Der Steppenwolf
Die Unsterblichen
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Hermine verschwand nach rechts, an einem riesengroßen Spiegel vorbei, der die Rückwand vom Boden bis zur Wölbung bedeckte.
„So, Harry, nun kommen Sie und seien Sie recht guter Laune. Sie in gute Laune zu bringen, Sie lachen zu lehren, ist der Zweck dieser ganzen Veranstaltung – ich hoffe, Sie machen es mir leicht. Sie fühlen sich doch wohl? Ja? Haben nicht etwa Angst? Also gut, sehr gut. Sie werden jetzt, ohne Angst und mit herzlichem Vergnügen, in unsre Scheinwelt eintreten, indem Sie sich durch einen kleinen Scheinselbstmord einführen, wie das so Sitte ist.“
Er zog wieder den kleinen Taschenspiegel hervor und hielt ihn mir vors Gesicht. Wieder blickte mir der wirre, wolkige, von der ringenden Wolfsgestalt durchflossene Harry entgegen, ein mir wohlbekanntes und wahrlich nicht sympathisches Bild, dessen Vernichtung mir keine Sorgen bereiten konnte.
„Dieses entbehrlich gewordene Spiegelbild werden Sie jetzt auslöschen, lieber Freund, mehr ist nicht vonnöten. Es genügt, daß Sie, wenn Ihre Laune es zuläßt, dieses Bild mit einem aufrichtigen Lachen betrachten. Sie sind hier in einer Schule des Humors, Sie sollen lachen lernen. Nun, aller höhere Humor fängt damit an, daß man die eigene Person nicht mehr ernst nimmt.“
Fest blickte ich in das Spiegelein, Spiegelein in der Hand, in dem der Harrywolf seine Zuckungen vollführte. Einen Augenblick zuckte es in mir, tief innen, leise, aber schmerzlich, wie Erinnerung, wie Heimweh, wie Reue. Dann wich die leichte Beklemmung einem neuen Gefühl, jenem ähnlich, das man empfindet, wenn aus dem mit Kokain betäubten Kiefer ein kranker Zahn gezogen worden ist, ein Gefühl von Erleichterung und tiefem Aufatmen und zugleich von Verwunderung, daß es so gar nicht weh getan hat. Und zu diesem Gefühl gesellte sich eine frische Aufgeräumtheit und Lachlust, der ich nicht widerstehen konnte, so daß ich in ein erlösendes Gelächter ausbrach.
Das trübe Spiegelbildchen zuckte auf und erlosch, die kleine runde Spiegelfläche war plötzlich wie verbrannt, war grau und rauh und undurchsichtig geworden. Lachend warf Pablo die Scherbe weg, rollend verlor sie sich am Boden des unendlichen Korridors.
„Gut gelacht, Harry,“ rief Pablo, „du wirst noch lachen lernen wie die Unsterblichen. Nun hast du endlich den Steppenwolf umgebracht. Mit Rasiermessern geht das nicht. Paß auf, daß er tot bleibt! Gleich wirst du die dumme Wirklichkeit verlassen können. Wir werden beim nächsten Anlaß Brüderschaft trinken, Lieber, nie hast du mir so gut gefallen wie heut. Und wenn du dann noch Wert darauf legst, dann können wir auch miteinander philosophieren und disputieren und über Musik und über Mozart und Gluck und Plato und Goethe sprechen, soviel du willst. Du wirst jetzt begreifen, warum es früher nicht ging. – Hoffentlich glückt es dir, und du wirst den Steppenwolf für heute los. Denn natürlich ist dein Selbstmord kein endgültiger; wir sind hier in einem magischen Theater, es gibt hier nur Bilder, keine Wirklichkeit. Suche dir schöne und heitere Bilder aus und zeige, daß du wirklich nicht mehr in deine fragwürdige Persönlichkeit verliebt bist! Solltest du sie aber dennoch zurückbegehren, so brauchst du nur wieder in den Spiegel zu schauen, den ich dir jetzt zeigen werde. Du kennst ja aber das alte weise Wort: Ein Spiegelein in der Hand ist besser als zwei an der Wand. Haha! (Wieder lachte er so schön und schrecklich.) – So, und jetzt ist bloß noch eine ganz kleine, lustige Zeremonie zu vollziehen. Du hast jetzt deine Persönlichkeitsbrille weggeworfen, nun komm einmal und schaue in einen richtigen Spiegel! Es wird dir Spaß machen.“
Unter Lachen und kleinen drolligen Liebkosungen drehte er mich um, daß ich dem riesengroßen Wandspiegel gegenüberstand. In dem sah ich mich.
Ich sah, einen winzigen Moment lang, den mir bekannten Harry, nur mit einem ungewöhnlich gutgelaunten, hellen, lachenden Gesicht. Aber kaum, daß ich ihn erkannt hatte, fiel er auseinander, löste sich eine zweite Figur von ihm ab, eine dritte, eine zehnte, eine zwanzigste, und der ganze Riesenspiegel war voll von lauter Harrys oder Harry-Stücken, zahllosen Harrys, deren jeden ich nur einen blitzhaften Moment erblickte und erkannte. Einige von diesen vielen Harrys waren so alt wie ich, einige älter, einige uralt, andere ganz jung, Jünglinge, Knaben, Schulknaben, Lausbuben, Kinder. Fünfzigjährige und zwanzigjährige Harrys liefen und sprangen durcheinander, dreißigjährige und fünfjährige, ernste und lustige, würdige und komische, gutgekleidete und zerlumpte und auch ganz nackte, haarlose und langlockige, und alle waren ich, und jeder wurde blitzschnell von mir gesehen und erkannt und war verschwunden, nach allen Seiten liefen sie auseinander, nach links, nach rechts, in die Spiegeltiefe hinein, aus dem Spiegel heraus. Einer, ein junger eleganter Kerl, sprang dem Pablo lachend an die Brust, umarmte ihn und lief mit ihm davon. Und einer, der mir ganz besonders gefiel, ein hübscher, reizender Junge von sechzehn oder siebzehn Jahren, lief wie der Blitz in den Korridor hinein, las gierig die Inschriften an all den Türen, ich lief hinterher, vor einer Türe blieb er stehen, ich las an ihr die Aufschrift:
Alle Mädchen sind dein!
