Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit

II. Die am Erfolge scheitern.

II.

 

Die am Erfolge scheitern.

 

Die psychoanalytische Arbeit hat uns den Satz geschenkt: Die Menschen

erkranken neurotisch infolge der Ve r s a g u n g. Die Versagung der

Befriedigung für ihre libidinösen Wünsche ist gemeint, und ein längerer Umweg

ist nötig, um den Satz zu verstehen. Denn zur Entstehung der Neurose bedarf es

eines Konflikts zwischen den libidinösen Wünschen eines Menschen und jenem

Anteil seines Wesens, den wir sein Ich heißen, der Ausdruck seiner

Selbsterhaltungstriebe ist und seine Ideale von seinem eigenen Wesen

einschließt. Ein solcher pathogener Konflikt kommt nur dann zustande, wenn

sich die Libido auf Wege und Ziele werfen will, die vom Ich längst überwunden

und geächtet sind, die es also auch für alle Zukunft verboten hat, und das tut die

Libido erst dann, wenn ihr die Möglichkeit einer ichgerechten idealen

Befriedigung benommen ist. Somit wird die Entbehrung, die Versagung einer

realen Befriedigung die erste Bedingung für die Entstehung der Neurose, wenn

auch lange nicht die einzige.

 

Um so mehr muß es überraschend, ja verwirrend wirken, wenn man als Arzt die

Erfahrung macht, daß Menschen gelegentlich gerade dann erkranken, wenn

ihnen ein tief begründeter und lange gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen ist.

Es sieht dann so aus, als ob sie ihr Glück nicht vertragen würden, denn an dem

ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Erfolg und der Erkrankung kann

man nicht zweifeln. So hatte ich Gelegenheit, in das Schicksal einer Frau

Einsicht zu nehmen, das ich als vorbildlich für solche tragische Wendungen

beschreiben will.

 

Von guter Herkunft und wohlerzogen, konnte sie als ganz junges Mädchen ihre

Lebenslust nicht zügeln, riß sich vom Elternhaus los und trieb sich abenteuernd

in der Welt herum, bis sie die Bekanntschaft eines Künstlers machte, der ihren

weiblichen Reiz zu schätzen wußte, aber auch die feinere Anlage an der

Herabgewürdigten zu ahnen verstand. Er nahm sie in sein Haus und gewann an

ihr eine treue Lebensgefährtin, der zum vollen Glück nur die bürgerliche

Rehabilitierung zu fehlen schien. Nach jahrelangem Zusammenleben setzte er es

durch, daß seine Familie sich mit ihr befreundete, und war nun bereit, sie zu seiner Frau vor dem Gesetz zu machen. In diesem Moment begann sie zu

versagen. Sie vernachlässigte das Haus, dessen rechtmäßige Herrin sie nun

werden sollte, hielt sich für verfolgt von den Verwandten, die sie in die Familie

aufnehmen wollten, sperrte dem Manne durch sinnlose Eifersucht jeden Verkehr,

hinderte ihn an seiner künstlerischen Arbeit und verfiel bald in unheilbare

seelische Erkrankung.

 

Eine andere Beobachtung zeigte mir einen höchst respektablen Mann, der, selbst

akademischer Lehrer, durch viele Jahre den begreiflichen Wunsch genährt hatte,

der Nachfolger im Lehramt seines Meisters zu werden, der ihn selbst in die

Wissenschaft eingeführt hatte. Als nach dem Rücktritt jenes Alten die Kollegen

ihm mitteilten, daß kein anderer als er zu dessen Nachfolger ausersehen sei,

begann er zaghaft zu werden, verkleinerte seine Verdienste, erklärte sich für

unwürdig, die ihm zugedachte Stellung auszufüllen, und verfiel in eine

Melancholie, die ihn für die nächsten Jahre von jeder Tätigkeit ausschaltete.

 

So verschieden diese beiden Fälle sonst sind, so treffen sie doch in dem einen

zusammen, daß die Erkrankung auf die Wunscherfüllung hin auftritt und den

Genuß derselben zunichte macht.

 

Der Widerspruch zwischen solchen Erfahrungen und dem Satze, der Mensch

erkranke an Versagung, ist nicht unlösbar. Die Unterscheidung einer

ä u ß e r l i c h e n von einer i n n e r e n Versagung hebt ihn auf. Wenn in der

Realität das Objekt weggefallen ist, an dem die Libido ihre Befriedigung finden

kann, so ist dies eine äußerliche Versagung. Sie ist an sich wirkungslos, noch

nicht pathogen, so lange sich nicht eine innere Versagung zu ihr gesellt. Diese

muß vom Ich ausgehen und der Libido andere Objekte streitig machen, deren sie

sich nun bemächtigen will. Erst dann entsteht ein Konflikt und die Möglichkeit

einer neurotischen Erkrankung, d. h. einer Ersatzbefriedigung auf dem Umwege

über das verdrängte Unbewußte. Die innere Versagung kommt also in allen

Fällen in Betracht, nur tritt sie nicht eher in Wirkung, als bis die äußerliche reale

Versagung die Situation für sie vorbereitet hat. In den Ausnahmsfällen, wenn die

Menschen am Erfolg erkranken, hat die innere Versagung für sich allein gewirkt,

ja sie ist erst hervorgetreten, nachdem die äußerliche Versagung der

Wunscherfüllung Platz gemacht hat. Daran bleibt etwas für den ersten Anschein

Auffälliges, aber bei näherer Erwägung besinnen wir uns doch, es sei gar nicht

ungewöhnlich, daß das Ich einen Wunsch als harmlos toleriert, solange er ein

Dasein als Phantasie führt und ferne von der Erfüllung scheint, während es sich

scharf gegen ihn zur Wehre setzt, sobald er sich der Erfüllung nähert und

Realität zu werden droht. Der Unterschied gegen wohlbekannte Situationen der Neurosenbildung liegt nur darin, daß sonst innerliche Steigerungen der

Libidobesetzung die bisher geringgeschätzte und geduldete Phantasie zum

gefürchteten Gegner machen, während in unseren Fällen das Signal zum

Ausbruch des Konflikts durch eine reale äußere Wandlung gegeben wird.

