Kabale und Liebe
The Project Gutenberg eBook of Kabale und Liebe: Ein bürgerliches Trauerspiel
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.
Präsident. Ich habe Feuerwerk genug in meinem eigenen Hause, das meine ganze Herrlichkeit in die Luft nimmt—Sie kommen erwünscht, lieber Marschall, mir in einer Sache zu rathen, thätig zu helfen, die uns Beide poussiert, oder völlig zu Grund richtet. Setzen Sie sich.
Hofmarschall. Machen Sie mir nicht Angst, mein Süßer.
Präsident. Wie gesagt—poussiert, oder ganz zu Grund richtet. Sie wissen mein Project mit dem Major und der Lady. Sie begreifen auch, wie unentbehrlich es war, unser Beider Glück zu fixieren. Es kann Alles zusammenfallen, Kalb. Mein Ferdinand will nicht.
Hofmarschall. Will nicht—will nicht—ich hab's ja in der ganzen
Stadt schon herumgesagt. Die Mariage ist in Jedermanns Munde.
Präsident. Sie können vor der ganzen Stadt als Windmacher dastehen.
Er liebt eine Andere.
Hofmarschall. Sie scherzen. Ist das auch wohl ein Hindernis?
Präsident. Bei dem Trotzkopf das unüberwindlichste.
Hofmarschall. Er soll so wahnsinnig sein und sein Fortune von sich stoßen? Was?
Präsident. Fragen Sie ihn das und hören Sie, was er antwortet.
Hofmarschall. Aber, mon Dieu! was kann er denn antworten?
Präsident. Daß er der ganzen Welt das Verbrechen entdecken wolle, wodurch wir gestiegen sind—daß er unsere falschen Briefe und Quittungen angeben—daß er uns Beide ans Messer liefern wolle—das kann er antworten.
Hofmarschall. Sind Sie von Sinnen?
Präsident. Das hat er geantwortet. Das war er schon Willens, ins
Werk zu richten—Davon hab' ich ihn kaum noch durch meine höchste
Erniedrigung abgebracht. Was wissen Sie hierauf zu sagen?
Hofmarschall (mit einem Schafsgesicht). Mein Verstand steht still.
Präsident. Das könnte noch hingehen. Aber zugleich hinterbringen mir meine Spionen, daß der Oberschenk von Bock auf dem Sprunge sei, um die Lady zu werben.
Hofmarschall. Sie machen mich rasend. Wer sagen Sie? von Bock sagen
Sie?—Wissen Sie denn auch, daß wir Todfeinde zusammen sind? Wissen
Sie auch, warum wir es sind?
Präsident. Das erste Wort, das ich höre.
Hofmarschall. Bester! Sie werden hören, und aus der Haut werden Sie fahren—Wenn Sie sich noch des Hofballs entsinnen—es geht jetzt ins einundzwanzigste Jahr—wissen Sie, worauf man den ersten Englischen tanzte, und dem Grafen von Meerschaum das heiße Wachs von einem Kronleuchter auf den Domino tröpfelte—Ach Gott, das müssen Sie freilich noch wissen!
Präsident. Wer könnte so was vergessen?
Hofmarschall. Sehen Sie! da hatte Prinzessin Amalie in der Hitze des Tanzes ein Strumpfband verloren—Alles kommt, wie befreiflich ist, in Allarm—von Bock und ich—wir waren noch Kammerjunker—wir kriechen durch den ganzen Redoutensaal, das Strumpfband zu suchen—endlich erblick ich's—von Bock merkt's—von Bock darauf zu, reißt es mir aus den Händen—ich bitte Sie!—bringt's der Prinzessin und schnappt mir glücklich das Compliment weg—Was denken Sie?
Präsident. Impertinent!
Hofmarschall. Schnappt mir das Compliment weg—Ich meine in Ohnmacht zu sinken. Eine solche Malice ist gar nicht erlebt worden.—Endlich ermann' ich mich, nähere mich Ihrer Durchlaucht und spreche: Gnädigste Frau! von Bock war so glücklich, Höchstdenenselben das Strumpfband zu überreichen, aber wer das Strumpfband zuerst erblickte, belohnt sich in der Stille und schweigt.
Präsident. Bravo, Marschall! Bravissimo!
Hofmarschall. Und schweigt—Aber ich werd's dem von Bock bis zum jüngsten Gerichte noch nachtragen—der niederträchtige, kriechende Schmeichler!—Und das war noch nicht genug—wie wir beide zugleich auf das Strumpfband zu Boden fallen, wischt mir von Bock an der rechten Frisur allen Puder weg, und ich bin ruiniert auf den ganzen Ball.
Präsident. Das ist der Mann, der die Milford heirathen und die erste
Person am Hof werden wird.
Hofmarschall. Sie stoßen mir ein Messer ins Herz. Wird? wird?
Warum wird er? Wo ist die Nothwendigkeit?
Präsident. Weil mein Ferdinand nicht will und sonst Keiner sich meldet.
Hofmarschall. Aber wissen Sie denn gar kein einziges Mittel, den Major zum Entschluß zu bringen?—Sei's auch noch so bizarr, so verzweifelt!—Was in der Welt kann so widrig sein, das uns jetzt nicht willkommen wäre, den verhaßten von Bock auszustechen?
Präsident. Ich weiß nur eines, und das bei Ihnen steht.
Hofmarschall. Bei mir steht? Und das ist?
Präsident. Den Major mit seiner Geliebten zu entzweien.
Hofmarschall. Zu entzweien? Wie meinen Sie das?—Und wie mach' ich das?
Präsident. Alles ist gewonnen, sobald wir ihm das Mädchen verdächtig machen.
Hofmarschall. Daß sie stehle, meinen Sie?
Präsident. Ach nein doch! Wie glaubte er das?—daß sie es noch mit einem Andern habe.
Hofmarschall. Dieser Andre?
Präsident. Müßten Sie sein, Baron.
Hofmarschall. Ich sein? Ich?—Ist sie von Adel?
Präsident. Wozu das? Welcher Einfall!—Eines Musikanten Tochter.
Hofmarschall. Bürgerlich also? Das wird nicht angehen. Was?
Präsident. Was wird nicht angehen? Narrenspossen! Wem unter der Sonne wird es einfallen, ein paar runde Wangen nach dem Stammbaum zu fragen?
Hofmarschall. Aber bedenken Sie doch, ein Ehmann! Und meine
Reputation bei Hofe.
Präsident. Das ist was anders. Verzeihen Sie. Ich habe das noch nicht gewußt, daß Ihnen der Mann von unbescholtenen Sitten mehr ist, als der von Einfluß. Wollen wir abbrechen?
Hofmarschall. Seien Sie klug, Baron. Es war ja nicht so verstanden.
Präsident (frostig). Nein—nein! Sie haben vollkommen Recht. Ich bin es auch müde. Ich lasse den Karren stehen. Dem von Bock wünsch' ich Glück zum Premierminister. Die Welt ist noch anderswo. Ich fordre meine Entlassung vom Herzog.
Hofmarschall. Und ich?—Sie haben gut schwatzen, Sie! Sie sind ein
Studierter! Aber ich,—mon Dieu!—was bin dann ich, wenn mich Seine
Durchleucht entlassen?
Präsident. Ein Bonmot von vorgestern. Die Mode vom vorigen Jahr.
Hofmarschall. Ich beschwöre Sie, Theurer, Goldner!—Ersticken Sie diesen Gedanken! Ich will mir ja Alles gefallen lassen.
Präsident. Wollen Sie Ihren Namen zu einem Rendez-vous hergeben, den
Ihnen diese Millerin schriftlich vorschlagen soll?
Hofmarschall. Im Namen Gottes! Ich will ihn hergeben.
