Kaktuskavalier
Kapitel 2
Nachdem ich, wie vorhergesehen, die halbe Nacht kein Auge zugetan habe, verschlafe ich natürlich. Zumal ich normalerweise mein Handy als Wecker benutze und daher an diesem Morgen nicht wie gewohnt von REM geweckt werde. »Fuck!«
Ich rufe im Laden an, um Frau Schröder Bescheid zu sagen, dass ich später komme, weil ich mich noch um Ersatz für mein Handy kümmern muss. Vom Verschlafen erwähne ich lieber nichts, sonst schimpft sie wieder mit mir. Doch das tut sie sowieso.
»Oh nein, Sie haben es schon wieder verloren?«, fragt sie ungläubig. »Wie schaffen Sie das nur immer?«
»Ich weiß es nicht. Es muss mir beim Rollerfahren aus der Tasche gefallen sein.«
»Haben Sie auch wirklich überall nachgeschaut? Auch in Ihrer Hemdtasche?«
»Ja, hab ich.«
»Beim letzten Mal haben Sie das auch behauptet und dann ist es in Ihrer Waschmaschine aufgetaucht«, erinnert sie mich tadelnd. »Gucken Sie lieber noch einmal nach.«
Ich verziehe den Mund. Eigentlich hasse ich es abgrundtief, wenn man so mit mir spricht. Komischerweise lasse ich es mir von Frau Schröder gefallen. Vielleicht, weil sie mich an unsere Haushälterin erinnert. Erna ist auch so eine resolute, ältere Dame.
»Ich schaue noch einmal in allen Taschen nach«, verspreche ich artig. »Aber Sie kommen ohne mich zurecht?«
»Ja, um den Laden brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen.«
»Super.«
Wir legen auf. Tatsächlich filze ich noch einmal die klammen Klamotten vom Vortag. Aber ich finde kein Handy darin. Zu allem Übel werde ich dadurch auch wieder an die Misere bei Olaf erinnert. Wenn es sich tatsächlich noch irgendwo in einer meiner Taschen befunden hat, habe ich es spätestens bei ihm verloren. Aber nein. Das hätten wir gemerkt. So hitzig war die Stimmung nun ja nicht.
Seufzend gehe ich duschen, dann ziehe ich mich sorgfältig an und schließlich versuche ich noch einmal, auf meinem Handy anzurufen. Mailbox. Auch das Suchradar zeigt nichts Neues. So eine verfickte Scheiße. Wozu habe ich das blöde Ding denn mit der Sicherheits-App ausgestattet, wenn es jetzt doch unauffindbar ist. Aber auf das Gerät kommt es mir nicht so wirklich an. Ich will nur die verfickte Nummer von Cedric haben.
Nach einer Tasse Espresso und einer Zigarette auf dem Balkon kommt mir ein spontaner Geistesblitz. Erneut hechte ich zum Telefon. Es klingelt nur dreimal, dann knackt es in der Leitung, eine Warteschleife ertönt, kurz darauf knackt es erneut und ich habe die Stimme meines Vaters am anderen Ende. Er klingt erstaunt: »Guten Morgen, Lennard? Wieso rufst du mich auf der Arbeit an? Ist was passiert?«
Kacke. Ich verdrehe die Augen. »Hallo. Hm, nein, nichts passiert. Eigentlich wollte ich gar nicht mit dir sprechen, sondern mit deinem Sekretär.«
Es heißt nicht mehr Sekretär. Das ist nur noch die Bezeichnung für ein veraltetes Möbelstück. Der übereifrige Mann, den ich eigentlich sprechen wollte und der mich offensichtlich sofort an meinen Vater weitergeleitet hat, nennt sich Senior Business Administrator. In seiner Freizeit hört er auf den Namen Jannis und treibt sich in allen Schwulenbars Hamburgs herum. Zumindest ist das mein Eindruck von ihm und der Grund, wieso ich ihn sprechen will.
