
Galgenlieder nebst dem ‚Gingganz‘
Wir leben in einer bewegten Zeit, beginnt die scherzhafte Einleitung zu Morgensterns Galgenliedern: Ein Tag folgt dem andern, und neues Leben sproßt aus den Ruinen, schreibt er mit ironischem Pathos, auf moralischem, medizinischem, poetischem, patriotischem Gebiete, allüberall dieselbe Erscheinung, dieselbe Tendenz. Und solch ein Symptom war auch die Idee, welche eines schönen Tages acht junge Männer, festentschlossen, der Singspielhalle ihres Humors entgegenzustellen, zusammenschmiedete, erklärt Morgenstern augenzwinkernd die fiktive Entstehungsgeschichte seiner Gedichte. Ein sonderbarer Kult vereinte sie, berichtet er weiter: Zuvörderst wird das Licht verdreht, ein schwarzes Tuch dann aus dem Korb und übern Tisch gezogen, mit Schauderzeichen reich phosphoresziert, und dazu heißt der Erste Schuhu, der hängt zuhöchst und gibt den Klang zum Hauch des Rabenaas, der das Mysterium verwest, während der Dritte Verreckerle heißt. Gewidmet ist die Sammlung dem Kinde im Manne, mit einem Nietzsche-Zitat als Motto: Im echten Manne ist ein Kind versteckt, das will spielen.