Präsident. Und den Brief irgendwo herausfallen lassen, wo er dem
Major zu Gesicht kommen muß?
Hofmarschall. Zum Exempel auf der Parade will ich ihn, als von ungefähr, mit dem Schnupftuch heraus schleudern.
Präsident. Und die Rolle ihres Liebhabers gegen den Major behaupten?
Hofmarschall. Mort de ma vie! Ich will ihn schon waschen! Ich will dem Naseweis den Appetit nach meinen Amouren verleiden.
Präsident. Nun geht's nach Wunsch. Der Brief muß noch heute geschrieben sein. Sie müssen vor Abend noch herkommen, ihn abzuholen und Ihre Rolle mit mir zu berichtigen.
Hofmarschall. Sobald ich sechzehn Visiten werde gegeben haben, die von allerhöchster Importance sind. Verzeihen Sie also, wenn ich mich ohne Aufschub beurlaube. (Geht.)
Präsident (klingelt). Ich zähle auf Ihre Verschlagenheit, Marschall.
Hofmarschall (ruft zurück). Ah, mon Dieu!—Sie kennen mich ja.
Dritte Scene.
Der Präsident und Wurm.
Wurm. Der Geiger und seine Frau sind glücklich und ohne alles Geräusch in Verhaft gebracht. Wollen Ew. Excellenz jetzt den Brief überlesen?
Präsident (nachdem er gelesen). Herrlich! herrlich, Secretär! Auch der Marschall hat angebissen!—Ein Gift wie das müßte die Gesundheit selbst in eiternden Aussatz verwandeln—Nun gleich mit den Vorschlägen zum Vater, und dann warm zu der Tochter. (Gehen ab zu verschiedenen Seiten.)
Vierte Scene.
Zimmer in Millers Wohnung.
Luise und Ferdinand.
Luise. Ich bitte dich, höre auf. Ich glaube an keine glücklichen
Tage mehr. Alle meine Hoffnungen sind gesunken.
Ferdinand. So sind die meinigen gestiegen. Mein Vater ist aufgereizt; mein Vater wird alle Geschütze gegen uns richten. Er wird mich zwingen, den unmenschlichen Sohn zu machen. Ich stehe nicht mehr für meine kindliche Pflicht. Wuth und Verzweiflung werden mir das schwarze Geheimniß seiner Mordthat erpressen. Der Sohn wird den Vater in die Hände des Henkers liefern—Es ist die höchste Gefahr—und die höchste Gefahr mußte da sein, wenn meine Liebe den Riesensprung wagen sollte—Höre, Luise—Ein Gedanke, groß und vermessen wie meine Leidenschaft, drängt sich vor meine Seele—Du, Luise, und ich und die Liebe!—liegt nicht in diesem Zirkel der ganze Himmel? oder brauchst du noch etwas Viertes dazu?
Luise. Brich ab. Nichts mehr. Ich erblasse über Das, was du sagen willst.
Ferdinand. Haben wir an die Welt keine Forderung mehr, warum denn ihren Beifall erbetteln? Warum wagen, wo nichts gewonnen wird und Alles verloren werden kann?—Wird dieses Aug nicht eben so schmelzend funkeln, ob es im Rhein oder in der Elbe sich spiegelt, oder im baltischen Meer? Mein Vaterland ist, wo mich Luise liebt. Deine Fußtapfe in wilden, sandigten Wüsten mir interessanter, als das Münster in meiner Heimath—Werden wir die Pracht der Städte vermissen? Wo wir sein mögen, Luise, geht eine Sonne auf, eine unter—Schauspiele, neben welchen der üppigste Schwung der Künste verblaßt. Werden wir Gott in keinem Tempel mehr dienen, so ziehet die Nacht mit begeisterndem Schauern auf, der wechselnde Mond predigt uns Buße, und eine andächtige Kirche von Sternen betet mit uns. Werden wir uns in Gesprächen der Liebe erschöpfen?—Ein Lächeln meiner Luise ist Stoff für Jahrhunderte, und der Traum des Lebens ist aus, bis ich diese Thräne ergründe.
Luise. Und hättest du sonst keine Pflicht mehr als deine Liebe?
Ferdinand (sie umarmend). Deine Ruhe ist meine heiligste.
Luise (sehr ernsthaft). So schweig und verlaß mich—Ich habe einen Vater, der kein Vermögen hat, als diese einzige Tochter—der morgen sechzig wird—der der Rache des Präsidenten gewiß ist.-Ferdinand (fällt rasch ein). Der uns begleiten wird. Darum keinen Einwurf mehr, Liebe. Ich gehe, mache meine Kostbarkeiten zu Geld, erhebe Summen auf meinen Vater. Es ist erlaubt, einen Räuber zu plündern, und sind seine Schätze nicht Blutgeld des Vaterlands?—Schlag ein Uhr um Mitternacht wird ein Wagen hier anfahren. Ihr werft euch hinein. Wir fliehen.
Luise. Und der Fluch deines Vaters uns nach?—ein Fluch, Unbesonnener, den auch Mörder nie ohne Erhörung aussprechen, den die Rache des Himmels auch dem Dieb auf dem Rade hält, der uns Flüchtlinge unbarmherzig wie ein Gespenst von Meer zu Meer jagen würde?—Nein, mein Geliebter! Wenn nur ein Frevel dich mir erhalten kann, so hab' ich noch Stärke, dich zu verlieren.
Ferdinand (steht still und murmelt düster). Wirklich?
Luise. Verlieren!—O, ohne Grenzen entsetzlich ist der Gedanke—gräßlich genug, den unsterblichen Geist zu durchbohren und die glühende Wange der Freude zu bleichen—Ferdinand! dich zu verlieren! Doch, man verliert ja nur, was man besessen hat, und dein Herz gehört deinem Stande—Mein Anspruch war Kirchenraub, und schaudernd geb' ich ihn auf.
Ferdinand (das Gesicht verzerrt und an der Unterlippe nagend). Gibst du ihn auf.
Luise. Nein! Sieh mich an, lieber Walter. Nicht so bitter die Zähne geknirscht. Komm! Laß mich jetzt deinen sterbenden Muth durch mein Beispiel beleben. Laß mich die Heldin dieses Augenblicks sein—einem Vater den entflohenen Sohn wieder schenken—einem Bündniß entsagen, das die Fugen der Bürgerwelt auseinander treiben und die allgemeine ewige Ordnung zu Grund stürzen würde—Ich bin die Verbrecherin—mit frechen, thörigten Wünschen hat sich mein Busen getragen—mein Unglück ist meine Strafe, so laß mir doch jetzt die süße, schmeichelnde Täuschung, daß es mein Opfer war—Wirst du mir diese Wollust mißgönnen?
Ferdinand (hat in der Zerstreuung und Wuth eine Violine ergriffen und auf derselben zu spielen versucht—Jetzt zerreißt er die Saiten, zerschmettert das Instrument auf dem Boden und bricht in ein lautes Gelächter aus).
Luise. Walter! Gott im Himmel! Was soll das?—Ermanne dich! —Fassung verlangt diese Stunde—es ist eine trennende. Du hast ein Herz, lieber Walter. Ich kenne es.—Warm wie das Leben ist deine Liebe, und ohne Schranken wie das Unermeßliche—Schenke sie einer Edeln und Würdigern—sie wird die Glücklichste ihres Geschlechts nicht beneiden—(Thränen unterdrückend.) Mich sollst du nicht mehr sehn—Das eitle betrogene Mädchen verweine seinen Gram in einsamen Mauern, um seine Thränen wird sich Niemand bekümmern—Leer und erstorben ist meine Zukunft—Doch werd' ich noch je und je am verwelkten Strauß der Vergangenheit riechen. (Indem sie ihm mit abgewandtem Gesicht ihre zitternde Hand gibt.) Leben Sie wohl, Herr von Walter.