Mein Vater stutzt. »Du rufst mich an, um meinen Sekretär zu sprechen?«
»Ja.«
»Wieso?«
Ich kann meinem Vater schlecht sagen, dass ich seinen Angestellten von der Arbeit abhalten möchte, weil ich die Telefonnummer von einem superheißen Typ verloren habe. Aber mir fällt auch keine Alternative ein. »Ist was Privates und das willst du gar nicht wissen. Es geht um mein Liebesleben.«
»Was hat Herr Peters mit deinem Liebesleben zu tun?« Jetzt klingt er erst recht schockiert. Offenbar entspricht Jannis nicht seiner Vorstellung eines idealen Schwiegersohns. Bei der Vorstellung, dass er solche Vermutungen anstellt, muss ich lachen. In mein Beuteschema passt Jannis auch nicht. Obwohl ich ihn eigentlich supersympathisch finde, sind wir bestenfalls Bekannte.
»Nicht so, wie du denkst. Er soll mir nur helfen, jemanden wiederzufinden.«
»Während seiner Arbeitszeit?«
»Es dauert nicht lang«, verspreche ich.
»Na gut… Ich stelle dich zurück. Aber es wäre schön, wenn du dich nach Feierabend mal bei deiner Mutter und mir melden würdest.«
»Mache ich«, verspreche ich.
»Geht es dir denn gut?«, besinnt er sich noch zu fragen.
»Ja. Und euch?«
»Alles bestens.«
»Sehr gut.«
»Ich leite dich weiter.«
Die Warteschleife ertönt und kurz darauf hebt diesmal der Richtige ab. »Ups, Lenny, du wolltest tatsächlich mich sprechen? Wie komme ich denn zu der Ehre? Ach ja, außerdem will dein Vater wissen, wieso du noch zu Hause bist und nicht auf der Arbeit. Sorry. Ich wollte dich nicht reinreißen. Aber ist was passiert? Geht es dir gut?«
»Ähhh…« Ich muss erneut lachen. »Hallo, Jannis. Nein, alles gut. Kein Ding. Ich rufe an, weil ich dachte, dass du mir vielleicht weiterhelfen kannst.«
»Ich?«, fragt er erstaunt. »Wie das denn?«
»Also… Ich habe da gestern einen ziemlich heißen, blonden Typen kennengelernt und ich dachte, dass du doch fast alle Homos in Hamburg kennst und mir vielleicht weiterhelfen kannst.«
»Ähm… ja, versuch es doch mal.« Irgendwie klingt er ein bisschen komisch. »Also heiß? Und… und blond?«
»Ja.«
»Wirklich?« Er räuspert sich und ich habe den Verdacht, dass er kurz vor einem Lachanfall oder dem Erstickungstod steht. »Und jetzt kriegst du ihn nicht mehr aus dem Kopf?«
Ich runzle die Stirn. »Ja. Was…?«
»Und du hast ihn gestern Abend getroffen?« Jannis prustet leise. »Im Tatü vielleicht?«
Plötzlich weiß ich, was ihn so amüsiert. Olaf. Er weiß es. Die Erkenntnis überkommt mich heiß und kalt zugleich. Scheiße. Verfickte Scheiße!
»Nein!« Ich muss das Telefon einen Augenblick von meinem Ohr nehmen, damit er mein Zähneknirschen nicht hört und ich die Kiefer auseinanderbekomme. »Nein«, sage ich dann noch einmal. »Scheiße, woher hast du das denn?«
»Ähm, na ja, liege ich nicht richtig?« Jetzt klingt er wieder verwundert und auch ziemlich enttäuscht. »Schade! Ich meine, schlechter Start, aber ich hätte Olaf das so gegönnt. Mit dem Problem hätte ich dir vielleicht auch weiterhelfen können. Also ich kenne da jemand, der da ganz günstig…«
»Jannis!«, unterbreche ich ihn. »Ich habe keine… Schwierigkeiten damit.«
»Da habe ich aber was anderes gehört.«
»Fuck, weiß es schon die ganze Stadt, oder was?« So einen Ruf kann ich echt nicht gebrauchen. Verdammt peinlich. Da muss ich sicher unzählige Typen flachlegen, um den wieder loszuwerden.
