Ludwig Tieck's Schriften: Achter Band

Ludwig Tieck · Kapitel 35 von 36 · Teil 1/2

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Ludwig Tieck's Schriften: Achter Band

Das grüne Band.

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 2 Teile geteilt.

D a s g r ü n e B a n d .

E i n e E r z ä h l u n g .

1792.

Durch die Thäler und über die Wiesen wandelte der graue Nebel; über einen Tannenhain blickte die Sonne noch einmal aus Westen auf die Fluren zurück, die sie itzt verlassen wollte; in den Wipfeln eines einsamen Gebüsches begann die Nachtigall ihr Lied, und das Murmeln eines kleinen Baches ward hörbarer: als über die Haide eine Schaar von Kriegern gegen die Veste M a n n s t e i n zog. Der letzte goldne Schein der Sonne flog zitternd die schönpolirten Rüstungen auf und ab, durch die abendliche Stille tönte laut der Huftritt ihrer Rosse. — Da schmetterte von der Zinne der Burg eine fröhliche Trompete, und weckte mit ihren Tönen den Widerhall am Tannenberge; die Zugbrücke ließ sich nieder, und F r i e d r i c h v o n M a n n s t e i n zog mit seiner Schaar in seine Veste, wo sein Hausgesinde sich um ihn her drängte, um ihm Glück zu wünschen, daß er aus der Fehde wohlbehalten zurück gekehrt sey.

Kaum war der Ritter von seinem Rosse gestiegen, als seine Tochter auf ihn zueilte und in die Arme ihres Vaters sank. »Meine E m m a ! « rief Friedrich, »bist du wohl? Gottlob, daß ich dich wiedersehe!« — »Kommt Ihr wohlbehalten zurück?« sprach sie, indem sie schüchtern um sich blickte und sich etwas aus den Armen ihres Vaters zurück bog. — »Habt Ihr viele von euren Leuten verloren?« — »Ja,« antwortete F r i e d r i c h , »zwölf, und unter diesen einen meiner treusten Diener.« — »Doch nicht« — fiel E m m a schnell ein, — der Name A d a l b e r t zitterte auf ihren Lippen, sie ward bleich, — »doch nicht — W i l i b a l d ?« sagte sie, indem sie eine unwillkührliche Thräne in ihr Auge zurückzwängte.

Eben diesen, erwiederte der Vater; der Alte hielt sich wacker, — aber er fiel, — er hat sein Leben rühmlich beschlossen. Wohl jedem Kriegesmanne, der so wie er stirbt! — Ich werde seinen Verlust fühlen; ich liebte ihn, als wär' er mein Bruder. — Aber komm in die Burg, liebe Tochter, der Nebel hängt schon kalt und feucht in den Wipfeln der Bäume, dein Haar flattert in der kühlen Abendluft; mich dünkt, du siehst bleich aus, — du bist doch wohl?

Ihr seid ja wieder hier, antwortete sie schnell.

»Herr Ritter!« sprach ein Knappe, der aus dem Schloßhofe trat, »wollt Ihr nicht in die Burg gehn? Euer Waffenbruder K o n r a d v o n B u r g f e l s harrt Eurer drinnen.«

»Konrad? Er sei mir willkommen!« rief Friedrich, und ging in den Schloßhof; Emma, die Hausgenossen und sein Knappe Adalbert folgten ihm. — Adalberts und Emma's Blicke fanden sich. — Wie viel sagten sie sich nicht in diesem Blick! — Die Freude sich wiederzusehn, Dank für die Rettung, zärtliche Besorgniß, — dieß und hundert Fragen und hundert Antworten lagen in diesem einzigen Blicke. — Adalbert führte sein treues Roß in den Stall, Emma ging langsam aber heiter die Wendeltreppe hinan, blickte aus dem runden Fenster noch einmal in den Hof hinab, und begab sich dann in ihr Gemach.

Der wackre Konrad eilte dem Ritter Friedrich entgegen und schloß ihn froh in seine Arme. — »Gottlob!« rief er, »daß ich dich einmal wiedersehe! — Du kommst aus einer Fehde mit M a n f r e d ? «

F r i e d r i c h . Ja, Freund! und du?

K o n r a d . Woher? Für mich, weißt du ja, giebt's schon lange keine Fehden mehr! ich komme von meinem alten einsamen Schlosse. — Seit mein K a r l nicht mehr da ist, sieht es so öde und verlassen aus. Stehe ich auf dem Altan, oder sehe ich aus den Bogenfenstern, so muß ich immer wider Willen nach dem Berge hinsehn, hinter welchem er zuletzt verschwand; die eisernen Fahnen auf der Burg rufen mir immer den Namen Karl zu, und muß dann jedesmal an den Tod denken. — Ach! es ist traurig, Freund, wenn man alt wird, der Tummelplatz unsrer Wünsche wird dann so eng, wir können nur noch wenig hoffen, — aber dieß wenige wünschen wir mit einer Sehnsucht, mit einer Wehmuth — So lange sich mein Sohn in Palästina unter den Ungläubigen herumtummelt, werde ich dich öfter auf deiner Burg heimsuchen, die Einsamkeit macht mich traurig.

Sie waren indeß in den Saal getreten. — »Setz dich, Freund!« sprach Friedrich, »ich habe dich schier verkennen gelernt, Konrad saß lange nicht auf jenem Sessel.«

K o n r a d . Es soll von itzt an öfter geschehen. — Du hast ihn geschlagen?

F r i e d r i c h . Den räuberischen Manfred, — ja — Zwölf meiner besten Leute hab' ich verloren, es war ein hitziges Gefecht. — Mein Knappe Adalbert, du wirst ihn kennen, hat sich heute wie ein wackrer Mann gezeigt, ohne ihn stand es so so — wir waren schon einmal zurückgetrieben, — ich sage dir, es wird ein tapfrer Ritter, ich will meinen Stolz an ihm erziehn. — Bringt Wein, Buben! —

Die Buben brachten Wein, und die Ritter tranken.

K o n r a d . Wir leben in unsern Nachkommen wieder auf; ich hoffe, mein Karl soll dem Namen Burgfels keine Schande machen.

F r i e d r i c h . Das wird er nicht. Welch ein glücklicher Vater bist du! Es war mein tägliches Gebet zu Gott, mir einen Sohn zu schenken, der mir einst die Augen zudrückte, der nach meinem Tode auf meiner Burg haußte, der — doch, wir wollen ja nicht traurig sein.

K o n r a d . Du hast es auch nicht Ursach, der weise Himmel erhörte dein Gebet vielleicht darum nicht, um dir Jammer zu ersparen. — Du weißt nicht, wie wehe der Kummer um einen geliebten, oder gar einzigen Sohn der Brust des Vaters thut. Man gewöhnt sich früh an Gram. — Bald siehst du den Knaben auf einen schroffen Felsen klettern, und zitterst bei jedem Schritte; der Jüngling kommt nicht von der Jagd zurück, und bei jedem Wiehern, bei jedem Hufschlag eines Rosses eilst du ans Fenster, aber er ist es nicht, dein schlafloses Auge starrt erwartend durch das Dunkel der Nacht, — und wenn du ihn gar fern von dir weißt, im Gewühl der Schlachten, — erst als Vater macht der Ritter mit der Furcht Bekanntschaft. — Alle Freuden seines vorigen Lebens, jede seligverflossene Stunde, jede schöne Erinnerung, das Glück der Vergangenheit und Zukunft flicht der Greis in e i n e n freudenreichen Kranz und schlingt ihn um den Helm des Jünglings, — ach! und wie viel tausend Schwerter können diesen Kranz zerreissen. Wir setzen unser ganzes Vermögen auf e i n e n Wurf, und in jedem Augenblicke müssen wir zittern, zu verarmen. — Es ist warlich besser der Vater einer hoffnungsvollen Tochter sein!