Ferdinand (springt aus seiner Betäubung auf). Ich entfliehe, Luise.
Willst du mir wirklich nicht folgen?
Luise (hat sich im Hintergrund des Zimmers niedergesetzt und hält das Gesicht mit beiden Händen bedeckt). Meine Pflicht heißt mich bleiben und dulden.
Ferdinand. Schlange, du lügst. Dich fesselt was anders hier.
Luise (im Ton des tiefsten inwendigen Leidens). Bleiben Sie bei dieser Vermuthung—sie macht vielleicht weniger elend.
Ferdinand. Kalte Pflicht gegen feurige Liebe!—Und mich soll das Märchen blenden? Ein Liebhaber fesselt dich, und Weh über dich und ihn, wenn mein Verdacht sich bestätigt. (Geht schnell ab.)
Fünfte Scene.
Luise allein.—(Sie bleibt noch eine Zeit lang ohne Bewegung und stumm in dem Sessel liegen, endlich steht sie auf, kommt vorwärts und sieht furchtsam herum.)
Wo meine Eltern bleiben?—Mein Vater versprach, in wenigen Minuten zurück zu sein, und schon sind fünf volle fürchterliche Stunden vorüber—Wenn ihm ein Unfall—wie wird mir?—Warum geht mein Odem so ängstlich?
(Jetzt tritt Wurm in das Zimmer und bleibt im Hintergrund stehen, ohne von ihr bemerkt zu werden.)
Es ist nichts Wirkliches—Es ist nichts als das schaudernde
Gaukelspiel des erhitzten Geblüths—Hat unsre Seele nur einmal
Entsetzen genug in sich getrunken, so wird das Aug in jedem Winkel
Gespenster sehn.
Sechste Scene.
Luise und Secretär Wurm.
Wurm (kommt näher). Guten Abend, Jungfer.
Luise. Gott! Wer spricht da? (Sie dreht sich um, wird den Secretär gewahr und tritt erschrocken zurück.) Schrecklich! Schrecklich! Meiner ängstlichen Ahnung eilt schon die unglückseligste Erfüllung nach. (Zum Secretär mit einem Blick voll Verachtung.) Suchen Sie etwa den Präsidenten? Er ist nicht mehr da.
Wurm. Jungfer, ich suche Sie.
Luise. So muß ich mich wundern, daß Sie nicht nach dem Marktplatz gingen.
Wurm. Warum eben dahin?
Luise. Ihre Braut von der Schaubühne abzuholen.
Wurm. Mamsell Millerin, Sie haben einen falschen Verdacht-Luise (unterdrückt eine Antwort). Was steht Ihnen zu Diensten?
Wurm. Ich komme, geschickt von Ihrem Vater.
Luise (bestürzt). Von meinem Vater?—Wieder ist mein Vater?
Wurm. Wo er nicht gern ist.
Luise. Um Gotteswillen! Geschwind! Mich befällt eine üble
Ahnung—Wo ist mein Vater?
Wurm. Im Thurm, wenn Sie es ja wissen wollen.
Luise (mit einem Blick zum Himmel). Das noch! Das auch noch!—Im
Thurm? Und warum im Thurm?
Wurm. Auf Befehl des Herzogs.
Luise. Des Herzogs?
Wurm. Der die Verletzung der Majestät in der Person seines
Stellvertreters-Luise. Was? was? O ewige Allmacht!
Wurm. Auffallend zu ahnden beschlossen hat.
Luise. Das war noch übrig! Das!—Freilich, freilich, mein Herz hatte noch außer dem Major etwas Theures—das durfte nicht übergangen werden—Verletzung der Majestät—Himmlische Vorsicht! Rette! o rette meinen sinkenden Glauben!—Und Ferdinand?
Wurm. Wählt Lady Milford, oder Fluch und Enterbung.
Luise. Entsetzliche Freiheit!—Und doch—doch ist er glücklicher. Er hat keinen Vater zu verlieren. Zwar keinen haben, ist Verdammniß genug!—Mein Vater auf Verletzung der Majestät—mein Geliebter die Lady oder Fluch und Enterbung—Wahrlich bewundernswerth! Eine vollkommene Büberei ist auch eine Vollkommenheit—Vollkommenheit? Nein! dazu fehlt noch etwas—Wo ist meine Mutter?
Wurm. Im Spinnhaus.
Luise (mit schmerzvollem Lächeln). Jetzt ist es völlig!—Völlig, und jetzt wär' ich ja frei—Abgeschält von allen Pflichten—und Thränen—und Freuden. Abgeschält von der Vorsicht. Ich brauch' sie ja nicht mehr—(Schreckliches Stillschweigen.) Haben Sie vielleicht noch eine Zeitung? Reden Sie immerhin. Jetzt kann ich Alles hören.
Wurm. Was geschehen ist, wissen Sie.
Luise. Also nicht, was noch kommen wird? (Wiederum Pause, worin sie den Secretär von oben bis unten ansieht.) Armer Mensch! du treibst ein trauriges Handwerk, wobei du unmöglich selig werden kannst. Unglückliche machen, ist schon schrecklich genug, aber gräßlich ist's, es ihnen verkündigen—ihn vorzusingen, den Eulengesang, dabei stehn, wenn das blutende Herz am eisernen Schaft der Nothwendigkeit zittert und Christen an Gott zweifeln—Der Himmel bewahre mich! Und würde dir jeder Angsttropfe, den du fallen siehst, mit einer Tonne Golds aufgewogen—ich möchte nicht du sein—Was kann noch geschehen?
Wurm. Ich weiß nicht.
Luise. Sie wollen nicht wissen?—Diese lichtscheue Bothschaft fürchtet das Geräusch der Worte, aber in der Grabesstille Ihres Gesichts zeigt sich mir das Gespenst—Was ist noch übrig?—Sie sagten vorhin, der Herzog wollte es auffallend ahnden? Was nennen Sie auffallend?
Wurm. Fragen Sie nichts mehr.
Luise. Höre, Mensch! Du gingst beim Henker zur Schule. Wie verstündest du sonst, das Eisen erst langsam bedächtlich an den knirschenden Gelenken hinaufzuführen und das zuckende Herz mit dem Streich der Erbarmung zu necken?—Welches Schicksal wartet auf meinen Vater? Es ist Tod in Dem, was du lachend sagst; wie mag Das aussehen, was du an dich hältst? Sprich es aus. Laß mich sie auf einmal haben, die ganze zermalmende Ladung. Was wartet auf meinen Vater?
Wurm. Ein Criminal-Proceß.
Luise. Was ist aber das?—Ich bin ein unwissendes, unschuldiges Ding, verstehe mich wenig auf eure fürchterlichen lateinischen Wörter. Was heißt Criminal-Proceß?
Wurm. Gericht um Leben und Tod.
Luise (standhaft). So dank' ich Ihnen! (Sie eilt schnell in ein
Seitenzimmer.)
Wurm (steht betroffen da). Wo will das hinaus! Sollte die Närrin etwa?—Teufel! Sie wird doch nicht—Ich eile nach—ich muß für ihr Leben bürgen. (Im Begriff, ihr zu folgen.)
Luise (kommt zurück, einen Mantel umgeworfen). Verzeihen Sie,
Secretär. Ich schließe das Zimmer.
Wurm. Und wohin denn so eilig?
Luise. Zum Herzog. (Will fort.)
Wurm. Was? Wo hin? (Er hält sie erschrocken zurück.)
