Mein Leben und Streben
V. Im Abgrunde.
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Aus solchen Beispielen geht hervor, wie genau ich zunächst meine Bibliothek und sodann auch die Bedürfnisse ihrer Leser kennen zu lernen hatte. Das war mit ernsten und schwierigen psychologischen Erwägungen verbunden und führte zu dem betrübenden Schlußresultate, daß eigentlich solche Bücher, wie wir sie brauchten, nur ganz wenige vorhanden waren. Sie fehlten nicht nur in unserer Gefängnisbibliothek, sie fehlten auch überhaupt in der Literatur. Ich dachte an meine Knabenzeit, an die Traktätchen, die ich da gelesen und an den Schund, der mich da vergiftet hatte; ich dachte weiter, und ich verglich. Da dämmerte in mir eine Erkenntnis auf. Sind nur die Bewohner der Strafanstalten detiniert? Ist nicht eigentlich jeder Mensch ein Gefangener? Stecken nicht Millionen von Menschen hinter Mauern, die man zwar nicht mit den Augen sieht, die aber doch nur allzu fühlbar vorhanden sind? Ist es nur für die Bewohner der Strafanstalt der Leib, der gebändigt werden muß, damit der höhere, von oben stammende Teil unseres Wesens zur Geltung kommen möge? Muß nicht überhaupt bei allen Sterblichen, also bei der ganzen Menschheit, alles Niedrige gefesselt werden, damit die hierdurch die Freiheit gewinnende Seele sich zum höchsten irdischen Ideale, zur Edelmenschlichkeit, erheben könne? Und sind es nicht die Religion, die Kunst, die Literatur, die uns aus solcher Tiefe zu solcher Höhe führen sollen? Die Literatur, der auch ich, der an die enge Zelle geschmiedete Gefangene, mit angehöre!
Auf diesem Gedankenpfade weitergehend, gelangte ich zu Betrachtungen und Schlüssen, die scheinbar höchst seltsam, im Grunde genommen aber ganz natürlich waren. Es wurde zwischen meinen vier engen Wänden hell; sie weiteten sich. Erst ahnte ich, dann sah ich und endlich erkannte ich die zwar verborgenen aber doch innigen Zusammenhänge zwischen dem Kleinsten und dem Größten, dem Körperlichen und dem Seelischen, dem Leiblichen und dem Geistigen, dem Endlichen und dem Unendlichen. Das war der Zeitpunkt, an dem ich begann, die lieben, alten Märchen meiner Großmutter in ihrer tiefen Bedeutung zu begreifen. Ich lag nächtelang wach und dachte nach. Ich war angekettet im tiefsten, niedrigsten, verachtetsten Ardistan und schickte meine ganze Sehnsucht und alle meine Gedanken zum hellen, freien Dschinnistan empor. Ich stellte mir vor, die verloren gegangene Menschenseele zu sein, die niemals wiedergefunden werden kann, wenn sie sich nicht selbst wiederfindet. Dieses Wiederfinden kann nie hoch oben in Dschinnistan, sondern nur hier unten in Ardistan geschehen, im Erdenleid, in der Menschheitsqual, bei der Träberkost des verlorenen Sohnes unserer biblischen Geschichte. Meine Phantasie begann, das, was ich suchte, in Form zu fassen, um es ergreifen und festhalten zu können. Es wohnte und lebte in mir. Aber nicht nur da, sondern auch außerhalb, allüberall, in jedem andern Menschen, auch im Menschengeschlecht, als Großes und Ganzes gedacht. Da entstand in mir meine Marah Durimeh, die große, herrliche Menschheitsseele, der ich die Gestalt meiner geliebten Großmutter gab. Da tauchte zum ersten Male mein Tatellah-Satah in mir auf, jener geheimnisvolle „Bewahrer der großen Medizin”, den meine Leser im dreiunddreißigsten meiner Bände kennen gelernt haben. Und da wurde auch der Gedanke „Winnetou” geboren. Wohlverstanden, nur der Gedanke, nicht aber er selbst, den ich erst später fand. Damals habe ich die psychologischen Werke der Beamtenbibliothek und alle andern, die mir zugängig wurden -- fast verschlungen, hätte ich beinahe gesagt; aber das würde nicht wahr sein, denn ich habe sie langsam, Wort für Wort zerlegt und jedes einzelne Wort mit einer Bedachtsamkeit in mir aufgenommen, die höchst wahrscheinlich nicht allzu häufig ist; aber ich habe das wie atemlos und mit einem Hunger, mit einem Eifer getan, als ob mein Leben, meine Seligkeit davon abhänge, mir innerlich klar zu werden. Und als ich dann glaubte, mich auf dem richtigen Wege zu befinden, da griff ich in meine Kinderzeit zurück und holte den alten, kühnen Wunsch hervor, „ein Märchenerzähler zu werden, wie du, Großmutter bist.” Ich befand mich ja an einem der größten und reichsten Fundorte alles dessen, was da zu erzählen war, im Gefängnisse. Da kondensiert und verdichtet sich alles, was draußen in der Freiheit so leicht und so dünn vorüberfließt, daß man es nicht ergreifen und noch viel weniger betrachten kann. Und da erheben sich die Gegensätze, die draußen sich wie auf ebener Fläche vermischen, so bergeshoch, daß in dieser Vergrößerung Alles offenbar wird, was anderwärts in Heimlichkeit verborgen bleibt. Ich hatte sie vor mir aufgeschlagen, die anspruchsvollen, hochgelehrten Werke über Psychologie, besonders über Kriminalpsychologie. Fast jede Zeile war mir eingeprägt. Sie enthielten die Theorie, ein Konglomerat von Rätseln und Problemen. Die Praxis aber lag rund um mich her, in ebenso klarer wie erschütternder Aufrichtigkeit. Welch ein Unterschied zwischen beiden? Wo war die Wahrheit zu suchen? In den aufgeschlagenen Büchern oder in der aufgeschlagenen Wirklichkeit? In beiden! Die Wissenschaft ist wahr, und das Leben ist wahr. Die Wissenschaft irrt, und das Leben irrt. Ihre beiderseitigen Wege führen über den Irrtum zur Wahrheit; dort müssen sie sich treffen. Wo diese Wahrheit liegt und wie sie lautet, das können wir nur ahnen. Es ist nur einem einzigen Auge vergönnt, sie vorauszusehen, und das ist das Auge des -- -- Märchens. Darum will ich Märchenerzähler sein, nichts Anderes als Märchenerzähler, ganz so, wie Großmutter es war! Ich brauche nur die Augen zu öffnen, so sehe ich sie aufgespeichert, diese Hunderte und Aberhunderte von fleischgewordenen Gleichnissen und nach Erlösung trachtenden Märchen. In jeder Zelle eins und auf jedem Arbeitsschemel eins. Lauter schlafende Dornröschen, die darauf warten, von der Barmherzigkeit und Liebe wachgeküßt zu werden. Lauter in Fesseln schmachtende Seelen, in alten Schlössern, die in Gefängnisse umgewandelt sind, oder in modernen Riesenbauten, in denen Humanität von Zelle zu Zelle, von Schemel zu Schemel geht, um aufzuwecken und freizumachen, was des Aufwachens und der Freiheit wert sich zeigt. Ich will zwischen Wissenschaft und Leben vermitteln. Ich will Gleichnisse und Märchen erzählen, in denen tief verborgen die Wahrheit liegt, die man auf andere Weise noch nicht zu erschauen vermag. Ich will Licht schöpfen aus dem Dunkel meines Gefängnislebens. Ich will die Strafe, die mich getroffen hat, in Freiheit für andere verwandeln. Ich will die Strenge des Gesetzes, unter der ich leide, in ein großes Mitleid mit allen denen, die gefallen sind, verkehren, in eine Liebe und Barmherzigkeit, vor der es schließlich kein „Verbrechen” mehr und keine „Verbrecher” gibt, sondern nur Kranke, Kranke, Kranke.