F r i e d r i c h . Du bist undankbar gegen das gütige Schicksal. — Den Knaben zum Jüngling werden sehn, in jeder seiner Thaten sich selbst wiederfinden, — nenne mir eine Freude, die größer sei, als diese. — Und wenn er nun zurückkehrt, wenn er nun von jenem Berg wieder heruntersprengt, vor ihm her der Ruhm, hinter ihm der Jubel des Volks, in seiner Rechten eine erbeutete Fahne, wenn er nun so in deine Arme eilt, wie dann?

K o n r a d der sich die Augen trocknet. Dann? — Nun dann will ich dir Recht geben, aber eher nicht.

F r i e d r i c h . Immer find' ich doch noch in dir den alten Konrad wieder, der jedesmal im Wort- und Lanzenkampf das Feld behalten muß. — Trink! stoß an! auf den Ruhm deines Sohnes!

K o n r a d . Und das Glück deiner Tochter!

F r i e d r i c h . Denkst du, daß ich für sie unbekümmert bin? — Wollen wir mit unsern Kindern tauschen, Konrad?

K o n r a d . Freund und Waffenbruder! — ein Gedanke kömmt mir wieder, den ich schon oft dachte, wenn ich des Nachts in meiner einsamen Kammer schlaflos lag, und der Wind um den Schloßthurm saußte, — sei du der Vater meines Sohnes, deine Tochter sei mein, doch so, daß keiner von uns das Recht auf sein Kind verliert.

F r i e d r i c h . Topp, alter Freund! — Da hast du die Hand eines Ritters, der noch nie sein Wort brach! — Bei Gott und Ritterehre! keiner als dein Karl soll der Gatte meiner Tochter werden, — nur muß er mit Ehre zurückkehren.

K o n r a d . Das wird er, wenn er zurückkehrt, dafür laß dir den alten Konrad bürgen. Mit Ruhm, oder nie sehn wir ihn wieder. —

F r i e d r i c h . Alter Freund! der Wein hat mich sehr froh gemacht. — Welch eine liebliche Zukunft seh' ich emporblühen! — Allenthalben winkt die schönste Blume des Lebens: Vaterfreude! — In diesem Garten wollen wir ruhen, bis wir in einen noch schönern hinüberschlummern.

Die Alten drückten sich schweigend die Hand, ihre Freude war eine wehmüthige geworden; ein Paar große Thränen fielen schwer aus ihren Augen, die sie in einem schönen Irrthum für Freudenthränen hielten. Sie merkten nicht, daß sie der bange Zweifel erzeugte: »Werden diese Träume in Erfüllung gehn?«

Sie saßen noch lange zusammen im traulichen Gespräch, und erzählten sich noch einmal die Geschichte ihrer Jugend und ihres männlichen Alters. Die Gesichter der Greise glühten voll Jugendkraft, beide vergaßen, daß sie Greise waren.

Die Mitternachtstunde rief sie endlich von ihrem Gespräche ab, jeder ging heiter in sein Schlafgemach.

 

Alles schlief schon in der Burg, der aufgehende Mond brach seine dämmernde Strahlen durch die Bogenfenster; eine heilige Stille schwebte über Flur und Wald mit leisem langsamen Fluge, nur die Burgglocke tönte durch die feierliche Einsamkeit: als die leisegezogenen Schritte Emma's längst den Wänden des großen Ganges, der die Zimmer der Burg theilte, hinrauschten. Sie hatte Adalbert in der Ferne gesehn, und schien ihm itzt wie von ungefähr zu begegnen.

Beide blickten sich froh in's Auge, denn sie wurden itzt von keinem Überlästigen beobachtet. »Meine Emma!« rief Adalbert aus, und schloß das Mädchen rasch in seine Arme.

»Bist du endlich wieder da?« fing Emma an, — »O! wüßtest du, wie vielen Kummer du mir indeß gemacht hast, die ganze Burg war mir indeß so eng wie ein Gefängniß, die Flur war für mich ein Klosterzwinger, denn Berge und Wälder schlossen mich ja ringsum ein und trennten mich von dir. — Der Garten schien mir öde und finster, das Blaue des Himmels hing düstrer als sonst über meinem Haupte — sage mir doch, — was hat itzt alles wieder so hell und frei gemacht?«

A d a l b e r t . Die Sonne der Liebe, Emma!

E m m a . Dein schönes Auge, Adalbert! — Ach! wie viel hab' ich um dich gelitten, itzt erst weiß ich es, wie theuer, wie unentbehrlich du mir bist. Beständig hab' ich an dich gedacht, und wenn meine Phantasie auch noch so fern umherschwärmte, so war die Rückkehr zu dir, ihrer lieben Heimath, doch stets das nächste: der Gedanke, der der fernste schien, war doch unmittelbar eins mit der Liebe. — Bei Dingen, wobei ich bis itzt nichts dachte, dacht' ich sehr viel, Vergangenheit, Zukunft und — dich! — Ich schwatze, lieber Adalbert! aber die Freude ist ja geschwätzig. —

A d a l b e r t . Und welcher Liebende hörte dieß Geschwätz nicht gern?

E m m a . Neulich ging ich jenen verdorrten Baum vorüber, — ich bin vor ihm hundertmal vorübergegangen, aber nicht mit diesem sonderbaren Gefühl — ich dachte plötzlich an jenes Jahr, in welchem er noch grünte; ich war noch ein Kind, als ich einst an ihn gelehnt die Frühlingsflur überschaute; — er blühte damals so schön, die Sonne glänzte so hell in seinen zitternden Blättern, o! wie fröhlich war ich damals, — die ganze Natur und der Baum schien mit mir fröhlich; — itzt stand er da, als wenn er mich traurig ansähe, als wenn es ihn schmerzte, daß er nicht mehr fröhlich seyn könnte. — Wie ganz anders war itzt alles um mich her als ehemals, und doch war mir diese Erinnerung nur wie von gestern. — Ach! Adalbert! da dacht' ich an dich und mich. —

A d a l b e r t . Du erschreckst mich, Emma! ich war so heiter, du hast mich traurig gemacht.

E m m a . Du glaubst nicht, Adalbert! wie sonderbar mir in diesem einzigen Augenblicke die Welt vorkam; die Vergangenheit schien mir ein Traum, die Zukunft ein Schatten. — Wie der Frühling entflieht dein Glück, sagte mir der ernste Baum; du wirst bald, sehr bald unglücklich sein. —

A d a l b e r t . Verjage diese schwarze Ahnungen, laß diese grausamen Spiele deiner Einbildung! — Emma kann, darf nicht unglücklich sein!

E m m a . Daß sie es kann, empfand ich in jedem Augenblicke deiner Abwesenheit. — Ach Adalbert! ich fange an zu glauben, daß Unglück sehr wohlfeil sei, und ich will mich an diesen Gedanken gewöhnen.

