Inselwelt: Zweiter Band, Australische Skizzen

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 5 von 12 · Teil 2/3

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Inselwelt: Zweiter Band, Australische Skizzen

4. Die Känguruh-Insel.

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

»Es ist gut, Betsey,« sagte da Rodwell, und winkte ihr mit der Hand, hinauszugehen. »Zünde das Licht dort drüben an und laß uns dann allein.«

»Welche Richtung nahm das Boot?« frug Tolmer, während das Mädchen dem Befehl gehorchte.

»Gerade fort am Ufer nach dem festen Lande zu,« lautete die Antwort, und froh, keiner weiteren Rede mehr stehen zu müssen, verließ das Mädchen rasch das Zimmer, riegelte die Hausthür wieder zu und stieg in ihre eigene Kammer hinauf.

Rodwell stand indessen von seinem Sitze wieder auf, erbrach den Brief, trat damit zum Licht und überflog mit stierem Blick die Zeilen.

»Da nehmt und les't,« sagte er endlich, als er wieder und wieder hineingesehen und immer noch das verhängnißvolle Blatt nicht aus der Hand legen wollte. »Nehmt nur, Kamerad, und seht auch meine Schande da Schwarz auf Weiß. Das Schlimmste wißt Ihr doch, und da Euch Gott einmal in dieser schweren Stunde zu meinem Vertrauten gemacht, erfahrt auch das Andere. Vielleicht gebrauch' ich ohnedies Euren Rath – Eure Hülfe.«

Tolmer nahm den Brief und las:

»Charles, verzeihe Deinem treulosen Weib. Ein dunkles Verhängniß

zwingt mich, den Frieden Deiner Schwelle, deren Segen ich nicht mehr verdiene, zu meiden. Ich bin namenlos unglücklich, und doch nicht im Stande, von dem Manne zu lassen, der meine Seele mit magischer Gewalt umstrickt hat. Du siehst mich nie wieder. Versuche nicht, uns zu folgen. Von dem festen Lande aus schiffen wir uns nach dem Continent ein. Versage Deinem unglücklichen Kinde den väterlichen Segen nicht, und möge die Zeit einst kommen, wo Du nicht mehr mit Haß und Bitterkeit derer gedenkst, die sich einst so glücklich an Deiner Seite fühlte –

Deiner unglücklichen

Jenny.«

 

Tolmer reichte den Brief schweigend zurück, den Rodwell fast bewußtlos nahm und in seiner Hand zusammendrückte.

»Sie sind nach Adelaide hinüber,« sagte er mit so leiser Stimme, als ob er sich vor den eigenen Lauten fürchtete.

Tolmer schüttelte den Kopf und meinte ruhig:

»Sie sind noch auf der Insel, so gut wie wir.«

»Ihr glaubt?« fuhr Rodwell rasch empor.

»Ich weiß es gewiß.«

»Ihr? – und woher?«

»Weil dieser Bursche – Howitt oder wie er sonst heißt – bei Nacht und Nebel, mit einer Flasche Milch statt Proviant, und einer Frau mit ihrem Kind nie im Leben die »Backstairs Passage« passirt hätte. Er so wenig wie der Bursche, der mit ihm fort ist, sind Seeleute.«

»Ihr kennt ihn?«

»Ich denke ja, aber mehr noch als das, ich hoffe seine Bekanntschaft in den nächsten Tagen zu erneuen.«

»Ich begreife Euch nicht.«

»Und doch ist Alles mit wenigen Worten erklärt,« lächelte der Polizeibeamte. »Mein Name ist nicht Barner, sondern Tolmer.«

»Der Chef der südaustralischen Polizei?« rief Rodwell rasch und erstaunt.

»Derselbe, und dieser Capitain Howitt, wie er sich hier genannt, ist der gefährlichste Buschrähndscher, der bis jetzt noch unsere Wälder unsicher gemacht, das Leben und Eigenthum unserer Bürger gefährdet hat. – Es ist der berüchtigte Gentleman John.«

Rodwell sah dem Sprechenden starr und entsetzt in's Auge, dann aber, als jener schwieg, barg er das Antlitz in den Händen und stöhnte.

»Mein armes, armes Weib – mein armes Kind.«

Tolmer übrigens, so leid ihm der Schmerz des Unglücklichen that, kannte zu gut den Werth seiner Zeit, diese mit leeren Klagen zu vergeuden.

Mit kurzen aber klaren Worten schilderte er deshalb auch jetzt dem ihm mit steigender Aufmerksamkeit Zuhörenden die Begebnisse der letzten Zeit, die Flucht des Buschrähndschers und seine Verfolgung, bis er hier auf der Insel endlich seine Spur gefunden und den flüchtigen Sträfling selbst gesehen habe. Eben so unbeschönigt erzählte er auch die von ihm belauschte Scene zwischen dem Verbrecher und der jungen Frau. Warum er diese damals nicht gewarnt? – i h m lag Alles daran, den Entflohenen einzufangen, und wie die beiden Leute zu einander standen, war es mehr als wahrscheinlich, daß s i e ihm die Gefahr verrathen haben würde, in der er, einmal entdeckt, schwebte. Zugleich gestand er dem jungen Mann, daß er nicht zufällig nur seine Bekanntschaft gefunden, sondern dieselbe, als er einmal seinen Namen gehört, gesucht habe, und daß seine beiden, von Bewaffneten besetzten Boote noch in dieser Nacht an der Westküste der Insel landeten, dem Räuber die Flucht auf dem Schooner abzuschneiden.

