Meister Autor; oder, die Geschichten vom versunkenen Garten

Wilhelm Raabe · Kapitel 1 von 5 · Teil 2/6

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Meister Autor; oder, die Geschichten vom versunkenen Garten

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Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 6 Teile geteilt.

Herr, ein Mensch genügt eigentlich nicht, um das Wiedersehen zu erzählen! Alle, die ihren Anteil daran hatten, müßten von Rechts wegen an dieser Stelle ihren Schnabel auftun; und Herr, daß Sie damals nicht dabei zugegen waren, das ist ein Jammer; denn trotzdem, daß Sie gewiß mehr studiert haben, sowohl im Bergfach wie in den übrigen Fächern, als ich für möglich halte, hätten Sie sich doch manches Komödienbillett — Affen- und Menschenkomödie! — erspart, wenn Sie an dem Tage uns schon die Ehre gegeben hätten, uns mit Ihnen bekannt zu machen; denn sehen Sie —«

Sechstes Kapitel.

 

»Erlauben Sie, lieber Kunemund,« sagte ich, dem Meister Autor die Hand auf das Knie legend und ihn bescheiden zum zweitenmale unterbrechend. »Ein Wort, bester Freund! Ich bin doch manch liebes Mal, nach unserm ersten Massenbesuch, als einzelner Heuschreck bei euch gewesen; aber wer von euch hat mir je von dieser Geschichte und allen ihren wahrscheinlichen Folgen geredet?«

»Wir nicht; — das ist richtig!« sprach der Meister. »Wer von uns konnte denn aber auch daran denken? Sie ging das doch gar nichts an!«

Ich schlug mich vor die Stirn und kam mir unendlich albern und abgeschmackt vor. Ich sah tief, lächerlich tief in die Widersinnigkeit des Lebens, das man, sozusagen, lebt, hinein und konnte nichts weiter sagen, als:

»Wahrlich!«

»Sehen Sie, seine werten Freunde muß man so wenig als möglich mit seinen eigenen Molesten molestieren,« sagte der Meister und fuhr, von nun an nicht wieder von mir unterbrochen, in seiner Erzählung fort, die wir wieder nur mit einem Gänsefuß am Anfange und einem am Ende geben:

»Die Feierlichkeit war groß. Wir standen im Ernst ein jeglicher in seiner Seele auf den Zehen; das heißt inwendig, denn was das Äußerliche anbetraf, so konnten wir blutwenig tun, und hatten auch sonst grade keine Lust, mehr zu leisten. Nur in der Küche war ein mächtiges Hallo; ganz wie im Evangelium, als der verlorene Sohn heimkam. Vom ersten Tagesgrauen an stand die Alte, ihr Horchen an des Mohren Kammertür abgezogen, in Dampf und Flammen, im Sieden und Protzeln. Aber der Mohr Signor Ceretto saß mit meinem Trudchen an der Tür auf der Bank und rauchte eine ganz gewöhnliche Meerschaumpfeife. Er war lange nicht so ungeduldig auf den Onkel als das Kind.