A d a l b e r t . Du hast Recht. — Unglück ist ja der Preis, um den wir unser weniges Glück in diesem Leben erkaufen müssen. — Du seufzest, Emma? — Himmel! du weinst? — O! ich verstehe diese Seufzer, diese Thränen. — Könnt' ich doch das Schicksal fragen: Wird Emma einst die Meinige?

E m m a . Um gewisses Unglück für ungewisse Hoffnungen einzutauschen? Laß sie ungewiß seyn, es sind doch immer Hoffnungen.

A d a l b e r t . Und werden diese Hoffnungen nie Verzweiflung werden? Wird diese schöne Frucht nie vertrocknet vom Baume fallen? — Ach, Emma! — der Winter kömmt endlich: und Sommer und Herbst sind nur ein schöner Traum gewesen. — Wie dann?

E m m a . Dann laben wir uns an der Erinnerung dieses schönen Traums, wie Kinder, die im Finstern erwacht sind und gern wieder einschlafen möchten.

A d a l b e r t . Emma! wird dein Vater je den armen verwaisten Knappen Adalbert, der nichts als sein Schwert besitzt, mit deiner Hand beglücken? — Er, der Herr so vieler Burgen, der Besitzer großer Schätze? Wird er das je?

E m m a . Willst du denn, daß ich durchaus sagen soll: ich glaube es nicht. — Doch warum wollen wir nur immer zweifeln? — Er hat dich erzogen, er liebt dich wie seinen Sohn, er schätzt deine Tapferkeit — Adalbert! wir wissen ja nicht, was die folgende Stunde gebiert, warum wollen wir denn über künftige Jahre hinwegschauen? — Trage von itzt an dieß grüne Band um deinen Arm, es erinnert dich vielleicht im Kampfe, dein Leben nicht unnöthig zu wagen.

A d a l b e r t . Grün ist die Farbe der Hoffnung.

E m m a . Und die Meinige. Verlier' es nie, es sei dir ein Unterpfand meiner ewigen Liebe und Treue.

A d a l b e r t . Auch wenn die Farbe verbleicht ist? —

E m m a . Auch dann.

Itzt rauschte die Thür eines Gemachs, die beiden alten Ritter traten heraus; ein stummer Händedruck, und Adalbert und Emma schieden. — —

Alles war wieder laut und geschäftig in der Burg, die Sonne war schon seit einigen Stunden aufgegangen, als vor den Thoren von Mannstein ein Ritter hielt, und begehrte eingelassen zu werden. Die Thore öffneten sich, im Burghofe stieg er ab, und ward dann in den Saal zum alten Friedrich geführt.

Friedrich ging ihm entgegen, ließ ihn sich niedersetzen, befahl ihm einen Becher Wein zu reichen, und fragte dann, was sein Begehr sei?

»Ich bin ein Abgesandter,« begann der fremde Ritter.

»So seid mir in meiner Burg nochmals willkommen!« sprach Friedrich — »Aber wer sendet Euch?«

R i t t e r . Der Ritter M a n f r e d , der Euch wohl bekannt sein wird.

F r i e d r i c h . Was verlangt er?

R i t t e r . Er ist gesonnen seine Fehde mit euch zu endigen, Frieden zu schließen und Euer Freund zu werden.

F r i e d r i c h . Mein Freund? —

R i t t e r . Aber nur unter einer Bedingung —

F r i e d r i c h . Sie ist? —

R i t t e r . Eure schöne Tochter! —

Friedrich sprang auf, schlug unwillig mit der Hand auf den Tisch und blickte den Ritter zornig an. Dann ging er lange mit großen Schritten auf und ab. — Endlich stand er still, sah den Ritter noch einmal lange und bedeutend an, und sprach dann mit lauter, starker Stimme, die zuweilen nur von einer unterdrückten Wuth zitterte: »Geht zurück, Ritter! und sagt dem schändlichen Manfred, daß eher meine Burg in Trümmern stürzen soll, daß ich lieber mit eigner Hand meine Tochter ermorden, als in seinen Armen wissen will. — Ein Ritter, kein Meuchelmörder, soll ihr Gemal werden; unsre Fehde ist nicht geendet, kann nicht geendet sein, denn es ist die Pflicht jedes braven Ritters, Räuber zu vertilgen, und ein Räuber ist Manfred. — Sagt ihm nur, ich habe es nicht vergessen, wie er meuchlings den Grafen von Otterfeld gemordet, wie durch ihn des Edeln von Löwenau Burgen und Ländereien widerrechtlich gepreßt werden; sagt ihm, daß mein Schwert noch nicht in der Scheide ruhe, sondern bereit sei, den Kampf zu erneuen. — Will er Euch nicht glauben, so mag er sich von mir selbst die Antwort im Blachfelde holen.«

Schweigend stand der Ritter auf, schwang sich auf sein Roß, und jagte hinweg ohne nur einen Blick nach der Burg zurückzuwerfen.

Friedrich ging noch lange auf und ab, bis sich sein Ingrimm in einem freundschaftlichen Gespräche mit Konrad von Burgfels nach und nach verlor.

 

Am Abend hatten Konrad und Friedrich schon die Gesandtschaft Manfreds vergessen. Der Wein machte, daß sie in der Zukunft, welche sie sich erträumten, allenthalben nur Glück und Freude sahen, und dadurch harmlos und unbefangen die traurige Wahrheit vergaßen: daß jeder Augenblick ein Unglück erzeugen könne.

Emma stand indeß an einem Bogenfenster und blickte in die schöne Gegend hinaus, welche der Mond beleuchtete. Sie träumte sich in die Zukunft hinüber, tausend angenehme Gebilde flogen vor ihrer Seele auf, in denen sie stets sich an der Seite ihres Adalberts erblickte.

Die Luft wehte warm und lieblich. Ein sanftes Rauschen ferner Wälder rief das Andenken der Vergangenheit in ihre Seele zurück. Um sich diesem Gefühle ganz zu überlassen, schlich sie sich langsam auf den Altan der Burg und sah itzt mit jenem ruhigen Entzücken auf ihre väterlichen Fluren herab, mit dem der Liebende den Abendschein der Erinnerung vorigen Glücks betrachtet.

Itzt schwebte der Mond noch eben über einen fernen Hügel, nun sank er langsam, und ein blasser zitternder Glanz überflog noch einmal die Eichenwälder, dann standen sie ernst und finster da; die fernsten westlichen Wolken tauchten sich im Vorüberschweben in einen bleichen goldenen Schimmer, und bald lag die ganze Gegend in Dunkel eingehüllt, finster und schauerlich, wie die Zukunft dem, der Unglück ahndet.

»O Bild des Glücks!« rief Emma aus. — »So stirbt die letzte Hoffnung auf dem Grabe des Geliebten, so welkt die letzte Blume im Kranze menschlicher Freuden, so weht der Sturm die letzte Blüthe vom verdorrenden Baum.«

Eine heisse Thräne stieg langsam in ihr Auge.

Alles war still und feierlich, der Wind schwieg itzt, schwarze Wolken hingen ernst unter dem Glanze der Sterne über fernen Wäldern, und schon begann die Eule ihr einsames Klagelied aus der Felsenhöle — da braust es wie ein Waldstrom aus der Ferne, es rauscht daher wie ein Schwarm Gespenster, die durch den Eichenforst fahren, — ein unwillkührlicher Schauer zitterte langsam über Emma's Körper hin. —

Wie Hufschlag von Rossen kam es itzt näher, wie ein Klang von Harnischen. — Wie sich um den Felsen eine schwarze Wolke schleicht, so lenkte itzt eine düstre Schaar um die Mauer der Burg.