Rodwell wollte freilich noch immer nicht glauben, daß die Flüchtigen auf der Insel geblieben wären; noch dazu, da das Mädchen gesehen, wie sie bis tief in die Nacht vom Lande absteuerten. Tolmer jedoch, seit Jahren daran gewöhnt, nicht jeder Aussage leichten Glauben beizumessen, schüttelte mit dem Kopf. Wer wußte denn, daß die Dirne nicht mit im Geheimniß steckte? Und wenn wirklich nicht, hatte ihre Aussage doch, so weit sie die wirkliche Richtung eines Fahrzeugs betraf, nur wenig Werth. G e s t e r n Abend hatte außerdem Nordost-und Nordnordostwind vorgeherrscht, mit dem ein kleines Boot, das nicht recht gut am Wind lag, Cape Spencer nicht einmal erreichen konnte, während es, selbst ein Stück draußen im See, mit Leichtigkeit abfallen und vor dem Wind irgend einen Theil der Nordküste von Känguruh Eiland erreichen konnte. Außerdem lag flüchtigen Personen gewöhnlich daran, mögliche Verfolger auf eine falsche Spur zu bringen, nicht ihnen die wirklich genommene Richtung anzugeben, und demnach sprach denn Alles nur dafür, daß Gentleman John, überdies des neugekauften Schooners ziemlich sicher, mit seiner schönen Beute noch auf der Insel selber weile.

Für diese Nacht war freilich nichts mehr zu unternehmen, und Rodwell auch so erschöpft und niedergebrochen, daß er kaum seine Glieder zu regen vermochte. Tolmer bat ihn selber, sich niederzulegen, um für den nächsten Tag Kräfte zu sammeln – würde er sie doch wahrlich brauchen. Er selber band seine wollene Decke, die er stets bei sich führte, auseinander, rollte sich hinein und legte sich ohne weitere Umstände auf das Sopha nieder.

Als Rodwell sein eigenes Schlafzimmer betrat und sein Blick auf das leere ungemachte Bettchen seines Kindes fiel, da noch einmal brach all der Jammer der letzt durchlebten Stunde, die Ahnung seines künftigen freudlosen, einsamen Lebens, mit voller Stärke über ihn herein. Neben dem Bett seines Kindes sank er auf einen Stuhl, und das müde, sorgenschwere Haupt auf die kleinen Kissen gelegt, blieb er in der Stellung, bis der Schlaf sich seiner erbarmte und ihm wenigstens für wenige Stunden Vergessenheit seiner Leiden Ruhe gönnte.

Es war ein trauriges Erwachen, und mit ängstlicher Hast betrieb er die nöthigen Vorbereitungen zu ihrem in seinem Erfolg so ungewissen Marsch. Aber seine ganze alte Festigkeit hatte er wieder gewonnen, in seinem Ziel war er sich klar geworden, und als ihn Tolmer frug, was er selber zu thun gedenke, wenn sie die Flüchtigen wieder eingeholt, erwiderte er mit fester Stimme:

»Ich will mein K i n d zurück. Die unglückliche Frau hat sich ihr Loos geworfen. Als sie mich verrieth, der sie auf Händen getragen und mit abgöttischer Liebe fast verehrt, da wählte sie sich ihre eigene Bahn und mag ihr folgen. Ich will sie nur noch einmal wiedersehen, um das Kind, das m e i n gehört, da sie sich selber des Rechtes dazu verlustig gemacht, von ihr zurückzufordern. Sie hat mich nie geliebt, oder sie hätte – mein Herz nicht durch eine s o l c h e Handlung brechen können.«

»Und was soll mit ihr geschehen, wenn wir des Verführers habhaft werden?«

»Gott mag sie schützen und ihr verzeihen,« sagte Rodwell ernst. »Meine treue Hand hat sie von sich gestoßen, ich hätte mit Freuden mein Leben für sie gelassen, sie hat es verschmäht und die Folgen über sie.«

»Gut denn,« sagte Tolmer, nach seinen Pistolen sehend und sie im Gürtel unter dem weiten Buschrock, den er angethan, bergend, »dann bleibt uns nur noch übrig, die Schlange zu finden, die Gift und Elend unter mehr als ein friedlich Dach gebracht. Beim ewigen Gott, das Maaß des Burschen ist über und über voll, und es wird Zeit, mit ihm die Rechnung abzufließen.«

Rodwell, der mit dem Entschluß zur That auch seine ganze Festigkeit und Ruhe wieder erlangt hatte, war indeß zum Stall gegangen, um seine beiden Pferde zu satteln, und nach rasch eingenommenem Frühstück, andere Provisionen hinter sich aufs Pferd gebunden, sprengten die beiden Männer der von Tolmer bezeichneten westlichen Richtung zu.

Die nächste Station, die sie erreichten, war die eines gewissen Motley, auch eines früheren Sträflings, der sich hier angesiedelt und jetzt der Besitzer ansehnlicher Heerden geworden. Rodwell wollte hier die ersten Erkundigungen einziehen, Tolmer verhinderte ihn aber daran. Es war nicht wahrscheinlich, daß die Flüchtigen, wenn sie wirklich hier in der Nähe gelandet wären, diesen seinem Haus so nahen Platz schon berührt haben sollten. Dann blieb es ebenfalls noch in Frage, ob Motley ihnen aufrichtige Antwort gäbe. Je später sie Anderen konnten wissen lassen, welchem Ziel sie nachstrebten, desto besser war es. Ein Geheimniß, das mehr als zwei Personen theilen, ist eben kein Geheimniß mehr.

Diesem Plane treu passirten sie noch zwei Stationen, ohne weitere Erkundigungen über die Flüchtigen einzuziehen, als sie sich durch eigenes Anschauen verschaffen konnten. Das wußten sie außerdem, daß der Räuber mit der Frau und dem Kinde nie in das Innere der Insel dringen konnte, wo die verzweifelte Känguruh-Distel ein Fortkommen oft unmöglich machte. Lag ihm daran, Cap Borda zu erreichen, so war das sehr wahrscheinlich zu Wasser geschehen, oder der kleine Zug genöthigt, sich auf dem am Seestrand hinauflaufenden Weg zu halten. Auf diesem hatten sie aber bis jetzt noch keine Spuren finden können.

So kamen sie bis Cap Trony, unfern des Mount Torrens. Sie hatten die Nacht wieder, wie sie gewöhnlich thaten, im Busch geschlafen, und hielten hier blos an, ihren Pferden ein ordentliches Futter geben zu lassen.

