Im Saal
Im Saal.
Meiner Mutter
zum
We i h n a c h t a b e n d 1854
Im Saal.
Am Nachmittag war Kindtaufe gewesen; nun war es gegen Abend.
Die Eltern des Täuflings saßen mit den Gästen im geräumigen Saal,
unter ihnen die Großmutter des Mannes; die andern waren ebenfalls
nahe Verwandte, junge und alte, die Großmutter aber war ein ganzes
Geschlecht älter, als die ältesten von diesen. Das Kind war nach ihr
»Barbara« getauft worden; doch hatte es auch noch einen schöneren
Namen erhalten, denn Barbara allein klang doch gar zu altfränkisch
für das hübsche kleine Kind. Dennoch sollte es mit diesem Namen
gerufen werden; so wollten es beide Eltern, wieviel auch die Freunde
dagegen einzuwenden hatten. Die alte Großmutter aber erfuhr nichts
davon, daß die Brauchbarkeit ihres langbewährten Namens in Zweifel
gezogen war.
Der Prediger hatte nicht lange nach Verrichtung seines Amtes den
Familienkreis sich selbst überlassen; nun wurden alte, liebe, oft
erzählte Geschichten hervorgeholt und nicht zum letzten Male wieder
erzählt. Sie kannten sich alle; die Alten hatten die Jungen aufwachsen,
die Ältesten die Alten grau werden sehen; von allen wurden die
anmutigsten und spaßhaftesten Kindergeschichten erzählt; wo kein
andrer sie wußte, da erzählte die Großmutter. Von ihr allein konnte
niemand erzählen; ihre Kinderjahre lagen hinter der Geburt aller
andern; die außer ihr selbst etwas davon wissen konnten, hätten weit
über jedes Menschenalter hinaus sein müssen. — Unter solchen
Gesprächen war es abendlich geworden. Der Saal lag gegen Westen,
ein roter Schimmer fiel durch die Fenster noch auf die Gipsrosen an
den weißen, mit Stukkaturarbeit gezierten Wänden; dann verschwand
auch der. Aus der Ferne konnte man ein dumpfes eintöniges Rauschen
in der jetzt eingetretenen Stille vernehmen. Einige der Gäste horchten
auf.
»Das ist das Meer,« sagte die junge Frau.
»Ja,« sagte die Großmutter, »ich habe es oft gehört; es ist schon lange
so gewesen.«
Dann sprach wieder niemand; draußen vor den Fenstern in dem
schmalen Steinhof stand eine große Linde, und man hörte, wie die
Sperlinge unter den Blättern zur Ruhe gingen. Der Hauswirt hatte die
Hand seiner Frau gefaßt, die still an seiner Seite saß, und heftete die
Augen an die krause altertümliche Gipsdecke.
»Was hast du?« fragte ihn die Großmutter.
»Die Decke ist gerissen,« sagte er, »die Simse sind auch gesunken.
Der Saal wird alt, Großmutter, wir müssen ihn umbauen.«
»Der Saal ist noch nicht so alt,« erwiderte sie, »ich weiß noch wohl,
als er gebaut wurde.«
»Gebaut? Was war denn früher hier?«
»Früher?« wiederholte die Großmutter; dann verstummte sie eine
Weile und saß da, wie ein lebloses Bild; ihre Augen sahen rückwärts
in eine vergangene Zeit, ihre Gedanken waren bei den Schatten der
Dinge, deren Wesen lange dahin war. Dann sagte sie: »Es ist achtzig
Jahre her; dein Großvater und ich, wir haben es uns oft nachher
erzählt, — die Saaltür führte dazumal nicht in einen Hausraum,
sondern aus dem Hause hinaus in einen kleinen Ziergarten; es ist aber
nicht mehr dieselbe Tür, die alte hatte Glasscheiben, und man sah
dadurch gerade in den Garten hinunter, wenn man zur Haustür
hereintrat. Der Garten lag drei Stufen tiefer, die Treppe war an beiden
Seiten mit buntem chinesischen Geländer versehen. Zwischen zwei
von niedrigem Bux eingefaßten Rabatten führte ein breiter, mit
weißen Muscheln ausgestreuter Steig nach einer Lindenlaube, davor
zwischen zweien Kirschbäumen hing eine Schaukel; zu beiden Seiten der Laube an der hohen Gartenmauer standen sorgfältig aufgebundene
Aprikosenbäume. — Hier konnte man Sommers in der Mittagsstunde
deinen Urgroßvater regelmäßig auf- und abgehen sehen, die Aurikeln
und holländischen Tulpen auf den Rabatten ausputzend oder mit Bast
an weiße Stäbchen bindend. Er war ein strenger, akkurater Mann mit
militärischer Haltung, und seine schwarzen Augbrauen gaben ihm bei
den weißgepuderten Haaren ein vornehmes Ansehen.
