Die Braut von Messina

Friedrich Schiller · Anhang

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Die Braut von Messina

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The Project Gutenberg EBook of Die Braut von Messina

by Johann Christoph Friedrich von Schiller

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Title: Die Braut von Messina

Author: Johann Christoph Friedrich von Schiller

Release Date: September, 2004 [EBook #6496] [Yes, we are more than one year ahead of schedule] [This file was first posted on December 22, 2002]

Edition: 10

Language: German

 

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DIE BRAUT VON MESSINA ***

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Die Braut von Messina

oder

die feindlichen Brüder.

 

Friedrich Schiller

Ein Trauerspiel mit Chören.

 

Personen.

Donna Isabella, Fürstin von Messina.

Don Manuel und Don Cesar, ihre Söhne.

Beatrice.

Diego.

Boten.

Chor, bestehend aus dem Gefolge der Brüder.

Die Ältesten von Messina, reden nicht.

Über den Gebrauch des Chors in der Tragödie

1. Aufzug 2. Aufzug 3. Aufzug 4. Aufzug

Erster Aufzug. (1)

——————————————————————————— (1) Die Eintheilung in Aufzüge und Auftritte, die sich in der ersten und in allen bisherigen Ausgaben nicht findet, ist dem von Schiller revidirten Hamburger Bühnenmanuscript entnommen.

———————————————————————————

Die Scene ist eine geräumige Säulenhalle, auf beiden Seiten sind Eingänge, eine große Flügelthüre in der Tiefe führt zu einer Kapelle.

 

Erster Auftritt.

 

Donna Isabella in tiefer Trauer, die Ältesten von Messina stehen um sie her.

Isabella.

Der Noth gehorchend, nicht dem eignen Trieb, Tret' ich, ihr greisen Häupter dieser Stadt,

Heraus zu euch aus den verschwiegenen

Gemächern meines Frauensaals, das Antlitz

Vor euren Männerblicken zu entschleiern.

Denn es geziemt der Wittwe, die den Gatten

Verloren, ihres Lebens Licht und Ruhm,

Die schwarz umflorte Nachtgestalt dem Aug

Der Welt in stillen Mauern zu verbergen;

Doch unerbittlich allgewaltig treibt

Des Augenblicks Gebieterstimme mich

An das entwohnte Licht der Welt hervor.

Nicht zweimal hat der Mond die Lichtgestalt

Erneut, seit ich den fürstlichen Gemahl

Zu seiner letzten Ruhestätte trug,

Der mächtigwaltend dieser Stadt gebot,

Mit starkem Arme gegen eine Welt

Euch schützend, die euch feindlich rings umlagert. Er selber ist dahin, doch lebt sein Geist

In einem tapfern Heldenpaare fort Glorreicher Söhne, dieses Landes Stolz.

Ihr habt sie unter euch in freud'ger Kraft

Aufwachsen sehen, doch mit ihnen wuchs

Aus unbekannt verhängnißvollem Samen

Auch ein unsel'ger Bruderhaß empor,

Der Kindheit frohe Einigkeit zerreißend,

Und reifte furchtbar mit dem Ernst der Jahre.

Nie hab' ich ihrer Eintracht mich erfreut;

An diesen Brüsten nährt' ich beide gleich,

Gleich unter sie vertheil' ich Lieb' und Sorge,

Und beide weiß ich kindlich mir geneigt.

In diesem einz'gen Triebe sind sie Eins,

In allem Andern trennt sie blut'ger Streit.

Zwar, weil der Vater noch gefürchtet herrschte, Hielt er durch gleiche Strenge furchtbare

Gerechtigkeit die Heftigbrausenden im Zügel,

Und unter eines Joches Eisenschwere

Bog er vereinend ihren starren Sinn.

Nicht waffentragend durften sie sich nahn,

Nicht in denselben Mauern übernachten.

So hemmt' er zwar mit strengem Machtgebot

Den rohen Ausbruch ihres wilden Triebs;

Doch ungebessert in der tiefen Brust

Ließ er den Haß—der Starke achtet es

Gering, die leise Quelle zu verstopfen,

Weil er dem Strome mächtig wehren kann.

Was kommen mußte, kam. Als er die Augen

Im Tode schloß und seine starke Hand

Sie nicht mehr bändigt, bricht der alte Groll

Gleichwie des Feuers eingepreßte Gluth,

Zur offnen Flamme sich entzündend, los.

Ich sag' euch, was ihr Alle selbst bezeugt:

Messina theilte sich, die Bruderfehde

Löst' alle heil'gen Bande der Natur,

Dem allgemeinen Streit die Losung gebend,

Schwert traf auf Schwert, zum Schlachtfeld ward die Stadt. Ja, diese Hallen selbst bespritzte Blut.

Des Staates Bande sahet ihr zerreißen,

Doch mir zerriß im Innersten das Herz—

Ihr fühltet nur das öffentliche Leiden

Und fragtet wenig nach der Mutter Schmerz.

Ihr kamt zu mir und spracht dies harte Wort:

"Du siehst, daß deiner Söhne Bruderzwist

"Die Stadt empört in bürgerlichem Streit,

"Die, von dem bösen Nachbarn rings umgarnt,

"Durch Eintracht nur dem Feinde widersteht.

"—Du bist die Mutter! Wohl, so siehe zu,

"Wie du der Söhne blut'gen Hader stillst.

"Was kümmert uns, die Friedlichen, der Zank

"Der Herrscher? Sollen wir zu Grunde gehn,

"Weil deine Söhne wüthend sich befehden?

"Wir wollen uns selbst rathen ohne sie

"Und einem andern Herrn uns übergeben,

"Der unser Bestes will und schaffen kann!"

So spracht ihr rauhen Männer, mitleidlos

Für euch nur sorgend und für eure Stadt,

Und wälztet noch die öffentliche Noth

Auf dieses Herz, das von der Mutter Angst

Und Sorgen schwer genug belastet war.

Ich unternahm das nicht zu Hoffende,

Ich warf mit dem zerrißnen Mutterherzen

Mich zwischen die Ergrimmten, Frieden rufend— Unabgeschreckt, geschäftig, unermüdlich

Beschickt' ich sie, den Einen um den Andern,

Bis ich erhielt durch mütterliches Flehn,

Das sie's zufrieden sind, in dieser Stadt

Messina, in dem väterlichen Schloß

Unfeindlich sich von Angesicht zu sehn,

Was nie geschah, seitdem der Fürst verschied.

Dies ist der Tag! Des Boten harr' ich stündlich, Der mir die Kunde bringt von ihrem Anzug.

—Seid denn bereit, die Herrscher zu empfangen Mit Ehrfurcht, wie's dem Unterthanen ziemt.

Nur eure Pflicht zu leisten seid bedacht, Für's Andre laßt uns Andere gewähren.

Verderblich diesem Land und ihnen selbst

Verderbenbringend war der Söhne Streit;

Versöhnt, vereinigt, sind sie mächtig gnug,

Euch zu beschützen gegen eine Welt

Und Recht sich zu verschaffen—gegen euch!

(Die Ältesten entfernen sich schweigend, die Hand auf der Brust. Sie winkt einem alten Diener, der zurückbleibt.)

 

Zweiter Auftritt.

 

Isabella. Diego.

Isabella.

Diego!

Diego.

Was gebietet meine Fürstin?

Isabella.

Bewährter Diener! Redlich Herz! Tritt näher!

Mein Leiden hast du, meinen Schmerz getheilt, So theil' auch jetzt das Glück der Glücklichen.

Verpfändet hab' ich deiner treuen Brust

Mein schmerzlich süßes, heiliges Geheimniß.

Der Augenblick ist da, wo es ans Licht

Des Tages soll hervorgezogen werden.

Zu lange schon erstickt' ich der Natur

Gewalt'ge Regung, weil noch über mich

Ein fremder Wille herrisch waltete.

Jetzt darf sich ihre Stimme frei erheben,

Noch heute soll dies Herz befriedigt sein,

Und dieses Haus, das lang verödet war,

Versammle Alles, was mir theuer ist.

So lenke denn die alterschweren Tritte Nach jenem wohlbekannten Kloster hin,

Das einen theuren Schatz mir aufbewahrt.

Du warst es, treue Seele, der ihn mir

Dorthin geflüchtet hat auf beßre Tage,

Den traur'gen Dienst der Traurigen erzeigend.

Du bringe fröhlich jetzt der Glücklichen

Das theure Pfand zurück.

(Man hört in der Ferne blasen.)

O eile, eile

Und laß die Freude deinen Schritt verjüngen!

Ich höre kriegerischer Hörner Schall,

Der meiner Söhne Einzug mir verkündigt.

