Die Elixiere des Teufels

E. T. A. Hoffmann · Kapitel 9 von 9 · Teil 1/3

PDF-Seiten

Die Elixiere des Teufels

3. Abschnitt. Die Rückkehr in das Kloster.

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Es war so weit gekommen, daß überall, wo ich mich in den Straßen von Rom blicken ließ, einzelne aus dem Volk stillstanden, und in gebeugter, demütiger Stellung um meinen Segen baten. Mocht’ es sein, daß meine strengen Bußübungen, die ich fortsetzte, schon Aufsehen erregten, aber gewiß war es, daß meine fremdartige, wunderliche Erscheinung den lebhaften fantastischen Römern bald zu einer Legende werden mußte, und daß sie mich vielleicht, ohne daß ich es ahnte, zu dem Helden irgend eines frommen Märchens erhoben hatten. Oft weckten mich bange Seufzer und das Gemurmel leiser Gebete aus tiefer Betrachtung, in die ich, auf den Stufen des Altars liegend, versunken, und ich bemerkte dann, wie rings um mich her Andächtige knieten, und meine Fürbitte zu erflehen schienen. So wie in jenem Kapuzinerkloster, hörte ich hinter mir rufen: il Santo! — und schmerzhafte Dolchstiche fuhren durch meine Brust. Ich wollte Rom verlassen, doch wie erschrak ich, als der Prior des Klosters, in dem ich mich aufhielt, mir ankündigte, daß der Papst mich hätte zu sich entbieten lassen. Düstre Ahnungen stiegen in mir auf, daß vielleicht aufs neue die böse Macht in feindlichen Verkettungen mich festzubannen trachte, indessen faßte ich Mut, und ging zur bestimmten Stunde nach dem Vatikan. Der Papst, ein wohlgebildeter Mann, noch in den Jahren der vollen Kraft, empfing mich auf einem reich verzierten Lehnstuhl sitzend. Zwei wunderschöne, geistlich gekleidete Knaben bedienten ihn mit Eiswasser und durchfächelten das Zimmer mit Reiherbüschen, um, da der Tag überheiß war, die Kühle zu erhalten. Demütig trat ich auf ihn zu und machte die gewöhnliche Kniebeugung. Er sah mich scharf an, der Blick hatte aber etwas Gutmütiges und statt des strengen Ernstes, der sonst, wie ich aus der Ferne wahrzunehmen geglaubt, auf seinem Gesicht ruhte, ging ein sanftes Lächeln durch alle Züge. Er frug, woher ich käme, was mich nach Rom gebracht — kurz das gewöhnlichste über meine persönlichen Verhältnisse, und stand dann auf, indem er sprach: „Ich ließ Euch rufen, weil man mir von Eurer seltenen Frömmigkeit erzählt. — Warum, Mönch Medardus, treibst du deine Andachtsübungen öffentlich vor dem Volk in den besuchtesten Kirchen? — Gedenkst du zu erscheinen als ein Heiliger des Herrn und angebetet zu werden von dem fanatischen Pöbel, so greife in deine Brust und forsche wohl, wie der innerste Gedanke beschaffen, der dich so zu handeln treibt. — Bist du nicht rein vor dem Herrn und vor mir, seinem Statthalter, so nimmst du bald ein schmähliches Ende, Mönch Medardus!“ — Diese Worte sprach der Papst mit starker, durchdringender Stimme, und wie treffende Blitze funkelte es aus seinen Augen. Nach langer Zeit zum erstenmal fühlte ich mich nicht der Sünde schuldig, der ich angeklagt wurde, und so mußte es wohl kommen, daß ich nicht allein meine Fassung behielt, sondern auch von dem Gedanken, daß meine Buße aus wahrer, innerer Zerknirschung hervorgegangen, erhoben wurde, und wie ein Begeisterter zu sprechen vermochte: „Ihr hochheiliger Statthalter des Herrn, wohl ist Euch die Kraft verliehen, in mein Inneres zu schauen; wohl mögt Ihr es wissen, daß zentnerschwer mich die unsägliche Last meiner Sünden zu Boden drückt, aber ebenso werdet Ihr die Wahrheit meiner Reue erkennen. Fern von mir ist der Gedanke schnöder Heuchelei, fern von mir jede ehrgeizige Absicht, das Volk zu täuschen auf verruchte Weise. — Vergönnt es dem büßenden Mönche, o hochheiliger Herr! daß er in kurzen Worten sein verbrecherisches Leben, aber auch das, was er in der tiefsten Reue und Zerknirschung begonnen, Euch enthülle!“ — So fing ich an, und erzählte nun, ohne Namen zu nennen und so gedrängt als möglich meinen Lebenslauf. Aufmerksamer und aufmerksamer wurde der Papst. Er setzte sich in den Lehnstuhl und stützte den Kopf in die Hand; er sah zur Erde nieder, dann fuhr er plötzlich in die Höhe; die Hände übereinander geschlagen und mit dem rechten Fuß ausschreitend, als wolle er auf mich zu treten, starrte er mich an mit glühenden Augen. Als ich geendet, setzte er sich aufs neue. „Eure Geschichte, Mönch Medardus!“ fing er an, „ist die verwunderlichste, die ich jemals vernommen. — Glaubt Ihr an die offenbare sichtliche Einwirkung einer bösen Macht, die die Kirche Teufel nennt?“ — Ich wollte antworten, der Papst fuhr fort: „Glaubt Ihr, daß der Wein, den Ihr aus der Reliquienkammer stahlt und austranket, Euch zu den Freveln trieb, die Ihr beginget?“ — „Wie ein von giftigen Dünsten geschwängertes Wasser gab er Kraft dem bösen Keim, der in mir ruhete, daß er fortzuwuchern vermochte!