 

Die analytische Arbeit zeigt uns leicht, daß es G e w i s s e n s m ä c h t e sind,

welche der Person verbieten, aus der glücklichen realen Veränderung den lange

erhofften Gewinn zu ziehen. Eine schwierige Aufgabe aber ist es, Wesen und

Herkunft dieser richtenden und strafenden Tendenzen zu erkunden, die uns durch

ihre Existenz oft dort überraschen, wo wir sie zu finden nicht erwarteten. Was

wir darüber wissen oder vermuten, will ich aus den bekannten Gründen nicht an

Fällen der ärztlichen Beobachtung, sondern an Gestalten erörtern, die große

Dichter aus der Fülle ihrer Seelenkenntnis erschaffen haben.

 

Eine Person, die nach erreichtem Erfolg zusammenbricht, nachdem sie mit

unbeirrter Energie um ihn gerungen hat, ist S h a k e s p e a r e s Lady

M a c b e t h. Es ist vorher kein Schwanken und kein Anzeichen eines inneren

Kampfes in ihr, kein anderes Streben, als die Bedenken ihres ehrgeizigen und

doch mildfühlenden Mannes zu besiegen. Dem Mordvorsatz will sie selbst ihre

Weiblichkeit opfern, ohne zu erwägen, welch entscheidende Rolle dieser

Weiblichkeit zufallen muß, wenn es dann gelten soll, das durch Verbrechen

erreichte Ziel ihres Ehrgeizes zu behaupten.

 

(Akt I, Szene 5):

 

»Kommt, ihr Geister,

Die ihr auf Mordgedanken lauscht, entweibt mich.«

– – – – – – – – – An meine Brüste,

Ihr Mordeshelfer! Saugt mir Milch zu Galle!«

 

(Akt I, Szene 7):

 

»Ich gab die Brust und weiß,

Wie zärtlich man das Kind liebt, das man tränkt.

Und doch, dieweil es mir ins Antlitz lächelt,

Wollt' reißen ich von meinem Mutterbusen

Sein zahnlos Mündlein, und sein Hirn ausschmettern,

Hätt' ich's geschworen, wie du jenes schwurst!«

 

Eine einzige leise Regung des Widerstrebens ergreift sie vor der Tat:

 

(Akt II, Szene 2):

 

»Hätt' er geglichen meinem Vater nicht

Als er so schlief, ich hätt's getan.«

 

Nun, da sie Königin geworden durch den Mord an Duncan, meldet sich flüchtig

etwas wie eine Enttäuschung, wie ein Überdruß. Wir wissen nicht, woher.

 

(Akt III, Szene 2):

 

»Nichts hat man, alles Lüge,

Gelingt der Wunsch, und fehlt doch die Genüge,

's ist sichrer das zu sein, was wir zerstören,

Als durch Zerstörung ew'ger Angst zu schwören.«

 

Doch hält sie aus. In der nach diesen Worten folgenden Szene des Banketts

bewahrt sie allein die Besinnung, deckt die Verwirrung ihres Mannes, findet

einen Vorwand, um die Gäste zu entlassen. Und dann entschwindet sie uns. Wir

sehen sie (in der ersten Szene des fünften Aktes) als Somnambule wieder, an die

Eindrücke jener Mordnacht fixiert. Sie spricht ihrem Manne wieder Mut zu wie

damals:

 

»Pfui, mein Gemahl, pfui ein Soldat und furchtsam? – Was haben wir zu fürchten, wer es weiß? Niemand zieht unsere Macht zur Rechenschaft.« – – –

 

Sie hört das Klopfen ans Tor, das ihren Mann nach der Tat erschreckte. Daneben

aber bemüht sie sich »die Tat ungeschehen zu machen, die nicht mehr

ungeschehen werden« kann. Sie wäscht ihre Hände, die mit Blut befleckt sind

und nach Blut riechen, und wird der Vergeblichkeit dieser Bemühung bewußt.

Die Reue scheint sie niedergeworfen zu haben, die so reuelos schien. Als sie

stirbt, findet Macbeth, der unterdes so unerbittlich geworden ist, wie sie sich

anfänglich zeigte, nur die eine kurze Nachrede für sie:

 

(Akt V, Szene 5):

 

»Sie konnte später sterben.

Es war noch Zeit genug für solch ein Wort.«

 

Und nun fragt man sich, was hat diesen Charakter zerbrochen, der aus dem

härtesten Metall geschmiedet schien? Ist's nur die Enttäuschung, das andere

Gesicht, das die vollzogene Tat zeigt, sollen wir rückschließen, daß auch in der

Lady Macbeth ein ursprünglich weiches und weiblich mildes Seelenleben sich

zu einer Konzentration und Hochspannung emporgearbeitet hatte, der keine

Andauer beschieden sein konnte, oder dürfen wir nach Anzeichen forschen, die

uns diesen Zusammenbruch durch eine tiefere Motivierung menschlich näher bringen?