»Nein, nein«, beruhigt mich Jannis. »Damit würde Olaf nie hausieren gehen. Weißt du, wie es der Zufall will, ist er ein sehr guter Freund von mir. Vielleicht bin ich sogar sein bester Freund…« Er senkt seine Stimme. »Er hat gerade eben vor dir hier angerufen und mir sein Leid geklagt. Natürlich dachte er, dass es an ihm lag. Ich musste ihm eine halbe Stunde lang schmeicheln, um sein Selbstbewusstsein wiederherzustellen.«
Ich atme erleichtert aus. »Okay, tut mir leid. Ich habe ihm doch gesagt, dass es nichts mit ihm zu tun hatte.«
»Ja, hat er auch erzählt«, bestätigt Jannis. »Aber das macht es nicht besser, nur dich sympathischer. Ach ja, und keine Sorge, ich habe ihm nicht gesagt, dass ich dich kenne. War mir auch bis eben nicht sicher, ob du es wirklich warst. Wobei ich nicht so viele Lennards mit attraktivem Dreitagebart und braunem Wuschelkopf kenne, die ein so umwerfend charmantes Lächeln haben wie du. Das mit den Potenzproblemen war mir neu, aber keine Sorge, ich behalte es für mich.«
»Gut, danke.« Dennoch ist es mir peinlich. »Ich habe wirklich keine Potenzprobleme, okay? Ich hatte gestern nur einen ganz beschissenen Tag und ich dachte, dass dein Kumpel mich vielleicht davon ablenken kann. Leider hat er mich weder abgelenkt noch geil gemacht. Nicht seine Schuld. Er war nur einfach nicht der, den ich eigentlich wollte.«
»Olaf hat nie Glück mit Männern, der Arme. Er versucht aber auch immer, in die oberste Schublade zu greifen.« Jannis seufzt theatralisch. »Du, dein Vater guckt schon ganz grimmig durch die Glasscheibe zu mir. Also, wie kann ich dir helfen? Wen wolltest du wirklich? Einen anderen Blonden?«
»Exakt. Ich habe ihn gestern zufällig auf der Straße getroffen. Er hat mir sogar seine Telefonnummer gegeben, nur leider habe ich die verloren.«
»Oh… und deshalb warst du so frustriert, dass du keinen hochbekommen hast?« Schon wieder kann ich sein Grinsen heraushören.
Es fällt mir schwer, mich zu beherrschen. »Ja.«
»Das passiert doch jedem mal. Kein Grund zur Sorge. Im Notfall kenne ich da wirklich…«
»Ich mach mir keine Sorgen, Jannis. Und ich brauch nur den Blonden, um das wieder hinzubekommen. Kein Viagra.«
»Hat er denn einen Namen?«
»Cedric.«
»Hmmm…« Jannis überlegt laut. »Cedric, Cedric… Cedric. Blond sagtest du... wie groß?«
»Etwa so groß wie ich. Schlank, leichte Naturlocken, schmales, attraktives Gesicht.« Ich hoffe, es klingelt jetzt bei ihm. »Dunkelblaue Augen.«
»Hmmm…«, macht Jannis wieder. »Ah! Ah! Doch. Die Diva.«
»Was?«
»Cedric. Ich glaub, ich weiß, wen du meinst!« Jannis lacht triumphierend. »Vielleicht sollte ich das zu meinem Job machen. Er ist noch unter dreißig und wirkt auf den ersten Blick ein bisschen unterkühlt, richtig?«
»Ja, genau!« Mein Herz beginnt schneller zu schlagen. »Du kennst ihn also?«
»Nein. Ich nicht. Zu jung«, erklärt Jannis. »Aber ich kenne wen, der ihn mal hatte. Michi. Weiß nicht, ob du den kennst. Ist der Bruder von dem Partner meines besten Freundes, also nicht Olaf, sondern Emil. Studiert Medizin, also der Michi, nicht Emil. Auch ein ganz süßer Blonder. Aber vergeben. Aber davor hat er den Cedric mal aufgerissen. Die beiden waren ein paar Mal aus, aber dann ist er Michi irgendwie quer gekommen. Scheint eine ziemliche Zicke zu sein.«
»Das ist mir völlig egal. Kannst du mir seine Telefonnummer von diesem Michi besorgen?«