(Diego geht ab. Die Musik läßt sich noch von einer entgegengesetzten Seite immer näher und näher hören.)

Isabella.

Erregt ist ganz Messina—Horch! ein Strom

Verworrner Stimmen wälzt sich brausend her— Sie sind's! Das Herz der Mutter, mächtig schlagend, Empfindet ihrer Nähe Kraft und Zug.

Sie sind's! O meine Kinder, meine Kinder! (Sie eilt hinaus.)

 

Dritter Auftritt.

 

Chor tritt auf.

Er besteht aus zwei Halbchören, welche zu gleicher Zeit, von zwei entgegengesetzten Seiten, der eine aus der Tiefe, der andere aus dem Vordergrund eintreten, rund um die Bühne gehen und sich alsdann auf derselben Seite, wo jeder eingetreten, in eine Reihe stellen. Den einen Halbchor bilden die ältern, den andern die jüngern Ritter; beide sind durch Farbe und Abzeichen verschieden. Wenn beide Chöre einander gegenüber stehen, schweigt der Marsch, und die beiden Chorführer reden. (2)

——————————————————————————— (2) Anmerkung. Der Verfasser hat bei Übersendung des Manuscripts an das Theater zu Wien einen Vorschlag beigefügt, wie die Reden des Chors unter einzelne Personen vertheilt werden könnten. Der erste Chor sollte nämlich aus Cajetan, Berengar, Manfred, Tristan und acht Rittern Don Manuels, der zweite aus Bohemund, Roger, Hippolit und neun Rittern Don Cesars bestehen. Was jede dieser Personen nach des Verfassers Plane zu sagen haben würde, ist bei dieser Ausgabe angedeutet worden.

———————————————————————————

Erster Chor. (Cajetan.)

Dich begrüß' ich in Ehrfurcht,

Prangende Halle,

Dich, meiner Herrscher

Fürstliche Wiege,

Säulengetragenes herrliches Dach.

Tief in der Scheide

Ruhe das Schwert,

Vor den Thoren gefesselt

Liege des Streits schlangenhaarigtes Scheusal.

Denn des gastlichen Hauses

Unverletzliche Schwelle

Hütet der Eid, der Erinyen Sohn,

Der furchtbarste unter den Göttern der Hölle!

Zweiter Chor. (Bohemund.)

Zürnend ergrimmt mir das Herz im Busen,

Zu dem Kampf ist die Faust geballt,

Denn ich sehe das Haupt der Medusen,

Meines Feindes verhaßte Gestalt.

Kaum gebiet' ich dem kochenden Blute.

Gönn' ich ihm die Ehre des Worts?

Oder gehorch' ich dem zürnenden Muthe?

Aber mich schreckt die Eumenide,

Die Beschirmerin dieses Orts,

Und der waltende Gottesfriede.

Erster Chor. (Cajetan.)

Weisere Fassung

Ziemet dem Alter, Ich, der Vernünftige, grüße zuerst. (Zu dem zweiten Chor.)

Sei mir willkommen,

Der du mit mir

Gleiche Gefühle

Brüderlich theilend,

Dieses Palastes

Schützende Götter

Fürchtend verehrst!

Weil sich die Fürsten gütlich besprechen,

Wollen auch wir jetzt Worte des Friedens

Harmlos wechseln mit ruhigem Blut,

Denn auch das Wort ist, das heilende, gut.

Aber treff' ich dich draußen im Freien,

Da mag der blutige Kampf sich erneuen,

Da erprobe das Eisen den Muth.

Der ganze Chor.

Aber treff ich dich draußen im Freien,

Da mag der blutige Kampf sich erneuen,

Da erprobe das Eisen den Muth.

Erster Chor. (Berengar.)

Dich nicht hass' ich! Nicht du bist mein Feind! Eine Stadt ja hat uns geboren,

Jene sind ein fremdes Geschlecht.

Aber wenn sich die Fürsten befehden,

Müssen die Diener sich morden und tödten,

Das ist die Ordnung, so will es das Recht.

Zweiter Chor. (Bohemund.)

Mögen sie's wissen,

Warum sie sich blutig

Hassend bekämpfen! Mich ficht es nicht an.

Aber wir fechten ihre Schlachten;

Der ist kein Tapfrer, kein Ehrenmann,

Der den Gebieter läßt verachten.

Der ganze Chor.

Aber wir fechten ihre Schlachten;

Der ist kein Tapfrer, kein Ehrenmann,

Der den Gebieter läßt verachten.

Einer aus dem Chor. (Berengar.)

Hört, was ich bei mir selbst erwogen,

Als ich müßig daher gezogen,

Durch des Korus hochwallende Gassen,

Meinen Gedanken überlassen.

Wir haben uns in des Kampfes Wuth

Nicht besonnen und nicht berathen,

Denn uns bethörte das brausende Blut.

Sind sie nicht unser, diese Saaten?

Diese Ulmen, mit Reben umsponnen,

Sind sie nicht Kinder unsrer Sonnen?

Könnten wir nicht in frohem Genuß

Harmlos vergnügliche Tage spinnen,

Lustig das leichte Leben gewinnen?

Warum ziehn wir mit rasendem Beginnen

Unser Schwert für das fremde Geschlecht?

Es hat an diesem Boden kein Recht.

Auf dem Meerschiff ist es gekommen

Von der Sonne röthlichem Untergang;

Gastlich haben wir's aufgenommen

(Unsre Väter! Die Zeit ist lang),

Und jetzt sehen wir uns als Knechte,

Unterthan diesem fremden Geschlechte!

Ein Zweiter. (Manfred.)

Wohl! Wir bewohnen ein glückliches Land,

Das die himmelumwandelnde Sonne

Ansieht mit immer freundlicher Helle,

Und wir können es fröhlich genießen;

Aber es läßt sich nicht sperren und schließen,

Und des Meers rings umgebende Welle,

Sie verräth uns dem kühnen Corsaren,

Die die Küste verwegen durchkreuzt.

Einen Segen haben wir zu bewahren,

Der das Schwert nur des Fremdlings reizt.

Sklaven sind wir in den eigenen Sitzen,

Das Land kann seine Kinder nicht schützen.

Nicht, wo die goldene Ceres lacht

Und der friedliche Pan, der Flurenbehüter,

Wo das Eisen wächst in der Berge Schacht,

Da entspringen der Erde Gebieter.

Erster Chor. (Cajetan.)

Ungleich vertheilt sind des Lebens Güter

Unter der Menschen flücht'gem Geschlecht;

Aber die Natur, sie ist ewig gerecht.

Uns verlieh sie das Mark und die Fülle,

Die sich immer erneuend erschafft,

Jenen ward der gewaltige Wille

Und die unzerbrechliche Kraft.

Mit der furchtbaren Stärke gerüstet,

Führen sie aus, was dem Herzen gelüstet,

Füllen die Erde mit mächtigem Schall;

Aber hinter den großen Höhen

Folgt auf der tiefe, der donnernde Fall.

Darum lob' ich mir niedrig zu stehen,

Mich verbergend in meiner Schwäche.

Jene gewaltigen Wetterbäche,

Aus des Hagels unendlichen Schlossen,

Aus den Wolkenbrüchen zusammen geflossen, Kommen finster gerauscht und geschossen,

Reißen die Brücken und reißen die Dämme

Donnernd mit fort im Wogengeschwemme,

Nichts ist, das die Gewaltigen hemme.

Doch nur der Augenblick hat sie geboren,

Ihres Laufes furchtbare Spur

Geht verrinnend im Sande verloren,

Die Zerstörung verkündigt sie nur.

—Die fremden Eroberer kommen und gehen;

Wir gehorchen, aber wir bleiben stehen.

Die hintere Thüre öffnet sich; Donna Isabella erscheint zwischen ihren Söhnen Don Manuel und Don Cesar.

Beide Chöre. (Cajetan.)

Preis ihr und Ehre,

Die uns dort aufgeht,

Eine glänzende Sonne!

Knieend verehr' ich dein herrliches Haupt.

Erster Chor. (Berengar.)

Schön ist des Mondes

Mildere Klarheit

Unter der Sterne blitzendem Glanz,

Schön ist der Mutter

Liebliche Hoheit

Zwischen der Söhne feuriger Kraft;

Nicht auf der Erden

Ist ihr Bild und ihr Gleichniß zu sehn.

Hoch auf des Lebens (3)

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(3) Anmerkung. Nach der Absicht des Verf. sollte die Stelle: "Hoch auf des Lebens—ihrem Sohn" auf dem Theater wegbleiben.