Emma wollte zurück und in das Gemach ihres Vaters eilen, aber sie fühlte sich zu schwach, eine unbekannte Macht hielt sie gewaltsam zurück, sie drängte sich bebend in die Ecke des Altans.

Itzt schwebte es über den Wall herüber, — schon rauschte es durch den Graben der Burg — da schmetterte plötzlich laut und furchtbar von der Zinne der Burg die Trompete des Thurmwächters, und Emma schrak heftig zusammen.

Plötzlich kam die ganze Burg in Bewegung, die Sturmglocke hallte fürchterlich, Panzer rasselten, Pferde wieherten, Tritte dröhnten laut durch alle Säle, Stimmen schallten verwirrt durch einander, — ihr war, wie in einem Traume, große Tropfen der Angst standen auf ihrer Stirn, und ihre Bangigkeit stieg endlich so hoch, daß sie mit einem schmerzhaften Vergnügen die Entwickelung dieses fürchterlichen Traums erwartete.

Noch einmal schrie alles plötzlich laut durcheinander, Rüstungen erklangen, Schwerter klirrten, dann eine kurze Stille, die von einem neuen Geschrei unterbrochen wurde, die Krieger wütheten wie zwei Gewitter gegeneinander. — Itzt hörte sie Adalberts Gang, er ging durch die Säle, den Altan vorüber, sie wollte seinen Namen ausrufen, aber kein Ton stand ihr zu Gebot.

Als er vorüber war, rief sie laut: »Adalbert!« — Aber er konnte diesen Ruf nicht mehr vernehmen. Sie raffte sich gewaltsam auf, und floh eilig durch die Säle, bleich und zitternd eilte sie durch die einsame Burg, in welche aus der Ferne der Kampf dumpf herauftönte; sie rannte durch eine verborgene Thür, eilte über die niedergelassene Zugbrücke nach dem offenen Felde, wo ihr die Sterne bleich und erschrocken über ihrem Haupte zu flimmern schienen.

Hier setzte sie sich auf einen kleinen Hügel nieder, und sah nach der Burg zurück, die wie in Nebelwolken eingehüllt da lag. — Das Schmettern der Trompeten tönte durch die ruhige Nacht, weithin flog der laute Klang über Berge und Wälder, gebrochen schmetterte der Widerhall am fernen Felsen die Töne nach, die dann verhallten und wie im Gebrause des Kampfs versanken. —

Der Schein von Fackeln sprang itzt durch das Dunkel der Nacht, Schatten flohen hin und her, Nacht und Helle kämpften mit einander, alle Schrecken boten sich die Hand, und schwebten furchtbar vor Emmas Auge, die endlich das Gesicht mit den Händen verdeckte.

Das Geräusch des Kampfes kam ihr näher, Krieger flohen ihr dicht vorüber, andre sanken verfolgt zu Boden, sie hörte das Röcheln der Todesangst und schauderte noch stärker.

Ein Ritter eilt daher, der Flüchtlinge verfolgt, sie springt auf und stürzt athemlos in seine Arme! — Es war Adalbert. —

»Adalbert! Adalbert!« ruft sie mit bebender Stimme und drückt sich fast ohne Bewußtsein an seine Brust, — »rette mich!«

»Manfred siegt!« rief er wüthend aus, »aber ein guter Engel ließ mich dich finden, meinen Muth zu stärken. — Zurück in den Kampf! — Ha! die Meutrer! — die Burg brennt!«

Er ließ sie sanft nieder, und stürzte wild hinweg.

Emma schloß die Augen, denn sie hörte noch immer die schrecklichen Worte: die Burg brennt! — Endlich blickte sie matt und schüchtern auf, — welcher Anblick! — Kühn wälzte sich eine Flamme aus der Burg himmelan, wie eine Welle im Sturm wogte sie majestätisch hin und her, und übersah mit kühnem Blicke die ganze Gegend. — Der Burggraben glühte im Widerschein, alle Wälder und Berge wankten hin und her im zitternden Flammenglanze, große Funken flogen Sternen ähnlich durch die Nacht, und sanken neben Emma im feuchten Grase verlöschend nieder! —

Im Schein sah sie die Kämpfenden gegeneinander wüthen, Arme gegen Arme in rastloser Arbeit aufgehoben; Schwerter glänzten wie fernes Wetterleuchten durch die Nacht, Trompeten und Hörner hallten wie Donner. — Ihre Augen schlossen sich müde und geblendet.

Sie öffnete sie nur mühsam nach langer Zeit, die Flamme war zurück gesunken, das Geräusch des Kampfes war verschwunden, die gräßlichste Stille lag schwer und drückend über der ganzen Natur. — Zweifel schüttelten itzt ihre Seele, eine noch schrecklichere Ungewißheit trat an die Stelle des vorigen Entsetzens. — »Gott!« rief sie lautseufzend, und im Ton der Verzweiflung.

»Emma!« seufzte es leise aus einem nahen Gebüsche mit dem ächzenden Tone eines Sterbenden. Emma bebte auf. Es rasselte im Laube. — »Mein Vater!« rief sie aus, und stürzte in die Arme Friedrichs, der verwundet hieher geflohen und niedergesunken war. —

»Wüthet noch die Flamme in der Burg meiner Väter?« fragte er mit schwacher Stimme.

»Nein!« sprach Emma, »die Flamme ist gelöscht.«

»Nun Gott sei Dank!« antwortete Friedrich und erhob sich.

Emma umschlang ihn mit ihren Armen, da fühlte sie das Blut des Greises über ihre Hand fließen.

»Himmel!« rief sie aus, »mein Vater, Ihr blutet!« — Schnell zerriß sie ihren Schleier und verband die Wunde so sorgfältig, als es die Finsterniß der Nacht erlaubte. Friedrich küßte sie und drückte sie stumm an seine Brust. — »O, ich bin glücklich!« sprach er endlich, »da ich dich wieder gefunden habe; mag Manfred doch in meinen Burgen wüthen, wenn du nur mein bleibst; mag das Feuer meine Schätze verzehren, wenn ich dich nur noch an meine Brust drücken kann. — Ich bin nicht unglücklich!« —

Der Tag fing an zu grauen, schwarze Wolken säumten sich mit sanftem Roth, ein kalter Morgenwind wehte, die Gegend trat nach und nach aus der Nacht hervor, und mit goldnem Gefieder schwang sich endlich das Morgenroth aus der Tiefe empor, und sein leuchtender Fittig umarmte den östlichen Horizont.

Friedrichs Wunde blutete nicht mehr, und er fühlte sich stärker, als er aus der Ferne über einen Berg einen Trupp Reiter auf sich zusprengen sahe; Adalbert war an ihrer Spitze.

»Sieg! Sieg!« frohlockte die jauchzende Schaar; »Sieg!« hallte das Thal mit seinen Felsen wieder; »Sieg!« sprach Emma freudig nach; eine Thräne der Freude stürzte schnell aus ihrem Auge, und eine schöne Röthe überflog ihr bleiches Antlitz. Friedrich erhob sich schnell bei dem Worte, und sah wieder so kühn umher, als er es sonst gewohnt war.

