Die Ehrgeizige: Novelle

Heinrich Mann · Kapitel 1 von 3

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Die Ehrgeizige: Novelle

D I E N E U E R E I H E

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Title: Die Ehrgeizige

Author: Heinrich Mann

Release Date: July 28, 2013 [EBook #43335]

Language: German

 

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE EHRGEIZIGE ***

 

Produced by Jens Sadowski

D I E N E U E R E I H E

 

B A N D 1 9

 

1.—5.TAUSEND

H E I N R I C H M A N N

 

D I E E H R G E I Z I G E

 

N O V E L L E

 

Verlagslogo

 

1 9 2 0

M Ü N C H E N

R O L A N D - V E R L A G D R . A L B E RT M U N D T

Daß er der Frau des Gemeindesekretärs die schöne Alba Nardini vorzog,

mußte der junge Tenor Nello Gennari mit dem Leben büßen. Frau Camuzzi hatte

geschickt gehandelt; niemand ahnte, sie sei es gewesen, die Alba auf die Frau

des Schneiders eifersüchtig gemacht und sie in solchen Wahnsinn getrieben

hatte, daß sie den Geliebten und sich erstach. Ungefährdet hätte sie weiterleben

können. Vier Wochen später aber verschwand sie aus der kleinen Stadt.

Von Florenz schrieb sie ihrem Gatten, daß sie den Gedanken nicht länger habe

ertragen können, sie solle an seiner Seite altern. Denn er habe keinen Ehrgeiz.

Statt sich in die Politik zu werfen, zu handeln, zu steigen, statt seiner Frau, die

nach ihnen lechze, die Höhen der Welt zu erschließen, halte er sie nieder, lasse

sie verkümmern im Dunstkreis seiner trägen Skepsis; und die Macht in der Stadt

behalte ein Marktheld wie der Advokat Belotti. Noch sei sie jung; und so habe

sie denn auf eigene Verantwortung den Schritt getan, den er sie nicht habe führen

wollen. Als Geliebte des berühmten Künstlers Cavaliere Giordano trete sie in die

große Welt ein, der sie sich gewachsen fühle. Mit vollem Bewußtsein habe sie

sich ihr Schicksal geschaffen. Camuzzi solle nicht versuchen, sie zu hindern, es

wäre unnütz.

Die Wahrheit war, daß sie sich dem alten Giordano nicht aus Ehrgeiz

hingegeben hatte, sondern im Dienst ihrer Rache an Nello Gennari, und daß sie

es schon getan hatte, als er in der kleinen Stadt weilte. Ein ahnungsloses Wort

des alten Sängers hätte das Mißverständnis zerreißen können, dem der junge

erliegen sollte. Darum behielt Frau Camuzzi ihn bei sich im Zimmer, bis endlich

die ganze Operntruppe von dannen war und Nello sich im Hause des Schneiders

verborgen hatte, unwissend, daß er nicht bestimmt sei, mit Alba zu fliehen,

vielmehr mit ihr zu sterben . . . Nun aber waren sie fort, die Komödianten. Die

kleine Stadt, die dank ihnen kurze Zeit ein gesteigertes Lebensgefühl gekannt

hatte, fiel zurück in um so grauere Nüchternheit, und Frau Camuzzi hinter ihren

verschlossenen Fensterläden litt die Qualen der lebendig Begrabenen. Sie hatte

sich gezeigt, wer sie war und was sie vermochte. Dort oben in der steinigen Erde

des Friedhofes lagen zwei, deren Verhängnis, allen unbekannt, sie gewesen war.

Im Bewußtsein ihrer entsetzlichen Macht saß sie stundenlang reglos auf ihrem Bett, die Augen in den großen schwarzen Augen, die aus dem Spiegel starrten.