Tolmer hatte hier zuerst den Strand abgesucht, ob sie kein Boot irgendwo vor Anker sähen. Sie konnten aber nirgends etwas Aehnliches entdecken, und galoppirten eben der nicht mehr fernen Häusergruppe zu, als Tolmer plötzlich Rodwells Arm ergriff, und schweigend auf einen dicht am Wege liegenden Gegenstand deutete. – Es waren die Scherben einer Glasflasche, die einst M i l c h enthalten, und Rodwell faßte krampfhaft die Zügel seines Thieres und riß es zurück, daß es in sein Gebiß schäumte und knirschend in die Höhe stieg. – Es waren die e r s t e n Spuren, die sie gefunden.

»Jetzt sind wir auf der Fährte,« rief da Tolmer, »hier ist der Abdruck von unseres Wildes Schuhen – nein, das muß der Bursche gewesen sein, den sie mit in das Boot genommen. Gentleman John hat ihn nach Milch auf die Station gesandt, während die beiden unten im Boote blieben, und der ungeschickte Bursche die Flasche zerbrochen. Unser Capitain Howitt würde sie selber nie so leichtsinnig dicht am Pfade haben liegen lassen.«

»Glaubt Ihr, daß wir sie im Hause finden?« frug Rodwell, und er brachte die Worte kaum über die Lippen.

»Hier? – Gott bewahre,« erwiderte Tolmer, »die sind im Boote weiter gefahren, und es ist sehr die Frage, ob die auf der Station mehr von ihnen wissen, wie wir selber. Jedenfalls müssen wir hier sehen, was wir von den Leuten herausbekommen, und haben wenigstens die Ueberzeugung, daß sich das Kind noch wohl und bei gutem Appetit befindet.«

»Gott sei gedankt!« stöhnte Rodwell aus tiefer Brust, und der Seufzer sprach nur zu deutlich die Angst um das kleine unglückselige Wesen aus, der er weiter keine Worte zu geben wagte.

Was die Spuren betraf, so hatte Tolmer übrigens Recht. Nur die Fährten des einen Buschschuhes, die vom Wasser nach der Station und wieder genau nach derselben Stelle zurückführten, waren dort zu erkennen, und davon sich erst einmal überzeugt, sprengten die beiden Reiter rasch den Stationsgebäuden zu.

Ihre Vermuthung wurde hier zur Gewißheit. Am gestrigen Morgen hatte ein Mann, der zu einem draußen am Strand auf ihn wartenden Boot gehörte, eine Flasche Milch, eine Flasche Rum und zwei Damper, wie etwas Salz geholt. Der Mann habe vorgegeben, die Milch sei für eine kranke Frau, die sie im Boote hätten, und das betätigte Einer der Stockkeeper, dem sie später, ein Kind auf dem Arme tragend, nicht weit vom Torrensberg begegnet sei. Sie begleitete, außer dem Burschen, der die Milch geholt und jetzt das Gepäck trug, noch ein fremder Herr, den er nicht kannte.

Die beiden Reiter hielten sich nicht länger auf, als irgend nöthig war, ihren Pferden einige Ruhe zu gönnen. Dann sattelten sie wieder auf, derselben Richtung wie bisher zu folgen. Daß sie die richtige Fährte hielten, war überdies gewiß, und Tolmer fand auch bald den Grund, weshalb die Flüchtigen das Boot verlassen und den weit beschwerlicheren Landweg gewählt hatten. Der Wind, der die letzten Tage ziemlich stät von Nordnordost geblasen, war nämlich nach Südwesten umgeschrahlt. Auch sah das Wetter seit gestern Morgen schon ziemlich drohend aus, daß Jene nicht wagen durften, sich in so schwankem Fahrzeug weit vom Ufer zu entfernen. Jedenfalls lag das Boot irgendwo in einer Bucht versteckt, und wenn sich Gentleman John, worin er allerdings einige Fertigkeit besaß, nicht Pferde zu verschaffen wußte, mußten sie die Flüchtigen vielleicht schon am nächsten Morgen überholen.

Zu Wasser hatten diese übrigens so raschen Fortschritt gemacht, daß sie ihnen noch immer einen Tagesmarsch voraus waren. Jetzt aber blieb den Verfolgern auch dafür die Hoffnung, sie um so rascher einzuholen.

An demselben Abend erreichten sie die Station eines alten Bekannten von Rodwell, den dieser wenigstens auf seinen verschiedenen Fahrten durch die Insel schon manchmal besucht hatte. Hier war Gentleman John mit der Frau, die der Stationsbesitzer für seine eigene gehalten, über Nacht geblieben und mit dem Frühesten gegen Mount Torrens aufgebrochen. Das Kind hatte viel die Nacht geschrieen, und die Dame vom Haus behauptete, die arme Frau habe viel geweint, weil sie sich wahrscheinlich um das Kind gegrämt.

Rodwell, obgleich er sein Geheimniß nicht verrieth, war in furchtbarer Aufregung, und Tolmer bei Seite nehmend, bestand er darauf, hier keine Rast zu machen, sondern an demselben Abend trotz einbrechender Dunkelheit noch weiter zu gehen. Die Straße bis zum Torrensberg, an dessen Fuß eine andere Station lag, war ziemlich gut, der Mond stand ebenfalls am Himmel, und sie konnten dadurch recht gut, ohne ihren Pferden irgend weh zu thun, einen weiteren Vorsprung gewinnen. Tolmer war natürlich vollkommen damit einverstanden, und nach einem rasch eingenommenen Mahl brachen die beiden Reiter, zum großen Erstaunen ihres Wirths, wieder auf.

Zwei Stunden scharfen Rittes brachten sie in Sicht des nächsten Hauses, dessen Licht ihnen schon von weitem durch die hier ziemlich dünn stehenden Büsche entgegen schimmerte – wenigstens konnten sie im Freien einen hellen Feuerschein erkennen. Näher gekommen, entdeckten sie aber bald, daß der Schein nicht aus einem Gebäude komme, sondern von einer Fackel herrühre, um die drei oder vier Männer unter einigen Gumbäumen geschaart standen.