“ — Als ich dies erwidert, schwieg der Papst einige Augenblicke, dann fuhr er mit ernstem, in sich gekehrtem Blick fort: „Wie, wenn die Natur die Regel des körperlichen Organismus auch im geistigen befolgte, daß gleicher Keim nur Gleiches zu gebären vermag? ... Wenn Neigung und Wollen, — wie die Kraft, die im Kern erschlossen, des hervorschießenden Baumes Blätter wieder grün färbt — sich fortpflanzte von Vätern zu Vätern, alle Willkür aufgebend? ... Es gibt Familien von Mördern, von Räubern! ... Das wäre die Erbsünde, des frevelhaften Geschlechts ewiger, durch kein Sühnopfer vertilgbarer Fluch!“ — „Muß der vom Sünder Geborne wieder sündigen, vermöge des vererbten Organism, dann gibt es keine Sünde,“ so unterbrach ich den Papst. „Doch!“ sprach er, „der ewige Geist schuf einen Riesen, der jenes blinde Tier, das in uns wütet, zu bändigen und in Fesseln zu schlagen vermag. Bewußtsein heißt dieser Riese, aus dessen Kampf mit dem Tier sich die Spontaneität erzeugt. Des Riesen Sieg ist die Tugend, der Sieg des Tieres die Sünde.“ Der Papst schwieg einige Augenblicke, dann heiterte sein Blick sich auf, und er sprach mit sanfter Stimme: „Glaubt Ihr, Mönch Medardus, daß es für den Statthalter des Herrn schicklich sei, mit Euch über Tugend und Sünde zu vernünfteln?“ — „Ihr habt, hochheiliger Herr,“ erwiderte ich, „Euren Diener gewürdigt Eure tiefe Ansicht des menschlichen Seins zu vernehmen, und wohl mag es Euch ziemen, über den Kampf zu sprechen, den Ihr längst, herrlich und glorreich siegend, geendet.“ — „Du hast eine gute Meinung von mir, Bruder Medardus,“ sprach der Papst, „oder glaubst du, daß die Tiara der Lorbeer sei, der mich als Helden und Sieger der Welt verkündet?“ — „Es ist“, sprach ich, „wohl etwas Großes, König sein und herrschen über ein Volk. So im Leben hochgestellt, mag alles rings umher näher zusammengerückt in jedem Verhältnis kommensurabler erscheinen, und eben durch die hohe Stellung sich die wunderbare Kraft des Überschauens entwickeln, die, wie eine höhere Weihe, sich kundtut im gebornen Fürsten.“ — „Du meinst,“ fiel der Papst ein, „daß selbst den Fürsten, die schwach an Verstande und Willen, doch eine gewisse wunderliche Sagazität beiwohne, die füglich für Weisheit geltend, der Menge zu imponieren vermag. Aber wie gehört das hierher?“ — „Ich wollte,“ fuhr ich fort, „von der Weihe der Fürsten reden, deren Reich von dieser Welt ist, und dann von der heiligen, göttlichen Weihe des Statthalters des Herrn. Auf geheimnisvolle Weise erleuchtet der Geist des Herrn die im Konklave eingeschlossenen hohen Priester. Getrennt, in einzelnen Gemächern frommer Betrachtung hingegeben, befruchtet der Strahl des Himmels das nach der Offenbarung sich sehnende Gemüt, und ein Name erschallt, wie ein, die ewige Macht lobpreisender Hymnus, von den begeisterten Lippen. — Nur kund getan in irdischer Sprache wird der Beschluß der ewigen Macht, die sich ihren würdigen Statthalter auf Erden erkor, und so, hochheiliger Herr! ist Eure Krone, im dreifachen Ringe das Mysterium Eures Herrn, des Herrn der Welten, verkündend, in der Tat der Lorbeer, der Euch als Helden und Sieger darstellt. — Nicht von dieser Welt ist Euer Reich, und doch seid Ihr berufen zu herrschen über alle Reiche dieser Erde, die Glieder der unsichtbaren Kirche sammelnd unter der Fahne des Herrn! — Das weltliche Reich, das Euch beschieden, ist nur Euer in himmlischer Pracht blühender Thron.“ — „Das gibst du zu,“ unterbrach mich der Papst, — „das gibst du zu, Bruder Medardus, daß ich Ursache habe, mit diesem mir beschiedenen Thron zufrieden zu sein. Wohl ist meine blühende Roma geschmückt mit himmlischer Pracht, das wirst du auch wohl fühlen, Bruder Medardus! hast du deinen Blick nicht ganz dem Irdischen verschlossen ... Doch das glaub’ ich nicht ... Du bist ein wackerer Redner und hast mir zum Sinn gesprochen ... Wir werden uns, merk’ ich, näher verständigen!... Bleibe hier! ... In einigen Tagen bist du vielleicht Prior, und später könnt’ ich dich wohl gar zu meinem Beichtvater erwählen ... Gehe ... gebärde dich weniger närrisch in den Kirchen, zum Heiligen schwingst du dich nun einmal nicht hinauf — der Kalender ist vollzählig. Gehe.“ — Des Papstes letzte Worte verwunderten mich ebenso, wie sein ganzes Betragen überhaupt, das ganz dem Bilde widersprach, wie es sonst von dem Höchsten der christlichen Gemeinde, dem die Macht gegeben zu binden und zu lösen, in meinem Innern aufgegangen war. Es war mir nicht zweifelhaft, daß er alles, was ich von der hohen Göttlichkeit seines Berufs gesprochen, für eine leere, listige Schmeichelei gehalten hatte. Er ging von der Idee aus, daß ich mich hatte zum Heiligen aufschwingen wollen, und daß ich, da er mir aus besonderen Gründen den Weg dazu versperren mußte, nun gesonnen war, mir auf andere Weise Ansehen und Einfluß zu verschaffen. Auf dieses wollte er wieder aus besonderen mir unbekannten Gründen eingehen.