Plötzlich aber drückte sie sie ins Kissen, krümmte sich ganz zusammen und

erstickte ihr Stöhnen. Denn ihre Macht war Ohnmacht gewesen: sie hatte nicht

machen können, daß Nello sie liebte! Jene beiden verhöhnten sie noch aus dem

Grabe. Nachts hörte sie ihre Stimmen; sie sprachen von Umarmungen, die sie ihr

stahlen. „Nello, ich töte dich!“ — „Das hast du schon getan. Was kannst du

noch! Ich liebe Alba.“ Dann, Gesicht und Hals naß von Tränen, erwachte sie,

und neben ihr atmete wohlig dieser Mann, dem es gut ging, da er sein Leben

lang Gemeindesekretär und ihr Gatte zu sein dachte. Das nicht, das nicht! — und

eines Morgens in der Dämmerung bestieg sie drunten am Stadttor ein

Wägelchen, weil für solch eine kleine Stadt beides zu groß gewesen war, ihre Tat

und ihre Liebe.

Der Gemeindesekretär in seiner tiefen Ueberzeugung, daß die Welt trotz aller

menschlichen Anstrengungen doch immer am selben Fleck bleibe und eigentlich

nichts geschehe, war sehr erstaunt, als ihm seine Frau durchging. Er machte die

Reise nach Florenz, bestellte sie in ein Café, und sie kam auch, denn sie kannte

ihn. Er sagte ihr nichts, was ein maßvoller und klarsichtiger Mann nicht sagen

konnte. Er wollte sie an keine Empfindung erinnern, die sie daheim zurückhalten

könne. Kinder seien nun einmal nicht da, und für sich selbst bitte er nicht. Aber

sie sollte ihre eigenen Chancen erwägen. Die seien nicht groß, denn sie kenne

die Welt nicht, sei, was sie sich auch einbilde, eine Kleinstädterin und auch nicht

schön genug für das, was sie vorhabe, nicht von der verführerischen, den Mann

herabziehenden Schönheit, die solchen Frauen zum Erfolg verhelfe.

„Aber jene haben keinen Verstand, und ich weiß, was ich will. Uebrigens

bleibt mir keine Wahl, denn bei dir kann ich nicht länger leben.“

Der Gatte gab zu, daß man mit dieser Tatsache rechnen müsse. Er halte sie für

krank, werde dies zu Hause angeben und ihre Rückkehr innerhalb der nächsten

acht Wochen in Aussicht stellen. Sie sei ihm stets willkommen; Gewalt und

Skandal lägen nicht in seiner Absicht. Romantische Einflüsse trügen wohl die

Schuld an allem, wiederholte er mehrmals; und er nannte sogar den Namen

Nello Gennari, wenn auch ohne unvorsichtige Folgerungen. Er war ein kluger

Gatte. Frau Camuzzi, die seiner Einladung nur gefolgt war, weil es nichts zu

befürchten gab, haßte ihn, wie er nun fortging, ohne sich aufgeregt zu haben,

noch heftiger.

Andererseits war das Zusammenleben mit dem Cavaliere Giordano nicht reich

an Reizen. In seinem Hause war der Aufenthalt einer Frau nicht vorgesehen. Die

Zimmer glichen Ausstellungen von Porzellan und Goldwaren; unter jeder Vase,

jedem Schrein eine Tafel: „Von Seiner Majestät dem Kaiser von Rußland“, „Von

der Stadt Buenos Aires“; und in seinem Schlafzimmer hingen die alten goldenen Kränze, „Vom Maestro Rossini“, „Von Madame Ratazzi“, über allen Wänden

und bis auf das Bett des alten Sängers; dies Prunkbett, mit rotem Damast

zwischen den vergoldeten Schnitzereien, war ein Geschenk der Kaiserin

Eugénie. Frau Camuzzi saß des Abends mit ihm im Café, als einzige Frau unter

seinen Freunden. Wenn alle anderen fort waren, blieben sie beide noch sitzen;

der Alte wartete auf den Schlaf, und sie spielten Domino.