Aber kein Mensch darf ahnen, daß das, was ich erzähle, nur Gleichnisse und nur Märchen sind, denn wüßte man das, so würde ich nie erreichen, was ich zu erreichen gedenke. Ich muß selbst zum Märchen werden, ich selbst, mein eigenes Ich. Es wird das freilich eine Kühnheit sein, an der ich leicht zugrunde gehen kann, was aber liegt am Schicksal eines kleinen Einzelmenschen, wenn es sich um große, riesig emporstrebende Fragen der ganzen Menschheit handelt? An dem winzigen Schicksälchen eines verachteten Gefangenen, der für die Gesellschaft schon so und überhaupt verloren ist, wenn sich die Art und Weise, in der man über das „Verbrechen” denkt und spricht, nicht baldigst ändert!
Das war ein Gedanke, der mir ganz plötzlich kam, sich aber tief einnistete und mich nicht wieder verließ. Er gewann Macht über mich; er wurde groß. Er nahm endlich meine ganze Seele ein, und zwar wohl deshalb, weil er in sich die Erfüllung alles dessen barg, was schon von meiner Kindheit an Wunsch und Hoffnung in mir lebte. Ich hielt ihn fest, diesen Gedanken; ich erweiterte und vertiefte ihn; ich arbeitete ihn aus. Er hatte mich, und ich hatte ihn; wir wurden beide identisch. Aber das geschah nicht schnell, sondern es brauchte eine lange, lange Zeit, und es gingen noch trübere und noch schwerere Tage dahin, als die gegenwärtigen waren, ehe ich meinen Arbeitsplan entwickelte und derart festgelegt hatte, daß an ihm nichts mehr zu ändern war. Ich nahm mir vor, zunächst noch weiter an meinen Humoresken und erzgebirgischen Dorfgeschichten zu schreiben, um der deutschen Leserwelt bekannt zu werden und ihr zu zeigen, daß ich mich absolut nur auf gottesgläubigem Boden bewege. Dann aber wollte ich zu einem Genre greifen, welches im allgemeinsten Interesse steht und die größte Eindrucksfähigkeit besitzt, nämlich zur Reiseerzählung. Diesen Erzählungen wirkliche Reisen zugrunde zu legen, war nicht absolut notwendig; sie sollten ja doch nur Gleichnisse und nur Märchen sein, allerdings außerordentlich vielsagende Gleichnisse und Märchen. Trotzdem aber waren Reisen wünschenswert, zu Studienzwecken, um die verschiedenen Milieus kennen zu lernen, in denen meine Gestalten sich zu bewegen hatten. Vor allem galt es, sich tüchtig vorzubereiten, Erdkunde, Völkerkunde, Sprachkunde treiben. Ich hatte meine Sujets aus meinem eigenen Leben, aus dem Leben meiner Umgebung, meiner Heimat zu nehmen und konnte darum stets der Wahrheit gemäß behaupten, daß Alles, was ich erzähle, Selbsterlebtes und Miterlebtes sei. Aber ich mußte diese Sujets hinaus in ferne Länder und zu fernen Völkern versetzen, um ihnen diejenige Wirkung zu verleihen, die sie in der heimatlichen Kleidung nicht besitzen. In die Prärie oder unter Palmen versetzt, von der Sonne des Morgenlandes bestrahlt oder von den Schneestürmen des Wilden Westens umtobt, in Gefahren schwebend, welche das stärkste Mitgefühl der Lesenden erwecken, so und nicht anders mußten alle meine Gestalten gezeichnet sein, wenn ich mit ihnen das erreichen wollte, was sie erreichen sollten. Und dazu hatte ich in allen den Ländern, die zu beschreiben waren, wenigstens theoretisch derart zu Hause zu sein, wie ein Europäer es nur immer vermag. Es galt also zu arbeiten, schwer und angestrengt zu arbeiten, um mich vorzubereiten, und dazu war der stille ungestörte Gefängnisraum, in dem ich lebte, grad so die richtige Stelle.