Wie gesagt, es hatte auf der alten Uhr hinter der Tür so ungefähr eins geschlagen, als er kam, und zwar tüchtig zusammengeschüttelt in einer alten Schöppenstedter Karrete, auf dem Holzwege, den Sie ja auch kennen, Herr Bergsekretär; und wenn sein Bremer Neger uns nur im ersten Moment in Verwunderung gesetzt hatte, so nahmen wir den Kleinen nach dem Anrumpeln der Kalesche nun merkwürdig kühl. Er setzte uns gar nicht in Verwunderung, nämlich was mich und den Tofote anbetrifft. Er war in einen dicken Mantel eingewickelt und hüstelte, und als ich ihm die Hand in das Gefährt reichte, sagte er: Guten Tag, Alter, ich habe es für meine Pflicht gehalten, — oder dergleichen und ich sagte: Sieh, Kleiner, bist du wieder da? — und damit hatten wir ihn auf dem festen Boden, und es wäre fast nötig gewesen, daß ich ihn wieder einmal auf den Arm genommen und ins Haus getragen hätte, wie ich das wohl tausendmal getan hatte, als ich noch seine Kindsfrau spielen mußte in unserer Jungenzeit. Herr, wenn von jeher an mir die Augen wenig taugten, so stehe ich dafür auf ziemlich festen Füßen, und meine Schulterbreite ist auch nicht ohne! Bei unsrem Kleinen war das alles umgekehrt. Augen hatte er vom Mutterleibe an wie ein Wildkater; aber von dem übrigen wollen wir heute, da das alles doch schon vom Grabscheit in der gewöhnlichen Weise versorgt worden ist, lieber nicht sprechen. Die Fremde hatte ihm in der Hinsicht wenig gut getan, und er brachte fast noch weniger mit, als er von Hause mitgenommen hatte. Aber das ist einerlei! Wie über seine Jugendzeit und -sünden Gras gewachsen ist, so samt sich das jetzo über dem übrigen an, und ich erzähle nur von wegen uns, die wir noch da sind. Wir hatten ihn vor der Tür — im Hause — im weichsten Lehnstuhl am Tische, und der Austausch und Handel mit den gegenseitigen Erlebnissen und Gedanken mochte vor sich gehen. Natürlich kam es denn auch, wie ich es mir am vergangenen Tag vorgestellt hatte: wir fanden uns heute so wenig wie vor den langen Jahren zusammen und ineinander. Und als es Dämmerung wurde, hatte er uns herzlich satt, und wenn ich offen sein soll, wir ihn auch. Herr von Schmidt, er ist mein leiblicher Bruder, und ich tat mein menschenmöglichstes, ihn den Nachmittag über mit Rührung und Weichherzigkeit als solchen anzusehen; aber noch vor dem vollen Einbruch der Dämmerung hielt ich ihn kurzweg von neuem für einen Lumpen, und daß er uns wie gewöhnlich für erbärmliche Tröpfe und die nichtsnutzigsten Narren von der Welt hielt, das konnte ich ebensogut sagen als er. Also wir vertrugen uns, der guten Bewirtung, die die Alte hergerichtet hatte, zum Trotz, gar nicht; und sie, die Alte, legte mit ihren Unkosten gar so wenig Ehre bei ihm ein, als wir mit unserer Einfältigkeit. So fuhr er ab, um noch bei Licht auf die Landstraße zu kommen, und wir sahen ihn abfahren. Seinen Mohren nahm er auf dem Kutschbock mit sich; und ein solch Gesicht, wie der Kerl uns zum Abschied zuschnitt, hatte ich in meinem Leben noch nicht gesehen und habe es auch bis jetzt noch nicht wieder zu Augen gekriegt, und kurioserweise tat sein Abschied mehr als einem von uns leid. Das Kind, unsre Gertrud, hatte dem Untier einen Geschmack abgewonnen, wie es kaum geglaubt werden kann, und die Alte war richtig fast eifersüchtig auf das Kind! — — — Daß der Kleine nicht wieder aus unserm Leben verschwand, nachdem wir ihn einmal wieder drin hatten, versteht sich wohl von selber; aber zu Gesichte kriegten wir ihn nicht wieder. Aus den Blättern, in welchen er ein Haus suchte, und auch sonst auf andere Weise erfuhren wir, daß er sich in hiesiger Stadt niedergesetzt habe, aber uns hier im Wald ließ er selbst von diesem Abschluß und Ende seines Vagabundenlebens nichts weiter zu Gehör kommen. Seinen Mohren Signor Ceretto Wichselmeyer schickte er auch nicht wieder heraus, was den andern im Hause am leidesten tat, worüber ich als sein Bruder — nämlich des Kleinen Bruder, mir aber jedoch mein Gefühl und Gemüte vorbehalte. So sind denn die Jahre hingegangen, eines nach dem andern, und wir haben an nichts gedacht, das kann ich Sie versichern. Und nun war ich neulich schon vor Ihrer Tür, lieber Herr Bergschreiber, als uns das Stadtgericht herzitiert hatte; aber Sie waren damals verreist, und so mußte ich mit meiner großen Neuigkeit und in meiner Bedrängnis wieder abziehen. Der Kleine war tot, und er hatte uns seinen letzten Streich gespielt; — was meinen Sie, was er getan hatte, um einen letzten Tritt in unsern ruhigen Ameisenhaufen zu vollführen? — er hatte unser Trudchen, die Gertrude Tofote, zu seiner Generalerbin eingesetzt! — Er hatte es getan! er hatte das Trudchen zu seiner Erbin gemacht, und da er nie etwas getan hat, ohne dabei etwas im Schilde zu führen, so sind wir nun schon monatelang in aller Unruhe und Todesangst und zerbrechen uns Herz und Kopf und Sinn um die Frage, weshalb er es getan habe? Am Tage nach seinem Begräbnis war der Mohr bei uns. Denken Sie sich, — er, der Kleine, hatte gewollt, daß niemand von uns anders als durch der Zeiten Lauf von seinem Abscheiden benachrichtigt werden sollte; und bei seinem Grabe und Leichenkondukt hat er auch niemand von uns sehen wollen, und — jetzt — lieber Herr, Sie, der Sie mit allen Schreibereien Bescheid wissen, kommen Sie mit mir! Das Trudchen sitzt, seit ich bei Ihnen bin, mutterseelenallein im Gasthof bei den Fuhrleuten, und wartet wahrscheinlich mit Schmerzen auf mich, und jetzt — wenn Sie nichts Besseres vorhaben, so kommen Sie, uns zum Troste in der Ratlosigkeit, mit und helfen uns, ihre Erbschaft anzutreten! Ich bitte Sie herzlich, so gütig zu sein.«

 

Siebentes Kapitel.

 

Länger als eine gute Stunde hatte Herr Autor Kunemund seinem Herzen Luft gemacht, und ich hatte ihn erzählen lassen, und ihn, wie oben bemerkt, sogar nicht wenig ermuntert, so ausführlich wie möglich zu sein; aber jetzt fuhr mir ein um desto größerer Schrecken durch die Glieder.

»Mein Himmel, die Gertrud in der Stadt Lübeck! den ganzen Morgen da allein? Kunemund, ich bitte Sie, weshalb konnten Sie mir das nicht gleich sagen? Wie könnt Ihr das Kind — das Fräulein, so allein in dem Fuhrmannsausspann sitzen lassen?«

»Weshalb denn nicht, lieber Herr? Wir haben gute Bekannte und Freunde dorten; gerade unter den Fuhrleuten haben wir die besten Freunde; und dann ist der Jüd Salomon Prasem auch mit uns gekommen, — das Trudchen war da ganz gut aufgehoben, bis wir es abholen.«

Das mochte nun sein; aber nichtsdestoweniger vervollständigte ich in hastigster Weise meine Toilette, und nach zehn Minuten schon befanden wir uns in den Gassen der Stadt: ich in aller Ungeduld, aber der Meister Autor, ohne es im geringsten eilig zu haben. Im Gegenteil, er hatte Zeit und Muße für jede Merkwürdigkeit, die ihm unterwegs aufstieß, und des Merkwürdigen stieß und fiel ihm alle zehn Schritte weit die Hülle und Fülle auf. Endlich erreichten wir die Stadt Lübeck aber doch.