Er blies sich auf, so oft er mit ihr durch die Straßen ging. Die Grüße nahm er

mit bedeutsamem Lächeln an, und auf Glückwünsche entgegnete er:

„Man sieht wohl, der Ruhm ist nicht eitel. Wir berühmten Männer haben vor

euch andern dennoch etwas voraus; denn in einem Alter, wo Schönheit und Kraft

nicht mehr für uns werben, ist es unser großer Name, der eine Frau von weitem

herbeizieht. Dies Geschöpf wäre zugrunde gegangen ohne mich.“

Sie hatte es ihm gesagt, und er war überzeugt davon. Geschmeichelt durch die

Macht, die ihm, so spät noch, über ein Leben gegeben war, faßte er eine wahre

Zuneigung für die junge Frau. Vor dem Schlafengehen, wenn er sie schon auf die

Stirn geküßt hatte, behielt er manchmal noch väterlich und gedemütigt zugleich,

ihre Hand in der seinen. Warum hatte er sie nicht früher gekannt, als er einer

Frau mehr zu sein vermochte als heute! Freilich würde er damals den Wert einer

Liebe wie der ihren vielleicht nicht verstanden haben. Das Leben war grausam,

man mußte auf Gott hoffen . . . Um so freigebiger kam er allen Wünschen seiner

Freundin zuvor. Man begann, wo sie vorüberfuhr, nach dem Namen dieser

eleganten Frau zu fragen. Der alte Sänger sah sich nach einer Villa um, die er ihr

zu schenken dachte. Denn sein Haus hatte er als Museum seines Ruhmes der

Stadt vermacht.

Dies alles aber war nicht geeignet, dem jungen Gino zu gefallen, einem

liebenswürdigen Bummler, der neben dem Spiel und den kleinen Geschenken

der Frauen mit nichts so sehr rechnete wie mit der offenen Hand seines Onkels,

des Cavaliere Giordano. Die hübsche Intrigantin, die sich bei dem armen Alten

eingenistet hatte, mochte ihm, Gino, immerhin süße Augen machen, das hinderte

nicht, daß er sich bedroht fühlte. Was wollte sie? Den Alten heiraten? Oder ihn

selbst, den gesetzlichen Erben? Manchmal verliebte er sich für einen Abend; und

manchmal verfolgte er das Ziel, sie zu verführen und sich von seinem Onkel mit

ihr erwischen zu lassen. Frau Camuzzi selbst erlöste ihn aus seinen Zweifeln.

Die Erbschaft des Sängers schien ihr nicht bedeutend genug, um ihretwegen die

Laufbahn, der sie sich bestimmte, mit einem Skandal zu eröffnen. Eines

Nachmittags, als der Alte schlief, rief sie den Neffen in ihr Zimmer. Die roten

Vorhänge belebten ihre Haut, ihre Matinee war kleidsam; der junge Mann zeigte

sich angeregt, sie hatte Mühe, ihn an den Ernst des Lebens zu erinnern. Ihre

Interessen widersprechen sich gar nicht. — Nein, erwiderte er, denn er werde glücklich sein, sie zufrieden zu sehen, sogar auf seine Kosten.

„Das ist eine unvorsichtige Aeußerung. Aber es ist, als sei sie nicht getan,

denn von mir haben Sie nichts zu fürchten, ich werde Florenz bald verlassen

haben.“

Und auf seine enttäuschten Ausrufe:

„Warum sollten wir nicht offen miteinander reden? Wir kennen uns, weder Sie

noch ich halten uns hier im Hause zu unserm Vergnügen auf. Ich bin

hergekommen, um durch den Cavaliere mit Leuten bekannt zu werden, die mir

nützen könnten; denn ich habe höhere Zwecke, als sie glauben.“

Indes er die Augen aufriß, setzte sie ihm auseinander, daß sie sich überzeugt

habe, in Florenz sei weder viel Geld noch große Macht zu erwerben. Die

Gesellschaft sei vorurteilsvoll, das politische Treiben belanglos. Er rühme sich

doch seiner Bekannten in Rom, aller dieser Journalisten, dieser Deputierten.

