Erfüllte Sehnsucht, XXL-Leseprobe

Anya Omah · Kapitel 1 von 2

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Erfüllte Sehnsucht, XXL-Leseprobe

Eins - Hoffnung

In Filmen verlässt die Seele einfach den Körper, wenn Schmerz, Angst und Verzweiflung einen zu brechen drohen. Im wirklichen Leben gibt es keinen Ausweg, keinen Ort, der einen vor der Realität schützt: Steven und Ben schweben in Lebensgefahr und werden in diesem Moment notoperiert. Das ist meine Realität, seitdem das Schicksal von meinem Leben nichts als Asche übrig ließ.

Den Zeiger der Uhr erkenne ich nur noch verschwommen, aber er bewegt sich und erinnert mich daran, dass die Zeit nicht stehen geblieben ist. Dass ich seit einer Ewigkeit im Wartebereich der Notaufnahme sitze und keine Ahnung habe, was ich tun soll, falls dies hier schlecht ausgeht und irgendwann einer der Ärzte kommt, um uns mitzuteilen, dass sie es nicht geschafft haben.

Zum wiederholten Mal kämpfe ich die aufsteigende Panik in mir nieder und zwinge mich, daran zu glauben, dass alles gut werden wird.

»Hier mein Schatz.« Ich drehe den Kopf zu Linda, die mir einen dampfenden Becher hinhält, stumm verneinend wende ich mich ab und der Uhr wieder zu. Im Augenwinkel registriere ich, dass Peter ums Eck kommt und neben meiner Mutter Platz nimmt. »Frau Klingenthal ist … informiert«, sagt er in einem bedauernden Tonfall. Vermutlich dem gleichen, mit dem er Bens Mutter versucht hat, schonend beizubringen, dass ihr Sohn sterben könnte. Seine Worte machen mir – wie vorhin – bewusst, wie wenig ich von Ben weiß. Wie nutz- und hilflos ich mich fühlte, als man mir bei der Ankunft im Krankenhaus simple Fragen zu seiner Person stellte, von denen ich keine einzige beantworten konnte. Nicht mal sein Geburtsdatum ist mir bekannt. Mein Innerstes wird von dem grausamen Gefühl zerfressen, kostbare Zeit verschwendet zu haben. Zeit, in der ich, statt über mich zu reden, nach seinem Lieblingsgericht, seiner Lieblingsfarbe, seinen Träumen, Ängsten und seiner Kindheit hätte fragen sollen.

Was, wenn ich keine Gelegenheit mehr dazu bekomme, dieses Versäumnis nachzuholen?

Was, wenn Steven nicht zu mir zurückkehrt?

»Du zitterst ja! Soll ich eine Decke holen?«, erkundigt sich Linda. Sorge belegt ihre Stimme und ihre Augen schimmern feucht, als sie mir erneut das Heißgetränk reichen möchte. »Der Tee wird dich aufwärmen, Yaya. Bitte. Du … musst was trinken.«

Mir ist nicht kalt, will ich sagen, scheitere aber an dem Kloß, der in meiner Kehle wie Feuer brennt. Kopfschüttelnd lehne ich ab, lasse zu, dass sie meine Hand nimmt und sie drückt. Mit dem Daumen streicht sie über die Hautstelle, an der das getrocknete Blut der Männer haftet, die ich liebe.

»Sie schaffen es«, flüstert sie mit bebendem Kinn und nickt mir zu.

Ich lecke mir die Tränen von den Lippen und erwidere ihr Nicken – energisch –, weil ich daran glauben möchte, daran glauben muss. Denn das ist alles, was ich tun kann: Hoffen. Wird es genügen? Nana, Stevens Mutter und Patrick, sein Onkel, der für ihn wie ein Vater ist, befinden sich in der Kapelle und beten. Sie sind gläubig – so sehr, dass sie jeden Sonntag in die Kirche gehen. Und ich frage mich, woher sie die Zuversicht nehmen, Gott würde ihre Gebete erhören, nachdem er all das zugelassen hat. Trotzdem bin ich kurz davor, die Kapelle aufzusuchen, weil das Gefühl der Ohnmacht mich mit jeder weiteren Sekunde, die ich untätig hier sitze, zu ersticken droht. Da ich aber vor Ort sein will, wenn es Neuigkeiten gibt, schließe ich nur die Lider und bete – zum allerersten Mal in meinem Leben.