Tolmer zügelte im Anfang sein Pferd ein, denn möglich war es ja doch, daß sie, anstatt die Station zu erreichen, vielleicht gar einem Trupp von Buschrähndscher in die Hände fielen. Cap Borda war von hier gar nicht mehr so weit entfernt, und Gentleman John viel zu umsichtig, seine Leute nicht gerade dort, sondern weit eher in der Nähe versteckt zu halten. Das Geläute lagernder Heerden aber in der Nähe, und das Gebell von Hunden verrieth doch auch wieder einen von weißen Ansiedlern bewohnten Platz, und deutlich konnten sie jetzt zwischen den um die Fackel versammelten Männern auch einen etwa zwölfjährigen Knaben erkennen. Das waren keine Buschrähndscher.

Nach ein paar flüchtig mit einander gewechselten Worten sprengten sie wieder vor, während einige dort nach Opossums umhersuchende Hunde Wind von ihnen bekamen und laut bellend gegen sie ansprangen. Wenige Minuten später hielten sie neben der kleinen, von dem flackernden Lichte der Fackel grell beleuchteten Gruppe Menschen, die neugierig zu dem späten Besuche aufschauten.

»Guten Abend, Ihr Herren,« sagte da Tolmer, sich an den Aeltesten der Leute wendend, »könnt Ihr uns Nachtquartier für heute, und vielleicht einen Hut voll Hafer für unsere Pferde geben? Sie haben einen langen Tagesmarsch gemacht und bedürfen einer Stärkung.«

»Ja wohl, Fremder – gern,« lautete die gastliche Antwort. »Steigt nur ab und nehmt Eure Pferde am Zügel, denn von hier bis zum Haus stehen eine Menge kurz abgehauener Baumstümpfe.«

»Was habt Ihr da gemacht?« sagte Rodwell, der kein Auge von der Gruppe verwandt hatte, mit heiserer, angstbeklemmter Stimme. – »Ihr habt –«

»Ein Grab gegraben für ein armes Kind!« sagte der alte Mann mit ernstem, wehmüthigem Ton.

» E u e r Kind?« frug Rodwell, und das Licht der Fackel begann vor seinen Augen zu tanzen und wilde, wirre Kreise zu ziehen.

» M e i n e s ? – nein, Gott sei gedankt, daß er mir bis jetzt solchen Schmerz erspart. – Es war das Kind einer armen Frau, die es todt auf ihrem Arm zu unserm Hause trug, es wenigstens in der Nähe von Weißen – von Christen begraben zu lassen.«

Rodwell glitt aus seinem Sattel, ließ den Zügel seines Pferdes frei, und taumelte mehr als er ging, dem frischen kleinen Grabe zu, über das die freundliche Hand der Fremden eben erst den niederen Hügel gewölbt.

»Eine fremde Frau?« rief Tolmer rasch und erschreckt, während sein mitleidiger Blick den armen Vater streifte.

»Sie kam mit ihrem Mann und einem Träger von Osten her,« erwiderte der alte Mann. »Ihre Pferde waren ihnen im Busch abhanden gekommen, wie sie sagten, und der Mann wollte die Frau nur nach Cap Borda bringen, und dann zurückkehren, sie zu suchen.«

»Sein Name war –?«

»Lieber Gott, wir fragen die Leute, die zu uns kommen, nicht nach ihrem Namen; aber ich dächte, ich hätte den Mann schon vor einigen Wochen einmal an Cap Borda gesehen. Ich glaube, sie nannten ihn dort Howitt!«

Rodwell hörte nichts mehr – vor den Augen flimmerte es ihm, seine Knie zitterten und brachen unter ihm, und mit dem Schmerzensschrei: »Mein Kind – mein armes, armes Kind!« sank er an dem Grabe schluchzend nieder. – Die Männer waren erstaunte Zeugen dieses ganz unerwarteten Ausbruchs wilden, verzweifelten Schmerzes. S e i n Kind, das f r e m d e Leute hier begraben? – dann der späte Ritt in dunkler Nacht – das sonderbare Benehmen jener Frau dazu – daß hier nicht Alles war, wie es sein sollte, unterlag wohl keinem Zweifel. Die Bewohner Australiens sind jedoch an solche außergewöhnliche Familienscenen zu sehr gewöhnt, einer jeden nachzuforschen. Selbst das Geheimnißvolle der Abstammung von mehr als drei Viertheilen der damaligen Gesellschaft trug viel dazu bei, ein verschlossenes Wesen bei Vielen zu entschuldigen und vor unbequemen Fragen zu bewahren. Schweigend blickten deshalb die Männer auf den Unglücklichen nieder, der das Grab seines Kindes mit seinen Thränen netzte. Tolmer dagegen, der sein Pferd am Zügel genommen, faßte des Alten Arm und ließ sich von diesem, während er mit ihm langsam dem Hause zuschritt, die ihnen vorausgeeilten Fremden näher bezeichnen.

Bald blieb ihm auch nicht der geringste Zweifel mehr, daß es wirklich jener sogenannte Capitain Howitt mit der unglückseligen, verblendeten Frau seines armen Reisegefährten gewesen. Der Mann hatte, des Alten Aussage nach, sehr geeilt und die Station gleich wieder verlassen wollen, wie nur das arme kleine Ding, das ihnen am Wege gestorben, eben unter die Erde gebracht war. Die Frau aber hatte sich geweigert, ihm so rasch zu folgen, und er selber sie wohl nicht allein zurück lassen mögen; denn er war mit ihr bis fast gegen Abend hier geblieben.

Was dem Kinde gefehlt haben konnte, wußte Niemand. Wie es ihnen vorgekommen, hatte die Frau dem Mann, ehe sie fortgingen, Vorwürfe gemacht, er aber nur finster darauf geantwortet. Dann waren sie in dem Dickicht, das die Station umschloß, verschwunden.

Tolmer suchte jetzt das Gespräch auf im Busch vielleicht zerstreut wohnende Leute zu bringen. Er selber suche, wie er vorgab, Arbeiter, und habe gehofft, die hier in der Gegend zu finden. Indessen hatten sich aber noch einige der andern Männer, Schäfer und Hüttenwächter von der Station ihnen angeschlossen, und der Alte gab ihm nur ausweichende Antworten auf alle seine dahin abzweckenden Fragen.

Nur mit vieler Mühe konnte jetzt Rodwell bewogen werden, das Grab seines Kindes zu verlassen und die Nacht in der Hütte zu verbringen. Nahrung nahm er gar keine zu sich, und am nächsten Morgen war er schon wieder mit Tagesanbruch an dem theuren Platz.