»Nee, dafür ist das schon zu lange her. Aber ich weiß wahrscheinlich, wo dein Schwarm arbeitet.«
»Yes! Ich wusste, dass ich auf dich zählen kann.«
»Freu dich nicht zu früh, mein Schatz«, spottet Jannis gut gelaunt. »Ich weiß nicht, ob ich dir damit wirklich einen Gefallen tue. Soll ich dir nicht doch lieber Viagra besorgen?«
»Jannis! Raus mit der Sprache. Sonst petze ich meinem Vater, dass du während der Arbeit eine halbe Stunde mit Olaf telefoniert hast.«
»Och, du bist so fies.« Jannis seufzt abermals. »Na gut, er ist Schauspieler. Gras mal die Internetseiten der Theater hier in Hamburg ab. In irgendeinem Ensemble muss er zu finden sein.«
Gerettet. Zumindest gibt es Hoffnung. »Super. Danke.«
»Für deine Potenz tue ich doch alles, mein Schatz.«
»Wenn du mich weiter damit aufziehst, fällt es mir echt schwer, dankbar zu sein. Du machst mir noch Komplexe.«
Jannis lacht. »Da mache ich mir bei dir wirklich keine Sorgen, Schnuckel. Das ist wohl eher Olafs Karma gewesen. Er hat wirklich kein Glück mit Männern. Irgendwie kriegt er immer mal wieder jemanden ins Bett, der echt heiß ist, aber es endet meist damit, dass irgendwas schiefgeht. Außerdem…« Er zögert. »… nein, das kann ich dir nicht sagen.«
»Was?«
»Nein, das wäre fies. Vergiss es.«
»Na gut.« Ich habe den Verdacht, dass es noch etwas wenig Schmeichelhaftes über Olaf ist, und das will ich nicht hören. Am liebsten will ich den Mann ganz aus meinem Gedächtnis streichen und ihm nie wieder begegnen. »Ich gehe mal arbeiten und googeln. Lass dich von meinem Vater nicht ärgern.«
»Nö, mach ich nicht. Ach ja, wieso bist du noch nicht arbeiten?«
»Sag ihm, dass ich Homeoffice mache, weil mein Telefon im Laden kaputt ist.«
»Okay, gut. Dann arbeite mal weiter und ich tue auch mal so als ob. Ciao, ciao!«
»Tschüss.« Wir legen auf.
Bei mir meldet sich zunächst einmal das Pflichtbewusstsein und ich verschiebe meine Internetrecherche auf den Abend, um mir jetzt ein neues Handy zu besorgen und auf der Arbeit nach dem Rechten zu sehen. Außerdem steht mein Auto immer noch im Parkhaus.
Tatsächlich kann ich mich beherrschen, bis ich abends zum ersten Mal an diesem Tag etwas Vernünftiges esse und mit aufgeklapptem Laptop in meinem Lieblingsbistro sitze. Theater in Hamburg. Schauspieler. Cedric. Ich muss nicht lange suchen. Gleich das erste Suchergebnis ist ein Volltreffer. Da ist er, meine kleine Diva. Bei der Erinnerung an Jannis' Bezeichnung muss ich schmunzeln. Passt doch zu einem Schauspieler.
Cedric Grezella. Sein Bild befindet sich gleich in der zweiten Reihe an dritter Stelle. Er hat darauf anders gestylte Haare. Sie sind aus seinem Gesicht gekämmt, was diesem mehr Schärfe und Kontur verleiht. Vielleicht liegt es auch an der Belichtung, aber seine hohen Wangenknochen kommen so noch besser zur Geltung. Er hat ein echt schönes Gesicht. Bestimmt weiß er das auch.
Ich klicke auf seinen Namen, um herauszufinden, ob da noch mehr Informationen über ihn zu finden sind. Tatsächlich. Er ist in Berlin geboren. Schauspielstudium in Leipzig. Ich überfliege den Rest auf der Suche nach etwas Interessantem, werde aber enttäuscht. Nichts wirklich Aktuelles. In dem Theater hat er schon seit drei Jahren ein festes Engagement. Keine Ahnung, ob das lang ist. Er spielt in über zehn unterschiedlichen Stücken mit. Ich versuche herauszufinden, wann er den nächsten Auftritt hat, aber das ist mir dann doch zu mühsam beim Essen.