Einwurf eine Mark
Der liebe Junge schnellte sich mit einem Sprung empor, Kopf voran, stürzte sich selbst in den Einwurf und war hinter der Tür verschwunden.
Auch Pablo war verschwunden, auch der Spiegel schien verschwunden und mit ihm alle die zahllosen Harryfiguren. Ich spürte, daß ich jetzt mir selber und dem Theater überlassen sei und trat neugierig von Tür zu Tür, und an jeder las ich eine Inschrift, eine Lockung, ein Versprechen.
Die Inschrift
Auf zum fröhlichen Jagen!
Hochjagd auf Automobile
lockte mich an, ich öffnete die schmale Türe und trat ein.
Da riß es mich in eine laute und aufgeregte Welt. Auf den Straßen jagten Automobile, zum Teil gepanzerte, und machten Jagd auf die Fußgänger, überfuhren sie zu Brei, drückten sie an den Mauern der Häuser zuschanden. Ich begriff sofort: es war der Kampf zwischen Menschen und Maschinen, lang vorbereitet, lang erwartet, lang gefürchtet, nun endlich zum Ausbruch gekommen. Überall lagen Tote und Zerfetzte herum, überall auch zerschmissene, verbogene, halbverbrannte Automobile, über dem wüsten Durcheinander kreisten Flugzeuge, und auch auf sie wurde von vielen Dächern und Fenstern aus mit Büchsen und mit Maschinengewehren geschossen. Wilde, prachtvoll aufreizende Plakate an allen Wänden forderten in Riesenbuchstaben, die wie Fackeln brannten, die Nation auf, endlich sich einzusetzen für die Menschen gegen die Maschinen, endlich die fetten, schöngekleideten, duftenden Reichen, die mit Hilfe der Maschinen das Fett aus den andern preßten, samt ihren großen, hustenden, böse knurrenden, teuflisch schnurrenden Automobilen totzuschlagen, endlich die Fabriken anzuzünden und die geschändete Erde ein wenig auszuräumen und zu entvölkern, damit wieder Gras wachsen, wieder aus der verstaubten Zementwelt etwas wie Wald, Wiese, Heide, Bach und Moor werden könne. Andre Plakate hingegen, wunderbar gemalt, prachtvoll stilisiert, in zarteren, weniger kindlichen Farben, außerordentlich klug und geistvoll abgefaßt, warnten im Gegenteil alle Besitzenden und alle Besonnenen beweglich vor dem drohenden Chaos der Anarchie, schilderten wahrhaft ergreifend den Segen der Ordnung, der Arbeit, des Besitzes, der Kultur, des Rechtes und priesen die Maschinen als höchste und letzte Erfindung der Menschen, mit deren Hilfe sie zu Göttern werden würden. Nachdenklich und bewundernd las ich die Plakate, die roten und die grünen, fabelhaft wirkte auf mich ihre flammende Beredsamkeit, ihre zwingende Logik, recht hatten sie, und tief überzeugt stand ich bald vor dem einen, bald vor dem andern, immerhin merklich gestört durch die ziemlich saftige Schießerei ringsum. Nun, die Hauptsache war klar: es war Krieg, ein heftiger, rassiger und höchst sympathischer Krieg, worin es sich nicht um Kaiser, Republik, Landesgrenzen, um Fahnen und Farben und dergleichen mehr dekorative und theatralische Sachen handelte, um Lumpereien im Grunde, sondern wo ein jeder, dem die Luft zu eng wurde und dem das Leben nicht recht mehr mundete, seinem Verdruß schlagenden Ausdruck verlieh und die allgemeine Zerstörung der blechernen zivilisierten Welt anzubahnen strebte. Ich sah, wie allen die Zerstörungs- und Mordlust so hell und aufrichtig aus den Augen lachte, und in mir selbst blühten diese roten wilden Blumen hoch und feist und lachten nicht minder. Freudig schloß ich mich dem Kampfe an.
Das Schönste von allem aber war, daß neben mir plötzlich mein Schulkamerad Gustav auftauchte, der seit Jahrzehnten mir Verschollene, einst der wildeste, kräftigste und lebensdurstigste von den Freunden meiner frühen Kindheit. Mir lachte das Herz, als ich seine hellblauen Augen mir wieder zuzwinkern sah. Er winkte mir, und ich folgte ihm sofort mit Freuden.
„Herrgott, Gustav,“ rief ich glücklich, „daß man dich einmal wiedersieht! Was ist denn aus dir geworden?“
Ärgerlich lachte er auf, ganz wie in der Knabenzeit.
„Rindvieh, muß denn gleich wieder gefragt und geschwatzt werden? Professor der Theologie bin ich geworden, so, nun weißt du es, aber jetzt findet zum Glück keine Theologie mehr statt, Junge, sondern Krieg. Na komm!“
Von einem kleinen Kraftwagen, der uns eben schnaubend entgegenkam, schoß er den Führer herunter, sprang flink wie ein Affe auf den Wagen, brachte ihn zum Stehen und ließ mich aufsteigen, dann fuhren wir schnell wie der Teufel zwischen Flintenkugeln und gestürzten Wagen hindurch, davon, zur Stadt und Vorstadt hinaus.
„Stehst du auf seiten der Fabrikanten?“ fragte ich meinen Freund.
„Ach was, das ist Geschmacksache, wir werden uns das dann draußen überlegen. Aber nein, warte mal, ich bin mehr dafür, daß wir die andere Partei wählen, wenn es auch im Grunde natürlich ganz egal ist. Ich bin Theolog, und mein Vorfahr Luther hat seinerzeit den Fürsten und Reichen gegen die Bauern geholfen, das wollen wir jetzt ein bißchen korrigieren. Schlechter Wagen, hoffentlich hält er’s noch ein paar Kilometer aus!“
Schnell wie der Wind, das himmlische Kind, knatterten wir davon, in eine grüne ruhige Landschaft hinein, viele Meilen weit, durch eine große Ebene und dann langsam steigend in ein gewaltiges Gebirg hinein. Hier machten wir halt auf einer glatten, gleißenden Straße, die führte zwischen steiler Felswand und niedriger Schutzmauer in kühnen Kurven hoch, hoch über einem blauen leuchtenden See dahin.
„Schöne Gegend“, sagte ich.