Ich beschloß, — ohne daran zu denken, daß ich ja, ehe der Papst mich rufen ließ, Rom hatte verlassen wollen — meine Andachtsübungen fortzusetzen. Doch nur zu sehr im Innern fühlte ich mich bewegt, um wie sonst mein Gemüt ganz dem Himmlischen zuwenden zu können. Unwillkürlich dachte ich selbst im Gebet an mein früheres Leben; erblaßt war das Bild meiner Sünden und nur das Glänzende der Laufbahn, die ich als Liebling eines Fürsten begonnen, als Beichtiger des Papstes fortsetzen, und wer weiß auf welcher Höhe enden werde, stand grell leuchtend vor meines Geistes Augen. So kam es, daß ich, nicht weil es der Papst verboten, sondern unwillkürlich meine Andachtsübungen einstellte, und statt dessen in den Straßen von Rom umherschlenderte. Als ich eines Tages über den spanischen Platz ging, war ein Haufen Volks um den Kasten eines Puppenspielers versammelt. Ich vernahm Pulcinells komisches Gequäke und das wiehernde Gelächter der Menge. Der erste Akt war geendet, man bereitete sich auf den zweiten vor. Die kleine Decke flog auf, der junge David erschien mit seiner Schleuder und dem Sack voll Kieselsteinen. Unter possierlichen Bewegungen versprach er, daß nunmehr der ungeschlachte Riese Goliath ganz gewiß erschlagen und Israel errettet werden solle. Es ließ sich ein dumpfes Rauschen und Brummen hören. Der Riese Goliath stieg empor mit einem ungeheuren Kopfe. — Wie erstaunte ich, als ich auf den ersten Blick in dem Goliathskopf den närrischen Belcampo erkannte. Dicht unter dem Kopf hatte er mittels einer besonderen Vorrichtung einen kleinen Körper mit Ärmchen und Beinchen angebracht, seine eigenen Schultern und Arme aber durch eine Draperie versteckt, die wie Goliaths breit gefalteter Mantel anzusehen war. Goliath hielt, mit den seltsamsten Grimassen und groteskem Schütteln des Zwergleibes, eine stolze Rede, die David nur zuweilen durch ein feines Kichern unterbrach. Das Volk lachte unmäßig, und ich selbst, wunderlich angesprochen von der neuen, fabelhaften Erscheinung Belcampos, ließ mich fortreißen und brach aus in das längst ungewohnte Lachen der innern kindischen Lust. — Ach, wie oft war sonst mein Lachen nur der konvulsivische Krampf der innern herzzerreißenden Qual. Dem Kampf mit dem Riesen ging eine lange Disputation voraus, und David bewies überaus künstlich und gelehrt, warum er den furchtbaren Gegner totschmeißen müsse und werde. Belcampo ließ alle Muskeln seines Gesichts wie knisternde Lauffeuer spielen, und dabei schlugen die Riesenärmchen nach dem kleiner als kleinen David, der geschickt unterzuducken wußte und dann hier und da, ja selbst aus Goliaths eigner Mantelfalte zum Vorschein kam. Endlich flog der Kiesel an Goliaths Haupt, er sank hin und die Decke fiel. Ich lachte immer mehr, durch Belcampos tollen Genius gereizt, überlaut, da klopfte jemand leise auf meine Schulter. Ein Abbate stand neben mir. „Es freut mich,“ fing er an, „daß Ihr, mein ehrwürdiger Herr, nicht die Lust am Irdischen verloren habt. Beinahe traute ich Euch, nachdem ich Eure merkwürdigen Andachtsübungen gesehen, nicht mehr zu, daß Ihr über solche Torheiten zu lachen vermöchtet.“ Es war mir, als der Abbate dieses sprach, als müßte ich mich meiner Lustigkeit schämen, und unwillkürlich sprach ich, was ich gleich darauf schwer bereute gesprochen zu haben. „Glaubt mir, mein Herr Abbate,“ sagte ich, „daß dem, der in dem buntesten Wogenspiel des Lebens ein rüstiger Schwimmer war, nie die Kraft gebricht, aus dunkler Flut aufzutauchen und mutig sein Haupt zu erheben.“ Der Abbate sah mich mit blitzenden Augen an. „Ei,“ sprach er, „wie habt Ihr das Bild so gut erfunden und ausgeführt. Ich glaube Euch jetzt zu kennen ganz und gar, und bewundere Euch aus tiefstem Grunde meiner Seele.“

„Ich weiß nicht, mein Herr! wie ein armer büßender Mönch Eure Bewunderung zu erregen vermochte!“

„Vortrefflich, Ehrwürdigster! — Ihr fallt zurück in Eure Rolle! — Ihr seid des Papstes Liebling?“

„Dem hochheiligen Statthalter des Herrn hat es gefallen, mich seines Blicks zu würdigen. — Ich habe ihn verehrt im Staube, wie es der Würde, die ihm die ewige Macht verlieh, als sie himmlisch reine Tugend bewährt fand in seinem Innern, geziemt.“

„Nun, du ganz würdiger Vasall an dem Thron des dreifach Gekrönten, du wirst tapfer tun, was deines Amtes ist! — Aber glaube mir, der jetzige Statthalter des Herrn ist ein Kleinod der Tugend gegen Alexander den sechsten, und da magst du dich vielleicht doch verrechnet haben! — Doch — spiele deine Rolle — ausgespielt ist bald, was munter und lustig begann. — Lebt wohl, mein sehr ehrwürdiger Herr!“