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Gipfel gestellt,

Schließt sie blühend den Kreis des Schönen,

Mit der Mutter und ihren Söhnen

Krönt sich die herrlich vollendete Welt.

Selber die Kirche, die göttliche, stellt nicht

Schöneres dar auf dem himmlischen Thron;

Höheres bildet

Selber die Kunst nicht, die göttlich geborne,

Als die Mutter mit ihrem Sohne.

Zweiter Chor. (Bohemund.)

Freudig sieht sie aus ihrem Schooße

Einen blühenden Baum sich erheben,

Der sich ewig sprossend erneut.

Denn sie hat ein Geschlecht geboren,

Welches wandeln wird mit der Sonne

Und den Namen geben der rollenden Zeit.

(Roger.)

Völker verrauschen,

Namen verklingen,

Finstre Vergessenheit

Breitet die dunkelnachtenden Schwingen

Über ganzen Geschlechtern aus.

Aber der Fürsten

Einsame Häupter

Glänzen erhellt,

Und Aurora berührt sie

Mit den ewigen Strahlen

Als die ragenden Gipfel der Welt.

 

Vierter Auftritt.

 

Isabella (mit ihren Söhnen hervortretend).

Blick' nieder, hohe Königin des Himmels,

Und halte deine Hand auf dieses Herz,

Daß es der Übermuth nicht schwellend hebe;

denn leicht vergäße sich der Mutter Freude,

Wenn sie sich spiegelt in der Söhne Glanz,

Zum Erstenmal, seitdem ich sie geboren,

Umfass' ich meines Glückes Fülle ganz.

Denn bis auf diesen Tag mußt' ich gewaltsam

Des Herzens fröhliche Ergießung theilen;

Vergessen ganz mußt' ich den einen Sohn,

Wenn ich der Nähe mich des andern freute.

O, meine Mutterliebe ist nur eine,

Und meine Söhne waren ewig zwei!

—Sagt, darf ich ohne Zittern mich der süßen

Gewalt des trunknen Herzens überlassen? (Zu Don Manuel.) Wenn ich die Hand des Bruders freundlich drücke, Stoß' ich den Stachen nicht in deine Brust? (Zu Don Cesar.) Wenn ich das Herz an seinem Anblick weide,

Ist's nicht ein Raub an Dir?—O, ich muß zittern, Daß meine Liebe selbst, die ich euch zeige,

Nur eures Hasses Flammen heft'ger schüre.

(Nachdem sie Beide fragend angesehen.)

Was darf ich mir von euch versprechen? Redet! Mit welchem Herzen kamet ihr hieher?

Ist's noch der alte unversöhnte Haß,

Den ihr mit herbringt in des Vaters Haus,

Und wartet draußen vor des Schlosses Thoren

Der Krieg, auf Augenblicke nur gebändigt

Und knirschend in das eherne Gebiß,

Um alsobald, wenn ihr den Rücken mir

Gekehrt, mit neuer Wuth sich zu entfesseln?

Chor. (Bohemund.)

Krieg oder Frieden! Noch liegen die Loose

Dunkel verhüllt in der Zukunft Schooße!

Doch es wird sich noch, eh wir uns trennen, entscheiden; Wir sein bereit und gerüstet zu beiden.

Isabella (im ganzen Kreis umherschauend.)

Und welcher furchtbar kriegerische Anblick!

Was sollen Diese hier? Ist's eine Schlacht,

Die sich in diesen Sälen zubereitet?

Wozu die fremde Schaar, wenn eine Mutter

Das Herz aufschließen will vor ihren Kindern? Bis in den Schooß der Mutter fürchtet ihr

Der Arglist Schlingen, tückischen Verrath,

Daß ihr den Rücken euch besorglich deckt?

—O diese wilden Banden, die euch folgen,

Die raschen Diener eures Zorns—sie sind

Nicht eure Freunde! Glaubet nimmermehr, Daß sie euch wohlgesinnt zum Besten rathen!

Wie könnten sie's von Herzen mit euch meinen, Den Fremdlingen, dem eingedrungnen Stamm, Der aus dem eignen Erbe sie vertrieben,

Sich über die der Herrschaft angemaßt?

Glaubt mir! Es liebt ein Jeder, frei sich selbst

Zu leben nach dem eigenen Gesetz;

Die fremde Herrschaft wird mit Neid ertragen.

Von eurer Macht allein und ihrer Furcht

Erhaltet ihr den gern versagten Dienst.

Lernt dies Geschlecht, das herzlos falsche, kennen! Die Schadenfreude ist's, wodurch sie sich

An eurem Glück, an eurer Größe rächen.

Der Herrscher Fall, der hohen Häupter Sturz

Ist ihrer Lieder Stoff und ihr Gespräch,

Was sich vom Sohn zum Enkel forterzählt,

Womit sie sich die Winternächte kürzen.

—O meine Söhne! Feindlich ist die Welt

Und falsch gesinnt! Es liebt ein Jeder nur

Sich selbst; unsicher, los und wandelbar

Sind alle Bande, die das leichte Glück

Geflochten—Laune löst, was Laune knüpft—

Nur die Natur ist redlich! Sie allein

Liegt an dem ew'gen Ankergrunde fest,

Wenn alles Andre auf den sturmbewegten Wellen Des Lebens unstet treibt—Die Neigung gibt

Den Freund, es gibt der Vortheil den Gefährten; Wohl Dem, dem die Geburt den Bruder gab!

Ihn kann das Glück nicht geben! Anerschaffen

Ist ihm der Freund, und gegen eine Welt

Voll Kriegs und Truges steht er zweifach da!

Chor. (Cajetan.)

Ja, es ist etwas Großes, ich muß es verehren,

Um einer Herrscherin fürstlichen Sinn,

Über der Menschen Thun und Verkehren

Blickt sie mit ruhiger Klarheit hin.

Uns aber treibt das verworrene Streben

Blind und sinnlos durchs wüste Leben.

Isabella. (zu Don Cesar).

Du, der das Schwert auf seinen Bruder zückt,

Sieh dich umher in dieser ganzen Schaar,

Wo ist ein edler Bild als deines Bruders? (Zu Don Manuel.) Wer unter Diesen, die du Freunde nennst,

Darf deinem Bruder sich zur Seite stellen?

Ein Jeder ist ein Muster seines Alters,

Und Keiner gleicht, und Keiner weicht dem Andern. Wagt es, euch in das Angesicht zu sehn!

O Raserei der Eifersucht, des Neides!

Ihn würdest du aus Tausenden heraus

Zum Freunde dir gewählt, ihn an das Herz

Geschlossen haben als den Einzigen;

Und jetzt, da ihn die heilige Natur

Dir gab, dir in der Wiege schon ihn schenkte,

Trittst du, ein Frevler an dem eignen Blut,

Mit stolzer Willkür ihr Geschenk mit Füßen,

Dich wegzuwerfen an den schlechtern Mann,

Dich an den Feind und Fremdling anzuschließen!

Don Manuel.

Höre mich, Mutter!

Don Cesar.

Mutter, höre mich!

Isabella.

Nicht Worte sind's, die diesen traur'gen Streit

Erledigen—Hier ist das Mein und Dein,

Die Rache von der Schuld nicht mehr zu sondern. —Wer möchte noch das alte Bette finden

Des Schwefelstroms, der glühend sich ergoß?

Des unterird'schen Feuers schreckliche

Geburt ist Alles, eine Lavarinde

Liegt aufgeschichtet über dem Gesunden,

Und jeder Fußtritt wandelt auf Zerstörung.

—Nur dieses Eine leg' ich euch ans Herz:

Das Böse, das der Mann, der mündige,

Dem Manne zufügt, das, ich will es glauben, Vergibt sich und versöhnt sich schwer. Der Mann Will seinen Haß, und keine Zeit verändert

Den Rathschluß, den er wohl besonnen faßt.

Doch eures Haders Ursprung steigt hinauf

In unverständ'ger Kindheit frühe Zeit,

Sein Alter ist's, was ihn entwaffnen sollte.

Fragte zurück, was euch zuerst entzweite;

Ihr wißt es nicht, ja, fändet ihr's auch aus,

Ihr würdet auch des kind'schen Haders schämen. Und dennoch ist's der erste Kinderstreit,

Der, fortgezeugt in unglücksel'ger Kette,

Die neuste Unbill dieses Tags geboren.

Denn alle schweren Thaten, die bis jetzt geschahn, Sind nur des Argwohns und der Rache Kinder.

—Und jene Knabenfehde wolltet ihr

Nicht jetzt fortkämpfen, da ihr Männer seid? (Beider Hände fassend.) O, meine Söhne! Kommt, entschließet euch,

Die Rechnung gegenseitig zu vertilgen,

Denn gleich auf beiden Seiten ist das Unrecht.