So war es einmal an einem Augustnachmittage, als dein Großvater die
kleine Gartentreppe herabkam; aber dazumalen war er noch weit vom
Großvater entfernt. — Ich sehe es noch vor meinen alten Augen, wie
er mit schlankem Tritt auf deinen Urgroßvater zuging. Dann nahm er
ein Schreiben aus einer sauber gestickten Brieftasche und überreichte
es mit einer anmutigen Verbeugung. Er war ein feiner junger Mensch
mit sanften, freundlichen Augen, und der schwarze Haarbeutel stach
angenehm bei den lebhaften Wangen und dem perlgrauen Tuchrocke
ab. — Als dein Urgroßvater das Schreiben gelesen hatte, nickte er und
schüttelte deinem Großvater die Hand. Er mußte ihm schon gut sein;
denn er tat selten dergleichen. Dann wurde er ins Haus gerufen, und
dein Großvater ging in den Garten hinab.
In der Schaukel vor der Laube saß ein achtjähriges Mädchen; sie hatte
ein Bilderbuch auf dem Schoß, worin sie eifrig las; die klaren goldnen
Locken hingen ihr über das heiße Gesichtchen herab, der
Sonnenschein lag brennend darauf.
›Wie heißt du?‹ fragte der junge Mann.
Sie schüttelte das Haar zurück und sagte: ›Barbara.‹
›Nimm dich in acht, Barbara; deine Locken schmelzen ja in der
Sonne.‹
Die Kleine fuhr mit der Hand über das heiße Haar, der junge Mann
lächelte. — Und es war ein sehr sanftes Lächeln. — — ›Es hat nicht not,‹ sagte er; ›komm, wir wollen schaukeln.‹
Sie sprang heraus: ›Wart, ich muß erst mein Buch verwahren.‹ Dann
brachte sie es in die Laube. Als sie wiederkam, wollte er sie
hineinheben. ›Nein,‹ sagte sie, ›ich kann ganz allein.‹ Dann stellte sie
sich auf das Schaukelbrettchen und rief: ›Nur zu!‹ — und nun zog
dein Großvater, daß ihm der Haarbeutel bald rechts, bald links um die
Schultern tanzte; die Schaukel mit dem kleinen Mädchen ging im
Sonnenschein auf und nieder, die klaren Locken wehten ihr frei von
den Schläfen. Und immer ging es ihr nicht hoch genug! Als aber die
Schaukel rauschend in die Lindenzweige flog, fuhren die Vögel zu
beiden Seiten aus den Spalieren, daß die überreifen Aprikosen auf die
Erde herabrollten.
›Was war das?‹ sagte er und hielt die Schaukel an.
Sie lachte, wie er so fragen könne. ›Das war der Iritsch,‹ sagte sie, ›er
ist sonst gar nicht so bange.‹
Er hob sie aus der Schaukel, und sie gingen zu den Spalieren; da lagen
die dunkelgelben Früchte zwischen dem Gesträuch. ›Dein Iritsch hat
dich traktiert!‹ sagte er. Sie schüttelte mit dem Kopf und legte eine
schöne Aprikose in seine Hand. ›Dich!‹ sagte sie leise.