 

Ich halte es für unmöglich, hier eine Entscheidung zu treffen. S h a k e s p e a r e s

M a c b e t h ist ein Gelegenheitsstück, zur Thronbesteigung des bisherigen

Schottenkönigs J a m e s gedichtet. Der Stoff war gegeben und gleichzeitig von

anderen Autoren behandelt worden, deren Arbeit S h a k e s p e a r e

wahrscheinlich in gewohnter Weise genützt hat. Er bot merkwürdige

Anspielungen an die gegenwärtige Situation. Die »jungfräuliche« Elisabeth, von

der ein Gerede wissen wollte, daß sie nie imstande gewesen wäre, ein Kind zu

gebären, die sich einst bei der Nachricht von James' Geburt im schmerzlichen

Aufschrei als »einen dürren Stamm« bezeichnet hatte[1], war eben durch ihre

Kinderlosigkeit genötigt worden, den Schottenkönig zu ihrem Nachfolger

werden zu lassen. Der war aber der Sohn jener Maria, deren Hinrichtung sie,

wenn auch widerwillig, angeordnet hatte, und die trotz aller Trübung der

Beziehungen durch politische Rücksichten doch ihre Blutsverwandte und ihr

Gast genannt werden konnte.

 

Die Thronbesteigung Jakobs I. war wie eine Demonstration des Fluches der

Unfruchtbarkeit und der Segnungen der fortlaufenden Generation. Und auf

diesen nämlichen Gegensatz ist die Entwicklung in Shakespeares Macbeth

eingestellt. Die Schicksalsschwestern haben ihm verheißen, daß er selbst König

werden, dem Banquo aber, daß seine Kinder die Krone überkommen sollen.

Macbeth empört sich gegen diesen Schicksalsspruch, er begnügt sich nicht mit

der Befriedigung des eigenen Ehrgeizes, er will Gründer einer Dynastie sein und

nicht zum Vorteile Fremder gemordet haben. Man übersieht diesen Punkt, wenn

man in Shakespeares Stück nur die Tragödie des Ehrgeizes erblicken will. Es ist

klar, da Macbeth selbst nicht ewig leben kann, so gibt es für ihn nur einen Weg,

den Teil der Prophezeiung, der ihm widerstrebt, zu entkräften, wenn er nämlich

selbst Kinder hat, die ihm nachfolgen können. Er scheint sie auch von seinem

starken Weib zu erwarten:

 

(Akt I, Szene 7):

 

»Du, gebier nur Söhne,

Nur Männer sollte dein unschreckbar Mark

Zusammensetzen.« – – – – – – –

 

Und ebenso klar ist, wenn er in dieser Erwartung getäuscht wird, dann muß er

sich dem Schicksal unterwerfen, oder sein Handeln verliert Ziel und Zweck und

verwandelt sich in das blinde Wüten eines zum Untergang Verurteilten, der

vorher noch, was ihm erreichbar ist, vernichten will. Wir sehen, daß Macbeth diese Entwicklung durchmacht, und auf der Höhe der Tragödie finden wir jenen

erschütternden, so oft schon als vieldeutig erkannten Ausruf, der den Schlüssel

für seine Wandlung enthalten könnte, den Ausruf M a c d u f f s:

 

(Akt IV, Szene 3):

 

»Er hat keine Kinder.«

 

Das heißt gewiß: Nur weil er selbst kinderlos ist, konnte er meine Kinder

morden, aber es kann auch mehr in sich fassen und vor allem könnte es das

tiefste Motiv bloßlegen, welches sowohl Macbeth weit über seine Natur

hinausdrängt, als auch den Charakter der harten Frau an seiner einzig schwachen

Stelle trifft. Hält man aber Umschau von dem Gipfelpunkt, den diese Worte

Macduffs bezeichnen, so sieht man das ganze Stück von Beziehungen auf das

Vater-Kinderverhältnis durchsetzt. Der Mord des gütigen Duncan ist wenig

anderes als ein Vatermord; im Falle Banquos hat Macbeth den Vater getötet,

während ihm der Sohn entgeht; bei Macduff tötet er die Kinder, weil ihm der

Vater entflohen ist. Ein blutiges und ein gekröntes Kind lassen ihm die

Schicksalsschwestern in der Beschwörungszene erscheinen; das bewaffnete

Haupt vorher ist wohl Macbeth selbst. Im Hintergrunde aber erhebt sich die

düstere Gestalt des Rächers Macduff, der selbst eine Ausnahme von den

Gesetzen der Generation ist, da er nicht von seiner Mutter geboren, sondern aus

ihrem Leib geschnitten wurde.

 

Es wäre nun durchaus im Sinne der auf Talion aufgebauten poetischen

Gerechtigkeit, wenn die Kinderlosigkeit Macbeths und die Unfruchtbarkeit

seiner Lady die Strafe wären für ihre Verbrechen gegen die Heiligkeit der

Generation, wenn Macbeth nicht Vater werden könnte, weil er den Kindern den

Vater und dem Vater die Kinder geraubt, und wenn sich so an der Lady Macbeth

die Entweibung vollzogen hätte, zu der sie die Geister des Mordes aufgerufen

hat. Ich glaube, man verstünde ohneweiters die Erkrankung der Lady, die

Verwandlung ihres Frevelmutes in Reue, als Reaktion auf ihre Kinderlosigkeit,

durch die sie von ihrer Ohnmacht gegen die Satzungen der Natur überzeugt und

gleichzeitig daran gemahnt wird, daß ihr Verbrechen durch ihr eigenes

Verschulden um den besseren Teil seines Ertrags gebracht worden ist.