»Sind Sie die Angehörigen von Benedikt Klingenthal?«, dringt drei Atemzüge später eine weibliche Stimme an mein Ohr. Ich reiße die Augen auf und blicke in das mit Sommersprossen übersäte Gesicht einer Krankenschwester. Keine Ärztin – das ist ein gutes Zeichen, oder? Sie würden doch kein Pflegepersonal schicken, um uns mitzuteilen, dass Ben … dass sie ihn nicht retten konnten?

»Andernach.« Peter ist aufgestanden und reicht ihr die Hand, während meine von Lindas gedrückt wird. »Wir sind …« Er stockt und sieht in meine Richtung. »Unsere … Tochter ist seine Partnerin. Die Mutter ist informiert und müsste jeden Moment da sein.«

Das Tochter überhöre ich und konzentriere mich stattdessen darauf, nicht die Balance zu verlieren, als ich mich aufrichte. Er darf nicht tot sein. »Geht ... geht es ihm gut?« Meine Knie fühlen sich an wie Gelee und mein Herz setzt mindestens zwei Schläge aus.

»Herr Klingenthal hat die Operation gut überstanden und liegt zur Überwachung auf …«

‚Gut überstanden‘ hallt es so laut in mir nach, dass ich den Rest ihres Satzes nicht mehr mitbekomme. Die Sorge um ihn sowie die Anspannung der letzten Stunden entlädt sich in Tränen der Erleichterung, die mir heiß über die Wangen laufen. »K-kann … kann ich zu ihm?«

Bedauernd verzieht sie den Mund. »Er ist noch sehr schwach und braucht Ruhe …«

»Ich … will nur nach ihm sehen« … seine Hand halten und sagen, dass ich ihn liebe. »Bitte«, flüstere ich und bemerke, wie sie den Blick über mein Top und die Shorts schweifen lässt – beides voller Blutflecken.

»Ihre Eltern müssen aber hier warten«, sagt sie, als seien Mama und Peter nicht anwesend und lächelt. Nicht warmherzig oder mitfühlend, sondern routiniert und leicht unterkühlt, aber das ist mir egal.

»Wissen Sie etwas über den Zustand von …« Ich hole tief Luft. »Steven?«

»Sie müssen mir schon den vollen Namen nennen«, entgegnet sie so genervt, dass ich alle Mühe habe, sie nicht anzublaffen.

»Mensah. Steven Mensah«, antworte ich stattdessen und folge ihr ins Treppenhaus, wo wir vor dem Lift stehen bleiben. »Er ist zusammen mit Ben … äh … Benedikt Klingenthal eingeliefert worden und …«

»Nein, der Name sagt mir nichts«, fällt sie mir beinahe hastig ins Wort, entfernt sich zwei Schritte weit und ergänzt im Gehen »Erste Etage. Dort befindet sich die Intensivstation. Klingeln Sie und fragen sie nach ihrem Partner.«

***

Alles in mir zieht sich zusammen, als ich das Zimmer betrete, in dem Ben liegt.

Er ist blass – schrecklich blass – und sein großer Körper wirkt so kraftlos in dem Krankenbett, das mir viel zu klein für ihn erscheint. Unsicher nehme ich einen tiefen Atemzug dieses typischen Gemischs aus Desinfektionsmittel und Alkohol. Die angezeigten Vitalzeichen auf dem Monitor über ihm verschwimmen vor meinen Augen und ich unterdrücke nicht nur vor Erleichterung ein Schluchzen. Denn Schuld nagt an mir und frisst sich wie Säure durch mein Herz, weil Ben ohne mich nicht hier läge. Was ich die ganze Zeit über verdrängt habe, sickert nun schmerzlich in mein Bewusstsein:

Meinetwegen ist er in die Schusslinie geraten.

Meinetwegen wollte er abhauen, mich in Sicherheit bringen.