Es gibt irdische Wahrheiten, und es gibt himmlische Wahrheiten. Die irdischen Wahrheiten werden uns durch die Wissenschaft, die himmlischen durch die Offenbarung gegeben. Die Wissenschaft pflegt ihre Wahrheiten zu beweisen; was die Offenbarung behauptet, wird von den Gelehrten höchstens als glaubhaft, nicht aber als bewiesen betrachtet. So eine himmlische Wahrheit steigt an den Strahlen der Sterne zur Erde nieder und geht von Haus zu Haus, um anzuklopfen und eingelassen zu werden. Sie wird überall abgewiesen, denn sie will geglaubt sein, aber das tut man nicht, weil sie keine gelehrte Legitimation besitzt. So geht sie von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, ohne erhört und aufgenommen zu werden. Da steigt sie am Strahl der Sterne wieder himmelan und kehrt zu dem zurück, von dem sie ausgegangen ist. Sie klagt ihm weinend ihr Leid. Er aber lächelt mild und spricht: „Weine nicht! Geh’ wieder zur Erde nieder, und klopfe bei dem Einzigen an, dessen Haus du noch nicht fandest, beim Dichter. Bitte ihn, dich in das Gewand des Märchens zu kleiden, und versuche dann dein Heil noch einmal!” Sie gehorcht. Der Dichter nimmt sie liebend auf und kleidet sie. Sie beginnt ihren Gang als Märchen nun von Neuem, und wo sie anklopft, ist sie jetzt willkommen. Man öffnet ihr die Türen und die Herzen. Man lauscht mit Andacht ihren Worten; man glaubt an sie. Man bittet sie, zu bleiben, denn jeder hat sie liebgewonnen. Sie aber muß weiter, immer weiter, um zu erfüllen, was ihr aufgetragen worden ist. Doch geht sie nur als Märchen; als Wahrheit aber bleibt sie zurück. Und wenn man sie auch nicht sieht, sie ist doch da und herrscht im Haus, für alle Folgezeiten.
So, das ist das Märchen! Aber nicht das Kindermärchen, sondern das wahre, eigentliche, wirkliche Märchen, trotz seines anspruchslosen, einfachen Kleides die höchste und schwierigste aller Dichtungen, der in ihm wohnenden Seele gemäß. Und einer jener Dichter, zu denen die ewige Wahrheit kommt, um sie kleiden zu lassen, wollte ich sein! Ich weiß gar wohl, welche Kühnheit des war. Doch gestehe ich es, ohne mich zu fürchten. Die Wahrheit ist so verhaßt und das Märchen so verachtet, wie ich selbst es bin; wir passen zueinander. Das Märchen und ich, wir werden von Tausenden gelesen, ohne verstanden zu werden, weil man nicht in die Tiefe dringt. Wie man behauptet, daß das Märchen nur für Kinder sei, so bezeichnet man mich als „Jugendschriftsteller”, der nur für unerwachsene Buben schreibe. Kurz, ich brauche mich gar nicht zu entschuldigen, daß ich so verwegen gewesen bin, nur ein Märchen- und Gleichnisschriftsteller sein zu wollen. Gleicht doch mein „Leben und Streben” schon an und für sich selbst einem Märchen, und sind es doch fast unzählige Fabeln und Märchen, mit denen meine Person von gegnerischer Seite umkleidet worden ist! Und wenn ich mich dagegen verwahre, so glaubt man mir ebenso wenig, wie Mancher dem Märchen glaubt. Aber, wie jedes echte Märchen doch endlich einmal zur Wahrheit wird, so wird auch alles an mir zur Wahrheit werden, und was man mir heut nicht glaubt, das wird man morgen glauben lernen.
Also alle meine Reiseerzählungen, die ich zu schreiben beabsichtigte, sollten bildlich, sollten symbolisch sein. Sie sollten Etwas sagen, was nicht auf der Oberfläche lag. Ich wollte Neues, Beglückendes bringen, ohne meine Leser mit dem Alten, Bisherigen in Kampf und Streit zu verwickeln. Und was ich zu sagen hatte, das mußte ich suchen lassen; ich durfte es nicht offen vor die Türen legen, weil man Alles, was man so billig bekommt, liegen zu lassen pflegt und nur das zu schätzen weiß, was man sich mühsam zu erringen hat. Es wäre ein unverzeihlicher Fehler gewesen, gleich von vornherein anzudeuten, daß meine Reiseerzählungen bildlich zu nehmen seien. Man hätte mich einfach nicht gelesen, und Alles, was ich lösen wollte, wäre Fabel und Märchen geblieben. Der Leser mußte ungeahnt finden, was ich gab; er betrachtete es dann als wohlerrungen und hielt es für das Leben fest.
Aber was war denn eigentlich das, was ich geben wollte? Das war vielerlei und nichts Alltägliches. Ich wollte Menschheitsfragen beantworten und Menschheitsrätsel lösen. Man lache mich aus; aber ich habe es gewollt; ich habe es versucht und werde es weiter versuchen. Ob ich es erreiche, kann weder ich noch ein Anderer wissen. Es mag bei der Ausführung dann wohl mancher Fehler untergelaufen sein, denn ich bin ein irrender Mensch; mein Wollen aber ist gut und rein gewesen. Ich wollte ferner meine psychologischen Erfahrungen zur Veröffentlichung bringen. Ein junger Lehrer, der bestraft worden ist, seine psychologischen Erfahrungen? Ist das nicht noch lächerlicher als das Vorhergehende? Mag man es dafür halten; ich aber habe an hundert und wieder hundert unglücklichen Menschen gesehen, daß sie nur darum in das Unglück geraten waren und nur darum darin stecken blieben, weil ihre Seelen, diese kostbarsten Wesen der ganzen irdischen Schöpfung, vollständig vernachlässigt worden waren. Der Geist ist das verzogene, eingebildete Lieblingskind, die Seele das zurückgesetzte, hungernde und frierende Aschenbrödel. Für den Geist sind alle Schulen da, von der A-B-C-Schützen-Schule bis hinauf zur Universität, für die Seele aber keine einzige. Für den Geist werden Millionen Bücher geschrieben, wie viele für die Seele? Dem Menschengeiste werden tausend und abertausend Denkmäler gesetzt; wo stehen die, welche bestimmt sind, die Menschenseele zu verherrlichen? Wohlan, sage ich mir, so will ich es sein, der für die Seele schreibt, ganz nur für sie allein, mag man darüber lächeln oder nicht! Man kennt sie nicht. Darum werden viele meine Werke entweder nicht oder falsch verstehen, aber das soll mich ja nicht hindern, zu tun, was ich mir vorgenommen habe.