 

In der Chronik von H o l i n s h e d (1577), aus welcher S h a k e s p e a r e den

Stoff des M a c b e t h schöpfte, findet die Lady nur eine einzige Erwähnung als

Ehrgeizige, die ihren Mann zum Morde aufstachelt, um selbst Königin zu

werden. Von ihren weiteren Schicksalen und von einer Entwicklung ihres Charakters ist nicht die Rede. Dagegen scheint es, als ob dort die Wandlung im

Charakter M a c b e t h s zum blutigen Wüterich ähnlich motiviert werden sollte,

wie wir es eben versucht haben. Denn bei Holinshed liegen zwischen dem Mord

an Duncan, durch den Macbeth König wird, und seinen weiteren Missetaten

z e h n J a h r e, in denen er sich als strenger, aber gerechter Herrscher erweist.

Erst nach diesem Zeitraum tritt bei ihm die Änderung ein, unter dem Einfluß der

quälenden Befürchtung, daß die Banquo erteilte Prophezeiung sich ebenso

erfüllen könne, wie die seines eigenen Schicksals. Nun erst läßt er Banquo töten

und wird wie bei Shakespeare von einem Verbrechen zum anderen fortgerissen.

Es wird auch bei Holinshed nicht ausdrücklich gesagt, daß es seine

Kinderlosigkeit ist, welche ihn auf diesen Weg treibt, aber es bleibt Zeit und

Raum für diese naheliegende Motivierung. Anders bei Shakespeare. In

atemraubender Hast jagen in der Tragödie die Ereignisse an uns vorüber, so daß

sich aus den Angaben der Personen im Stücke etwa e i n e W o c h e als die

Zeitdauer ihres Ablaufes berechnen läßt[2]. Durch diese Beschleunigung wird all

unseren Konstruktionen über die Motivierung des Umschwungs im Charakter

Macbeths und seiner Lady der Boden entzogen. Es fehlt die Zeit, innerhalb

welcher die fortgesetzte Enttäuschung der Kinderhoffnung das Weib zermürben

und den Mann in trotzige Raserei treiben könnte, und es bleibt der Widerspruch

bestehen, daß soviel feine Zusammenhänge innerhalb des Stückes und zwischen

ihm und seinem Anlaß ein Zusammentreffen im Motiv der Kinderlosigkeit

anstreben, während die zeitliche Ökonomie der Tragödie eine

Charakterentwicklung aus anderen als den innerlichsten Motiven ausdrücklich

ablehnt.

 

Welches aber diese Motive sein können, die in so kurzer Zeit aus dem zaghaften

Ehrgeizigen einen hemmungslosen Wüterich und aus der stahlharten Anstifterin

eine von Reue zerknirschte Kranke machen, das läßt sich meines Erachtens nicht

erraten. Ich meine, wir müßten darauf verzichten, das dreifach geschichtete

Dunkel zu durchdringen, zu dem sich die schlechte Erhaltung des Textes, die

unbekannte Intention des Dichters und der geheime Sinn der Sage hier verdichtet

haben. Ich möchte es auch nicht gelten lassen, daß jemand einwende, solche

Untersuchungen seien müßig angesichts der großartigen Wirkung, die die

Tragödie auf den Zuschauer ausübt. Der Dichter kann uns zwar durch seine

Kunst während der Darstellung überwältigen und unser Denken dabei lähmen,

aber er kann uns nicht daran hindern, daß wir uns nachträglich bemühen, diese

Wirkung aus ihrem psychologischen Mechanismus zu begreifen. Auch die

Bemerkung, es stehe dem Dichter frei, die natürliche Zeitfolge der von ihm

vorgeführten Begebenheiten in beliebiger Weise zu verkürzen, wenn er durch das Opfer der gemeinen Wahrscheinlichkeit eine Steigerung des dramatischen

Effekts erzielen kann, scheint mir hier nicht an ihrem Platze. Denn ein solches

Opfer ist doch nur zu rechtfertigen, wo es bloß die Wahrscheinlichkeit stört[3],

aber nicht, wo es die kausale Verknüpfung aufhebt, und der dramatischen

Wirkung wäre kaum Abbruch geschehen, wenn der Zeitablauf unbestimmt

gelassen wäre, anstatt durch ausdrückliche Äußerungen auf wenige Tage

eingeengt zu werden.

 

Es fällt so schwer, ein Problem wie das des M a c b e t h als unlösbar zu

verlassen, daß ich noch den Versuch wage, eine Bemerkung anzufügen, die nach

einem neuen Ausweg weist. L u d w i g J e k e l s hat kürzlich in einer

Shakespeare-Studie ein Stück der Technik des Dichters zu erraten geglaubt,

welches auch für Macbeth in Betracht kommen könnte. Er meint, daß

Shakespeare häufig einen Charakter in zwei Personen zerlegt, von denen dann

jede unvollständig begreiflich erscheint, solange man sie nicht mit der anderen

wiederum zur Einheit zusammensetzt. So könnte es auch mit Macbeth und der

Lady sein, und dann würde es natürlich zu nichts führen, wollte man sie als

selbständige Person fassen und nach der Motivierung ihrer Umwandlung

forschen, ohne auf den sie ergänzenden Macbeth Rücksicht zu nehmen. Ich folge

dieser Spur nicht weiter, aber ich will doch anführen, was in so auffälliger Weise

diese Auffassung stützt, daß die Angstkeime, die in der Mordnacht bei Macbeth

hervorbrechen, nicht bei ihm, sondern bei der Lady zur Entwicklung gelangen[4].

