Galgenlieder nebst dem 'Gingganz'
Galgenlieder
NEBST DEM ›GINGGANZ‹
ZWEIUNDZWANZIGSTE AUFLAGE
VERLAG VON BRUNO CASSIRER
BERLIN 1917
DECKELZEICHNUNG
VON KARL WALSER
Dem Kinde im Manne.
›Im ächten Manne ist ein Kind versteckt: das will spielen.‹ Nietzsche.
Alle Rechte vorbehalten.
Versuch einer Einleitung.
Wir leben in einer bewegten Zeit. Ein Tag folgt dem andern, und neues
Leben sproßt aus den Ruinen. Auf moralischem, medizinischem, poetischem,
patriotischem Gebiete, in Handel, Wandel, Kunst und Wissenschaft, allüberall
dieselbe Erscheinung, dieselbe Tendenz. Symptom reiht sich an Symptom. Und
solch ein Symptom war auch die Idee, welche eines schönen Tages des
hinverflossenen Jahrhundertendes acht junge Männer, festentschlossen, dem
feindlichen Moment, wo immer, im Sinne der Zeit und auch wieder nicht im
Sinne der Zeit – diese Zeit, wie jede, als eine Zeit nicht nur der Bewegung
schlechthin, sondern einer sowohl ab- wie aufsteigenden Bewegung, mit
zeitweilig dem Ideale unentwegten Fortschritts nur zu abgekehrter Vorwiegung
des ersteren Moments in ihr gesehen – die Singspielhalle, sozusagen, ihres
Humors entgegenzustellen, zusammenschmiedete.
Ein sonderbarer Kult vereinte sie. Zuvörderst wird das Licht verdreht, ein
schwarzes Tuch dann aus dem Korb und übern Tisch gezogen, mit
Schauderzeichen reich phosphoresziert, und bleich ein einzig Wachs inmitten der
Idee des Galgenbergs entnommner freudig-schrecklicher Symbole. Dazu heißt
der Erste Schuhu: der hängt zuhöchst und gibt den Klang zum Hauch des
Rabenaas, der das Mysterium verwest; der Dritte heißt Verreckerle: der reicht
das Henkersmahl; der Vierte Veitstanz, zubenannt der Glöckner: der zieht den
Armesünderstrang; der Fünfte Gurgeljochem: der schert den Lebensfaden durch;
der Sechste Spinna, das Gespenst: der schlägt zwölf; der Siebente Stummer
Hannes, zubenannt der Büchner; der singt Fisches Nachtgesang, und der Achte
Faherügghh, mit dem Beinamen der Unselm: der kann das Simmaleins und
spricht das große Lalulā. Und es wird das Knochenklavier geschaffen und der
Gelächtertrab und die Elementarsymphonie und der Huckepackdalbert und der
Eulenviertanz und der Galgenschlenkerer und Sophie die Henkersmaid als
Symbild von der Weisheit unverweslichem Begriff.
Ein modulationsfähiger Keim.
Und in der Tat, wenn irgendwo, wenn irgendwann, mußte gerade damals und
gerade bei denjenigen Kräften der Volksseele, in denen das Herz der vom Geist
der neuen Zeit am wunderlichsten beeindruckten Unvoreingenommenheit des
Natürlichen am zukunftswetterschwangervollsten pochte, ein besonders
abwelthafter Rückschlag wider das Gesetz in der Vernunft von Seiten mehr
excös gerichteter Seelen erfolgen und damit ein Beweisschatten mehr geworfen
werden, daß keine Zeit, so dunkel sie auch sich und in sich selber sei, indem sie
»ihr Herze offenbart«, mit all den Widersprüchen, Knäueln, Gräueln, Grund- und
Kraftsuppen ihres Wesens, als Schwan zuletzt mit Rosenfingern über den
Horizont ihres eigenen Chaos – und sei es auch nur als ein Wesenstel ihrer selbst
und sei es auch nur mit der lächelndsten Thräne im Wappen – emporzusteigen
sich zu entbrechen den Mut, was sage ich, die Verruchtheit hat.
Es darf daher getrost, was auch von allen, deren Sinne, weil sie unter
Sternen, die, wie der Dichter sagt: »versengen, statt leuchten«, geboren sind,
vertrocknet sind, behauptet wird, enthauptet werden, daß hier einem sozumaßen
und im Sinne der Zeit, dieselbe im Negativen als Hydra gesehen,
hydratherapeutischen Moment ersten Ranges – immer angesichts dessen, daß,
wie oben, keine mit Rosenfingern den springenden Punkt ihrer schlechthin
unvoreingenommenen Hoffnung auf eine, sagen wir, schwansinnige oder
wesentielle Erweiterung des natürlichen Stoffgebietes zusamt mit der Freiheit
des Individuums vor dem Gesetz ihrer Volksseele zu verraten sich zu entbrechen
den Mut, was sage ich, die Verruchtheit haben wird, einem Moment, wie ihm in
Handel, Wandel, Kunst und Wissenschaft allüberall dieselbe Erscheinung,
dieselbe Frequenz den Arm bieten, und welches bei allem, ja vielleicht gerade
trotz allem, als ein mehr oder minder modulationsfähiger Ausdruck einer ganz
bestimmten und im weitesten Verfolge excösen
Weltauffasseraumwortkindundkunstanschauung kaum mehr zu unterschlagen
versucht werden zu wollen vermag – gegenübergestanden und beigewohnt
werden zu dürfen gelten lassen zu müssen sein möchte.
Hochachtungsvoll!
Jeremias Müller.