Seid edel, und großherzig schenkt einander

Die unabtragbar ungeheure Schuld.

Der Siege göttlichster ist das Vergeben!

In eueres Vaters Gruft werft ihn hinab,

Den alten Haß der frühen Kinderzeit!

Der schönen Liebe sei das neue Leben,

Der Eintracht, der Versöhnung sei's geweiht.

(Sie tritt einen Schritt zwischen beiden zurück, als wollte sie ihnen Raum geben, sich einander zu nähern. Beide blicken zur Erde, ohne einander anzusehen.)

Chor. (Cajetan.)

Höret der Mutter vermahnende Rede,

Wahrlich, sie spricht ein gewichtiges Wort!

Laßt es genug sein und endet die Fehde,

Oder gefällt's euch, so setzet sie fort.

Was auch genehm ist, das ist mir gerecht,

Ihr seid die Herrscher, und ich bin der Knecht.

Isabella. (nachdem sie einige Zeit innegehalten und vergebens eine Äußerung der Brüder erwartet, mit unterdrücktem Schmerz.) Jetzt weiß ich nichts mehr. Ausgeleert hab' ich

Der Worte Köcher und erschöpft der Bitten Kraft. Im Grabe ruht, der euch gewaltsam bändigte,

Und machtlos steht die Mutter zwischen euch.

—Vollendet! Ihr habt freie Macht! Gehorcht

Dem Dämon, der euch sinnlos wüthend treibt,

Ehrt nicht des Hausgotts heiligen Altar,

Laßt diese Halle selbst, die euch geboren,

Den Schauplatz werden eines Wechselmords.

Vor eurer Mutter Aug zerstöret euch

Mit euren eignen, nicht durch fremde Hände.

Leib gegen Leib, wie das thebanische Paar,

Rückt auf einander an, und wuthvoll ringend,

Umfanget euch mit eherner Umarmung.

Leben um Leben tauschend siege Jeder,

Den Dolch einbohrend nicht des Andern Brust, Daß selbst der Tod nicht eure Zwietracht heile, Die Flamme selbst, des Feuers rothe Säule,

Die sich von eurem Scheiterhaufen hebt,

Sich zweigespalten von einander theile,

Ein schaudernd Bild, wie ihr gestorben und gelebt.

(Sie geht ab. Die Brüder bleiben noch in der vorigen Entfernung von einander stehen.)

 

Fünfter Auftritt.

 

Beide Brüder. Beide Chöre.

Chor. (Cajetan.)

Es sind nur Worte, die sie gesprochen,

Aber sie haben den fröhlichen Muth

In der felsigten Brust mir gebrochen!

Ich nicht vergoß das verwandte Blut.

Nein zum Himmel erheb' ich die Hände:

Ihr seid Brüder! Bedenket das Ende!

Don Cesar (ohne Don Manuel anzusehen).

Du bist der ältre Bruder, rede du!

Dem Erstgebornen weich' ich ohne Schande.

Don Manuel (in derselben Stellung).

Sag' etwas Gutes, und ich folge gern

Dem edeln Beispiel, das der jüngre gibt.

Don Cesar.

Nicht, weil ich für den Schuldigeren mich

Erkenne oder schwächer gar mich fühle—

Don Manuel.

Nicht Kleinmuths zeiht Don Cesarn, wer ihn kennt, Fühlt' er sich schwächer, würd' er stolzer reden.

Don Cesar.

Denkst du von deinem Bruder nicht geringer?

Don Manuel.

Du bist zu stolz zur Demuth, ich zur Lüge.

Don Cesar.

Verachtung nicht erträgt mein edles Herz.

Doch in des Kampfes heftigster Erbittrung

Gedachtest du mit Würde deines Bruders.

Don Manuel.

Du willst nicht meinen Tod, ich habe Proben.

Ein Mönch erbot sich dir, mich meuchlerisch

Zu morden; du bestraftest den Verräther.

Don Cesar (tritt etwas näher).

Hätt' ich dich früher so gerecht erkannt,

Es wäre Vieles ungeschehn geblieben.

Don Manuel.

Und hätt' ich dir ein so versöhnlich Herz

Gewußt, viel Mühe spart' ich dann der Mutter.

Don Cesar.

Du wurdest mir viel stolzer abgeschildert.

Don Manuel.

Es ist der Fluch der Hohen, daß die Niedern

Sich ihres offnen Ohrs bemächtigen.

Don Cesar (lebhaft).

So ist's, die Diener tragen alle Schuld.

Don Manuel.

Die unser Herz in bitterm Haß entfremdet.

Don Cesar.

Die böse Worte hin und wieder trugen.

Don Manuel.

Mit falscher Deutung jede That vergiftet.

Don Cesar.

Die Wunde nährten, die sie heilen sollten.

Don Manuel.

Die Flamme schürten, die sie löschen konnten.

Don Cesar.

Wir waren die Verführer, die Betrogenen!

Don Manuel.

Das blinde Werkzeug fremder Leidenschaft!

Don Cesar.

Ist's wahr, daß alles Andre treulos ist—

Don Manuel.

Und falsch! Die Mutter sagt's, du darfst es glauben!

Don Cesar.

So will ich diese Bruderhand ergreifen—

(Er reicht ihm die Hand hin.)

Don Manuel. (ergreift sie lebhaft).

Die mir die nächste ist auf dieser Welt.

(Beide stehen Hand in Hand und betrachten einander eine Zeitlang schweigend.)

Don Cesar.

Ich seh' dich an, und überrascht, erstaunt

Find' ich in dir der Mutter theure Züge.

Don Manuel.

Und eine Ähnlichkeit entdeckt sich mir

In dir, die mich noch wunderbarer rühret.

Don Cesar.

Bist du es wirklich, der dem jüngern Bruder

So hold begegnet und so gütig spricht?

Don Manuel.

Ist dieser freundlich sanftgesinnte Jüngling

Der übelwollend mir gehäß'ge Bruder?

(Wiederum Stillschweigen; Jeder steht in den Anblick des Andern verloren.)

Don Cesar.

Du nahmst die Pferde von arab'scher Zucht

In Anspruch aus dem Nachlaß unsers Vaters.

Den Rittern, die du schicktest, schlug ich's ab.

Don Manuel.

Sie sind dir lieb, ich denke nicht mehr dran.

Don Cesar.

Nein, nimm die Rosse, nimm den Wagen auch

Des Vaters, nimm sie, ich beschwöre dich!

Don Manuel.

Ich will es thun, wenn du das Schloß am Meere Beziehen willst, um das wir heftig stritten.

Don Cesar.

Ich nehm' es nicht, doch bin ich's wohl zufrieden, Daß wir's gemeinsam brüderlich bewohnen.

Don Manuel.

So sei's! Warum ausschließend Eigenthum

Besitzen, da die Herzen einig sind?

Don Cesar.

Warum noch länger abgesondert leben,

Da wir, vereinigt, jeder reicher werden?

Don Manuel.

Wir sind nicht mehr getrennt, wir sind vereinigt.

(Er eilt in seine Arme.)

Erster Chor (zum zweiten.) (Cajetan.)

Was stehen wir hier noch feindlich geschieden, Da die Fürsten liebend sich umfassen?

Ihrem Beispiel folg' ich und biete dir Frieden,

Wollen wir einander denn ewig hassen?

Sind sie Brüder durch Blutes Bande,

Sind wir Bürger und Söhne von einem Lande.

(Beide Chöre umarmen sich.)

 

Sechster Auftritt.

 

Ein Bote tritt auf.

Zweiter Chor (Zu Don Cesar.) (Bohemund.)

Den Späher, den du ausgesendet, Herr,

Erblick' ich wiederkehrend. Freue dich,

Don Cesar! Gute Botschaft harret dein,

Denn fröhlich strahlt der Blick des Kommenden.

Bote.

Heil mir und Heil der fluchbefreiten Stadt!

Des schönsten Anblicks wird mein Auge froh.

Die Söhne meines Herrn, die Fürsten seh' ich

In friedlichem Gespräche, Hand in Hand,

Die ich in heißer Kampfes Wuth verlassen.

Don Cesar.

Du siehst die Liebe aus des Hasses Flammen

Wie einen neu verjüngten Phönix steigen.

Bote.

Ein zweites leg' ich zu dem ersten Glück!

Mein Botenstab ergrünt von frischen Zweiten!

Don Cesar. (ihn bei Seite führend).

Laß hören, was du bringst.

Bote.

Ein einz'ger Tag

Will Alles, was erfreulich ist, versammeln.

