Die Ahnfrau

Franz Grillparzer · Anhang

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Die Ahnfrau

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The Project Gutenberg EBook of Die Ahnfrau, by Franz Grillparzer

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Title: Die Ahnfrau

Author: Franz Grillparzer

Posting Date: October 12, 2014 [EBook #9181] Release Date: October, 2005 First Posted: September 12, 2003

Language: German

 

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE AHNFRAU ***

 

Produced by Delphine Lettau, from files obtained from Gutenberg Projekt-DE.

 

Die Ahnfrau

Franz Grillparzer

Trauerspiel in fünf Akten (1817)

Personen:

Graf Zdenko von Borotin

Berta, seine Tochter

Jaromir

Boleslav

Günther, Kastellan

Ein Hauptmann

Ein Soldat

Mehrere Soldaten und Diener

Die Ahnfrau des Hauses Borotin

 

Erster Aufzug

Gotische Halle. Im Hintergrunde zwei Türen. An beiden Seitenwänden, links und rechts, ebenfalls eine Türe. An einer Kulisse des Vorgrundes hängt ein verrosteter Dolch in seiner Scheide. Später Winterabend. Licht auf dem Tische.

 

Graf Borotin. Berta.

Der Graf (am Tische sitzend und auf einen Brief hinstarrend, den er in beiden Händen hält).

Nun Wohlan, was muß geschehe!

Fallen seh ich Zweig' auf Zweige,

Kaum noch hält der morsche Stamm.

Noch ein Schlag, so fällt auch dieser

Und im Staube liegt die Eiche,

Die die reichen Segensäste

Weit gebreitet rings umher.

Die Jahrhunderte gesehen

Werden, wachsen und vergehen,

Wird vergehen so wie sie;

Keine Spur wird übrigbleiben;

Was die Väter auch getan,

Wie gerungen, wie gestrebt, Kaum daß fünfzig Jahr' verfließen

Wird kein Enkel mehr es wissen

Daß ein Borotin gelebt!

Berta (am Fenster).

Eine grause Nacht, mein Vater!

Kalt und dunkel wie das Grab.

Losgerißne Winde wimmern

Durch die Luft, gleich Nachtgespenstern;

Schnee soweit das Auge trägt,

Auf den Hügeln, auf den Bergen,

Auf den Bäumen, auf den Feldern,

Wie ein Toter liegt die Erde

In des Winters Leichentuch;

Und der Himmel, sternelos,

Starrt aus leeren Augenhöhlen

In das ungeheure Grab

Schwarz herab!

Graf.

Wie sich doch die Stunden dehnen!

Was ist wohl die Glocke, Berta?

Berta (vom Fenster zurückkommend, und sich, dem Vater gegenüber, zur Arbeit setzend).

Sieben Uhr hat's kaum geschlagen.

Graf.

Sieben? Und schon dunkle Nacht!

Ach, das Jahr ist alt geworden,

Kürzer werden seine Tage,

Starrend stocken seine Pulse

Und es wankt dem Grabe zu.

Berta.

Ei, kommt doch der holde Mai,

Wo das Feld sich kleidet neu,

Wo die Lüfte sanfter wehen

Und die Blumen auferstehen!

Graf.

Wohl wird sich das Jahr erneuen,

Diese Felder werden grünen,

Diese Bäche werden fließen,

Und die Blume, die jetzt welket,

Wird vom langen Schlaf erwachen

Und das Kinderhaupt erheben

Von dem weißen, weichen Kissen,

Öffnen ihre klaren Augen

Freundlich lächelnd wie zuvor.

Jeder Baum, der jetzt im Sturme

Seine nackten, dürren Arme

Hilfeflehend streckt zum Himmel,

Wird mit neuem Grün sich kleiden.

Alles was nur lebt und webt

In dem Hause der Natur,

Weit umher, in Wald und Flur,

Wird sich frischen Lebens freuen,

Wird im Lenze sich erneuen:

Nie erneut sich Borotin!

Berta.

Ihr seid traurig, lieber Vater!

Graf.

Glücklich, glücklich nenn ich den,

Dem des Daseins letzte Stunde

Schlägt in seiner Kinder Mitte.

Solches Scheiden heißt nicht Sterben;

Denn er lebt im Angedenken,

Lebt in seines Wirkens Früchten,

Lebt in seiner Kinder Taten,

Lebt in seiner Enkel Mund.

O es ist so schön, beim Scheiden

Seines Wirkens ausgestreuten Samen

Lieben Händen zu vertraun,

Die der Pflanze sorglich warten,

Und die späte Frucht genießen;

Im Genusse doppelt fühlend Den Genuß und das Geschenk.

O es ist so süß, so labend,

Das was uns die Väter gaben

Seinen Kindern hinzugeben

Und sich selbst zu überleben!

Berta.

Über diesen bösen Brief!

Ihr wart erst so heiter, Vater,

Schienet seiner Euch zu freuen,

Und nun, da Ihr ihn gelesen,

Seid mit eins Ihr umgestimmt.

Graf.

Ach, es ist nicht dieses Schreiben,

Seinen Inhalt konnt' ich ahnen.

Nein es ist die Überzeugung,

Die sich immer mehr bewährt;

Daß das Schicksal hat beschlossen,

Von der Erde auszustoßen

Das Geschlecht der Borotin!

Sieh, man schreibt mir, daß ein Vetter,

Den ich kaum einmal gesehen,

Der der einz'ge außer mir

Von dem Namen unsers Hauses,

Kinderlos, ein welker Greis,

Gählings über Nacht gestorben.

Und so bin ich denn der Letzte

Von dem hochberühmten Stamme,

Der mit mir zugleich erlischt.

Ach, kein Sohn folgt meiner Bahre,

Trauernd wird der Leichenherold

Meines Hauses Wappenschild,

Oft gezeigt im Schlachtgefild,

Und den wohlgebrauchten Degen

Mir nach in die Grube legen.

Es geht eine alte Sage,

Fortgepflanzt von Mund zu Mund,

Daß die Ahnfrau unsers Hauses, Ob begangner schwerer Taten,

Wandeln müsse ohne Ruh',

Bis der letzte Zweig des Stammes,

Den sie selber hat gegründet,

Ausgerottet von der Erde.

Nun wohlan, sie mag sich freuen,

Denn ihr Ziel ist nicht mehr fern!

Fast möcht' ich das Märchen glauben,

Denn fürwahr ein mächt'ger Finger

War bemüht bei unserm Fall.

Kräftig stand ich, herrlich blühend

In der Mitte dreier Brüder;

Alle raubte sie der Tod!

Und ein Weib führt' ich nach Hause,

Schön und gut und hold wie du.

Hochbeglückt war unsre Ehe

Und ein Knabe und ein Mädchen

Sproßten aus dem keuschen Bund.

Bald wart ihr mein einz'ger Trost,

Meine einz'ge Lebensfreude,

Denn mein Weib ging ein zu Gott.

Sorgsam, wie mein Augenlicht,

Wahrte ich die teuern Pfänder;

Doch umsonst! Vergeblich Streben!

Welche Klugheit, welche Macht,

Mag das Opfer wohl erhalten,

Das die finsteren Gewalten

Ziehen wollen in die Nacht!

Kaum drei Jahre war der Knabe,

Als er in dem Garten spielend

Von der Wärtrin sich verlief.

Offen stand die Gartentüre,

Die zum nahen Weiher führt.

Immer sonst war sie geschlossen,

Eben damals stand sie offen, (bitter)

Hätt' ihn sonst der Streich getroffen!

Ach, ich sehe deine Tränen

Treu sich schließen an die meinen.

Weißt du etwa schon den Ausgang?

Ach, ich armer, schwacher Mann,

Habe dir wohl oft erzählet

Die alltägliche Geschichte.

Was ist's weiter?—Er ertrank!

Sind doch manche schon ertrunken!

Daß es just mein Sohn gewesen,

Meine ganze, einz'ge Hoffnung,

Meines Alters letzter Stab;

Was kann's helfen!—Er ertrank—

Und ich sterbe kinderlos!

Berta.

Lieber Vater!

Graf.

Ich verstehe

Deiner Liebe sanften Vorwurf.

Kinderlos konnt' ich mich nennen,

Und ich habe dich, du Treue!

Ach, verzeih dem reichen Manne,

Der sein Habe halb verloren

In des Unglücks hartem Sturm,

Und nun mit der reichen Hälfte,

Lang an Überfluß gewöhnet,

Sich für einen Bettler hält.

Ach verzeih, wenn das Verlorne

In so hellem Lichte glüht,

Ist doch der Verlust ein Blitzstrahl,

Der verklärt was er entzieht!

Ja fürwahr, ich handle unrecht!

Ist mein Name denn das Höchste?

Leb ich nur für meinen Stamm?

Mag ich kalt das Opfer nehmen,

Das du mit der Jugend Freuden,

Mit des Lebens Glück mir bringst!