Luise. Zum Herzog. Hören Sie nicht? Zu eben dem Herzog, der meinen Vater auf Tod und Leben will richten lassen—Nein! nicht will—muß richten lassen, weil einige Böswichter wollen; der zu dem ganzen Proceß der beleidigten Majestät nichts hergibt, als eine Majestät und seine fürstliche Handschrift.
Wurm (lacht überlaut). Zum Herzog!
Luise. Ich weiß, worüber Sie lachen—aber ich will ja auch kein Erbarmen dort finden—Gott bewahre mich! nur Ekel—Ekel nur an meinem Geschrei. Man hat mir gesagt, daß die Großen der Welt noch nicht belehrt sind, was Elend ist—nicht wollen belehrt sein. Ich will ihm sagen, was Elend ist—will es ihm vormalen in allen Verzerrungen des Todes, was Elend ist—will es ihm vorheulen in Mark und Bein zermalmenden Tönen, was Elend ist—und wenn ihm jetzt über der Beschreibung die Haare zu Berge fliegen, will ich ihm noch zum Schluß in die Ohren schrei'n, daß in der Sterbestunde auch die Lungen der Erdengötter zu röcheln anfangen und das jüngste Gericht Majestäten und Bettler in dem nämlichen Siebe rüttelt. (Sie will gehen.)
Wurm (boshaft freundlich). Gehen Sie, o gehen Sie ja. Sie können wahrlich nichts Klügeres thun. Ich rathe es Ihnen, gehen Sie, und ich gebe Ihnen mein Wort, daß der Herzog willfahren wird.
Luise (steht plötzlich still). Wie sagen Sie?—Sie rathen mir selbst dazu? (Kommt schnell zurück.) Hm! Was will ich denn? Etwas Abscheuliches muß es sein, weil dieser Mensch dazu rathet—Woher wissen Sie, daß der Fürst mir willfahren wird?
Wurm. Weil er es nicht wird umsonst thun dürfen.
Luise. Nicht umsonst? Welchen Preis kann er auf eine Menschlichkeit setzen?
Wurm. Die schöne Supplicantin ist Preises genug.
Luise (bleibt erstarrt stehen, dann mit brechendem Laut).
Allgerechter!
Wurm. Und einen Vater werden Sie doch, will ich hoffen, um diese gnädige Taxe nicht überfordert finden?
Luise (auf und ab, außer Fassung). Ja! ja! Es ist wahr! Sie sind verschanzt, eure Großen—verschanzt vor der Wahrheit hinter ihre eigenen Laster, wie hinter Schwerter der Cherubim—Helfe dir der Allmächtige, Vater! Deine Tochter kann für dich sterben, aber nicht sündigen.
Wurm. Das mag ihm wohl eine Neuigkeit sein, dem armen verlassenen
Mann—"Meine Luise," sagte er mir, "hat mich zu Boden geworfen.
Meine Luise wird mich auch aufrichten."—Ich eile, Mamsell, ihm die
Antwort zu bringen. (Stellt sich, als ob er ginge.)
Luise (eilt ihm nach, hält ihn zurück). Bleiben Sie! bleiben Sie!
Geduld! Wie flink dieser Satan ist, wenn es gilt, Menschen rasend zu
machen!—Ich hab' ihn niedergeworfen. Ich muß ihn aufrichten. Reden
Sie! Rathen Sie! Was kann ich? was muß ich thun?
Wurm. Es ist nur ein Mittel.
Luise. Dieses einzige Mittel?
Wurm. Auch Ihr Vater wünscht-Luise. Auch mein Vater?—Was ist das für ein Mittel?
Wurm. Es ist Ihnen leicht.
Luise. Ich kenne nichts Schwereres, als die Schande.
Wurm. Wenn Sie den Major wieder frei machen wollen.
Luise. Von seiner Liebe? Spotten Sie meiner?—Das meiner Willkür zu überlassen, wozu ich gezwungen ward?
Wurm. So ist es nicht gemeint, liebe Jungfer. Der Major muß zuerst und freiwillig zurücktreten.
Luise. Er wird nicht.
Wurm. So scheint es. Würde man denn wohl seine Zuflucht zu Ihnen nehmen, wenn nicht Sie allein dazu helfen könnten?
Luise. Kann ich ihn zwingen, daß er mich hassen muß?
Wurm. Wir wollen versuchen. Setzen Sie sich.
Luise (betreten). Mensch! Was brütest du?
Wurm. Setzen Sie sich. Schreiben Sie! Hier ist Feder, Papier und
Dinte.
Luise (setzt sich in höchster Beunruhigung). Was soll ich schreiben?
An wen soll ich schreiben?
Wurm. An den Henker Ihres Vaters.
Luise. Ha! du verstehst dich darauf, Seelen auf die Folter zu schrauben. (Ergreift die Feder.)
Wurm (dictiert). "Gnädiger Herr"-Luise (schreibt mit zitternder Hand).
Wurm. "Schon drei unerträgliche Tage sind vorüber—sind vorüber—und wir sahen uns nicht"
Luise (stutzt, legt die Feder weg). An wen ist der Brief?
Wurm. An den Henker Ihres Vaters.
Luise. O mein Gott!
Wurm. "Halten Sie sich deßwegen an den Major—an den Major—der mich den ganzen Tag wie ein Argus hütet"
Luise (springt auf). Büberei, wie noch keine erhört worden! An wen ist der Brief?
Wurm. An den Henker Ihres Vaters.
Luise (die Hände ringend, auf und nieder). Nein! nein! nein! das ist tyrannisch, o Himmel! Strafe Menschen menschlich, wenn sie dich reizen, aber warum mich zwischen zwei Schrecknisse pressen? Warum zwischen Tod und Schande mich hin und her wiegen? Warum diesen blutsaugenden Teufel mir auf den Nacken setzen?—Macht, was ihr wollt. Ich schreibe das nimmermehr.
Wurm (greift nach dem Hut). Wie Sie wollen, Mademoiselle! Das steht ganz in Ihrem Belieben.
Luise. Belieben, sagen Sie? In meinem Belieben?—Geh, Barbar! Hänge einen Unglücklichen über dem Abgrund der Hölle aus, bitt' ihn um etwas, und lästre Gott, und frag' ihn, ob es ihm beliebe?—O du weißt allzu gut, daß unser Herz an natürlichen Trieben so fest als an Ketten liegt—Nunmehr ist Alles gleich. Dictieren Sie weiter! Ich denke nichts mehr. Ich weiche der überlistenden Hölle. (Sie setzt sich zum zweitenmal.)
Wurm. "Den ganzen Tag wie ein Argus hütet"—Haben Sie das?
Luise. Weiter! weiter!
Wurm. "Wir haben gestern den Präsidenten im Haus gehabt. Es war possierlich zu sehen, wie der gute Major um meine Ehre sich wehrte"-Luise. O schön, schön! o herrlich!—Nur immer fort.
Wurm. "Ich nahm meine Zuflucht zu einer Ohnmacht—zu einer
Ohnmacht—daß ich nicht laut lachte"
Luise. O Himmel!
Wurm. "Aber bald wird mir meine Maske unerträglich—unerträglich—Wenn ich nur loskommen könnte"-Luise (hält inne, steht auf, geht auf und nieder, den Kopf gesenkt, als suchte sie was auf dem Boden; dann setzt sie sich wiederum, schreibt weiter). "Loskommen könnte"
Wurm. "Morgen hat er den Dienst—Passen Sie ab, wenn er von mir geht, und kommen an den bewußten Ort"—Haben Sie "bewußten?"
Luise. Ich habe Alles!
Wurm. "An den bewußten Ort zu Ihrer zärtlichen…. Luise"
Luise. Nun fehlt die Adresse noch.
