Der Wendekreis: Zweite Folge
Unterm Mond
Denn der Andrang steigerte sich mit jeder Vorstellung. Es gab Leute, die keine einzige versäumen wollten und sich schon früh morgens vor dem Theaterchen postierten. Sie ließen die Arbeit liegen, sie kümmerten sich nicht um ihre Angelegenheiten, und sie hätten die Hälfte ihrer Ersparnisse geopfert, wenn sie nicht anders als um diesen Preis zu Sturreganz hätten gelangen können. Schneider, Barbiere, Goldschläger, Maurer, Amtsschreiber, Köche, Küchenjungen, Viehhüter, Hökerinnen, Krämerinnen, Ladenmamsells waren darin eines Sinnes mit Lehrern, Richtern, Doktoren, Gymnasiasten, Fräuleins und Edeldamen. Es ereigneten sich Szenen, wo einer Hauptmannsgattin beim Streit um den Einlaß der Chignon vom Kopf gezerrt wurde oder einer ehrbaren Jungfer der Rock vom Leibe. Die Obrigkeit streckte die Waffen, da durch ihr Einschreiten immer die eine oder andere hochgestellte oder beamtete Person kompromittiert wurde. Sie ließ Sturreganz weiter spielen, auch als nach einer Woche der Jahrmarkt zu Ende und die Frist abgelaufen war, und zwar ebenfalls auf die Fürsprache hochgestellter und beamteter Personen.
Was soll daraus werden? fragten vorsorgliche Lenker des Gemeinwesens. Es bestand Gefahr, daß die ganze Stadt auf diese Weise zum Narrenhaus wurde.
U n t e r m M o n d
In der Tat war schon nach Verlauf jener Woche eine bemerkenswerte Wandlung geschehen.
Gesittete Bürger standen bei hellichtem Tag mit verblasenem Schmunzeln vor ihrer Haustür. Sehr würdige Männer, von denen Gravität durchaus unzertrennlich war, bohrten unversehens das Kinn in ihre Vatermörder und gluckerten wahnsinnsartig vor sich hin. Eingefleischte Hagestolze gebärdeten sich auffallend munter. Bärbeißige Familienväter begannen mitten in der Mahlzeit loszuprusten, wenn ihnen die Erinnerung ein Sturreganzsches Wort, eine seiner unwiderstehlichen Maulverrenkungen auffrischte. Zanksüchtige Weiber zeigten sich zahm beim bloßen Zurückdenken etwa an das zwerchfellerschütternde Gespräch, das er mit einer als böse Sieben verkleideten, blöd glotzenden Marionette geführt. Philosophisch gestimmte Geister wankten in ernsthaften Überzeugungen, und unverbesserliche Schwarzseher sahen sich ohne Groll um die Geltung bewährter Maximen betrogen. Die Nörgler hörten auf zu nörgeln, Neidhämmel hatten ein umgängliches Wesen, Übelredner hielten die Zunge im Zaum, schlechter Geschäftsgang war für eine Weile vergessen, Streit vergessen, Widrigkeit vergessen, und wen der alte Jammer wieder zu zwicken drohte, der holte sich bei Sturreganz die heilende Mixtur.
Der Sonntagabend, an dem Sturreganz das alte Possenspiel »Der unsterbliche Esel« aufführte, er hatte sich hierzu mehrere Komödianten von auswärts verschrieben, da den markgräflichen die Mitwirkung nicht verstattet wurde, trieb die Woge zuhöchst empor. Während der Szene, wo er als gefoppter Hahnrei den Liebhabern seines Weibes die Leviten liest und jedem einzelnen ein endloses Sündenregister vorhält, fielen Menschen im Zuschauerraum vor Lachen buchstäblich von den Bänken herunter, wälzten sich auf dem Boden und schlugen mit Armen und Beinen um sich. Wohlerzogene Frauen stießen wahre Tierschreie aus, Matronen glucksten und schluchzten, vertrocknete alte Männer wieherten und wischten sich die Tränen von den Backen, Füße trampelten, Hände erhoben sich gegen die Bühne, um den Mitleidlosen zu beschwören, daß man nicht weiter könne, daß man nur noch jappte; es war ein Gebell, Gekreisch, Gewimmer, Gestöhn, Gebrüll, Geseufz und Gekeuch wie in einer Folterkammer, und als der Vorhang fiel und die Leute das Theater verließen, sahen sie zunächst entkräftet und schlottrig aus, obgleich ihnen im Innern wohl und glückselig zumute war.