Auch die Verlorene, nach der wir suchten,

Sie ist gefunden, Herr, sie ist nicht weit.

Don Cesar.

Sie ist gefunden! O, wo ist sie? Sprich!

Bote.

Hier in Messina, Herr, verbirgt sie sich.

Don Manuel (zu dem ersten Halbchor gewendet). Von hoher Röthe Gluth seh' ich die Wangen

Des Bruders glänzen, und sein Auge blitzt.

Ich weiß nicht, was es ist; doch ist's die Farbe

Der Freude, und mitfreuend theil' ich sie.

Don Cesar (zu dem Boten).

Komm, führe mich!—Leb wohl, Don Manuel!

Im Arm der Mutter finden wir uns wieder;

Jetzt fordert mich ein dringend Werk von hier. (Er will gehen.) Don Manuel.

Verschieb' es nicht. Das Glück begleite dich.

Don Cesar (besinnt sich und kommt zurück).

Don Manuel! Mehr, als ich sagen kann,

Freut mich dein Anblick—ja, mir ahnet schon, Wir werden uns wie Herzensfreunde lieben,

Der langgebundne Trieb wird freud'ger nur

Und mächt'ger streben in der neuen Sonne.

Nachholen werd' ich das verlorne Leben.

Don Manuel.

Die Blüthe deutet auf die schöne Frucht.

Don Cesar.

Es ist nicht recht, ich fühl's und tadle mich,

Daß ich mich jetzt aus deinen Armen reiße.

Denk' nicht, ich fühle weniger, als du,

Weil ich die festlich schöne Stunde rasch zerschneide.

Don Manuel (mit sichtbarer Zerstreuung).

Gehorche du dem Augenblick! Der Liebe

Gehört von heute an das ganze Leben.

Don Cesar.

Entdeckt' ich dir, was mich von hinnen ruft—

Don Manuel.

Laß mir dein Herz! Dir bleibe dein Geheimniß.

Don Cesar.

Auch kein Geheimniß trenn' uns ferner mehr,

Bald soll die letzte dunkle Falte schwinden!

(Zu dem Chor gewendet.)

Euch künd' ich's an, damit ihr's Alle wisset!

Der Streit ist abgeschlossen zwischen mir

Und dem geliebten Bruder! Den erklär' ich

Für meinen Todfeind und Beleidiger

Und werd' ihn hassen wie der Hölle Pforten,

Der den erloschnen Funken unsers Streits Aufbläst zu neuen Flammen—Hoffe Keiner

Mir zu gefallen oder Dank zu ernten,

Der von dem Bruder Böses mir berichtet,

Mit falscher Dienstbegier den bittern Pfeil

Des raschen Worts geschäftig weiter sendet.

—Nicht Wurzeln auf der Lippe schlägt das Wort, Das unbedacht dem schnellen Zorn entflohen;

Doch, von dem Ohr des Argwohns aufgefangen, Kriecht es wie Schlingkraut endlos treibend fort Und hängt ans Herz sich an mit tausend Ästen: So trennen endlich in Verworrenheit

Unheilbar sich die Guten und die Besten!

(Er umarmt den Bruder noch einmal und geht ab, von dem zweiten Chor begleitet.)

 

Siebenter Auftritt.

 

Don Manuel und der erste Chor.

Chor. (Cajetan.)

Verwundrungsvoll, o Herr, betracht' ich dich,

Und fast muß ich dich heute ganz verkennen.

Mit karger Rede kaum erwiederst du

Des Bruders Liebesworte, der gutmeinend

Mit offnem Herzen dir entgegen kommt.

Versunken in dich selber stehst du da,

Gleich einem Träumenden, als wäre nur

Dein Leib zugegen, und die Seele fern.

Wer so dich sähe, möchte leicht der Kälte

Dich zeihn und stolz unfreundlichen Gemüths; Ich aber will dich drum nicht fühllos schelten,

Denn heiter blickst du, wie ein Glücklicher

Um dich, und Lächeln spielt um deine Wangen.

Don Manuel.

Was soll ich sagen? was erwiedern? Mag Der Bruder Worte finden! Ihn ergreift

Ein überraschend neu Gefühl; er sieht

Den alten Haß aus seinem Busen schwinden,

Und wundernd fühlt er sein verwandtes Herz.

Ich—habe keinen Haß mehr mitgebracht,

Kaum weiß ich noch, warum wir blutig stritten. Denn über allen ird'schen Dingen hoch

Schwebt mir auf Freudenfittigen die Seele,

Und in dem Glanzesmeer, das mich umfängt,

Sind alle Wolken mir und finstre Falten

Des Lebens ausgeglättet und verschwunden.

—Ich sehe diese Hallen, diese Säle,

Und denke mir das freudige Erschrecken

Der überraschten, hoch erstaunten Braut,

Wenn ich als Fürstin sie und Herrscherin

Durch dieses Hauses Pforten führen werde.

—Noch liebt sie nur den Liebenden! Dem Fremdling, Dem Namenlosen hat sie sich gegeben.

Nicht ahnet sie, daß es Don Manuel,

Messina's Fürst ist, der die goldne Binde

Ihr um die schöne Stirne flechten wird.

Wie süß ist's, das Geliebte zu beglücken

Mit ungehoffter Größe Glanz und Schein!

Längst spart' ich mir dies höchste der Entzücken, Wohl bleibt es stets sein höchster Schmuck allein; Doch auch die Hoheit darf das Schöne schmücken, Der goldne Reif erhebt den Edelstein.

Chor. (Cajetan.)

Ich höre dich, o Herr, vom langen Schweigen

Zum erstenmal den stummen Mund entsiegeln. Mit Späheraugen folgt' ich dir schon längst,

Ein seltsam wunderbar Geheimniß ahnend;

Doch nicht erkühnt' ich mich, was du vor mir

In tiefes Dunkel hüllst, dir abzufragen.

Dich reizt nicht mehr der Jagden muntre Lust,

Der Rosse Wettlauf und des Falken Sieg.

Aus der Gefährten Aug verschwindest du,

So oft die Sonne sinkt zum Himmelsrande, Und Keiner unsers Chors, die wir dich sonst

In jeder Kriegs—und Jagdgefahr begleiten,

Mag deines stillen Pfads Gefährte sein.

Warum verschleierst du bis diesen Tag

Dein Liebesglück mit dieser neid'schen Hülle?

Was zwingt den Mächtigen, daß er verhehle?

Denn Furcht ist fern von deiner großen Seele.

Don Manuel.

Geflügelt ist das Glück und schwer zu binden,

Nur in verschloßner Lade wird's bewahrt.

Das Schweigen ist zum Hüter ihm gesetzt,

Und rasch entfliegt es, wenn Geschwätzigkeit

Voreilig wagt, die Decke zu erheben.

Doch jetzt, dem Ziel so nahe, darf ich wohl

Das lange Schweigen brechen, und ich will's.

Denn mit der nächsten Morgensonne Strahl

Ist sie die Meine, und des Dämons Neid

Wird keine Macht mehr haben über mich.

Nicht mehr verstohlen werd' ich zu ihr schleichen, Nicht rauben mehr der Liebe goldne Frucht,

Nicht mehr die Freude haschen auf der Flucht,

Das Morgen wird dem schönen Heute gleichen, Nicht Blitzen gleich, die schnell vorüber schießen Und plötzlich von der Nacht verschlungen sind, Mein Glück wird sein, gleichwie des Baches Fließen, Gleichwie der Sand des Stundenglases rinnt.

Chor. (Cajetan.)

So nenne sie uns, Herr, die dich im Stillen

Beglückt, daß wir dein Loos beneidend rühmen Und würdig ehren unsers Fürsten Braut.

Sag' an, wo du sie fandest, wo verbirgst,

In welches Orts verschwiegner Heimlichkeit?

Denn wir durchziehen schwärmend weit und breit Die Insel auf der Jagd verschlungnen Pfaden,

Doch keine Spur hat uns dein Glück verrathen, So daß ich bald mich überreden möchte,

Es hülle sie ein Zaubernebel ein.

Don Manuel.

Den Zauber lös' ich auf, denn heute noch

Soll, was verborgen war, die Sonne schauen.

Vernehmet denn und hört, wie mir geschah.

Fünf Monde sind's, es herrschte noch im Lande Des Vaters Macht und beugete gewaltsam

Der Jugend starren Nacken in das Joch—

Nichts kannt' ich als der Waffen wilde Freuden Und als des Waidwerks kriegerische Lust.

—Wir hatten schon den ganzen Tag gejagt

Entlang des Waldgebirges—da geschah's,

Daß die Verfolgung einer weißen Hindin

Mich weit hinweg aus eurem Haufen riß.