Wurm. "An Herrn Hofmarschall von Kalb."
Luise. Ewige Vorsicht! Ein Name, so fremd meinen Ohren, als meinem Herzen diese schändlichen Zeilen. (Sie steht auf und betrachtet eine große Pause lang mit starrem Blick das Geschriebene, endlich reicht sie es dem Secretär mit erschöpfter, hinsterbender Stimme.) Nehmen Sie, mein Herr. Es ist mein ehrlicher Name—es ist Ferdinand—es ist die ganze Wonne meines Lebens, was ich jetzt in Ihre Hände gebe—Ich bin eine Bettlerin.
Wurm. O nein doch! Verzagen Sie nicht, liebe Mademoiselle. Ich habe herzliches Mitleid mit Ihnen. Vielleicht—wer weiß?—Ich könnte mich noch wohl über gewisse Dinge hinwegsetzen—Wahrlich! Bei Gott! Ich habe Mitleid mit Ihnen.
Luise (blickt ihn starr und durchdringend an). Reden Sie nicht aus, mein Herr. Sie sind auf dem Wege, sich etwas Entsetzliches zu wünschen.
Wurm (im Begriff, ihre Hand zu küssen). Gesetzt, es wäre diese niedliche Hand—Wie so, liebe Jungfer?
Luise (groß und schrecklich). Weil ich dich in der Brautnacht erdrosselte und mich dann mit Wollust aufs Rad flechten ließe. (Sie will gehen, kommt aber schnell zurück.) Sind wir jetzt fertig, mein Herr? Darf die Taube nun fliegen?
Wurm. Nur noch die Kleinigkeit, Jungfer. Die müssen mit mir und das Sacrament darauf nehmen, diesen Brief für einen freiwilligen zu erkennen.
Luise. Gott! Gott! und du selbst mußt das Siegel geben, die Werke der Hölle zu verwahren? (Wurm zieht sie fort.)
Vierter Akt.
Erste Scene.
Saal beim Präsidenten.
Ferdinand von Walter, einen offenen Brief in der Hand, kommt stürmisch durch eine Thüre, durch eine andere ein Kammerdiener.
Ferdinand. War kein Marschall da?
Kammerdiener. Herr Major, der Herr Präsident fragt nach Ihnen.
Ferdinand. Alle Donner! Ich frag', war kein Marschall da?
Kammerdiener. Der gnädige Herr sitzt oben am Pharotisch.
Ferdinand. Der gnädige Herr soll im Namen der ganzen Hölle daher kommen. (Kammerdiener geht.)
Zweite Scene.
Ferdinand allein, den Brief durchfliegend, bald erstarrend, bald wüthend herumstürzend.
Es ist nicht möglich! nicht möglich! Diese himmlische Hülle versteckt kein so teuflisches Herz—Und doch! doch! Wenn alle Engel herunter stiegen, für ihre Unschuld bürgten—wenn Himmel und Erde, wenn Schöpfung und Schöpfer zusammenträten, für ihre Unschuld bürgten—es ist ihre Hand—Ein unerhörter, ungeheurer Betrug, wie die Menschheit noch keinen erlebte!—Das also war's, warum man sich so beharrlich der Flucht widersetzt!—Darum—o Gott! jetzt erwach' ich, jetzt enthüllt sich mir Alles!—Darum gab man seinen Anspruch auf meine Liebe mit so viel Heldenmuth auf, und bald, bald hätte selbst mich die himmlische Schminke betrogen!
(Er stürzt rascher durchs Zimmer, dann steht er wieder nachdenkend still.)
Mich so ganz zu ergründen!—Jedes kühne Gefühl, jede leise schüchterne Bebung zu erwiedern, jede feurige Wallung—An der feinsten Unbeschreiblichkeit eines schwebenden Lauts meine Seele zu fassen—Mich zu berechnen in einer Thräne—Auf jeden gähen Gipfel der Leidenschaft mich zu begleiten, mir zu begegnen vor jedem schwindelnden Absturz—Gott! Gott! und alles Das nichts als Grimasse?—Grimasse? O, wenn die Lüge eine so haltbare Farbe hat, wie ging es zu, daß sich kein Teufel noch in das Himmelreich hineinlog?
Da ich ihr die Gefahr unsrer Liebe entdeckte, mit welch überzeugender
Täuschung erblaßte die Falsche da! Mit welch siegender Würde schlug
sie den frechen Hohn meines Vaters zu Boden, und in eben dem
Augenblick fühlte das Weib sich doch schuldig!—Was? hielt sie nicht
selbst die Feuerprobe der Wahrheit aus—die Heuchlerin sinkt in
Ohnmacht. Welche Sprache wirst du jetzt führen, Empfindung? Auch
Koketten sinken in Ohnmacht. Womit wirst du dich rechtfertigen,
Unschuld?—Auch Metzen sinken in Ohnmacht.
Sie weiß, was sie aus mir gemacht hat. Sie hat meine ganze Seele gesehen. Mein Herz trat beim Erröthen des ersten Kusses sichtbar in meine Augen—und sie empfand nichts? empfand vielleicht nur den Triumph ihrer Kunst?—Da mein glücklicher Wahnsinn den ganzen Himmel in ihr zu umspannen wähnte, meine wildesten Wünsche schwiegen—vor meinem Gemüth stand kein Gedanke, als die Ewigkeit und das Mädchen—Gott! da empfand sie nichts? fühlte nichts, als ihren Anschlag gelungen? nichts, als ihre Reize geschmeichelt? Tod und Rache! Nichts! als daß ich betrogen sei?
Dritte Scene.
Der Hofmarschall und Ferdinand.
Hofmarschall (ins Zimmer trippelnd). Sie haben den Wunsch blicken lassen, mein Bester-Ferdinand (vor sich hinmurmelnd). Einem Schurken den Hals zu brechen. (Laut.) Marschall, dieser Brief muß Ihnen bei der Parade aus der Tasche gefallen sein—und ich (mit boshaftem Lachen) war zum Glück noch der Finder.
Hofmarschall. Sie?
Ferdinand. Durch den lustigsten Zufall. Machen Sie's mit der
Allmacht aus.
Hofmarschall. Sie sehen, wie ich erschrecke, Baron.
Ferdinand. Lesen Sie! Lesen Sie! (Von ihm weggehend.) Bin ich auch schon zum Liebhaber zu schlecht, vielleicht lass' ich mich desto besser als Kuppler an.
(Während Jener liest, tritt er zur Wand und nimmt zwei Pistolen herunter.)
Hofmarschall (wirft den Brief auf den Tisch und will sich davon machen). Verflucht!
Ferdinand (führt ihn am Arm zurück). Geduld, lieber Marschall. Die
Zeitungen dünken mich angenehm. Ich will meinen Finderlohn haben.
(Hier zeigt er ihm die Pistolen.)
Hofmarschall (tritt bestürzt zurück). Sie werden vernünftig sein,
Bester.
Ferdinand (mit starker, schrecklicher Stimme). Mehr als zu viel, um einen Schelmen, wie du bist, in jene Welt zu schicken! (Er dringt ihm die eine Pistole auf, zugleich zieht er sein Schnupftuch.) Nehmen Sie! Dieses Schnupftuch da fassen Sie!—Ich hab's von der Buhlerin.
Hofmarschall. Über dem Schnupftuch? Rasen Sie? Wohin denken Sie?
Ferdinand. Faß dieses End' an, sag' ich! sonst wirst du ja fehl schießen, Memme!—Wie sie zittert, die Memme! Du solltest Gott danken, Memme, daß du zum ersten Mal etwas in deinen Hirnkasten kriegst. (Hofmarschall macht sich auf die Beine.) Sachte! dafür wird gebeten sein. (Er überholt ihn und riegelt die Thür.)