„Sehr hübsch. Wir können sie Achsenstraße heißen, es sollen hier diverse Achsen zum Krachen kommen, Harrychen, paß mal auf!“
Eine große Pinie stand am Weg, und oben in der Pinie sahen wir aus Brettern etwas wie eine Hütte gebaut, einen Auslug und Hochstand. Hell lachte Gustav mich an, aus den blauen Augen listig zwinkernd, und eilig stiegen wir beide aus unsrem Wagen und kletterten am Stamm empor, verbargen uns tief atmend im Auslug, der uns sehr gefiel. Wir fanden dort Flinten, Pistolen, Kisten mit Patronen. Und kaum hatten wir uns ein wenig gekühlt und im Jagdstand eingerichtet, da klang schon von der nächsten Kurve her heiser und herrschgierig die Hupe eines großen Luxuswagens, der fuhr schnurrend mit hoher Geschwindigkeit auf der blanken Bergstraße daher. Wir hatten schon die Flinten in der Hand. Es war wunderbar spannend.
„Auf den Chauffeur zielen!“ befahl Gustav schnell, eben rannte der schwere Wagen unter uns vorbei. Und schon zielte ich und drückte los, dem Lenker in die blaue Mütze. Der Mann sank zusammen, der Wagen sauste weiter, stieß gegen die Wand, prallte zurück, stieß schwer und wütend wie eine große dicke Hummel gegen die niedere Mauer, überschlug sich und krachte mit einem kurzen leisen Knall über die Mauer in die Tiefe hinunter.
„Erledigt!“ lachte Gustav. „Den nächsten nehme ich.“
Schon kam wieder ein Wagen gerannt, klein saßen die drei oder vier Insassen in den Polstern, vom Kopf einer Frau wehte ein Stück Schleier starr und wagrecht hinterher, ein hellblauer Schleier, es tat mir eigentlich leid um ihn, wer weiß, ob nicht das schönste Frauengesicht unter ihm lachte. Herrgott, wenn wir schon Räuber spielten, so wäre es vielleicht richtiger und hübscher gewesen, dem Beispiel großer Vorbilder folgend unsre brave Mordlust nicht auf hübsche Damen mit auszudehnen. Gustav hatte aber schon geschossen. Der Chauffeur zuckte, sank in sich zusammen, der Wagen sprang am senkrechten Fels in die Höhe, fiel zurück und klatschte, die Räder nach oben, auf die Straße zurück. Wir warteten, nichts regte sich, lautlos lagen, wie in einer Falle gefangen, die Menschen unter ihrem Wagen. Der schnurrte und rasselte noch und drehte die Räder drollig in der Luft, aber plötzlich tat er einen schrecklichen Knall und stand in hellen Flammen.
„Ein Fordwagen“, sagte Gustav. „Wir müssen hinunter und die Straße wieder frei machen.“
Wir stiegen hinab und sahen uns den brennenden Haufen an. Er war sehr rasch ausgebrannt, wir hatten inzwischen aus jungem Holz Hebebäume gemacht und lüpften ihn beiseite und über den Straßenrand in den Abgrund, daß es lang in den Gebüschen knackste. Zwei von den Toten waren beim Drehen des Wagens herausgefallen und lagen da, die Kleider zum Teil verbrannt. Einer hatte den Rock noch ziemlich wohlerhalten, ich untersuchte seine Taschen, ob wir fänden, wer er gewesen sei. Eine Ledermappe kam zum Vorschein, darin waren Visitkarten. Ich nahm eine und las darauf die Worte: „Tat twam asi.“
„Sehr witzig“, sagte Gustav. „Es ist aber in der Tat gleichgültig, wie die Leute heißen, die wir da umbringen. Sie sind arme Teufel wie wir, auf die Namen kommt es nicht an. Diese Welt muß kaputt gehen und wir mit. Sie zehn Minuten unter Wasser zu setzen, wäre die schmerzloseste Lösung. Na, an die Arbeit!“
Wir warfen die Toten dem Wagen nach. Schon tutete ein neues Auto heran. Das schossen wir gleich von der Straße aus zusammen. Es kreiselte toll betrunken eine Strecke weiter, stürzte dann und blieb keuchend liegen, ein Insasse blieb still im Innern sitzen, ein hübsches junges Mädchen aber stieg unverletzt, wenn auch bleich und heftig zitternd, heraus. Freundlich begrüßten wir sie und boten unsre Dienste an. Sie war allzu sehr erschrocken, konnte nicht sprechen und starrte uns eine Weile wie irrsinnig an.
„Na, sehen wir erst mal nach dem alten Herrn“, sagte Gustav und wandte sich dem Passagier zu, der noch immer hinter dem toten Chauffeur im Sitze hing. Es war ein Herr mit kurzen grauen Haaren, er hatte die klugen hellgrauen Augen offen, schien aber tüchtig verletzt zu sein, wenigstens floß ihm Blut aus dem Munde, und den Hals hielt er unheimlich schief und steif.
„Erlauben Sie, alter Herr, mein Name ist Gustav. Wir haben uns gestattet, Ihren Chauffeur zu erschießen. Dürfen wir fragen, mit wem wir die Ehre haben?“
Der Alte blickte kühl und traurig aus den kleinen Grauaugen.