Mit gellendem Hohngelächter sprang der Abbate von dannen, erstarrt blieb ich stehen. Hielt ich seine letzte Äußerung mit meinen eignen Bemerkungen über den Papst zusammen, so mußte es mir wohl klar aufgehen, daß er keineswegs der nach dem Kampf mit dem Tier gekrönte Sieger war, für den ich ihn gehalten, und ebenso mußte ich auf entsetzliche Weise mich überzeugen, daß, wenigstens dem eingeweihten Teil des Publikums, meine Buße als ein heuchlerisches Bestreben erschienen war, mich auf diese oder jene Weise aufzuschwingen. Verwundet bis tief in das Innerste, kehrte ich in mein Kloster zurück und betete inbrünstig in der einsamen Kirche. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und ich erkannte bald die Versuchung der finstern Macht, die mich aufs neue zu verstricken getrachtet hatte, aber auch zugleich meine sündige Schwachheit und die Strafe des Himmels. — Nur schnelle Flucht konnte mich retten, und ich beschloß mit dem frühesten Morgen mich auf den Weg zu machen. Schon war beinahe die Nacht eingebrochen, als die Hausglocke des Klosters stark angezogen wurde. Bald darauf trat der Bruder Pförtner in meine Zelle und berichtete, daß ein seltsam gekleideter Mann durchaus begehre mich zu sprechen. Ich ging nach dem Sprachzimmer, es war Belcampo, der nach seiner tollen Weise auf mich zusprang, bei beiden Armen mich packte, und mich schnell in einen Winkel zog. „Medardus,“ fing er leise und eilig an, „Medardus, du magst es nun anstellen wie du willst, um dich zu verderben, die Narrheit ist hinter dir her auf den Flügeln des Westwindes — Südwindes oder auch Süd-Südwest — oder sonst, und packt dich, ragt auch nur noch ein Zipfel deiner Kutte hervor aus dem Abgrunde, und zieht dich herauf — O Medardus, erkenne das — erkenne was Freundschaft ist, erkenne was Liebe vermag, glaube an David und Jonathan, liebster Kapuziner!“ — „Ich habe Sie als Goliath bewundert,“ fiel ich dem Schwätzer in die Rede, „aber sagen Sie mir schnell, worauf es ankommt — was Sie zu mir hertreibt?“ — „Was mich hertreibt?“ sprach Belcampo, „was mich hertreibt? — Wahnsinnige Liebe zu einem Kapuziner, dem ich einst den Kopf zurechtsetzte, der umherwarf mit blutiggoldenen Dukaten — der Umgang hatte mit scheußlichen Revenants — der, nachdem er was weniges gemordet hatte — die Schönste der Welt heiraten wollte, bürgerlicher oder vielmehr adliger Weise.“ — „Halt ein,“ rief ich, „halt ein, du grauenhafter Narr! Gebüßt habe ich schwer, was du mir vorwirfst im freveligen Mutwillen.“ — „O Herr,“ fuhr Belcampo fort, „noch ist die Stelle so empfindlich, wo Euch die feindliche Macht tiefe Wunden schlug? — Ei, so ist Eure Heilung noch nicht vollbracht. — Nun ich will sanft und ruhig sein, wie ein frommes Kind, ich will mich bezähmen, ich will nicht mehr springen, weder körperlich noch geistig, und Euch, geliebter Kapuziner, bloß sagen, daß ich Euch hauptsächlich Eurer sublimen Tollheit halber so zärtlich liebe, und da es überhaupt nützlich ist, daß jedes tolle Prinzip so lange lebe und gedeihe auf Erden als nur immer möglich, so rette ich dich aus jeder Todesgefahr, in die du mutwilligerweise dich begibst. In meinem Puppenkasten habe ich ein Gespräch belauscht, das dich betrifft. Der Papst will dich zum Prior des hiesigen Kapuzinerklosters und zu seinem Beichtiger erheben. Fliehe schnell, schnell fort von Rom, denn Dolche lauern auf dich. Ich kenne den Bravo, der dich ins Himmelreich spedieren soll. Du bist dem Dominikaner, der jetzt des Papstes Beichtiger ist, und seinem Anhange im Wege. — Morgen darfst du nicht mehr hier sein.“ — Diese neue Begebenheit konnte ich gar gut mit den Äußerungen des unbekannten Abbate zusammenreimen; so betroffen war ich, daß ich kaum bemerkte, wie der possierliche Belcampo mich ein Mal über das andere an das Herz drückte und endlich mit seinen gewöhnlichen seltsamen Grimassen und Sprüngen Abschied nahm. —

Mitternacht mochte vorüber sein, als ich die äußere Pforte des Klosters öffnen und einen Wagen dumpf über das Pflaster des Hofes hereinrollen hörte. Bald darauf kam es den Gang herauf; man klopfte an meine Zelle, ich öffnete und erblickte den Pater Guardian, dem ein tief vermummter Mann mit einer Fackel folgte. „Bruder Medardus,“ sprach der Guardian, „ein Sterbender verlangt in der Todesnot Euern geistlichen Zuspruch und die letzte Ölung. Tut was Eures Amtes ist und folgt diesem Mann, der Euch dorthin führen wird, wo man Eurer bedarf.“ — Mich überlief ein kalter Schauer, die Ahnung, daß man mich zum Tode führen wolle, regte sich in mir auf; doch durfte ich mich nicht weigern und folgte daher dem Vermummten, der den Schlag des Wagens öffnete, und mich nötigte einzusteigen. Im Wagen fand ich zwei Männer, die mich in ihre Mitte nahmen. Ich frug, wo man mich hinführen wolle? — wer gerade von mir Zuspruch und letzte Ölung verlange? — Keine Antwort! In tiefem Schweigen ging es fort durch mehrere Straßen. Ich glaubte an dem Klange wahrzunehmen, daß wir schon außerhalb Roms waren, doch bald vernahm ich deutlich, daß wir durch ein Tor und dann wieder durch gepflasterte Straßen fuhren. Endlich hielt der Wagen, und schnell wurden mir die Hände gebunden und eine dicke Kappe fiel über mein Gesicht. „Euch soll nichts Böses widerfahren,“ sprach eine rauhe Stimme, „nur schweigen müßt ihr über alles, was Ihr sehen und hören werdet, sonst ist Euer augenblicklicher Tod gewiß.