Die Ehrgeizige: Novelle
Unnamed
„Wie kannst du denken?“ sagte Frau Camuzzi, „Dem kostbaren alten Bild!
Natürlich habe ich eine Kopie genommen.“
Der Abgeordnete Malfigi ward im Prozeß der Kreditbank nicht genannt,
vielmehr berief man ihn an die Spitze dieses Finanzinstituts. Im Parlament war
er fortan eine Stütze des patriotischen Klerikalismus. Frau Camuzzi, von
Würdenträgern der Kirche belobt, mit Hochachtung behandelt von den
hochstehenden Persönlichkeiten, die ins Haus kamen, sah ihre politische
Laufbahn glänzend eröffnet. Da das Gesetz über die Ehescheidung ernstlich
bevorzustehen schien, leistete sie die nützlichsten Dienste dadurch, daß sie
liberale Parlamentarier umstimmte. Bei dem einflußreichsten dieser Herren
gelangte sie ans Ziel vermittels eines Schäferstündchens, das sie ihm versprach,
und von dem sie gleichzeitig seine Gattin benachrichtigte. Die Frau drohte, sie
werde die erste sein, die sich scheiden lasse; und da sie das Geld hatte, war der
Mann gehalten, das Zustandekommen des Gesetzes zu verhindern.
Dies geschah in Neapel. In der Nacht, bevor Frau Camuzzi wieder abzureisen
gedachte, bebte die Erde. Ermüdet von ihrer anstrengenden Mission, schlief Frau
Camuzzi noch, als im Hotel schon alles in Aufruhr war. Wie sie endlich
hervorkam, fand sie im Gang nur eine hilflos umherhuschende alte Dame, im
Nachtkostüm wie sie. Frau Camuzzi ergriff sie und zog sie fort. Aber die Treppe
brannte, und aus dem Abgrund zwischen eingestürzten Mauern schlug Qualm.
Da kniete Frau Camuzzi hin und betete. Sie betete laut und mit einer Inbrunst,
die sie schüttelte. Plötzlich senkte der Boden sich schräg und die beiden Damen
glitten hinab. Sie langten unten an wie auf Flügeln und unversehrt. Die alte
Dame fuhr mit Frau Camuzzi nach Rom; sie war eine unermeßlich reiche Lady.
Sie behauptete, nur das Gebet dieser Heiligen habe sie gerettet. „Ja“, sagte sie
vor dem Conte Malfigi, „als sie betete, ging ein Schein von ihr aus.“ Und sie
schrieb ihrer Retterin einen Scheck über eine Million.
Kurz darauf starb der Gemeindesekretär Camuzzi. Der Abgeordnete Malfigi
ward nochmals Minister und heiratete Frau Camuzzi. Der Salon der Contessa
Malfigi gehörte ein Jahrzehnt lang und auch noch nach dem Tode des Conte zu
den einflußreichsten unter den politischen Salons der Hauptstadt. Den jungen
Leuten, die regelmäßig bei ihr dinierten, prophezeite man die Laufbahn des
Abgeordneten, denen, die noch weiter bei ihr vordrangen, einen Ministerposten;
ihre Herkunft war nicht ganz vergessen; Legenden umrankten sie, und man fand
es pikant, ja satanistisch, daß eine ehemalige Kurtisane die neue Generation zur
Reaktion und zum Klerikalismus erziehe. Sie hatte Anhänger, ehrgeizige
Liebhaber, Verbündete oder Gegner: einen ihr gewachsenen Freund hatte sie
nicht. Einmal versuchte sie, sich dem Savezzo zu nähern, der damals auf der
Höhe seiner Macht war und in seinem „Jüngsten Gericht“ jede Woche die fürchterlichste Musterung unter seinen Zeitgenossen abhielt. Sie erinnerte ihn
daran, daß sie eine verwandte Geschichte hätten und zusammen gestiegen seien.
Aber er lehnte schroff ab; er wollte mit niemandem gestiegen sein. Sie erreichte
nur, daß er in der nächsten Nummer seiner Zeitschrift ihre Vergangenheit
entschleierte, einen verjährten Mord durchblicken ließ und sie als
Kaffeehausdirnchen erklärte, das sich die Rolle des Weibes von Babylon
anmaße. Ihre Frömmigkeit sei erst in zweiter Linie politisches Mittel; vor allem
sei sie Betschwester, weil sie vorher den damit korrespondierenden Beruf
ausgeübt habe . . . Sie zog Vorteil aus dem einmal begangenen Fehler, indem sie,
ohne daß er es ahnte, Persönlichkeiten mit ihm in Verbindung setzte, deren
Feindschaft sie brauchte. Enttäuschungen wechselten mit Erfolgen. Kaum, daß
das Herz noch stärker klopfte bei einem Sieg oder einer Niederlage. Am
raschesten verging ein Tag, an dem man sich rächen konnte! Dieser
unbedeutende Fiorio, als Unterpräfekt daheim in der kleinen Stadt auf ewig
vergessen, wenn es nicht der Contessa Malfigi eingefallen wäre, ihn zum
Präfekten zu machen: er hatte sich erlaubt, sie verraten zu wollen. Sie hatte ihm
den Abgeordneten geschickt, den er wählen zu lassen hatte; sie hatte sogar
sichere Leute geschickt, die in ein Fenster der Präfektur schossen, so daß Fiorio
die Wahlversammlungen verbieten, den Munzipalrat auflösen und ohne jede
Opposition seinen Kandidaten durchbringen konnte. Da, ein Telegramm ihres
Schützlings an die Contessa: der Präfekt hatte nicht ihn, sondern seinen einzigen
Bruder als Regierungskandidaten aufgestellt. Sie sorgte sofort dafür, daß eine
Zeitung, offenbar durch Vertrauensbruch, eine Depesche des Ministers an den
Präfekten Fiorio wiedergeben konnte, worin der Minister es mißbilligte, daß der
Präfekt aus wahltaktischen Gründen von gedungenen Attentätern in seine
Fenster schießen lasse. Angesichts des allgemeinen Entrüstungssturmes wagte
der Minister die Depesche, die er nie geschrieben hatte, nicht abzuleugnen; der
Präfekt Fiorio ward abgesetzt.
Sie ließ ihre Macht noch höher hinauf fühlen. Der Graf von Benevent, der
elegante Vetter des Königs, hatte ein verächtliches Wort über sie gesprochen,
und es war ihr zu Ohren gekommen. Sie gab ihm Gelegenheit, sich zu
rechtfertigen; obwohl sie ihn albern fand, zeigte sie ihm, daß er ihr gefalle. Er
beging die Torheit, ihr offene Feindschaft zu erklären. Ein Jahr später sah sich
seine Geliebte, die russische Tänzerin Lorida, in ein weitläufiges, kaum
entwirrbares Netz von Verdächtigungen verstrickt, und der Tag kam, da sie als
Spionin verhaftet ward. Nach langen Ängsten, die den Prinzen nicht weniger
trafen als sie, und bloßgestellt von der ganzen Presse, war sie noch froh, in ihre
Heimat abgeschoben zu werden. Der Graf von Benevent ging nach Afrika. Unter
den Mitgliedern der Aristokratie, die sich im Bahnhof eingefunden hatten, war die Contessa Malfigi. Sie sagte: „Ich habe ihm das Billet gekauft, ich muß ihn