Im Saal

Theodor Storm · Kapitel 3 von 5

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Im Saal

Im Saal.

Meiner Mutter

 

zum

 

We i h n a c h t a b e n d 1854

Im Saal.

 

Am Nachmittag war Kindtaufe gewesen; nun war es gegen Abend.

Die Eltern des Täuflings saßen mit den Gästen im geräumigen Saal,

unter ihnen die Großmutter des Mannes; die andern waren ebenfalls

nahe Verwandte, junge und alte, die Großmutter aber war ein ganzes

Geschlecht älter, als die ältesten von diesen. Das Kind war nach ihr

»Barbara« getauft worden; doch hatte es auch noch einen schöneren

Namen erhalten, denn Barbara allein klang doch gar zu altfränkisch

für das hübsche kleine Kind. Dennoch sollte es mit diesem Namen

gerufen werden; so wollten es beide Eltern, wieviel auch die Freunde

dagegen einzuwenden hatten. Die alte Großmutter aber erfuhr nichts

davon, daß die Brauchbarkeit ihres langbewährten Namens in Zweifel

gezogen war.

 

Der Prediger hatte nicht lange nach Verrichtung seines Amtes den

Familienkreis sich selbst überlassen; nun wurden alte, liebe, oft

erzählte Geschichten hervorgeholt und nicht zum letzten Male wieder

erzählt. Sie kannten sich alle; die Alten hatten die Jungen aufwachsen,

die Ältesten die Alten grau werden sehen; von allen wurden die

anmutigsten und spaßhaftesten Kindergeschichten erzählt; wo kein

andrer sie wußte, da erzählte die Großmutter. Von ihr allein konnte

niemand erzählen; ihre Kinderjahre lagen hinter der Geburt aller

andern; die außer ihr selbst etwas davon wissen konnten, hätten weit

über jedes Menschenalter hinaus sein müssen. — Unter solchen

Gesprächen war es abendlich geworden. Der Saal lag gegen Westen,

ein roter Schimmer fiel durch die Fenster noch auf die Gipsrosen an

den weißen, mit Stukkaturarbeit gezierten Wänden; dann verschwand

auch der. Aus der Ferne konnte man ein dumpfes eintöniges Rauschen

in der jetzt eingetretenen Stille vernehmen. Einige der Gäste horchten

auf.

»Das ist das Meer,« sagte die junge Frau.

 

»Ja,« sagte die Großmutter, »ich habe es oft gehört; es ist schon lange

so gewesen.«

 

Dann sprach wieder niemand; draußen vor den Fenstern in dem

schmalen Steinhof stand eine große Linde, und man hörte, wie die

Sperlinge unter den Blättern zur Ruhe gingen. Der Hauswirt hatte die

Hand seiner Frau gefaßt, die still an seiner Seite saß, und heftete die

Augen an die krause altertümliche Gipsdecke.

 

»Was hast du?« fragte ihn die Großmutter.

 

»Die Decke ist gerissen,« sagte er, »die Simse sind auch gesunken.

Der Saal wird alt, Großmutter, wir müssen ihn umbauen.«

 

»Der Saal ist noch nicht so alt,« erwiderte sie, »ich weiß noch wohl,

als er gebaut wurde.«

 

»Gebaut? Was war denn früher hier?«

 

»Früher?« wiederholte die Großmutter; dann verstummte sie eine

Weile und saß da, wie ein lebloses Bild; ihre Augen sahen rückwärts

in eine vergangene Zeit, ihre Gedanken waren bei den Schatten der

Dinge, deren Wesen lange dahin war. Dann sagte sie: »Es ist achtzig

Jahre her; dein Großvater und ich, wir haben es uns oft nachher

erzählt, — die Saaltür führte dazumal nicht in einen Hausraum,

sondern aus dem Hause hinaus in einen kleinen Ziergarten; es ist aber

nicht mehr dieselbe Tür, die alte hatte Glasscheiben, und man sah

dadurch gerade in den Garten hinunter, wenn man zur Haustür

hereintrat. Der Garten lag drei Stufen tiefer, die Treppe war an beiden

Seiten mit buntem chinesischen Geländer versehen. Zwischen zwei

von niedrigem Bux eingefaßten Rabatten führte ein breiter, mit

weißen Muscheln ausgestreuter Steig nach einer Lindenlaube, davor

zwischen zweien Kirschbäumen hing eine Schaukel; zu beiden Seiten der Laube an der hohen Gartenmauer standen sorgfältig aufgebundene