Meines Daseins letzte Tage

Seien deinem Glück geweiht.

Ja an eines Gatten Seite, Der dich liebt, der dich verdient,

Werde dir ein andrer Name

Und mit ihm ein andres Glück!

Wähle von des Landes Söhnen,

Frei den künftigen Gemahl,

Denn dein Wert verbürgt mir deine Wahl!

Wie du seufzest!—Hast wohl schon gewählet?

Jener Jüngling?—Jaromir—

Jaromir von Eschen denk ich.

Ist's nicht also?

Berta.

Wag ich es?—

Graf.

Glaubtest du dem Vaterauge

Bleib' ein Wölkchen nur verborgen,

Das an deinem Himmel hängt?

Sollt' ich gleich wohl eher schelten,

Daß ich erst erraten muß

Was ich längst schon wissen sollte:

War ich je ein harter Vater,

Bist du nicht mein teures Kind?

Edel nennst du sein Geschlecht,

Edel nennt ihn seine Tat,

Bring ihn mir, ich will ihn kennen,

Und besteht er auf der Probe

So kann manches noch geschehn.

Fallen gleich die weiten Lehen

Als erloschen heim dem Thron,

Ein bescheidnes Los zu gründen

Hat noch Borotin genug.

Berta.

O wie soll ich—

Graf.

Mir nicht danke!

Zahl ich doch nur alte Schulden.

Hast nicht du's um mich verdient,

Hat nicht er's, der wackre Mann?

Denn er war's doch, der im Walde

Dir das Leben einst gerettet,

Und mit eigener Gefahr?

Ist's nicht also, liebe Tochter?

Berta.

Oh, mit augenscheinlicher Gefahr!

Hab ich's Euch doch schon erzählet,

Wie in einer Sommernacht

Ich dort in dem nahen Walde

Mich lustwandelnd einst erging,

Und vom Schmeichelhauch der Lüfte,

Von dem Duft der tausend Blüten

Eingelullt in süß Vergessen

Weiter ging als je zuvor.

Wie mit einmal durch die Nacht

Einer Laute Klang erwacht,

Klagend, stöhnend, Mitleid flehend

Mit der Tonkunst ganzer Macht;

Girrend bald gleich zarten Tauben

Durch die dichtverschlungnen Lauben,

Bald mit langgedehntem Schall

Lockend gleich der Nachtigall,

Daß die Lüfte schweigend horchten

Und das Laub der regen Espe

Seine Regsamkeit vergaß.

Wie ich so da steh und lausche,

Ganz in Wehmut aufgelöst,

Fühl ich mich mit eins ergriffen,

Und zwei Männer, angetan

Mit des Mordes blut'ger Farbe,

Mit dem Dolch, den Augen dräuend,

Seh ich gräßlich neben mir.

Schon erheben sie die Dolche,

Schon glaub ich die Todeswunde,

Schreiend, in der Brust zu fühlen:

Da teilt schnell sich das Gebüsche, Reißend springt ein junger Mann,

Hoch den Degen in der Rechten,

In der Linken eine Laute

Auf die bleichen Mörder zu.

Wie er ihnen obgesieget,

Wie er, einzeln, sie bezwang,

Wie die kühne Tat gelang

Weiß ich nicht. In starre Ohnmacht

War ich zagend hingesunken.

Ich erwacht' in seinen Armen,

Und zum Leben neu geboren,

Unbehilflich, schwach und duldend

Wie ein Kind am Mutterbusen

Hing ich an des Teuren Lippen

Seine heißen Küsse trinkend.

Und mein Vater, für das alles

Was er erst für mich getan,

Konnt' ich wen'ger als ihn lieben?

Graf.

Und ihr saht euch öfter?

Berta.

Zufall

Ließ mich drauf ihn wieder finden.

Bald—nicht bloß der Zufall mehr.

Graf.

Warum flieht er deines Vaters,

Seines Freundes Angesicht.

Berta.

Obgleich edlem Stamm entsprossen,

Nur des Hauses edler Stolz,

Nicht sein Gut kam auf den Erben.

Arm und dürftig wie er ist,

Fürchtet er, hört' ich ihn sagen,

Daß der reiche Borotin

Andern Lohn für seine Tochter, Als die Tochter selber zahle.

Graf.

Ich weiß Edelmut zu ehren,

Wenn er sich und andre ehrt.

Bring ihn mir, er soll erfahren,

Daß dem reichen Borotin

Er sein reichstes Gut erhalten,

Soll erfahren, daß dein Vater

Für das Gold der ganzen Welt

Dich nicht für bezahlet hält.—

Doch jetzt, Berta, nimm die Harfe

Und versuch es, meinen Kummer

Um ein Stündchen zu betrügen.

Spiel ein wenig, liebe Tochter!

(Berta nimmt die Harfe. Bald nach den ersten Akkorden nickt der Alte und schlummert ein. Sobald er schläft stellt Berta die Harfe weg.)

Berta.

Schlummre ruhig, guter Vater!

Daß doch all die süßen Blumen,

Die du streust auf meinen Pfad,

Dir zum Kranze werden möchten

Auf dein sorgenschweres Haupt.—

Ich soll also ihm gehören,

Mein ihn nennen, wirklich mein?

Und das Glück, das schon als Hoffnung

Mir der Güter größtes schien,

Gießt in freudiger Erfüllung

Mir sein schwellend Füllhorn hin!

Ich kann's nicht fassen,

Mich selber nicht fassen,

Alles zeigt mir und spricht mir nur ihn,

Den Wolken, den Winden

Möcht' ich's verkünden,

Daß sie's verbreiten so weit sie nur ziehn!

Mir wird's zu enge

In dem Gedränge

Fort auf den Söller, wie lastet das Haus;

Dort von den Stufen

Will ich es rufen

In die schweigende Nacht hinaus.

Und naht der Treue,

Dem ich mich weihe,

Künd ich ihm jubelnd das frohe Geschick

An seinem Munde

Preis ich die Stunde

Preis ich die Liebe, preis ich das Glück. (Ab.)

(Pause.—Die Ahnfrau, Bertan an Gestalt ganz ähnlich, und in der Kleidung nur durch einen wallenden Schleier unterschieden, erscheint neben dem Stuhle des Schlafenden und beugt sich schmerzlich über ihn.)

Graf (unruhig im Schlafe).

Fort von mir!—Fort!—Fort! (Er erwacht.)

Ah—bist du hier meine Berta?

Ei das war ein schwerer Traum,

Noch empört sich mir das Innre!

Geh doch nach der Harfe, Berta,

Mich verlangt's Musik zu hören!

(Die Gestalt hat sich aufgerichtet und starrt den Grafen mit weitgeöffneten toten Augen an.)

Graf (entsetzt).

Was starrst du so graß nach mir,

Daß das Herz im Männerbusen

Sich mit bangem Grausen wendet,

Und der Beine Mark gerinnt!

Weg den Blick! Von mir die Augen!

Also sah ich dich im Traume

Und noch siedet mein Gehirn.

Willst du deinen Vater töten?

(Die Gestalt wendet sich ab und geht einige Schritte gegen die Türe.)

Graf.

So!—Nun kenn ich selbst mich wieder!—

Wohin gehst du Kind?

Die Gestalt (wendet sich an der Türe um. Mit unbetonter Stimme). Nach Hause. (Ab.)

Der Graf (stürzt niedergedonnert in den Sessel zurück. Nach einer Weile).

Was war das?—Hab ich geträumt?—

Sah ich sie nicht vor mir stehn,

Hört' ich nicht die toten Worte,

Fühl ich nicht mein Blut noch starren

Von dem grassen, eis'gen Blick?—

Und doch, meine sanfte Tochter!—

Berta! Höre, Berta!

(Berta und Kastellan kommen.)

Berta (hereinstürzend).

Ach, was fehlt Euch, lieber Vater?

Graf.

Bist du da! Was ficht dich an,

Sprich, was ist's, unkindlich Mädchen,

Daß du wie ein Nachtgespenst

Durch die öden Säle wandelst

Und mit seltsamen Beginnen

Lebensmüde Schläfer schreckst?

Berta.

Ich, mein Vater?

Graf.

Du, ja du!

Wie, du weißt nicht? Und noch haften

Deine starren Leichenblicke

Mir gleich Dolchen in der Brust.

Berta.

Meine Blicke?

Graf.

Deine Blicke!

Zieh nicht staunend auf die Augen!

Siehst du, so!—doch nein, viel starrer!

Starr?—die Sprache hat kein Wort!

Blickst du mich liebkosend an,

Um den Eindruck wegzuwischen

Jenes finstern Augenblicks?

All umsonst! So lang ich lebe

Wird das Schreckbild vor mir stehn,

Auf dem Todbett werd ich's sehn!

Scheint dein Blick gleich Mondenschimmer

Über einer Abendlandschaft,

O ich weiß, er kann auch töten!