“ — Man hob mich aus dem Wagen, Schlösser klirrten, und ein Tor dröhnte auf in schweren, ungefügigen Angeln. Man führte mich durch lange Gänge und endlich Treppen hinab — tiefer und tiefer. Der Schall der Tritte überzeugte mich, daß wir uns in Gewölben befanden, deren Bestimmung der durchdringende Totengeruch verriet. Endlich stand man still — die Hände wurden mir losgebunden, die Kappe mir vom Kopfe gezogen. Ich befand mich in einem geräumigen, von einer Ampel schwach beleuchteten Gewölbe, ein schwarz vermummter Mann, wahrscheinlich derselbe, der mich hergeführt hatte, stand neben mir, rings umher saßen auf niedrigen Bänken Dominikanermönche. Der grauenhafte Traum, den ich einst in dem Kerker träumte, kam mir in den Sinn, ich hielt meinen qualvollen Tod für gewiß, doch blieb ich gefaßt und betete inbrünstig im stillen, nicht um Rettung, sondern um ein seliges Ende. Nach einigen Minuten düstern ahnungsvollen Schweigens trat einer der Mönche auf mich zu und sprach mit dumpfer Stimme: „Wir haben einen Eurer Ordensbrüder gerichtet, Medardus! Das Urteil soll vollstreckt werden. Von Euch, einem heiligen Manne, erwartet er Absolution und Zuspruch im Tode! — Geht und tut was Eures Amtes ist.“ Der Vermummte, welcher neben mir stand, faßte mich unter den Arm und führte mich weiter fort, durch einen engen Gang in ein kleines Gewölbe. Hier lag in einem kleinen Winkel auf dem Strohlager ein bleiches, abgezehrtes, mit Lumpen behängtes Gerippe. Der Vermummte setzte die Lampe, die er mitgebracht, auf den steinernen Tisch in der Mitte des Gewölbes und entfernte sich. Ich nahte mich dem Gefangenen, er drehte sich mühsam nach mir um; ich erstarrte, als ich die ehrwürdigen Züge des frommen Cyrillus erkannte. Ein himmlisches, verklärtes Lächeln überflog sein Gesicht. „So haben mich,“ fing er mit matter Stimme an, „die entsetzlichen Diener der Hölle, welche hier hausen, doch nicht getäuscht. Durch sie erfuhr ich, daß du, mein lieber Bruder Medardus, dich in Rom befändest, und als ich mich so sehnte nach dir, weil ich großes Unrecht an dir verübt habe, da versprachen sie mir, sie wollten dich zu mir führen in der Todesstunde. Die ist nun wohl gekommen und sie haben Wort gehalten.“ Ich kniete nieder bei dem frommen, ehrwürdigen Greis, ich beschwor ihn, mir nur vor allen Dingen zu sagen, wie es möglich gewesen sei, ihn einzukerkern, ihn zum Tode zu verdammen. „Mein lieber Bruder Medardus,“ sprach Cyrill, „erst nachdem ich reuig bekannt, wie sündlich ich aus Irrtum an dir gehandelt, erst wenn du mich mit Gott versöhnt, darf ich von meinem Elende, von meinem irdischen Untergange zu dir reden! — Du weißt, daß ich, und mit mir unser Kloster, dich für den verruchtesten Sünder gehalten; die ungeheuersten Frevel hattest du (so glaubten wir) auf dein Haupt geladen, und ausgestoßen hatten wir dich aus aller Gemeinschaft. Und doch war es nur ein verhängnisvoller Augenblick, in dem der Teufel dir die Schlinge über den Hals warf und dich fortriß von der heiligen Stätte in das sündliche Weltleben. Dich um deinen Namen, um dein Kleid, um deine Gestalt betrügend, beging ein teuflischer Heuchler jene Untaten, die dir beinahe den schmachvollen Tod des Mörders zugezogen hätten. Die ewige Macht hat es auf wunderbare Weise offenbart, daß du zwar leichtsinnig sündigtest, indem dein Trachten darauf ausging, dein Gelübde zu brechen, daß du aber rein bist von jenen entsetzlichen Freveln. Kehre zurück in unser Kloster, Leonardus, die Brüder werden dich, den verloren Geglaubten, mit Liebe und Freudigkeit aufnehmen. — O Medardus ...“ — Der Greis, von Schwäche übermannt, sank in eine tiefe Ohnmacht. Ich widerstand der Spannung, die seine Worte, welche eine neue, wunderbare Begebenheit zu verkünden schienen, in mir erregt hatten, und nur an ihn, an das Heil seiner Seele denkend, suchte ich, von allen andern Hilfsmitteln entblößt, ihn dadurch ins Leben zurückzurufen, daß ich langsam und leise Kopf und Brust mit meiner rechten Hand anstrich, eine in unsern Klöstern übliche Art, Todkranke aus der Ohnmacht zu wecken. Cyrillus erholte sich bald, und beichtete mir, er der Fromme, dem freveligen Sünder! — Aber es war, als würde, indem ich den Greis, dessen höchste Vergehen nur in Zweifeln bestanden, die ihm hie und da aufgestoßen, absolvierte, von der hohen ewigen Macht ein Geist des Himmels in mir entzündet, und als sei ich nur das Werkzeug, das körpergewordene Organ, dessen sich jene Macht bediene, um schon hienieden zu dem noch nicht entbundenen Menschen menschlich zu reden. Cyrillus hob den andachtsvollen Blick zum Himmel und sprach: „O, mein Bruder Medardus, wie haben mich deine Worte erquickt! — Froh gehe ich dem Tode entgegen, den mir verruchte Bösewichter bereitet! Ich falle, ein Opfer der gräßlichen Falschheit und Sünde, die den Thron des dreifach Gekrönten umgibt.