„Ich bin der Oberstaatsanwalt Loering“, sagte er langsam. „Sie haben nicht bloß meinen armen Chauffeur umgebracht, sondern auch mich, ich spüre, es geht zu Ende. Warum haben Sie denn auf uns geschossen?“
„Wegen zu schnellen Fahrens.“
„Wir sind mit normaler Geschwindigkeit gefahren.“
„Was gestern normal war, ist es heute nicht mehr, Herr Oberstaatsanwalt. Wir sind heute der Meinung, es sei jegliche Geschwindigkeit, mit welcher ein Auto fahren möge, zu groß. Wir machen die Autos jetzt kaputt, alle, und die andern Maschinen auch.“
„Auch Ihre Flinten?“
„Auch sie sollen an die Reihe kommen, falls wir noch Zeit dazu finden. Vermutlich werden wir morgen oder übermorgen alle erledigt sein. Sie wissen ja, unser Erdteil war scheußlich übervölkert. Na, jetzt soll es Luft geben.“
„Schießen Sie denn auf jedermann, ohne Wahl?“
„Gewiß. Für manche mag es ja ohne Zweifel schade sein. Zum Beispiel um die junge hübsche Dame hätte es mir leid getan – sie ist wohl Ihre Tochter?“
„Nein, es ist meine Stenographin.“
„Desto besser. Und nun steigen Sie bitte aus, oder lassen Sie sich von uns aus dem Wagen ziehen, denn der Wagen wird vernichtet.“
„Ich ziehe es vor, mit vernichtet zu werden.“
„Wie Sie wünschen. Erlauben Sie noch eine Frage! Sie sind Staatsanwalt. Es war mir immer unbegreiflich, wie ein Mensch Staatsanwalt sein kann. Sie leben davon, daß Sie andere Leute, zumeist arme Teufel, anklagen und zu Strafen verurteilen. Nicht?“
„Es ist so. Ich tat meine Pflicht. Es war mein Amt. Ebenso wie es das Amt des Henkers ist, die von mir Verurteilten zu töten. Sie selbst haben ja das gleiche Amt übernommen, Sie töten ja auch.“
„Richtig. Nur töten wir nicht aus Pflicht, sondern zum Vergnügen, oder vielmehr: aus Mißvergnügen, aus Verzweiflung an der Welt. Darum macht das Töten uns einen gewissen Spaß. Hat Ihnen das Töten nie Spaß gemacht?“
„Sie langweilen mich. Haben Sie die Güte, Ihre Arbeit zu Ende zu führen. Wenn der Begriff der Pflicht Ihnen unbekannt ist ...“
Er schwieg und verzog die Lippen, als wolle er ausspucken. Es kam aber nur ein wenig Blut, das an seinem Kinn kleben blieb.
„Warten Sie!“ sagte Gustav höflich. „Den Begriff der Pflicht allerdings kenne ich nicht, nicht mehr. Früher hatte ich amtlich viel mit ihm zu tun, ich war Professor der Theologie. Außerdem war ich Soldat und habe den Krieg mitgemacht. Das, was mir Pflicht schien und was mir von Autoritäten und Vorgesetzten jeweils befohlen worden ist, war alles gar nicht gut, ich hätte stets lieber das Gegenteil getan. Aber wenn ich auch den Begriff der Pflicht nicht mehr kenne, so kenne ich doch den der Schuld – vielleicht sind sie beide dasselbe. Indem eine Mutter mich geboren hat, bin ich schuldig, bin ich verurteilt zu leben, bin verpflichtet, einem Staat anzugehören, Soldat zu sein, zu töten, Steuern für Rüstungen zu bezahlen. Und jetzt, in diesem Augenblick, hat die Lebensschuld mich wieder, wie einst im Kriege, dazu geführt, töten zu müssen. Und diesmal töte ich nicht mit Widerwillen, ich habe mich in die Schuld ergeben, ich habe nichts dagegen, daß diese dumme, verstopfte Welt in Scherben geht, ich helfe gerne mit und gehe selber gerne mit zugrunde.“
Der Staatsanwalt strengte sich sehr an, um mit seinen blutverklebten Lippen ein wenig zu lächeln. Es gelang ihm nicht glänzend, doch war die gute Absicht erkennbar.
„Es ist gut“, sagte er. „Wir sind also Kollegen. Tun Sie nun bitte Ihre Pflicht, Herr Kollege.“
Das hübsche Mädchen hatte sich inzwischen am Straßenrande niedergelassen und war ohnmächtig.
In diesem Augenblick tutete wieder ein Wagen und kam in voller Fahrt dahergerannt. Wir zogen das Mädchen ein wenig beiseite, drückten uns an die Felsen und ließen den ankommenden Wagen in die Trümmer des andern hineinfahren. Er bremste heftig und bäumte sich in die Höhe, blieb aber unbeschädigt stehen. Schnell nahmen wir unsre Büchsen zur Hand und legten auf die Neuen an.
„Aussteigen!“ kommandierte Gustav. „Hände hoch!“
Es waren drei Männer, die aus dem Wagen stiegen und gehorsam die Hände hochhielten.
„Ist einer von Ihnen Arzt?“ fragte Gustav.
Sie verneinten.
„Dann haben Sie die Güte, den Herrn hier vorsichtig aus seinem Sitz zu befreien, er ist schwer verletzt. Und dann nehmen Sie ihn in Ihrem Wagen bis zur nächsten Stadt mit. Vorwärts, angefaßt!“
Bald war der alte Herr im andern Wagen gebettet, Gustav kommandierte, und alle fuhren los.
Inzwischen war unsre Stenographin wieder zu sich gekommen und hatte den Vorgängen zugesehen. Es gefiel mir, daß wir diese hübsche Beute gemacht hatten.
„Fräulein,“ sagte Gustav, „Sie haben Ihren Arbeitgeber verloren. Hoffentlich stand der alte Herr Ihnen sonst nicht nahe. Sie sind von mir engagiert, seien Sie uns ein guter Kamerad! So, und nun pressiert es ein wenig. In Bälde wird es hier ungemütlich werden. Können Sie klettern, Fräulein? Ja? Also los, wir nehmen Sie zwischen uns und helfen Ihnen.“
Nun kletterten wir alle drei, so rasch es gehen wollte, in unsre Baumhütte hinauf. Dem Fräulein wurde oben schlecht, aber sie bekam einen Kognak, und bald war sie so weit erholt, daß sie die prachtvolle Aussicht auf See und Gebirge anerkennen und uns mitteilen konnte, daß sie Dora heiße.
Gleich darauf war unten schon wieder ein Wagen angekommen, der in vorsichtiger Fahrt an dem gestürzten Auto vorübersteuerte, ohne zu halten, und dann sein Tempo sofort beschleunigte.
„Drückeberger!“ lachte Gustav und schoß den Lenker ab. Der Wagen tanzte ein wenig, machte einen Satz gegen die Mauer, drückte sie ein und blieb schräg überm Abgrund hängen.
„Dora,“ sagte ich, „können Sie mit Flinten umgehen?“
Sie konnte es nicht, aber sie lernte von uns, wie man ein Gewehr lädt. Zuerst war sie ungeschickt und riß sich einen Finger blutig, heulte und verlangte englisches Pflaster. Aber Gustav erklärte ihr, es sei Krieg und sie möge zeigen, daß sie ein braves, tapferes Mädel sei. Da ging es.
„Aber was soll aus uns werden?“ fragte sie dann.