Meinetwegen hat er sich gestern Abend ins Studio begeben und ist in eine Falle getappt – die gleiche, in die vermutlich auch Steven …

Bens unvermitteltes Räuspern stoppt meine Gedanken. Die Lider sind leicht geöffnet, aber ich merke, wie schwer es ihm fällt, sie nicht wieder zu schließen. Den Blick lässt er über mich hinweggleiten, ganz langsam, als inspiziere er mich. Rasch wische ich mir die Feuchtigkeit von den Wangen, weil ich mir einbilde, mein Gesicht sähe dadurch weniger aufgequollen aus. Dabei sind Äußerlichkeiten gerade genauso unwichtig, wie das leicht schief hängende Stillleben an der gegenüberliegenden Wand.

»Wie geht es dir?«, will Ben mit heiserer Stimme wissen und ich lache kurz auf. Eher unfreiwillig und ungläubig, weil ich nicht fassen kann, dass er sich in seinem Zustand um mich sorgt. Dabei liege nicht ich, sondern er da – unter anderem mit vier Drainagen, aus denen Wundsekret abläuft. Mein Magen verknotet sich bei der Vorstellung, wie übel sie ihn zugerichtet haben. Die Nazis! Sie müssen es gewesen sein, eine andere Erklärung gibt es nicht, und eine, die mir mehr Angst macht auch nicht. Ich will ihn fragen, was vergangene Nacht geschehen, was ihm und Steven angetan worden ist, aber meine Lippen beginnen zu beben. Blinzeln, schlucken und Luft zufächeln können nicht verhindern, dass eine Heulattacke meinen Körper erschüttert.

»Sch ... Sch …«, versucht er mich zu beruhigen und hustet auf. »Ich … ich werd schon wieder. Mir fehlt nichts«, behauptet er mit dünner Stimme, doch Schmerz verzerrt seinen Ausdruck und straft seine Worte Lügen.

Er sieht gar nicht gut aus und wirkt so schwach, beinahe benommen. »Soll … soll ich jemanden rufen?«, frage ich, obwohl ich weiß, dass sein Zustand der Narkose geschuldet ist.

»Es geht schon«, stöhnt er und die Manschette um seinen Arm plustert sich auf. »Mach dir um mich keine Sorgen. Gib … gib mir einfach nur deine Hand.«

Darauf bedacht, nicht mit der Infusionsnadel in Berührung zu kommen, gehorche ich. Über das Blut, das an meiner Haut haftet, verliert er kein Wort. Vorsichtig schiebt er unsere Finger ineinander, stoppt auf diese Weise mein Zittern und nach einer Weile auch das Schluchzen.

»Geht’s wieder?«

Ein heiser klingendes »Ja« verlässt meinen verlogenen Mund, während sein Daumen zärtlich über meinen Handrücken streicht.

»Tut mir leid, dass …« Er schluckt, als strenge ihn das furchtbar an. »Dass ich nicht, wie versprochen, zurückgekommen bin. Ich …«

»Gott, Ben!« Energisch schüttele ich den Kopf. »Mir tut es leid. Es ist meine Schuld … Alles.«

»Nein«, keucht er und verstärkt den Druck um meine Finger. »Denk … so was nicht. Hörst du?«

Obwohl ich es besser weiß, nicke ich, um ihn nicht noch mehr aufzuregen.

»Gut.« Sein Atem geht schwer. »Und jetzt hör mir zu.«

Die Art, wie er mich dabei fixiert sowie der ernste Tonfall versetzen mich in Unbehagen. Wird er mir nun mitteilen, dass es Komplikationen gab und er irreparable Schäden davongetragen hat? Automatisch wandert mein Blick über die Decke, die seine Wunde verdeckt. Oder hat er mehrere? In Gedanken an das viele Blut würge ich die Furcht hinunter und frage: »Was ... ist denn los?«

»Ich möchte, dass du eine der Schwestern um meine Sachen bittest. Da müsste auch meine Geldbörse bei sein. Dort findest du meine Kreditkarte.«

Was zum …?