Das ist in der Tat einer der besuchtesten und nahrhaftesten Ausspanngasthöfe der alten Stadt, und der Verkehr dort an allen Tagen der Woche sehr lebhaft; am Sonnabend jedoch am lebhaftesten. Und es war ein Sonnabend, und das Getöse vor, sowie die Bewegung in dem Hause ließen für den Inhaber des altberühmten Schildes nichts zu wünschen übrig. Ein halb Dutzend und mehr Lastwagen und Bauerwagen hielt vor dem hohen und weiten Torwege, und versperrte weithin die ziemlich breite Straße. Zertretenes Stroh, Fässer, Kisten, Kasten und Körbe, Hunde, Federvieh, Kinder, Gäste aller Art und jedes Geschlechtes füllten den Hof, die mächtige Hausflur, die Gaststuben und die Treppen. Aus der schwarzen, gewaltigen Küche leuchtete es gleich einer keineswegs geringen Feuersbrunst, mit der freilich der begleitende Geruch gottlob gar nicht stimmte. Kellner und Kellnerinnen, Köchinnen, Hausknechte, Stallknechte und vor allem Wirt und Wirtin schlugen nicht bloß in der Seele Rad, sondern machten auf jedermann, der mit offenem Munde und aufgesperrten Augen sich in dem Gewühl hin und her schieben und stoßen ließ, den Eindruck, als ob sie auch in einem fortwährenden, nimmer wieder endenden körperlichen Radschlagen begriffen seien.

In diesen Lärm und Wirrwarr traten auch wir jetzo ein, der Meister Autor und ich, und der Meister bahnte den Weg. Drei oder vier braune ausgetretene Stufen hinauf drängten wir uns aus dem Getümmel des Hausflurs in den Tumult der Gaststube hinein, und richtig fanden wir da die Gertrud Tofote und zwar ganz an demselben Platze, auf welchen sie der Meister Kunemund hingesetzt hatte mit der Ermahnung, sie möge sich die Zeit nicht lang werden lassen, er komme im Augenblick zurück und bringe den Trost im Elend (=NB=. in meiner Person) hoffentlich gleich mit her.

Auf den Trost hin hatte das junge Mädchen dann dagesessen, und — wie sich sofort auswies — keinen Augenblick Langeweile gehabt oder sich gar nach uns gesehnt. Als es uns erblickte, sprang es hinter seinem Tische mitten unter den verschiedenartigsten Sonnabendmorgengästen der Stadt Lübeck auf und rief, ohne anfangs die mindeste Notiz von mir zu nehmen:

»O Onkel, es ist gut, daß du kommst! wir haben schon lange auf dich gewartet! Kennst du den hier noch?«

Und sie wies unbefangen auf einen hübschen jungen Menschen, der neben ihr gleichfalls von der rotbraunen Bank aufgestanden war, und viel verlegener als die Gertrud, errötend uns anlächelte und in seiner schmucken Matrosentracht wirklich hübsch — sehr hübsch — und um so hübscher je blöder aussah.

»Na,« sagte Herr Kunemund, »es ist wohl nicht an dem? Ja, wahrhaftig, es ist doch an dem — er ist es! Je, Karl, wie kommst denn du hieher? woher bist du gefallen, Junge? Na, das ist wahrlich ein vergnügt Zusammentreffen, Karl, und dich können wir gleichfalls gerade brauchen. Siehst du, Trude, hab' ich's dir nicht gleich gesagt, daß du hübsche Leute zu deiner Unterhaltung hier finden würdest?«

Sie reichten einander die Hände, über den Köpfen und Schultern des Volkes am Tische weg, und ein teilnehmendes, vergnügtes Grinsen ging über jedes Gesicht an den vier Seiten. Bauern und Fuhrleute, Weiber und Kinder nahmen teil an dem fröhlichen Wiedersehen; aber den größten Teil nahm natürlich der Jüd Salomon Prasem, der da denn auch sagte:

»Mein, bei mir hat sich die Gertrude zu bedanken; — denn wer war's, der ihr den Karl Schaake herbeilotsete? Ich war es, Herr Kunemund.«

»Sollst deine Ehre behalten, alter Sackträger,« rief der Meister Autor, und das Trudchen — ja freilich, reden wir doch einmal von der Gertrud Tofote, ehe wir weiter schreiben. —

Es wird viel Wasser die deutsche Literatur hinunterlaufen, bevor ein zweites Nixen- oder Waldelfen-Gesicht wie das wieder aus ihr emportaucht! Das Trudchen hatte sich verändert in den Jahren, die hingegangen waren, seit wir es als Kind zuerst am Bache im Elm trafen. Es war ein großes Mädchen geworden — eine Jungfrau, wie man in den Büchern, — ein Fräulein, wie man im Leben des Tages sagt. Und was für eine Jungfrau?! was für ein Fräulein!

Daß ich das Kind von Zeit zu Zeit wachsen gesehen hatte, erhöhte meine jetzige Überraschung nur; denn wer sieht sich je satt an den uralten Taschenspielerkunststücken der alten geschickten Prestidigitatrice, Madame Physis, sonst auch Dame Natur genannt?! — Trudchen Tofote war eine reizende, völlig ausgewachsene Blondine von achtzehn Jahren geworden, und seltsamerweise schien der junge Leichtmatrose Karl Schaake das gleichfalls herausgefunden zu haben.

»Erlauben Sie gefälligst,« sagte der Meister Autor fein und höflich, »erlauben Sie, daß ich Ihnen diesen jungen Mann hier vorstelle und mit Namen nenne. Es ist nämlich Karl Schaake aus unserm Dorfe vor dem Walde, wissen Sie; sein Vater war Leinweber, sein Großvater war Leinweber, sein Urgroßvater war Leinweber, und von Rechts wegen müßte er, dieser Junge hier, auch Leinweber sein; aber können Sie es ihm verdenken, wenn er der ewigen sitzenden Lebensart halben sich mal in das Gegenteil geschlagen hat? Der Bengel fährt — tanzt auf dem Seil — geht querüber auf dem Wasser, kurz, um es kurz zu sagen, ist zu Schiff gegangen und hat alle seine ehrwürdigen Vorfahren mit offenem Maule sitzen lassen. Was sagen Sie dazu?«

Ehe ich etwas dazu sagen konnte, hatte sich der Meister bereits wieder an den Seemann selber gewandt:

»Und nun, du Schlingel, noch einmal: wo kommst du her? wo hast du dich wieder herumgetrieben?«