„Ich weiß nicht“, sagte Gustav. „Mein Freund Harry hat hübsche Frauen gern, er wird Ihr Freund sein.“
„Aber sie werden mit Polizei und Soldaten kommen und uns totmachen.“
„Polizei und dergleichen gibt es nicht mehr. Wir haben die Wahl, Dora. Entweder bleiben wir ruhig hier oben und schießen alle Wagen zusammen, die vorbeiwollen. Oder wir nehmen selber einen Wagen, fahren davon und lassen andre auf uns schießen. Es ist einerlei, welche Partei wir ergreifen. Ich bin fürs Hierbleiben.“
Unten war wieder ein Wagen, hell tönte seine Hupe herauf. Er war bald erledigt und blieb, die Räder zu oberst, liegen.
„Komisch,“ sagte ich, „daß das Schießen so viel Spaß machen kann! Dabei war ich früher Kriegsgegner!“
Gustav lächelte. „Ja, es sind eben gar zu viele Menschen auf der Welt. Früher merkte man es nicht so. Aber jetzt, wo jeder nicht bloß Luft atmen, sondern auch ein Auto haben will, jetzt merkt man es eben. Natürlich ist das, was wir da tun, nicht vernünftig, es ist eine Kinderei, wie auch der Krieg eine riesige Kinderei war. Später einmal wird die Menschheit lernen müssen, ihre Vermehrung durch vernünftige Mittel im Zaum zu halten. Vorderhand reagieren wir auf die unerträglichen Zustände ziemlich unvernünftig, tun aber im Grunde doch das Richtige: wir reduzieren.“
„Ja,“ sagte ich, „was wir tun, ist wahrscheinlich verrückt, und wahrscheinlich ist es dennoch gut und notwendig. Es ist nicht gut, wenn die Menschheit den Verstand überanstrengt und Dinge mit Hilfe der Vernunft zu ordnen sucht, die der Vernunft noch gar nicht zugänglich sind. Dann entstehen solche Ideale wie das des Amerikaners oder das der Bolschewiken, die beide außerordentlich vernünftig sind und die doch das Leben, weil sie es gar so naiv vereinfachen, furchtbar vergewaltigen und berauben. Das Bild des Menschen, einst ein hohes Ideal, ist im Begriff, zu einem Klischee zu werden. Wir Verrückten werden es vielleicht wieder adeln.“
Lachend gab Gustav Antwort: „Junge, du redest wunderbar klug, es ist eine Freude und bringt Gewinn, diesem Weisheitsborn zu lauschen. Und vielleicht hast du sogar ein bißchen recht. Aber sei so gut und lade jetzt deine Flinte wieder, du bist mir ein wenig zu träumerisch. Jeden Augenblick können wieder ein paar Rehböckchen gelaufen kommen, die können wir nicht mit Philosophie totschießen, es müssen immerhin Kugeln im Rohr sein.“
Ein Auto kam und fiel sogleich, die Straße war gesperrt. Ein Überlebender, ein feister rotköpfiger Mann, gestikulierte wild neben den Trümmern, glotzte hinab und hinauf, entdeckte unser Versteck, kam brüllend gelaufen und schoß aus einem Revolver viele Male gegen uns herauf.
„Gehen Sie jetzt oder ich schieße“, schrie Gustav hinunter. Der Mann zielte auf ihn und schoß nochmals. Da schossen wir ihn ab, mit zwei Schüssen.
Noch zwei Wagen kamen, die wir zur Strecke brachten. Dann blieb die Straße still und leer, die Nachricht von ihrer Gefährlichkeit schien sich verbreitet zu haben. Wir hatten Zeit, die schöne Aussicht zu betrachten. Jenseits des Sees lag eine kleine Stadt in der Tiefe, dort stieg Rauch auf, und bald sahen wir, wie das Feuer von Dach zu Dach lief. Man hörte auch schießen. Dora weinte ein wenig, ich streichelte ihr die nassen Wangen.
„Müssen wir denn alle sterben?“ fragte sie. Niemand gab Antwort. Inzwischen kam unten ein Fußgänger daher, sah die kaputten Automobile liegen, schnüffelte an ihnen herum, beugte sich in eines hinein, zog einen bunten Sonnenschirm, eine lederne Damentasche, eine Weinflasche heraus, setzte sich friedevoll auf die Mauer, trank aus der Flasche, aß etwas in Stanniol Gewickeltes aus der Tasche, trank die Flasche vollends leer, ging vergnügt weiter, den Sonnenschirm unter den Arm geklemmt. Friedlich zog er dahin, und ich sagte zu Gustav: „Wäre es dir nun möglich, auf diesen netten Kerl zu schießen und ihm ein Loch in den Kopf zu machen? Weiß Gott, ich könnte es nicht.“
„Wird auch nicht verlangt“, brummte mein Freund. Aber es war auch ihm unbehaglich ums Herz geworden. Kaum hatten wir einen Menschen zu Gesicht bekommen, der noch harmlos, friedlich und kindlich sich benahm, der noch im Stand der Unschuld lebte, da schien uns unser ganzes so löbliches und notwendiges Tun auf einmal dumm und widerlich. Pfui Teufel, all das Blut! Wir schämten uns. Aber es sollen im Kriege sogar Generäle zuweilen so empfunden haben.
„Wir wollen nicht länger hier bleiben,“ klagte Dora, „wir wollen hinuntergehen, gewiß finden wir in den Wagen etwas zum Essen. Habt ihr denn keinen Hunger, ihr Bolschewiken?“
Drunten in der brennenden Stadt fingen die Glocken an zu läuten, aufgeregt und angstvoll. Wir machten uns an den Abstieg. Als ich Dora über die Brüstung klettern half, küßte ich ihre Knie. Sie lachte hell. Aber da gab das Gestänge nach, und wir stürzten beide ins Leere ...
Wieder befand ich mich im runden Korridor, angeregt von dem Jagdabenteuer. Und überall, an allen unzähligen Türen, lockten die Inschriften:
Mutabor
Verwandlung in beliebige Tiere und Pflanzen
Kamasutram
Unterricht in der indischen Liebeskunst
Kurs für Anfänger: 42 verschiedene Methoden
der Liebesübung
Genußreicher Selbstmord!
Du lachst dich kaputt
Wollen Sie sich vergeistigen?
Weisheit des Ostens
O daß ich tausend Zungen hätte!