Berta.

Ach, was hab ich denn begangen,

Das Euch also aufgeregt,

Und Euch heißt die Augen schelten,

Die den Euern bang begegnend

Sich mit Wehmutstränen füllen.

Daß ich Euch im Schlaf verlassen,

Unbedachtsam fortgegangen—

Graf.

Daß du fortgingst?—Daß du hier warst!

Berta.

Daß ich hier war?

Graf.

Standst du nicht

Hier auf dieser, dieser Stelle

Schießend deine kalten Pfeile

Nach des grauen Vaters Brust.

Berta.

Als Ihr schliefet?

Graf.

Kurz erst, jetzt erst!

Berta.

Eben komm ich von dem Söller!

Als der Schlummer Euch umfing

Ging ich sehnsuchtsvoll hinaus

Nach dem Teuern umzuschauen.

Graf.

Schändlich!—Mädchen, höhnst du mich?

Berta.

Höhnen?—ich, mein Vater?—ich?

(Mit überströmenden Augen zu Günther.)

Ach sprich du!—Ich weiß nicht—kann nicht!

Günther.

Ja fürwahr, mein gnäd'ger Herr,

Ja, das Fräulein kömmt vom Söller.

Ich stand bei ihr, und wir schauten

In die schneeerhellte Gegend

Ob kein Wanderer sich nahe.

Erst als Ihr sie gellend rieft,

Eilte sie mit mir herbei.

Graf (rasch).

Und ich sah—

Günther.

Ihr sahet—?

Graf.

Nichts!

Günther.

Ihr saht etwa—?

Graf.

Nichts! nichts sag ich!

(Vor sich hin.)

Es ist klar, ich hab geträumt!

Wenn sich gleich die Sinne sträuben,

Das Gedächtnis es verneint,

Doch ist's so; ich hab geträumt!

Kann der Schein sich also hüllen

Ins Gewand der Wirklichkeit?

Diese Hand seh ich nicht klarer

Als ich jenes Bild gesehn!

Und doch, meine sanfte Berta!

Es ist klar, ich hab geträumt!—

Was stehst du so ferne, Berta?

Hast du keinen Vorwurf, Liebe,

Für den harten, rauhen Vater

Der so bitter dich gekränkt?

Ach, so warst du schon als Kind,

Trugest immerdar zugleich

Der Beleid'gung herben Schmerz

Und das Unrecht des Beleid'gers.

Immer gut und immer schuldlos,

Schienst du stets die Schuldige—

Berta (an seiner Brust).

Und bin ich nicht wirklich schuldig?

Wenn auch nicht als Grund des Zornes,

Ach, doch als sein Gegenstand!

Graf.

Du verzeihst mir also, Berta?

Berta.

Ihr habt wohl geträumt, mein Vater!

Es gibt gar lebend'ge Träume!

Oder dieser Halle Dunkel

Matt vom Kerzenlicht erhellt

Täuscht' in trügender Gestaltung

Euer schlummertrunknes Aug'.

Oh, ich hab es oft erfahren,

Wie die Sinne, aufgeregt,

Stumpfe Diener unsrer Seele,

Gern für wahr und wirklich halten

Die verworrenen Gestalten,

Die der Geist in sich bewegt.

Gestern nur, mein Vater, ging ich

In des Zwielichts mattem Strahl

Durch den alten Ahnensaal.

In der Mitte hängt ein Spiegel,

Halb erblindet und voll Flecken.

Wie ich ihn vorüber gehe

Bleib ich, meinen Anzug musternd,

Vor dem matten Glase stehn.

Eben senk ich nach dem Gürtel

Nieder meine beiden Hände,

Da—Ihr werdet lachen, Vater!

Und auch ich muß jetzt fast lächeln

Meiner kindisch schwachen Furcht,

Doch in jenem Augenblicke

Konnt' ich nur mit Schreck und Grauen

Das verzerrte Wahnbild schauen.

Wie ich senke meine Hände

Um den Gürtel anzuziehn,

Da erhebt mein Bild im Spiegel

Seine Hände an das Haupt,

Und mit starrendem Entsetzen

Seh ich in dem dunkeln Glase

Meine Züge sich verzerren.

Immer sind es noch dieselben

Und doch anders, furchtbar anders,

Und mir selbst nicht ähnlicher

Als ein Lebend'ger seiner Leiche.

Weit reißt es die Augen auf

Starrt nach mir, und mit dem Finger

Droht es warnend gegen mich.

Günther.

Weh, die Ahnfrau!

Graf (wie von einem plötzlichen schrecklichen Gedanken ergriffen, vom Sessel aufspringend).

Ahnfrau!

Berta (verwundert).

Ahnfrau?

Günther.

Saht Ihr nie ihr Bild im Saale,

Euch so ähnlich, gnäd'ges Fräulein,

Gleich als hättet Ihr dem Maler,

Lieblich wie Ihr seid, gesessen?

Berta.

Oftmals hab ich's wohl gesehn,

Es mit Staunen mir betrachtet,

Und es war mir immer teuer

Wegen dieser Ähnlichkeit.

Günther.

Und Ihr kennet nicht die Sage,

Die von Mund zu Munde geht?

Berta.

Schon als Kind hört' ich's erzählen,

Doch ein Märchen nennt's der Vater.

Günther.

Ach, er fühlt's zu dieser Frist,

Wie er sich's auch selbst verhehle,

Fühlt's im Tiefsten seiner Seele,

Daß es mehr als Märchen ist.

Ja, die Ahnfrau Eures Hauses, Jung und blühend noch an Jahren,

Berta, so wie Ihr geheißen,

Schön und reizend, so wie Ihr,

Von der Eltern Hand gezwungen,

Zu verhaßter Ehe Bund,

Sie vergaß ob neuen Pflichten

Langgehegter Liebe nicht;

In den Armen ihres Buhlen

Überfiel sie der Gemahl.

Durstend seine Schmach zu rächen,

Straft' er selber das Verbrechen

Stieß ins Herz ihr seinen Stahl,

Jenen Stahl, den in der Blinde

Man dort aufgehangen hat,

Zum Gedächtnis ihrer Sünde,

Zum Gedächtnis seiner Tat.

Ruhe ward ihr nicht vergönnet,

Wandeln muß sie ohne Rast,

Bis das Haus ist ausgestorben,

Dessen Mutter sie gewesen,

Bis weit auf der Erde hin

Sich kein einz'ger Zweig mehr findet

Von dem Stamm den sie gegründet,

Von dem Stamm der Borotin.

Und wenn Unheil droht dem Hause,

Sich Gewitter türmen auf,

Steigt sie aus der dunkeln Klause

An die Oberwelt herauf.

Da sieht man sie klagend gehen,

Klagend, daß ihr Macht gebricht,

Denn sie kann's nur vorhersehen,

Ab es wenden kann sie nicht!

Berta.

Und das ist es—?

Günther.

Das ist alles

Was ich hier zu sagen wage, Wenn gleich all nicht was ich weiß.

Eines ist noch übrig, eines,

Das des Hauses ältre Diener,

Das der Gegend welke Greise

Bang sich in die Ohren raunen,

Das der Sage heil'ger Mund

Aus der Väter fernen Tagen

In die Enkelwelt getragen.

Eines, das den Schlüssel gibt

Zu so manchem finstern Rätsel,

Das ob diesem Hause brütet.

Aber wag ich es zu sagen

Hier an diesem, diesem Ort

Wo noch kurz zuvor der Schatten—

(Mit scheuen Blicken umhergehend. Berta schmiegt sieh an ihn, und folgt mit ihren Augen den seinigen.)

Runzelt Ihr die hohen Brauen

Edler Herr? Ich kann nicht anders!

Meinen Busen will's zerbrechen

Und es drängt mich's auszusprechen

Beb ich selber gleich zurück.—

Kommt hierher, mein Fräulein, hierher

Und vernehmt und staunt und bebt.—

Mit der Ahnfrau blut'ger Leiche

Ward der Sünde Keim begraben,

Aber nicht der Sünde Frucht.

Das Verbrechen, das des Gatten

Blut'ger Rachestahl bestraft,

War, wie jene Sage spricht,

Wohl das Letzte ihres Lebens

Aber ach, ihr erstes nicht.

Ihres Schoßes einz'ger Sohn,

Den Ihr unter Euren Ahnen,

Unter Euren Vätern zählt,

Der des mächt'gen Borotin

Lehen, Gut und Namen erbte,

Er—

Graf.

Schweig!

Günther.

Es ist ausgesprochen.

Er, dem Vater unbewußt,

War ein Pfand geheimer Lust,

War ein Denkmal ihrer Sünde!

Darum muß sie klagend wallen

Durch die weiten, öden Hallen,

Die das Werk von Trug und Nacht

Auf ein fremd Geschlecht gebracht.