Nun kam dein Urgroßvater wieder in den Garten zurück. ›Nehm Er
sich in acht,‹ sagte er lächelnd, ›Er wird sie sonst nicht wieder los.‹
Dann sprach er von Geschäftssachen, und beide gingen ins Haus.
Am Abend durfte die kleine Barbara mit zu Tisch sitzen; der junge
freundliche Mann hatte für sie gebeten. — So ganz, wie sie es
gewünscht hatte, kam es freilich nicht; denn der Gast saß oben an
ihres Vaters Seite; sie aber war nur noch ein kleines Mädchen und
mußte ganz unten bei dem allerjüngsten Schreiber sitzen. Darum war
sie auch so bald mit ihrem Essen fertig; dann stand sie auf und schlich
sich an den Stuhl ihres Vaters. Der aber sprach mit dem jungen Mann so eifrig über Konto und Diskonto, daß dieser für die kleine Barbara
gar keine Augen hatte. — Ja, ja, es ist achtzig Jahre her; aber die alte
Großmutter denkt es noch wohl, wie die kleine Barbara damals recht
sehr ungeduldig wurde und auf ihren guten Vater gar nicht zum besten
zu sprechen war. Die Uhr schlug zehn, und nun mußte sie gute Nacht
sagen. Als sie zu deinem Großvater kam, fragte er sie: ›Schaukeln wir
morgen?‹ und die kleine Barbara wurde wieder ganz vergnügt. — ›Er
ist ja ein alter Kindernarr, Er!‹ sagte der Urgroßvater; aber eigentlich
war er selbst recht unvernünftig in sein kleines Mädchen verliebt.
Am andern Tage gegen Abend reiste dein Großvater fort.
Dann gingen acht Jahre hin. Die kleine Barbara stand oft zur
Winterzeit an der Glastür und hauchte die gefrorenen Scheiben an;
dann sah sie durch das Guckloch in den beschneiten Garten hinab und
dachte an den schönen Sommer, an die glänzenden Blätter und an den
warmen Sonnenschein, an den Iritsch, der immer in den Spalieren
nistete, und wie einmal die reifen Aprikosen zur Erde gerollt waren,
und dann dachte sie an einen Sommertag, und zuletzt immer nur an
diesen einen Sommertag, wenn sie an den Sommer dachte. — So
gingen die Jahre hin; die kleine Barbara war nun doppelt so alt und
eigentlich gar nicht mehr die kleine Barbara; aber der eine Sommertag
stand noch immer als ein heller Punkt in ihrer Erinnerung. — Dann
war er endlich eines Tages wirklich wieder da.«
»Wer?« fragte lächelnd der Enkel, »der Sommertag?«
»Ja,« sagte die Großmutter, »ja, dein Großvater. Es war ein rechter
Sommertag.«
»Und dann?« fragte er wieder.
»Dann,« sagte die Großmutter, »gab es ein Brautpaar, und die kleine
Barbara wurde deine Großmutter, wie sie hier unter euch sitzt und die
alten Geschichten erzählt. — So weit war's aber noch nicht. Erst gab es eine Hochzeit, und dazu ließ dein Urgroßvater den Saal bauen. Mit
dem Garten und den Blumen war's nun wohl vorbei; es hatte aber
nicht not, er bekam bald lebendige Blumen zur Unterhaltung in seinen
Mittagsstunden. Als der Saal fertig war, wurde die Hochzeit gehalten.