»O Herr Onkel, das wäre weitläufig zu beschreiben!« meinte der junge Mensch lachend. »Sie haben es ja schon längst verschworen, mir ein Wort zu glauben, und haben, was schlimm genug ist, auch das Trudchen auf den Glauben hin abgerichtet. Was meinen Sie nun, wenn ich hab' helfen, muhammedanische Pilger von Malakka nach Dscheddah expedieren und zwar während der ganzen drei letzten Jahre?«

»Das wird wieder ein schönes Geschäft gewesen sein!«

»Das war es freilich dann und wann. Hamburger Bark Kehrwieder, — Kapitän Klütgen. Fragen Sie nur nach, die ganze Küste entlang, Onkel; o sie wissen mich zu schätzen, die Kerle, die das Gesicht auf dem Bauche tragen, von Sumatra bis Suez — besser als Sie, Onkel Kunemund.«

»Na, na, so genau wie ich, werden sie dich doch nicht kennen, Karl,« sagte der Onkel mit dem Zeigefinger in der Luft.

»Aber die Gertrud kennt mich noch besser!« rief Herr Karl Schaake. »Nicht wahr, du?« Und schwerlich konnte jemand eine größere Dringlichkeit in ein solches: Nicht wahr, du? legen. —

Trudchen Tofote lachte vergnügt und verschämt und gab dem Leichtmatrosen einen Schlag auf die Schulter, der seinen ersten Schuß auch nur im Elmwalde getan haben konnte. Auf eine wörtliche Äußerung ließ sie sich jedoch nicht ein, und also nahm der Onkel Kunemund wieder das Wort.

»Also hast du die Stadt Lübeck gerade so angelaufen, wie du der Alten daheim über den Küchenschrank fielest. Und die Stelle, allwo die beste Piepwurst hing, die nahmest du uns auch niemalen mit; aber die Wurst vermißten wir dann und wann. Und also hast du dich gleich auch in gewohnter Weise bei der Trude vor Anker gelegt? Na, das ist schön! Es behagt einem immer, wenn endlich einmal jemand nach Hause kommt, der wirklich etwas zu erzählen hat.«

»Aber gern sich auch allerlei erzählen läßt, was während seiner Abwesenheit auf dem festen Lande vorgefallen ist. Nicht wahr, Trudchen?«

Das Trudchen lächelte wiederum nur vergnügt und verschämt, und es fiel wiederum dem Meister Autor zu, sich zu besinnen, ob während der Abwesenheit seines jungen Freundes wirklich etwas der Erwähnung Wertes passiert sei in dem Walde und vor dem Walde. Ich hielt es für meine Pflicht, ihm dabei zu Hülfe zu kommen.

»Ist das eine Familie, die in die Stadt gekommen ist, sich eine große Erbschaft zu besehen und zu holen?« fragte ich. »O ihr Leute, wenn dieses kein Zeichen ist, daß es euch auch ohne dieselbe wohl geht, so sucht und nennt mir ein besseres!«

Hierauf sah mich der Herr Kunemund groß und sehr erschrocken an, schlug sich vor die Stirn und rief:

»Herr Jesus, ja, das hatte ich ja ganz über dem frohen Wiedersehen vergessen! Alle Wetter und die Formalitäten?! Und die Gerichtsherren? und der Signor Ceretto! Um des Himmels willen, Trudchen, Karl, Herr von Schmidt, — wir haben keinen Augenblick zu verlieren. Sie haben uns ja auf zwölf Uhr bestellt — und da — schlägt es dreiviertel. Donner und Wetter, Trudchen, es war doch eigentlich deine Sache, mich daran zu erinnern!«

 

Achtes Kapitel.

 

Wenn meine Leser nun etwa glauben sollten, daß wir auf dieses Zusammenfahren und diese Mahnung hin jetzt wie Besessene von dannen stürmten, der Hinterlassenschaft Mynheers van Kunemund zu, so würden sie sehr irren. Wir nahmen uns doch noch Zeit und hatten derselben auch zur Genüge.

»Davon hat mir Trudchen schon gesagt, Herr Kunemund,« sprach der Matrose und zwar, wie es schien, mit einem etwas befangenen und gedehnten Tone. »Eine Erbschaft haben Sie — hat sie gemacht! Wirklich?«

»Und was für eine!« rief der Meister. »Ich, Gott sei es gedankt, nicht; aber das Mädchen da! Frage nur den Prasem, was für eine gute Partie es geworden ist, und was für süße Augen er ihr machen würde, wenn Moses und die Propheten und vor allen Dingen seine Perl nichts dagegen einzuwenden hätten.«

»Gerechter — mein lieber Herr Kunemund!« rief der alte Jude.

»Leugnen Sie es nicht, Salomo,« rief der Meister, »und dir, Karl, wiederhole ich es mit Nachdruck, der Kleine reibt sich sicherlich heute morgen da oben, oder — da unten die Hände. Eine Goldprinzessin ist das Trudchen und zwar ganz ohne ihr Zutun. Da der Herr Bergassessor von Schmidt meint, es gehöre auch ins Märchen, und kurios ist's auch, obgleich ich bis dato noch nicht herausgebracht habe, was der Herr eigentlich mit der Rede im Sinne hat.«

»Das ist auch gar nicht nötig, alter Hexenmeister!« rief ich lachend; doch über das offene ehrliche Gesicht des jungen Seefahrers war ein sonderbarer Schatten gefallen. Er blickte das schöne Kind, die Gertrud Tofote bedenklich von der Seite an und zerrte unruhig an seinem bunten Halstuche; ich aber las in seiner Seele, und zwar folgendes:

»Also so steht die Geschichte? Und deshalb aus dem Alltagsverdruß und der Leineweberei durchgebrannt und auf See gegangen, um ihr mit dem Sack voll spanischer Dublonen und sämtliche Taschen voll Demanten und Perlen eines Tages vor die Nase in allerhöchster Glückseligkeit treten und sie fragen zu können: Na nu Gertrud? —! Uh! Himmel und Hölle, wenn ich ihr jetzt käme mit dem, was mir die Hadschis eingebracht haben! O verflucht, da wäre es doch am besten, ich hätte das alte Land gar nicht wieder angelaufen.«

Ich beobachtete einen tiefen Griff beider Hände des jugendlichen Abenteurers tief in beide Hosentaschen hinunter, und sagte wie er in der Tiefe meiner Seele:

Ja, ja — ja! —

Aber jetzt war es wirklich die höchste Zeit zum Aufbruch geworden, und der Meister sprach nur noch:

»Herr Bergsekretär, den Karl Schaake nehmen wir mit; denn so halb und halb gehört er doch, von seinen ersten dummen Streichen an, zur Familie;« — dann gingen wir, und hatten nun sogar zu laufen, um die verlorene Zeit einzuholen.