„Das bewegte Leben, der weitverzweigte Einfluß, die Intrigen, das ist’s, was

mich anzieht. Welches Spiel mit Menschen treibt ein Mann wie der Conte

Malfigi, und welches Spiel würde erst eine Frau treiben, die ihn in der Hand

hätte!“

Der junge Gino lächelte überlegen zu den abenteuerlichen Vorstellungen

dieser kleinen Provinzlerin; er öffnete den Mund, um über den Conte Malfigi

etwas zu erzählen, besann sich aber rechtzeitig. Er wollte ihr helfen, bei seinen

Verbindungen sei es leicht. Sie möge auf ihn zählen. Und er nahm Abschied,

beruhigt über die Zukunft seines Erbes, aber übelwollend gestimmt, weil in den

Plänen der interessanten Frau ihm selbst eine so untergeordnete Rolle zugeteilt

war.

Schon tags darauf kam er wieder zur selben Stunde und in Begleitung eines

schönen, bedeutenden Mannes gegen vierzig. Er stellte vor: Conte Malfigi. Denn

es traf sich außerordentlich, der berühmte Politiker und Lebemann war

vorübergehend in Florenz. Er erklärte, die Einladung seines jungen Freundes sei

ihm ein längst gesuchter Anlaß gewesen, die schöne und ungewöhnliche Frau

kennen zu lernen, von der man auch in Rom schon spreche. Er blieb bis kurz vor

dem Erwachen des Cavaliere Giordano. Dieselbe Stunde führte ihn das

zweitemal zu Frau Camuzzi, und Gino fehlte. Ihre dritte Zusammenkunft aber

verlegten sie bereits in ein möbliertes Hotel außerhalb des Zentrums der Stadt.

Der mächtige Mann zeigte sich begeistert von seiner Eroberung; er sei

entschlossen, Florenz nur mit ihr zu verlassen. Sie sagte einfach: „Ich liebe dich,

ich folge dir.“ Garantien zu verlangen, verschmähte sie, sie vertraute ihrer Kunst.

In Rom bezogen sie nicht den Palazzo Malfigi, sondern wählten, um sich einige

Tage ungestört zu lieben, ein kleines Hotel, wo der Conte unbekannt war. Erst

des Abends gingen sie aus, beschränkten sich im Theater auf die Rückplätze der Logen, in den Restaurants auf die separierten Salons, und hatten wirklich das

Glück, unbeachtet zu bleiben. Der Conte vermied es sogar, sich Geld zu holen.

Als er keins mehr hatte, gab Frau Camuzzi das ihrige her. Endlich erklärte er,

den Sitzungen der Kammer nicht länger fernbleiben zu können; er wolle sie nun

in sein Haus führen. Sie widerstand nur zum Schein; der Liebestraum währte ihr

schon zu lange. Wie sie beim Bahnhof vorüberkamen, wunderte er sich, daß sein

Wagen nicht da sei. Sie nahmen eine Droschke. Er war bleich und seufzte oft.

Plötzlich sagte er:

„Nun ist das Unglück geschehen, ich liebe dich wirklich.“

„Ist das ein Unglück?“ fragte sie.

Er sagte: „Unter diesen Umständen wohl. Denn ich sollte dich nur zum Scherz

lieben, da ich ja gar nicht der Conte Malfigi bin.“

Sie sank hart auf das Polster, ihre Augen waren schwarz wie nie, und ihre

Lippen lagen weiß aufeinander. Er hatte vollauf Zeit zu berichten. Er war ein

Versicherungsbeamter und mit dem jungen Gino befreundet, der ihn angestiftet

und ihn mit Geld versehen hatte.