“ — Ich vernahm dumpfe Tritte, die näher und näher kamen, die Schlüssel rasselten im Schloß der Türe. Cyrillus raffte sich mit Gewalt empor, erfaßte meine Hand und rief mir ins Ohr: „Kehre in unser Kloster zurück — Leonardus ist von allem unterrichtet, er weiß, wie ich sterbe — beschwöre ihn, über meinen Tod zu schweigen. — Wie bald hätte mich ermatteten Greis auch sonst der Tod ereilt — Lebe wohl, mein Bruder! — Bete für das Heil meiner Seele! — Ich werde bei euch sein, wenn ihr im Kloster mein Totenamt haltet. Gelobe mir, daß du hier über alles was du erfahren, schweigen willst, denn du führst nur dein Verderben herbei und verwickelst unser Kloster in tausend schlimme Händel!“ — Ich tat es, Vermummte waren hereingetreten, sie hoben den Greis aus dem Bette und schleppten ihn, der vor Mattigkeit nicht fortzuschreiten vermochte, durch den Gang nach dem Gewölbe, in dem ich früher gewesen. Auf den Wink des Vermummten war ich gefolgt, die Dominikaner hatten einen Kreis geschlossen, in den man den Greis brachte und auf ein Häufchen Erde, das man in der Mitte aufgeschüttet, niederknien hieß. Man hatte ihm ein Kruzifix in die Hand gegeben. Ich war, weil ich es meines Amts hielt, mit in den Kreis getreten und betete laut. Ein Dominikaner ergriff mich beim Arm und zog mich beiseite. In dem Augenblick sah ich in der Hand eines Vermummten, der hinterwärts in den Kreis getreten, ein Schwert blitzen und Cyrillus’ blutiges Haupt rollte zu meinen Füßen hin. — Ich sank bewußtlos nieder. Als ich wieder zu mir selbst kam, befand ich mich in einem kleinen, zellenartigen Zimmer. Ein Dominikaner trat auf mich zu und sprach mit hähmischem Lächeln: „Ihr seid wohl recht erschrocken, mein Bruder, und solltet doch billig Euch erfreuen, da Ihr mit eignen Augen ein schönes Martyrium angeschaut habt. So muß man ja wohl es nennen, wenn ein Bruder aus Euerm Kloster den verdienten Tod empfängt, denn ihr seid wohl alle samt und sonders Heilige?“ — „Nicht Heilige sind wir,“ sprach ich, „aber in unserm Kloster wurde noch nie ein Unschuldiger ermordet! — Entlaßt mich — ich habe mein Amt vollbracht mit Freudigkeit! — Der Geist des Verklärten wird mir nahe sein, wenn ich fallen sollte in die Hände verruchter Mörder!“ — „Ich zweifle gar nicht,“ sprach der Dominikaner, „daß der selige Bruder Cyrillus Euch in dergleichen Fällen beizustehen imstande sein wird, wollet aber doch, lieber Bruder, seine Hinrichtung nicht etwa einen Mord nennen? — Schwer hatte sich Cyrillus versündigt an dem Statthalter des Herrn, und dieser selbst war es, der seinen Tod befahl. — Doch er muß Euch ja wohl alles gebeichtet haben, unnütz ist es daher, mit Euch darüber zu sprechen, nehmt lieber dieses zur Stärkung und Erfrischung, Ihr seht ganz blaß und verstört aus.“ Mit diesen Worten reichte mir der Dominikaner einen kristallenen Pokal, in dem ein dunkelroter, stark duftender Wein schäumte. Ich weiß nicht, welche Ahnung mich durchblitzte, als ich den Pokal an den Mund brachte. — Doch war es gewiß, daß ich denselben Wein roch, den mir einst Euphemie in jener verhängnisvollen Nacht kredenzte, und unwillkürlich, ohne deutlichen Gedanken, goß ich ihn aus in den linken Ärmel meines Habits, indem ich, wie von der Ampel geblendet, die linke Hand vor die Augen hielt. „Wohl bekomm’ es Euch,“ rief der Dominikaner, indem er mich schnell zur Türe hinausschob. — Man warf mich in den Wagen, der zu meiner Verwunderung leer war, und zog mit mir von dannen. Die Schrecken der Nacht, die geistige Anspannung, der tiefe Schmerz über den unglücklichen Cyrill warfen mich in einen betäubten Zustand, so daß ich mich ohne zu widerstehen hingab, als man mich aus dem Wagen herausriß und ziemlich unsanft auf den Boden fallen ließ. Der Morgen brach an, und ich sah mich an der Pforte des Kapuzinerklosters liegen, dessen Glocke ich, als ich mich aufgerichtet hatte, anzog. Der Pförtner erschrak über mein bleiches, verstörtes Ansehen und mochte dem Prior die Art, wie ich zurückgekommen, gemeldet haben, denn gleich nach der Frühmesse trat dieser mit besorglichem Blick in meine Zelle. Auf sein Fragen erwiderte ich nur im allgemeinen, daß der Tod dessen, den ich absolvieren müssen, zu gräßlich gewesen sei, um mich nicht im Innersten aufzuregen, aber bald konnte ich vor dem wütenden Schmerz, den ich am linken Arme empfand, nicht weiter reden, ich schrie laut auf. Der Wundarzt des Klosters kam, man riß mir den fest am Fleisch klebenden Ärmel herab, und fand den ganzen Arm wie von einer ätzenden Materie zerfleischt und zerfressen. — „Ich habe den Wein trinken sollen — ich habe ihn in den Ärmel gegossen,“ stöhnte ich, ohnmächtig von der entsetzlichen Qual! — „Ätzendes Gift war in dem Weine,“ rief der Wundarzt, und eilte, Mittel anzuwenden, die wenigstens bald den wütenden Schmerz linderten. Es