Es war eine lustige Hochzeit, und die Gäste sprachen noch lange
nachher davon. — Ihr, die ihr hier sitzt, und die ihr jetzt allenthalben
dabei sein müßt, ihr waret freilich nicht dabei; aber eure Väter und
Großväter, eure Mütter und Großmütter, und das waren auch Leute,
die ein Wort mitzusprechen wußten. Es war damals freilich noch eine
stille, bescheidene Zeit; wir wollten noch nicht alles besser wissen, als
die Majestäten und ihre Minister; und wer seine Nase in Politik
steckte, den hießen wir einen Kannegießer, und war's ein Schuster, so
ließ man die Stiefeln bei seinem Nachbar machen. Die Dienstmädchen
hießen noch alle Trine und Stine, und jeder trug den Rock nach
seinem Stande. Jetzt tragt ihr sogar Schnurrbärte, wie Junker und
Kavaliere. Was wollt ihr denn? Wollt ihr alle mitregieren?«
»Ja, Großmutter,« sagte der Enkel.
»Und der Adel und die hohen Herrschaften, die doch dazu geboren
sind? Was soll aus denen werden?«
»Oh — — Adel — —« sagte die junge Mutter und sah mit stolzen,
liebevollen Augen zu ihrem Mann hinauf.
Der lächelte und sagte: »Streichen, Großmutter; oder wir werden alle
Freiherren, ganz Deutschland mit Mann und Maus. Sonst seh' ich
keinen Rat.«
Die Großmutter erwiderte nichts darauf; sie sagte nur: »Auf meiner
Hochzeit wurde nichts von Staatsgeschichten geredet; die
Unterhaltung ging ihren ebenen Tritt, und wir waren ebenso vergnügt
dabei, als ihr in euren neumodischen Gesellschaften. Bei Tische
wurden spaßhafte Rätsel aufgegeben und Leberreime gemacht, beim
Dessert wurde gesungen, ›Gesundheit, Herr Nachbar, das Gläschen ist leer‹ und alle die andern hübschen Lieder, die nun vergessen sind;
dein Großvater mit seiner hellen Tenorstimme war immer
herauszuhören. — Die Menschen waren damals noch höflicher
gegeneinander; das Disputieren und Schreien galt in einer feinen
Gesellschaft für sehr unziemlich. — Nun, das ist alles anders
geworden; — aber dein Großvater war ein sanfter, friedlicher Mann.
Er ist schon lange nicht mehr auf dieser Welt; er ist mir weit
vorausgegangen; es wird wohl Zeit, daß ich nachkomme.«
Die Großmutter schwieg einen Augenblick, und es sprach niemand.
Nur ihre Hände fühlte sie ergriffen; sie wollten sie alle noch behalten.
Ein friedliches Lächeln glitt über das alte liebe Gesicht; dann sah sie
auf ihren Enkel und sagte: »Hier im Saal stand auch seine Leiche; du
warst damals erst sechs Jahre alt und standest am Sarg, zu weinen.
Dein Vater war ein strenger, rücksichtsloser Mann. Heule nicht, Junge,
sagte er und hob dich auf den Arm. Sieh her, so sieht ein braver Mann
aus, wenn er gestorben ist. Dann wischte er sich heimlich selbst eine
Träne vom Gesicht. Er hatte immer eine große Verehrung für deinen
Großvater gehabt. Jetzt sind sie alle hinüber; — und heute hab' ich
hier im Saal meine Urenkelin aus der Taufe gehoben, und ihr habt ihr
den Namen eurer alten Großmutter gegeben. Möge der liebe Gott sie
ebenso glücklich und zufrieden zu meinen Tagen kommen lassen.«
Die junge Mutter fiel vor der Großmutter auf die Knie und küßte ihre
feinen Hände.
Der Enkel sagte: »Großmutter, wir wollen den alten Saal ganz
umreißen und wieder einen Ziergarten pflanzen; die kleine Barbara ist
auch wieder da. Die Frauen sagen ja, sie ist dein Ebenbild; sie soll
wieder in der Schaukel sitzen, und die Sonne soll wieder auf goldene
Kinderlocken scheinen; vielleicht kommt dann auch eines
Sommernachmittags der Großvater wieder die kleine chinesische
Treppe herab, vielleicht — —«
Die Großmutter lächelte: »Du bist ein Phantast,« sagte sie, »dein
Großvater war es auch.«