Das war eigentlich genug für einen Menschen; aber ich wollte nicht das allein, ich wollte noch viel mehr. Ich sah um mich herum das tiefste Menschenelend liegen; ich war für mich der Mittelpunkt desselben. Und hoch über uns lag die Erlösung, lag die Edelmenschlichkeit, nach der wir emporzustreben hatten. Diese Aufgabe war aber nicht allein die unsrige, sondern sie ist allen Menschen erteilt; nur daß wir, die wir um so viel tiefer lagerten als die Andern, weit mehr und weit mühsamer aufzusteigen hatten als sie. Aus der Tiefe zur Höhe, aus Ardistan nach Dschinnistan, vom niedern Sinnenmenschen zum Edelmenschen empor. Wie das geschehen müsse, wollte ich an zwei Beispielen zeigen, an einem orientalischen und an einem amerikanischen. Ich teilte mir die Erde für diese meine besonderen Zwecke in zwei Hälften, in eine amerikanische und eine asiatisch-afrikanische. Dort wohnt die indianische Rasse und hier die semitisch-mohammedanische. An diese beiden Rassen wollte ich meine Märchen, meine Gedanken und Erläuterungen knüpfen. Darum galt es, mich vor allen Dingen mit den arabischen u. s. w. Sprachen und den Indianerdialekten zu beschäftigen. Der unwandelbare Allahglaube der einen und der hochpoetische Glaube an den „großen, guten Geist” der Andern harmonierte mit meinem eigenen, unerschütterlichen Gottesglauben. In Amerika sollte eine männliche und in Asien eine weibliche Gestalt das Ideal bilden, an dem meine Leser ihr ethisches Wollen emporzuranken hätten. Die eine ist mein Winnetou, die andere Marah Durimeh geworden. Im Westen soll die Handlung aus dem niedrigen Leben der Savanne und Prairie nach und nach bis zu den reinen und lichten Höhen des Mount Winnetou emporsteigen. Im Osten hat sie sich das Treiben der Wüste bis nach dem hohen Gipfel des Dschebel Marah Durimeh zu erheben. Darum beginnt mein erster Band mit dem Titel „durch die Wüste.” Die Hauptperson aller dieser Erzählungen sollte der Einheit wegen eine und dieselbe sein, ein beginnender Edelmensch, der sich nach und nach von allen Schlacken des Animamenschentumes reinigt. Für Amerika sollte er Old Shatterhand, für den Orient aber Kara Ben Nemsi heißen, denn daß er ein Deutscher zu sein hatte, verstand sich ganz von selbst. Er mußte als selbst erzählend, also als „Icherzähler” dargestellt werden. Sein Ich ist keine Wirklichkeit, sondern dichterische Imagination. Doch, wenn dieses „Ich” auch nicht selbst existiert, so soll doch Alles, was von ihm erzählt wird, aus der Wirklichkeit geschöpft sein und zur Wirklichkeit werden. Dieser Old Shatterhand und dieser Kara Ben Nemsi, also dieses „Ich” ist als jene große Menschheitsfrage gedacht, welche von Gott selbst geschaffen wurde, als er durch das Paradies ging um zu fragen: „Adam, d. i. Mensch, wo bist Du?” „Edelmensch, wo bist Du?” Ich sehe nur gefallene, niedrige Menschen!” Diese Menschheitsfrage ist seitdem durch alle Zeiten und alle Länder des Erdkreises gegangen, laut rufend und laut klagend, hat aber nie eine Antwort erhalten. Sie hat Gewaltmenschen gesehen zu Millionen und Abermillionen, die einander bekämpften, zerfleischten und vernichteten, nie aber einen Edelmenschen, der den Bewohnern von Dschinnistan glich und nach ihrem herrlichen Gesetze lebte, daß ein Jeder Engel seines Nächsten zu sein habe, um nicht an sich selbst zum Teufel zu werden. Einmal aber muß und wird die Menschheit doch so hoch gestiegen sein, daß auf die bis dahin vergebliche Frage von irgendwoher die beglückende Antwort erfolgt: „hier bin ich. Ich bin der erste Edelmensch, und Andere werden mir folgen!” So geht auch Old Shatterhand und so geht Kara Ben Nemsi durch die Länder, um nach Edelmenschen zu suchen. Und wo er keinen findet, da zeigt er durch sein eigenes edelmenschliches Verhalten, wie er sich ihn denkt. Und dieser imaginäre Old Shatterhand, dieser imaginäre Kara Ben Nemsi, dieses imaginäre „Ich” hat nicht imaginär zu bleiben, sondern sich zu realisieren, zu verwirklichen, und zwar in meinem Leser, der innerlich Alles miterlebt und darum gleich meinen Gestalten emporsteigt und sich veredelt. In dieser Weise trage ich meinen Teil zur Lösung der großen Aufgabe bei, daß sich der Gewaltmensch, also der niedrige Mensch, zum Edelmenschen entwickeln könne.
Indem ich diese Gedanken in mir bewegte, fühlte ich gar wohl, daß ich mich durch ihre Ausführung einer Gefahr aussetzen würde, die für mich keine geringe war. Wie nun, wenn man diese Imagination nicht verstand und dieses „Ich” also nicht begriff? Wenn man glaubte, ich meine mich selbst? Lag es da nicht nahe, daß ein Jeder, dem es an Intelligenz oder gutem Willen fehlte, zwischen Wirklichkeit und Imagination zu unterscheiden, mich als Lügner und Schwindler bezeichnen würde? Ja, das lag allerdings in der Möglichkeit, aber für wahrscheinlich hielt ich es nicht. Ich hatte dieses „Ich,” also diesen Kara Ben Nemsi oder Old Shatterhand, ja mit allen Vorzügen auszustatten, zu denen es die Menschheit im Verlaufe ihrer Entwicklung bis heut gebracht hat. Mein Held mußte die höchste Intelligenz, die tiefste Herzensbildung und die größte Geschicklichkeit in allen Leibesübungen besitzen. Daß sich das in der Wirklichkeit nicht in einem einzelnen Menschen vereinigen konnte, das verstand sich doch wohl ganz von selbst. Und wenn ich, wie ich mir vornahm, eine Reihe von dreißig bis vierzig Bänden schrieb, so war doch gewiß anzunehmen, daß kein vernünftiger Mann auf die Idee kommen werde, daß ein einziger Mensch das Alles erlebt haben könne. Nein! Der Vorwurf, daß ich ein Lügner und Schwindler sei, war, wenigstens für denkende Leute, vollständig ausgeschlossen! So glaubte ich damals. Ja, ich war sogar fest überzeugt, trotzdem ich mit dem „Ich” mich nicht selbst meinte, doch mit bestem Gewissen behaupten zu können, daß ich den Inhalt dieser Erzählungen selbst erlebt oder miterlebt habe, weil er ja aus meinem eigenen Leben oder doch aus meiner nächsten Nähe stammte. Ich hielt es für gar nicht schwer, sondern sogar für sehr leicht und vor allen Dingen auch für interessant, sich vorzustellen, daß Karl May diese Reiseerzählungen zwar niederschreibt, sie aber so verfaßt, als ob sie nicht aus seinem eigenen Kopfe stammen, sondern ihm von jenem imaginären „Ich”, also von der großen Menschheitsfrage, diktiert worden seien. Ob diese meine Annahme richtig war, wird bald die Folge zeigen.