Nur für Herren
Untergang des Abendlandes
Ermäßigte Preise. Noch immer unübertroffen
Inbegriff der Kunst
Die Verwandlung von Zeit in Raum
durch die Musik
Die lachende Träne
Kabinett für Humor
Einsiedlerspiele
Vollwertiger Ersatz für jede Geselligkeit
Endlos lief die Reihe der Inschriften. Eine hieß:
Anleitung zum Aufbau der Persönlichkeit
Erfolg garantiert
Das schien mir beachtenswert, und ich trat in diese Tür.
Es empfing mich ein dämmriger, stiller Raum, darin saß, ohne Stuhl nach morgenländischer Art, ein Mann auf dem Boden, der hatte vor sich etwas wie ein großes Schachbrett stehen. Im ersten Augenblick schien es mir Freund Pablo zu sein, wenigstens trug der Mann eine ähnliche buntseidene Jacke und hatte dieselben dunkel strahlenden Augen.
„Sind Sie Pablo?“ fragte ich.
„Ich bin niemand“, erklärte er freundlich. „Wir tragen hier keine Namen, wir sind hier keine Personen. Ich bin ein Schachspieler. Wünschen Sie Unterricht über den Aufbau der Persönlichkeit?“
„Ja, bitte.“
„Dann stellen Sie mir freundlichst ein paar Dutzend Ihrer Figuren zur Verfügung.“
„Meiner Figuren ...?“
„Der Figuren, in welche Sie Ihre sogenannte Persönlichkeit haben zerfallen sehen. Ohne Figuren kann ich ja nicht spielen.“
Er hielt mir einen Spiegel vor, wieder sah ich darin die Einheit meiner Person in viele Ichs zerfallen, ihre Zahl schien noch gewachsen zu sein. Die Figuren waren aber jetzt sehr klein, so groß etwa wie handliche Schachfiguren, und der Spieler nahm mit stillen, sichern Fingergriffen einige Dutzend davon und stellte sie neben dem Schachbrett an den Boden. Eintönig sprach er dazu, wie ein Mann, der eine oft gehaltene Rede oder Lektion wiederholt:
„Die fehlerhafte und Unglück bringende Auffassung, als sei ein Mensch eine dauernde Einheit, ist Ihnen bekannt. Es ist Ihnen auch bekannt, daß der Mensch aus einer Menge von Seelen, aus sehr vielen Ichs besteht. Die scheinbare Einheit der Person in diese vielen Figuren auseinanderzuspalten gilt für verrückt, die Wissenschaft hat dafür den Namen Schizophrenie erfunden. Die Wissenschaft hat damit insofern recht, als natürlich keine Vielheit ohne Führung, ohne eine gewisse Ordnung und Gruppierung zu bändigen ist. Unrecht dagegen hat sie darin, daß sie glaubt, es sei nur eine einmalige, bindende, lebenslängliche Ordnung der vielen Unter-Ichs möglich. Dieser Irrtum der Wissenschaft hat manche unangenehme Folgen, sein Wert liegt lediglich darin, daß die staatlich angestellten Lehrer und Erzieher sich ihre Arbeit vereinfacht und das Denken und Experimentieren erspart sehen. Infolge jenes Irrtums gelten viele Menschen für ‚normal‘, ja für sozial hochwertig, welche unheilbar verrückt sind, und umgekehrt werden manche für verrückt angesehen, welche Genies sind. Wir ergänzen daher die lückenhafte Seelenlehre der Wissenschaft durch den Begriff, den wir Aufbaukunst nennen. Wir zeigen demjenigen, der das Auseinanderfallen seines Ichs erlebt hat, daß er die Stücke jederzeit in beliebiger Ordnung neu zusammenstellen und daß er damit eine unendliche Mannigfaltigkeit des Lebensspieles erzielen kann. Wie der Dichter aus einer Handvoll Figuren ein Drama schafft, so bauen wir aus den Figuren unsres zerlegten Ichs immerzu neue Gruppen, mit neuen Spielen und Spannungen, mit ewig neuen Situationen. Sehen Sie!“
Mit den stillen, klugen Fingern griff er meine Figuren, alle die Greise, Jünglinge, Kinder, Frauen, alle die heitern und traurigen, starken und zarten, flinken und unbeholfenen Figuren, ordnete sie rasch auf seinem Brett zu einem Spiel, in welchem sie alsbald zu Gruppen, Familien, zu Spielen und Kämpfen, zu Freundschaften und Gegnerschaften sich aufbauten, eine Welt im kleinen bildend. Vor meinen entzückten Augen ließ er die belebte und doch wohlgeordnete kleine Welt eine Weile sich bewegen, spielen und kämpfen, Bündnisse schließen und Schlachten schlagen, untereinander werben, heiraten, sich vermehren; es war in der Tat ein vielfiguriges, bewegtes und spannendes Drama.
Dann strich er mit heiterer Gebärde über das Brett, warf alle die Figuren sachte um, schob sie auf einen Haufen und baute nachdenklich, ein wählerischer Künstler, aus denselben Figuren ein ganz neues Spiel auf, mit ganz anderen Gruppierungen, Beziehungen und Verflechtungen. Das zweite Spiel war dem ersten verwandt: es war dieselbe Welt, dasselbe Material, aus dem er es aufbaute, aber die Tonart war verändert, das Tempo gewechselt, die Motive anders betont, die Situationen anders gestellt.
Und so baute der kluge Aufbauer aus den Gestalten, deren jede ein Stück meiner selbst war, ein Spiel ums andre auf, alle einander von ferne ähnlich, alle erkennbar als derselben Welt angehörig, derselben Herkunft verpflichtet, dennoch jedes völlig neu.
„Dies ist Lebenskunst“, sprach er dozierend. „Sie selbst mögen künftig das Spiel Ihres Lebens beliebig weiter gestalten und beleben, verwickeln und bereichern, es liegt in Ihrer Hand. So wie die Verrücktheit, in einem höhern Sinn, der Anfang aller Weisheit ist, so ist Schizophrenie der Anfang aller Kunst, aller Phantasie. Sogar Gelehrte haben dies schon halb erkannt, wie man zum Beispiel in des Prinzen Wunderhorn nachlesen mag, jenem entzückenden Buch, in welchem die mühevolle und fleißige Arbeit eines Gelehrten durch die geniale Mitarbeit einer Anzahl von verrückten und in Anstalten eingesperrten Künstlern geadelt wird. – Hier, stecken Sie Ihre Figürchen nur zu sich, das Spiel wird Ihnen noch oft Freude machen. Sie werden die Figur, die heute sich zum unerträglichen Popanz ausgewachsen hat und Ihnen das Spiel verdirbt, morgen zur harmlosen Nebenfigur degradieren. Sie werden das arme liebe Figürchen, das eine Weile zu lauter Pech und Unstern verurteilt schien, im nächsten Spiel zur Prinzessin machen. Ich wünsche viel Vergnügen, mein Herr.“
Ich verbeugte mich tief und dankbar vor diesem begabten Schachspieler, steckte die Figürchen in meine Tasche und zog mich durch die schmale Türe zurück.