Außerdem will ich ihn ja nicht stalken. Wenn ich einfach beim Theater auftauche, wird er aber unter Umständen auf diesen Gedanken kommen. Das ist keine gute Idee. Ich brauche doch seine Nummer.
Während ich herzhaft von meinem Croque abbeiße, überlege ich, wen ich noch kennen könnte, der ihn vielleicht kennt. Oder jemanden kennt, der ihn kennt. Ich klicke mich weiter durch die Homepage des Theaters. Schließlich komme ich zu den Sponsoren und Förderern und stolpere über einen Verein, in dem auch meine Eltern Mitglied sind.
Die muss ich ja ohnehin noch anrufen. Ich tue es mit meinem neuen Smartphone. Das alte habe ich bei der Polizei als vermisst gemeldet und die Sim-Karte sperren lassen. Erst einmal habe ich mir eine neue Karte geholt und eine Weiterleitung einrichten lassen, bis ich die neue alte Sim zugeschickt bekomme. Bei den letzten Malen war ich noch nicht so schlau und habe mir einfach ein neues Handy mit Vertrag geholt. Aber beim zweiten Mal hat meine Schwester mit mir geschimpft, weil sie es so anstrengend findet, mit meinen wechselnden Telefonnummern mitzukommen.
Diesmal habe ich mich daher im Shop beraten lassen, ob es eine bessere Alternative gibt. Sollte mich jemand anrufen wollen, ist das nun kein Problem mehr. Nur ich muss mir erst einmal meine ganzen Kontaktdaten neu aufspielen. Die von meinen Eltern habe ich zum Glück noch im Kopf.
»Sprengel«, meldet sich die Stimme meiner Mutter.
»Hi, ich bin's«, antworte ich mit vollem Mund.
»Wie bitte?« Sie weiß ganz genau, dass ich es bin.
Ich schlucke. »Zu spät für Erziehungsmaßnahmen.«
»Ach, Lennard, du bist es.« Ich höre heraus, dass sie lächelt. »Und, was verschafft mir die Ehre?«
»Vater hat gesagt, ich soll mich melden. Und da ich so ein pflichtbewusster Sprössling bin, tue ich dies hiermit.«
»Wo bist du? Es ist so laut bei dir.«
»In einem Bistro. Ich hatte Hunger.«
»Du hättest auch zum Abendessen vorbeikommen können. Erna kocht immer zu viel, weißt du doch. Da wohnt man in der gleichen Stadt und bekommt dich dennoch nie zu Gesicht.« Das folgende Gespräch haben wir schon oft geführt. Es endet wie immer damit, dass ich verspreche, mich öfter zu zeigen, obwohl wir beide wissen, dass es nichts ändern wird. Sie haben mindestens genauso viel um die Ohren wie ich.
»Du sag mal, dieser Fördererverein von euch, der Theaterstücke und so finanziert, seid ihr da noch aktiv?«, frage ich ein wenig aus dem Zusammenhang gerissen.
»Wahrscheinlich schon, welchen meinst du?«, antwortet sie nach kurzem Zögern.
Ich nenne ihr den Namen. »Hast du Kontakte zum Theater?«
»Na ja, mir wurden Mitarbeiter aus der Führung vorgestellt. Wieso interessiert dich das?«
»Ich brauche die Telefonnummer von einem Schauspieler.«
»… Lenny.« Ein vorwurfsvolles Seufzen. »Ein Schauspieler? Ist das dein Ernst?«
»Nein, es ist mir nicht sehr ernst. Aber wenn es eine Schauspielerin wäre, würdest du anders reagieren.«
»Ich würde bei jeder Frau anders reagieren«, gibt sie unumwunden zu. Allerdings weiß sie auch, dass das politisch nicht korrekt ist. Darum gibt sie auch nach. »Entschuldige… Wie heißt er denn?«
»Cedric Grezella.«
Sie verspricht mir sich umzuhören. Wahrscheinlich braucht sie nur einen einzigen Anruf zu tätigen und spätestens morgen hat sie die Nummer. Sie kennt eine Menge wichtiger Leute. Hamburg ist zwar keine Kleinstadt, aber mit ein bisschen Einfluss, Geld und Vitamin B kommt man recht weit. Erst recht als alteingesessener Hamburger.