Hofmarschall. Auf dem Zimmer, Baron?
Ferdinand. Als ob sich mit dir ein Gang vor den Wall verlohnte?—Schatz, so knallt's desto lauter, und das ist ja doch wohl das erste Geräusch, das du in der Welt machst—Schlag an!
Hofmarschall (wischt sich die Stirn). Und Sie wollen Ihr kostbares
Leben so aussetzen, junger, hoffnungsvoller Mann?
Ferdinand. Schlag an, sag' ich. Ich habe nichts mehr in dieser Welt zu thun.
Hofmarschall. Aber ich desto mehr, mein Allervortrefflichster.
Ferdinand. Du, Bursche? Was, du?—Der Nothnagel zu sein, wo die Menschen sich rar machen? In einem Augenblick siebenmal kurz und siebenmal lang zu werden, wie der Schmetterling an der Nadel? Ein Register zu führen über die Stuhlgänge deines Herrn und der Miethgaul seines Witzes zu sein? Eben so gut, ich führe dich, wie irgend ein seltenes Murmelthier mit mir. Wie ein zahmer Affe sollst du zum Geheul der Verdammten tanzen, apportieren und aufwarten und mit deinen höfischen Künsten die ewige Verzweiflung belustigen.
Hofmarschall. Was Sie befehlen, Herr! wie Sie belieben—Nur die
Pistolen weg!
Ferdinand. Wie er dasteht, der Schmerzenssohn!—Dasteht dem sechsten
Schöpfungstag zum Schimpfe! Als wenn ihn ein Tübinger Buchhändler
dem Allmächtigen nachgedruckt hätte!—Schade nur, ewig Schade für die
Unze Gehirn, die so schlecht in diesem undankbaren Schädel wuchert.
Diese einzige Unze hätte dem Pavian noch vollends zum Menschen
geholfen, da sie jetzt nur einen Bruch von Vernunft macht—Und mit
Diesem ihr Herz zu theilen?—Ungeheuer! Unverantwortlich!—Einem
Kerl, mehr gemacht, von Sünden zu entwöhnen, als dazu anzureizen.
Hofmarschall. O! Gott sei ewig Dank! Er wird witzig.
Ferdinand. Ich will ihn gelten lassen. Die Toleranz, die der Raupe schont, soll auch Diesem zu gute kommen. Man begegnet ihm, zuckt etwa die Achsel, bewundert vielleicht noch die kluge Wirthschaft des Himmels, der auch mit Träbern und Bodensatz noch Creaturen speist; der dem Raben am Hochgericht und einem Höfling im Schlamme der Majestäten den Tisch deckt—Zuletzt erstaunt man noch über die große Polizei der Vorsicht, die auch in der Geisterwelt ihre Blindschleichen und Taranteln zur Ausfuhr des Gifts besoldet—Aber (indem seine Wuth sich erneuert) an meine Blume soll mir das Ungeziefer nicht kriechen, oder ich will es (den Marschall fassend und unsanft herumschüttelnd) so, und so, und wieder so durcheinander quetschen.
Hofmarschall (für sich hinseufzend). O mein Gott! Wer hier weg wäre!
Hundert Meilen von hier, im Bicêtre zu Paris, nur bei Diesem nicht!
Ferdinand. Bube! Wenn sie nicht rein mehr ist? Bube! wenn du genossest, wo ich anbetete? (wüthender) Schwelgtest, wo ich einen Gott mich fühlte. (Plötzlich schweigt er, darauf fürchterlich.) Dir wäre besser, Bube, du flöhest der Hölle zu, als daß dir mein Zorn im Himmel begegnete!—Wie weit kamst du mit dem Mädchen? Bekenne!
Hofmarschall. Lassen Sie mich los. Ich will Alles verrathen.
Ferdinand. O! es muß reizender sein, mit diesem Mädchen zu buhlen, als mit andern noch so himmlisch zu schwärmen—Wollte sie ausschweifen, wollte sie, sie könnte den Werth der Seele herunterbringen und die Tugend mit der Wollust verfälschen. (Dem Marschall die Pistole aufs Herz drückend.) Wie weit kamst du mit ihr? Ich drücke ab, oder bekenne!
Hofmarschall. Es ist nichts—ist ja Alles nichts. Haben Sie nur eine Minute Geduld. Sie sind ja betrogen.
Ferdinand. Und daran mahnst du mich, Bösewicht?—Wie weit kamst du mit ihr? Du bist des Todes, oder bekenne!
Hofmarschall. Mon Dieu! Mein Gott! Ich spreche ja—so hören Sie doch nur—Ihr Vater—Ihr eigener, leiblicher Vater-Ferdinand (grimmiger). Hat seine Tochter an dich verkuppelt? Und wie weit kamst du mit ihr? Ich ermorde dich, oder bekenne!
Hofmarschall. Sie rasen. Sie hören nicht. Ich sah sie nie. Ich kenne sie nicht. Ich weiß gar nichts von ihr.
Ferdinand (zurücktretend). Du sahst sie nie? Kennst sie nicht? Weißt gar nichts von ihr?—Die Miller ist ist verloren um deinetwillen; die leugnest sie dreimal in einem Athem hinweg?—Fort, schlechter Kerl! (Er gibt ihm mit der Pistole einen Streich und stößt ihn aus dem Zimmer.) Für deines Gleichen ist kein Pulver erfunden!
Vierte Scene.
Ferdinand nach einem langen Stillschweigen, worin seine Züge einen schrecklichen Gedanken entwickeln.
Verloren! ja, Unglückselige!—Ich bin es. Du bist es auch. Ja, bei dem großen Gott! wenn ich verloren bin, bist du es auch! Richter der Welt! Fordre sie mir nicht ab! Das Mädchen ist mein. Ich trat dir deine ganze Welt für das Mädchen ab, habe Verzicht gethan auf deine ganze herrliche Schöpfung. Laß mir das Mädchen.—Richter der Welt! dort winseln Millionen Seelen nach dir—dorthin kehre das Auge deines Erbarmens—mich laß allein machen, Richter der Welt! (Indem er schrecklich die Hände faltet.) Sollte der reiche, vermögende Schöpfer mit einer Seele geizen, die noch dazu die schlechteste seiner Schöpfung ist?—Das Mädchen ist mein! Ich einst ihr Gott, jetzt ihr Teufel!
(Die Augen graß in einen Winkel geworfen.)
Eine Ewigkeit mit ihr auf ein Rad der Verdammniß geflochten—Augen in
Augen wurzelnd—Haare zu Berge stehend gegen Haare—auch unser hohles
Wimmern in eins geschmolzen—und jetzt zu wiederholen meine
Zärtlichkeiten und jetzt ihr vorzusingen ihre Schwüre—Gott! Gott!
die Vermählung ist fürchterlich—aber ewig! (Er will schnell hinaus.
Der Präsident tritt herein.)
Fünfte Scene.
Der Präsident und Ferdinand.
Ferdinand (zurücktretend). O!—mein Vater!
Präsident. Sehr gut, daß wir uns finden, mein Sohn. Ich komme, dir etwas Angenehmes zu verkündigen, und etwas, lieber Sohn, das dich ganz gewiß überraschen wird. Wollen wir uns setzen?
Ferdinand (sieht ihn lange Zeit starr an). Mein Vater! (Mit stärkerer Bewegung zu ihm gehend und seine Hand fassend.) Mein Vater! (Seine Hand küssend, vor ihm niederfallend.) O mein Vater!
Präsident. Was ist dir, mein Sohn? Steh auf. Deine Hand brennt und zittert.