Das scheue Thier floh durch des Thales Krümmen, Durch Busch und Kluft und bahnenlos Gestrüpp, Auf Wurfes Weite sah ich's stets vor mir,

Doch konnt' ich's nicht erreichen, noch erzielen, Bis es zuletzt an eines Gartens Pforte mir

Verschwand. Schnell von dem Roß herab mich werfend Dring' ich ihm nach, schon mit dem Speere zielend, Da seh' ich wundern das erschrockne Thier

Zu einer Nonne Füßen zitternd liegen,

Die selbst mit zarten Händen schmeichelnd kost. Bewegungslos starr' ich das Wunder an,

Den Jagdspieß in der Hand, zum Wurf ausholend— Sie aber blickt mit großen Augen flehend

Mich an. So stehn wir schweigend gegen einander— Wie lange Frist, das kann ich nicht ermessen,

Denn alles Maß der Zeiten war vergessen.

Tief in die Seele drückt sie mir den Blick,

Und umgewandelt schnell ist mir das Herz.

—Was ich nun sprach, was die Holdsel'ge mir

Erwiedert, möge Niemand mich befragen,

Denn wie ein Traumbild liegt es hinter mir

Aus früher Kindheit dämmerhellen Tagen,

An meiner Brust fühlt' ich die ihre schlagen,

Als die Besinnungskraft mir wieder kam.

Da hört' ich einer Glocke helles Läuten,

Den Ruf zur Hora schien es zu bedeuten, Und schnell, wie Geister in die Luft verwehen, Entschwand sie mir und ward nicht mehr gesehen.

Chor. (Cajetan.)

Mit Furcht, o Herr, erfüllt mich dein Bericht.

Raub hast du an dem Göttlichen begangen,

Des Himmels Braut berührt mit sündigem Verlangen, Denn furchtbar heilig ist des Klosters Pflicht.

Don Manuel.

Jetzt hatt' ich eine Straße nur zu wandeln,

Das unstet schwanke Sehnen war gebunden,

Dem Leben war sein Inhalt ausgefunden.

Und wie der Pilger sich nach Osten wendet,

Wo ihm die Sonne der Verheißung glänzt,

So kehrte sich mein Hoffen und mein Sehnen

Dem einen hellen Himmelspunkte zu.

Kein Tag entstieg dem Meer und sank hinunter, Der nicht zwei glücklich Liebende vereinte.

Geflochten still war unsrer Herzen Bund,

Nur der allsehnde Äther über uns

War des verschwiegnen Glücks vertrauter Zeuge, Es brauchte weiter keines Menschen Dienst.

Das waren goldne Stunden, sel'ge Tage!

—Nicht Raub am Himmel war mein Glück, denn noch Durch kein Gelübde war das Herz gefesselt,

Das sich auf ewig mir zu eigen gab.

Chor. (Cajetan.)

So war das Kloster eine Freistatt nur

Der zarten Jugend, nicht des Lebens Grab?

Don Manuel.

Ein heilig Pfand ward sie dem Gotteshaus

Vertraut, das man zurück einst werde fordern.

Chor. (Cajetan.)

Doch welches Blutes rühmt sie sich zu sein?

Denn nur vom Edeln kann das Edle stammen.

Don Manuel.

Sich selber ein Geheimniß wuchs sie auf,

Nicht kennt sie ihr Geschlecht, noch Vaterland.

Chor. (Cajetan.)

Und leitet keine dunkle Spur zurück

Zu ihres Daseins unbekannten Quellen?

Don Manuel.

Daß sie von edelm Blut, gesteht der Mann,

Der einz'ge, der um ihre Herkunft weiß.

Chor. (Cajetan.)

Wer ist der Mann? Nichts halte mir zurück,

Denn wissend nur kann ich dir nützlich rathen.

Don Manuel.

Ein alter Diener naht von Zeit zu Zeit,

Der einz'ge Bote zwischen Kind und Mutter.

Chor. (Cajetan.)

Von diesem Alten hast du nichts erforscht?

Feigherzig und geschwätzig ist das Alter.

Don Manuel.

Nie wagt' ich's, einer Neugier nachzugeben,

Die mein verschwiegnes Glück gefährden könnte.

Chor. (Cajetan.)

Was aber war der Inhalt seiner Worte,

Wenn er die Jungfrau zu besuchen kam?

Don Manuel.

Auf eine Zeit, die Alles lösen werde,

Hat er von Jahr zu Jahren sie vertröstet.

Chor. (Cajetan.)

Und diese Zeit, die Alles lösen soll,

Hat er sie näher deutend nicht bezeichnet?

Don Manuel.

Seit wenig Monden drohete der Greis

Mit einer nahen Ändrung ihres Schicksals.

Chor. (Cajetan.)

Er drohte, sagst du? Also fürchtest du

Ein Licht zu schöpfen das dich nicht erfreut?

Don Manuel.

Ein jeder Wechsel schreckt den Glücklichen,

Wo kein Gewinn zu hoffen, droht Verlust.

Chor. (Cajetan.)

Doch konnte die Entdeckung, die du fürchtest,

Auch deiner Liebe günst'ge Zeichen bringen.

Don Manuel.

Auch stürzen konnte sie mein Glück; drum wählt' ich Das Sicherste, ihr schnell zuvor zu kommen.

Chor. (Cajetan.)

Wie das, o Herr? Mit Furcht erfüllt du mich,

Und eine rasche That muß ich besorgen.

Don Manuel.

Schon seit den letzten Monden ließ der Greis

Geheimnißvolle Winke sich entfallen,

Daß nicht mehr ferne sei der Tag, der sie

Den Ihrigen zurücke geben werde.

Seit gestern aber sprach er's deutlich aus,

Daß mit der nächsten Morgensonne Strahl—

Dies aber ist der Tag, der heute leuchtet—

Ihr Schicksal sich entscheidend werde lösen.

Kein Augenblick war zu verlieren, schnell

War mein Entschluß gefaßt und schnell vollstreckt. In dieser Nacht raubt' ich die Jungfrau weg

Und brachte sie verborgen nach Messina.

Chor. (Cajetan.)

Welch kühn verwegen-räuberische That!

—Verzeih, o Herr, die freie Tadelrede!

Doch Solches ist des weisern Alters Recht,

Wenn sich die rasche Jugend kühn vergißt.

Don Manuel.

Unfern vom Kloster der Barmherzigen,

In eines Gartens abgeschiedner Stille,

Der von der Neugier nicht betreten wird,

Trennt' ich mich eben jetzt von ihr, hieher

Zu der Versöhnung mit dem Bruder eilend.

In banger Furcht ließ ich sie dort allein

Zurück, die sich nichts weniger erwartet,

Als in dem Glanz der Fürstin eingeholt

Und auf erhabnem Fußgestell des Ruhms

Vor ganz Messina ausgestellt zu werden.

Denn anders nicht soll sie mich wiedersehn,

Als in der Größe Schmuck und Staat und festlich Von eurem ritterlichen Chor umgeben.

Nicht will ich, daß Don Manuels Verlobte

Als eine Heimathlose, Flüchtige

Der Mutter nahen soll, die ich ihr gebe;

Als eine Fürstin fürstlich will ich sie

Einführen in die Hofburg meiner Väter.

Chor. (Cajetan.)

Gebiete, Herr! Wir harren deines Winks.

Don Manuel.

Ich habe mich aus ihrem Arm gerissen,

Doch nur mit ihr werd' ich beschäftigt sein.

Denn nach dem Bazar sollt ihr mich anjetzt

Begleiten, wo die Mohren zum Verkauf

Ausstellen, was das Morgenland erzeugt

An edelm Stoff und feinem Kunstgebild.

Erst wählet aus die zierlichen Sandalen,

Der zartgeformten Füße Schutz und Zier;

Dann zum Gewande wählt das Kunstgewebe

Des Indiers, hellglänzend, wie der Schnee

Des Ätna, der der Nächste ist dem Licht—

Und leicht umfließ' es, wie der Morgenduft,

Den zarten Bau der jugendlichen Glieder.

Von Purpur sei, mit zarten Fäden Goldes

Durchwirkt, der Gürtel, der die Tunica

Unter dem zücht'gen Busen reizend knüpft.

Dazu den Mantel wählt, von glänzender

Seide gewebt, in bleichem Purpur schimmernd, Über der Achsel heft' ihn eine goldne

Cicade—Auch die Spangen nicht vergeßt,

Die schönen Arme reizend zu umzirken,

Auch nicht der Perlen und Korallen Schmuck,

Der Meeresgöttin wundersame Gaben,

Um die Locken winde sich ein Diadem,

Gefüget aus dem köstlichsten Gestein,

Worin der feurig glühende Rubin

Mit dem Smaragd die Farbenblitze kreuze.