Wir liefen, und die ganze Gaststube in der Stadt Lübeck stellte sich auf die Zehen, um uns respektvoll und mit den notwendigen Glossen nachzusehen. Wir liefen, und statt sich mit Händen und Füßen gegen die Begleitung des Trudchens in das unmenschliche Glück hinein zu wehren, lief Karl selbstverständlich mit der Erbin vorauf.

Es schlug gerade feierlich zwölf Uhr auf Sankt Katharinen, als wir uns an der alten Kirche vorüber dem Tor zuwendeten.

»Umstände werden sie uns freilich wohl nicht mehr machen. Wir können uns dreist in den Honigtopf hineinsetzen,« sagte der Meister Autor, und es verhielt sich selbstverständlich so, wie er sagte.

Wir schritten langsamer den jungen Leuten nach durch das Tor, vorüber an einem der Kirchhöfe der Stadt, und dann durch eine enge im Zickzack laufende Gasse, zwischen Planken und lebendigen Gartenzäunen etwa zehn Minuten fort. Dann standen wir, Gartenhecken, Gärten, Gitter, Gartenhäuser rechts und links, und suchten uns zu orientieren. Dann fanden wir uns zurecht und schritten in eine Nebengasse hinein, in welcher wir dann natürlich wieder so ratlos als vorher standen.

»Sie wissen es ja, wie er sich verholländert hat,« sagte der Meister Autor, »nehmen Sie es also nur nicht übel, wenn ich nach meinem eigenleiblichen Bruder so verrückt frage. — Sagen Sie, junge Frau, wo hat sich denn eigentlich der Dachs verklüftet — ich meine mein kleiner Bruder — ich meine, wo wohnt denn der Herr van Kunemund?!«

Diese Frage war an eine durchaus nicht mehr junge Weibsperson, die, einen Henkeltopf tragend, uns entgegenkam, gerichtet, und sofort erfolgte die Antwort der dem Gespräch nach leicht erreglichen Dame:

»Hören Sie, wenn Sie den meinen, den kleinen, gelben Kerl, mit dem vielen Geld — der lebt gar nicht mehr. Sie alter Narr, wenn aber Sie die Leute vexieren wollen, so gehen Sie da auf den Kirchhof und dann können Sie —«

Was der Meister Kunemund konnte, wollen wir dahin gestellt sein lassen; wir gingen eiligst weiter und trafen ein kleines Mädchen, welches ebenfalls einen Henkeltopf trug, und welches auf unsere Frage, mit dem Finger deutend, sagte: »Herr je, da guckt's ja über die Hecke!« und dann sofort Reißaus nahm.

Unsere Augen waren sämtlich der andeutenden Richtung des Kinderfingers gefolgt.

»Richtig!« sagte der Meister. »Nun, Gott sei Dank, jetzt haben wir es doch herausgebracht, wo er sich verklüftet hat.«

Was aber da über die Hecke guckte, das war in der Tat nicht gewöhnlich, und konnte wohl einem, der unvermutet auf den Anblick stieß, einen gelinden Schrecken einjagen. Solch eine kohlschwarze Teufelsfratze mit solchem krausen schloßenweißen Wollenhaar sollte noch zum zweitenmal über eine norddeutsche Hainbuchen- und Nußbaumhecke gucken.

»'s ist sein Mohr, erschrick nicht, Karl Schaake!« rief der Meister; und schon war das Trudchen an der Hecke und reichte dem grinsenden Greuel die Hand in die Höhe. Aber je näher wir andern herankamen, desto mehr versank der Schwarze hinter den grünen Blättern — doch glücklicherweise nur aus Höflichkeit, denn er empfing uns mit einer tiefen Verbeugung an den Rokoko-Sandsteinpfeilern des Gartentores, reichte dem Herrn Kunemund gleichfalls die Hand und sagte:

»Ist es der Herrschaft endlich gefällig gewesen? Wahrhaftig, ich kenne Leute in Bremen, sowie an manchem andern Platze in und um Europa, die eiliger angerannt gekommen wären.«

»Siehst du, Onkel, das habe ich dir auch gesagt!« rief Gertrude Tofote, und damit traten wir über die Schwelle des Gartens und ein in das Erbe, welches Mynheer van Kunemund der Tochter Arend Tofotes gegeben hatte, und wir sahen alle noch einmal zurück über die Schulter, nur die Gertrud nicht; — Gertrud sagte:

»Oh!« und sah sich nur um.

»Es ist doch wunderlich!« sprach der Meister Autor, kopfschüttelnd nach den dichten dunkeln Baumgipfeln blickend, die in der Ferne die Lage des Kirchhofes andeuteten, auf welchem man seinen kleinen Bruder eingescharrt hatte, ohne daß der Meister dabei zugegen gewesen war.

Was mich persönlich anbetraf, so hatte ich mich seit meinen Kindheitsjahren nicht in einer gleichen märchenhaften, neugierig-bänglichen Stimmung wie die jetzige befunden. Und da sich meine Rolle hier doch nur auf die eines horchenden, zurechtlegenden Beschauers beschränkte, so entging mir wenig dessen, was die Stunde bot; und alles, was ich sah, hörte — paßte in das Märchen — vor allem andern auch der junge, verdrossene Seefahrer, Herr Karl Schaake, der Leichtmatrose.