Auch Tolmer rüstete sich zu frühem Aufbruch; Rodwell weigerte sich aber, weiter mit ihm zu gehen.

»Jenny,« sagte er mit resignirtem Schmerz, »hat mir den Frieden meiner Heimath zerstört – hat mir mein Kind gemordet, daß die Beschwerden dieser Flucht nicht ertragen konnte. Sie hat sich dadurch von mir selber losgesagt. – Was sie an m i r gethan, vergeb' ich ihr ja gern, aber daß sie unser – daß sie ihr eigen Kind so wenig lieben konnte – das – das mag ihr G o t t vergeben – ich bin nur ein schwacher, sündhafter Mensch – ich k a n n es nicht.«

Als ihn Tolmer frug, was er jetzt zu thun gedenke, erklärte er ihm, daß er die Leiche seines Kindes ausgraben und damit nach Hause zurückkehren wolle. Alle Vorstellungen, die ihm Tolmer deshalb machte, blieben umsonst. Er beharrte fest auf seinem Vorsatz, bat aber Tolmer, das Pferd, das er von Marsden Point mitgenommen, so lange zu benutzen, wie er wolle, und es ihm später zurückzuschicken.

Tolmer dagegen, doch jetzt allein auf die Verfolgung angewiesen, bis er sich mit seinen Leuten wieder vereinen konnte, beschloß seinen Weg zu Fuß fortzusetzen. Die Entfernung bis zur Point Borda war überdies nicht mehr so groß, während das ganze Benehmen des alten Squatters, wie seine Zurückhaltung fast vermuthen ließ, daß er in der That hier eine keineswegs willkommene, aber doch gefürchtete Nachbarschaft habe.

Von Rodwell nahm jetzt Tolmer herzlichen Abschied, und versprach ihm von dem Erfolg seines Unternehmens Nachricht zu geben. Nun erst, als er sich nach dem nächsten Weg nach Cap Borda, den, wie er meinte, auch jener Capitain Howitt eingeschlagen, erkundigte, erbot sich der alte Squatter, ihn eine kleine Strecke zu begleiten, und ihm einen Pfad zu zeigen, dem er leicht dahin folgen könne.

»Von Allem, was ich von Euch gesehen, Fremder,« redete er ihn da an, wie sie das Haus eine Strecke im Rücken hatten, »glaub' ich, daß ich Euch vertrauen darf. Ihr gehört keinesfalls zu jenen »Herren vom Busch«, die hier seit einiger Zeit ihr Wesen treiben.«

»Also doch,« sagte Tolmer lächelnd, »ich hab' es mir fast gedacht. Ihr habt übrigens Nichts von mir zu fürchten, denn nur der Wunsch, die nähere Bekanntschaft dieser »Herren« zu machen, hat mich hierher geführt.«

»Nehmt Euch dann in Acht,« warnte ihn der Alte, »sie sind zahlreicher, als ihr vielleicht glaubt, wenn sie sich auch bis jetzt, Gott weiß aus welchem Grunde, ruhiger und friedlicher verhalten haben, als das sonst gewöhnlich ihre Sitte sein mag. Wir Stationshalter, die wir hier einzeln im Busch leben, sind ihnen auf Gnade und Ungnade preisgegeben und müssen sie uns wohl zu Freunden halten. Merken sie einmal, daß wir sie verrathen oder gar der Polizei gegen sie beistehen, dann können wir uns darauf verlassen, daß wir dafür büßen müssen.«

»Aber wovon leben sie hier im Busch?« frug Tolmer.

»Von dem,« sagte der Alte achselzuckend, »was sie sich a u f R e c h n u n g holen. Zahlen thun sie dabei mit dem stillschweigenden Versprechen, uns dafür unsere Stationen nicht anzuzünden, unsere Heerden nicht zu zerstreuen oder uns gar Abends beim Thee ihre Schrotgewehre in die Fenster hineinzuschießen. Es ist jedenfalls eine unbequeme Nachbarschaft, und wenn man den Gouverneur unter der Hand nur davon benachrichtigen könnte, daß er eine hinreichende Macht herüber schickte, ließe sich vielleicht mit Erfolg ein Schlag gegen die ganze Bande führen.«

»Und würdet Ihr Herren hier die Polizei dabei unterstützen?« frug Tolmer.

»Das ist eine kitzliche Sache,« meinte der Alte achselzuckend. »Auf unsere Leute können wir uns natürlich nicht verlassen; ja wissen kaum, ob sie nicht mit der Bande in weit näherer Verbindung stehen, als uns lieb ist. Treten wir daher offen auf Seite der Polizei, und richtet diese, was sehr gewöhnlich der Fall ist, nichts weiter aus, als daß sie ein paar deren wegfängt oder todtschießt, und dann wieder ruhig nach dem festen Lande zurückfährt, dann sitzen wir nachher erst recht im Unglück d'rin, und können uns fest darauf verlassen, die sein zu müssen, an denen die gereizten Verbrecher ihren ganzen Grimm und Unmuth auslassen.«

»Und wie viele sind es wohl, Eurer Meinung nach, die sich hier in der Gegend umhertreiben?« frug Tolmer.

»Gott weiß es,« erwiderte der Alte, »etwas Genaues erfuhr man ja außerdem nie über sie, und weiß nicht einmal, wo auf der Insel herum sie überall ihre Verbündeten und Hülfe haben. Zwölf aber, dächt' ich, wären es gewiß – eher mehr als weniger.«

»Und ihr Hauptversteck?«

»Ist hier am Torrensberg, ganz in der Nähe. Etwa eine halbe Stunde von hier kommt Ihr zu einer kleinen Schlucht, an der unten, dicht am Pfad, eine einzelne

Casuarine[10] steht. Drückt Euch dort so rasch als möglich vorbei, denn in der Schlucht hinauf, nicht viele hundert Schritte vom Pfad entfernt, steht schon eine einzelne Rindenhütte, und eine kleine Strecke weiter oben ist das Lager. Ich bin dort einmal aus Versehen hingekommen, weil ich ein weggelaufenes Pferd suchte, und fand da die ganze Gesellschaft zusammen.«

»Die Buschrähndscher?« rief Tolmer rasch.