Und in jedem Enkelkinde,

Das entsproßt aus ihrem Blut,

Haßt sie die vergangne Sünde,

Liebt sie die vergangne Glut.

Also harret sie seit Jahren,

Wird noch harren jahrelang

Auf des Hauses Untergang;

Und ob der sie gleich befreiet,

Hütet sie doch jeden Streich,

Der dem Haupt der Lieben dräuet,

Den sie wünscht und scheut zugleich.

Darum wimmert es so kläglich

In den halbverfallnen Gängen,

Darum pocht's in dunkler Nacht—

(Entferntes Getöse.)

Berta.

Himmel!

Günther.

Weh uns!

Graf.

Was ist das?

(Das Getöse wiederholt sich.)

Fast gefährlich scheint dein Wahnsinn

Er steckt auch Gesunde an.

An die Pforte wird geschlagen

Einlaß fordernd. Geh hinab

Und sieh zu, was man begehrt!

(Günther ab.)

Berta.

Vater, du siehst bleich! Ist's Wahrheit

Was der alte Mann da spricht?

Graf. Was ist wahr, was ist es nicht?

Laß uns eignen Wertes freuen

Und nur eigne Sünden scheuen.

Laß, wenn in der Ahnen Schar

Jemals eine Schuld'ge war,

Alle andre Furcht entweichen

Als die Furcht ihr je zu gleichen.—

Und jetzt komm, mein liebes Kind,

Führe mich nach meinem Zimmer.

Ist's gleich noch nicht Schlafens Zeit

Ruhe heischt der müde Körper

Hat er doch in einer Stunde

Mehr als manchen Tag gelebt. (Ab mit Berta.)

(Pause.—Dann stürzt wankend, mit verworrenem Haar und aufgerissenem Wams, einen zerbrochenen Degen in der Rechten, Jaromir herein.)

Jaromir (atemlos).

Bis hierher!—Ich kann nicht weiter!

Wankend brechen meine Kniee,

Es ist aus!—Ich kann nicht weiter!

(Sinkt gebrochen auf den Sessel hin.)

Günther (nachkommend).

Sagt doch Herr, ist das wohl Sitte?

Einzudringen so ins Haus

Achtlos auf mein mahnend Wehren.

Sprecht, was wollt Ihr? was begehrt Ihr?

Jaromir.

Ruhe!—Nur ein Stündchen Ruhe,

Nur ein kurzes Stündchen Ruhe!—

Günther.

Was ist Euch begegnet, Herr?

Woher kommt Ihr?

Jaromir.

Dort—vom Walde—

Wurde—wurde überfallen—

Günther.

Ach man hört so manches Unheil

Von den Räubern dort im Walde!

Wie bedaur' ich Euch, mein Herr!

Ach verzeihet, wenn ich anfangs

Eure bange Hast mißdeutend

Und das Fremde Eures Eintritts

Anders sprach, als ich gesollt.

Wenn's Euch gutdünkt, folgt mir Herr

Nach den oberen Gemächern,

Wo Euch würdig Speis und Trank

Und willkommne Lagerstätte—

Jaromir.

Nein, ich kann—ich mag nicht schlafen!

Laß mich hier in diesem Stuhl,

Bis die Sinne sich gesammelt

Und ich wieder selber bin.

(Er legt den Arm auf den Tisch, und den Kopf darauf.)

Günther.

Was soll ich mit ihm beginnen?

Ganz verwirrt hat ihn der Schreck.

Bleib ich? geh ich? Laß ich ihn?

Ich will's nur dem Grafen melden, Mag er selber doch empfangen

Seinen sonderbaren Gast. (Ab.)

Jaromir.

Ha, er geht, er geht!—Was soll ich?

Sei es denn!—Nun Fassung, Fassung!

(Der Graf und Günther kommen.)

Günther.

Hier mein gnäd'ger Herr, der Fremde!

Jaromir (steht auf).

Graf.

Laßt Euch doch nicht stören, Herr,

Und genießt der nöt'gen Ruhe.

Hoch willkommen seid Ihr mir,

Doppelt wert, denn Euch empfiehlt

Eure Not und Euer Selbst—

Jaromir.

Ihr verzeihet wohl die Stunde

Und die Weise meines Eintritts.

Mag mein Unfall mich entschuld'gen

Wo ich selbst es nicht vermag.

Dort in jenem nahen Walde

Ward ich räubrisch überfallen.

Ich und meine beiden Diener

Wehrten lang uns ritterlich:

Aber wachsend stieg die Menge,

Meine treuen Diener lagen

Hingestreckt in ihrem Blut.

Da gewahr ich meines Vorteils,

Und ins dunkle Dickicht springend,

Schnell, die Räuber auf der Ferse,

Such ich fliehend zu entrinnen

Und das Freie zu gewinnen.

Gibt die Hoffnung schnelle Füße Leiht dafür das Schrecken Flügel.

Bald gewinn ich einen Vorsprung,

Und heraus ins Freie tretend

Blinkt mir Euer Schloß entgegen.

Gastfrei schien 's mich einzuladen,

Zögernd folgt' ich,—und bin hier.

Graf.

Halten wird Euch der Besitzer

Was sein Eigentum versprach.

Was nur dieses Haus vermag

Ist das Eure, Euch zu Dienste.

Berta (kommt,).

Hört' ich hier nicht seine Stimme?

Ja er ist's!—Mein Jaromir!

Jaromir.

Berta!

(Eilt auf sie zu. Plötzlich hält er ein, und tritt mit einer Verbeugung zurück.)

Graf.

Wär' es etwa dieser?—

Berta.

Ja er ist's, er ist's, mein Vater!

Ja er ist's, der mich gerettet,

Ja er ist's der teure Mann!

Graf.

Zieht Euch nicht so fremd zurück,

Seid Ihr doch nicht unter Fremden!

Schließt sie immer in die Arme;

Ihr habt Euch ein Recht erworben,

Daß sie lebt ist Euer Werk!

Wohl mir, daß mir ward vergönnt

Den zu sehen, dem zu danken,

Der mir meine letzten Tage, Mir mein Sterbebett verschönt,

Mit dem Glücke mich versöhnt.

Komm an meine Brust, du Teurer,

Lebensretter, Segensengel!

Könnt' ich dankbar nur mein Leben

Für dich hin, du Guter, geben,

Wie du deines gabst für sie!

Jaromir.

Staunend steh ich und beschämt—

Graf.

Du? An uns ist's so zu stehn!

Ist doch unser Dank so wenig,

Ach, und deine Tat so viel!

Jaromir.

Viel? O daß ich's sagen könnte!

Daß es etwas mich gekostet!

Daß ich eine Wunde trüge,

Eine kleine, kleine Narbe

Nur als Denkmal jener Tat!

Es kränkt tief das Köstliche

Um so schlechten Preis zu kaufen!

Graf.

Ziert Bescheidenheit den Jüngling,

Nicht verkenn er seinen Wert!

Berta.

Glaubt ihm nicht, o glaubt ihm nicht!

Er liebt selber sich zu schmähen,

Ich weiß das von lange her!

Wie so oft lag er vor mir,

Meine Kniee heiß umfassend,

Und mit schmerzgebrochner Stimme

Rief er klagend, weinend aus,

Ich verdiene dich nicht Berta!

Er nicht mich, er mich nicht!—

Jaromir.

Berta!

Graf.

Wolltet Ihr wohl, daß sie minder

Des Geschenkes Wert erkennte!

Trieb Euch gleich zu jener Tat

Nur des Herzens edles Streben

Recht zu tun und groß und gut,

Laßt uns glauben, laßt uns schmeicheln,

Daß auf uns, auf unsre Not

Auch ein flücht'ger Blick gefallen,

Daß Ihr nicht nur bloß beglücken,

Daß ihr uns beglücken wolltet.

Wer sich ganz dem Dank entzieht,

Der erniedrigt den Beschenkten,

Freund, indem er sich erhebt!

Jaromir.

Was erwidr' ich auf das alles!

Wie ich bin, vom Kampf ermüdet,

Von den Schrecken dieser Nacht,

Taug ich wenig zu bestehen

In der Großmut edlem Wettstreit.

Graf.

Mußtet Ihr mich erst erinnern

Daß Ihr müd und ruhedürstend!

Berta.

Ach, was ist ihm denn begegnet?

Graf.

Das auf morgen, liebes Kind.

Berta komm und laß uns gehn.

Unser Günther mag ihn weisen

In das köstlichste Gemach.

Dort umhülle tiefer Frieden

Mit der Segenshand den Müden Bis der späte Morgen naht.

O er hat ein weiches Kissen

Ein noch unentweiht Gewissen,

Das Bewußtsein seiner Tat!—

So, noch diesen Händedruck,

So, noch diesen Segenskuß,

So, mein Sohn jetzt geh zur Ruh'

Ein Engel drück' das Aug' dir zu!

Berta (den Alten abführend).

Schlummre ruhig!