„Aber jetzt liebe ich dich. Verzeihe mir und bleibe bei mir!“

Sie ließ den Wagen halten und sagte:

„Steigen Sie aus!“

Dann fuhr sie weiter, ohne zu wissen, wohin. Nach Florenz konnte sie nicht

zurückkehren; in ihrem Abschiedsbrief an den Cavaliere Giordano stand ein

unvorsichtiger Satz mit Bezug auf die Prahlereien des Alten, die sie so oft

gedemütigt hatten. Wie sollte sie auch nur den Kutscher bezahlen? Schließlich

ließ sie sich zu einem Juwelier fahren und verkaufte einen Ring.

Sie mietete ein Zimmer, das ärmste, billigste, das zu finden war, und in dem

Augenblick, da sie es betrat, schwur sie sich, nur gegen den Palazzo Malfigi

werde sie es vertauschen. Sie stellte sich diese Aufgabe als Buße ihrer Einfalt, je

schwerer sie war, desto schauerlicher die Wollust der Anspannung. Eine

mittellose Frau, nicht mehr ganz neu angezogen, ohne einen einzigen Bekannten

in dem gierigen Gewimmel der Hauptstadt — und nahm sich vor, bis in ihre

begehrteste Mitte vorzudringen und eine ihrer Herrinnen zu werden. Sie

besuchte das Parlament und ließ sich den Abgeordneten Malfigi zeigen. Es war

ein halber Greis von fünfundfünfzig, etwas lächerlich zurechtgestutzt. Er redete

auch und machte ein paar Witze über die Priester. Frau Camuzzi mußte an den

Advokaten Belotti denken, den großen Freigeist ihrer kleinen Stadt, der den

Pfarrer Don Taddeo bekämpfte, aber gleich dem letzten alten Weib an die

Evangelina Mancafede glaubte, die Unsichtbare, die aus ihrem dunklen Winkel

hinter dem Turm nie hervorkam und dennoch alle Schicksale der Stadt kannte,

noch bevor sie eintraten. Die Kammer und ihre Redeschlachten schienen ihr ein vergrößertes Abbild des heimischen Marktplatzes. Wenn zu Hause der Baron

Torroni durchaus nicht wollte, daß der Wirt Malandrini zum Stadtverordneten

gewählt werde, so fürchtete er von ihm einen Streich, weil er mit seiner Frau

etwas gehabt hatte. Und Frau Camuzzi sah sich auf der Tribüne des Parlaments

die Damen an, die den Reden der Abgeordneten zuhörten. Welche von ihnen

stak hinter dem, was jetzt gesagt wurde? Später einmal würde es hier gewichtige

Herren geben, durch deren Mund sie selbst ihren Einfluß spielen ließ und ihre

Geschäfte besorgte!

Dann ging sie ins Café Aragno, um von den Journalisten die

Kulissengeheimnisse zu erlauschen. Sie saß da mit ihrer Zigarette, unbeteiligt

und unnahbar. Die jungen Leute taten vergeblich wichtig voneinander, damit sie

hinsähe. Als eines Tages mitten aus dem Rudel hervor ihr Landsmann Savezzo

auf sie zukam, begrüßte sie ihn kühl, obwohl sie die ganze Zeit auf ihn gewartet

hatte. Er sah noch abgeschabter aus als daheim, aber auch noch verbissener. Er

war auf dem Marsch! Die Gesellschaft korrupter Mittelmäßigkeiten hier hielt

zusammen gegen ihn und sein Talent, wie zu Hause die Clique der Herren. Aber

er würde eindringen und hindurch, hinan! Er erzwang sich Achtung mit Artikeln

in den kleinen Revuen, wo die Kommenden drängten und bohrten. Schon war,

beim Krach der Allgemeinen Kreditbank, da die Entrüstung im Publikum

überhand nahm, eine große Zeitung genötigt gewesen, ihm ihre Spalten zu

öffnen, als der Stimme der Jugend.