Adalbert stieg von seinem Rosse. »Manfred ist geschlagen!« sprach er, »nur wenige von seiner Rotte sind meinem strafenden Schwerte entronnen.« Friedrich eilte ihm entgegen, und schloß ihn herzlich in seine Arme. »Sei mir willkommen!« rief er ihm entgegen, »willkommen, mein geliebter Sohn!«

»Euer Sohn?« sprach Adalbert froh auffahrend; er blickte schüchtern auf Emma, die bei diesem Blicke erröthete.

»Ja! wie meinen Sohn lieb' ich dich,« sprach Friedrich, »verdank ich dir nicht alles? — Sage, wie kann ich dich belohnen? Fordre, bei meinem Ritterworte! alles was meine Ehre erlaubt sei dein.«

Adalbert blickte in Friedrichs Auge, schon wollte er den Namen Emma aussprechen, als er das Auge noch einmal zu ihr wandte. — Sie schlug schüchtern die Augen nieder, und schüchtern stammelten nun Adalberts Lippen statt E m m a — »das R i t t e r s c h w e r t . « —

Er kniete nieder und stand als Ritter wieder auf.

 

Manfreds Schaar war gänzlich zerstreut, und die Ordnung in Friedrichs Burg wieder hergestellt. Das Feuer hatte durch Adalberts Vorsorge nur wenigen Schaden thun können, und obgleich viele von Friedrichs Kriegern gefallen und verwundet waren, konnte dieser doch dem Glück und Adalbert Dank sagen, daß er den verrätherischen Überfall nicht theurer hatte bezahlen müssen.

Konrad von Burgfels verließ Friedrichs Veste, um die seinige zu besuchen, der nächtliche Überfall hatte ihn besorgt gemacht; er reiste mit dem Versprechen ab, in kurzer Zeit wieder bei seinem Waffenbruder einzukehren.

Unmuthig ging indeß Adalbert im Schloßgarten auf und ab, denn sein Gedächtniß wiederholte ihm alle Vorfälle dieser Nacht mit den kleinsten Umständen. — »Adalbert!« rief er endlich aus, »was hast du gethan? —« Unbesonnen hast du den großen Augenblick deines Lebens verscherzt, in welchem die Waage deines Glücks im Gleichgewichte stand; — kam es nicht bloß auf dich an, glücklich zu seyn? — Ein Wort aus meinem Munde, und sie war mein, ewig mein! — Dein? Ist das so gewiß? — Welcher Sterbliche wagt es, so frech das ganze Glück seines Lebens einem einzigen Hauche anzuvertrauen? — Hätte mir nun das N e i n wie meine Sterbeglocke fürchterlich aus seinem Munde getönt, Adalbert, wie dann? — Itzt bleibt dir doch noch die tröstende Hoffnung. — Aber hoffen, und ewig nur hoffen, indeß sich meine Kraft aufzehrt, und das Ziel meines Glücks immer weiter aus meinen Augen gerückt wird. — Hoffnung! dieser ärmliche Ersatz für Genuß, dieser schadenfrohe Schatten, der ewig uns freundlich winkt und uns so in unser Grab lockt, — lieber Gewißheit des Unglücks als dieses peinliche Schwanken zwischen Zweifeln und Hoffen, lieber sterben als in jedem Augenblick den Tod fürchten. Und muß ich nicht doch irgend einmal mein ganzes Glück einer Frage anvertrauen? — Ja! es sei gewagt, noch heut muß sich mein Schicksal entscheiden, — und was wag' ich denn dabei?

»Was?« fuhr er seufzend nach einer Pause fort, »die ganze Seligkeit dieses Lebens. Wie wird die ganze Welt verdorren, wie werden alle meine Freuden hinwelken, wenn der verdammende Urtheilsspruch mir tönt! — Aber sei's! der hat noch dem Glücke keine Krone abgewonnen, der nicht mit ihm zu würfeln wagte, — mag das Spiel um Tod und Leben gehn! — was ist mir ein s o l c h e s Leben? der Tod sei mir willkommen! —

»O daß ich jenen Augenblick nicht benutzte! Jahre werden ihn mir nicht wieder anbieten, er nannte mich Sohn — Wird er mich je wieder so nennen? — Kenne ich nicht Friedrich, der so stolz auf seine Schätze ist?

»Und wer hat ihm diese erhalten? Und bin ich itzt nicht Ritter so wie er? — Itzt sind wir uns gleich, und die vorige glückliche Nacht hat mich noch über ihn gestellt.

»Stolzer Adalbert! Wer nahm dich verwaisten Knaben auf? Wer erzog dich? Wem dankst du d e i n Leben? — O, ich fühl' es! dieser Kampf meiner Seele wird nie enden.«

So stritt Adalbert lange mit sich selbst. Er ging heftig auf und ab, bald stand er plötzlich still und heftete den Blick auf den Boden, dann ging er langsamer, stand wieder still, bis er erschrocken wieder auffuhr, und noch schneller auf- und niederging.

»Wir sind ja Beide M e n s c h e n !« sprach er endlich langsam und beruhigt, »es betrifft das Glück meines Lebens, und auch er soll dadurch glücklich werden; ich will der zärtlichste Sohn seyn, ihn im Alter schützen, sein pflegen, es soll ihn gewiß nicht reuen. Er findet keinen Eidam, der seine Emma so lieben, so glücklich machen würde, als ich, das fühl' ich, und ihr Glück, hat er mir ja oft gesagt, wird auch das seinige sein.«

So ausgerüstet ging er itzt muthig in Friedrichs Gemach. Die Sonne war schon untergegangen, und der Ritter saß still und gedankenvoll in seinem Zimmer.

Adalbert fühlte sein Herz heftig klopfen, als er die Thür öffnete, die Brust ward ihm zu enge, er war mit dem Ritter so vertraut, und doch war es ihm als wollt' er itzt mit einem Unbekannten sprechen.

»Willkommen, Adalbert!« rief ihm Friedrich entgegen, »gut daß du kömmst, ich wollte dich schon rufen lassen; wir haben lange nicht mit einander getrunken, und ich bin heut so traurig. Es wird doch wohl nicht das letztemal sein, daß mir mit einander trinken?«

»Das letztemal?« fragte Adalbert und eine glühende Hitze überflog ihn; er war itzt fest entschlossen, kein Wort zu sagen.

F r i e d r i c h . Setze dich zu mir, Adalbert! wir wollen uns heut wohl sein lassen, du hast gekämpft, dafür mußt du ruhen.

Buben brachten Wein, der Alte goß die Becher voll, und Beide tranken. Adalbert nachdenkend und traurig, fast ohne zu wissen, daß er trank, Friedrich desto fröhlicher.

F r i e d r i c h . Du bist nicht munter, Adalbert! du trinkst ja warlich wie ein Mädchen. — Was ist dir?

A d a l b e r t . Nichts. — Er sahe starr vor sich hin, indem er mit Wollen und Nichtwollen kämpfte. Itzt riß er sich gewaltsam aus seiner Träumerei, glaubte falsch geantwortet zu haben und setzte noch schnell und zerstreut hinzu: O ja!

F r i e d r i c h . Adalbert! du sprichst im Traume. Sonst bist du ein fröhlicher Gesellschafter, man verkennt dich heute ganz.

A d a l b e r t . Heut?

F r i e d r i c h . Am ersten Tage deines Lebens?

A d a l b e r t . Ich bin unzufrieden, — eine peinigende Reue verscheucht allen Frohsinn.

F r i e d r i c h . Reue? worüber?

A d a l b e r t . Ein einziges Wort bereu' ich, ich bin unzufrieden mit dem heutigen Morgen.

