Meister Autor; oder, die Geschichten vom versunkenen Garten

Wilhelm Raabe · Kapitel 1 von 5 · Teil 1/6

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Meister Autor; oder, die Geschichten vom versunkenen Garten

The Project Gutenberg EBook of Meister Autor, by Wilhelm Raabe

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 6 Teile geteilt.

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Title: Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten

Author: Wilhelm Raabe

Release Date: March 18, 2011 [EBook #35603]

Language: German

 

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEISTER AUTOR ***

 

Produced by Norbert H. Langkau, tiwi and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net

 

Wilhelm Raabe

Bücherei

Erste Reihe

Band 14

 

Wilhelm Raabe

Bücherei

Erste Reihe:

Kleinere Erzählungen

Vierzehnter Band

Berlin-Grunewald

Verlagsanstalt für Litteratur und

Kunst/Hermann Klemm

 

Wilhelm Raabe

Meister Autor

oder

Die Geschichten vom versunkenen Garten

Dritte Auflage

11.-16. Tausend

Berlin-Grunewald

Verlagsanstalt für Litteratur und

Kunst/Hermann Klemm

 

Gedruckt bei G. Kreysing in Leipzig

Einbandzeichnung entworfen von Bernhard Lorenz Den Einband fertigte H. Fikentscher in Leipzig

 

Meister Autor

oder

Die Geschichten vom versunkenen Garten

 

Erstes Kapitel.

 

Wann und unter welchen Umständen der Meister Kunemund den Ausspruch tat, weiß ich nicht mehr; aber daß er ihn tat, weiß ich.

Er sagte nämlich:

»Ich verstehe die Welt wohl noch, aber sie versteht mich nicht mehr, und so werden wir wohl nie mehr so zusammenkommen, wie damals, als wir beide noch jünger waren. Na, mir ist's zuletzt einerlei; ja, Herr, es kitzelt einen sogar dann und wann, wenn man bei sich überlegt, daß man im Grunde der Jüngere von zweien geblieben ist. Laß sie alt werden, die Welt; was kümmert's mich!«

Nun sehe ich ihn doch wieder ganz genau vor mir, wie er dasaß und das Wort sagte. Es ist ganz richtig, er saß auf seiner Schnitzbank und fuchtelte mir mit seinem Schnitzmesser bedenklich vor der Nase herum, bedenklich, obgleich dieses Messer ein ganz guter, alter Bekannter von mir war. Es war ein berühmtes Messer und war aus fernster Volksurzeit von Hand zu Hand bis in die Hand des Meisters herabgelangt, und er wußte gerade so gut damit umzugehen, wie alle, die es vor ihm geführt und sich damit gewehrt hatten.

Mündliche Tradition, Schreiberkunst und Druckerkunst geben uns recht:

»Da ging der Junge vor den König und sprach: Wenn's erlaubt wäre, so wollte ich wohl drei Nächte in dem verwünschten Schloß wachen. Der König sah ihn an, und weil er ihm gefiel, sprach er: Du darfst dir noch dreierlei ausbitten, aber es müssen leblose Dinge sein, und darfst das mit ins Schloß nehmen. Da antwortete er: So bitt' ich um ein Feuer, eine Drehbank und eine Schnitzbank mit dem Messer.«

Nun wissen wir alle, was für Ungetüm und Gespenstertum der Junge in den drei Nächten sich vom Leibe zu halten hatte, wie er mit den Katzen Karten spielte und wie ihm halbe Menschen durch den Schornstein herunterfielen, — halbe Menschen, zu denen er sich erst die andere Hälfte ausbitten mußte, ehe er imstande war, mit ihnen Kegel zu schieben. Wir haben manchmal, — manch liebes Mal unser Vergnügen an der Unbefangenheit des Jungen gehabt und vielleicht ihn auch dann und wann um sie beneidet: von diesem Jungen aber stammte der Meister Kunemund in gradester Linie ab und war insofern mit den berühmtesten Leuten im deutschen Volke verwandt, und nicht allein im deutschen Volke. —

Doch da hat mich das Anfangen sofort weit in die Mitte meines Berichtes hineingerissen, und das zeigt einmal von neuem, daß es immer ein gewagtes Unterfangen ist, große Herren und Damen, bedeutende Menschen, eigentümliche und selbständige Charaktere mit der Federspitze anzutupfen. Glücklicherweise aber gelingt es mir dieses Mal noch zur rechten Zeit, mich zu besinnen: ich hebe von neuem an, zu erzählen.

Wir kamen über ihn von Kneitlingen aus; jung und alt, Männlein und Weiblein, eine Auswahl und Auslese feiner, liebenswürdiger und gebildeter Gesellschaft deutscher Abstammung und Zunge — was die Abstammung anbetraf natürlich unter dem dazu gehörigen Vorbehalt. Wir kamen über ihn, Leute von guten Mitteln: junge Herren, die ihre drei Examina vollgültig bestanden hatten, zierliche Fräulein aus den höchsten Töchterschulen, gediegene und wohlgediehene Väter und Mütter, Onkel und Tanten. Wir kamen recht lebhaft und sehr heiter angeregt über ihn; denn wir machten von Schöppenstedt aus eine Vergnügungsfahrt in den Elmwald, hatten Schöppenstedt vermittelst der Eisenbahn erreicht und das berühmte Dorf Kneitlingen und den Wald vermittelst zweier Bauerwagen, auf denen mit Hülfe von Brettern und Strohbündeln eine genügende Anzahl zweckdienlicher Sitze für uns hergerichtet worden war.

Nun liegt hier vor mir ein anderes Dokument, und zwar in Folio: — Merians Topographia und Beschreibung der vornehmsten Städte, Schlösser, auch anderer Örter im Herzogtum Braunschweig und Lüneburg. Auf der Kupfertafel, welche den nicht unberühmten Platz und Ort Schöppenstedt darstellt, zieht sich im Hintergrunde gleichfalls natürlich der Elm hin, und über einigen Hausdächern, die am Rande des Waldes aus dem Gebüsch hervorragen, lesen wir die Legende:

Kneitlingen, allwo das fromme Kind Eulenspiegel geboren wurde.

Wir erreichten den Elm über Kneitlingen hinaus. —

Über Kneitlingen hinaus, linksab, unbestimmt tief in den Wald hineinwärts, da wohnte der Meister Kunemund, den die Welt nicht mehr so recht verstand, weil er ihr zu jung geblieben war. Da wohnte er ziemlich verborgen, daß heißt er hatte sich einem Förster in die Kost und unter Dach getan; und da machte ich seine Bekanntschaft und er die meinige, was unter Umständen nicht sich von selber versteht, oder besser gesagt, nicht dasselbe ist.

Wir führten in mehreren Körben einen genügenden Vorrat von Lebensmitteln sowie auch eine erkleckliche Anzahl Flaschen mit allerlei Getränk mit uns und konnten also recht vergnügt sein. Unter der Leitung eines jungen Forstmannes im grünen Rock und mit einem papiernen Hemdkragen frühstückten wir mitten im im Quincunx gepflanzten Musterforst, wie die bessern Stände auf ihren Ausflügen in die freie unverfälschte Natur zu frühstücken pflegen. Nachher spielte man, wiederum unter der Leitung des eben erwähnten jungen Forstmanns, Blindekuh und sonstige unschuldige Spiele, was sehr hübsch war, aber auch den Höhepunkt des Vergnügens bildete; denn im Grunde mißlang jeder spätere Versuch, sich noch höher und tiefer in das volle Naturbehagen hinauf- und hineinzuschrauben, vollständig. Daß ein jeglicher in der Gesellschaft die Schuld an der von Viertelstunde zu Viertelstunde mehr einreißenden Langeweile und Verdrießlichkeit nicht sich selber zumaß, war unter diesen Verhältnissen natürlich: das Gefühl, mit dem linken Fuße zuerst und noch dazu viel zu früh aus dem Bette gestiegen zu sein, wurde allgemein.