Er erlangte mit Mühe die Erlaubnis, ihr seine Freunde vorzustellen, mußte

aber sofort bemerken, daß mehrere, die schon über Verbindungen verfügten,

besser behandelt wurden als er. Eines Abends erschien sie nicht, und auch einer

der jungen Leute blieb fort. Am nächsten Tage erwartete Savezzo sie auf der

Straße, um ihr eine Szene zu machen. Sie antwortete, sie sei gestern nicht

gekommen, weil sie Gelegenheit gehabt habe, eine ihr wichtige Persönlichkeit

kennen zu lernen: den Sekretär des Abgeordneten Malfigi. Auch eine Ehre,

meinte Savezzo: der Sekretär eines ausgesogenen Lebemannes und erledigten

Politikers, den schon keine Frau mehr plündere und kein Finanzmann mehr

besteche. Er selbst, Savezzo, habe ihn längst gebrandmarkt. Eine überlebte

Figur, nur noch vorhanden, weil die Provinz fortfahre, an die alten Größen zu

glauben. Frau Camuzzi antwortete darauf nicht, und Savezzo, der ihr nachspürte,

hatte noch oft die schlimmste Eifersucht zu leiden. Denn sie erhörte ihre jungen

Kameraden dafür, daß sie sie in eine Gesellschaft einführten, oder nur für eine

nützliche Auskunft, an Tagen der Not sogar, um essen zu können. Sie machte

ihre härteste Zeit durch. Savezzo knirschte, weil nur er davon nichts hatte. Welch

ein Sieg über die hochmütige Sippe daheim, hätte er eine ihrer Frauen in seine

Gewalt bekommen! Frau Camuzzi scheute gerade seine Indiskretion. Wenn er ihr sagte: „Wir werden zusammen steigen! Allen diesen Leuten werden wir den

Fuß in den Nacken setzen!“ so lächelte sie nur. Sie war überzeugt, er werde nicht

durchdringen, mit brutaler Empörung sei nichts zu machen. Sich anschmiegen,

sich hineinstehlen in die Welt der großen Diebe, hassen, verführen und betrügen:

das war der Weg.

Auch dem Sekretär des Conte Malfigi schlug endlich die Stunde, da Frau

Camuzzi ihn glücklich machte; und sie schlug keinen Augenblick früher, als bis

er die Bedingung erfüllt und Frau Camuzzi eine Stellung bei seinem Herrn

verschafft hatte. Jetzt wohnte sie also im Palazzo Malfigi, und der Abgeordnete

diktierte ihr seine Reden, die sie geistreicher niederschrieb, als sie waren.

Freudig erstaunt über seine Erfolge in der Kammer, ward er aufmerksam auf

seine Mitarbeiterin, für deren Eifer es offenbar nur die Erklärung gab, daß sie ihn

liebte. So oft er ihr nun diktierte, ließ er jedem andern die Tür verbieten. Er

bekundete ihr sein Interesse; und sie widerstand. Sie zeigte sich ihm als Frau von

Erziehung und Menschenkenntnis, erworben durch schwere Schicksale; gab ihm

Winke über Leute, die ins Haus kamen, und Ratschläge, die sich bewährten.

Seine Begriffe von ihr veränderten sich schnell so weit, daß er sie zur Tafel

hinzuzog, auch wenn Senatoren und Minister da waren. Die Hausgenossen

bekamen Befehl, ihr als einer Dame von Rang zu begegnen. Sie würden

ohnedies nichts anderes gewagt haben, denn Frau Camuzzi hatte längst jeden

von ihnen in der Hand. Sie kannte die Diebereien der Diener, machte dem

Kaplan Komplimente über sein blühendes Aussehen, wenn er die ganze Nacht

dort oben im vierten Stock seinen kleinen Freunden ein Gelage gegeben hatte;

und was den Haushofmeister betraf, hatte Frau Camuzzi die Vorsicht geübt,

Briefe zu öffnen, die er von der bisherigen Geliebten des Conte Malfigi bekam;