Er ist es, der vor der Tat die Halluzination des Dolches gehabt hat, aber sie, die

später der geistigen Erkrankung verfällt; er hat nach dem Morde im Hause

schreien gehört: Schlaft nicht mehr, Macbeth mordet den Schlaf und also soll

Macbeth nicht mehr schlafen, aber wir vernehmen nichts davon, daß König

Macbeth nicht mehr schläft, während wir sehen, daß die Königin aus ihrem

Schlafe aufsteht und nachtwandelnd ihre Schuld verrät; er stand hilflos da mit

blutigen Händen und klagte, daß all des Meergotts Flut nicht reinwasche seine

Hand; sie tröstete damals: Ein wenig Wasser spült uns ab die Tat, aber dann ist

sie es, die eine Viertelstunde lang ihre Hände wäscht und die Befleckung des

Blutes nicht beseitigen kann. »Alle Wohlgerüche Arabiens machen nicht

süßduftend diese kleine Hand.« (Akt V, Szene 1.) So erfüllt sich an ihr, was er in

seiner Gewissensangst gefürchtet; sie wird die Reue nach der Tat, er wird der

Trotz, sie erschöpfen miteinander die Möglichkeiten der Reaktion auf das

Verbrechen, wie zwei uneinige Anteile einer einzigen psychischen Individualität

und vielleicht Nachbilder eines einzigen Vorbilds.

 

Haben wir an der Gestalt der Lady Macbeth die Frage nicht beantworten können, warum sie nach dem Erfolge als Kranke zusammenbricht, so winkt uns vielleicht

eine bessere Aussicht bei der Schöpfung eines anderen großen Dramatikers, der

die Aufgabe der psychologischen Rechenschaft mit unnachsichtiger Strenge zu

verfolgen liebt.

 

Rebekka Gamvik, die Tochter einer Hebamme, ist von ihrem Adoptivvater

Doktor West zur Freidenkerin und Verächterin jener Fesseln erzogen worden,

welche eine auf religiösem Glauben gegründete Sittlichkeit den

Lebenswünschen anlegen möchte. Nach dem Tode des Doktors verschafft sie

sich Aufnahme in R o s m e r s h o l m, dem Stammsitz eines alten Geschlechtes,

dessen Mitglieder das Lachen nicht kennen und die Freude einer starren

Pflichterfüllung geopfert haben. Auf Rosmersholm hausen der Pastor Johannes

Rosmer und seine kränkliche, kinderlose Gattin Beate. »Von wildem,

unbezwinglichem Gelüst« nach der Liebe des adeligen Mannes ergriffen,

beschließt Rebekka, die Frau, die ihr im Wege steht, wegzuräumen, und bedient

sich dabei ihres »mutigen, freigeborenen«, durch keine Rücksichten gehemmten

Willens. Sie spielt ihr ein ärztliches Buch in die Hand, in dem die

Kinderzeugung als der Zweck der Ehe hingestellt wird, so daß die Arme an der

Berechtigung ihrer Ehe irre wird, sie läßt sie erraten, daß Rosmer, dessen

Lektüre und Gedankengänge sie teilt, im Begriffe ist, sich vom alten Glauben

loszumachen und die Partei der Aufklärung zu nehmen, und nachdem sie so das

Vertrauen der Frau in die sittliche Verläßlichkeit ihres Mannes erschüttert hat,

gibt sie ihr endlich zu verstehen, daß sie selbst, Rebekka, bald das Haus

verlassen wird, um die Folgen eines unerlaubten Verkehrs mit Rosmer zu

verheimlichen. Der verbrecherische Plan gelingt. Die arme Frau, die für

schwermütig und unzurechnungsfähig gegolten hat, stürzt sich vom Mühlensteg

herab ins Wasser, im Gefühl des eigenen Unwerts und um dem Glücke des

geliebten Mannes nicht im Wege zu sein.

 

Seit Jahr und Tag leben nun Rebekka und Rosmer allein auf Rosmersholm in

einem Verhältnis, welches er für eine rein geistige und ideelle Freundschaft

halten will. Als aber von außen her die ersten Schatten der Nachrede auf dieses

Verhältnis fallen, und gleichzeitig quälende Zweifel in Rosmer rege gemacht

werden, aus welchen Motiven seine Frau in den Tod gegangen ist, bittet er

Rebekka seine zweite Frau zu werden, um der traurigen Vergangenheit eine neue

lebendige Wirklichkeit entgegenstellen zu können. (Akt II.) Sie jubelt bei diesem

Antrage einen Augenblick lang auf, aber schon im nächsten erklärt sie, es sei

unmöglich, und wenn er weiter in sie dringe, werde sie »den Weg gehen, den

Beate gegangen ist«. Verständnislos nimmt Rosmer diese Abweisung entgegen; noch unverständlicher ist sie aber für uns, die wir mehr von Rebekkas Tun und

Absichten wissen. Wir dürfen bloß nicht daran zweifeln, daß ihr Nein ernst

gemeint ist.

 

Wie konnte es kommen, daß die Abenteurerin mit dem mutigen, freigeborenen

Willen, die sich ohne jede Rücksicht den Weg zur Verwirklichung ihrer Wünsche

gebahnt, nun nicht zugreifen will, da ihr angeboten wird, die Frucht des Erfolges

zu pflücken? Sie gibt uns selbst die Aufklärung im vierten Akt: »Das ist doch

eben das Furchtbare, jetzt, da alles Glück der Welt mir mit vollen Händen

geboten wird, – jetzt bin ich eine solche geworden, daß meine eigene

Vergangenheit mir den Weg zum Glück versperrt.« Sie ist also eine andere

geworden unterdes, ihr Gewissen ist erwacht, sie hat ein Schuldbewußtsein

bekommen, welches ihr den Genuß versagt.