Jaromir.

Lebe wohl'

Berta (an der Türe umwendend).

Gute Nacht denn!

Jaromir.

Gute Nacht!

(Graf und Berta ab.)

Günther.

So, nun kommt mein wackrer Herr

Ich will Euch zur Ruhe leiten.

Jaromir (in den Vorgrund tretend).

Nehmt mich auf Ihr Götter dieses Hauses,

Nimm mich auf du heil'ger Ort,

Von dem Laster nie betreten,

Von der Unschuld Hauch durchweht.

Unentweihte, reine Stelle

Werde wie des Tempels Schwelle

Mir zum heiligen Asyl!—

Unerbittlich strenge Macht,

Ha nur diese, diese Nacht,

Diese Nacht nur gönne mir,

Harte! und dann steh ich dir!

(Mit Günther ab.)

Ende des ersten Aufzuges

 

Zweiter Aufzug

Halle wie im vorigen Aufzuge. Dichtes Dunkel.

 

Jaromir (stürzt herein).

Ist die Hölle losgelassen

Und knüpft sich an meine Fersen?

Grinsende Gespenster seh ich

Vor mir, an mir, neben mir,

Und die Angst mit Vampirrüssel

Saugt das Blut aus meinen Adern,

Aus dem Kopfe das Gehirn!

Daß ich dieses Haus betreten!

Engel sah ich an der Schwelle

Und die Hölle

Hauset drin!—

Doch wo bin ich hingeraten

Von der innern Angst getrieben?

Ist dies nicht die würd'ge Halle,

Die den Kommenden empfing?

Still! Die Schläfer nicht zu stören!

Stille! Wenn sie würden innen

Hier mein seltsames Beginnen!

(An des Grafen Gemach horchend.)

Alles stille.

(An der Türe zur linken Seite des Hintergrundes.)

Welche Laute!

Süße Laute, die ich kenne, Die ich einzuschlürfen brenne!

Horch!—ha!—Worte!—Ach sie betet!

Betet!—Betet wohl für mich!

Habe Dank du reine Seele! (Horchend.)

»Heil'ger Engel steh uns bei!«

Steh mir bei du heil'ger Engel!

»Und beschütz uns!«—O beschütz uns!

Ja beschütz mich vor mir selber!

O du süßes, reines Wesen!

Nein, ich kann mich nicht mehr halten,

Ich muß hin, ich muß zu ihr.

Will vor ihr mich niederstürzen

Und an ihrer reinen Seite

Ruh' und Frieden mir erflehn!

Ja sie möge über mir

Wie ob einem Leichnam beten,

Und in ihres Atems Wehn

Will ich heilig auferstehn!

(Er nähert sich der Türe; sie geht auf und die Ahnfrau tritt heraus, mit beiden Händen ernst ihn fortwinkend.)

Jaromir.

Ach, da bist du ja du Holde!

Ich bin's Teure, zürne nicht!

Wink mich nicht so kalt von dir,

Gönne dem gepreßten Herzen

Die so lang entbehrte Lust,

An der engelreinen Brust,

Aus den himmelklaren Augen

Trost und Ruhe einzusaugen!

(Die Gestalt tritt aus der Türe, die sich hinter ihr schließt, und winkt noch einmal mit beiden Händen ihm Entfernung zu.)

Jaromir.

Ich soll fort? Ich kann nicht, kann nicht!

Wie ich dich so schön, so reizend

Vor den trunknen Augen sehe

Reißt es mich in deine Nähe!

Ha ich fühle, es wird Tag

In der Brust geheimsten Tiefen

Und Gefühle, die noch schliefen,

Schütteln sich und werden wach.—

Kannst du mich so leiden sehn?

Soll ich hier vor dir vergehn?

Laß dich rühren meinen Jammer,

Laß mich ein in deine Kammer!

Hat die Liebe je verwehrt

Was die Liebe heiß begehrt?

(Auf sie zueilend.)

Berta! Meine Berta!

(Wie er sich ihr nähert, hält die Gestalt den rechten Arm mit dem ausgestreckten Zeigefinger ihm entgegen.)

Jaromir (stürzt schreiend zurück).

Ha!

Berta (von innen).

Hör ich dich nicht Jaromir?

(Beim ersten Laut vom Bertas Stimme seufzt die Gestalt und bewegt sich langsam in die Szene. Ehe sie diese noch ganz erreicht hat, tritt Berta aus der Türe, ohne aber die Gestalt zu sehen, da sie nach dem in der entgegengesetzten Ecke stehenden Jaromir blickt.)

Berta (mit einem Lichte kommend).

Jaromir du hier?

Jaromir (die abgehende Gestalt mit den Augen und dem ausgestreckten Finger verfolgend).

Da! Da! Da! Da!

Berta.

Was ist dir begegnet, Lieber?

Warum starrst du also wild

Hin nach jenem düstern Winkel?

Jaromir.

Hier und dort, und dort und hier!

Üb'rall sie und nirgends sie!

Berta.

Himmel, was ist hier geschehn?

Jaromir.

Ei bei Gott, ich bin ein Mann!

Ich vermag was einer kann.

Stellt den Teufel mir entgegen

Und zählt an der Pulse Schlägen

Ob die Furcht mein Herz bewegt!

Doch allein soll er mir kommen.

Grad als grader Feind. Er werbe

Nicht in meiner Phantasie,

Nicht in meinem heißen Hirn

Helfershelfer wider mich!

Komm' er dann als mächt'ger Riese,

Stahl vom Haupte bis zum Fuß,

Mit der Finsternis Gewalt,

Von der Hölle Glut umstrahlt;

Ich will lachen seinem Wüten

Und ihm kühn die Stirne bieten.

Oder komm' als grimmer Leu

Will ihm stehen ohne Scheu,

Auge ihm ins Auge tauchen,

Zähne gegen Zähne brauchen,

Gleich auf gleich. Allein er übe

Nicht die feinste Kunst der Hölle,

Schlau und tückevoll, und stelle

Nicht mich selber gegen mich!

Berta (auf ihn zueilend).

Jaromir, mein Jaromir!

Jaromir (zurücktretend).

O ich kenn dich, schönes Bild!

Nah ich mich wirst du vergehn

Und mein Hauch wird dich verwehn!

Berta (ihn umfassend).

Kann ein Wahnbild so umarmen?

Und blickt also ein Phantom?

Fühle, fühle ich bin's selber

Die in deinen Armen liegt!

Jaromir.

Ja, du bist's! Ich fühle freudig

Deine warmen Pulse klopfen,

Deinen lauen Atem wehn.

Ja, das sind die klaren Augen,

Ja, das ist der liebe Mund,

Ja, das ist die süße Stimme,

Deren wohlbekannter Laut

Frieden auf mich niedertaut.

Ja, du bist's, du bist's, Geliebte!

Berta.

Wohl bin ich's, o wärst du's auch!

Wie du zitterst!

Jaromir.

Zittern! zittern!

Wer sieht das und zittert nicht?

Bin ich doch nur Fleisch und Blut,

Hat doch keine wilde Bärin

Mich im rauhen Forst geboren

Und mit Tigermark genährt,

Steht auf meiner offnen Stirne

Doch der heitre Name: Mensch!

Und der Mensch hat seine Grenzen!

Grenzen, über die hinaus

Sich sein Mut im Staube windet,

Seiner Klugheit Aug' erblindet,

Seine Kraft wie Binsen bricht Und sein Innres zagend spricht:

Bis hierher und weiter nicht!

Berta.

Du bist krank, ach geh zurück,

Geh zurück nach deiner Kammer.

Jaromir.

Eher in die heiße Hölle

Als noch einmal auf die Stelle!

Ehrt Ihr so die Pflicht des Hauses

Und des Gastes heilig Recht?

Arglos und vertrauensvoll

Folgt' ich meinem Führer nach

In das weite Prunkgemach.

Müde, ruhelechzend steig ich

Schnell das hohe Bett hinan

Und das Licht ist ausgetan.

Wehend fühl ich schon den Schlummer,

Mild wie eine Friedenstaube

Mit dem Ölzweig in dem Munde,

Über meinem Haupte schweben,

Und in immer engern Kreisen

Sich auf mich herniederlassen.

Jetzo, jetzo senkt sie sich,

Süße Ruhe fesselt mich.

Da durchzuckt es meine Glieder,

Ich erwache, horch und lausche.

Laut wird's in dem öden Zimmer,

Rauschend wogt es um mich her

Wie ein wehend Ährenmeer,

Seltsam fremde Töne wimmern,

Zuckend fahle Lichter schimmern,

Es gewinnt die Nacht Bewegung

Und der Staub gewinnt Gestalt.

Schleppende Gewänder rauschen

Durch das Zimmer auf und nieder,

Hör es weinen, hör es klagen

Und zuletzt in meiner Nähe Wimmert es ein dreifach Wehe!