Oben im Haarschmuck sei der lange Schleier

Gleich einem hellen Lichtgewölk, umfließe,

Und mit der Myrte jungfräulichem Kranze

Vollende krönend sich das schöne Ganze.

Chor. (Cajetan.)

Es soll geschehen, Herr, wie du gebietest,

Denn fertig und vollendet findet sich

Dies alles auf dem Bazar ausgestellt.

Don Manuel.

Den schönsten Zelter führet dann hervor

Aus meinen Ställen; seine Farbe sei

Lichtweiß, gleichwie des Sonnengottes Pferde, Von Purpur sei die Decke, und Geschirr

Und Zügel reich besetzt mit edeln Steinen,

Denn tragen soll er meine Königin.

Ihr selber haltet euch bereit, im Glanz

Des Ritterstaates, unterm freud'gen Schall

Der Hörner, eure Fürstin heimzuführen.

Dies alles zu besorgen, geh' ich jetzt,

Zwei unter euch erwähl' ich zu Begleitern,

Ihr andern wartet mein—was ihr vernahmt, Bewahrt's in eures Busens tiefem Grunde,

Bis ich das Band gelöst von eurem Munde.

(Er geht ab, von Zweien aus dem Chor begleitet.)

 

Achter Auftritt.

 

Chor. (Cajetan.)

Sage, was werden wir jetzt beginnen,

Da die Fürsten ruhen vom Streit,

Auszufüllen die Leere der Stunden

Und die lange unendliche Zeit?

Etwas fürchten und hoffen und sorgen

Muß der Mensch für den kommenden Morgen, Daß er die Schwere des Daseins ertrage

Und das ermüdende Gleichmaß der Tage,

Und mit erfrischendem Windesweben

Kräuselnd bewege das stockende Leben.

Einer aus dem Chor. (Manfred.)

Schön ist der Friede! Ein lieblicher Knabe

Liegt er gelagert am ruhigen Bach,

Und die hüpfenden Lämmer grasen

Lustig um ihn auf dem sonnigten Rasen,

Süßes Tönen entlockt er der Flöte,

Und das Echo des Berges wird wach,

Oder im Schimmer der Abendröthe

Wiegt ihn in Schlummer der murmelnde Bach— Aber der Krieg auch hat seine Ehre,

Der Beweger des Menschengeschicks;

Mir gefällt ein lebendiges Leben,

Mir ein ewiges Schwanken und Schwingen und Schweben Auf der steigenden, fallenden Welle des Glücks.

Denn der Mensch verkümmert im Frieden,

Müßige Ruh' ist das Grab des Muths.

Das Gesetz ist der Freund des Schwachen, Alles will es nur eben machen,

Möchte gerne die Welt verflachen;

Aber der Krieg läßt die Kraft erscheinen,

Alles erhebt er zum Ungemeinen,

Selber dem Feigen erzeugt er den Muth.

Ein Zweiter. (Berengar.)

Stehen nicht Amors Tempel offen?

Wallet nicht zu dem Schönen die Welt?

Da ist das Fürchten! Da ist das Hoffen!

König ist hier, wer den Augen gefällt!

Auch die Liebe beweget das Leben,

Daß sich die graulichten Farben erheben.

Reizend betrügt sie die glücklichen Jahre,

Die gefällige Tochter des Schaums;

In das Gemeine und Traurigwahre

Webt sie die Bilder des goldenen Traums.

Ein Dritter. (Cajetan.)

Bleibe die Blume dem blühenden Lenze,

Scheine das Schöne, und flechte sich Kränze,

Wem die Locken noch jugendlich grünen;

Aber dem männlichen Alter ziemt's,

Einem ernsteren Gott zu dienen.

Erster. (Manfred.)

Der strengen Diana, der Freundin der Jagden,

Lasset uns folgen ins wilde Gehölz,

Wo die Wälder am dunkelsten nachten,

Und den Springbock stürzen vom Fels.

Denn die Jagd ist ein Gleichniß der Schlachten, Des ernsten Kriegsgotts lustige Braut—

Man ist auf mit dem Morgenstrahl,

Wenn die schmetternden Hörner laden

Lustig hinaus in das dampfende Thal,

Über Berge, über Klüfte,

Die ermatteten Glieder zu baden

In den erfrischenden Strömen der Lüfte!

Zweiter. (Berengar.)

Oder wollen wir uns der blauen

Göttin, der ewig bewegten, vertrauen,

Die uns mit freundlicher Spiegelhelle

Ladet in ihren unendlichen Schooß?

Bauen wir auf der tanzenden Welle

Uns ein lustig schwimmendes Schloß?

Wer das grüne, krystallene Feld

Pflügt mit des Schiffes eilendem Kiele,

Der vermählt sich das Glück, dem gehört die Welt, Ohne die Saat erblüht ihm die Ernte!

Denn das Meer ist der Raum der Hoffnung

Und der Zufälle launisch Reich:

Hier wird der Reiche schnell zum Armen,

Und der Ärmste dem Fürsten gleich.

Wie der Wind mit Gedankenschnelle

Läuft um die ganze Windesrose,

Wechseln hier des Geschickes Loose,

Dreht das Glück seine Kugel um,

Auf den Wellen ist Alles Welle,

Auf dem Meer ist kein Eigenthum.

Dritter. (Cajetan.)

Aber nicht bloß im Wellenreiche,

Auf der wogenden Meeresfluth,

Auch auf der Erde, so fest sie ruht

Auf den ewigen, alten Säulen,

Wanket das Glück und will nicht weilen.

—Sorge gibt mir dieser neue Frieden,

Und nicht fröhlich mag ich ihm vertrauen;

Auf der Lava, die der Berg geschieden,

Möcht' ich nimmer meine Hütte bauen.

Denn zu tief schon hat der Haß gefressen,

Und zu schwere Thaten sind geschehn,

Die sich nie vergeben und vergessen;

Noch hab' ich das Ende nicht gesehn.

Und mich schrecken ahnungsvolle Träume!

Nicht Wahrsagung reden soll mein Mund;

Aber sehr mißfällt mir dies Geheime, Dieser Ehe segenloser Bund,

Diese lichtscheu krummen Liebespfade,

Dieses Klosterraubs verwegne That;

Denn das Gute liebt sich das Gerade,

Böse Früchte trägt die böse Saat.

(Berengar.)

Auch ein Raub war's, wie wir alle wissen,

Der des alten Fürsten ehliches Gemahl

In ein frevelnd Ehebett gerissen,

Denn sie war des Vaters Wahl.

Und der Ahnherr schüttete im Zorne

Grauenvoller Flüche schrecklichen Samen

Auf das sündige Ehebett aus.

Gräuelthaten ohne Namen,

Schwarze Verbrechen verbirgt dies Haus.

Chor. (Cajetan.)

Ja, es hat nicht gut begonnen,

Glaubt mir, und es endet nicht gut;

Denn gebüßt wird unter der Sonnen

Jede That der verblendeten Wuth.

Es ist kein Zufall und blindes Loos,

Daß die Brüder sich wüthend selbst zerstören;

Denn verflucht ward der Mutter Schooß,

Sie sollte den Haß und den Streit gebären.

—Aber ich will es schweigend verhüllen.

Denn die Rachgötter schaffen im Stillen;

Zeit ist's, die Unfälle zu beweinen,

Wenn sie nahen und wirklich erscheinen. (Der Chor geht ab.)

 

Zweiter Aufzug.

 

Erster Auftritt.

Die Scene verwandelt sich in einen Garten, der die Aussicht auf das Meer eröffnet. Aus einem anstoßenden Gartensaale tritt Beatrice, geht unruhig auf und nieder, nach allen Seiten Umherspähend. Plötzlich steht sie still und horcht.

Es ist es nicht—Es war der Winde Spiel,

Die durch der Pinie Wipfel sausend streichen;

Schon neigt die Sonne sich zu ihrem Ziel,

Mit trägem Schritt seh' ich die Stunden schleichen, Und mich ergreift ein schauderndes Gefühl,

Es schreckt mich selbst das wesenlose Schweigen. Nichts zeigt sich mir, wie weit die Blicke tragen; Er läßt mich hier in meiner Angst verzagen.

Und nahe hör' ich, wie ein rauschend Wehr,

Die Stadt, die völkerwimmelnde, ertosen;

Ich höre fern das ungeheure Meer

An seine Ufer dumpferbrandend stoßen.