»Nimm sie an dich und verlasse die Stadt. Heute noch!«

»Nein!«, stoße ich hervor und reiße ebenso entsetzt wie panisch die Augen auf.

»Du musst!«

»Nein, Ben! Ich …«

»Sieh unter das Laken!«

Mit klopfendem Herzen begegne ich der Strenge in seinem Blick, mit welcher er seine Anordnung unterstreicht. Soll ich ihr nachkommen? Will ich sehen, was ihm meinetwegen angetan worden ist?

»Sie haben zugestochen, Yaya.«

Was? Oh Gott!

Mit vorgehaltener Hand unterdrücke ich ein Schluchzen – keine Chance.

»Die waren zu fünft. Ich … hatte verdammtes Glück, dass …« Er stockt, als sei ihm ein Einfall gekommen. »Was … ist mit Steven? Plötzlich war er da, wollte mir helfen …«

Sorge, Angst und Schuld, vereinen sich zu einem einzigen Gefühl, das sich wie eine Schlinge um meinen Hals legt. Sie ist eng, verflucht eng, und ich ringe nach Luft, die immer knapper zu werden scheint.

»Scheiße! Ist er …?«

»Sie … o-operieren ihn n-noch.«

Ben nickt kaum merklich und die flüchtige, wenn auch aufrichtige, Bestürzung währt nicht lange. »Du musst hier weg.«

»Ich … kann nicht.«

»Doch!« Schweißperlen glänzen auf seiner Stirn und die Gesichtsfarbe ähnelt immer mehr den weißen Wänden dieses Zimmers.

»Bitte, Ben«, flehe ich weinend. »Du … du musst wieder gesund werden und ... und dann sehen wir weiter, ja? Jetzt brauchst du erst mal Ruhe.«

»Yaya.« Die Augen schließend ringt er um Fassung. »So komme ich aber verdammt noch mal nicht zur Ruhe«, presst er hervor und klingt als hätte er Schmerzen. »Hier drin kann ich dich nicht beschützen und die Vorstellung, dass dir was zustößt …« Ein Hustenanfall erschüttert seinen Körper und der Monitor beginnt zu piepen. Hilflos sehe ich mich um und bin kurz davor die Klingel zu betätigen, doch Ben schüttelt den Kopf. Er will weitersprechen, aber ein Pfleger, der Sekunden später die Tür öffnet, hält ihn davon ab – zum Glück.

»Jetzt nicht!«, wird dieser angeknurrt.

»Ihr Blutdruck sieht das aber anders«, kommt als Konter. »Und die Besuchszeit ist jetzt auch vorbei. Sie brauchen Ruhe.«

Vorsichtig entziehe ich Ben meine Hand, weil ich einsehen muss, dass der Mann Recht hat.

»Yaya … warte!«

»Was soll das denn werden?«, fragt der Intensivpfleger und verhindert mit gekonntem Griff Bens zum Scheitern verurteilten Versuch, sich aufzurichten. »Aufgestanden wird noch lange nicht!«

»Bitte, Yaya!«, keucht er. »Lass … lass dir meine Sachen geben.« Kopfschüttelnd wische ich mir die Tränen fort und begebe mich schweren Herzens Richtung Tür. Denn der warnende Blick des Pflegers ist unmissverständlich und lässt mir keine Wahl.

Ich will nicht gehen. »Bis … später«, flüstere ich, ziehe die Tür ins Schloss und höre, dass Ben flucht und schimpft. Am liebsten möchte ich zurück, um ihn zu beruhigen. Dabei ist mir klar, dass es nur einen Weg gibt, der ihn besänftigen könnte. Einen, den ich nicht einschlagen kann und will.

Verlasse die Stadt!

Ausgeschlossen! Nicht ohne ihn und nicht, ohne zu wissen, ob … ob Steven durchkommen wird.

***

Wie angewurzelt bleibe ich stehen. Durch die Glastür im Untergeschoss sehe ich, wie Stevens Mutter in der Notaufnahme vor den Augen einer Ärztin in Tränen ausbricht.