Da reiß ich des Bettes Vorhang

Auf in ungestümer Hast;

Und mit tausend Flammenaugen

Starrt die Nacht mich glotzend an.

Lichter seh ich schwindelnd drehen

Und mit tausend fahlen Ringen

Schnell sich ineinander schlingen,

Und nach mir streckt's hundert Hände,

Kriecht an mich mit hundert Füßen,

Fletscht auf mich aus hundert Fratzen.

Und an meines Bettes Füßen

Dämmert es wie Mondenlicht,

Und ein Antlitz tauchet auf

Mit geschloßnen Leichenaugen,

Mit bekannten, holden Zügen,

Ja, mit deinen, deinen Zügen.

Jetzt reißt es die Augen auf,

Starrt nach mir hin, und Entsetzen

Zuckt mir reißend durchs Gehirn.

Auf spring ich vom Flammenlager,

Und durchs flirrende Gemach

Stürz ich fort, der Spuk mir nach.

Wie von Furien gepeitscht

Lang ich an hier in der Halle.

Da hört' ich dich Holde beten,

Will zu dir ins Zimmer treten,

Da verstellt mir—Siehst du? Siehst du?

Berta.

Was Geliebter?

Jaromir.

Siehst du nicht?

Dort im Winkel, wie sich's regt,

Wie's gestaltlos sich bewegt!

Berta.

Es ist nichts Geliebter, nichts, Als die wilde Ausgeburt

Der erhitzten Phantasie.

Du bist müde, ruh ein wenig,

Setz dich hier in diesen Stuhl.

Ich will schützend bei dir stehn,

Labekühlung zu dir wehn.

Jaromir (sitzend, an ihre Brust gelehnt).

Habe Dank, du treue Seele!

Süßes Wesen, habe Dank!

Schling um mich her deine Arme,

Daß der Hölle Nachtgespenster,

Scheu vor dem geweihten Kreise,

Nicht in meine Nähe treten.

Lieg ich so in deinen Armen,

Angeweht von deinem Atem,

Über mir dein holdes Auge;

Dünkt es mich auf Rosenbetten

In des Frühlings Hauch zu schlummern,

Klar den Himmel über mir.

(Der Graf kömmt.)

Graf.

Wer ist hier noch in der Halle?

Berta, du? Und ihr?

Berta.

Mein Vater!—

Jaromir.

Weiß ich doch kaum was ich sagen,

Weiß kaum wie ich's sagen soll.

Töricht werdet Ihr mich nennen,

Und fast möcht' ich's selber tun,

Fühlt' ich nicht im tiefsten Innern

Jede meiner Fibern beben,

Beben, ja; und Ihr mögt glauben,

Es gibt Menschen, welche leichter Zu erschüttern sind als ich.

Graf.

Wie versteh ich?—

Berta.

Ach, so hört nur,

Oben in der Erkerstube

Hatte man ihn hingewiesen.

Schon senkt schlummernd sich sein Auge,

Da erhebt sich plötzlich—

Graf.

Ah!

Zählt man dich schon zu den Meinen?

Ist's in jenen dunkeln Orten

Also auch schon kundgeworden

Sohn, daß du mir teuer bist.

Warum kamst du auch hierher!

Glaubtest du, getäuschter Jüngling,

Wir hier feiern Freudenfeste?

Sieh uns nur einmal beisammen

In der weiten, öden Halle,

An dem freudelosen Tische;

Wie sich da die Stunden dehnen,

Das Gespräch in Pausen stockt,

Bei dem leisesten Geräusche

Jedes rasch zusammenfährt,

Und der Vater seiner Tochter

Nur mit Angst und innerm Grauen

Wagt ins Angesicht zu schauen,

Ungewiß, ob es sein Kind,

Ob's ein höllisch Nachtgesicht

Das mit ihm zur Stunde spricht.

Sieh, mein Sohn, so leben die,

Die das Unglück hat gezeichnet!

Und du willst den mut'gen Sinn,

Willst die rasche Lebenslust

Und den Frieden deiner Brust, Köstlich hohe Güter, werfen

Rasch in unsers Hauses Brand?

O mein Kind, du wirst nicht löschen,

Wirst mit uns nur untergehn.

Flieh, mein Sohn, weil es noch Zeit ist:

Nur ein Tor baut seine Hütte

Hin auf jenes Platzes Mitte,

Den der Blitz getroffen hat.

Jaromir.

Möge was da will geschehn,

Ich will Euch zur Seite stehn,

Muß es, mit Euch untergehn!

Graf.

Nun wohlan, ist das dein Glaube,

So komm her an meine Brust

So, und dieser Vaterkuß

Schließt dich ein in unsre Leiden,

Schließt dich ein in unsre Freuden.

Ja in unsre Freuden, Sohn,

Ist kein Dorn doch also schneidend,

Daß er nicht auch Rosen trägt.

(Der Alte setzt sich, von Jaromir und Berta unterstützt, in den Stuhl. Die beiden stehen Hand in Hand vor ihm.)

So, habt Dank, habt Dank, ihr Lieben!—

Seh ich euch so vor mir stehen,

Mit dem freudetrunknen Auge,

Mit dem lebensmut'gen Blick,

Will die Hoffnung neu sich regen,

Und erloschne, dunkle Bilder

Aus entschwundnen, schönern Tagen

Dämmern auf in meiner Brust.

Seid willkommen Duftgestalten,

Froh und schmerzlich mir willkommen!

(Er versinkt in Nachdenken.)

Jaromir.

Berta, sieh doch nur, dein Vater!

Berta (mit ihm etwas zurücktretend).

Laß ihn nur, er pflegt so öfter

Und sieht ungern sich gestört.

Aber, Lieber, sei vergnügt!

Sieh, mein Vater weiß schon alles.

Jaromir (rasch).

Alles?

Berta.

Ja, und scheint's zu bill'gen!

Heute nur—er war so gut,

Ach so gut, so mild und sanft.

Sanfter, gütiger als du,

Der du kalt und trocken stehst,

Während ich nicht Worte finde,

Für mein Fühlen, für mein Glück.

Jaromir.

Glaube mir—

Berta.

Ei, glauben, glauben!

Besser stünd' es dem zu schweigen,

Der nicht weiß wie Liebe spricht:

Kann der Blick nicht überzeugen,

Überred't die Lippe nicht.

Sieh, man hat mir wohl erzählet,

Daß es leichte Menschen gebe,

Deren Liebe nicht bloß brennt

Auch verbrennt, und dann erlischt:

Menschen, die die Liebe lieben,

Aber nicht den Gegenstand;

Schmetterlinge, bunte Gaukler,

Die die keusche Rose küssen,

Aber nicht weil sie die Rose, Weil sie eine Blume ist.

Bist du auch so, Stummer, Böser?

(Vom Nährahmen eine Schärpe nehmend.)

Ich will dir die Flügel binden,

Binden—binden Trotz'ger—binden

Daß kein Gott sie lösen soll!

Jaromir.

Süßes Wesen!—

(Sie bindet ihm die Schärpe um.)

Graf (hinüberblickend).

Wie sie glüht!

Wie es sie hinüberzieht!

Aller Widerstand genommen

Und im Strudel fortgeschwommen.

Nun Wohlan, es sei! Der Himmel

Scheint mir selbst den Weg zu zeigen,

Den ich wandeln soll und muß.

Stemmt gleich manches sich entgegen,

Glimmt gleich in der tiefsten Brust

Noch verborgen mancher Funke

Von der einst so mächt'gen Glut.

Töricht Treiben! Eitles Trachten!

Der Palast ist eingesunken,

Kaum noch geben seine Trümmer

Eine Hütte für mein Kind.

Wohl es sei! Ach wie so schwer

Lösen sich die Hoffnungen,

In der Jugend Lenz empfangen,

Holde Zeichen, eingegraben

In des Bäumchens frische Rinde,

Aus des Alters morscher Brust.

Als sie mir geboren ward

Und vor mir lag in der Wiege

Freundlich lächelnd, schön und hold, Wie durchlief ich im Gedanken

Die Geschlechter unsers Landes,

Sorgsam wählend, kindisch suchend

Nach dem künftigen Gemahl.

Fand den Höchsten noch zu niedrig,

Kaum den Besten gut genug:

Damit ist's nun wohl vorbei!

Ach, ich fühl es wohl, wir scheiden

Kaum so schwer von wahren Freuden,

Als von einem schönen Traum!

Berta (an der Schärpe musternd).

Halt mir still, du Ungeduld'ger!

Graf.

Und ziemt mir so ekles Wählen?

Wenn es wahr was er gesprochen,

Was im Nebel der Erinnrung

Aus der fernen Jugendzeit

Unbestimmt, in sich verfließend

Meine Stirn vorüberschwebt;

Wenn sie wahr die alte Sage,

Daß der Name, den ich trage,

Der mein Stolz war und mein Schmuck,

Nur durch tief geheime Sünden—

Fort Gedanke!—Ha, und doch, und doch!