Lange geht das Telefonat danach nicht mehr. Mein Croque ist dennoch schon kalt, als ich auflege. Ich habe mich nicht getraut, noch einmal abzubeißen. Aber immerhin mahlen die Mühlen und wenn ich Glück habe, kann ich mich morgen Abend endlich bei ihm melden. Wirkt vielleicht auch gar nicht schlecht, wenn ich etwas beschäftigt tue.
Lustlos verspeise ich den restlichen Croque und checke dabei die Zahlen meines Online-Stores und den Warenbestand. Alles bestens. Gestern waren die Verkäufe für unter der Woche gar nicht schlecht und meine neue Fulfillment-Agentur erledigt den Rest ganz schön fix. Ich bezahle bei der Kellnerin und packe meine Sachen zusammen. Feierabend.
Endlich hole ich mein Auto aus dem Parkhaus und fahre nach Hause. Ich habe dort einen Garagenstellplatz, doch heute ist direkt vor dem Haus noch etwas frei und ich bin faul. Außerdem ist das so extrem selten, dass man es einfach ausnutzen muss.
Mit einem Knopfdruck schließe ich den Wagen ab, ehe ich die letzten paar Schritte überwinden will, die mich von meinem behaglichen Heim noch trennen. Doch auf der Treppe davor sitzt ein attraktiver, schwarzhaariger Junge. Verdutzt bleibe ich stehen, zumal mich seine Augen aufmerksam mustern und ich ihn nicht einordnen kann. Er wohnt nicht in meinem Haus. Und so warm, dass es angenehm ist, hier zu sitzen, ist es heute auch nicht, nachdem es gestern den ganzen Tag geregnet hat.
»Hey. Wartest du auf jemanden? Oder kann ich dir helfen?«
Er schüttelt den Kopf. »Nein, das heißt doch. Wohnst du hier?«
»Ja. Ganz oben.«
»Lässt du mich mit rein? Sieht wieder nach Regen aus und ich habe keinen Schlüssel.«
»Hm, den haben auch nur Leute, die hier wohnen.« Ich stecke meine Hände in die hinteren Taschen meiner Jeans. »Und soweit ich weiß, gehörst du nicht dazu. Zu wem möchtest du denn?«
»Arne.«
»Der Doktor? Was willst du denn bei dem?« Ich weiß, dass Arne schwul ist, aber er geht locker auf die vierzig zu und der Junge sieht aus, als wäre er gerade mal achtzehn. Vielleicht verwandt. Allerdings schlägt mein Gaydar bei dem Kleinen ziemlich deutlich an.
»Ich wohn manchmal bei ihm.«
»Hm, was sagt denn der Vermieter dazu?«, frage ich und muss mir ein Schmunzeln verkneifen. Schlauer bin ich jetzt aber immer noch nicht.
»Keine Ahnung, geht ihn das was an?«, fragt der Junge zurück. »Willst du mich verpetzen?«
»Nee, nee, schon gut.« Ich gehe an ihm vorbei und schließe die Haustür auf. »Wenn du willst, kannst du bei mir warten.«
Nun guckt er überrascht und mustert mich dann. Anscheinend wirke ich harmlos genug, denn er zuckt mit den Schultern. »Klar, warum nicht. Wie heißt du eigentlich?«
»Lennard«, antworte ich. »Und du?«
»Simon.«
Wir steigen die Treppen bis ins zweite Stockwerk hinauf. Hier wohnt Arne. Ich kenne ihn so gut wie gar nicht, weil er nie da ist. Er arbeitet in einem Krankenhaus und scheint nur dann zu Hause zu sein, wenn ich es nicht bin. Das einzige Mal, dass ich mich länger mit ihm unterhalten habe, sind wir uns zufällig im Tatü über den Weg gelaufen.