Der junge Grünling mit dem Papierkragen war der letzte, dessen Lebensgeister sanken; aber auch ihm sanken sie. Er fing an, uns eine frisch von der Forstakademie mitgebrachte wissenschaftliche Abhandlung über moderne Waldwirtschaft zu halten und setzte dadurch dem Vergnügen freilich die Krone auf.

Mit der Mißachtung selbst der jungen Damen beladen, verlor er sich für ein geraume Zeit in einer jungen Schonung und kam erst dann wieder zum Vorschein, als die Gesellschaft den Versuch, im Walde Mittagsruhe zu halten, durch Ameisen, Kopfweh, Waldspinnen und Gliederschmerzen gehindert, aufgegeben hatte. Der holde, wolkenlose Tag übte immer sonderbarere Wirkung auf die Teilnehmer und Teilnehmerinnen an dem Vergnügen. Begrabene, mehr oder weniger tief zugedeckte Feindschaften und Feindseligkeiten wühlten sich mit überraschender Schnelligkeit von neuem ans Licht. Wer etwas gegen seinen Nachbarn oder seine Nachbarin im Grase auf dem Herzen hatte, der fühlte einen unwiderstehlichen Kitzel, es von demselbigen los zu werden, und zwar auf die anzüglichste, unangenehmste Weise. Und da wieder wurden vorzüglich die Damen scharf, sowohl die jungen wie die ältern, sie pflückten füreinander kuriose Sträuße unter den Büschen, und es wurde die höchste Zeit, daß irgend jemand sich begütigend dreinlegte.

Dieser jemand war ich, und ich warf den Vorschlag in die allgemeine Verbitterung, alle Streitigkeiten für jetzt beiseite zu schieben und sie für die Heimfahrt, für das trauliche Beieinandersitzen auf den zwei Leiterwagen und im Eisenbahnwagen aufzusparen.

Da man mich nur von der Seite ansah, so erweiterte ich meinen Vorschlag dahin, daß man, um den Tag ganz auszunutzen, einem Försterhause, das ich eine halbe Stunde weiter in den Wald hineingelegen wußte, einen Besuch abstatten solle. Sauere Milch wirke kühlend und erfrischend, und der Tag sei noch sehr lang.

Nun sah man sich an, und der Vorschlag fand genügende Unterstützung.

»Tofote heißt der Förster dort,« sagte der junge Herr von Müller. »Es ist eine eigentümliche Wirtschaft dort. Bei der Forstbehörde ist der Kerl grade nicht zum besten angeschrieben, aber das braucht uns freilich nicht abzuhalten, ihm eine Visite zu machen. Die Idee ist gut, überfallen wir den Burschen! Wenn die Herrschaften erlauben, werde ich den Weg andeuten.«

Nun waren alle Lebensgeister auf einmal wieder wach, und wir im nächsten Augenblick auf dem Marsche durch den Elm zum Förster Arend Tofote. Die jungen Leute stimmten ein Waldlied von Eichendorff an, welches sehr hübsch und romantisch unter den hohen Buchenwölbungen klang; und wer uns nun wieder sah und hörte, der war verpflichtet, ohne Widerstand und Widerrede verpflichtet, uns für das zu nehmen, was wir schienen, nämlich waldfröhliche, hübsche, vergnügte Kinder der Natur, junge sowohl wie alte.

 

Zweites Kapitel.

 

Ich heiße Schmidt. Mein Name ist drolligerweise sogar von Schmidt. Es ist beängstigend aber wahr, ich gehöre dem Adel der deutschen Nation an, und ich habe sogar meinen Vater noch in Verdacht, sich etwas darauf zugute getan zu haben. Bei welchem Märchenkönig der Ahnherr meines Geschlechtes Kanzler oder lustiger Rat war, habe ich nie herausbekommen können; aber daß wir ein altes Geschlecht sind, das weiß ich; und daß wir selten unseres Glückes Schmiede waren, das weiß ich leider auch. Seit ich den Meister Autor Kunemund kennen gelernt habe, bilde ich mir ein, daß unsere Bezüge mehr als tausend Jahre alt sind, und es würde mich gerade nicht wundern, wenn der Ahnherr derer von Schmidt im geheimen Rate jenes braven Jungen gesessen hätte, der König wurde, weil's ihm nicht gruselte, und dem das Gruseln erst längere Zeit nach seinem Regierungsantritt durch seine Frau gelehrt wurde.

Dieses beiläufig, jedoch nicht ohne Grund. — Wir zogen also durch den Wald, den Förster Arend Tofote zu besuchen, und wir stießen zuerst auf den Meister Autor.

Wir kamen über ihn an einem Bache, dem die Begünstigung, durch den Musterforst rieseln zu dürfen, noch nicht von der Oberforstbehörde genommen worden war, und wir faßten ihn eigentlich in einer für das Gefühl der Damen etwas fraglichen Situation ab. Seine Schuhe standen neben ihm, seine Füße standen im Wasser, braun und knochig; Füße, auf denen er länger als ein halbes Jahrhundert herumgelaufen war. Der Tag war heiß, und der Meister Kunemund nahm ein Fußbad.

»Hol' mich der Teufel!« sagte er, als wir plötzlich durch das Gebüsch rauschten und auf sein Behagen hereinbrachen. Er ist immer ein höflicher Mann gewesen, denn wer hätte es ihm verdenken können, wenn er gerufen hätte: »Hole euch alle insgesamt, — hole euch ohne jegliche Ausnahme der Teufel! —?«

Er war nicht allein, als wir ihn überraschten. Er hatte auch seine Gesellschaft bei sich: einen schiefbeinigen, sagenhaft aussehenden Dachshund und ein kleines zehnjähriges Mädchen. Der Dachshund saß neben ihm, dicht an seiner Seite. Das kleine Mädchen saß ihm gegenüber am andern Rande des Bachs, von Sonne und Blätterschatten umspielt. Es saß, den Rücken an einen Baum gelehnt, die Arme kindlich über der Brust ineinander gelegt, das Mäulchen gespitzt, wie zu einem Pfiff oder Kuß. Wenn man ihr den letztern gegeben haben würde, und sie hätte das Näschen gerümpft, so würde man vollkommen in seinem Recht gewesen sein, wenn man gerufen hätte:

»Jetzt nimmt sie es gar noch übel!« —

Als wir da waren, das heißt als der Alte uns herankommen hörte, sah er sich um; und das Kind stand auf. Der Dachs stand auch auf, wenn man bei solchen Beinen das so nennen wollte, und bellte wie ein Hund aus den Gebrüdern Grimm. Unsererseits sprach der junge Forsteleve von Müller:

»Guten Tag, Herr Kunemund. Da sind wir, wie ich es dem Herrn Förster versprochen habe. Guten Tag, Fräulein Gertrud, ist der Vater zu Hause und sonst alles wohl?«