Aprikosenbäume. — Hier konnte man Sommers in der Mittagsstunde

deinen Urgroßvater regelmäßig auf- und abgehen sehen, die Aurikeln

und holländischen Tulpen auf den Rabatten ausputzend oder mit Bast

an weiße Stäbchen bindend. Er war ein strenger, akkurater Mann mit

militärischer Haltung, und seine schwarzen Augbrauen gaben ihm bei

den weißgepuderten Haaren ein vornehmes Ansehen.

 

So war es einmal an einem Augustnachmittage, als dein Großvater die

kleine Gartentreppe herabkam; aber dazumalen war er noch weit vom

Großvater entfernt. — Ich sehe es noch vor meinen alten Augen, wie

er mit schlankem Tritt auf deinen Urgroßvater zuging. Dann nahm er

ein Schreiben aus einer sauber gestickten Brieftasche und überreichte

es mit einer anmutigen Verbeugung. Er war ein feiner junger Mensch

mit sanften, freundlichen Augen, und der schwarze Haarbeutel stach

angenehm bei den lebhaften Wangen und dem perlgrauen Tuchrocke

ab. — Als dein Urgroßvater das Schreiben gelesen hatte, nickte er und

schüttelte deinem Großvater die Hand. Er mußte ihm schon gut sein;

denn er tat selten dergleichen. Dann wurde er ins Haus gerufen, und

dein Großvater ging in den Garten hinab.

 

In der Schaukel vor der Laube saß ein achtjähriges Mädchen; sie hatte

ein Bilderbuch auf dem Schoß, worin sie eifrig las; die klaren goldnen

Locken hingen ihr über das heiße Gesichtchen herab, der

Sonnenschein lag brennend darauf.

 

›Wie heißt du?‹ fragte der junge Mann.

 

Sie schüttelte das Haar zurück und sagte: ›Barbara.‹

 

›Nimm dich in acht, Barbara; deine Locken schmelzen ja in der

Sonne.‹

 

Die Kleine fuhr mit der Hand über das heiße Haar, der junge Mann

lächelte. — Und es war ein sehr sanftes Lächeln. — — ›Es hat nicht not,‹ sagte er; ›komm, wir wollen schaukeln.‹

 

Sie sprang heraus: ›Wart, ich muß erst mein Buch verwahren.‹ Dann

brachte sie es in die Laube. Als sie wiederkam, wollte er sie

hineinheben. ›Nein,‹ sagte sie, ›ich kann ganz allein.‹ Dann stellte sie

sich auf das Schaukelbrettchen und rief: ›Nur zu!‹ — und nun zog

dein Großvater, daß ihm der Haarbeutel bald rechts, bald links um die

Schultern tanzte; die Schaukel mit dem kleinen Mädchen ging im

Sonnenschein auf und nieder, die klaren Locken wehten ihr frei von

den Schläfen. Und immer ging es ihr nicht hoch genug! Als aber die

Schaukel rauschend in die Lindenzweige flog, fuhren die Vögel zu

beiden Seiten aus den Spalieren, daß die überreifen Aprikosen auf die

Erde herabrollten.

 

›Was war das?‹ sagte er und hielt die Schaukel an.

 

Sie lachte, wie er so fragen könne. ›Das war der Iritsch,‹ sagte sie, ›er

ist sonst gar nicht so bange.‹

 

Er hob sie aus der Schaukel, und sie gingen zu den Spalieren; da lagen

die dunkelgelben Früchte zwischen dem Gesträuch. ›Dein Iritsch hat

dich traktiert!‹ sagte er. Sie schüttelte mit dem Kopf und legte eine

schöne Aprikose in seine Hand. ›Dich!‹ sagte sie leise.