Berta (ihr Werk betrachtend).

So nun steht es schön und gut.

Aber nun sei mir auch freundlich,

Daß mich nicht die Arbeit reue!

Graf.

Jaromir!

Jaromir (aufgeschreckt).

Was!—Ihr Herr Graf!

Graf.

Noch bist du uns Kunde schuldig

Von den Deinen, deiner Abkunft.

Jaromir von Eschen heißt du,

Fern am Rhein wardst du geboren,

Dienste suchst du hier im Heer,

So erzählte mir mein Mädchen,

Aber weiter weiß ich nichts.

Jaromir.

Ist doch weiter auch nichts übrig.

Mächtig waren meine Ahnen,

Reich und mächtig. Arm bin ich.

Arm, so arm, daß wenn dies Herz,

Ein entschloßner kräft'ger Sinn

Und ein schwergeprüfter, doch vielleicht

Grade darum festrer Wille

Nicht für etwas gelten können,

Ich nichts habe und nichts bin.

Graf.

Du sagst viel mit wenig Worten.

Also recht! Du bist mein Mann!

Sieh, mein Sohn, ich bin ein Greis.

Die Natur winkt mir zu Grabe,

Und ein dunkel, dumpf Gefühl

Nennt mir nah des Lebens Ziel.

Nie hab ich dem Tod gezittert,

Und auch jetzt schreckt er mich nicht.

Doch dies Mädchen, sie mein Kind.

Könntest du in meinen Tränen,

Hier in meinem Herzen lesen

Was sie alles mir gewesen,

Du verstündest meinen Schmerz.

Daß ich sie allein muß lassen

In der unbekannten Welt,

Macht dem Tode mich erblassen,

Das ist's was so tief mich quält.

Sohn, auf dich ist ihrer Neigung

Schlaferwachtes Aug' gefallen;

Du weißt ihren Wert zu schätzen,

Weißt zu schützen was dir wert;

Du gabst einmal schon dein Leben

Und wirst's freudig wieder geben,

Wenn das Schicksal winkt, für sie.

Dir vertrau ich dieses Kleinod,

Sohn du liebst sie?

Jaromir.

Wie mein Leben!

Graf.

Und du ihn?

Berta.

Mehr als mich selbst.

Graf.

Mög' denn Gottes Finger walten!

Nimm sie hin, die du erhalten!

(Schläge ans Haustor.)

Graf.

Was ist das?—Wer naht so spät

Noch sich dieses Schlosses Toren!

Berta.

Gott, wenn etwa—

Graf.

Sei nicht kindisch.

Glaubst du wohl, verdächtig Volk

Wage sich an feste Schlösser,

Wohlverwahrt und wohlbemannt.

Günther (kömmt).

Herr, ein königlicher Hauptmann

An der Spitze seines Haufens

Bittet Einlaß an der Pforte.

Graf.

Wie? Soldaten?

Günther.

Ja, Herr Graf.

Graf.

Weiß ich gleich nicht was sie suchen,

Öffne ihnen schnell die Pforten,

Stets willkommen sind sie mir.

(Günther geht.)

Graf.

Was führt den hierher zu uns?

Und in dieser Stunde? Gleichviel.

Wird doch seine Gegenwart

Wohl die Stunden uns beflügeln

Dieser peinlich langen Nacht.

Berta.

Jaromir, geh doch zu Bette.

O du bist noch gar nicht wohl!

Sieh, ich fühl's an diesem Zucken,

An dem Stürmen deiner Pulse,

Daß du krank, bedenklich krank!

Jaromir.

Krank? ich krank? Was fällt dir ein!

Stürmen gleich die raschen Pulse,

Grad im Sturme ist mir wohl!

(Günther öffnet die Türe. Der Hauptmann tritt ein.)

Hauptmann.

Ihr verzeihet, mein Herr Graf,

Daß ich noch in später Nacht

Eures Hauses Ruhe störe.

Graf.

Wer des Königs Farben trägt

Dem ist stets mein Haus geöffnet;

Euch, mein Herr, auch ohne sie.

Hauptmann.

Hier grüß ich wohl Eure Tochter?

Graf.

Ja, es ist mein einzig Kind.

Hauptmann.

Wie soll ich mich hier entschuld'gen?

Doch bringt meine Ankunft Schrecken,

Soll sie Schrecken auch zerstreun.

Jene mächt'ge Räuberbande,

Die die Geißel dieser Gegend—

Graf.

Ja, fürwahr, 'ne schwere Geißel!

Dieses Mädchen, meine Tochter,

Daß sie lebt noch, daß sie ist,

Dankt sie nur dem kühnen Mute

Ihres wackern Bräutigams

Jaromir von Eschen hier.

Ja er selbst, noch diese Nacht

Ward im Forst er überfallen,

Seine Diener ihm erschlagen,

Kaum entging er gleichem Los.

Hauptmann.

Diese Nacht?

Jaromir.

Ja, diese Nacht.

Hauptmann.

Und wann—

Jaromir.

Vor drei Stunden etwa!

Hauptmann (ihn ins Auge fassend, dann zum Grafen). Euer Eidam?

Graf.

Ja, mein Herr.

Hauptmann.

Reistet Ihr ein Stündchen später

War euch jene Angst erspart.

(Zu den übrigen.)

Fürder mögt Ihr ruhig sein

Und nichts Arges mehr befahren,

Denn die Euer Schrecken waren,

Jene Räuber, sind nicht mehr!

Lange schon auf ihren Fersen,

Überfielen wir sie heute.

Nach beherztem, blut'gem Streite

Trat der Sieg auf unsre Seite

Und die Mörderschar erlag.

Teils getötet, teils gefangen,

Retteten sich wen'ge nur;

Wir verfolgen ihre Spur.

Graf.

Nun habt Dank, ihr wackern Krieger,

Habt den wärmsten, besten Dank!

Hauptmann.

Jetzt noch nicht, bis es vollendet.

Ist der Stamm gleich schon gefallen,

Haften doch noch manche Wurzeln;

Und ich hab mir's selbst geschworen,

Als man mich zur Tat erkoren,

Auszurotten diese Brut.

Bauern haben ausgesagt,

Daß hier in des Schlosses Nähe,

In des nahen Weihers Schilf, Den verfallnen Außenwerken

Sich verdächtig Volk gezeigt.

Drum erlaubt, mein edler Graf,

Daß ich hier aus Euerm Schlosse,

Meiner Späher Suchen leite,

Stets bereit nach jeder Seite

Wo es Not tut abzugehn.

Bald, so hoff ich, ist's vorüber.

Ringsum stehen meine Posten;

Wenn sich auch in Busch und Feld

Einer noch verborgen hält

Sollen sie ihn tüchtig fassen,

Ihm ist nur die Wahl gelassen

Zwischen Ketten, zwischen Tod.

Graf.

Dieses Schloß ist nicht mehr mein.

Bis Ihr Euer Werk vollendet,

Ist es Euer, ist des Königs.

O wie lieb ich diesen Eifer,

Der das Rechte schnell ergreift

Und fest hält, was er ergriffen.

Hauptmann.

Nicht mehr Lob, als ich verdiene.

Führ ich hier des Rechtes Sache

Führ ich meine auch zugleich.

Hat doch dieses Räubervolk

Mir mein Stammschloß überfallen,

Und geraubt, gebrannt, gemordet,

Daß noch jetzt bei der Erinnrung

Mir das Herz im Busen bebt.

O mich drängt es, zu bezahlen

Was ich schwer nur schuldig bin.

Ich will schonen, grimmig schonen!

Nicht der Tod in Kampf und Schlacht

Werde dieser Brut zu Teile,

Nein, dem Rad, dem Henkerbeile

Sei ihr schuldig Haupt gebracht.

Berta.

Nicht doch! Wollt Ihr Menschen richten,

Geht als Mensch ans blut'ge Werk!

Hauptmann.

Hättet Ihr gesehn, mein Fräulein,

Was ich sah, mit Schauder sah,

Ihr verschlösset Euer Herz,

Wieset das geschäft'ge Mitleid

Gleich 'nem unverschämten Bettler

Von der streng geschloßnen Tür.

Jene rauchenden Ruinen,

Von der Flamme Glut beschienen,

Greise zagend,

Weiber klagend,

Kinder weinend

An erschlagner Mütter Brüsten

Durch die leergebrannten Wüsten.

Und dazu nun der Gedanke,

Daß die Geldgier, daß die Habsucht

Wen'ger feiger Bösewichter—

Jaromir (vortretend und ihn hart anfassend).

Wollt Ihr dieses holde Wesen,

Ihrer Seele schönen Spiegel,

Der auf seiner klaren Fläche

Rein die Schöpfung stellet dar,

Weil er selber rein und klar,

Mit der Rachsucht gift'gem Hauch,

Mit des Hasses Atem trüben!