»Guten Tag!« sagte das kleine Waldfräulein, ohne sich auf weiteres einzulassen. Aber der Meister Autor erhob sich jetzt ächzend von seinem Sitz und nahm eine Handvoll feuchtsaftigen Mooses und einiges Blätterwerk, das er dem Boden im Sich-Aufrichten entrissen hatte, mit sich in die Höhe und behielt es während der folgenden Unterhaltung, wie eine Art Trost- und Stärkungsmittel im Verdruß, in der geballten Rechten. Widerwillig reichte er die Linke unsrem freundlichen Fröhlichkeitsordner und brummte:

»Richtig, da sind die Herrschaften. Na, der Alte wird sich denn ja wohl auch freuen, und wenn ihr die Alte dazu in guter Laune trefft, so soll es mir angenehm sein. Lustig, Trudchen, sieh doch die Damen nicht so dumm an! Lauf vorauf und bereite sie auf die Ehre und das Vergnügen vor, auf daß ihnen der freudige Schrecken an der Gesundheit keinen Schaden tut.«

Daß dieser Empfang sehr höflich gewesen sei, konnte die Gesellschaft nicht finden. Aber unser Führer hatte uns bereits darauf vorbereitet, und so nahmen wir mit ziemlich gutem Humor den Gruß des Alten hin.

»Seien Sie nicht zu grob, Kunemund,« sagte der Herr von Müller lachend. »Daß Sie sich über unseren Besuch freuen, weiß ich ja doch zu genau. Fräulein Julie, Fräulein Minna, laufen sie dreist mit dem Kinde voran! Wir kommen im feierlichen Zuge augenblicklich nach und haben doch noch unsern Spaß heute.«

Gertrud Tofote sah sich noch einmal einen langen Augenblick hindurch die Gesellschaft an; dann drehte sie sich auf den Hacken, tat einen Sprung über den Bach und schoß wie die Lieblichste der Elfen durch den Wald davon; und selbst die jüngsten Damen unserer Gesellschaft, die hinter ihr drein liefen, gaben es bald auf, gleichen Schritt mit ihr zu halten, oder sie nur im Gesicht zu behalten. Wir älteres Volk setzten uns schwerfällig von neuem in Bewegung, den Meister Autor Kunemund in unserer Mitte.

Wir können es nicht genug wiederholen, daß der Elm ein Musterforst ist. Auf den Wanderversammlungen der grünröckigen Herren pflegt viel von ihm die Rede zu sein. Seine Kultur ist durch die fachwissenschaftlichen Blätter weit über die Grenzen Deutschlands berühmt geworden, und seine Bäume bekommen ihre Blätter trotz alledem in jedem neuen Frühjahre wieder. Sie bleiben auch gewöhnlich bis in den Herbst hinein grün, »was eigentlich ein Wunder ist«, wie der Meister Autor sagte, nachdem er und ich bessere Bekannte geworden waren und gegeneinander nur selten noch ein Blatt vor den Mund nahmen; — großer Gott, wie geistreich man doch auf solch einer Vergnügungsfahrt ins Grüne und Blaue hinein wird! Selbst wenn man Jahre lang nachher darüber schreibt, ist das Salz davon noch nicht dumm geworden, welches ohne allen Zweifel ein Wunder ist. — Wir zogen also durch diesen im Quincunx gepflanzten Musterforst der Amtswohnung des Försters Arend Tofote zu, und der Dachshund watschelte uns voran, von Zeit zu Zeit stehen bleibend und seine Verwunderung über uns durch ein bedenkliches Hauptschütteln und einen fragenden Blick auf seinen Herrn kundgebend. Der Herr selber aber ging mit uns, wie gesagt, und hatte sich, wahrscheinlich um seinen Jubel zu verbeißen, sein Moosbüschel in den Mund gestopft. Seine Schuhe trug er jetzo an den Füßen, aber den linken Strumpf anzuziehen, hatte er in der Hast und Aufregung vergessen und trug ihn zusammengeballt in der Faust. Wir gingen fröhlich ihm nach und um ihn her; sämtliche gelehrte Stände gegen wärtig und vorhanden. So kamen wir beim Försterhause an, und der Leiter unserer Vergnügungspartie stellte uns dem Förster vor, und der Förster Arend Tofote erschien hierbei als der Verlegenste seines ganzen Haushaltes. Nichtsdestoweniger war er aber gern bereit, zu unserer Lust beizutragen, was ihm nur irgend möglich war. Mit Speisen und Getränken wartete er nach besten Kräften auf und jagte die Alte, d. h. seine alte Haushälterin, und sein junges Kind nicht wenig. Unsere Damen waren natürlich entzückt über das Kind und die Verpflegung, und bei den Herren wachten Hunger und Durst merkwürdig lebendig von neuem auf. Es wurde sehr behaglich, sehr gemütlich; und unsere Gemütlichkeit erlitt auch dann kaum einen Abbruch, als das liebe, einfache Waldkind, die Gertrude, ihrerseits gleichfalls ihr möglichstes zu derselben beitragen wollte, und plötzlich und unvermutet ihre Spielgenossen auf uns los ließ. Wie wir über das stille Haus im Walde gekommen waren, so kamen die guten Kameraden über uns. Zwei reizende, schneeweiße Ferkelchen, zwei muntere, doch etwas mutwillige Ziegen, deren eine den jungen Herrn von Müller und Fräulein Amalie durch zwei unvermutete Kopfstöße von hinten beinahe zum Fall auf die Nasen gebracht hätte — erheiterten die Gesellschaft sehr. Weniger vermochte das ein etwas stachlichter Igel, den Amalias Mama auf ihrem Stuhle fand, als sie sich aus Schreck über die Gefahr der Tochter ein wenig hastig auf ihm niederließ. Sie kreischte laut auf, und mehrere Damen versetzten sich ganz in ihre Situation und schrieen hell auf. Der Zwischenfall wäre sicherlich noch länger und lebhafter besprochen worden, wenn er nicht sofort durch einen zweiten abgelöst worden wäre. Diesmal war die Reihe an der Geistlichkeit. Mit einem Schreckensruf fuhr der Herr Pastor zusammen und empor. Unter seinem Stuhle hatte es sich plötzlich geregt, und weich und verstohlen hatte es sich zwischen seinen Schenkeln emporgeschoben: es war aber nur Meister Reinecke der Fuchs, und zwar der zivilisierte, der gezähmte Fuchs, der einen günstigen Augenblick benutzte, um die Kirche zu kränken und dem geistlichen Herrn zierlich, aber ungeladen, ein delikates Stück Schinken vom Teller zu nehmen. Das Verbrechen war begangen, das Sakrilegium vollendet wie geplant, und frivolerweise lachte die Gesellschaft ebenso herzlich über das Gesicht des Herrn Pastors wie über den schlauen Dieb und seinen eiligen Rückzug mit der guten Beute.

Noch einiges andere Getier erlaubte sich seinen Spaß mit uns; aber im ganzen fanden wir uns doch harmlos genug darein und waren recht vergnügt. Wir fingen sogar an, von neuem zu singen, und zwar wiederum allerhand Volkslieder, wie sie jetzt gedruckt in den Büchern stehen und meistens reizend von den geschicktesten und naivsten Künstlern mit den hübschesten Holzschnittillustrationen verziert werden. Wir konnten wirklich noch ohne Noten singen, und es klang wiederum recht gut — sogar sehr gut — im Walde. Herrn Kunemund bekam ich an diesem Tage nicht mehr zu Gesichte; doch die Gesellschaft vermißte ihn durchaus nicht, und so sehe ich keinen Grund dafür, weshalb gerade ich mich an dieser Stelle über sein Verschwinden wundern sollte.