gelang der Geschicklichkeit des Wundarztes und der sorglichen Pflege, die mir der Prior angedeihen ließ, den Arm, der erst abgenommen werden sollte, zu retten, aber bis auf den Knochen dorrte das Fleisch ein und alle Kraft der Bewegung hatte der feindliche Schierlingstrank gebrochen. „Ich sehe nur zu deutlich,“ sprach der Prior, „was es mit jener Begebenheit, die Euch um Euern Arm brachte, für eine Bewandtnis hat. Der fromme Bruder Cyrillus verschwand aus unserm Kloster und aus Rom auf unbegreifliche Weise, und auch Ihr, lieber Bruder Medardus, werdet auf dieselbe Weise verloren gehen, wenn Ihr Rom nicht alsbald verlasset. Auf verschiedene verdächtige Weise erkundigte man sich nach Euch, während der Zeit als Ihr krank lagt, und nur meiner Wachsamkeit und der Einigkeit der frommgesinnten Bruder möget ihr es verdanken, daß Euch der Mord nicht bis in Eure Zelle verfolgte. So wie Ihr überhaupt mir ein verwunderlicher Mann zu sein scheint, den überall verhängnisvolle Bande umschlingen, so seid Ihr auch seit der kurzen Zeit Eures Aufenthalts in Rom gewiß wider Euren Willen viel zu merkwürdig geworden, als daß es gewissen Personen nicht wünschenswert sein sollte, Euch aus dem Wege zu räumen. Kehrt zurück in Euer Vaterland, in Euer Kloster! — Friede sei mit Euch!“ —

Ich fühlte wohl, daß, solange ich mich in Rom befände, mein Leben in steter Gefahr bleiben müsse, aber zu dem peinigenden Andenken an alle begangenen Frevel, das die strengste Buße nicht zu vertilgen vermocht hatte, gesellte sich der körperliche, empfindliche Schmerz des abwelkenden Armes, und so achtete ich ein qualvolles, sieches Dasein nicht, das ich durch einen schnell mir gegebenen Tod wie eine drückende Bürde fahren lassen konnte. Immer mehr gewöhnte ich mich an den Gedanken, eines gewaltsamen Todes zu sterben, und er erschien mir bald sogar als ein glorreiches, durch meine strenge Buße erworbenes Märtyrertum. Ich sah mich selbst, wie ich zu den Pforten des Klosters hinausschritt, und wie eine finstre Gestalt mich schnell mit einem Dolch durchbohrte. Das Volk versammelte sich um den blutigen Leichnam — „Medardus — der fromme, büßende Medardus ist ermordet!“ — So rief man durch die Straßen und dichter und dichter drängten sich die Menschen, laut wehklagend um den Entseelten. — Weiber knieten nieder und trockneten mit weißen Tüchern die Wunde, aus der das Blut hervorquoll. Da sieht eine das Kreuz an meinem Halse, laut schreit sie auf: „Er ist ein Märtyrer, ein Heiliger — seht hier das Zeichen des Herrn, das er am Halse trägt, — da wirft sich alles auf die Knie. — Glücklich, der den Körper des Heiligen berühren, der nur sein Gewand erfassen kann! — schnell ist eine Bahre gebracht, der Körper hinaufgelegt, mit Blumen bekränzt und im Triumphzuge unter lautem Gesang und Gebet tragen ihn Jünglinge nach St. Peter! — So arbeitete meine Fantasie ein Gemälde aus, das meine Verherrlichung hienieden mit lebendigen Farben darstellte, und nicht gedenkend, nicht ahnend, wie der böse Geist des sündlichen Stolzes mich auf neue Weise zu verlocken trachte, beschloß ich, nach meiner völligen Genesung in Rom zu bleiben, meine bisherige Lebensweise fortzusetzen, und so entweder glorreich zu sterben oder, durch den Papst meinen Feinden entrissen, emporzusteigen zu hohen Würden der Kirche. — Meine starke lebenskräftige Natur ließ mich endlich den namenlosen Schmerz ertragen, und widerstand der Einwirkung des höllischen Safts, der von außen her mein Inneres zerrütten wollte. Der Arzt versprach meine baldige Herstellung, und in der Tat empfand ich nur in den Augenblicken jenes Delirierens, das dem Einschlafen vorherzugehen pflegt, fieberhafte Anfälle, die mit kalten Schauern und fliegender Hitze wechselten. Gerade in diesen Augenblicken war es, als ich, ganz erfüllt von dem Bilde meines Martyriums, mich selbst, wie es schon oft geschehen, durch einen Dolchstich in der Brust ermordet schaute. Doch, statt daß ich mich sonst gewöhnlich auf dem spanischen Platz niedergestreckt und bald von einer Menge Volks, die meine Heiligsprechung verbreitete, umgeben sah, lag ich einsam in einem Laubgange des Klostergartens in B. — Statt des Blutes quoll ein ekelhafter, farbloser Saft aus der weit aufklaffenden Wunde und eine Stimme sprach: „Ist das Blut vom Märtyrer vergossen? — Doch ich will das unreine Wasser klären und färben, und dann wird das Feuer, welches über das Licht gesiegt, ihn krönen!