Der Vorsatz, meine Gestalten teils in indianische und teils in orientalische Gewänder zu kleiden, führte mich ganz selbstverständlich zu tiefem Mitgefühle für die Schicksale der betreffenden Völkerschaften. Der als unaufhaltsam bezeichnete Untergang der roten Rasse begann, mich ununterbrochen zu beschäftigen. Und über die Undankbarkeit des Abendlandes gegenüber dem Morgenlande, dem es doch seine ganze materielle und geistige Kultur verdankt, machte ich mir allerlei schwere Gedanken. Das Wohl der Menschheit will, daß zwischen beiden Friede ist, nicht länger Ausbeutung und Blutvergießen. Ich nahm mir vor, dies in meinen Büchern immerfort zu betonen und in meinen Lesern jene Liebe zur roten Rasse und für die Bewohner des Orients zu erwecken, die wir als Mitmenschen ihnen schuldig sind. Man versichert mir heut, dies nicht etwa bei nur Wenigen, sondern bei Hunderttausenden erreicht zu haben, und ich bin nicht abgeneigt, dies zu glauben.
Und nun die Hauptfrage: Für wen sollten meine Bücher geschrieben sein? Ganz selbstverständlich für das Volk, für das ganze Volk, nicht nur für einzelne Teile desselben, für einzelne Stände, für einzelne Altersklassen. Vor allen Dingen nicht etwa allein für die Jugend! Auf diese letztere Versicherung habe ich das größte Gewicht und den schärfsten Ton zu legen. Wäre es meine Absicht gewesen, Jugendschriftsteller sein oder werden zu wollen, so hätte ich ganz notwendigerweise auf die Ausführung aller meiner Pläne und auf die Erreichung aller meiner Ideale für immer verzichten müssen. Und dies zu tun, ist mir niemals eingefallen. Zwar hatte ich auch an die Jugend zu denken, denn sie bietet nicht nur zeitlich die erste Stufe des Volkes; sie ist es nicht nur, aus der sich das Volk immer fort und fort ergänzt, sondern sie ist es, die im Aufwärtsstreben der Menschheit den Alten und den Bequemen voranzusteigen hat, um das von unsern Pionieren neu gesichtete Terrain schnellsten Tempo’s zu besetzen. Aber wie sie nur einen Teil des Volkes bildet, so konnte das, was ich an sie zu richten hatte, auch nur ein Teil dessen sein, was ich für das Volk als Ganzes schrieb. Wenn ich sage, daß ich für das Volk schreiben wollte, so meine ich damit, für den Menschen überhaupt, mag er so jung oder so alt sein, wie er ist. Aber nicht jedes meiner Bücher ist für jeden Menschen. Und doch auch wieder ist es für jeden Menschen, aber nach und nach, je nachdem er sich vorwärts entwickelt, je nachdem er älter und erfahrener wird, je nachdem er fähig geworden ist, ihren Inhalt zu verstehen und zu begreifen. Meine Bücher sollen ihn durch das ganze Leben begleiten. Er soll sie als Knabe, als Jüngling, als Mann, als Greis lesen, auf jeder dieser Altersstufen das, was ihrer Höhe entsprechend ist. Das Alles langsam, mit Ueberlegung und Bedacht. Wer meine Bücher verschlingt, und zwar wahllos verschlingt, um den ist es vielleicht schade; auf alle Fälle aber ist es noch mehr schade um sie! Wer sie mißbraucht, der soll nicht mich oder sie, sondern sich selbst zur Verantwortung ziehen. Ich erinnere da an das Rauchen, an das Essen und Trinken. Rauchen ist ein Genuß. Essen und Trinken ist unerläßlich. Aber jederzeit zu rauchen, zu essen, zu trinken, und Alles, was einem geboten wird, zu rauchen und zu verzehren, würde nicht nur töricht, sondern sogar schädlich sein. Eine gute, interessante Lektüre soll man genießen, aber nicht wie ein Haifisch verschlingen! Da meine Bücher nur Gleichnisse und Märchen enthalten, versteht es sich ganz von selbst, daß man reiflich über sie nachdenken soll und daß sie nur in die Hände von Leuten gehören, die nicht nur nachdenken können, sondern auch nachdenken wollen.