Da standen wir im Grün und in der Sonne und mitten im verwilderten Rokoko. Aus ausgewuchertem dichten Taxus sahen graue Sandsteinfiguren — pausbackige Kinder, hochbusige Nymphen hervor. Der gelbe feine Sand knirschte unter unsern Füßen, und an einer uralten Sonnenuhr in der Mitte des Rundplatzes machte uns der Mohr Mynheers van Kunemund eine zweite und womöglich noch tiefere Verbeugung:

»Dort ist das Haus,« sagte er, auf ein altersschwarzes moosbedecktes Ziegeldach deutend, welches in einer Entfernung von etwa hundert Schritten über das Gebüsch emporragte.

»Und wo sind die Gerichtsherrn?« fragte Herr Autor Kunemund.

Auf diese Frage hin zog Signor Ceretto grinsend die Schulter in die Höhe:

»Die Sennorita darf sich darauf verlassen, daß sie in ihrem Eigentum ist. Der Herr Kunemund weiß das auch recht wohl; er hat es ja selber auf dem Stadtgericht gehört, daß alles in Ordnung sei. Der selige Herr verstand es bis zum Letzten, Ordnung in allen seinen Angelegenheiten zu machen. Das gnädige Fräulein darf dreist weiter spazieren.«

»Was ist denn aber das?« fragte der Meister Autor vor einer rotweißen Stange stehen bleibend, die mitten im Wege zwischen dem Grün, den Blumen, unter den summenden Bienen, den flatternden Schmetterlingen und den grauen Steinbildern im Boden stand.

»Das Gewächs hat das Stadtbauamt neulich eingepflanzt, Herr Kunemund,« sagte der Mohr. »Es findet alles sein Ende in der Welt. Jede Zeit hat ihr eigenes Pläsier und kümmert sich wenig um das der vorhergegangenen. Uns macht nun das Baumfällen Vergnügen. Den Stadterweiterungsplan haben Sie wohl noch nie zu Gesicht gekriegt, Herr Kunemund?«

»Donner und Hagel, sie werden uns doch wohl hier keine Häuser hinsetzen wollen?!« schrie der Meister Autor, und es wird auch wieder viel Wasser die deutsche Literatur herabrinnen, ehe sie wieder ein Grinsen sieht, wie das, mit welchem Signor Ceretto Wichselmeyer aus dem Schüsselkorb zu Bremen den Aufschrei des Meisters beantwortete.

»Sie wollen mir in meinen Garten Häuser bauen?« rief auch Fräulein Gertrud Tofote, und zum drittenmal verneigte sich der Zaubermohr vor ihr und sagte:

»Nach dem Stadterweiterungsplan geht die Prioritätenstraße grade über das Grundstück. Ich bitte gehorsamst — sehen Sie dort, an dem Bassin steht der zweite Pfahl. Ei, der selige Herr wußte gar wohl, was er tat, als er den Garten kaufte. Es war ein solides Geschäft, — nur schade, daß er die Kommission mit den Meßketten nicht selber mehr an der Tür begrüßen durfte.«

Ich hatte die Hand auf einen die Flöte blasenden Satyr gelegt; der Meister Autor sah mit zusammengezogenen Augenbrauen an den alten hohen Linden empor, der Seefahrer war an den Rand des Wasserbeckens getreten und sah finster hinein, und Trudchen — Trudchen trat zu dem alten unheimlichen Gartenhüter und fragte:

»Aber dürfen sie denn das, wenn ich nicht mag?«

»Sie werden viel Geld bezahlen, gnädiges Fräulein,« antwortete Ceretto. »Für viel Geld bekommt man alles, was man will. Für Geld und für gar nicht viel hat man alle meine Großväter bekommen, und meinen Urgroßvater sogar für eine abgelegte neapolitanische Schiffsleutnantshose. Die Überlieferung davon ist in der Familie geblieben von Abu Telfan im Tumurkielande her bis in den Schüsselkorb zu Bremen. Was mich persönlich angeht, so hatte mich der selige Herr, — ich meine immer Mynheer van Kunemund, für vierzig Taler jährlich und einen neuen Bedientenrock alle Weihnachten.«

»Damals sagten Sie mir, Ihre Angehörigen stammten aus dem Lande Kongo,« sagte der Meister Autor, um doch wieder etwas zu bemerken.

»Aus Banza Sonjo! Nicht wahr? Ja, das ist auch wenigstens zur Hälfte richtig. Aus dem Nest war meine Urgroßmutter; die wurde aber auf einen andern Handel zugegeben und kam mit meinem Herrn Urgroßvater erst in Puerto Principe auf Cuba in Bekanntschaft. Sie konnten beide nichts dafür, es sprachen damals auch Geschäftsrücksichten mit, aber, wahrhaftig, bloß die des kreolischen Pflanzers. Nun, ich will dem gelben Schurken heut ein gut Jahrhundert später keinen bösen Leumund darum machen, zumal — heut heute, schönes, junges, gnädiges Fräulein; denn mir gefällt die Welt heute recht sehr, recht sehr! Ich meines Teils habe bis dato noch immer mein Vergnügen drin gefunden.«

 

Neuntes Kapitel.

 

Wir standen noch einen Augenblick um die Stange des Stadterweiterungsplanes her, und dann wendeten wir uns alle ab und dem Hause zu. Um zu demselben zu gelangen, mußten wir das gleichfalls mit einem bemoosten Rande von Sandstein eingefaßte Wasserbecken umschreiten.