 

Nun kam dein Urgroßvater wieder in den Garten zurück. ›Nehm Er

sich in acht,‹ sagte er lächelnd, ›Er wird sie sonst nicht wieder los.‹

Dann sprach er von Geschäftssachen, und beide gingen ins Haus.

 

Am Abend durfte die kleine Barbara mit zu Tisch sitzen; der junge

freundliche Mann hatte für sie gebeten. — So ganz, wie sie es

gewünscht hatte, kam es freilich nicht; denn der Gast saß oben an

ihres Vaters Seite; sie aber war nur noch ein kleines Mädchen und

mußte ganz unten bei dem allerjüngsten Schreiber sitzen. Darum war

sie auch so bald mit ihrem Essen fertig; dann stand sie auf und schlich

sich an den Stuhl ihres Vaters. Der aber sprach mit dem jungen Mann so eifrig über Konto und Diskonto, daß dieser für die kleine Barbara

gar keine Augen hatte. — Ja, ja, es ist achtzig Jahre her; aber die alte

Großmutter denkt es noch wohl, wie die kleine Barbara damals recht

sehr ungeduldig wurde und auf ihren guten Vater gar nicht zum besten

zu sprechen war. Die Uhr schlug zehn, und nun mußte sie gute Nacht

sagen. Als sie zu deinem Großvater kam, fragte er sie: ›Schaukeln wir

morgen?‹ und die kleine Barbara wurde wieder ganz vergnügt. — ›Er

ist ja ein alter Kindernarr, Er!‹ sagte der Urgroßvater; aber eigentlich

war er selbst recht unvernünftig in sein kleines Mädchen verliebt.

 

Am andern Tage gegen Abend reiste dein Großvater fort.

 

Dann gingen acht Jahre hin. Die kleine Barbara stand oft zur

Winterzeit an der Glastür und hauchte die gefrorenen Scheiben an;

dann sah sie durch das Guckloch in den beschneiten Garten hinab und

dachte an den schönen Sommer, an die glänzenden Blätter und an den

warmen Sonnenschein, an den Iritsch, der immer in den Spalieren

nistete, und wie einmal die reifen Aprikosen zur Erde gerollt waren,

und dann dachte sie an einen Sommertag, und zuletzt immer nur an

diesen einen Sommertag, wenn sie an den Sommer dachte. — So

gingen die Jahre hin; die kleine Barbara war nun doppelt so alt und

eigentlich gar nicht mehr die kleine Barbara; aber der eine Sommertag

stand noch immer als ein heller Punkt in ihrer Erinnerung. — Dann

war er endlich eines Tages wirklich wieder da.«

 

»Wer?« fragte lächelnd der Enkel, »der Sommertag?«

 

»Ja,« sagte die Großmutter, »ja, dein Großvater. Es war ein rechter

Sommertag.«

 

»Und dann?« fragte er wieder.

 

»Dann,« sagte die Großmutter, »gab es ein Brautpaar, und die kleine

Barbara wurde deine Großmutter, wie sie hier unter euch sitzt und die

alten Geschichten erzählt. — So weit war's aber noch nicht. Erst gab es eine Hochzeit, und dazu ließ dein Urgroßvater den Saal bauen. Mit

dem Garten und den Blumen war's nun wohl vorbei; es hatte aber

nicht not, er bekam bald lebendige Blumen zur Unterhaltung in seinen

Mittagsstunden. Als der Saal fertig war, wurde die Hochzeit gehalten.