Als ich damals diese Gedanken erwog und meine Pläne faßte, hatte ich zwar schon Verschiedenes geschrieben und an die Oeffentlichkeit gegeben, aber es war mir noch nicht eingefallen, mich als Schriftsteller oder gar als Künstler zu bezeichnen. Und jeder wirkliche Schriftsteller muß doch zugleich auch Künstler sein. Ich hielt mich noch nicht einmal für einen zünftigen Lehrling, sondern nur erst für einen außerhalb der Zunft herumtastenden Anfänger, der seine ersten, kindlichen Gehversuche macht. Und doch schon so weit umfassende, weit hinausreichende Pläne! Wenn ich diese Pläne überschaute, so hätte mir eigentlich himmelangst werden sollen, denn es gehörten jedenfalls mehrere arbeitsreiche, ungestörte, glückliche Menschenleben dazu, den vor mir liegenden Stoff echt literarisch, also künstlerisch zu bewältigen. Aber es wurde mir doch nicht angst, sondern ich blieb sehr ruhig dabei. Ich fragte mich: Muß man denn Schriftsteller sein, und muß man denn Künstler sein, um solche Sachen schreiben zu dürfen? Wer will und kann es Einem verbieten? Machen wir es ohne Zunft, wenn es nur richtig wird! Und machen wir es ohne Kunst, wenn es nur Wirkung hat und das erreicht, was es erreichen soll! Ob Schriftsteller und Künstler mich als „Kollegen” gelten lassen würden, das mußte mir damals gleichgültig sein. Zwar, meinen individuellen Stolz besaß ich ebenso wie jeder andere Mensch, und von Kunst dachte ich so hoch, wie man nur denken kann. Aber diese meine Gedanken waren anders als diejenigen anderer Leute, besonders der Fachgenossen. Künstler zu sein, dünkte mich das Allerhöchste auf Erden, und es lebte tief in meinem Herzen der heiße Wunsch, diese Höhe zu erreichen, und sollte es erst noch in der letzten Stunde vor meinem Tode sein. Jener Kindheitsabend, an dem ich den „Faust” zu sehen bekam, stand noch unvergessen in meiner Seele, und die Vorsätze, die ich an ihn geschlossen hatte, besaßen noch ganz denselben Willen und dieselbe Macht über mich wie vorher. Für das Theater schreiben! Dramen schreiben! Dramen, in denen gezeigt wird, wie der Mensch aufsteigen soll und aufsteigen kann aus dem Erdenleide zur Daseinsfreude, aus der Sklaverei des niedern Triebes zur Seelenreinheit und zur Seelengröße. Um so Etwas schreiben zu können, muß man Künstler sein, und zwar echter, wahrer Künstler. Aber was ich nur da als Kunst dachte, das war etwas ganz Anderes als das, was die heutige Kritik als Kunst bezeichnet, und so blieb mir weiter nichts übrig, als alle meine Wünsche, die sich darauf bezogen, als Literat ein Künstler, und zwar ein wahrer, wertvoller Künstler sein zu dürfen, für lange, lange Jahre zurückzustellen und bis dahin zu bleiben, was ich eben war, nämlich ein unzünftiger Anfänger, der nicht die geringste Prätentien [sic] besaß, ein Zunftgenosse zu werden. Wie ich stets, seitdem ich lebte, abgesondert und einsam gestanden hatte, so war ich schon damals überzeugt, daß auch mein Weg als Literat ein einsamer sein und bleiben werde, so weit mein Leben reiche. Was ich suchte, fand sich nicht im alltäglichen Leben. Was ich wollte, war etwas dem gewöhnlichen Menschen vollständig Fernliegendes. Und was ich für richtig hielt, das war höchst wahrscheinlich für andere Leute das Falsche. Zudem war ich ja ein bestrafter Mensch. Da lag es mir nahe, ganz für mich zu bleiben und keinen wertvolleren Menschen mit mir zu belästigen. In Beziehung auf Kunst war ich nicht sachverständig. Vielleicht hatten die andern recht; ich konnte irren. Für alle Fälle aber hielt mich mein Ideal fest, am Abende meines Lebens, nach vollendeter Reife, ein großes, schönes Dichterwerk zu schaffen, eine Symphonie erlösender Gedanken, in der ich mich erkühne, Licht aus meiner Finsternis zu schöpfen, Glück aus meinem Unglück, Freude aus meiner Qual. Dies für später, wenn mir der Tod einst seinen ersten Wink erteilt. Für jetzt aber galt es, zu lernen, viel zu lernen und auf dieses Werk vorzubereiten, damit es nicht mißlinge. Jetzt Märchen und Gleichnisse geben, um dann am Schlusse des Lebens aus ihnen die Wahrheit und die Wirklichkeit zu ziehen und auf die Bühne zu bringen!
Aber diese Gleichnisse sind nicht kurze Schriftstücke wie z. B. die herrlichen Gleichnisse Christi, sondern lange Erzählungen, in denen viele Personen handelnd auftreten. Und ihre Zahl ist groß; sie sollen eine ganze Reihe von Bänden füllen und das Material für jene spätere große Aufgabe bilden, mit der ich meine Tätigkeit beschließen will. Sie können also keine sorgfältig ausgeführten Gemälde sein, sondern nur Federzeichnungen, nur Skizzen, Vorübungen, Etuden, an welche nicht der Maßstab gelegt werden darf, der nur für ausgesprochene Kunstwerke gilt. Ich kann und will und darf kein kunstvollendeter Paul Heyse sein, sondern meine Aufgabe ist, aus hochgelegenen Marmor und Alabasterbrüchen die Blöcke für spätere Kunstwerke zu brechen, deren Form ich höchstens andeuten kann, weil mir die Zeit zur Ausführung nicht zur Verfügung steht. Diese Andeutung gebe ich eben in Märchen, die meinen erzählenden Gleichnissen eingeschoben sind und die Punkte bilden, um welche sich das Interesse des Lesers konzentriert. Die künstlerische Kritik braucht sich also mit meinen Reiseerzählungen nicht zu befassen, weil es gar nicht meine Absicht ist, ihnen eine künstlerische Form oder gar Vollendung zu geben. Sie haben den einfachen, schlichten Arm- oder Fußringen der Araberinnen zu gleichen, die weiter nichts sein sollen, als eben nur silberne Ringe. Der Wert liegt im Metall, nicht in der Arbeit. Der Maler, welcher flüchtige Skizzen zeichnet, um ein großes Gemälde vorzubereiten, würde sich gewiß über den Kritiker verwundern, der an diese Skizzen denselben Maßstab legen wollte, den er dann später an das Gemälde zu legen hat.
Soviel über die Pläne, welche damals in mir entstanden und die ich festgehalten und befolgt habe bis auf den heutigen Tag. Sie kamen nicht plötzlich, und sie kamen nicht in gesellschaftlicher Fülle, sondern langsam, einer nach dem andern. Und sie reiften nicht eilig aus, sondern es dauerte monate- und jahrelang, ehe ich mir von dem einen Punkt bis zum nächsten klar geworden war. Ich hatte aber auch genugsam Zeit dazu. Ich legte mir eine Art von Buchhaltung über diese Pläne und ihre Ausführung an; ich habe sie mir heilig aufgehoben und besitze sie noch heut. Jeder Gedanke wurde in seine Teile zerlegt, und jeder dieser Teile wurde notiert. Ich stellte sogar ein Verzeichnis über die Titel und den Inhalt aller Reiseerzählungen auf, die ich bringen wollte. Ich bin zwar dann nicht genau nach diesen Verzeichnissen gegangen, aber es hat mir doch viel genützt, und ich zehre noch heut von Sujets, die schon damals in mir entstanden. Auch schriftstellerte ich fleißig; ich schrieb Manuskripte, um gleich nach meiner Entlassung möglichst viel Stoff zur Veröffentlichung zu haben. Kurz, ich war begeistert für mein Vorhaben und fühlte mich, obgleich ich Gefangener war, unendlich glücklich in der Aussicht auf eine Zukunft, die, wie ich wohl hoffen durfte, keine ganz gewöhnliche zu werden versprach.