 

Drittes Kapitel.

 

Am Spätnachmittag zogen wir wieder ab, wie wir gekommen waren. Daß ein jeder Teilnehmer an der fröhlichen Fahrt ins Grüne ihrer mit Vergnügen gedachte, steht zu hoffen; was mich persönlich anbetrifft, so war ich am Spätabend herzlich froh, alles vollendet zu haben und wieder zu Hause zu sein. Die Lust des Tages war mir doch ein wenig auf die Nerven gefallen, und es bedurfte längerer Zeit, ehe ich mich so weit erholt hatte, um an den Meister Kunemund, den Förster Arend Tofote, sein Försterhaus und sein Töchterlein ohne Widerwillen denken zu können. —

Wie gesagt, ich heiße von Schmidt, habe außerdem den Bergbau studiert, wurde für längere Jugendjahre durch ein schlagendes Wetter an meiner Gesundheit geschädigt, erholte mich, verließ den Staatsdienst und bin jetzt meines Zeichens ein beschäftigungsloser Liebhaber wohlfeiler ästhetischer Genüsse. Recht niedliche Novellen aus meiner Feder sind in verschiedenen Blättern abgedruckt worden. Einige wurden mir auch als unbrauchbar zurückgesendet; ich halte dieselben für die bessern Erzeugnisse meines Geistes und benutze diese Gelegenheit, um sie den verehrlichen Redaktionen nochmals zur Verfügung zu stellen. Mein Vater war ein wohlhabender Domänenpächter, der das Glück hatte, fast ein Menschenalter hindurch lauter »gute Jahre« zu haben. Er starb als ein, nach deutschen Verhältnissen, wohlhabender Mann, und ich bin sein einziger Erbe, und er starb früh genug, um mir auf meinem Lebensgange und bei meinen Liebhabereien nicht hindernd in den Weg treten zu können. Natürlich verwendete ich auch das Försterhaus in Elm novellistisch; jedoch ohne viel Freude an der Leistung zu erleben. Sie schien sich auf keine Weise von meinem Schreibepult trennen zu können; mit überraschender Schnelligkeit langte sie von jedem Ausflug in die Welt wieder zu Hause an. Kaum daß ich sie glücklich wie aus der Seele so vom Halse losgeworden zu sein glaubte, war sie in ihrer ganzen tauigen, waldduftigen Frische wieder da. Ja, die waldfrischesten, tauduftigsten Redaktoren und Redaktionen schickten sie mir umgehend wieder zu. Eine ganze Literatur von Begleitschreiben sammelte sich um das unglückselige Kunstwerk an, bis ich zuletzt wütend den Deckel des Pultes über ihm zuschlug, den Kasten verschloß und den Schlüssel verlor. Nachher hatte ich Ruhe. —

Ich hatte Ruhe durch den Winter, und im nächsten Frühjahre stattete ich dem Förster Tofote, dem Herrn Kunemund und der Gertrud einen zweiten Besuch ab; jedoch diesmal allein. Das war an einem einundzwanzigsten Mai, und seit diesem Tage verging selten ein Jahr, in welchem ich nicht mehreremale den Besuch wiederholte. Was aber diese vorliegende Schrift anbetrifft, so wurde dieselbe wenigstens im Anfange einzig und allein nur deshalb unternommen und abgefaßt, um von dem Besuche zu handeln, den mir der Meister Kunemund abstattete. Daß ich aber am Schlusse heirate, beweist wieder einmal, daß man niemals weiß, wie's endet, wenn man in irgendeiner Weise anfing. —

Ich saß, beide Ellenbogen auf die solide aus Eichenholz herausgearbeitete Klappe gestützt, unter welcher ich alle meine besten lyrischen, epischen und dramatischen Gefühle und Empfindungen unter Schloß und Riegel zu halten pflege. Gähnend, aller Langweiligkeit des Daseins voll, saß ich, als es an meiner Tür pochte und blöde sich hereinschob ins Zimmer, nachdem ich mürrisch, ohne mich umzuwenden, die Störung aufgefordert hatte, heranzukommen. Offen gestanden traute ich meinen Augen dann gar nicht, und rückte den Stuhl mit solchem Nachdruck herum und dem Besucher entgegen, daß das Möbel darüber durchaus aus dem Leime ging.

»Ja, ich bin es; nehmen Sie es nur nicht zu sehr übel!« sagte der Meister Autor, als ich ihn an beiden Seiten gepackt hielt und die Trümmer des Sitzgerätes mit einem Fußtritt hinterwärts aus dem Wege stieß.

»Das war es, was anklopfte?… Gütiger Himmel, willkommen, Herr Kunemund! O Meister, Meister, welches Vergnügen!… Gottlob, daß Sie selber keine Ahnung davon haben, welches Behagen Sie unsereinem geben und welche Ehre Sie uns durch einen solchen Besuch antun!«

»Lieber Herr —«

»Liebster, bester Freund, seien Sie herzlichst gegrüßt! Was Sie auch herführen mag, mir bringen Sie alles mit, was ich eben ganz notwendig brauchte.«

»Lieber Herr —«

»Was macht der Alte? was macht die Alte? was treibt das Kind — das Fräulein, das Waldfräulein? Wahrhaftig, ich könnte noch nach hundert guten Bekannten fragen und fragte den Kreis nimmer aus. Bis auf die Fliegen an der Wand ist mir das Haus im Elm ins Herz gewachsen.«

Wie das fromme Kind aus Kneitlingen in seinen fröhlichsten Momenten, tanzte ich um den alten Mann herum und merkte erst lange nachdem ich ihn durch den überwältigenden Wortschwall und Ausbruch meiner Gefühle betäubt hatte, daß ich ihn betäubt habe. Da mäßigte ich mich denn, nahm ihm den Hut aus den Händen, drückte ihn auf den bequemsten Stuhl nieder, strich sämtliche Papiere vom Tische vor ihm und riß den Klingelzug ab, im hellen Eifer, ihm ein Frühstück zu schaffen. Er aber lächelte verlegen ob all der Aufregung und all des Umstandes — er verlegen!… er, der Meister Autor Kunemund!

Ach, er hatte keine Ahnung davon, wie sehr ich mich schämte, ihn in Verlegenheit setzen zu können, und wie ich grade deshalb in fieberhafter Hast mich bestrebte, ihn auf den richtigen Fuß und Schick zu bringen. Aber ich sollte sogleich noch mehr Grund finden, mich in meinem Sein und Für-mich-sein beunruhigt und ungemütlich zu finden — kurz mich zu schämen; denn es stellte sich bald heraus, daß der Herr Autor Kunemund mir trotz der jetzt ziemlich langen Bekanntschaft noch lange nicht recht trauete. Er brachte mir nämlich einen Brief mit, und zwar einen Empfehlungsbrief vom Pastor zu Ampleben (Amt Lehen sagt das Volksbuch), dessen geistlicher und leiblicher Vorfahr vor mehr als fünfhundertneunzig Jahren die welthistorische Ehre gehabt hatte, oben beregtes frommes Kind Till Eulenspiegel, Sohn von Klaus desselbigen Namens und dessen ehelich getrauetem Weibe, Anna, geborener Weibikin mit dem Sakrament der heiligen Taufe zu versehen. Da kam es heraus, daß der Meister Kunemund, trotzdem er um Rat zu mir kam, nicht das geringste Vertrauen zu mir hatte; sondern daß er mich leider ganz ruhig für einen Menschen hielt, wie ein Stück von den vielen Dutzenden, deren Bekanntschaft er in seinem Leben gemacht hatte.