Eigentlich hatte ich mir gedacht, ich würde nun alsbald im Korridor mich an den Boden setzen und stundenlang, eine Ewigkeit lang, mit den Figuren spielen, aber kaum stand ich wieder in dem hellen runden Theatergang, so zogen neue Strömungen, stärker als ich, mich davon. Ein Plakat flammte grell vor meinen Augen auf:
Wunder der Steppenwolfdressur
Vielerlei Gefühle regte diese Inschrift in mir auf; allerlei Ängste und Zwänge aus meinem gewesenen Leben, aus der verlassenen Wirklichkeit her, zogen mir peinlich das Herz zusammen. Mit bebender Hand öffnete ich die Türe und kam in eine Jahrmarktbude, darin sah ich ein Eisengitter errichtet, das mich von der dürftigen Schaubühne trennte. Auf der Bühne aber sah ich einen Tierbändiger stehen, einen etwas marktschreierisch aussehenden und wichtigtuenden Herrn, der trotz großem Schnauzbart, trotz muskelstrotzendem Oberarm und geckenhafter Zirkuskleidung mir selbst auf eine hämische, recht widerwärtige Weise ähnlich sah. Dieser starke Mann führte – jämmerlicher Anblick! – einen großen, schönen, aber furchtbar abgemagerten und sklavisch-scheu blickenden Wolf an der Leine wie einen Hund. Und es war nun ebenso ekelhaft wie spannend, ebenso scheußlich wie dennoch heimlich-lustvoll, diesen brutalen Bändiger das edle und doch so schmählich gehorsame Raubtier in einer Reihe von Tricks und sensationellen Szenen vorführen zu sehen.
Der Mann, mein verfluchter Zerrspiegelzwilling, hatte seinen Wolf allerdings fabelhaft gezähmt. Der Wolf gehorchte aufmerksam jedem Befehl, reagierte hündisch auf jeden Zuruf und Peitschenknall, er fiel in die Knie, stellte sich tot, machte das Männchen, er trug einen Brotlaib, ein Ei, ein Stück Fleisch, ein Körbchen folgsam und artig in der Schnauze, ja, er mußte dem Bändiger die Peitsche, die dieser hatte fallen lassen, aufheben und im Maule nachtragen, wozu er unerträglich kriecherisch mit dem Schwanze wedelte. Es wurde dem Wolf ein Kaninchen vorgeführt und dann ein weißes Lamm, und er bleckte zwar die Zähne und ließ den Speichel tropfen vor zitternder Begierde, berührte aber keines der Tiere, sondern sprang auf Befehl über sie, die bebend am Boden kauerten, in elegantem Schwung hinweg, ja, er legte sich zwischen Hase und Lamm nieder, umarmte beide mit den Vorderpfoten und bildete mit ihnen eine rührende Familiengruppe. Dazu fraß er aus des Menschen Hand eine Tafel Schokolade. Es war eine Qual mitanzusehen, bis zu welch phantastischem Grade dieser Wolf seine Natur hatte verleugnen lernen, und mir standen dabei die Haare zu Berg.
Für diese Qual wurde jedoch der erregte Zuschauer im zweiten Teil der Vorführung, ebenso wie der Wolf selbst, entschädigt. Nach Abwickelung jenes raffinierten Dressurprogramms nämlich und nachdem der Bändiger über der Lamm- und Wolfgruppe sich triumphierend mit süßem Lächeln verbeugt hatte, wurden die Rollen vertauscht. Der harryähnliche Tierbändiger legte plötzlich seine Peitsche mit tiefem Bückling dem Wolfe zu Füßen und begann ebenso zu zittern, einzuschrumpfen und elend auszusehen wie vorher das Tier. Der Wolf aber leckte sich lachend das Maul, Krampf und Verlogenheit fielen von ihm ab, sein Blick leuchtete, sein ganzer Leib wurde straff und blühte in wiedererlangter Wildheit auf.
Und nun befahl der Wolf, und der Mensch mußte gehorchen. Auf Befehl sank der Mensch in die Knie nieder, spielte den Wolf, ließ die Zunge heraushängen, riß sich mit den plombierten Zähnen die Kleider vom Leibe. Er ging, je nachdem der Menschenbändiger befahl, auf zweien oder auf vieren, machte das Männchen, stellte sich tot, ließ den Wolf auf sich reiten, trug ihm die Peitsche nach. Hündisch und begabt ging er auf jede Demütigung und Perversion phantasievoll ein. Ein schönes Mädchen kam auf die Bühne, näherte sich dem dressierten Mann, streichelte ihm das Kinn, rieb ihre Wange an seiner, aber er blieb auf allen vieren, blieb Vieh, schüttelte den Kopf und fing an, der Schönen die Zähne zu zeigen, zuletzt so drohend und wölfisch, daß sie entfloh. Schokolade wurde ihm vorgesetzt, die er verächtlich beschnoberte und wegstieß. Und zuletzt wurde das weiße Lamm und das fette gescheckte Kaninchen wieder hereingebracht, und der gelehrige Mensch gab sein Letztes her und spielte den Wolf, daß es eine Lust war. Mit Fingern und Zähnen packte er die schreienden Tierchen, riß ihnen Fetzen von Fell und Fleisch heraus, kaute grinsend ihr lebendiges Fleisch und soff hingegeben, trunken mit wollust-geschlossenen Augen, ihr warmes Blut.
Entsetzt floh ich durch die Tür hinaus. Dieses magische Theater, sah ich, war kein reines Paradies, alle Höllen lagen unter seiner hübschen Oberfläche. O Gott, gab es denn auch hier keine Erlösung?