Das Schicksal schien mit meinen Vorsätzen einverstanden zu sein. Es spendete mir, als ob es mich für alles Leid entschädigen wolle, eine reiche, hochwillkommene Gabe: Ich wurde begnadigt. Die Direktion hatte für mich ein Gnadengesuch eingereicht, auf welches ich ein volles Jahr meiner Strafzeit erlassen bekam. Ich stand in der ersten Disziplinarklasse und erhielt ein Vertrauenszeugnis ausgestellt, welches mir den Rückweg in das Leben glättete und mich aller polizeilichen Scherereien überhob. Der Kenner weiß, was das bedeutet!
Es war ein schöner, warmer Sonnentag, als ich die Anstalt verließ, zum Kampfe gegen des Lebens Widerstand mit meinen Manuskripten bewaffnet. Ich hatte nach Hause geschrieben, um die Meinigen von meiner Heimkehr zu benachrichtigen. Wie freute ich mich auf das Wiedersehen. Angst vor Vorwürfen brauchte ich nicht zu haben; dies war ja schon längst durch Briefe geordnet. Ich wußte, daß ich willkommen sei und daß man mir mit keinem Worte wehe tun werde. Am meisten freute ich mich auf Großmutter. Wie mußte sie sich gegrämt und gehärmt haben! Und wie gern würde sie mir ihre alte, liebe, treue Hand entgegenstrecken. Wie entzückt würde sie über meine Pläne sein! Wie sehr würde sie mir helfen, sie auszudenken und so tief wie möglich auszuschöpfen! Ich ging von Zwickau nach Ernsttal, also genau denselben Weg, den ich damals als Knabe gegangen war, um in Spanien nach Hilfe zu suchen. Es läßt sich denken, was für Gedanken mich auf diesem Weg begleiteten. Ich hatte auf jenem Heimwege mit dem Vater den Vorsatz gefaßt, ihn nie wieder durch Derartiges zu betrüben; wie schlecht aber hatte ich Wort gehalten! Sollte ich heut etwa ähnliche Vorsätze fassen, für deren Erfüllung die Ohnmacht des Menschen keine Gewähr zu leisten vermag? Das „Märchen von Sitara” tauchte vor mir auf. Gehörte ich vielleicht zu denen, auf deren Seelen, wenn sie geboren werden, der Teufel wartet, um sie in das Elend zu schleudern, so daß sie verloren gehen? Alles Sträuben und Aufbäumen hilft nichts; sie sind dem Untergange geweiht. Gilt das auch mir?
Meine Gedanken wurden trüber und trüber, je mehr ich mich der Heimat näherte. Es war, als ob mir von dort aus böse Ahnungen entgegenwehten. Meine frohe Zuversicht schien mich verlassen zu wollen; ich mußte mir Mühe geben, sie festzuhalten. Von der Lungwitzer Höhe aus schaute ich über das Städtchen hin. Da schlängelten sich vor meinen Augen die Wege, die ich damals so oft gegangen war, in heißem Kampfe mit jenen fürchterlichen inneren Stimmen liegend, die mir Tag und Nacht hindurch in einem fort die Worte „des Schneiders Fluch, des Schneiders Fluch, des Schneiders Fluch” zuriefen. Und was war das? Indem ich hieran dachte, hörte ich ganz dieselbe Stimme erklingen, in mir, ganz deutlich, wie erst nur von Weitem, aber sie schienen sich zu nähern, „des Schneiders Fluch, des Schneiders Fluch, des Schneiders Fluch!” Sollte und wollte sich das etwa wiederholen? Ich erschrak, wie ich noch nie erschrocken bin, und eilte von dieser Stelle und von dieser Erinnerung fort, die Höhe hinab, durch das Städtchen hindurch, nach Hause, nach Hause, nach Hause!
Ich kam eher, als man mich erwartete. Meine Eltern wohnten noch im ersten Stock desselben Hauses. Ich stieg die Treppe empor und dann gleich noch eine zweite hinauf nach dem Bodenraume, wo Großmutter sich immer am liebsten aufgehalten hatte. Ich wollte zunächst zu ihr und dann erst zu Vater, Mutter und Geschwistern. Da sah ich die wenigen Sachen, die sie besessen hatte; sie selbst aber war nicht da. Da stand ihre Lade, mit blauen und gelben Blumen bemalt. Sie war verschlossen, der Schlüssel abgezogen. Und da stand ihre Bettstelle; sie war leer. Ich eilte hinab in die Wohnstube. Da saßen die Eltern. Die Schwestern fehlten. Das war Zartgefühl. Sie hatten gemeint, die Eltern gingen vor. Ich grüßte gar nicht und fragte, wo Großmutter sei. „Tot -- -- -- gestorben!” lautete die Antwort. „Wann?” „Schon voriges Jahr.” Da sank ich auf den Stuhl und legte Kopf und Arme auf den Tisch. Sie lebte nicht mehr! Man hatte es mir verschwiegen, um mich zu schonen, um mir die Gefangenschaft nicht noch zu erschweren. Das war ja recht gut gedacht; nun aber traf es mich um so wuchtiger. Sie war nicht eigentlich krank gewesen; sie war nur so hingeschwunden, vor Gram und Leid um -- -- -- mich!