Laßt sie süßes Mitleid üben,

Und in dem Gefallnen auch

Den gefallnen Bruder lieben.

O es läßt der Binse wohl

Der gebrochnen Eiche spotten!

Hauptmann.

Rasch ins Feuer, wenn sie brach.

Jaromir.

Eure Zunge richtet scharf;

Doch was vorschnell sie gesündigt

Macht der Arm wohl zögernd gut.

Hauptmann.

Ha, wie nehm ich diese Worte?

Jaromir.

Nehmt sie, Herr, wie ich sie gab.

Hauptmann.

Wär' es nicht an diesem Orte—

Jaromir.

Legtet Ihr den Trotz wohl ab!

Hauptmann.

Warm seh ich Euch Räubern dienen!

Jaromir.

Wer in Not ist, zähl' auf mich!

Hauptmann.

Nah der Beste unter ihnen—

Hauptmann.

Ruft ihn! Vielleicht stellt er sich!

Graf.

Jaromir, was muß ich hören!

Führt der Eifer dich so weit.

Magst du meinen Gast beleid'gen,

Kannst du Menschen wohl verteid'gen,

Welche selber sich verdammt.

Doch was gilt's, trotz dieser Hitze

Hab ich richtig dich erkannt,

Braucht es wen'ge Worte nur

Und dem Fehlgriff folgt die Reue,

Ja du folgst uns selbst ins Freie Auf der Bösewichter Spur.

Jaromir.

Ich?

Graf.

Ja, du!

Jaromir.

Ich, nimmermehr!

Wie? Ich sollte einen Armen,

Einen Stiefsohn des Geschicks,

Den die unnatürlich harte Mutter

Stiefgesinnt hinausgetrieben,

Fern von Wesen seiner Art

Zu des Waldes Nachtrevieren

Wo im Kreis von Raubgetieren

Selber er zum Raubtier ward,

Wie, ich sollt' ihm, wenn er naht,

Alles bietend was er hat,

Mit der Reue herben Zeichen,

Statt der Hand, um die er bat,

Meinen blut'gen Degen reichen?

Wer tut das, und ist ein Mann?

Einen Feind mir, der noch ficht,

Doch zum Häscher taug ich nicht!

Graf.

Und wenn ich nun selber gehe,

Und, des Königs Lehensmann,

Diese Häscher führe an,

Wirst du folgen?

Jaromir.

Ihr?

Graf.

Ja, ich.

Ich mag Menschenleben schonen, Weiß zu schätzen Menschenwert:

Doch laß uns nicht grausam sein

Gegen unsre bessern Brüder

Um den Schlimmen mild zu sein.

Ob das Herz auch ängstlich bebe,

Laß uns tun die strenge Pflicht,

Und damit der Gute lebe

Mit dem Mörder zum Gericht!

Jaromir.

Recht gesprochen! Recht gesprochen!

Daß die Kindlein ruhig schlafen,

Mit den Hunden vor die Tür!

Mir ein Schwert! Ich will hinaus,

Will hinaus auf Menschenleben!

Ei, sie werden tüchtig fechten!

Ist das Leben doch so schön,

Aller Güter erstes, höchstes,

Und wer alles setzt daran,

Wahrlich, der hat recht getan!

Waffen, Waffen! Gebt mir Waffen!

Fort, hinaus! auf Menschenleben!

Laßt die Treiber fertig sein,

Und dann wacker losgejagt,

Bis der späte Morgen tagt!

Waffen! Waffen! Heda Waffen!

Berta.

Sagt' ich Euch es nicht, mein Vater?

Er ist krank, gefährlich krank.

Jaromir.

Ist's doch nur gerechte Strafe!

Seht doch! Konnten sie es wagen

Die Verruchten, rückzuschlagen,

Da auf sie das Schicksal schlug!

Menschen, Menschen!—Toller Wahn!

Außer uns wer geht uns an?

Fort hinaus aus unserm Kahn, Der nur uns und Unsre faßt,

Fort hinaus unnütze Last!

Wenn empor ein Schwimmer taucht,

Schnell das Ruder wohl gebraucht.

Weg vom Rande deine Hände,

Daß sich unser Kahn nicht wende,

In dem Wellenstrudel ende!

Graf.

Jaromir, was ficht dich an?

Jaromir.

Ach verzeiht! Kaum weiß ich's selber!

Es ward mir die Jagdlust rege

Bei der fröhlichen Erzählung

Wie die Netze sei'n gestellt

Und nun bald das Wild gefällt.

Graf (zum Hauptmann).

Ihr verzeihet wohl, mein Herr,

Seht, der Unfall dieser Nacht,

Und dann noch so manches andre,

Hat sein Wesen so zerrüttet,

Daß er kaum er selber noch.

Hauptmann.

So bewegt, in dieser Stimmung

Ist nicht von Beleidigung,

Von Verzeihen nicht die Rede.

Pflegt der Ruhe, Herr von Eschen.

Unser widriges Geschäft,

Hat's gleich seine gute Seite,

Taugt für kein bewegt Gemüt.

Berta.

Wohl, mein Lieber, folge mir.

Jaromir.

Nicht doch! Laß mich! Laß mich! Sieh, Mir ist wohl, wahrhaftig wohl.

Hauptmann.

Uns geziemt es vorzuschlagen,

Anzunehmen steht bei Euch,

Und so nehm ich denn jetzt Urlaub

Zu vollenden mein Geschäft.

Graf.

Doch Herr, kennt Ihr auch die Räuber?

Daß Ihr arglos stille Wandrer

Nicht belästigt ohne Not.

Hauptmann.

Kennen? Ich nicht. Denn im Dunkeln

Überfielen wir sie heute,

Und in Kampfes blut'gem Ringen

Sieht man auf der Feinde Klingen

Mehr als auf ihr Angesicht:

Doch im Vorgemache draußen

Harret einer meiner Leute,

Der, von seinem Trupp getrennt,

Einst in ihre Hand geraten,

Der oft Zeuge ihrer Taten,

Und die Räuber alle kennt.

Heda! Holla!

(Soldat kommt.)

Hauptmann.

Walter komme!

(Soldat ab.)

Graf.

Zwinge dich doch länger nicht,

Jaromir, und geh zu Bette.

Leichenblaß ist dein Gesicht

Und aus deinem düstern Auge

Blickt des Fiebers dumpfe Glut.

Geh zu Bette, lieber Sohn!

(Auf die Seitentüre rechts zeigend.)

Hier in diesem stillen Zimmer

Soll nichts deine Ruhe stören.

Berta.

Jaromir, laß dich erbitten.

Jaromir.

Wohl, ihr wünscht es, und es sei!

Fast fühl ich mich selber unpaß.

(Das Schnupftuch an die Stirne pressend.)

(Walter kömmt.)

Hauptmann.

Komm! Wir machen jetzt die Runde,

Und du folgst mir!

Walter.

Wohl Herr Hauptmann.

Hauptmann.

Ist dir dein Gedächtnis treu;

Wirst du jeden dieser Räuber

Wieder kennen, der sich zeigt?

Walter.

Sicher werd ich, sorget nicht!

Berta (Jaromir führend).

Wie du wankst! Sieh, hier hinein!

(Jaromir geht durch die Seitentüre rechts ab.)

Graf.

So, und jetzt geht denn mit Gott!

Hauptmann.

Eins ist vorher noch zu tun,

Meines Auftrags leichtste Hälfte,

Die mir hier zur schwersten wird.

Aber sei's, ich muß.—Gar manches

Scheint dem Menschen überflüssig

Und ist's dem Soldaten nicht.

Mein Herr Graf, Ihr mögt erlauben,

Daß ich Eures Schlosses Innres

Noch vor allem erst durchforsche.

Graf.

Dieses? Meines Schlosses, Herr?

Hauptmann.

Streng gemessen ist mein Auftrag,

Jede Wohnung zu durchsuchen,

Wem sie sei, wem sie gehöre,

Nach der flücht'gen Räuber Spur.

Mag ich ungestüm erscheinen,

Ich erfülle meine Pflicht.

Und zudem, Ihr mögt verzeihen,

Wer bürgt Euch für Eure Leute?

Graf.

Und wer Euch, denkt Ihr, für mich!

Hauptmann.

Hätt' ich wirklich Euch beleidigt,

So bedenkt—

Graf.

O laßt das! laßt das!

Wird es mir denn nimmer klar

Welcher weite Abgrund scheidet

Das was ist von dem was war.

Muß es mich denn immer mahnen!

Ich gedachte meiner Ahnen,

Deren Wort hier, weit und breit Mehr galt, als der höchste Eid,

Unter denen der Verdacht

Und des Argwohns finstre Macht,

Schamrot sich geweigert hätten

Diese Hallen zu betreten.

Doch ich bin der Letzte und ein Greis!

Nun so glaubt denn Euren Augen!