»Das Ding hat eine merkwürdige Tiefe,« sagte Signor Ceretto. »Mynheer und ich haben es ausgemessen. Der Grund ist weit hinabwärts versumpft und verschlammt; ob man allerlei Andenken aus der alten Zeit finden wird, wenn das Bauamt den Fleck trocken legt, kann ich nicht sagen. Es hat aber vieles und wunderliches Menschenvolk hier im Hause gewohnt.«

Hier im Hause! Wir standen jetzt vor dem Hause, in welchem zuletzt Mynheer van Kunemund gewohnt hatte, und welches jetzt dem Trudchen Tofote als Eigentum zugefallen war.

»Zu seiner Zeit war es, trotzdem daß es nicht sehr groß ist, ein Wunderwerk,« meinte der schwarze Gartenhüter. Und wahrlich, ein Wunderwerk war es auch heute noch, und vielleicht grade heute mehr denn je.

»Oh!« rief Gertrude Tofote, nach der Hand des Meisters Autor greifend, aber sie sofort fallen lassend, um die breiten Steintritte, die sich an der ganzen Vorderseite des Gebäudes herzogen, hinaufzueilen. Und wäre jetzt aus der Glastür in der Mitte der Erbauer im Brokatrock mit der Allongeperücke und dem zierlichen Degen, den dreieckigen Hut unter dem Arme, hervorgetreten, um sich mit der ganzen feierlichen Zierlichkeit des Jahres Siebenzehnhundert über ihre Hand zu neigen und das schöne Kind in sein Besitztum einzuführen, — niemand von uns andern, die wir noch auf dem heißen gelben Sande vor den breiten Treppenstufen standen, würde einen außergewöhnlichen Schauder darob verspürt haben.

»In der Umgegend von Batavia trifft man auch solche kuriose alte Gartenhäuser,« sagte der Matrose. »Aber sie versinken allmählich im Sumpfe.«

»Ruppig, aber wunderschön!« rief der Meister Autor. »Und das wollen sie auch wegbrechen, ihrer dummen Straße wegen?«

»Das erst recht, Herr Kunemund. Ich meine doch, es hat lange genug gestanden,« sagte Ceretto, »aber die Herrschaften sehen, die junge Herrin wird ungeduldig — gehen wir hinein; inwendig ist's noch viel absonderlicher, und wir haben gleichfalls das Unsrige geleistet, um die Wirtschaft für das gnädige schöne Fräulein so bunt als möglich herzurichten. O, darauf verstanden wir uns: ich und der selige Herr. Wir haben beide, jeder in seiner Art, die Welt danach abgegraset.«

Wir erstiegen nun auch die breiten Steinstufen zwischen den beiden verwitterten Sphinxen und standen vor der schon erwähnten Glastür und den fast bis auf den Boden herabreichenden Fenstern des Hauses.

An der Türe erwies sich der wunderliche Führer aber nochmals als ein für seine Aufgabe vollkommen passender Mann.

Mit einem lächelnden Blick auf Gertrude deutete er nochmal zurück auf den Garten, — die Blumen, den ausgewucherten Taxus, das sonstige Gebüsch und die mannigfachen Bildwerke, die aus dem Grünen hervorsahen: Blumenkörbe tragende Nymphen, Pansflötenbläser und pausbackige Kinderfiguren.

»Sie haben alle gewartet!« sagte er. »Sie haben auf das Fräulein gewartet. Sie haben sich gelangweilt über hundert Jahre.«

»Das glaube ich!« brummte der Leichtmatrose Karl Schaake. »Es war zwar sehr freundlich von ihnen, aber nötig war's nicht. Was haben sie mit dem Trudchen zu schaffen, die lächerlichen alten Galionbilder?… Nichts!«

»So?!« sagte der Meister Autor Kunemund. »Hast du deshalb dem Kerl da einen solchen grimmigen Nasenstüber versetzt, Karl?«

Und er zeigte auf einen mit einem kaum noch erkennbaren Bogen bewaffneten knieenden Amor unter einem Rosengebüsch, gerade der Eingangstür des Hauses und dem im Sonnenlicht glitzernden Wasserbecken gegenüber. Sicherlich wußte Herr Autor durchaus nicht, wie fein er sich durch sein Wort und seine Handbewegung erwies. —

 

Zehntes Kapitel.

 

Die Jahre sind hingegangen seit dem Tage. Nicht viele Jahre — fünf zum höchsten, kurz eine lange, lange Zeit. Ich habe das Meinige erlebt währenddem — die Welt roch einige Male recht brandig — Saturn entwickelte mehrmals einen gott- oder göttergesegneten Appetit: die Knochen seiner Kinder knackten und knirschten unter seinen Zähnen; es floß ihm rot an den Kinnladen herab; hier und da lief das Blut in den Straßengräben und Ackerfurchen: im Bunten eine buntfarbige Erinnerung mehr, das ist das einzige, was mir von jenen Stunden blieb, jenem Tage, an welchem Herr Kunemund mich abholte, seine kleine Freundin in ihre Erbschaft zu geleiten.

Es war ein Gebäude, wie es im achtzehnten Jahrhundert die Herren aus der Umgebung Serenissimi in großen und kleinen Residenzen in ihren Gärten versteckten, und wie es in so manchem Schau- und Trauerspiel, in so manchem Roman nicht nur des achtzehnten, sondern auch des neunzehnten Jahrhunderts sich aufbaut als Schauplatz von Liebe und von Kabale. Ein Häuschen, in welchem aber auch von Thümmel seine Wilhelmine hätte schreiben können, und in welchem der Verfasser der Reise in die mittägigen Provinzen von Frankreich sich auch unter dem, was Mynheer van Kunemund hinzugetan, gewiß nicht unbehaglich gefühlt haben würde. Die Stukkaturplafonds und die Schnörkelschnitzeleien an Tür und Pfosten hatten dem Geschmack des alten abenteuernden Heimtückers zugesagt, und er hatte das Seinige getan und alles verblichene Gold neu auffrischen lassen. Auch die Decken- und Wandmalereien hatte er zum größten Teil konserviert, und die bekannten Abgöttereien, Schäfereien, Jägereien und Fischereien ergötzten das Auge fast von jeder Richtung her. Aber Mynheer hatte auch ein Gusto für buntes Fensterglas mit in seinen lichten Schlupfwinkel gebracht und seine Gemächer in das bunteste Licht gekleidet. Und was er von seinen Weltfahrten an Wunderdingen mitgeschleppt hatte, das hatte er auf den Tischen und Schränken und die Wände entlang aufgehäuft und angehängt. Selbst die Fußböden hatte er durch ausländische farbenprächtige Teppiche und die Felle fremder Tiere nach Möglichkeit wunderlich ausgestattet; das Ganze überwältigte, selbst nur als Raritätensammlung betrachtet, beim ersten Durchschreiten der Räume vollständig.