Es dauerte lange Zeit, ehe ich den Kopf wieder hob, um die Eltern nun zu grüßen. Sie erschraken. Sie sagten mir später, mein Gesicht habe schlimmer ausgesehen als dasjenige einer Leiche. Die Geschwister kamen hinzu. Sie freuten sich des Wiedersehens, aber sie schauten mich so sonderbar an, so scheu. Das war nichts weiter als der Reflex meines eigenen Gesichts. Ich gab mir zwar die größte Mühe, aber ich konnte den Schlag, der mich soeben getroffen hatte, doch nicht ganz verbergen. Ich wollte nur von Großmutter wissen, jetzt weiter nichts, und man erzählte mir. Sie hatte sehr viel von mir gesprochen, aber niemals ein Wort, welches mich hätte kränken müssen, wenn ich dabeigewesen wäre. Und sie hatte nie geklagt oder gar geweint. Sie hatte gesagt, nun wisse sie, daß ich eine jener Seelen sei, die bei ihrer Geburt zur falschen Stelle geschleudert werden, um dort vernichtet zu werden. Nun sei sie überzeugt, daß ich durch die Geisterschmiede müsse, um alle irdischen Qualen über mich ergehen zu lassen. Aber sie wisse, ich werde nicht schreien, ich werde tragen, was zu tragen ist, und mir den Weg nach Dschinistan [sic] erzwingen. Je näher sie dem Tode kam, desto ausschließlicher lebte sie nur noch ihrer Märchenwelt und desto ausschließlicher sprach sie nur noch von mir. An einem der letzten Tage erzählte sie, daß der längst verstorbene Herr Kantor heute Nacht bei ihr gewesen sei. Er war unser Nachbar gewesen. Die beiden Häuser stießen aneinander. Da habe sich plötzlich im Dunkel die Mauer auseinander getan, und es sei hell geworden, aber nicht in einem gewöhnlichen Licht, sondern von einem, welches sie noch nie gesehen habe. Von ihm beleuchtet, sei der Herr Kantor erschienen. Er haben genauso ausgesehn wie damals, als er noch lebte. Er sei langsam bis an ihr Bett gekommen, habe sie freundlich lächelnd gegrüßt, wie es immer seine Art und Weise war, und dann gesagt, daß sie sich ja nicht um mich sorgen solle; ich könne wohl stürzen wie jeder Andere, nicht aber liegen bleiben; es werde mir zwar schwer gemacht, doch erreiche ich sicher mein Ziel. Nach diesen Worten nickte er ihr wieder freundlich zu und ging ebenso langsam, wie er gekommen war, nach der Mauerlücke zurück. Sie schloß sich hinter ihm. Das Licht verschwand; es wurde wieder dunkel.
Als sie das erzählt hatte, war es gewesen, als ob ein Teil jenes fremden, ihr bisher unbekannten Lichtes auf ihrem Gesicht zurückgeblieben sei, und es lag auch noch dann darauf, als sie die Augen geschlossen hatte und nicht mehr atmete. Ihr Tod war ein sanfter, ein friedlicher, ein seliger gewesen; mir aber war gar nicht friedlich und gar nicht selig zu Mute, als man mir von ihm erzählte. Es tauchten Vorwürfe in mir auf, aber keine Vorwürfe, die nur Gedanken sind, wie bei andern Leuten, die nicht von derselben Veranlagung sind wie ich, sondern Vorwürfe viel wesentlicherer, viel kompakterer Art. Ich sah sie in mir kommen, und ich hörte, was sie sagten, jedes Wort, ja wirklich, jedes Wort! Das waren nicht Gedanken, sondern Gestalten, wirkliche Wesen, die nicht die geringste Identität mit mir zu besitzen schienen und doch identisch waren. Welch ein Rätsel! Aber welch ein ungewöhnliches, furchtbar beängstigendes Rätsel! Sie glichen jenen in mir schreienden, dunkeln Gestalten von früher her, mit denen ich -- -- -- mein Gott, kaum hatte ich an sie gedacht, so waren sie wieder da, ganz so, wie ich damals gezwungen gewesen war, sie in meinem Innern zu sehen und zu hören. Ich vernahm ihre Stimmen so deutlich, als ob sie vor mir stünden und an Stelle der Eltern und Geschwister mit mir sprächen. Und sie blieben. Sie gingen, als ich mich niederlegte, mit mir schlafen. Aber sie schliefen nicht und ließen auch mich nicht schlafen. Es begann das frühere Elend, die frühere Marter, der frühere Kampf mit unbegreiflichen Mächten, die um so gefährlicher waren, als ich absolut nicht entdecken konnte, ob sie Teile von mir seien oder nicht. Sie schienen es zu sein, denn sie kannten einen jeden meiner Gedanken, noch ehe er mir selbst zum Bewußtsein kam. Und doch konnten sie ganz unmöglich zu mir gehören, weil das, was sie wollten, fast stets das Gegenteil von meinem Willen war. Ich hatte mit meiner Vergangenheit abgeschlossen. Der vor mir liegende Teil meines Lebens sollte ein ganz anderer sein, als der, welcher hinter mir lag. Diese Stimmen aber waren bemüht, mich mit aller Gewalt in die Vergangenheit zurückzuzerren. Sie verlangten wie früher, daß ich mich rächen solle. Nun erst recht mich rächen, für die im Gefängnis verlorene, köstliche Zeit! Sie wurden von Tag zu Tag lauter; ich aber stemmte mich gegen sie; ich tat, als ob ich nichts, gar nichts höre. Das war aber selbst bei der größten Kraftaufwendung nicht länger als höchstens nur einige Tage lang auszuhalten. Indessen besuchte ich einige Verleger, um mit ihnen über die Herausgabe der im Gefängnisse geschriebenen Manuskripte zu verhandeln. Hierbei stellte es sich heraus, daß während dieser meiner Abwesenheit die inneren Stimmen um so mehr verstummten, je weiter ich mich von der Heimat entfernte, und wieder um so deutlicher wurden, je mehr ich mich ihr wieder näherte. Es war, als ob diese finstern Gestalten dort seßhaft seien und nur dann über mich herfallen könnten, wenn ich die Unvorsichtigkeit beging, mich dort einzufinden. Ich beschloß hierauf die Probe zu machen. Ich kassierte meine Honorare ein und machte eine längere Auslandsreise. Wohin, das habe ich im zweiten Bande dieses Werkes zu erzählen, in welchem meinen Reisen und ihren Ergebnissen ein größerer Raum gewidmet werden soll, als ich ihnen hier gewähren könnte. Während dieser Reise verschwanden diese Bilder ganz und gar; ich wurde vollständig frei von ihnen. Dafür aber stellte sich ein ganz ungewöhnlicher Drang in mir ein, nach der Heimat zurückzukehren. Es war kein gesunder, sondern ein kranker Trieb; das fühlte ich gar wohl, aber er wurde so stark, daß ich die Widerstandskraft verlor und ihm gehorchte. Ich kehrte heim, und kaum war ich dort, so stürzte sich Alles, was ich beseitigt glaubte, wieder auf mich. Die Anfechtungen begannen von Neuem. Ich vernahm unausgesetzt den inneren Befehl, an der menschlichen Gesellschaft Rache zu nehmen, und zwar dadurch Rache, daß ich mich an ihren Gesetzen vergriff. Ich fühlte, daß ich, falls ich diesem Befehle Gehorsam leiste, ein höchst gefährlicher Mensch sein werde, und nahm alle mir gegebene Kraft zusammen, gegen dieses entsetzliche Schicksal anzukämpfen.