Es stürmen alle Schrecken auf mich her,

Klein fühl' ich mich in diesem Furchtbargroßen, Und fortgeschleudert, wie das Blatt vom Baume, Verlier' ich mich im grenzenlosen Raume.

Warum verließ ich meine stille Zelle?

Da lebt' ich ohne Sehnsucht, ohne Harm!

Das Herz war ruhig, wie die Wiesenquelle,

An Wünschen leer, doch nicht an Freuden arm. Ergriffen jetzt hat mich des Lebens Welle,

Mich faßt die Welt in ihren Riesenarm;

Zerrissen hab' ich alle frühern Bande,

Vertrauend eines Schwures leichtem Pfande.

Wo waren die Sinne?

Was hab' ich gethan?

Ergriff mich bethörend

Ein rasender Wahn?

Den Schleier zerriß ich

Jungfräulicher Zucht, Die Pforten durchbrach ich der heiligen Zelle!

Umstrickte mich blendend ein Zauber der Hölle? Dem Manne folgt' ich,

Dem kühnen Entführer, in sträflicher Flucht.

O, komm, mein Geliebter!

Wo bleibst du und säumest? Befreie, befreie

Die kämpfende Seele! Mich naget die Reue,

Es faßt mich der Schmerz;

Mit liebender Nähe versichre mein Herz.

Und sollt' ich mich dem Manne nicht ergeben,

Der in der Welt allein sich an mich schloß?

Denn ausgesetzt ward ich ins fremde Leben,

Und frühe schon hat ich ein strenges Loos

(Ich darf den dunkeln Schleier nicht erheben)

Gerissen von dem mütterlichen Schooß.

Nur einmal sah ich sie, die mich geboren,

Doch wie ein Traum ging mir das Bild verloren.

Und so erwuchs ich still am stillen Orte,

In Lebens Gluth den Schatten beigesellt,

—Da stand er plötzlich an des Klosters Pforte,

Schön, wie ein Gott, und männlich, wie ein Held. O, mein Empfinden nennen keine Worte!

Fremd kam er mir aus einer fremden Welt,

Und schnell, als wär' es ewig so gewesen,

Schloß sich der Bund, den keine Menschen lösen.

Vergib, du Herrliche, die mich geboren,

Daß ich, vorgreifend den verhängten Stunden,

Mir eigenmächtig mein Geschick erkoren.

Nicht frei erwählt' ich's, es hat mich gefunden;

Ein dringt der Gott auch zu verschloßnen Thoren, Zu Perseus' Thurm hat er den Weg gefunden,

Dem Dämon ist sein Opfer unverloren.

Wär' es an öde Klippen angebunden

Und an des Atlas himmeltragende Säulen,

So wird ein Flügelroß es dort ereilen.

Nicht hinter mich begehr' ich mehr zu schauen, In keine Heimath sehn' ich mich zurück;

Der Liebe will ich liebend mich vertrauen,

Gibt es ein schönres als der Liebe Glück?

Mit meinem Loos will ich mich gern bescheiden, Ich kenne nicht des Lebens andre Freuden.

Nicht kenn' ich sie und will sie nimmer kennen, Die sich die Stifter meiner Tage nennen,

Wenn sie von dir mich, mein Geliebter, trennen. Ein ewig Räthsel bleiben will ich mir;

Ich weiß genug, ich lebe dir! (Aufmerkend.)

Horch, der lieben Stimme Schall!

—Nein, es war der Wiederhall

Und des Meeres dumpfes Brausen,

Das sich an den Ufern bricht,

Der Geliebte ist es nicht!

Weh mir! Weh mir! Wo er weilet?

Mich umschlingt ein kaltes Grausen!

Immer tiefer

Singt die Sonne! Immer öder

Wird die Öde! Immer schwerer

Wird das Herz—Wo zögert er? (Sie geht unruhig umher.)

Aus des Gartens sichern Mauern

Wag' ich meinen Schritt nicht mehr.

Kalt ergriff mich das Entsetzen,

Als ich in die nahe Kirche

Wagte meinen Fuß zu setzen;

Denn mich trieb's mit mächt'gem Drang

Aus der Seele tiefsten Tiefen,

Als sie zu der Hora riefen,

Hinzuknien an heil'ger Stätte,

Zu der Göttlichen zu flehn,

Nimmer konnt' ich widerstehn.

Wenn ein Lauscher mich erspähte?

Voll von Feinden ist die Welt,

Arglist hat auf allen Pfaden,

Fromme Unschuld zu verrathen, Ihr betrüglich Netz gestellt.

Grauend hab' ich's schon erfahren,

Als ich aus des Klosters Hut

In die fremden Menschenschaaren

Mich gewagt mit frevelm Muth.

Dort, bei jenes Festes Feier,

Da der Fürst begraben ward,

Mein Erkühnen büßt' ich theuer,

Nur ein Gott hat mich bewahrt—

Da der Jüngling mir, der fremde,

Nahte, mit dem Flammenauge,

Und mit Blicken, die mich schreckten,

Mir das Innerste durchzuckten,

In das tiefste Herz mir schaute—

Noch durchschauert kaltes Grauen,

Da ich's denke, mir die Brust!

Nimmer, nimmer kann ich schauen

In die Augen des Geliebten,

Dieser stillen Schuld bewußt! (Aufhorchend.)

Stimmen im Garten!

Er ist's, der Geliebte!

Er selber! Jetzt täuschte

Kein Blendwerk mein Ohr.

Es naht, es vermehrt sich!

In seine Arme!

An seine Brust!

(Sie eilt mit ausgebreiteten Armen nach der Tiefe des Gartens. Don Cesar tritt ihr entgegen.)

 

Zweiter Auftritt.

 

Don Cesar. Beatrice. Der Chor.

Beatrice (mit Schrecken zurückfliehend.)

Weh mir! Was seh' ich!

(In demselben Augenblick tritt auch der Chor ein.)

Don Cesar.

Holde Schönheit, fürchte nichts!

(Zu dem Chor.)

Der rauhe Anblick eurer Waffen schreckt

Die zarte Jungfrau—Weicht zurück und bleibt

In ehrerbiet'ger Ferne!

(Zu Beatricen.)

Fürchte nichts!

Die holde Scham, die Schönheit ist mir heilig.

(Der Chor hat sich zurückgezogen. Er tritt ihr näher und ergreift ihre Hand.)

Wo warst du? Welches Gottes Macht entrückte, Verbarg dich diese lange Zeit? Dich hab' ich

Gesucht, nach dir geforschet; wachend, träumend Warst du des Herzens einziges Gefühl,

Seit ich bei jenem Leichenfest des Fürsten,

Wie eines Engels Lichterscheinung, dich

Zum erstenmal erblickte—Nicht verborgen

Blieb dir die Macht, mit der du mich bezwangst. Der Blicke Feuer und der Lippe Stammeln,

Die Hand, die in der deinen zitternd lag,

Verrieth sie dir—ein kühneres Geständniß

Verbot des Ortes ernste Majestät.

—Der Messe Hochamt rief mich zum Gebet,

Und da ich von den Knieen jetzt erstanden,

Die ersten Blicke schnell auf dich sich heften,

Warst du aus meinen Augen weggerückt;

Doch nachgezogen mit allmächt'gen Zaubers Banden Hast du mein Herz mit allen seinen Kräften.

Seit diesem Tage such' ich rastlos dich

An aller Kirchen und Paläste Pforten,

An allen offnen und verborgnen Orten,

Wo sich die schöne Unschuld zeigen kann,

Hab' ich das Netz der Späher ausgebreitet;

Doch meiner Mühe sah ich keine Frucht,

Bis endlich heut, von einem Gott geleitet, Des Spähers glückbekrönte Wachsamkeit

In dieser nächsten Kirche sich entdeckte.

(Hier macht Beatrice, welche in dieser ganzen Zeit zitternd und abgewandt gestanden, eine Bewegung des Schreckens.)

Ich habe dich wieder, und der Geist verlasse

Eher die Glieder, eh' ich von dir scheide!

Und daß ich fest sogleich den Zufall fasse

Und mich verwahre vor des Dämons Neide,

So red' ich dich vor diesen Zeugen allen

Als meine Gattin an und reiche dir

Zum Pfande deß die ritterliche Rechte. (Er stellt sie dem Chor dar.)

Nicht forschen will ich, wer du bist—Ich will

Nur dich von dir, nichts frag' ich nach dem Andern Daß deine Seele, wie dein Ursprung, rein,

Hat mir dein erster Blick verbürget und beschworen, Und wärst du selbst die Niedrigste geboren,

Du müßtest dennoch meine Liebe sein,

Die Freiheit hab' ich und die Wahl verloren.