»Hm, hast du Stift und Papier?«, erkundigt sich Simon. »Dann kann ich ihm eine Nachricht dalassen, dass ich oben bei dir bin.«
»Kannst du ihm nicht einfach eine SMS schicken?«
»Hab seine Handynummer nicht.«
Das kommt mir komisch vor. »Du wohnst ab und zu bei ihm, aber du hast seine Handynummer nicht?«
»Nein, brauch ich sonst nicht.« Simon sieht mich groß und unschuldig an.
»Aha. Sag mal… du bist sein was? Neffe?«, erkundige ich mich.
»Sein Kater.« Er grinst mit einer charmanten Mischung aus Verlegenheit und Schalk.
Ich blinzle und brauche einen Moment, um das zu verarbeiten. »Und woher kennt ihr euch?«
»Bin ihm zugelaufen.«
Ich muss lachen. »Aha, ich glaube, so einen Kater hätte ich auch gerne. Gibt es noch mehr, wo du herkommst?«
»Nee, Kater sind Einzelgänger.«
»Schade.« Ich weise mit dem Kopf die Treppe hoch. »Oben müsste ich Post-its haben.«
Er folgt mir die Treppe nach oben, bleibt aber am Eingang stehen. Ich gehe ins Wohnzimmer zu meinem Sekretär – diesmal tatsächlich ein Möbelstück – und wühle in ein paar Schubladen herum, bis ich fündig werde. Mit den gelben Zettelchen und einem Kuli kehre ich zurück in den Flur. »Bitte sehr.«
»Cool, danke!« Er strahlt mich an und hastet zurück in den zweiten Stock. Kurz darauf kommt er auch schon wieder. Ich habe nicht an der Tür gewartet, sondern mir in der Zwischenzeit die Schuhe und Jacke ausgezogen und bin in die Küche verschwunden. Als ich die Wohnungstür schließen höre, erkundige ich mich laut genug, dass er mich im Flur hört: »Magst du was trinken?«
»Klar, gerne!«
»Was denn? Ein Schälchen Milch?«
Er lacht leise. »Nö, nicht unbedingt. Was hast du denn sonst noch?«
»So ziemlich alles, denke ich.« Ich öffne den Kühlschrank. Simon gesellt sich zu mir und linst neugierig über meine Schulter, dann greift er an mir vorbei und angelt sich einfach eine Flasche Cola heraus. Ich nehme mir ebenfalls eine. »Öffner hängt am Kühlschrank.« Der ist nämlich magnetisch und der Kühlschrank hat eine Stahlverkleidung.
»Coole Wohnung«, stellt Simon fest, nachdem er den ersten Schluck aus der Flasche genommen hat.
»Danke.«
»Die ist sogar fast noch geiler als die von Arne«, meint er und wirft einen neugierigen Blick aus dem Küchenfenster. Man kann die Aussicht nicht wirklich genießen, aber im Dunklen erahnen. Er löst sich davon und tapst auf Socken an mir vorbei, um anscheinend noch die restlichen Zimmer zu inspizieren. Ich lasse ihn. Er hat wirklich etwas von einem Kater. Irgendwie niedlich. Ich glaube, ich will tatsächlich auch so einen.
Schmunzelnd folge ich ihm ins Wohnzimmer. Er bestaunt gerade meinen Fernseher. Ich lasse mich auf die Couch fallen und sehe ihn abschätzend an. »Sag mal, wie alt bist du eigentlich?«
»Fast zwanzig.«
»Magst du Konsole spielen?«
»Ja, gern.«
»Dann such dir ein Spiel aus. Sind in dem Fernsehboard links. Die Controller auch.«
Simon überlegt nicht lange und entscheidet sich für einen Klassiker, den man gut gegeneinander spielen kann: Tekken. Ich bin ganz zufrieden mit seiner Wahl, auch weil ich mich nicht bewegen brauche und zudem von Cedric abgelenkt werde.
»Weißt du, wie lange Arne heute arbeitet?«
»Nö. Aber wenn ich dich nerve, schmeiß mich einfach raus.«
»Tust du nicht, ich hatte keine Pläne für heute Abend.«
»Was arbeitest du eigentlich?«, will Simon wissen, während wir darauf warten, dass das Spiel fertig lädt.