Hunderte hatten gewartet, die in die vollgepfropfte Bude nicht hatten kommen können, und hatten, wie es nun schon üblich geworden war, ihr Labsal beim Anhören des Lachorkans gefunden. Sie zogen mit den andern heimwärts und ließen sich erzählen, schwelgten in deren Nachgenuß, schmiedeten Pläne, wie morgen ein Platz zu gewinnen war.
Den Tag über hatte die Sonne warm geschienen, und der Abend war südlich mild. An Schlaf war nicht zu denken. Sie blieben vor den Haustüren stehen, Schlüssel wurden ins Schloß gesteckt und wieder herausgezogen, niemand wollte das tagbeschließende Wort sagen, niemand hatte Lust, in die muffigen Stuben zu kriechen, sie gingen weiter, wählten die Hauptgasse zur nächtlichen Promenade, und diese war alsbald so bevölkert wie an Marktvormittagen.
Fenster oben und Fenster unten wurden geöffnet. Die Frau Hofsekretärin beugte sich so weit über das Sims, daß ihr prächtig entwickelter Busen keine Heimlichkeit mehr blieb. Die Frau Landrätin hatte eben, Hemd über dem Kopf, die verborgenen Partien ihres Körpers nach Flöhen abgesucht; als sie das Gemurmel und Gekicher vernahm, kleidete sie sich wieder an. Rufe schallten straßauf, straßunter, Fragen, Begrüßungen, zerstückelte Berichte; ja, da hättet ihr dabei sein sollen; freilich, das war mal eine sonderliche Sache, so was hat keiner noch erlebt. Junge Burschen erhoben sich auf die Zehen und lugten abenteuersüchtig durch einen Rolladenspalt. Der Herr Rentamtmann winkte aus einem Erker dem Herrn Regimentszahlmeister; der Oberjäger Fritsch warf aus dem dritten Stock eine Nürnberger Zeitung auf die Gasse, worin lang und breit über Sturreganz geschrieben war, und daß er im vorigen Jahr am Rhein das ganze Volk in Taumel versetzt habe. Man riß einander das Blatt aus den Händen; schließlich erwischte es ein Student, stieg unter einer Öllaterne auf einen Prellstein und las es mit schallender Stimme salbungsvoll vor. Sturreganz; das bloße Wort behexte. Eine junge Magd wollte durch ein erdgeschössiges Fenster ins Freie kommen; sie verlor beim Herausklettern den Halt, fiel mit dem Kopf voran aufs Pflaster und machte aus ihren gehüteten Schätzen ein öffentliches Schauspiel. Im lüsternen Schatten standen Magister Brunnenwasser und Jungfer Hesekiel; geschwind und lustig entflohen andere durch verschwiegene Türen. Der Mond kam über die Dächer und wunderte sich.
Dann geschah es, daß die Metzgerin Frühwald und der Sattlermeister Simson Arlacher aus ihrem Haus einen langen Tisch mitten auf die Gasse trugen. Kinder und Gesinde brachten Stühle, Leuchter, Krüge und Pokale; die Krüge füllten sie mit Bier, die Pokale mit Wein. Vorübergehende wurden aufgefordert, Platz zu nehmen, und hierzu bedurfte es vieler Bitten nicht. Das Beispiel fand fröhliche Nachahmung. Eine Viertelstunde später stand die ganze Gassenzeile entlang Tisch an Tisch, Leuchter an Leuchter, und in den Leuchtern wurden zur höheren Festlichkeit die Kerzen angezündet, trotzdem der Mond recht hell schien. Aber das gab gute Wirkung; die Straße mit den barocken Häuserfassaden war wie ein großer Saal. Und es stand Krug an Krug, Pokal an Pokal; und Männer und Frauen, Jünglinge und Mädchen, Meister und Gesellen, Kaufherren, Handwerker, Beamte, einer saß neben dem andern in langer Doppelzeile.