Ferdinand (mit wilder, feuriger Empfindung). Verzeihung für meinen
Undank, mein Vater! Ich bin ein verworfener Mensch. Ich habe Ihre
Güte mißkannt! Sie meinten es mit mir so väterlich!—O! Sie hatten
eine weissagende Seele—jetzt ist's zu spät—Verzeihung! Verzeihung!
Ihren Segen, mein Vater!
Präsident (heuchelt eine schuldlose Miene). Steh auf, mein Sohn!
Besinne dich, daß du mir Räthsel sprichst.
Ferdinand. Diese Millerin, mein Vater—O, Sie kennen den Menschen—Ihre Wuth war damals so gerecht, so edel, so väterlich warm—nur verfehlte der warme Vatereifer des Weges—diese Millerin!
Präsident. Martre mich nicht, mein Sohn. Ich verfluche meine Härte!
Ich bin gekommen, dir abzubitten.
Ferdinand. Abbitten an mir! Verfluchen an mir!—Ihre Mißbilligung war Weisheit. Ihre Härte war himmlisches Mitleid—Diese Millerin, Vater-Präsident. Ist ein edles, ein liebes Mädchen.—Ich widerrufe meinen übereilten Verdacht. Sie hat meine Achtung erworben.
Ferdinand (springt erschüttert auf). Was? auch Sie?—Vater! auch Sie?—und nicht wahr, mein Vater, ein Geschöpf wie die Unschuld?—Und es ist so menschlich, dieses Mädchen zu lieben?
Präsident. Sage so: es ist Verbrechen, sie nicht zu lieben.
Ferdinand. Unerhört! Ungeheuer!—Und Sie schauen ja doch sonst die Herzen so durch! Sahen sie noch dazu mit Augen des Hasses! —Heuchelei ohne Beispiel—Diese Millerin, Vater-Präsident. Ist es werth, meine Tochter zu sein. Ich rechne ihre Tugend für Ahnen und ihre Schönheit für Gold. Meine Grundsätze weichen deiner Liebe—Sie sei dein!
Ferdinand (stürzt fürchterlich aus dem Zimmer). Das fehlte noch!
—Leben Sie wohl, mein Vater. (Ab.)
Präsident (ihm nachgehend). Bleib! Bleib! Wohin stürmst du? (Ab.)
Sechste Scene.
Ein prächtiger Saal bei der Lady.
Lady und Sophie treten herein.
Lady. Also sahst du sie? Wird sie kommen?
Sophie. Diesen Augenblick. Sie war noch im Hausgewand und wollte sich nur in der Geschwindigkeit umkleiden.
Lady. Sage mir nichts von ihr—Stille—wie eine Verbrecherin zittre ich, die Glückliche zu sehen, die mit meinem Herzen so schrecklich harmonisch fühlt—Und wie nahm sie sich bei der Einladung?
Sophie. Sie schien bestürzt, wurde nachdenkend, sah mich mit großen Augen an und schwieg. Ich hatt mich schon auf ihre Ausflüchte vorbereitet, als sie mit einem Blick, der mich ganz überraschte, zur Antwort gab: Ihre Dame befiehlt mir, was ich mir morgen erbitten wollte.
Lady (sehr unruhig). Laß mich, Sophie. Beklage mich. Ich muß erröthen, wenn sie nur das gewöhnliche Weib ist, und wenn sie mehr ist, verzagen.
Sophie. Aber, Milady—das ist die Laune nicht, eine Nebenbuhlerin zu
empfangen. Erinnern Sie sich, wer Sie sind. Rufen Sie Ihre Geburt,
Ihren Rang, Ihre Macht zu Hilfe. Ein stolzeres Herz muß die stolze
Pracht Ihres Anblicks erheben.
Lady (zerstreut). Was schwatzt die Närrin da?
Sophie (boshaft). Oder ist es vielleicht Zufall, daß eben heute die kostbarsten Brillanten an Ihnen blitzen? Zufall, daß eben heute der reichste Stoff Sie bekleiden muß—daß Ihre Antichambre von Heiducken und Pagen wimmelt und das Bürgermädchen im fürstlichen Saal Ihres Palastes erwartet wird?
Lady (auf und ab voll Erbitterung). Verwünscht! Unerträglich! Daß Weiber für Weiberschwächen solche Luchsaugen haben!—Aber wie tief, wie tief muß ich schon gesunken sein, daß eine solche Creatur mich ergründet!
Ein Kammerdiener (tritt auf). Mamsell Millerin-Lady (zu Sophien). Hinweg, du! Entferne dich! (Drohend, da diese noch zaudert.) Hinweg! Ich befehl' es! (Sophie geht ab, Lady macht einen Gang durch den Saal.) Gut! Recht gut, daß ich in Wallung kam! Ich bin, wie ich wünschte! (Zum Kammerdiener.) Die Mamsell mag hereintreten. (Kammerdiener geht. Sie wirft sich in den Sopha und nimmt eine vornehm-nachlässige Lage an.)
Siebente Scene.
Luise Millerin tritt schüchtern herein und bleibt in einer großen
Entfernung von der Lady stehen; Lady hat ihr den Rücken zugewandt und
betracht sie eine Zeit lang aufmerksam in dem gegenüber stehenden
Spiegel. (Nach einer Pause.)
Luise. Gnädige Frau, ich erwarte Ihre Befehle.
Lady (dreht sich nach Luisen um und nickt nur eben mit dem Kopfe, fremd und zurückgezogen). Aha! Ist Sie hier?—Ohne Zweifel die Mamsell—eine gewisse—wie nennt man Sie doch?
Luise (etwas empfindlich). Miller nennt sich mein Vater, und Ihro
Gnaden schickten nach seiner Tochter.
Lady. Recht! Recht! ich entsinne mich—die arme Geigerstochter, wovon neulich die Rede war. (Nach einer Pause vor sich.) Seht interessant, und doch keine Schönheit—(Laut zu Luisen.) Treten Sie näher, mein Kind. (Wieder vor sich.) Augen, die sich im Weinen übten—Wie lieb' ich sie, diese Augen! (Wiederum laut.) Nur näher—Nur ganz nah—Gutes Kind, ich glaube, du fürchtest mich?
Luise (groß, mit entschiedenem Ton). Nein, Milady. Ich verachte das
Urtheil der Menge.
Lady (vor sich). Sieh doch! und diesen Trotzkopf hat sie von ihm. (Laut.) Man hat Sie mir empfohlen, Mamsell. Sie soll was gelernt haben und sonst auch zu leben wissen—Nun ja. Ich will's glauben—auch nähm' ich die ganze Welt nicht, einen so warmen Fürsprecher Lügen zu strafen.
Luise. Doch kenn' ich Niemand, Milady, der sich Mühe gäbe, mir eine
Patronin zu suchen.
Lady (geschraubt). Mühe um die Clientin oder Patronin?
Luise. Das ist mir zu hoch, gnädige Frau.
Lady. Mehr Schelmerei, als diese offene Bildung vermuthen läßt!
Luise nennt sie sich? Und wie jung, wenn man fragen darf?
Luise. Sechzehn gewesen.
Lady (steht rasch auf). Nun ist's heraus! Sechzehn Jahre! Der erste Puls dieser Leidenschaft!—Auf dem unberührten Clavier der erste einweihende Silberton—Nichts ist verführender—Setz dich, ich bin dir gut, liebes Mädchen—Und auch er liebt zum ersten Mal—Was Wunder, wenn sich die Strahlen eines Morgenroths finden? (Sehr freundlich und ihre Hand ergreifend.) Es bleibt dabei, ich will dein Glück machen, Liebe—Nichts, nichts als die süße, frühe verfliegende Träumerei. (Luisen auf die Wange klopfend.) Meine Sophie heirathet. Du sollst ihre Stelle haben—Sechzehn Jahr! Es kann nicht von Dauer sein.
