ja höchste Zeit, zu Frau Aebi zu
springen, um zu dinieren oder mittag zu essen. Soeben schlägt es halb ein Uhr.
Glücklicherweise wohnt mir die Dame in allernächster Nähe. Ich brauche nur
glatt wie ein Aal ins Haus hinein zu schlüpfen wie in ein Schlupfloch und wie in
eine Unterkunft für arme Hungrige und bedauerliche Heruntergekommene.
Frau Aebi
empfing mich aufs liebenswürdigste. Meine Pünktlichkeit war ein
Meisterwerk. Man weiß, wie Meisterwerke selten sind. Frau Aebi lächelte, als
sie mich auftauchen sah, überaus artig. Sie bot mir auf eine herzliche und
gewinnende Art, die mich sozusagen bezauberte, ihre nette kleine Hand dar und
führte mich sogleich ins Eßzimmer, wo sie mich ersuchte, mich zu Tisch zu
setzen, was ich natürlich mit dem denkbar größten Vergnügen und völlig
unbefangen ausführte. Ohne die mindesten lächerlichen Umstände zu machen,
fing ich harmlos und zwanglos an zu essen und wacker zuzugreifen und ahnte
nicht von weitem, was mir zu erleben bevorstand. Ich fing also an, wacker
zuzugreifen und tapfer zu essen. Derlei Tapferkeit kostet ja bekanntlich wenig
Überwindung. Mit einigem Erstaunen merkte ich indessen, daß mir Frau Aebi
dabei fast andächtig zuschaute. Es war dies einigermaßen auffällig. Offenbar war
es für sie ergreifend, mir zuzuschauen, wie ich zugriff und aß. Mich überraschte
diese sonderbare Erscheinung, der ich jedoch keine große Bedeutung beilegte.
Als ich plaudern und Unterhaltung machen wollte, wehrte mir Frau Aebi ab,
indem sie sagte, daß sie auf jederlei Unterhaltung mit der größten Freude
verzichte. Das seltsame Wort machte mich stutzig, und es begann mir angst und bang zu werden. Ganz im geheimen fing ich an, vor Frau Aebi zu erschrecken.
Als ich aufhören wollte, abzuschneiden und einzustecken, weil ich deutlich
fühlte, daß ich satt sei, sagte sie mir mit fast zärtlicher Miene und Stimme, die
ein mütterlicher Vorwurf leise durchzitterte: »Sie essen ja gar nicht. Warten Sie,
ich will Ihnen hier noch ein recht saftiges, großes Stück abschneiden.« Ein
Grauen durchrieselte mich, und ich erkühnte mich, höflich und artig
einzuwenden, daß ich hauptsächlich hergekommen sei, um einigen Geist zu
entfalten, worauf Frau Aebi unter einem liebreizenden Lächeln sagte, daß sie das
keineswegs für nötig halte. »Ich vermag unmöglich, weiter zu essen«, sagte ich
dumpf und gepreßt. Ich war schon nahe am Ersticken und schwitzte bereits vor
Angst. Frau Aebi sagte: »Ich darf unmöglich zugeben, daß Sie schon aufhören
wollen, abzuschneiden und einzustecken, und nimmermehr glaube ich, daß Sie
wirklich satt sind. Sie sagen ganz bestimmt nicht die Wahrheit, wenn Sie sagen,
daß Sie bereits am Ersticken seien. Ich bin verpflichtet, zu glauben, daß das nur
Höflichkeiten sind. Auf jederlei geistreiches Geplauder verzichte ich, wie ich
Ihnen schon gesagt habe, mit Vergnügen. Sie sind sicherlich hauptsächlich zu
mir gekommen, um zu beweisen und zu bekunden, daß Sie Appetit haben und
ein starker Esser sind. Diese Anschauung darf ich unter keinen Umständen
preisgeben. Ich möchte Sie recht herzlich bitten, sich in das Unvermeidliche
gutwillig zu schicken; denn ich kann Ihnen versichern, daß es für Sie keine
andere Möglichkeit gibt, vom Tisch aufzustehen, als die, die darin besteht, daß
Sie alles, was ich Ihnen abgeschnitten habe und fernerhin noch abschneiden
werde, säuberlich aufessen und einstecken. Ich fürchte, daß Sie rettungslos
verloren sind; denn Sie müssen wissen, daß es Hausfrauen gibt, die ihre Gäste so
lange nötigen, zuzugreifen und einzupacken, bis dieselben zerbrechen. Ein
jämmerliches, klägliches Schicksal steht Ihnen bevor; aber Sie werden es mutig
ertragen. Wir alle müssen eines Tages irgend ein großes Opfer bringen.