»Bitte nicht«, höre ich mich flüstern und fasse mir an die Brust, weil Nanas Körpersprache mir gerade das Herz bricht. Was auch immer ihr mitgeteilt wurde, führt dazu, dass sie sich von der Ärztin abwendet, um sich von Linda trösten zu lassen. Zitternd und weinend halten die beiden Frauen einander fest.

Steven!

Gott, nein!

Die Arme um meinen Bauch geschlungen taumele ich mehrere Schritte nach hinten. Mein Rücken prallt gegen einen Gegenstand – nein, es ist ein Mann –, in dessen Arme ich sinke, da meine Beine nachgegeben haben. Nach Luft schnappend habe ich das Gefühl zu ersticken und mein Herz … Es rast, pumpt viel zu schnell, braucht dringend den Sauerstoff, welchen meine Lungen nicht aufnehmen wollen. Panik rammt ihre Klauen tief in mich hinein, während Hände nach mir greifen, die ich nicht spüre, da der Schmerz meine Sinne betäubt.

Steven … mein bester Freund … ist tot!

Tot!

Ich fühle Feuchtigkeit über meine Wangen rinnen und bin mir nicht sicher, ob es Tränen sind oder Schweiß, der aus allen Poren schießt. Vermutlich beides. Denn die Umrisse meiner Umgebung zerfließen immer mehr zu einer einzigen Fläche – wie Wasserfarbe, die ineinander läuft. Blinzelnd erkenne ich die Umrisse einer Person über mir und Lippen, die sich bewegen.

»Hööööööreeeeeeensiiiiie miiiich«, dringt es an meine Ohren, in denen das Blut rauscht als stünde ich unter einem Wasserfall. Dann hüllt Dunkelheit mich ein wie Nebel und es wird still.

***

»Der Überfall … jetzt Steven und Ben. Das war einfach zu viel für sie, Linda.«

»Ich hätte für sie da sein müssen … Sie auffangen sollen.«

»Komm her! Tu dir das nicht an! Yaya ist erwachsen, darauf hatten wir keinen Einfluss.«

Langsam öffne ich die Augen und erkenne aus halb gesenkten Lidern, wie Peter meine Mutter an seine Brust drückt. »Ich hatte ihr meine Hilfe angeboten, als sie in meinem Büro die Panikattacke bekam, aber …«

»Was?« Linda windet sich aus seinen Armen. »Und das sagst du mir erst jetzt?«

»Weil ich dich nicht beunruhigen wollte …«

»Ich fasse es nicht! Das hättest du mir sagen …«

Aus irgendeinem Grund – vermutlich ist es mein Räuspern – hört sie auf zu sprechen, fährt herum und kommt auf mich zu.

Erst in diesem Moment wird mir bewusst, dass ich liege.

Weshalb?

Wo bin ich?

Auf der Suche nach Antworten scanne ich den kleinen Raum und spüre ein Brennen in meinem Handrücken. Eine Infusionsnadel.

Was ist hier los?

»Yaya? Hol einen Arzt, Peter!« Über mich gebeugt sieht meine Mutter zu mir herunter und ihr Mund verzieht sich zu einem seligen Lächeln. »Gott sei Dank! Was machst du denn nur für Sachen, Liebes? Hm? Wie fühlst du dich?«, werde ich mit ihren Fragen bombardiert, bevor sie neben mir auf dem Krankenbett Platz nimmt.

Immer noch ratlos rücke ich zur Seite, als die Erinnerung mich erfasst und wie ein Güterzug über mich hinweg rollt.

Steven!

Nein! Nein, nein, nein!

Zitternd fülle ich meine Lungen mit Luft und schließe die Augen, in der Hoffnung aus diesem Albtraum zu erwachen, wenn ich sie wieder öffne.

»Yaya? YAYA!« Die panische Stimme meiner Mutter zwingt mich, der bitteren Realität ins Gesicht zu sehen.

»Steven … Ist … ist er tot?«, frage ich schluchzend und breche ohne ihre Erwiderung abzuwarten in Tränen aus, weil ich die Antwort bereits kenne.

»Tot? Nein Schatz! Er lebt …«

»Aber … Ich … ich …« … bin mir nicht sicher, sie richtig verstanden zu haben und sehe sie aus verheulten Augen fragend an.