Ich nahm den Brief des Pastors, wie er mir gegeben wurde, und ich las ihn auch. Ich las ihn, doch ich behielt während des Lesens meinen Besucher im Auge; ich sah verstohlen über den Rand des Schreibens nach ihm hinüber. Der Pastor wußte im Grunde nichts Übles und Nachteiliges über den Herrn Kunemund mitzuteilen, und so frühstückten wir denn vor allen Dingen wirklich miteinander, und während des Frühstücks suchte ich ihn auszuholen, und unterließ und vollführte in Wort und Tat nichts, was mir meinerseits ihm gegenüber zur Empfehlung dienlich sein konnte.

Ich hatte hart zu kämpfen. Wie alle seinesgleichen wurde er durch eine für den die Welt bedeutenden Teil der Menschheit sehr lächerliche Schämigkeit behindert, sein Inneres einem doch verhältnismäßig fremden Menschen aufzuschließen und sich in seinen Gedanken, Überlegungen, Wünschen und Hoffnungen so nackt und bloß hinzulegen. Er hatte noch nie etwas drucken lassen; er war sehr blöde und die beste Beute für jeden, der in dem gewöhnlichen Sinne ein Interesse an ihm nahm und ihn gebrauchen konnte. Als ich endlich heraus hatte, was ihn in die Stadt führte, und was er überhaupt bei mir wollte, und wie er das, was er wünschte und zu tun hatte, ansah, und zwar von den verschiedensten Seiten, und wie seine Hausgenossen das Ding betrachteten, und zwar ebenfalls von mehreren Seiten: da hatte ich eine Schwergeburtshülfe an ihm vollendet, deren ich mich wohl rühmen durfte.

 

Viertes Kapitel.

 

Ich habe drucken lassen; bin auch sonst gar nicht blöde, halte es aber doch nicht für paßlich, das Publikum noch einmal an den Mühen der Entbindung von Wort zu Wort, Seufzer zu Seufzer, Ächzen zu Ächzen, teilnehmen zu lassen. Ich werde den Meister Autor seine Geschichte und vor allen Dingen seine Vorgeschichte, wenn auch nicht ohne Farbe und Rundung, so doch bündig und ohne meine hundert notwendigen Zwischenfragen, Ermutigungen, Anfeuerungen und Nötigungen vortragen lassen. Wie mehrere andere Leute lasse ich sonst nicht gern jemand das Wort. Ich behalte es lieber selber und bitte, mir die heutige Selbstentäußerung für eine künftige Gelegenheit gut zu rechnen. Es folgt also an dieser Stelle

Das,

was der Meister Autor Kunemund

mir zu sagen hatte.