 

Und wodurch wurde ihr Gewissen geweckt? Hören wir sie selbst und überlegen

wir dann, ob wir ihr voll Glauben schenken dürfen: »Es ist die

Lebensanschauung des Hauses Rosmer – oder wenigstens deine

Lebensanschauung, – die meinen Willen angesteckt hat ... Und ihn krank

gemacht hat. Ihn geknechtet hat mit Gesetzen, die früher für mich nicht gegolten

haben. Das Zusammenleben mit dir, – du, das hat meinen Sinn geadelt.«

 

Dieser Einfluß, ist hinzuzunehmen, hat sich erst geltend gemacht, als sie mit

Rosmer allein zusammenleben durfte; »– in Stille, – in Einsamkeit, – als du mir

deine Gedanken alle ohne Vorbehalt gabst, – eine jegliche Stimmung, so weich

und so fein wie du sie fühltest, – da trat die große Umwandlung ein«.

 

Kurz vorher hatte sie die andere Seite dieser Wandlung beklagt: »Weil

Rosmersholm mir die Kraft genommen hat, hier ist mein mutiger Wille gelähmt

worden. Und verschandelt! Für mich ist die Zeit vorbei, da ich alles und jedes

wagen durfte. Ich habe die Energie zum Handeln verloren, Rosmer.«

 

Diese Erklärung gibt Rebekka, nachdem sie sich durch ein freiwilliges

Geständnis vor Rosmer und dem Rektor Kroll, dem Bruder der von ihr

beseitigten Frau, als Verbrecherin bloßgestellt hat. I b s e n hat durch kleine Züge

von meisterhafter Feinheit festgelegt, daß diese Rebekka nicht lügt, aber auch

nie ganz aufrichtig ist. Wie sie trotz aller Freiheit von Vorurteilen ihr Alter um

ein Jahr herabgesetzt hat, so ist auch ihr Geständnis vor den beiden Männern

unvollständig und wird durch das Drängen Krolls in einigen wesentlichen

Punkten ergänzt. Auch uns bleibt die Freiheit anzunehmen, daß die Aufklärung

ihres Verzichts das eine nur preisgibt, um ein anderes zu verschweigen.

Gewiß, wir haben keinen Grund, ihrer Aussage zu mißtrauen, daß die Luft auf

Rosmersholm, ihr Umgang mit dem edlen Rosmer, veredelnd und – lähmend auf

sie gewirkt hat. Sie sagt damit, was sie weiß und empfunden hat. Aber es

brauchte nicht alles zu sein, was in ihr vorgegangen ist; auch ist es nicht

notwendig, daß sie sich über alles Rechenschaft geben konnte. Der Einfluß

Rosmers konnte auch nur ein Deckmantel sein, hinter dem sich eine andere

Wirkung verbirgt, und nach dieser anderen Richtung weist ein bemerkenswerter

Zug.

 

Noch nach ihrem Geständnis, in der letzten Unterredung, die das Stück beendet,

bittet sie Rosmer nochmals, seine Frau zu werden. Er verzeiht ihr, was sie aus

Liebe zu ihm verbrochen hat. Und nun antwortet sie nicht, was sie sollte, daß

keine Verzeihung ihr das Schuldgefühl nehmen könnte, das sie durch den

tückischen Betrug an der armen Beate erworben, sondern sie belastet sich mit

einem anderen Vorwurf, der uns bei der Freidenkerin fremdartig berühren muß,

keinesfalls die Stelle verdient, an die er von Rebekka gesetzt wird: »Ach, mein

Freund, – komm nie wieder darauf! Es ist ein Ding der Unmöglichkeit –! Denn

du mußt wissen, Rosmer, ich habe eine Vergangenheit.« Sie will natürlich

andeuten, daß sie sexuelle Beziehungen zu einem anderen Manne gehabt hat,

und wir wollen uns merken, daß ihr diese Beziehungen zu einer Zeit, da sie frei

und niemandem verantwortlich war, ein stärkeres Hindernis der Vereinigung mit

Rosmer dünken als ihr wirklich verbrecherisches Benehmen gegen seine Frau.

 

Rosmer lehnt es ab, von dieser Vergangenheit zu hören. Wir können sie erraten,

obwohl alles, was dahin weist, im Stücke sozusagen unterirdisch bleibt und aus

Andeutungen erschlossen werden muß. Aus Andeutungen freilich, die mit

solcher Kunst eingefügt sind, daß ein Mißverständnis derselben unmöglich wird.

 

Zwischen Rebekkas erster Ablehnung und ihrem Geständnis geht etwas vor, was

von entscheidender Bedeutung für ihr weiteres Schicksal ist. Der Rektor Kroll

besucht sie, um sie durch die Mitteilung zu demütigen, er wisse, daß sie ein

illegitimes Kind sei, die Tochter eben jenes Doktors West, der sie nach dem Tode

ihrer Mutter adoptiert hat. Der Haß hat seinen Spürsinn geschärft, aber er meint

nicht, ihr damit etwas Neues zu sagen. »In der Tat, ich meinte, Sie wüßten ganz

genau Bescheid. Es wäre doch sonst recht merkwürdig gewesen, daß Sie sich

von Doktor West adoptieren ließen –.« »Und da nimmt er Sie zu sich – gleich

nach dem Tode Ihrer Mutter. Er behandelt Sie hart. Und doch bleiben Sie bei

ihm. Sie wissen, daß er Ihnen nicht einen Pfennig hinterlassen wird. Sie haben ja

auch nur eine Kiste Bücher bekommen. Und doch halten Sie bei ihm aus.

Ertragen seine Launen. Pflegen ihn bis zum letzten Augenblick.« – »Was Sie für ihn getan haben, das leite ich aus dem natürlichen Instinkt der Tochter her. Ihr

ganzes übriges Auftreten halte ich für ein natürliches Ergebnis Ihrer Herkunft.«

 

Aber Kroll war im Irrtum. Rebekka hatte nichts davon gewußt, daß sie die

Tochter des Doktors West sein sollte. Als Kroll mit dunklen Anspielungen auf

ihre Vergangenheit begann, mußte sie annehmen, er meine etwas anderes.