F r i e d r i c h . Wie? — Wäre es nicht dein heißester Wunsch gewesen, in den Orden der Ritterschaft zu treten?

A d a l b e r t . Nicht mein heißester, — meine Zunge sprach es wider meinen Willen, — ich hätte Euch — um E m m a bitten sollen! —

Die letzten Worte sprach er sehr schnell; laut und schmerzlich fühlte er itzt sein Herz schlagen, das Wamms ward ihm zu enge; er wollte nach einem Becher greifen um seine glühende Röthe zu verbergen, aber der Becher fiel aus seiner zitternden Hand.

Eine lange tiefe Stille. Adalbert hörte seinen heißen Athem wehen und zwängte ihn in seine Brust zurück, er wünschte sich itzt in das Geräusch einer Schlacht, mitten unter die Stürme einer Gewitternacht.

»Adalbert!« sagte Friedrich, und Adalbert schrak zusammen, als hätte ihn der Blitz getroffen.

»Adalbert!« fuhr Friedrich fort, »du bist undankbar, — du bist mein Freund, bist du damit nicht zufrieden?

A d a l b e r t . Nein, edler Ritter! ich will, ich muß Euer Sohn werden. —

Alle seine Furcht war verschwunden, denn Friedrich zürnte nicht, er hatte ihn angeredet, wie ein gütiger Vater seinen Sohn anredet. So tief vorher sein Muth gesunken war, so hoch stieg er itzt wieder empor.

»Du mußt?« sagte Friedrich, »wärst du boshaft genug, mir eine schwarze Mauer vor die schönste Aussicht hinzustellen? — Nein, Adalbert! — d i e s e Bitte muß ich dir abschlagen.«

»Abschlagen?« sprach Adalbert ganz leise nach, als wenn er sich fürchtete, dieß Wort noch einmal zu hören. — Aber die Bahn war gebrochen, er war in einer Lage, die an kalte Verzweiflung grenzte, daher behielt er Muth genug zu fragen: »aus welcher Ursach?«

F r i e d r i c h . Meine schönsten Träume waren von jeher, daß meine Tochter einem Ritter vermählt würde von edler und berühmter Abkunft, — die fehlt dir; ich habe keinen Sohn, sie ist mein Stolz und meine Freude, — sie erbt von mir Burgen und Schätze, diese muß mein Eidam auch besitzen, — du hast diese nicht. — Du kannst mein Freund sein, aber nicht mein Sohn.

A d a l b e r t . Ritter! um Gottes willen, widerruft was Ihr da gesagt habt! — Ruhm und Schätze verlangt Ihr? wie nichtswürdig ist beides in den Armen der Liebe! — Vater! Emma an meine Seite, und Ihr sollt in einem Himmel leben, Ihr sollt ungern diese Erde verlassen! — Können Euch Ruhm und Schätze Glück bezahlen? Wiegen Goldstücke die Thränen Eurer Tochter auf? — Ich muß verzweifeln, wenn Ihr nicht widerruft!

F r i e d r i c h . Adalbert!

A d a l b e r t . Wird Euch nach meinem Tode auf dieser Stelle nie der Name Adalbert einfallen? — O Friedrich! Friedrich!

Er stürzte kraftlos nieder und umarmte heftig die Kniee des Ritters. — Friedrich beugte sich gerührt über ihn und hob ihn auf. »Unglücklicher!« sagte er, »Konrad hat mein Ritterwort, sie ist die Braut seines Sohnes.«

A d a l b e r t . O widerruft Euer Ritterwort, vernichtet Euer Versprechen —

»Halt!« rief Friedrich und stand wüthend auf, »Bösewicht! mein Ritterwort brechen! — Bei Gott! dann mag der Henker mein Wappen zertrümmern, und den Namen Mannstein an eine Schandsäule schreiben! Geh Verworfner! — Geh! du entehrst das Schwert an deiner Seite.

Er schwieg und erwartete eine Antwort, aber Adalbert stand stumm und unbeweglich vor ihm, ohne alle Zeichen des Lebens.

»Von itzt an,« sprach Friedrich, »halte ich dich jeder Schandthat fähig; du verlässest morgen meine Burg, ich lasse dir ein Roß zäumen; bei meiner Ritterehre! ich will dich nicht wieder sehn, denn ein solcher Bube könnte Emma entehren, und Konrad von Burgfels ermorden.«

Itzt ging Adalbert stumm fort, an der Thüre des Zimmers stand er still, seine Kniee wankten, seine Hände zitterten, so nahte er sich dem Ritter und sagte halblächelnd: »Seht Ihr! nun haben wir doch zum letztenmal mit einander getrunken.«

Mit einer schweren Thräne sprach er die Worte »z u m l e t z t e n m a l e« aus. Dann verließ er schnell und stumm das Gemach.

Friedrich sah ihm lange nach, dann starrte er auf die Thräne Adalberts, die brennend auf seine Hand gefallen war, er selbst konnte eine andre nicht in sein Auge zurückzwängen, sie rollte langsam über seine Wange.

Er wischte sie seufzend weg, trocknete dann die Thräne Adalberts, um es zu vergessen, daß ein Mann hier geweint habe.

Er hätte so gern diese Stunde vernichtet, ihm reute die Hitze, in welcher er Adalberts Leidenschaft zu unbillig behandelt hatte, — aber die Stunde war vorüber, die schrecklichen Worte waren gesprochen.

Betäubt ging Adalbert auf sein Zimmer. Das Loos ist gefallen! rief er wild und warf sich in einen Sessel; ich habe verloren, setzte er dann mit schrecklicher Kälte hinzu, — wie konnte ich auch auf einen Gewinn rechnen? — Dann ging er lange heftig auf und ab, öffnete stumm das Fenster und schaute mit starrendem Auge in die monderhellte Gegend.

Es war eine schöne Sommernacht, die Luft bebte ihm warm und lieblich entgegen, die ganze Gegend war still und ruhig; der Mond schien durch dunkele Tannen und warf in der Ferne auf die schlanken Erlen am See ein ungewisses Licht; Schatten und Helle flohen und wechselten; Eichen und Buchen standen da in Glanz und helles funkelndes Grün gekleidet, auf jedem sanftzitternden Blatte schien ein Flämmchen zu brennen und durch die Nacht zu leuchten. Durch die verschränkten Zweige schlüpfte der Strahl des Mondes und spielte wallend und webend auf dem grünen Rasen; die ganze bekannte Gegend war durch die magische Beleuchtung fremd und unbekannt; die Birken am Abhang des Berges waren Wolken ähnlich, die in den ersten Strahl des Morgens getaucht aufwärts schweben; ihre weißen Stämme glichen Geistern, die ruhig durch die Wolkennacht den Berg erstiegen. Unken klagten aus fernen Teichen, eine Nachtigall sang aus dem Busche ihr entzückendes Lied, Feuerwürmchen schwebten wie kleine Sterne durch die Nacht und spielten fröhlich im weißen Strahl des Mondes.

Die kalte Verzweiflung Adalberts lößte sich bald in die Thränen der Wehmuth auf. — Wenn er jetzt den Tönen der Nachtigall folgte, wenn sein Blick durch den glänzenden Himmel dahin eilte, so schien ihm der ganze heutige Tag nichts als ein Traum zu sein. — Wie könnte Unglück diese schöne Welt entstellen? so dachte er und freute sich schon auf das angenehme Gefühl, wenn er aus diesem Traum erwachen würde.