»Sehen Sie, Herr, da Sie es nicht übelgenommen haben, daß ich Ihnen hier heute so auf den Hals gefallen bin, so will ich denn auch weit genug ausholen, um den Keil in den Stamm zu treiben, nämlich ganz von vorn, oder von hinten, wie Sie es nehmen wollen. Nämlich das ist nicht so, daß man einfach denkt, es verstehe sich von selber, daß man sich in der Welt finde, mit seinen Augen sehe, mit seinen Ohren höre und seine Kinnbacken und Zähne gebrauche, wenn man etwas dazwischen zu nehmen habe. Herum mit dem Karren — ganz im Gegenteil! es versteht sich dieses gar nicht von selber, und man braucht nur anzufangen, darüber nachzudenken, um bis an seinen Tod kein Ende an der Kuriosität zu finden; grade wie unsere Alte daheim, wenn sie angefangen hat, eine Geschichte zu erzählen. Was den Arend anbetrifft, so sitzt der noch in der ersten Art und kümmert sich um nichts, und sein Mädchen, meine Gertrud, sitzt drin bei ihm. Ja die erst recht denkt, daß alles, was ihr passiert, sich von selber verstehe — selbst das, was ihr jetzt passiert ist. Und hören Sie, lieber Herr von Schmidt, was mich anbetrifft, so hab' ich sie beide bei ihrem Glauben belassen; denn behaglicher ist's, und wer's kann, der soll's ja festhalten. Das Grübeln verdirbt einem nur die guten Stunden und die schlimmen macht's wahrhaftig nicht leichter. Ja um noch ein Wort von den bösen Stunden zu reden, so macht sich leider Gottes da das Sinnieren schon ganz, ohne daß man dazu hilft, und wer dann seine Gedanken außer sich richten kann, und wär's nur auf seine vier Wände, seine Nachbarn oder sein Hausvieh, der ist wohl daran. Herr, ist's nicht grade, als ob ich hier sitze und die Alte reden höre?! aber drin und dran bin ich, und eine Hülfe für Sie, liebster Herr, ist nicht mehr; also nur lustig zu! Der Arend Tofote und ich, wir kommen alle beide schon weit her aus der Zeit. Als wir junge Menschen waren, da wußten Ihre lieben Eltern von Ihnen noch lange nicht und wahrscheinlicherweise auch von sich selber gegenseitig blutwenig. Manchmal denk ich mir so, die Alten haben euch — dich und deinen Bruder und den Tofote beim Pflügen in der Scholle aufgeworfen wie die Engerlinge; doch das ist einerlei; es ist nur ein Gefühl. Kurz, wir wuchsen auf im Dorfe — ich und der Arend und als der dritte mein kleiner Bruder, nämlich der, um dessentwillen ich heute hier in der Stadt bin. In den Pulverqualm der Befreiungskriege rochen wir grade noch hinein; zu Waterloo kamen wir noch grade recht, und dafür durften wir dann auch an dem übrigen Vergnügen nach Herzenslust teilnehmen: nach Paris sind wir gekommen, das heißt bis in den Schloßhof von Saint Cloud kamen wir, den Engländern am Schwanze hängend. An den Schloßhof von Saint Cloud will ich mein Lebtage gedenken — o tausend Donnerwetter, die ganze Lust an dem Spaß von damals läuft mir in diesem lächerlichen Schloßhofe von Saint Cloud aus! Da war das rotfrackigte, reitende Käkebein, der Herzog von Wellington — und was tat die Kanaille?… Sie hielt auf Anstand — ich sage Ihnen, sie hielt auf Anstand, Herr! An die ganze, schwitzend und blutrünstig aus der großen Schlacht kommende Armee ließ die fischblütige Bestie Filzsocken verteilen — auf denen hatten wir durch das Frankreich zu marschieren, und die unsterblichen britannischen Helden haben, wenn sie zu fest auftraten, über mehr Stockprügel ihrer eigenen Profossen auf diesem Siegesmarsche, als über französische Säbelhiebe und Kolbenstöße in der Battel, wie sie es nannten, zu quittieren gehabt. Die Preußen hatten es wie immer seit drei Jahren besser. Sie gingen für sich allein und ohne das Schuhwerk zu wechseln, und der alte Blücher hatte es ihnen sogar noch mit neuen Nägeln versohlen lassen. Wir aber, wir Braunschweiger, hingen den rotröckigen Stumpfschwänzen an den Schößen, und was taten die edeln, hochherzigen Siegesbrüder — die Sackermenter? Sie ließen uns in den Bratenduft von Paris hineinriechen, ließen uns abschwenken, schoben uns in den Schloßhof von Saint Cloud und verriegelten sämtliche Tore hinter uns! Was sagen Sie dazu? Sie lachen, aber ich sage Ihnen, uns war wahrhaftig damals nicht lächerlich zumute. Alle Fensterscheiben, die wir abreichen konnten, haben wir eingeworfen; aber wie bald solch ein Vergnügen zu Ende ist, können Sie sich wohl vorstellen; und dann denken Sie sich auch einmal recht lebhaft in unsere Stimmung während des übrigen Aufenthalts hinein und — dann, dann feiern Sie einmal als nachdenklicher Mensch so ein fünfzig Jahr lang jedes Jahr den achtzehnten Juni mit Böllerabbrennen und Heldenliedern und Heil dir im Siegerkranz! Ich möchte Sie wohl einmal dabei sehen, lieber Herr; — aber das kann ich Ihnen im Vertrauen sagen: eine trübseligere muffigere Heldenschar als wir, hat man noch niemals aus einem feindlichen, eroberten Lande nach Hause geführt. Da ich wenigstens bei der großen Schlacht gegenwärtig war, so habe ich mich auch zu den Veteranen rechnen können; aber wie ich mich kenne, so würde ich auch in dieser Eigenschaft für die alljährliche feierliche Begehung des Tages gedankt haben; wenn das Vaterland seine Ehre hat, so will ich die meinige auch haben. So ist es, weil das eine nicht ohne das andere ist. Beizugesagt ist es eigentlich aber der Arend, den Sie aus mir reden hören, denn wenn einer ist, der sich nie über den Schloßhof von Saint Cloud zufrieden geben kann, so ist's der Alte, und wir wohnen unter einem Dache, lieber Herr. — Wir kamen nach Hause, und Tofote kam in den Wald als Unterförster. Ich, der ich so eigentlich auf den Gelehrten und das Abcbuch — wie man es damals verstand und gelten ließ — studiert habe, wollte ich mich eben mit meiner Anstellung in der Tasche davor, nämlich vor den Wald, setzen; als mir der Teufel in die Augen blies. Es soll mir kein Mensch wehren, daß ich auch das auf den langweiligen Kerl, den Wellington und seinen verdammten Schloßhof von Saint Cloud schiebe, daß mich eine Entzündung befiel, die mich fünf Jahre lang in argen Schmerzen fast blind machte, und sich beiher auch gar noch auf das Gehör setzte und mich so dumm im Kopf machte, daß das Konsistorium seinen Brief zurücknahm und mich benachrichtigte, es wäre ihm angenehm, wenn ich mich nach einer andern Kondition umsehen wolle. Da saß ich denn und fraß Jammer und Elend in mich hinein, und wäre Arend Tofote nicht gewesen, so würde ich auch bald genug an der ungesunden Kost erstickt sein. Als ein Glück war es damals anzusehen, daß mein kleiner Bruder um die Zeit grade ohne Abschied durchging, nachdem er dem Vorsteher einen brennenden Schwefelfaden in seine beste Roggendimme geschoben hatte. Der Schlingel hatte mir zu allem andern schwer auf der Seele gelegen, das kann ich Ihnen sagen, Herr, und er hat auch heute noch nicht gutgemacht, was er in seiner Kindheit und Jugend an meiner Behaglichkeit gesündigt hat. Grade vor neun Jahren, ein Jahr vorher, ehe Sie uns Ihren ersten Besuch mit dem Haufen Herrschaften abstatteten, ist auch mein Bruder nach Hause gekommen — ein klein, verrunzelt, gelb, giftig und sozusagen scheusälig Männchen, was sich Mynheer van Kunemund nannte, aber sich ebensogut Herr von Rumpelstilz hätte nennen können. Vor einem Vierteljahr nun ist er hier in einem Garten vor der Stadt gestorben, und einen schönen Streich hat er uns, ganz nach seiner Art, noch zu guter Letzt gespielt. Er hat unser Trudchen Tofote zu seiner Erbin eingesetzt, und es handelt sich da um gar nichts Geringes, und ich bin deshalb heute hier vorhanden, aber daß er sich dabei etwas gedacht hat, das ist sicher. Wo aber der Possen liegt, den er uns zum Schluß noch hat spielen müssen, das haben wir noch nicht heraus; ich verhoffe es mit Gottes und Ihrer Hülfe, Herr von Schmidt, aber noch herauszufinden; und dann — gnade ihm Gott, wenn wir uns noch einmal wieder treffen. Denn was er für ein Gift auf mich und den alten Arend haben mochte: unsere Gertrud hat ihm wahrlich nicht das Kleinste zuleide getan. Erzählen muß ich Ihnen übrigens, wie er sich wieder bei uns in den Wald einschob. Schnurrig genug war's, und wir haben lange an dem Spaße zu verdauen gehabt, bis wir endlich übergenug davon hatten und die Verwunderung hinter den Spiegel steckten. — Das Kind, meine Gertrude, war, müssen Sie wissen, damals so acht oder neun Jahre alt, und ihre Mutter war ungefähr drei Jahre tot. Wir hatten es so ziemlich allein erzogen, denn die Dorfschule wollte wenig sagen, und wir glaubten, ein Meisterstück gemacht zu haben, Tofote, ich und die Alte, und was es, das Kleine, anbetraf, so ging es ruhig seinen Weg allein, und wir ließen es natürlich auch frei in den Wald. Wenn wir ihm einen oder zwei von unsern verständigsten Hunden mitgaben, so glaubten wir genug für seine Sicherheit getan zu haben und fühlten uns ebenso sicher, als jede Herrschaft, die ihren Bälgern eine französische Gouverneurin und einen bunten Bedienten mit auf den Spazierweg gibt. — Na, nun war es so ein Nachmittag im Spätherbst; wissen Sie, so um die Zeit, wo das Laub von den Bäumen geht, ohne daß der Wind dran stößt, und wo man an dem leisen Geknick und Geriesel im Walde merkt, was für eine Stunde es im Jahr ist. Der Tag war nebelig oben und die Luft unten warm. Das Kind mit den Hunden war im Holz, und der Förster außerm Holz zu Amte von wegen der Forstwrogen des letzten Sommers. Ich sitze vor der Tür und mache mich nützlich nach meiner Art, und da gehen denn grade an solchen warmen grauen stillen Tagen die Gedanken des Menschen am liebsten so weit als möglich in die weite Welt hinaus, vorzüglich, wenn man sicher ist, daß man das Haus, nötigenfalls den warmen Ofen und vor allen Dingen die Abendsuppe dicht hinter sich hat und alle drei mit drei Schritten abreichen kann. Beiläufig, Herr, es ist doch ein wenig mehr als kurios, daß der Mensch jedesmal, wenn er sich so recht behaglich und wohl in seiner Haut fühlt, sich am ehesten hingezogen fühlt, sich an der Welt rund um ihn her zu versündigen?! Man schüttelt sich eben immer am behaglichsten, in der Vorstellung, daß andere Leute es nicht so gut haben, als wir. Also auch ich in der Gemütlichkeit auf meiner Schnitzbank denke denn auch so an das Treiben vor dem Walde, so zum Exempel in Hamburg, London, Paris, — den Schloßhof von Saint Cloud nicht zu vergessen. Und richtig, vom Lande gerat ich aufs Wasser, auf Sturm, Schiffbruch und Schiffsbrand, und von dem Schiff und Brand ganz selbstverständlich auf meinen kleinen Bruder, und wie alles wohl sein könnte, wenn alles nicht wäre, wie es nun grade ist. Darüber geht mir natürlich die Pfeife aus, und ich gehe in die Küche, um mir eine glühe Kohle zu holen. In der Küche spuckt und knistert das Feuer auf dem Herde, und am Herde spuckt, knistert, knastert, rührt und quirlt unsere Alte. Als ich die Feuerzange fasse und unter den Topf fahre, nimmt sie das, wie es sich von ihr gehört, krumm, ich aber denke: Immer höflich und spaßig mit den Damen! und sage: Marie, ein guter Durst ist was recht Schönes, aber wer die Suppe versalzt, der soll es eigentlich nur aus Verliebtheit tun dürfen, und nicht aus Gift und Bosheit, wie ein gewisses Frauenzimmer gestern abend! und eben fängt die Alte an, dieses noch viel krümmer zu nehmen, als es mir plötzlich auch ohne sie mit einem jähen Schrecken durch den Leib schneidet: Was ist nicht richtig? Es ist was nicht richtig! wo ist das Kind? Man sollte das Kind doch nicht mehr so allein und auf Gottes Trost hin in die Wildnis laufen lassen!