Gehorchen Sie und essen Sie. Gehorsamkeit ist ja so süß. Was schadet es, wenn
Sie dabei zugrunde gehen. Hier dieses höchst delikate, zarte und große Stück
werden Sie mir ganz gewiß noch vertilgen, ich weiß es. Nur Mut, mein bester
Freund! Uns allen tut Kühnheit not. Was sind wir wert, wenn wir nur immer auf
dem eigenen Willen beharren wollen. Nehmen Sie alle Ihre Kraft zusammen und
zwingen Sie sich, Höchstes zu leisten, Schwerstes zu ertragen und Härtestes
auszuhalten. Sie glauben nicht, wie es mich freut, Sie essen zu sehen, bis Sie die
Besinnung verlieren. Sie stellen sich gar nicht vor, wie ich mich grämen würde,
wenn Sie das vermeiden wollten; aber nicht wahr, das tun Sie nicht; nicht wahr,
Sie beißen und greifen zu, auch wenn Sie schon bis in den Hals hinauf voll sind.«
»Entsetzliche Frau, was muten Sie mir zu?« schrie ich, indem ich vom Tisch
jählings aufsprang und Miene machte, auf und davon zu stürzen. Frau Aebi hielt
mich jedoch zurück, lachte laut und herzlich und gestand mir, daß sie sich einen
Scherz mit mir erlaubt habe, den ich so gut sein solle, ihr nicht übel zu nehmen.
»Ich habe Ihnen nur ein Beispiel geben wollen, wie es gewisse Hausfrauen
machen, die vor Liebenswürdigkeit gegenüber ihren Gästen fast überfließen.«
Auch ich mußte natürlich lachen, und ich darf gestehen, daß mir Frau Aebi
in ihrem Übermut sehr gut gefiel. Sie wollte mich für den ganzen Nachmittag in
ihrer Umgebung haben und war fast ein wenig ungehalten, als ich ihr sagte, daß
es leider für mich ein Ding der Unmöglichkeit sei, ihr länger Gesellschaft zu
leisten, weil ich gewisse wichtige Dinge zu erledigen hätte, die ich nicht
aufschieben dürfte. Es war äußerst schmeichelhaft für mich, Frau Aebi lebhaft
bedauern zu hören, daß ich so rasch wieder davongehen müsse und wolle. Sie
fragte mich, ob es wirklich so dringend nötig sei, auszureißen und zu
entwischen, worauf ich ihr die heilige Versicherung ablegte, daß nur äußerste
Dringlichkeiten im stande seien und die Kraft hätten, mich von so angenehmem
Ort und von so anziehender, verehrenswürdiger Persönlichkeit so schnell
wegzuziehen, mit welchen Worten ich mich von ihr verabschiedete.
Es galt jetzt einen hartnäckigen, widerspenstigen, von der Unfehlbarkeit
seines fraglos meisterlichen Könnens scheinbar in jeder Hinsicht überzeugten,
von seinem Wert und seiner Leistungsfähigkeit vollkommen durchdrungenen, in
diesen seinen Überzeugungen unerschütterlichen Schneider oder Marchand
Tailleur zu besiegen, zu bändigen, zu überrumpeln und zu erschüttern.
Schneidermeisterliche Festigkeit zu erlahmen muß als eine der schwierigsten
und mühseligsten Aufgaben betrachtet werden, die die Kühnheit unternehmen
und der waghalsige Entschluß vorwärts zu treiben entschlossen sein kann. Vor
Schneidern und ihren Anschauungen habe ich überhaupt eine ständige, kräftige
Furcht; ich schäme mich dieses traurigen Eingeständnisses in keiner Weise; denn
Furcht ist hier erklärlich und verständlich. Ich war denn jetzt auch auf
Schlimmes, wenn nicht sogar vielleicht auf das Schlimmste und Böseste gefaßt,
und rüstete mich für diesen höchst gefährlichen Angriffskrieg mit Eigenschaften,
wie Mut, Trotz, Zorn, Entrüstung, Verachtung oder gar Todesverachtung aus, mit
welchen ohne Zweifel sehr schätzenswerten Waffen ich der beißenden Ironie und
dem Spott hinter erheuchelter Treuherzigkeit erfolgreich und siegreich
entgegentreten zu können hoffte. Es kam anders; aber ich will bis auf weiteres
noch darüber schweigen, umso eher, als ich ja zuerst noch einen Brief zu befördern habe. Ich habe mich nämlich soeben entschlossen, zuerst auf die Post,
dann zum Schneider und erst nachher die Staatssteuer bezahlen zu gehen. Die
Post, ein appetitliches Gebäude, lag mir übrigens dicht vor der Nase; ich ging
fröhlich hinein und erbat mir vom zuständigen Postbeamten eine Marke, die ich
auf den Brief klebte. Indem ich denselben vorsichtig in den Kasten hinabgleiten
ließ, erwog und prüfte ich im nachdenkenden Geist, was ich geschrieben hatte.
Wie ich noch sehr gut wußte, lautete der Inhalt folgendermaßen:
Sehr zu achtender Herr!
Die eigenartige Anrede dürfte Ihnen die Gewißheit beibringen, daß der
Absender Ihnen ganz kalt gegenübersteht. Ich weiß, daß Achtung vor mir von
Ihnen und denen, die Ihnen ähnlich sind, nicht zu erwarten ist; denn Sie und die,
die Ihnen ähnlich sind, haben eine übergroße Meinung von sich selber, die sie
verhindert, zur Einsicht und zur Rücksicht zu kommen. Ich weiß mit
Bestimmtheit, daß Sie zu den Leuten gehören, die sich groß vorkommen, weil
sie rücksichtslos und unhöflich sind, die sich mächtig dünken, weil sie