Seine Phantasie begann ein bezauberndes Spiel mit den Strahlen des Mondes, sie zeichneten ihm im wankenden Grase das Bild seiner Emma, bald wie sie ihm froh entgegeneilte, bald wie sie kniend vor ihrem Vater lag und ihn um seinen Segen bat. In den wunderbaren Gebilden der mondbeglänzten Wolken sah' er bald Ungeheuer, die seine Emma verfolgten, dann sah' er sich selbst, wie er für sie kämpfte und siegte, — sie reichte ihm den Kranz der Belohnung, und der Kranz floß in einen glühenden Dolch zusammen; aber sein Auge verfolgte so lange das schwebende Wölkchen, bis er den Myrthen-Kranz in ihm wiederfand.

So schwärmte sein Geist in den süßesten Träumen umher, der Zorn Friedrichs lag ihm wie in einer weiten Ferne, reizende Bilder lebten und webten in seiner Seele und stellten sich lächelnd vor jede traurige Erinnerung, — als nach und nach der Mond erblich und über die fernen Hügel das erste graue Licht des Tages zitterte.

Plötzlich war der schöne Schleier zerrissen, der seine Schläfe so sanft umfing, alle Täuschungen der Phantasie sanken plötzlich unter. Die Sterne verloschen, die Nachtigall verstummte, eine heilige Stille in der Natur — und er fand sich und seine Verzweiflung wieder. Mit dem Tage kehrten alle Gefühle des Schmerzes in seine Seele zurück. Alle Phantasien entflohen, die Freuden sanken mit dem Monde unter und der kalte Morgenwind wehte ihm die schreckliche Überzeugung zu: Du bist unglücklich!

Wie oft habe ich sie nicht unter jenem Baume gesehn, — dachte er jetzt, — ich werde sie dort nicht mehr sehn! Mein erster Gedanke beim Erwachen war sie, wie freudig sucht' ich den ersten Blick ihrer Augen! — jetzt wird der bleiche Gram an meinem Lager sitzen, und mir bei meinem Erwachen die dürre Hand entgegenstrecken. — Ach, Emma! wirst du mich vergessen? — O noch einmal wünsch' ich sie zu sehn, sie an das Versprechen ihrer Treue zu erinnern. — Werde ich sie noch einmal sehn? Sie schläft vielleicht noch und ahnet nicht, daß sie meinen Abschied auf ewig verschläft. — Emma! Soll ich fortgehn ohne wenigstens aus ihrem Munde ein süßes: Lebewohl! mitzunehmen?

Er verzögerte seine Abreise, er hoffte noch immer, daß sie bei seinem Zimmer vorbeirauschen würde, wie sie oft am Morgen that; er horchte aufmerksam auf jeden Zug des Windes. — Schon hundertmal hatte er die Thür geöffnet und hundertmal trat er wieder in das Zimmer zurück; es fiel ihm jedesmal ein, daß er auf e w i g Abschied nehme, daß er, wenn er aus der Thür getreten sei, vielleicht eben so aus dem Leben gehe, ohne sie wiederzusehen. — Eine Stunde nach der andern eilte hinweg, sie kam nicht, — da stieg die Sonne düster hinter schwarzen Wolken empor — wüthend öffnete er die Thür, schlug sie heftig zu und ging.

 

Adalberts Sinne waren verschlossen, er verließ die Burg wie ein Träumender. K u r d , ein Diener Friedrichs, kam ihm mit einem Pferde im Hofe entgegen und fragte ihn, ob er nicht aufsitzen wolle; aber Adalbert wies ihn mit bitterm Hohn zurück: Friedrichs Rosse sind zu edel für den Knappen Adalbert, ich bin kein Bettler, um ein Geschenk von ihm anzunehmen.

Seufzend schaute er nach Emma's Fenster empor, sein Blick haftete brennend auf der Stelle, wo er sie sonst so oft gesehen hatte; es war ihm, als müßte er sie wenigstens jetzt noch einmal sehen: er sah sie nicht. Schon kehrte er sich ungewiß wieder nach der Burg um, als ihm sein treuer Jagdhund entgegen kam und wedelnd zu ihm hinaufsprang. — Halb wider seinen Willen stieß er ihn zornig mit dem Fuße zurück. Der Hund legte sich traurig und schmeichelnd nieder und blickte bittend zu seinem Herrn empor. — Kann die Verzweiflung den Menschen so sehr verzerren? rief er aus; ja du treuer Gefährte, du sollst mich auf meiner Pilgerschaft begleiten; ich will ein Wesen neben mir haben, dem ich traurig in's Auge sehen kann, du sollst meinen Schmerz theilen, dich liebe ich noch, du bist kein M e n s c h !

Etwas leichter ging er über die Zugbrücke durch das äußere Thor. Er stand auf dem Wall und sah gedankenvoll und schweigend nach der Burg zurück. Der Himmel hing düster und schwarz über der Gegend, ein kalter Wind knarrte mit der Wetterfahne, die Wellen des Burggrabens plätscherten schwermüthig gegen die Mauer und sonderbar traurig tönte aus den Regenwolken der frohe Gesang einer Lerche herab. Mit wehmüthigem Vergnügen suchte Adalbert die Plätze auf, wo er als Knabe mit dem alten Wilibald gespielt, wo Friedrich ihn von der Erde emporgehoben hatte, wo er mit der kleinen Emma so oft herumgeschwärmt war, — wie war das jetzt alles so verändert! damals schien die Sonne so heiter, die Zukunft lag wie ein goldner Maihimmel ausgespannt vor ihm, — und jetzt! — Er dachte an Emma's Ahnungen, schwermüthig sah er nach jenem verdorrten Baum hin, dem traurigen Sinnbilde seines Lebens.

Einige Landleute zogen am gegenüberliegenden Berge zu ihrer Arbeit hinauf. Die Stiere keuchten unter dem drückenden Joch, und schleppten den heiserknarrenden Pflug hinter sich. Armseliges Menschenleben! rief Adalbert aus. Ein Tag kriecht hinter dem andern verdrossen einher, jeder Morgen röthet sich zur Arbeit; unglückliche Menschen! die bloß heute leben, um morgen eben so wie heut für einen andern Tag zu sorgen, die das unerbittliche Schicksal fest hält, dieses langweilige Spiel zu spielen.

Er eilte hinweg und stand nach langer Zeit an einer Waldecke plötzlich still, denn er erinnerte sich, daß man von hier aus die Gegend der Burg zum letztenmale sähe. Er blickte noch einmal mit der wehmüthigsten Empfindung zurück, alle Freuden seiner Kindheit und Jugend schienen ihm jetzt gestorben und hundert wohlbekannte Bäume und Felsen standen wie Leichensteine auf ihren Gräbern. Nach langem Hinstarren wandte er sich und ging, er kehrte sich noch einmal um; aber sie war verschwunden, der Wald hatte sich wie ein schwarzer Vorhang vorgezogen.

Adalbert vermied auf seiner Reise den Anblick der Menschen, er bahnte sich Wege durch einsame Wälder und wildes Obst und Waldwurzeln mußten seinen Hunger befriedigen. Er wollte niemanden Dank schuldig sein. Der Unglückliche glaubt sich so gern von der ganzen Menschheit gehaßt, er findet Trost in diesem Wahn und in der Freude die ganze Menschheit zu verachten. Diese Verachtung war die Begleiterin Adalberts und er reiste mehrere Tage ohne einen Menschen zu sehn oder ihn zu vermissen.