Ich sage auch sowas oder dergleichen in meiner plötzlichen Beklemmung, und die Alte ist blitzschnell so freundlich, daraufhin zu krächzen:

So?… Ei?… I, Kunemund! Kommt Er mir endlich so herum? O ja, daß der Förster einmal ganz etwas Besonderes erfährt, wenn er nach Hause kommt und nach dem Trudchen fragt, das ist schon lange das, worauf ich warte, Autor. Und Herr Kunemund, Seiner Naseweisheit zuliebe will ich Ihm noch eine andere Ansicht in den Handel geben, und die ist, daß Er von morgen an die Suppe selber kocht, und mich das Kind hüten läßt. Will Er, — will Er, Meister Kunemund?

Himmel — Donner — brummte ich laut; aber ganz leise sage ich: So schlimm wird es doch nicht gleich werden! — aber eilfertig genug stapfe ich sofort mit kalter Pfeife wieder vors Haus und stehe und brülle nach allen vier Weltgegenden nach dem Kinde, und halte die Hände hinter den Ohren, ob ich die Hunde wenigstens nicht zu vernehmen kriege. Die höre ich denn gottlob auch, aber in sehr weiter Entfernung und, wie es scheint, gleichfalls sehr böse. Da haben wir einmal wieder einem dummen Viehzeug zu weit über den Weg getraut, denke ich; — den Schnürbein wenigstens hätte ich mit mehr gesundem Menschenverstand begabt geglaubt — da sieht man's wieder! Und damit laufe ich dem Gebelfer nach und habe mich lang und arg genug in das Gestrüpp hinein zu winden, ehe ich dem Trudchen, den Biestern und aller übrigen Absonderlichkeit auf den Hals komme. Ich komme ihnen aber auf den Hals, und zwar zu meiner eigenen sträflichen Verwunderung. Am Hange eines Hügelchens, mitten im Hochwald steht, mit dem Rücken an eine Buche gelehnt, unsere Trude und schreit aus voller Kehle Zeter. Zehn Schritte aber weiter ab unter einer andern Buche steht ein Geschöpf, was sicherlich da nicht aus dem Boden herausgewachsen war, und schreit ebenfalls, aber aus gröberer Kehle. Alles Hundevolk, mein Schnürbein voran, hat nämlich einen Kreis um dieses Wunder geschlossen und ist außer sich mit Bellen, Anspringen, Fest-auf-die-vier-Füße-stellen und Zähnfletschen. Was war's? Ein kohlenpechschwarzer Mohr! Ja, ein kohlenpechrabenschwarzer Mohr, der auch die Zähne fletscht und auf jedes Aufspringen Schnürbeins und der übrigen so hoch als möglich in die Luft hoppst. Sonderbar schön steht es der Kreatur, daß sie zu allen ihren sonstigen Annehmlichkeiten eine mehr dottergelbe als lederfarbene Uniform oder Livree trägt, aber das allersonderbarste ist, daß sie mich in ihrer Not und Angst ganz regelrecht auf deutsch anschreit, und zwar rein bremerisch:

Rufen Sie doch die Höllenhunde ab! Tausend Donnerwetter, haben Sie die Güte!

Ich tue das, indem ich zugleich Trudchen begütige; und knurrend gehorcht endlich das Viehzeug.

Habe ich vielleicht jetzt schon das Vergnügen, Mynheer Kunemund vor mir zu sehen? fragt der Schwarze höflich mit dem Hute in der Hand.

Der bin ich freilich, sage ich, aus einem Erstaunen ins andere fallend, und hebe vor allen Dingen meine Trude, die mir angstvoll die Arme um den Hals schlägt, auf den Arm. Aber Sie — Sie — Herr — lieber Mann — wie kommen Sie — ja was haben Sie — Sie schwarzer Mensch — aber ist denn das die Möglichkeit?

Es ist die Möglichkeit, Mynheer Kunemund, sagt das Ding womöglich noch höflicher. Und wenn Mynheer Kunemund morgen zu Hause zu finden wäre, so würde Mynheer Kunemund sehr gern eine Tasse Tee bei Mynheer trinken.

Halten Sie mal! sag' ich, und setze das Kind von neuem auf den Boden, um mir besser mit beiden Händen an den Kopf greifen zu können.«

 

Fünftes Kapitel.

 

Der Meister Autor machte an dieser Stelle keine Pause; aber wir sind leider gezwungen, unsererseits eine eintreten zu lassen, um eine persönliche Bemerkung, unsern Lesern gegenüber, zu machen.

Man ist nämlich der Meinung, daß alles, was schon sehr häufig dagewesen ist, endlich sehr langweilig wird. Das ist eine landläufige Ansicht und Überlegung; aber trotz alledem nicht immer wahr! Hier hatten wir den reichen Onkel aus Surinam einmal wieder, und zwar so frisch und unverbraucht, als ob er zum erstenmale aus den Tropenländern zurückkomme, um die arme Vetterschaft in Europa glücklich zu machen.

»Alter Freund,« sprach ich zu dem Meister Autor Kunemund, »daß Sie an dieser Stelle Ihres Berichtes neu wären, kann ich zwar nicht behaupten; aber etwas was mir hier interessanter und willkommener sein könnte, kenne ich wahrhaftig nicht. Also gratuliere ich bestens!«

»Ob ich mir an dem Tage gerade Glück wünschte, weiß ich heute nicht mehr, Herr von Schmidt,« fuhr der Meister fort. »Aber das weiß ich noch, daß mir mancherlei durch Kopf und Seele ging, als der Schwarze jetzt aus seiner Reisetasche einen Brief vorholte, und ich schon in der Aufschrift richtig meinen kleinen Bruder herausfand. Er meldete sich in Fleisch und Blut auf den morgenden Tag bei uns zu Gaste im Walde an, und hatte seinen Mohren nur vorausgeschickt, um aller seiner gewohnten Bequemlichkeit bei uns sicher zu sein — der Hansnarr!