»Ich verkaufe Hüte.«
»Ernsthaft?« Er mustert mich skeptisch.
»Ja.« Bei seinem Blick muss ich einfach grinsen. »Ernsthaft. Mir gehört ein Laden in der Stadt.«
»Wer trägt denn heute noch Hüte, außer vielleicht alte Leute?«
»Du wärst überrascht«, antworte ich. »Außerdem haben auch alte Leute Geld.«
»Okay…« Simon zuckt mit den Schultern. »Anscheinend verdienst du damit ganz gut.«
Amüsiert wähle ich mir meinen Kämpfer aus. »Also, du und der Onkel Doktor… habt eine Beziehung, richtig?«
»Hm, würde es nicht direkt als Beziehung bezeichnen. Ich bin halt sein Kater.« Das Thema scheint ihm nicht zu behagen.
Mich macht es dagegen erst recht neugierig. »Ist er dir für mehr zu alt?«
»Nein, gar nicht«, behauptet er entrüstet. »Spielen wir jetzt?«
»Ich bin so weit.«
Während des Spielens reden wir kaum und wenn, dann sind es nur Kommentare zum Geschehen auf dem Fernsehschirm. Es ist tatsächlich eine herrliche Art, den Kopf freizubekommen. Erst als meine Cola leer ist, unterbreche ich das Spiel und stelle es auf Pause. »Magst du auch noch was trinken? Oder was essen?«
»Hm, bisschen Hunger hätte ich schon, aber ich will dir keine Umstände machen.«
»Das sind keine Umstände. Was magst du denn? Sind Chips okay oder willst du was Richtiges?«
»Chips sind völlig okay. Und gerne eine Bionade. Danke.«
Ich verschwinde in der Küche. Simon folgt mir kurz darauf, um mir beim Tragen zu helfen. Dabei meint er: »Arne hat mir nie erzählt, dass er so einen netten Nachbarn hat.«
»Arne kennt mich auch nicht wirklich«, erkläre ich.
»Wieso?«
»Wir arbeiten beide recht viel.«
»Okay…« Sein Blick wird komisch. »Du hattest aber nix mit ihm, oder?«
»Nein, anderes Beuteschema.«
»Gut. Aber du bist schwul?«
»Stockschwul.« Ich werfe ihm die Chips zu. »Was machst du eigentlich? Studierst du?«
Er nickt.
»Und was?«
»Volkswirtschaft.«
»Erstes Semester?«
Er lächelt und nickt wieder. »Habe erst vor ein paar Wochen angefangen.«
Süß.
Wir kommen nicht dazu, uns über die Chips herzumachen, denn im nächsten Moment klingelt es an der Tür. Ich mache auf, obwohl ich mir denken kann, dass es Arne ist. Ich lächle ihm freundlich entgegen, obwohl er ein sehr ernstes Gesicht macht. »Hi.«
»Hallo, ich habe die Nachricht gelesen, dass Simon bei dir ist?«
»Ja, er hat draußen auf der Treppe gehockt, da habe ich ihn lieber mit hochgenommen«, erkläre ich und gebe die Tür frei, damit er sehen kann, dass seinem Kater nichts passiert ist. Der schlüpft nämlich schon in seine Schuhe, während er Arne freudig anstrahlt, aber nichts sagt.
»Das ist nett, danke.« Arne wirkt müde. Wahrscheinlich wegen der langen Schicht im Krankenhaus. Der große Altersunterschied zwischen den beiden wird mir so noch ein bisschen mehr bewusst.
»Kein Problem«, antworte ich und mache Simon Platz.
Er streicht ganz dicht an Arne vorbei. Katzenhaft. Und der streckt seine Hand nach ihm aus und streichelt ihm sanft über den Nacken. Doch sein Blick richtet sich auf mich. »Also dann, schönen Abend noch.«
»Ebenso«, wünsche ich und schließe die Tür, als sie die Treppe hinuntergehen. Von Simon höre ich auch noch ein leises, an mich gerichtetes Dankeschön. Ulkiges Paar. Aber irgendwie auch ganz harmonisch.