Aufgeschlossen waren die Gesichter, in den Mienen mit einem Willen zum andern, einem Hinstreben zum andern, mit Lippen, die lächelten, lachten, Ungesagtes zu sagen begehrten. Vom Tisch bei der Schranne sprang ein Lied auf; ein zweites folgte; der Zunftvorsteher Sittig hatte sein schönstes Silber aus dem Haus gebracht und wies es mit Kennerstolz; einer ließ Taler klingend über den Tisch rollen, als hätte er keine Ursache mehr, seinen Reichtum zu verbergen; einer erzählte von Wanderfahrten; einer umarmte sein Weib und schmatzte die Kreischende ab; einer rief: von heut ab soll es anders werden mit unserm Leben! Große Körbe mit Äpfeln wurden herumgeboten; ein zwölfjähriger Junge leerte vom zweiten Stock einen Sack Nüsse auf die Gasse, daß das Geknatter eine Weile alles übertönte; eine Laute spielte da, eine Flöte oder Mundharmonika dort; Verabredungen wurden getroffen, Erinnerungen ausgetauscht, gebrochene Freundschaften erneuert, alte Feindseligkeit vergessen; das waren dieselben Bürger nicht mehr, die mürrisch und polizeifromm die Tore schlossen, eh der Wächter den ersten Rundgang antrat; das war dieselbe Stadt nicht mehr, die zu schlafen pflegte in der Nacht, bei Sternen- und bei Regenhimmel.
Waren sie sich selber schon Wunder genug, so sollten sie doch noch unerwartet Wunderbares erleben. Wer seine Gleise verläßt, dem lohnen es die Augen. Unter der Zipfelmütze waren ihnen nicht einmal Träume solcher Art gekommen.
Es trat aus dem engen Adlergäßchen plötzlich ein Mann, der ein sieben- oder achtjähriges Kind auf den Armen trug. Dieser Mann war völlig schwarz gekleidet; Strümpfe, Pantalons, Rock, Halsbinde, der ungewöhnliche kegelförmige Hut, alles schwarz. Er schien nur Augen zu haben für das Kind, das er trug; er sah nichts von dem nächtlichen Fest der Gasse, nicht die tafelnden Bürger, nicht ihre Lichter, nicht ihre Neugier; das Kind lag mit dem Köpfchen an seiner Schulter und streichelte bisweilen mit furchtsamem Lächeln seine Wange, fast nur, als wolle es sich überzeugen, daß das wirklich ein lebendiger Mensch sei, der es auf den Armen hielt, und so zärtlich hielt, so sorgsam, so sanft, so stark; bisweilen aber beugte es sich vor und zur Seite und blickte auf das Pflaster hinunter; und siehe, was war das? Ein Bild, seltsam und unglaubhaft, gruselig und erstaunlich: Mäuse liefen da; ein ganzer Zug von Mäusen; unzählbar; Hunderte und aber Hunderte, liefen hinter dem Schwarzgekleideten her, umraschelten seine Füße, und das Mädchen lachte still zu ihnen hinab. Als die Frauen dies gewahrten, stießen sie Schreckensschreie aus; die Männer erhoben sich von den Stühlen und Bänken und starrten dumm-entsetzt; Kinder beugten sich über die Tische, deuteten aufgeregt, ein paar Hunde schlugen an, und während dessen ging der Mann vorbei, die Straße hinauf, verloren in den Anblick des Kindes, und die Hunderte und aber Hunderte von Mäusen, dichtaneinandergedrängt, lautlos, zauberisch, wie mit Fäden an seine Füße gebunden, folgten ihm und verschwanden mit ihm, als er an der oberen Ecke zum Schloßplatz einbog.