Es war eine lustige Hochzeit, und die Gäste sprachen noch lange

nachher davon. — Ihr, die ihr hier sitzt, und die ihr jetzt allenthalben

dabei sein müßt, ihr waret freilich nicht dabei; aber eure Väter und

Großväter, eure Mütter und Großmütter, und das waren auch Leute,

die ein Wort mitzusprechen wußten. Es war damals freilich noch eine

stille, bescheidene Zeit; wir wollten noch nicht alles besser wissen, als

die Majestäten und ihre Minister; und wer seine Nase in Politik

steckte, den hießen wir einen Kannegießer, und war's ein Schuster, so

ließ man die Stiefeln bei seinem Nachbar machen. Die Dienstmädchen

hießen noch alle Trine und Stine, und jeder trug den Rock nach

seinem Stande. Jetzt tragt ihr sogar Schnurrbärte, wie Junker und

Kavaliere. Was wollt ihr denn? Wollt ihr alle mitregieren?«

 

»Ja, Großmutter,« sagte der Enkel.

 

»Und der Adel und die hohen Herrschaften, die doch dazu geboren

sind? Was soll aus denen werden?«

 

»Oh — — Adel — —« sagte die junge Mutter und sah mit stolzen,

liebevollen Augen zu ihrem Mann hinauf.

 

Der lächelte und sagte: »Streichen, Großmutter; oder wir werden alle

Freiherren, ganz Deutschland mit Mann und Maus. Sonst seh' ich

keinen Rat.«

 

Die Großmutter erwiderte nichts darauf; sie sagte nur: »Auf meiner

Hochzeit wurde nichts von Staatsgeschichten geredet; die

Unterhaltung ging ihren ebenen Tritt, und wir waren ebenso vergnügt

dabei, als ihr in euren neumodischen Gesellschaften. Bei Tische

wurden spaßhafte Rätsel aufgegeben und Leberreime gemacht, beim

Dessert wurde gesungen, ›Gesundheit, Herr Nachbar, das Gläschen ist leer‹ und alle die andern hübschen Lieder, die nun vergessen sind;

dein Großvater mit seiner hellen Tenorstimme war immer

herauszuhören. — Die Menschen waren damals noch höflicher

gegeneinander; das Disputieren und Schreien galt in einer feinen

Gesellschaft für sehr unziemlich. — Nun, das ist alles anders

geworden; — aber dein Großvater war ein sanfter, friedlicher Mann.

Er ist schon lange nicht mehr auf dieser Welt; er ist mir weit

vorausgegangen; es wird wohl Zeit, daß ich nachkomme.«

 

Die Großmutter schwieg einen Augenblick, und es sprach niemand.

Nur ihre Hände fühlte sie ergriffen; sie wollten sie alle noch behalten.

Ein friedliches Lächeln glitt über das alte liebe Gesicht; dann sah sie

auf ihren Enkel und sagte: »Hier im Saal stand auch seine Leiche; du

warst damals erst sechs Jahre alt und standest am Sarg, zu weinen.

Dein Vater war ein strenger, rücksichtsloser Mann. Heule nicht, Junge,

sagte er und hob dich auf den Arm. Sieh her, so sieht ein braver Mann

aus, wenn er gestorben ist. Dann wischte er sich heimlich selbst eine

Träne vom Gesicht. Er hatte immer eine große Verehrung für deinen

Großvater gehabt. Jetzt sind sie alle hinüber; — und heute hab' ich

hier im Saal meine Urenkelin aus der Taufe gehoben, und ihr habt ihr

den Namen eurer alten Großmutter gegeben. Möge der liebe Gott sie

ebenso glücklich und zufrieden zu meinen Tagen kommen lassen.«

 

Die junge Mutter fiel vor der Großmutter auf die Knie und küßte ihre

feinen Hände.

 

Der Enkel sagte: »Großmutter, wir wollen den alten Saal ganz

umreißen und wieder einen Ziergarten pflanzen; die kleine Barbara ist

auch wieder da. Die Frauen sagen ja, sie ist dein Ebenbild; sie soll

wieder in der Schaukel sitzen, und die Sonne soll wieder auf goldene

Kinderlocken scheinen; vielleicht kommt dann auch eines

Sommernachmittags der Großvater wieder die kleine chinesische

Treppe herab, vielleicht — —«

Die Großmutter lächelte: »Du bist ein Phantast,« sagte sie, »dein

Großvater war es auch.«