»Pst –« sagte der Alte, sich vorsichtig dabei umsehend, »es ist gar nicht nöthig, d e n Namen hier so laut in den Busch hineinzuschreien. – Sie ließen mich allerdings ungehindert ziehen, gaben mir aber doch zu verstehen, es wäre ihnen lieb, wenn k e i n e Pferde hier nach dieser Richtung wieder in den Busch liefen. Natürlich verstand ich, was sie damit meinten, und habe mich seit der Zeit sorgfältig gehütet, noch einmal in ihre Nähe zu kommen.«

»Und wielange ist das her?«

»Etwa vierzehn Tage.«

»Dann wundert es mich nur, daß die an Cap Borda nichts von solcher Nachbarschaft wußten.«

»Habt I h r sie darum gefragt?«

»Allerdings.«

»Dann werden s i e sich eben so gewundert haben, daß I h r nach so etwas fragen mochtet. Doch von hier aus könnt Ihr den Weg nicht verfehlen, und – wenn Ihr meinem Rath, dem Rath eines alten Colonisten, folgen wollt, so gebt der Schlucht so weiten Seeraum, wie Ihr könnt.«

»Herzlichen Dank – und wenn ich Euch Hülfe brächte.«

»Je mehr dabei g e t h a n , und je weniger davon gesprochen wird, desto besser,« sagte der alte Mann, grüßte Tolmer freundlich und schritt dann seiner eigenen Wohnung wieder zu.

Der Polizeibeamte verfolgte indessen rasch den Pfad, indem er hie und da an weichen Stellen die kleinen Fährten des zarten Frauenfußes erkennen konnte. Ziemlich sicher erwartete er auch, daß dieser Capitain Howitt die Entführte in das von dem alten Squatter bezeichnete Versteck geführt haben würde, dort vor jeder Verfolgung sicher zu sein. Zu seinem Erstaunen fand er aber, als er die einzelne Casuarine erreichte, daß nur Einer der beiden Männer, und zwar der Capitain selber, den Weg dort hinauf zu eingeschlagen hatte, während die Frau mit dem Träger den Pfad verfolgt zu haben schien.

Tolmer kannte recht gut die Gefahr, der er sich hier aussetzte, wenn er sich allein, nur mit seinen beiden Pistolen bewaffnet, in die Nähe der hier im Hinterhalt liegenden Buschrähndscher wagte. Nichts destoweniger drängte es ihn auch, Gewisses über den Aufenthalt dieser Menschen zu erfahren, ehe er sich mit seinen eigenen Leuten wieder vereinigte. Konnte er diese denn doch weit besser und sicherer dem Feind entgegen führen. Mit derlei Gefahren überdies schon seit langen Jahren vertraut, reizten ihn dieselben weit eher, solchen tollkühnen Streich zu wagen. Welche Vorsicht er dabei zu beachten hatte, wußte er überdies genau.

Zu dem Zwecke folgte er vor allen Dingen noch eine Strecke lang dem gewöhnlichen nach Cap Borda zu führenden Pfad, damit in der lockern Erde hier seine Fährten nicht die Richtung verriethen, die er genommen, und schlug sich erst dort links in die Büsche und den Hügelhang der Schlucht zu hinauf, wo dichtes Gumlaub und Rindenstücke den Boden bedeckten und ein Nachspüren schwieriger machten. Solcher Art den steinigen Boden benutzend, erreichte er bald die Schlucht, an deren ziemlich steilen Hang er hinkletterte, bis ihn die zu schroff aufsteigenden Wände zwangen, sich dem Thal selber mehr zu nähern. Dadurch machte er allerdings nur langsamen Fortschritt, bis er nach etwa halbstündigem Marsch gerade unter sich das Dach einer Rindenhütte entdeckte.

Dies mußte jedenfalls das von dem alten Squatter bezeichnete erste Haus der Bande sein, gewissermaßen ihr Vorposten in den Bergen, und eine volle Stunde blieb er hier ruhig auf der Lauer liegen, ob er in der Nähe irgend ein menschliches Wesen entdecken könne. – Es war nichts zu erkennen. Kein Rauch stieg aus oder neben dem Haus empor; kein Laut unterbrach die Todtenstille um ihn her, das Kreischen eines Schwarmes weißer Kakadu's abgerechnet, die das Thal herunter kamen und in den Wipfeln der höchsten Bäume weiter unten wieder einfielen.

Jedenfalls hatte die Ankunft des Führers die ganze Bande weiter oben in ihrem Lager versammelt, wo aller Wahrscheinlichkeit nach das Wichtigste ihrer nächsten Pläne verhandelt wurde. – Wenn er sich dort als Zeuge hätte einschmuggeln können. – Mit dem Gedanken war auch der kühne Schritt beschlossen, und Tolmer, persönlicher Furcht völlig fremd – glitt von der ziemlich steilen Wand, über der er gestanden, nieder, umging das Haus, und wollte eben am Bach hinauf seinen Weg weiter verfolgen, als er plötzlich dicht vor sich Stimmen hörte.

Ein kleines Gebüsch verdeckte ihn allerdings für den Augenblick, kamen die Männer aber näher, so mußten sie ihn dort, wo er gerade auf einer ziemlich offenen Stelle stand, entdecken. Nur wenige Schritte von sich entfernt, bemerkte er eine mit ziemlich dichten Nadeln bedeckte Casuarine, deren untere Aeste er leicht mit mit der Hand erreichen konnte. Rasch war sein Entschluß gefaßt – und wenige Sekunden später verbarg ihn der dichte Wipfel des Baumes. Von dort aus konnte er auch, selber ungesehen, am leichtesten die Bewegungen der Feinde beobachten, wie sich später wieder unbemerkt zurückziehen, wenn das nöthig werden sollte.