sonst hätten die beiden ungestört dem armen Conte die Vaterschaft zuschieben

können an dem Kind, das erwartet wurde. Am meisten betroffen aber war der

Sekretär. Er hielt es kaum mehr für wahr, daß er einmal vertrauliche

Beziehungen gehabt haben sollte zu der Frau, die nun das Haus und den Herrn

beherrschte und ihm selbst die Mitwisserschaft an dem, was vorging, schon

vollständig abgenommen hatte. Er tröstete sich damit, daß die ganze Herrlichkeit

auch sonst nicht mehr lange gedauert haben würde; denn so viel konnte er sich

sagen, daß das neuerdings so zerfahrene Wesen seines Prinzipals mit dem

bevorstehenden Prozeß der Kreditbank zusammenhänge. Sein Name war auf der

Liste der Bestochenen, das wußte im Café jeder; und morgen oder übermorgen

konnte es in den Zeitungen stehen.

Frau Camuzzi, die noch mehr wußte, ließ den Conte schon seit acht Tagen

keine Minute aus dem Auge. Zu seinen Verabredungen folgte sie ihm heimlich

in einem Mietswagen. Zog er sich in sein Arbeitszimmer zurück, blieb sie an der Tür und lauschte. Einmal stöhnte er ungewöhnlich viel, sie hörte ihn

Schiebladen öffnen und zustoßen, dann ein merkwürdiges Knacken: da trat sie

ein. Malfigi hielt einen Revolver in der Hand. Sie nahm ihn ihm fort und sagte:

„Glauben sie denn wirklich, daß es so schlimm steht?“

Er deutet nur nach dem Schreibtisch, auf ein neidgelbes Heft des

„Morisators.“ Sie kenne den Artikel, sagte Frau Camuzzi; schon vor seinem

Erscheinen habe sie ihn gekannt. Der Verfasser, dieser Savezzo, sei ihr Freund.

„Und sie haben mir nichts gesagt! Sie sind also auch meine Feindin?“

Sie setzte ihm auseinander, daß dieser Savezzo ein Fanatiker sei, vielmehr ein

Mensch, der seinen Erfolg auf der Wahrheit zu begründen hoffe, wie die andern

auf dem — Entgegenkommen. Mit Geld sei er nicht aus dem Wege zu räumen,

Malfigi habe schon genug Geld ausgeteilt.

„Fast mein letztes,“ und er raufte sich das spärliche Haar. „Auch dem Senator

Russo habe ich Geld gegeben, damit seine Zeitung schweigt. Und jetzt klagt uns

dieser Mensch gemeinsam an!“

„Aber das ist das Beste, was geschehen konnte, und es hat mich unendlich

Mühe gekostet, das Material gegen Russo zu beschaffen.“

„Wie? Sie? Sie sind es, die mich umbringt?“

Es dauerte lange, bis sie ihn so weit hatte, daß er ihr zuhörte. Eine Anklage

von seiten des Savezzo sei die sicherste Rehabilitierung, die einem Verdächtigen

widerfahren könne. Die Presse, die für sein Geld vielleicht nicht immer nach

Wunsch gearbeitet haben würde — ihr sei darüber einiges bekannt geworden —,

jetzt werde sie eine Phalanx des Schweigens bilden gegen den Verräter, der sie

selber fortwährend besudle und auch in diesen Angriff einen der ihren verwickle.

Kein Zeuge werde sich noch finden lassen, der vor Gericht die Echtheit der den

Abgeordneten und Exminister Malfigi belastenden Schriftstücke zugebe. Sogar

die Mühe des Leugnens werde er sich sparen können, denn auch das Gericht

werde seinen Namen mit Schweigen verdecken. Schließlich sagte er tiefgerührt.

„Dann wären sie meine Retterin.“

„Nicht ich“, erwiderte sie langsam. „Ich habe viel zur Madonna gebetet. Auch

sie sollen es tun.“

„Sie sind also fromm?“ Er wollte lachen. Aber sie fragte ihn, ob er sicher sei,

daß dies alles nicht eine Strafe der Madonna sei, die er so oft verleugnet habe.