Die Sonne ging unter, ihre blassen Strahlen fielen gebrochen durch das grüne Dunkel und flimmerten sterbend auf den Wellen eines kleinen rieselnden Bachs. Adalbert setzte sich an das Ufer des Baches und dachte an die Vergangenheit. Der Wind spielte mit dem grünen Bande Emma's, das an seinem Arme flatterte. — Ha! du willst zu ihr zurück! rief er aus. — Nein, du mußt bleiben, denn deine Farbe ist ja die Farbe der Hoffnung. Wo die Blume der Hoffnung welkt, da sproßt der Schierling der Verzweiflung. Du bist das l e t z t e , das e i n z i g e , was mir von Emma übrig blieb; wenn ich dich verliere, worauf kann ich d a n n noch rechnen? — Die erste Thräne seit seiner Verbannung fiel auf das grüne Band. — Unglückliche Vorbedeutung! fuhr er mit gepreßter Stimme fort. — Nur auf Thränen soll ich rechnen? Thränen sollen meine ganze Erndte sein. — Er trocknete sie ab, sie hatte den Ort gebleicht, wo sie hingefallen war. — Emma! rief er plötzlich aus, — die Farbe der Hoffnung schwindet! — Wenn du mich je vergessen könntest!

Er lehnte sich an eine Birke, die über ihm säuselte; die einförmige Melodie des Baches wiegte ihn mitleidig in einen leichten Schlummer, aus welchem ihn das Klirren von Schwertern wieder weckte. — Das graue Licht des Abends flatterte ungewiß um die Wipfel der Bäume und furchtbar tönte das Waffengeräusch durch die Einsamkeit.

Er sprang auf und zog sein Schwert, indem er dem Schalle folgte. Ein kleiner Fußsteig führte ihn auf einen freien Platz des Waldes, wo er drei Männer gegen einen Ritter kämpfen sah, der unerschrocken und kalt mit einem Heldenblick unter allen Gefahren dastand. Er stürzte hervor und schlug den nächsten Räuber mit aufgehabenem Schwerte nieder; in eben dem Augenblicke fiel der zweite von der Hand des fremden Ritters, zitternd warf der dritte sein Schwert von sich und entfloh in die Nacht des Waldes.

Willkommen! mein Erretter, rief der fremde Rittersmann, indem er Adalberts Hand herzlich schüttelte; seid mir willkommen! Euch verdank' ich mein Leben!

D a f ü r will ich Euch den Dank erlassen, antwortete Adalbert bitterlächelnd.

Bist du so mit dem Schicksal zerfallen? — fragte der Fremde, — daß das Leben seinen Werth bei dir verloren hat?

A d a l b e r t . Verschont einen Unglücklichen; ihn um sein Unglück fragen, heißt ihm einen Schlag auf seine frische Wunde geben.

Der Fremde erhob das Visier des Räubers, den Adalbert erlegt hatte. — Ha! M a n f r e d ! rief er aus.

Manfred? schrie Adalbert. — Ja, bei Gott! Mußtest du mir hier deine Schuld bezahlen? — Nun wirst du nicht mehr die Veste Friedrichs berennen wollen. —

Kommt mit mir, junger Held, sprach der Fremde, begleitet mich zu meiner Burg, ich bin der Ritter v o n L ö w e n a u , wenn euch mein Name nicht unbekannt sein sollte.

Sie gingen. — Ich kenne ihn, begann Adalbert, der schändliche Manfred hatte während Eures Aufenthalts in Palästina eure Ländereien in Besitz genommen.

Ja, und als er vernahm, daß ich zurückgekehrt sei, legte er sich mit seinen Gesellen in das Dickicht dieses Gebüsches, weil er wußte, daß mich meine Straße hindurchführte. Wir sind meiner Veste nahe, ich schickte daher mein Gefolge voraus und setzte allein meinen Weg fort. Ich ward überfallen und wäre ohne Euren tapfern Beistand verloren gewesen.

Sie traten aus dem Wald heraus und die Burg lag vor ihnen. Adalbert wollte gehn. Wohin? fragte Wilhelm von Löwenau.

Wo ich keinen Menschen, wo ich keinen Glücklichen sehe, antwortete Adalbert. Warum sollte meine Traurigkeit eure Freude stören?

L ö w e n a u . Bist du ein Verbrecher? — Er ließ seine Hand fahren.

A d a l b e r t . Nein, dem Himmel sei Dank!

L ö w e n a u . Und willst doch der Verbrecher Schicksal theilen? Willst dich wie ein Vatermörder in Wälder und dunkle Hölen verkriechen? Willst den Anblick der Menschen fliehen, wie einer, den sein Gewissen auf die Folter spannt? — Der Unglückliche darf kühn emporblicken, die Schläge des Verhängnisses geben ihm ein Recht, allenthalben Liebe zu fordern. — Zögre nicht, wenn ich dich für einen braven Rittersmann halten soll. —

Adalbert bedachte sich noch; aber der Gedanke, für einen Frevler zu gelten, trieb ihn an, dem Ritter zu folgen.

In der Burg setzten sich beide an den Tisch und Löwenau beobachtete seinen Gast genau.

Fremdling, begann er, als ihre Mahlzeit geendigt war, ich habe dir viel zu danken, du scheinst ein edler Mann zu sein, nimm meine Freundschaft, meine Brudertreue an, und sage mir, kann ich etwas von meiner großen Schuld abtragen, kann ich dir helfen?

A d a l b e r t . Du mir? — O Wilhelm, was kann menschliche Hülfe dem nützen, auf dem das Schicksal zürnt?

L ö w e n a u . Das Schicksal? — Daß der Unglückliche doch so gern so stolz ist sich von der Gottheit verfolgt zu glauben! — Sei aufrichtig gegen deinen Freund. — Vielen ging dadurch alle Hülfe verloren, daß sie sich dem Freunde nicht vertrauten, und doch klagen sie nachher: ich bin verloren, Niemand will mir helfen! oder sie seufzen gar über ihr Schicksal, da sie doch selbst die Zügel ihres Lebens in den Händen halten. Glaube meiner Überzeugung, wir selbst regieren unser Schicksal, wir müssen nur nicht unthätig die Zügel fahren lassen, und sie voll Trägheit einer fremden Macht übergeben wollen. — Noch immer so stumm?

Ich will sprechen, antwortete Adalbert, denn du bist ein edler Mann, du denkst nicht wie die meisten Menschen, und darum will ich mich dir vertrauen, ob ich gleich vorher weiß, daß du mir nicht helfen kannst. — Er erzählte ihm die Geschichte seines Unglücks und schloß mit diesen Worten: Sieh, Freund, so elend hat mich die Liebe gemacht, durch sie bin ich verwaist und ohne Vaterland. Die Freude hat für mich ihre Thür auf ewig verschlossen; was hinter mir liegt ist Sonnenschein, vor mir dehnt sich eine unendliche Nacht aus. Die Welt ist für mich todt und ich bin der Welt gestorben, sie ist mir ein öder Strand, an den mich ein unglücklicher Schiffbruch warf; die einzige Hoffnung, die mir aus diesem Sturme übrig blieb, — ist das Grab, und diese Hoffnung kann mir, dem Himmel sei Dank, durch nichts entrissen werden, diese Zuflucht ist dem Unglücklichen gesichert.

Weiter: Teil 2 von 2