Ich las den Brief, und dann sah ich mir den Mohren von neuem an, und da das Tier mich nicht fraß, so wurde es nun auch allmählich dem Trudchen und den Hunden klar, daß es sie nicht fressen wolle. Die Hunde fingen zuerst an, das ausländische Gewächs zu beschnüffeln, und dann fing die Trude an zu lachen und in die Hände zu klatschen.

In dem Briefe stand nichts, und so sage ich denn:

Na, so wird es denn wohl das beste sein, daß wir vorerst allesamt nach Hause marschieren, um die Alte und nachher den Alten auf das Mirakel und die Ehre vorzubereiten. Auf die Alte freue ich mich, das kann ich wohl sagen.

Ich freute mich wirklich auf die Alte, und die Folge erwies, daß ich Grund dazu hatte. Einen guten Spaß muß der Mensch nicht beiseite schieben, vorzüglich wenn er so in der Eremiterei wohnt, wie wir alle in unserm Försterhause. Auf dem Wege nach Hause aber fragte ich vor allen Dingen meinen Mohr:

Aber nun sagen Sie mir doch auch: wie heißen Sie? wo kommen Sie her? und dann die Hauptfrage: Redet man bei Ihnen zu Hause denn auch so ein verständliches Deutsch?

Nun, natürlich! Weshalb sollte man in Bremen, im Schüsselkorb nicht ein gutes Deutsch sprechen? Da bemühen Sie sich doch nur in Thielebeules Keller, um zu hören, Herr Kunemund. Ich bin aus dem Schüsselkorb; aber auf ein bißchen Spanisch, Englisch oder Malaiisch — das Holländische ganz ungerechnet, soll's mir auch nicht ankommen. Ich hab' auf mehr als einem Schiff, und unter mehr als einer Flagge als Koch oder Steward die Welt befahren. Mein eigenster Beruf ist aber der wilde Meß- und Jahrmarktsindianer.

Was Sie nicht sagen?! Und Sie heißen —

Meyer! Ceretto Meyer! Wichselmeyer — wie Sie wollen. Auf der großen Weserbrücke nennt man mich gewöhnlich Wichselmeyer, aber lieber hab' ich's, wenn man mich Signor Ceretto ruft. Ich bin's von den höflicheren Nationen gewohnt, die auf See mit =Si!= antworten, wenn man sie anspricht.

Schön! also Signor Ceretto! Nun denn, so seien Sie mir herzlichst willkommen, liebster Herr Signor Ceretto! sage ich, und damit erreichen wir so nach und nach das Försterhaus, und sonderbarerweise trug auf dem letzten Drittel des Weges bereits diese schwarze Bremer Meß-Merkwürdigkeit unser Trudchen auf dem Arme, während Schnürbein schwanzwedelnd sich ihr dicht auf den Hacken hielt.

An der Alten hatte ich meine Freude, und an dem Alten, der währenddem nach Hause gekommen war, gleichfalls; doch an der Alten um vieles mehr. So was Schwarzes in Menschengestalt hatte sie in ihrem Leben noch nicht gesehen, und daß sie viel in den Büchern darüber studiert hatte, glaube ich auch nicht. Den Eindruck, den also mein Freund Wichselmeyer oder Meyer, oder Signor Ceretto auf sie machte, war denn auch darnach! Wie sie aufschrie, wie sie ins Haus lief und die Schürze über den Kopf schlug — wie sie auf halbstündiges Zureden endlich um die Tür guckte, und wie sie wieder nach einer Viertelstunde mit einknickenden Beinen hervorkam und einen Knix nach dem andern vor das Ungeheuer hinsetzte, das war ein Vergnügen anzusehen, aber zu beschreiben ist es nicht. Und, mein lieber Herr von Schmidt, — wenn dieses eine Kuriosität war, so war es noch viel kurioser, daß — auf mein Wort und meiner Seelen Seligkeit — es wahrhaftig nicht ihre Schuld war, wenn wir nach allerkürzester Bekanntschaft nicht einen oder zwei oder einige Mulatten mehr in der Welt herumlaufen haben; denn — — so sind die Weiber! Ich habe es bis dahin nicht geglaubt, aber ich versichere Sie: sie sind so! Nachdem sich auf vieles Zureden das närrische Stück Frauenzimmer dahin hatte bringen lassen, durch eigenes Anrühren sich zu überzeugen, daß das Ding nicht abfärbe, war alles — in bester Ordnung und im schönsten Gange, und der Arend, ich und der Schwarze hatten nur abzuwehren, daß die Zuneigung nicht zu weit gehe.

Seit ich weiß, daß dieser fremde Herr und Unmensch nicht mit Tinte oder Pech oder Kienruß aufgefärbt wurde, bin ich ganz ruhig, flüsterte mir die Alte noch lange vor dem Gute-Nacht-sagen zu; kurz, wir hatten unsern Heidenspaß, den ganzen Abend durch. Ja, ja, Herr; über den Ceretto vergaßen wir und vor allem ich dann und wann meinen kleinen Bruder mehr, als es sich eigentlich schickte; und erst als alles zu Bett war, der Gast und ich auch, und ich vergeblich in den Schlaf hineinzukommen suchte, da kam es im großen und ganzen heiß und kalt über mich, was für ein Tag mir morgen bevorstehe, und wie ich mich zu demselbigen zu verhalten haben werde. Da warf ich mich hin und her und saß aufrecht und hätte mich auch ebensogut auf dem Strohsacke auf den Kopf stellen können; zu einem vernünftigen Gedanken verhalf mir das nicht. Erst als ich endlich doch vor Mattheit eingeschlafen und am Morgen wieder aufgewacht war, kam mir die Eingebung. War es nicht das einzig Richtige, alles dem Kleinen zu überlassen? Wer hatte sich denn eigentlich mit dem andern abzufinden? Er mit uns; oder wir mit ihm? Er mit uns natürlich, denn war der Junge von uns weggelaufen, ohne uns anders als durch seinen letzten Lumpenstreich es anzusagen, so lag es doch nun, obgleich über die alte Geschichte wohl mehr als einmal Gras gewachsen war — allein bei ihm, bescheiden anzupochen und sich zu entschuldigen und um gut Wetter zu bitten. Damit fuhr ich getröstet in die Stiefel; aber was das Wetter selber anbetraf, so war das heute noch um ein gut Teil grauer als gestern, doch regnen tat es auch an diesem Tage nicht. Wir hatten nur einen Korb voll Nebel mehr im Walde. Daß wir allesamt früh auf den Füßen waren, können Sie sich vorstellen; nur das Mohrenkind, der Wichselmeyer, oder Don Ceretto, schnarchte wie ein Weißer bis gegen Mittag an, was, nämlich das Schnarchen, auch wieder der Alten einigen Grund zum Handzusammenschlagen gab. Wir fanden sie richtig horchend an der Tür, und sie schlug die Augen wie in vollständiger Verzweiflung an unsrem Herrgott in die Höhe und ächzte: Auch das kann er wie ein richtiger Mensch! — Nun, Trudchen war kaum zu bändigen, und mein lieber Tofote ging herum wie ein Verrückter; ich aber setzte mich auf meine Schnitzbank, als ob ich drauf Wurzeln zu schlagen gedächte und spielte den Bullenkopf gegen mich und die Welt, bis der Kleine gegen ein Uhr avisiert wurde und wirklich da war.

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