Nachdem sie begriffen hat, worauf er sich bezieht, kann sie noch eine Weile ihre

Fassung bewahren, denn sie darf glauben, daß ihr Feind seiner Berechnung jenes

Alter zugrunde gelegt hat, das sie ihm bei einem früheren Besuch fälschlich

angegeben. Aber nachdem Kroll diese Einwendung siegreich zurückgewiesen:

»Mag sein. Aber die Rechnung mag dennoch richtig sein, denn ein Jahr, ehe er

angestellt wurde, ist West dort oben vorübergehend zu Besuch gewesen«, nach

dieser neuen Mitteilung verliert sie jeden Halt. »Das ist nicht wahr.« – Sie geht

umher und ringt die Hände: »Es ist unmöglich. Sie wollen mir das bloß einreden.

Das kann ja nun und nimmermehr wahr sein. Kann nicht wahr sein! Nun und

nimmermehr –!« Ihre Ergriffenheit ist so arg, daß Kroll sie nicht auf seine

Mitteilung zurückzuführen vermag.

 

K r o l l: »Aber, meine Liebe, – warum um Gottes willen, werden Sie denn so heftig? Sie machen

mir geradezu Angst! Was soll ich glauben und denken –!«

R e b e k k a: »Nichts. Sie sollen weder etwas glauben noch etwas denken.«

K r o l l: »Dann müßten Sie mir aber wirklich erklären, warum Sie sich diese Sache – diese Möglichkeit so zu Herzen nehmen.«

R e b e k k a (faßt sich wieder): »Das ist doch sehr einfach, Herr Rektor. Ich habe doch keine Lust, für ein uneheliches Kind zu gelten.«

 

Das Rätsel im Benehmen Rebekkas läßt nur eine Lösung zu. Die Mitteilung, daß

Doktor West ihr Vater sein kann, ist der schwerste Schlag, der sie betreffen

konnte, denn sie war nicht nur die Adoptivtochter, sondern auch die Geliebte

dieses Mannes. Als Kroll seine Reden begann, meinte sie, er wolle auf diese

Beziehungen anspielen, die sie wahrscheinlich unter Berufung auf ihre Freiheit

einbekannt hätte. Aber das lag dem Rektor ferne; er wußte nichts von dem

Liebesverhältnis mit Doktor West, wie sie nichts von dessen Vaterschaft. Nichts

anderes als dieses Liebesverhältnis k a n n sie im Sinne haben, wenn sie bei der

letzten Weigerung gegen Rosmer vorschützt, sie habe eine Vergangenheit, die sie

unwürdig mache, seine Frau zu werden. Wahrscheinlich hätte sie Rosmer, wenn

er gewollt hätte, auch nur die eine Hälfte ihres Geheimnisses mitgeteilt und den

schwereren Anteil desselben verschwiegen.

 

Aber nun verstehen wir freilich, daß diese Vergangenheit ihr als das schwerere Hindernis der Eheschließung erscheint, als das schwerere – Verbrechen.

 

Nachdem sie erfahren hat, daß sie die Geliebte ihres eigenen Vaters gewesen ist,

unterwirft sie sich ihrem jetzt übermächtig hervorbrechenden Schuldgefühl. Sie

legt vor Rosmer und Kroll das Geständnis ab, durch das sie sich zur Mörderin

stempelt, verzichtet endgültig auf das Glück, zu dem sie sich durch Verbrechen

den Weg gebahnt hatte, und rüstet zur Abreise. Aber das eigentliche Motiv ihres

Schuldbewußtseins, welches sie am Erfolg scheitern läßt, bleibt geheim. Wir

haben gesehen, es ist noch etwas ganz anderes als die Atmosphäre von

Rosmersholm und der sittigende Einfluß Rosmers.

 

Wer uns soweit gefolgt ist, wird jetzt nicht versäumen, einen Einwand

vorzubringen, der dann manchen Zweifel rechtfertigen kann. Die erste

Abweisung Rosmers durch Rebekka erfolgt ja vor dem zweiten Besuch Krolls,

also vor seiner Aufdeckung ihrer unehelichen Geburt, und zu einer Zeit, da sie

um ihren Inzest noch nichts weiß, – wenn wir den Dichter richtig verstanden

haben. Doch ist diese Abweisung energisch und ernst gemeint. Das

Schuldbewußtsein, das sie auf den Gewinn aus ihren Taten verzichten heißt, ist

also schon vor ihrer Kenntnis um ihr Kapitalverbrechen wirksam, und wenn wir

soviel zugeben, dann ist der Inzest als Quelle des Schuldbewußtseins vielleicht

überhaupt zu streichen.

 

Wir haben bisher Rebekka West behandelt, als wäre sie eine lebende Person und

nicht eine Schöpfung der von dem kritischesten Verstand geleiteten Phantasie

des Dichters I b s e n. Wir dürfen versuchen, bei der Erledigung dieses Einwands

denselben Standpunkt festzuhalten. Der Einwand ist gut, ein Stück Gewissen

war auch vor der Kenntnis des Inzests bei Rebekka erwacht. Es steht nichts im

Wege, für diese Wandlung den Einfluß verantwortlich zu machen, den Rebekka

selbst anerkennt und anklagt. Aber damit kommen wir von der Anerkennung des

zweiten Motivs nicht frei. Das Benehmen Rebekkas bei der Mitteilung des

Rektors, ihre unmittelbar darauffolgende Reaktion durch das Geständnis lassen

keinen Zweifel daran, daß erst jetzt das stärkere und das entscheidende Motiv

des Verzichts in Wirkung tritt. Es liegt eben ein Fall von mehrfacher

Motivierung vor, bei dem hinter dem oberflächlicheren Motiv ein tieferes zum

Vorschein kommt. Gebote der poetischen Ökonomie hießen den Fall so

gestalten, denn dies tiefere Motiv sollte nicht laut erörtert werden, es mußte

gedeckt bleiben, der bequemen Wahrnehmung des Zuhörers im Theater oder

Lesers entzogen, sonst hätten sich bei diesem schwere Widerstände erhoben, auf

die peinlichsten Gefühle begründet, welche die Wirkung des Schauspiels in

Frage stellen könnten.