Angstvoll lief ich auf und ab, spürte den Geschmack von Blut und den Geschmack von Schokolade im Munde, einen ebenso häßlich wie den andern, wünschte sehnsüchtig dieser trüben Welle zu entrinnen, rang inbrünstig in mir selbst um erträglichere, freundlichere Bilder. „O Freunde, nicht diese Töne!“ sang es in mir, und mit Entsetzen erinnerte ich mich an jene scheußlichen Photographien von der Front, die man während des Krieges zuweilen zu Gesicht bekommen hatte, an jene Haufen ineinander verknäuelter Leichname, deren Gesichter durch Gasmasken in grinsende Teufelsfratzen verwandelt waren. Wie war ich damals noch dumm und kindlich gewesen, als ich mich, ein menschenfreundlich gesinnter Kriegsgegner, über diese Bilder entsetzt hatte! Heut wußte ich, daß kein Tierbändiger, kein Minister, kein General, kein Irrsinniger Gedanken und Bilder in seinem Gehirn auszubrüten fähig war, die nicht ebenso scheußlich, ebenso wild und böse, ebenso roh und dumm in mir selber wohnten.
Aufatmend erinnerte ich mich jener Inschrift, der ich vorher, beim Beginn des Theaters, jenen hübschen Jüngling so stürmisch hatte folgen sehen, der Inschrift:
Alle Mädchen sind dein
und es schien mir, alles in allem, doch eigentlich nichts anderes so begehrenswert wie dieses. Froh darüber, der verfluchten Wolfswelt wieder entrinnen zu können, ging ich hinein.
Wunderlich – so sagenhaft und zugleich so tief vertraut, daß ich aufschauerte – kam mir hier der Duft meiner Jugend entgegengeweht, die Atmosphäre meiner Knaben- und Jünglingszeit, und in meinem Herzen floß das Blut von damals. Was ich eben noch getan und gedacht hatte und gewesen war, sank hinter mir hinab, und ich war wieder jung. Noch vor einer Stunde, noch vor Augenblicken hatte ich recht wohl zu wissen geglaubt, was Liebe, was Begehren, was Sehnsucht sei, aber das war die Liebe und Sehnsucht eines alten Mannes gewesen. Jetzt war ich wieder jung, und was ich in mir fühlte, dieses glühend fließende Feuer, diese gewaltig ziehende Sehnsucht, diese wie Tauwind im März auflösende Leidenschaft, war jung, neu und echt. Oh, wie brannten die vergessenen Feuer wieder auf, wie schwellend und dunkel klangen die Töne des Ehemals, wie blühte es flackernd im Blut, wie schrie es und sang in der Seele! Ich war ein Knabe, fünfzehn oder sechzehn Jahre alt, mein Kopf war voll von Latein und Griechisch und schönen Dichterversen, meine Gedanken voll von Streben und Ehrgeiz, meine Phantasien voll von Künstlertraum, aber viel tiefer, stärker und furchtbarer als all diese lodernden Feuer brannte und zuckte in mir das Feuer der Liebe, der Hunger des Geschlechts, die zehrende Vorahnung der Wollust.
Ich stand auf einem der Felshügel über meiner kleinen Heimatstadt, es roch nach Tauwind und ersten Veilchen, aus dem Städtchen blitzte der Fluß herauf und die Fenster meines Vaterhauses, und das alles blickte, klang und roch so rauschend voll, so neu und schöpfungstrunken, strahlte so farbentief und wehte im Frühlingswinde so überwirklich und verklärt, wie ich einst in den vollsten, dichterischen Stunden meiner ersten Jugend die Welt gesehen hatte. Ich stand auf dem Hügel, der Wind strich mir durchs lange Haar; mit irrender Hand, in träumerische Liebessehnsucht verloren, riß ich vom eben ergrünenden Gebüsch eine junge halboffne Blattknospe, hielt sie vors Auge, roch an ihr (und schon bei diesem Geruch fiel alles von damals mir wieder glühend ein), dann faßte ich das kleine grüne Ding spielend mit den Lippen, die noch immer kein Mädchen geküßt hatten, und begann es zu kauen. Und bei diesem herben, aromatisch bitteren Geschmack wußte ich plötzlich genau, was ich erlebe, alles war wieder da. Ich erlebte eine Stunde aus meinem letzten Knabenjahre wieder, einen Sonntagnachmittag im ersten Frühling, jenen Tag, an dem ich auf meinem einsamen Spaziergang die Rosa Kreisler angetroffen, und sie so schüchtern gegrüßt, und mich so betäubend in sie verliebt hatte.
Damals hatte ich dem schönen Mädchen, das allein und träumerisch bergaufwärts gegangen kam und mich noch nicht sah, voll banger Erwartung entgegengesehen, hatte ihr Haar gesehen, das in dicken Zöpfen aufgebunden war und doch noch zu beiden Seiten der Wangen offne Strähnen hatte, die im Winde spielten und flossen. Ich hatte gesehen, zum erstenmal in meinem Leben, wie schön dies Mädchen war, wie schön und traumhaft dies Spiel des Windes in ihrem zarten Haar, wie schön und sehnsuchtweckend der Fall ihres dünnen blauen Kleides über die jungen Glieder hinab, und ebenso, wie mich mit dem bitter-würzigen Geschmack der zerkauten Knospe die ganze bange süße Lust und Angst des Frühlings durchtränkte, so erfüllte mich beim Anblick des Mädchens die ganze tödliche Ahnung der Liebe, die Ahnung vom Weibe, das erschütternde Vorgefühl ungeheurer Möglichkeiten und Versprechungen, namenloser Wonnen, unausdenklicher Verwirrungen, Ängste und Leiden, innigster Erlösung und tiefster Schuld. O wie brannte der bittre Frühlingsgeschmack auf meiner Zunge! O wie strömte der spielende Wind durch das lose Haar neben ihren roten Wangen! Dann war sie mir nahe gekommen, hatte aufgeblickt und mich erkannt, war einen Augenblick schwach errötet und hatte beiseite geblickt; dann grüßte ich sie, mit gezogenem Konfirmandenhut, und Rosa, alsbald gefaßt, grüßte lächelnd und ein wenig damenhaft zurück, erhobenen Gesichts, und ging langsam, sicher und überlegen weiter, umsponnen von tausend Liebeswünschen, Forderungen und Huldigungen, die ich ihr nachsandte.