Energisch schüttelt sie den Kopf. »Steven lebt! Er lebt!«

»Er lebt?«

»Ja!«

Unbändige Freude verdrängt die Trauer, die augenblicklich in Erleichterung umschlägt. Und das Bild von Nana in den Armen meiner Mutter ergibt plötzlich einen ganz anderen Sinn. Ich höre mich gleichzeitig lachen und weinen – laut, fast hysterisch, aber das ist mir egal. Linda stimmt ein – nur kurz –, bevor Sorge ihre Züge hart werden und mich verstummen lässt.

»Schatz?« Die Hand, in der keine Nadel steckt, legt sie in ihre. »Er hat … sehr schwere Kopfverletzungen davongetragen.«

Ich zwinge mich weiter zu atmen und nehme eine aufrechte Position ein.

»Deshalb …« Ihre Musterung wird nun eindringlich und ich schlucke. »… mussten sie ihn ins künstliche Koma versetzen, damit … damit er sich davon erholt. Verstehst du? Allerdings kann es gut sein, dass er morgen aufwacht« … oder gar nicht mehr, schwingt in ihren Worten unheilvoll mit.

»Aber … er lebt«, mache ich mir selbst Mut und Hoffnung.

Zustimmend streicht sie mir eine Locke aus dem Gesicht. »Ja, das tut er.«

Hastig entziehe ich ihr die Finger. »Ich muss zu ihm!«

»Du musst jetzt erst mal zu Kräften kommen!«, mischt sich Peter ein, der gerade im Schlepptau einer Pflegerin zurückkehrt.

»Wie ich sehe, sind Sie wieder wohlauf«, bemerkt diese und hantiert mit der Blutdruckmanschette herum.

»Aber sie braucht doch sicherlich noch Ruhe, oder?«, will Mutter wissen und steht auf, um der Krankenschwester Platz zu machen.

Ohne Linda zu antworten, verlangt sie wortlos nach meinem Arm, den ich schnaubend ausstrecke.

»Neunzig zu sechzig ist ein bisschen wenig. Wie ist Ihr Blutdruck sonst? Wissen Sie das?«, werde ich gefragt, während sie, auf ihre Armbanduhr schauend, meinen Puls misst.

»Weiß nicht«, entgegne ich, statt zu behaupten, dass er immer etwas niedrig sei. Gott, wie dämlich! Ich drehe durch, sollte meine Antwort mich an dieses Bett fesseln.

»Hmmm …« Sie notiert die Werte auf einem Blatt Papier. »Also Ihr Puls könnte ein wenig höher sein«, fährt sie altklug fort und wendet sich nicht mir, sondern Peter und Mutter zu, obwohl ich die Patientin bin.

Hallo? Dem Drang sie schnippend und winkend darauf aufmerksam zu machen, widerstehe ich nur knapp.

»Die Visite ist gegen elf. Der Doktor wird Ihnen mehr sagen können, weil dann auch die Laborergebnisse da sind.«

»Gut. Bis dahin bin ich wieder zurück«, melde ich mich zu Wort und kassiere von Mama einen bösen Blick.

»Yaya, bitte! Du warst ohnmächtig! Damit ist nicht zu spaßen. Außerdem … gibt es nichts, was du jetzt für Steven tun könntest.«

Ihre Worte lassen mich innerlich zusammenzucken. Trotzdem bin ich wild entschlossen, sie zu ignorieren und sitze bereits auf der Bettkante – wankend. Denn der Boden unter meinen Füßen dreht sich bei dem Versuch, mich hinzustellen. Mist!

»Siehst du?« Meine Mutter klingt, als hätte sie eine Wette abgeschlossen und gewonnen. »Du brauchst Ruhe.«

Ich brauche Steven und … er mich, aber leider spielt mein blöder Kreislauf da nicht mit. Mir bleibt nichts anderes übrig, als dem sanften Druck nachzugeben, mit dem Linda mich zurück ins Bett befördert. Widerwillig, aber hoffnungsvoll.

Ben und Steven leben!