Luise (küßt ihr ehrerbietig die Hand). Ich danke für diese Gnade,
Milady, als wenn ich sie annehmen dürfte.
Lady (in Entrüstung zurückfallend). Man sehe die große Dame!—Sonst wissen sich Jungfern Ihrer Herkunft noch glücklich, wenn sie Herrschaften finden—Wo will denn Sie hinaus, meine Kostbare? Sind diese Finger zur Arbeit zu niedlich? Ist es Ihr Bischen Gesicht, worauf Sie so trotzig thut?
Luise. Mein Gesicht, gnädige Frau, gehört mir so wenig, als meine
Herkunft.
Lady. Oder glaubt Sie vielleicht, das werde nimmer ein Ende nehmen?—Armes Geschöpf, wer dir das in den Kopf setzte—mag er sein, wer er will—er hat euch Beide zum Besten gehabt. Diese Wangen sind nicht im Feuer vergoldet. Was dir dein Spiegel für massiv und ewig verkauft, ist nur ein dünner, angeflogener Goldschaum, der deinem Anbeter über kurz oder lang in der Hand bleiben muß—Was werden wir dann machen?
Luise. Den Anbeter bedauern, Milady, der einen Demant kaufte, weil er in Gold schien gefaßt zu sein.
Lady (ohne darauf achten zu wollen). Ein Mädchen von Ihren Jahren hat immer zween Spiegel zugleich, den wahren und ihren Bewunderer—die gefällige Geschmeidigkeit des letztern macht die rauhe Offenherzigkeit des erstern wieder gut. Der eine rügt eine häßliche Blatternarbe. Weit gefehlt, sagt der andere, es ist ein Grübchen der Grazien. Ihr guten Kinder glaubt jenem nur, was euch dieser gesagt hat, hüpft von einem zum andern, bis ihr zuletzt die Aussagen beider verwechselt—Warum begaffen Sie mich so?
Luise. Verzeihen Sie, gnädige Frau—Ich war so eben im Begriff, diesen prächtig blitzenden Rubin zu beweinen, der es nicht wissen muß, daß seine Besitzerin so scharf wider Eitelkeit eifert.
Lady (erröthend). Keinen Seitensprung, Lose!—Wenn es nicht die
Promessen Ihrer Gestalt sind, was in der Welt könnte Sie abhalten,
einen Stand zu erwählen, der der einzige ist, wo Sie Manieren und
Welt lernen kann, der einzige ist, wo Sie sich Ihrer bürgerlichen
Vorurtheile entledigen kann?
Luise. Auch meiner bürgerlichen Unschuld, Milady?
Lady. Läppischer Einwurf! Der ausgelassenste Bube ist zu verzagt, uns etwas Beschimpfendes zuzumuthen, wenn wir ihm nicht selbst ermunternd entgegen gehn. Zeige Sie, wer Sie ist. Gebe Sie sich Ehre und Würde, und ich sage Ihrer Jugend für alle Versuchung gut.
Luise. Erlauben Sie, gnädige Frau, daß ich mich unterstehe, daran zu zweifeln. Die Paläste gewisser Damen sind oft die Freistätten der frechsten Ergötzlichkeit. Wer sollte der Tochter des armen Geigers den Heldenmuth zutrauen, den Heldenmuth, mitten in die Pest sich zu werfen und doch dabei vor der Vergiftung zu schaudern? Wer sollte sich träumen lassen, daß Lady Milford ihrem Gewissen einen ewigen Skorpion halte, daß sie Geldsummen aufwende, um den Vortheil zu haben, jeden Augenblick schamroth zu werden?—Ich bin offenherzig, gnädige Frau—Würde Sie mein Anblick ergötzen, wenn Sie einem Vergnügen entgegen gingen? Würden Sie ihn ertragen, wenn Sie zurückkämen?—O besser, besser, Sie lassen Himmelsstriche uns trennen—Sie lassen Meere zwischen uns fließen!—Sehen Sie sich wohl für, Milady—Stunden der Nüchternheit, Augenblicke der Erschöpfung könnten sich melden—Schlangen der Reue könnten Ihren Busen anfallen, und nun—welche Folter für Sie, im Gesicht Ihres Dienstmädchens die heitre Ruhe zu lesen, womit die Unschuld ein reines Herz zu belohnen pflegt. (Sie tritt einen Schritt zurück.) Noch einmal, gnädige Frau. Ich bitte sehr um Vergebung.
Lady (in großer innrer Bewegung herumgehend). Unerträglich, daß sie mir das sagt! Unerträglicher, daß sie Recht hat! (Zu Luisen tretend und ihr starr in die Augen sehend.) Mädchen, du wirst mich nicht überlisten. So warm sprechen Meinungen nicht. Hinter diesen Maximen lauert ein feurigeres Interessen, das dir meine Dienste besonders abscheulich malt—das dein Gespräch so erhitzte—das ich (drohend) entdecken muß.
Luise (gelassen und edel). Und wenn Sie es nun entdeckten? Und wenn Ihr verächtlicher Fersenstoß den beleidigten Wurm aufweckte, dem sein Schöpfer gegen Mißhandlung noch einen Stachel gab?—Ich fürchte Ihre Rache nicht, Lady—Die arme Sünderin auf dem berüchtigten Henkerstuhl lacht zum Weltuntergang. Mein Elend ist so hoch gestiegen, daß selbst Aufrichtigkeit es nicht mehr vergrößern kann. (Nach einer Pause sehr ernsthaft.) Sie wollen mich aus dem Staub meiner Herkunft reißen. Ich will sie nicht zergliedern, diese verdächtige Gnade. Ich will nur fragen, was Milady bewegen konnte, mich für die Thörin zu halten, die über ihre Herkunft erröthet? Was sie berechtigen konnte, sich zur Schöpferin meines Glücks aufzuwerfen, ehe sie noch wußte, ob ich mein Glück auch von ihren Händen empfangen wollte?—Ich hatte meinen ewigen Anspruch auf die Freuden der Welt zerrissen. Ich hatte dem Glück seine Übereilung vergeben—Warum mahnen Sie mich aufs Neu an dieselbe?—Wenn selbst die Gottheit dem Blick der Erschaffenen ihre Strahlen verbirgt, daß nicht ihr oberster Seraph vor seiner Verfinsterung zurückschaure—warum wollen Menschen so grausam-barmherzig sein?—Wie kommt es, Milady, daß Ihr gepriesenes Glück das Elend so gern um Neid und Bewunderung anbettelt?—Hat Ihre Wonne die Verzweiflung so nöthig zur Folie?—O lieber! so gönnen Sie mir doch eine Blindheit, die mich allein noch mit meinem barbarischen Loos versöhnt—Fühlt sich doch das Insekt in einem Tropfen Wassers so selig, als wär' es ein Himmelreich, so froh und so selig, bis man ihm von einem Weltmeer erzählt, worin Flotten und Wallfische spielen!—Aber glücklich wollen Sie mich ja wissen? (Nach einer Pause plötzlich zur Lady hintretend und mit Überraschung fragend:) Sind Sie glücklich, Milady? (Diese verläßt sie schnell und betroffen, Luise folgt ihr und hält ihr die Hand vor den Busen.) Hat dieses Herz auch die lachende Gestalt Ihres Standes? Und wenn wir jetzt Brust gegen Brust und Schicksal gegen Schicksal auswechseln sollten—und wenn ich in kindlicher Unschuld—und wenn ich auf Ihr Gewissen—und wenn ich als meine Mutter Sie fragte—würden Sie mir wohl zu dem Tausche rathen?