Kaum zwei Minuten hatte er seinen versteckten Sitz eingenommen, als die ersten Buschrähndscher auf demselben offenen Platz erschienen. Vorne ging Howitt – der berüchtigte Gentleman John – mit Rothkopf, seinem ersten Lieutenant, und hinter diesen folgten etwa sechzehn oder achtzehn wild und verzweifelt genug aussehende Gestalten, fast alle mit Musketen, einige sogar mit Doppelflinten und Büchsen bewaffnet. Die beiden Ersten waren in eifrigem Gespräch begriffen, das aber nicht eben freundlich geführt schien. So kalt und ruhig Gentleman John selber dabei blieb, so heftig schien Rothkopf etwas zu bekämpfen, ohne daß Tolmer bis jetzt nur mehr als einzelne abgerufene Worte davon verstehen konnte.

»Genug – genug, Rothkopf,« sagte da der Führer, gerade als sie die kleine Lichtung unterhalb dem Baum, auf dem Tolmer saß, erreicht hatten. »Es bleibt bei dem was ich gesagt, und ich glaube, ich habe mich Euch bis jetzt als treuer Freund und Führer genug gezeigt, mir auch in dieser Sache diesmal zu vertrauen. Acht von Euch, die Ihr durch das Loos oder durch freie Wahl bestimmen müßt, folgen mir j e t z t , die Uebrigen bleiben unter Rothkopfs Führung noch einige Tage hier, bis die Ausrüstung des Schooners beendet ist. Haben wir Alles klar, so mögen sie draußen Verdacht schöpfen wie sie wollen, es ist dann zu spät. Geschähe das jetzt, so wäre unser Aller Leben, unser Aller Freiheit gefährdet, und ich will nicht bis jetzt mit allen nur erdenklichen Aufopferungen des Aeußersten gewagt haben, im letzten Augenblick vor der Entscheidung unsern Rettungsplan scheitern zu sehen. Wen von Euch bestimmt Ihr also, mir jetzt gleich zu folgen? Wen bestimmt I h r dazu, Rothkopf?«

Er war, noch während er sprach, kaum fünf Schritte von der Casuarine, die seinen gefährlichen Feind versteckt hielt, stehen geblieben und die Leute, unter einander berathend, sammelten sich um ihn.

»Mir gleich,« rief da Rothkopf, indem er sich, dem Baum gerade gegenüber, auf den Boden und sein Gewehr neben sich auf das Laub warf, »wenn ich meinen Willen nicht haben soll, dann macht's wie Ihr wollt.«

Sein Auge haftete gedankenlos und mürrisch, wie er so sprach, an dem Wipfel der Casuarine, und Tolmer durfte kein Glied rühren, wenn er sich nicht verrathen wollte.

»Es bleibt sich auch gleich,« sagte da Gentleman John, »denn die Uebrigen folgen ja doch in wenig Tagen. Keiner von uns mag zurückbleiben, wo es gilt, dies verwünschte Land auf immer zu verlassen. Ist es Euch also recht, so wähl' ich mir die, die ich jetzt bei mir haben will, selber aus, und Ihr werdet es begreiflich finden, daß ich mir dazu d i e nehme, die jetzt am anständigsten und am wenigsten verdächtig aussehen. Ich kann Euch nicht als Buschrähndscher, ich muß Euch vor der Hand als A r b e i t e r bei meinen Freunden einführen. Ist Einer unter Euch, der das Zimmerhandwerk versteht?«

»Das versteh' ich, Capitän, und der einäugige Henry da drüben,« sagte Einer der Burschen, indem er vortrat.

»Vortrefflich – Euch beide kann ich gleich an Bord beschäftigen. Einen Segelmacher haben wir wohl nicht unter uns?«

»Doch, Sir,« lautete die Antwort von der andern Seite, »wir sind hier unserer drei Seeleute, die alle eine Segelnadel zu führen wissen.«

»Dann tretet Ihr hier auch herüber – aber ein bischen zustutzen müßt Ihr Euch, ehe wir auf die Station kommen. Wetter noch einmal, Burschen, Euch sieht man den Buschrähndscher gleich an der Stirne an.«

»Ich würde ihnen einen Frack machen lassen,« sagte Rothkopf, indem er sein Messer aus der Scheide zog, und die um ihn her liegenden Gumblätter damit anspießte.

Gentleman John antwortete nicht darauf, wählte sich noch drei der bestaussehenden Individuen – und die Wahl wurde ihm wirklich dabei schwer – zu seinen Begleitern, und gab den Uebrigen dann noch einige gleichgültige Befehle, wie sie sich hier in der kurzen Zeit ihres Aufenthaltes zu betragen hätten, die Aufmerksamkeit der benachbarten Stationshalter nicht zu sehr auf sich zu ziehen.

»Und wie weit seid Ihr mit Euerem Schiff?« frug da Rothkopf, als sich Jener zum Aufbruch rüstete.

»Wie uns Hennigs heute gemeldet,« lautete die Antwort, »ist es an seinem Ankerplatz eingetroffen. Die nöthigen Provisionen können recht gut in drei Tagen herbei und an Bord geschafft werden – vielleicht noch früher, wenn mein Freund Bloome –« er sprach die Worte mit einem hämischen Lächeln – »die mir gegebenen Versprechungen alle gehalten. Nur das Einnehmen des nöthigen Wassers wird uns noch aufhalten. Wir müssen wenigstens genug davon an Bord haben, eine der Südseeinseln zu erreichen.«

»Und Munition?«

»Damit sieht's freilich bös aus,« erwiderte Gentleman John, »denn um keinen Verdacht zu erregen, durfte ich nicht solche Aufträge dafür geben, als ich sonst gewünscht, doch denk' ich, haben wir genug.«

»Genug an Bord,« rief Rothkopf, »das kann ich mir etwa denken, aber nicht hier in den Bergen. Wir Alle sitzen hier mit kaum genug Pulver und Blei, unsere Gewehre noch einmal zu laden, wenn wir sie abschießen, und würden wir jetzt von drei Polizeisoldaten mit Musketen angefallen, wären wir verloren. Aus der Gefahr mach' ich mir nichts; ich denke das habe ich bewiesen; aber ich muß wenigstens eine Waffe haben, mich zu vertheidigen, und so wie jetzt bleib' ich keinen Tag länger in den Bergen, und wenn ich die nächste Station plündern müßte, mir Pulver und Blei zu verschaffen.«