“ Ich war es, der dies gesprochen, als ich mich aber von meinem toten Selbst getrennt fühlte, merkte ich wohl, daß ich der wesenlose Gedanke meines Ichs sei, und bald erkannte ich mich als das im Äther schwimmende Rot. Ich schwang mich auf zu den leuchtenden Bergspitzen — ich wollte einziehn durch das Tor goldner Morgenwolken in die heimatliche Burg, aber Blitze durchkreuzten, gleich im Feuer auflodernden Schlangen, das Gewölbe des Himmels, und ich sank herab, ein feuchter, farbloser Nebel. Ich — ich, sprach der Gedanke, ich bin es, der Eure Blumen — Euer Blut färbt — Blumen und Blut sind Euer Hochzeitsschmuck, den ich bereite! — Sowie ich tiefer und tiefer niederfiel, erblickte ich die Leiche mit weitaufklaffender Wunde in der Brust, aus der jenes unreine Wasser in Strömen floß. Mein Hauch sollte das Wasser umwandeln in Blut, doch geschah es nicht, die Leiche richtete sich auf und starrte mich an mit hohlen, gräßlichen Augen und heulte wie der Nordwind in tiefer Kluft: Verblendeter, törichter Gedanke, kein Kampf zwischen Licht und Feuer, aber das Licht ist die Feuertaufe durch das Rot, das du zu vergiften trachtest — Die Leiche sank nieder; alle Blumen auf der Flur neigten verwelkt ihre Häupter, Menschen, bleichen Gespenstern ähnlich, warfen sich zur Erde und ein tausendstimmiger trostloser Jammer stieg in die Lüfte: „O Herr, Herr! ist so unermeßlich die Last unsrer Sünde, daß du Macht gibst dem Feinde unseres Blutes Sühnopfer zu ertöten?“ Stärker und stärker, wie des Meeres brausende Welle, schwoll die Klage! — der Gedanke wollte zerstäuben in dem gewaltigen Ton des trostlosen Jammers, da wurde ich wie durch einen elektrischen Schlag emporgerissen aus dem Traum. Die Turmglocke des Klosters schlug zwölfe, ein blendendes Licht fiel aus den Fenstern der Kirche in meine Zelle. „Die Toten richten sich auf aus den Gräbern und halten Gottesdienst.“ So sprach es in meinem Innern und ich begann zu beten. Da vernahm ich leises Klopfen. Ich glaubte, irgend ein Mönch wolle zu mir herein, aber mit tiefem Entsetzen hörte ich bald jenes grauenvolle Kichern und Lachen meines gespenstischen Doppelgängers, und es rief neckend und höhnend: — „Brüderchen ... Brüderchen ... Nun bin ich wieder bei dir ... die Wunde blutet ... die Wunde blutet ... rot ... rot ... Komm mit mir, Brüderchen Medardus! Komm mit mir!“ — Ich wollte aufspringen vom Lager, aber das Grausen hatte seine Eisdecke über mich geworfen und jede Bewegung die ich versuchte, wurde zum innern Krampf, der die Muskeln zerschnitt. Nur der Gedanke blieb und war ein inbrünstiges Gebet, daß ich errettet werden möge von den dunklen Mächten, die aus der offenen Höllenpforte auf mich eindrangen. Es geschah, daß ich mein Gebet, nur im Innern gedacht, laut und vernehmlich hörte, wie es Herr wurde über das Klopfen und Kichern und unheimliche Geschwätz des furchtbaren Doppelgängers, aber zuletzt sich verlor in ein seltsames Summen, wie wenn der Südwind Schwärme feindlicher Insekten geweckt hat, die giftige Saugrüssel ansetzen an die blühende Saat. Zu jener trostlosen Klage der Menschen wurde das Summen, und meine Seele frug, ist das nicht der weissagende Traum, der sich auf deine blutende Wunde heilend und tröstend legen will? — In dem Augenblicke brach der Purpurschimmer des Abendrots durch den düstern, farblosen Nebel, aber in ihm erhob sich eine hohe Gestalt. — Es war Christus, aus jeder seiner Wunden perlte ein Tropfen Bluts und wiedergegeben war der Erde das Rot, und der Menschen Jammer wurde ein jauchzender Hymnus, denn das Rot war die Gnade des Herrn, die über ihnen aufgegangen! Nur Medardus’ Blut floß noch farblos aus der Wunde, und er flehte inbrünstig: „Soll auf der ganzen weiten Erde ich, ich allein nur trostlos der ewigen Qual der Verdammnis preisgegeben bleiben?“ da regte es sich in den Büschen — eine Rose, von himmlischer Glut hoch gefärbt, streckte ihr Haupt empor und schaute den Medardus an mit englisch mildem Lächeln, und süßer Duft umfing ihn, und der Duft war das wunderbare Leuchten des reinsten Frühlingsäthers. „Nicht das Feuer hat gesiegt, kein Kampf zwischen Licht und Feuer. — Feuer ist das Wort, das den Sündigen erleuchtet.“ — Es war, als hätte die Rose diese Worte gesprochen, aber die Rose war ein holdes Frauenbild. — In weißem Gewande, Rosen in das dunkle Haar geflochten, trat sie mir entgegen. — „Aurelie“, schrie ich auf, aus dem Traume erwachend; ein wunderbarer Rosengeruch erfüllte die Zelle und für Täuschung meiner aufgeregten Sinne mußt’ ich es wohl halten, als ich deutlich Aureliens Gestalt wahrzunehmen glaubte, wie sie mich mit ernsten Blicken anschaute und dann in den Strahlen des Morgens, die in die Zelle fielen, zu verduften schien. — Nun erkannte ich die Versuchung des Teufels und meine sündige Schwachheit. Ich eilte herab und betete inbrünstig am Altar der heiligen Rosalia. — Keine Kasteiung, — keine Buße im Sinn des Klosters; aber als die Mittagssonne senkrecht ihre Strahlen herabschoß, war ich schon mehrere Stunden von Rom entfernt. — Nicht nur Cyrillus’ Mahnung, sondern eine innere, unwiderstehliche Sehnsucht nach der Heimat, trieb mich fort auf demselben Pfade, den ich bis nach Rom durchwandert. Ohne es zu wollen hatte ich, indem ich meinem Beruf entfliehen wollte, den geradesten Weg nach dem mir von dem Prior Leonardus bestimmten Ziel genommen. —

Weiter: Teil 2 von 3