Sie erhob die gefalteten Hände.

„Die schöne alte Madonna Ihres berühmten Geschlechts, das sie immer

beschützt hat! Wie lange schon wartet sie vergebens auf sie in der Kapelle dieses

Hauses! Sie müssen zu ihr zurückkehren, versprechen sie es mir, noch heute

Nacht!“

Er gestand, daß er daran gedacht habe. Denn man könne nie wissen. Auch sein Kaplan habe ihm davon gesprochen.

Das wußte Frau Camuzzi, denn sie selbst hatte es bewirkt.

„Aber erst Ihre schönen Augen bestimmen mich.“ Und als alle schliefen,

schlich er hinunter. Die Tür der Kapelle kreischte; Malfigi hielt an, er schämte

sich, und er ward eigentümlich bedrückt von diesen lange gemiedenen Schatten,

aus deren Tiefe es unsicher flimmerte. Vor der Madonna brannte die silberne

Lampe wie in seiner Kindheit. Malfigi wollte schon hinknien wie einst, besann

sich aber und breitete zuerst sein Taschentuch über die Altarstufe. Dann sah er

unschlüssig hinauf in die Augen der Madonna, die groß, schwarz und voll

geheimnisvollen Lebens waren. Sie schienen zu wissen, daß sie ihn ansahen, ja,

sie schienen Erlaubnis zu nicken . . . und da betete der Abgeordnete. Er betete,

daß die Zeitungen schweigen und das Gericht sich nicht mit ihm beschäftigen

möge. Die Madonna sah ihn an, als sei sie mit allem einverstanden. Hoffnung

überflutete sein Herz, er weinte. Wie er sich aber die Augen trocknete, gewahrte

er, daß auch im Auge der Madonna ein Tropfen hing: nun fiel er auf den Altar!

Malfigi sprang auf, besinnungslos, zum Schreien bereit. Die Wand entlang

schlich er nochmals hin. Hatte er sich nicht getäuscht? Nein! Jesus! Die Augen

des Bildes waren ihm gefolgt. Da floh er, stolperte hinaus und hielt sich das

Herz. Er beruhigte sich; Malfigi empfand Zorn, weil er sich hatte verjagen

lassen, und einen fast jugendlichen Drang, den Rausch dieses Wunders weiter zu

erleben, ihm auf den Grund zu kommen, sei es mit Gefahr des Lebens. Er

lauschte noch im Dunkel des Vestibüls: da schwebte eine Gestalt im langen

Mantel aus der Kapelle hervor, an ihm vorbei und die Treppe hinan. Er hastete

hinterdrein, verlor sie in den Korridoren, irrte umher und suchte. Wie er dann

sein Zimmer betrat und Licht machte, sahen aus dem Vorhang am Bett die

Augen der Madonna! Er stürzte darauf los, der Vorhang öffnete sich . . .

„Du hast mir mein Jugendfeuer zurückgegeben“, sagte eine Stunde später der

Conte Malfigi. „Jetzt liebe ich dich wirklich.“

„Dann verstehst du auch,“ erwiderte Frau Camuzzi, „warum ich früher noch

nicht gewollt habe. Fürchtest du dich jetzt noch vor dem Prozeß?“

„Nein. Durch dich bekommt man Mut.“

„Und bedenke, daß du morgen deinem Kaplan von einem Wunder zu

berichten hast. Er wird damit in den Vatikan laufen, jetzt schützt die Kirche dich.

Wollen die freimaurerischen Gerichte dir etwas anhaben, wird es heißen, es sei

nur die Rache für deine Bekehrung.“

„Daran dachte ich gar nicht. Wie du rechnen kannst!“

Ihm blieb noch eine Sorge.

„Ich verstehe schon, du hast dem Bilde die Augen ausgeschnitten. Aber wird

man es nicht sehen?“