Mit Recht dürfen wir aber verlangen, daß das vorgeschobene Motiv nicht ohne

inneren Zusammenhang mit dem von ihm gedeckten sei, sondern sich als eine

Milderung und Ableitung aus dem letzteren erweise. Und wenn wir dem Dichter

zutrauen dürfen, daß seine bewußte poetische Kombination folgerichtig aus

unbewußten Voraussetzungen hervorgegangen ist, so können wir auch den

Versuch machen zu zeigen, daß er diese Forderung erfüllt hat. Rebekkas

Schuldbewußtsein entspringt aus der Quelle des Inzestvorwurfs, noch ehe der

Rektor ihr diesen mit analytischer Schärfe zum Bewußtsein gebracht hat. Wenn

wir ausführend und ergänzend ihre vom Dichter angedeutete Vergangenheit

rekonstruieren, so werden wir sagen, sie kann nicht ohne Ahnung der intimen

Beziehungen zwischen ihrer Mutter und dem Doktor West gewesen sein. Es muß

ihr einen großen Eindruck gemacht haben, als sie die Nachfolgerin der Mutter

bei diesem Manne wurde, und sie stand unter der Herrschaft des

Ödipuskomplexes, auch wenn sie nicht wußte, daß diese allgemeine Phantasie in

ihrem Falle zur Wirklichkeit geworden war. Als sie nach Rosmersholm kam,

trieb sie die innere Gewalt jenes ersten Erlebnisses dazu an, durch tatkräftiges

Handeln dieselbe Situation herbeizuführen, die sich das erste Mal ohne ihr

Dazutun verwirklicht hatte, die Frau und Mutter zu beseitigen, um beim Manne

und Vater ihre Stelle einzunehmen. Sie schildert mit überzeugender

Eindringlichkeit, wie sie gegen ihren Willen genötigt wurde, Schritt um Schritt

zur Beseitigung Beatens zu tun.

 

»Aber glaubt Ihr denn, ich ging und handelte mit kühler Überlegung! Damals war ich doch nicht

was ich heute bin, wo ich vor Euch stehe und erzähle. Und dann gibt es doch auch, sollte ich meinen, zwei Arten Willen in einem Menschen. Ich wollte Beate weg haben! Auf irgend eine Art. Aber ich glaubte doch nicht, es würde jemals dahin kommen. Bei jedem Schritt, den es mich

reizte, vorwärts zu wagen, war es mir, als schrie etwas in mir: Nun nicht weiter! Keinen Schritt mehr! – Und doch konnte ich es nicht lassen. Ich mußte noch ein winziges Spürchen weiter. Und noch ein einziges Spürchen. Und dann noch eins – und immer noch eins –. Und so ist es

geschehen. – Auf diese Weise geht so etwas vor sich.«

 

Das ist nicht Beschönigung, sondern wahrhafte Rechenschaft. Alles, was auf

Rosmersholm mit ihr vorging, die Verliebtheit in Rosmer und die Feindseligkeit

gegen seine Frau, war bereits Erfolg des Ödipuskomplexes, erzwungene

Nachbildung ihres Verhältnisses zu ihrer Mutter und zu Doktor West.

 

Und darum ist das Schuldgefühl, das sie zuerst die Werbung Rosmers abweisen

läßt, im Grunde nicht verschieden von jenem größeren, das sie nach der

Mitteilung Krolls zum Geständnis zwingt. Wie sie aber unter dem Einfluß des

Doktors West zur Freidenkerin und Verächterin der religiösen Moral geworden

war, so wandelte sie sich durch die neue Liebe zu Rosmer zum Gewissens- und Adelsmenschen. Soviel verstand sie selbst von ihren inneren Vorgängen, und

darum durfte sie mit Recht den Einfluß Rosmers als das ihr zugänglich

gewordene Motiv ihrer Änderung bezeichnen.

 

Der psychoanalytisch arbeitende Arzt weiß, wie häufig oder wie regelmäßig das

Mädchen, welches als Dienerin, Gesellschafterin, Erzieherin in ein Haus eintritt,

dort bewußt oder unbewußt am Tagtraum spinnt, dessen Inhalt dem

Ödipuskomplex entnommen ist, daß die Frau des Hauses irgendwie wegfallen

und der Herr an deren Stelle sie zur Frau nehmen wird. »Rosmersholm« ist das

höchste Kunstwerk der Gattung, welche diese alltägliche Phantasie der Mädchen

behandelt. Es wird eine tragische Dichtung durch den Zusatz, daß dem Tagtraum

der Heldin die ganz entsprechende Wirklichkeit in ihrer Vorgeschichte

vorausgegangen ist[5].

 

Nach langem Aufenthalte bei der Dichtung kehren wir nun zur ärztlichen

Erfahrung zurück. Aber nur, um mit wenigen Worten die volle Übereinstimmung

beider festzustellen. Die psychoanalytische Arbeit lehrt, daß die

Gewissenskräfte, welche am Erfolg erkranken lassen anstatt wie sonst an der

Versagung, in intimer Weise mit dem Ödipuskomplex zusammenhängen, mit

dem Verhältnis zu Vater und Mutter, wie vielleicht unser Schuldbewußtsein

überhaupt.