»Das ist nicht rathsam,« entgegnete aber John, »und würde uns die Leute vor der Zeit auf den Hals setzen. Doch dem soll abgeholfen werden. Kommt morgen früh mit Tagesanbruch an die leere Rindenhütte, die gleich dort drüben an der Grasbaum-Ebene steht, Rothkopf, und ich will Euch selber genug Munition für alle Fälle bringen. Seid Ihr das zufrieden?«

»Meinetwegen,« brummte der Lieutenant, »wenn ich nur wieder Futter für meine Flinte bekomme. Die Wallobis tanzen Einem ja jetzt ungestraft auf der Nase herum.«

»Gut denn,« sagte der Führer, »also morgen früh an der Rindenhütte. Und nun lebt wohl. Ich muß heut Abend noch vor Dunkelwerden am Cap Borda sein. Zur bestimmten Zeit schick' ich Euch Broadley, und folgt dem so rasch Ihr irgend könnt.«

Er wandte sich bei den Worten, von den von ihm ausgewählten Leuten gefolgt, das Thal hinab, und Rothkopf blieb, noch ganz in seiner früheren Stellung, mit den Uebrigen unter der Casuarine zurück.

»Und was nun?« sagte da Einer der Leute, »gehen wir nach dem Lager zurück, oder habt Ihr sonst irgend etwas für uns zu thun?«

»Ich?« sagte Rothkopf, »der Capitän hat Euch, denk' ich, Euere Beschäftigung deutlich genug angewiesen – wiederkäuen, bis er Euch rufen läßt.«

»Aber –«

»Kümmert Euch um Nichts,« unterbrach ihn der Buschrähndscher-Lieutenant, »Ihr habt Zeit genug, Euerer Bequemlichkeit nachzugehen, wenigstens noch für 48 Stunden Provisionen, und Wasser bis zur nächsten Dürre – was wollt Ihr mehr?«

»Branntwein,« sagte Einer der Leute mürrisch.

»Ja so; an den hatte ich nicht gedacht,« lachte Rothkopf, »aber beruhigt Euch nur; der Capitän hat versprochen, Euch einen Korb Champagner herüberzuschicken, und dem wird er wohl ein Fäßchen Rum beifügen. Seid Ihr damit zufrieden?«

»Müssen ja wohl!« brummte der Sprecher.

»Nun gut;« sagte Rothkopf, »dann seid so gut und geht jetzt zum Lager hinauf, daß uns das Mittagsessen nicht anbrennt. Ich will indessen sehen, ob ich uns bis dahin ein Wallobi schießen kann – verstanden?«

»Gut, Lieutenant,« sagte der Bursche, »Ihr sprecht jedenfalls deutlich genug, und wenn das Abwarten auch langweilig sein mag, ist es jedenfalls das Bequemste.«

Die Leute wandten sich ab und schlenderten langsam den Weg zurück, den sie vor etwa einer halben Stunde gekommen. Nur Rothkopf blieb noch, kaum fünfzehn Schritt von der Casuarine entfernt, und das Gesicht dem Baum zugekehrt sitzen, stieß langsam sein Messer in die Scheide zurück, und nahm dann seine Doppelflinte vor sich auf die Knie. Hieran untersuchte er die Pistons, reinigte sie, schüttete frisches Pulver hinein, setzte trockene Zündhütchen auf, und schien sich solcher Art allerdings für die angekündigte Wallobijagd vorzubereiten. Seine Gefährten waren indessen schon lange das Thal hinaufgestiegen und Tolmer, der Alles erfahren, was er nur gewünscht, hoffte jetzt sehnlichst, daß der Bursche unter dem Baum sein Gewehr endlich in Stand hätte, und ihm ebenfalls Raum gab, seine durch die Länge der Zeit unbequem werdende Stellung verlassen zu können.

Rothkopf schien aber keine derartige Absicht, wenigstens nicht für die nächste Zeit zu haben; denn, sein völlig in Stand gesetztes Gewehr noch immer auf den Knien, blieb er ruhig in der vorhin eingenommenen Stellung, und nickte nur manchmal, still vor sich hinlächelnd, mit dem Kopf. Tolmer's Lage wurde mit jedem Augenblick peinlicher; Arm und Knie schmerzten ihn, und doch wagte er nicht sich zu regen. Da hob der Buschrähndscher langsam den Kopf zu dem Baum empor, an dem jener saß, betrachtete den Wipfel eine Weile und sagte dann, so ruhig, als ob er mit einem seiner Leute redete.

»Nun, Mate, ich denke Ihr könntet jetzt da oben ausgeschlafen haben. Donnerwetter, andere Vögel streichen mit Tagesanbruch ab, und Ihr bleibt bis zum hellen Mittag in den Zweigen mit dem Kopf unter dem Flügel sitzen.«

Tolmer regte sich nicht – das Herz schlug ihm wie ein Hammer in der Brust. Noch aber blieb ihm immer die Hoffnung, daß der Buschrähndscher mit jemand Anderem, nicht mit ihm spreche, und er doch noch vielleicht der Entdeckung entgehen könnte. Rothkopf machte aber seinen Zweifeln bald ein rasches Ende. Er stand auf, nahm sein Gewehr in Anschlag, und den Lauf gerade gegen den Wipfel der Casuarine richtend, sagte er mit nicht lauterer Stimme als vorher, aber mit trockenem, spöttischem und doch auch wieder drohendem Ton:

»Nun, wird's bald, Kamerad? oder soll ich Euch etwa Beine machen. Ich habe nicht übermäßig Munition, und möchte die Ladung Schrot und die Todtengräberkosten gern ersparen. Euch mein' ich da oben in dem Baum d'rin – habt Ihr mich verstanden?«

Tolmer sah sich entdeckt, und wenn ihm auch die Hand im ersten Augenblick nach den Pistolen zuckte, fühlte er doch auch zugleich, daß er mit seinen verklommenen Armen nicht im Stande sein würde, sein Ziel sicher zu treffen, und dann war er verloren. Außerdem konnte der Schuß die übrige noch nicht so ferne Schaar herbeirufen. Die List blieb noch seine einzige Hülfe.

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