Aber die Lebendigen waren doch das Merkwürdigste, — sie stehen mit jedem Worte, mit jedem Gestus fest in meiner Erinnerung — der Meister Autor, das schöne Waldfräulein und der Leichtmatrose und Pilgerführer Karl Schaake von der Hamburger Barke Kehrwieder.

Ich sehe den Bremer Mohren, Ceretto Wichselmeyer, eine Tür nach der andern vor der neuen Herrschaft öffnen; ich sehe das süße Kind immer größere und glänzendere Augen öffnen, aber ich sehe es auch von Schritt zu Schritt immer mutiger und mutwilliger werden. Ich sehe, wie sich Fräulein Gertrud Tofote lachend auf weiche Polster wirft, um sofort wieder aufzuspringen und über die orientalischen Decken, die Tigerfelle mit leichter Hand zu streichen; ich sehe sie mit bunten Schmuckkästchen in der Hand, mit einem javanischen Federfächel in der Hand, — ich sehe sie mit einem Korallenschmuck im Haar vor einem der vergoldeten Spiegel. Ja, ich sehe das Lächeln, mit welchem sie sich in den Spiegeln des Hofmarschalls von Kalb oder des Oberschenks von Bock, und zwar auf den Teppichen Mynheer van Kunemunds stehend, beäugelt; und ich sehe auch den Meister Autor Kunemund, der hinter ihr hertritt, sich über ihr Entzücken freut und doch dann wieder auch stehen bleibt und kopfschüttelnd und traurig sie, unbemerkt von ihr, lange und fest ins Auge faßt.

Ich sehe dann den Meister Autor, wie er den Stock seines »kleinen Bruders« in einer Ecke findet und am Nagel den Hut des Seligen. Ich sehe, wie er vor diesen Stücken der Erbschaft lange mit dem schwarzen Zauberhüter der tausend Herrlichkeiten flüstert, um von neuem den Kopf zu schütteln. Ich belausche einen tiefen Seufzer des Alten, während aus dem Nebengemache, hinter dem schweren sammetbefranzten Türvorhang her, ein neuer, heller, lachender Jubelruf des jungen Mädchens erklingt; den jungen Seefahrer erblicke ich in diesem Momente nicht, aber ich finde ihn noch wieder — im Märchenhause Mynheers van Kunemund und in meiner Erinnerung. —

Wir haben allgemach das ganze Haus durchstöbert und kehren nun zurück durch den Wirrwarr der bunten Räume, um das lustig verzauberte Gartenschlößchen auch von außen zu umschreiten und den Garten einer neuen und eingehenderen Durchforschung zu unterwerfen. Und auf diesem Rückmarsche finde ich meinen jungen Salzwassermann in einem Winkel eines der vordern Gemächer, und zwar in mürrischer Betrachtung der Schlange unter den Blumen.

Er saß auf einem Eckpolstersitz und hatte von einem Hängebrett zur Seite den Gegenstand herabgeholt, der ihn so sehr bedenklich machte, daß er alles andere darüber vergaß.

Als ich an ihn herantrat und ihm die Hand auf die Schulter legte, fuhr er sogar zusammen und wurde sofort sehr rot, was ihm, beiläufig gesagt, gar nicht übel stand.

»Was haben Sie denn da aufgegabelt, das Ihre Aufmerksamkeit so sehr in Anspruch nimmt, lieber Freund?« fragte ich, und der Leichtmatrose erwiderte verlegen und womöglich noch röter werdend:

»O nichts!«

»Dem scheint doch nicht so zu sein. Bitte, lassen Sie doch einmal sehen, was Sie Gefährliches da hinter Ihrem Rücken verbergen.«

Und jetzt sprudelte und stotterte der junge Mensch heraus, was ruhig und lachend zu sagen er sich zu schämen schien:

»Ich weiß nicht, wie das hierher kommt, und ob der, welcher es hierher gebracht hat, gewußt hat, was es bei sich zu Hause bedeutet. Aber auf den Inseln der Banda- und der Harafura-See schafft ein Feind es dem andern verstohlen ins Haus oder aufs Schiff und geht nachher hin und reibt sich die Hände und wartet ruhig den Erfolg ab. Sie sagen und glauben fest daran, daß es Unglück bringe — daß Haus und Schiff zugrunde gehen müsse, wenn es nicht noch frühzeitig wieder hinausgeworfen werde. Es ist natürlich eine Narrheit; aber kein malayischer Seemann duldet es auf seinem Schiff, und ertappen sie einen, der es böswillig in der Hosentasche trägt, fliegt beides über Bord, der braungelbe Kerl wie das graugrüne Zauberding.«

»Das ist ja recht interessant! Aber was ist es denn? Zeigen Sie doch einmal, lieber Karl!«

Zögernd legte der Leichtmatrose einen dem äußern Anschein nach höchst unverfänglichen Gegenstand in meine Hand, nämlich einen schwärzlichgrünlichen Stein von eirunder Form und der Größe einer Weiberfaust. Bei näherer Betrachtung erwies sich jedoch, daß das Ding bezeichnet war und nicht ohne Kunst und Mühe zugerichtet, daß es also auch wohl für den Verfertiger seine Bedeutung haben mußte. Die eine Hälfte war mit einem Durcheinander wahrscheinlich sehr magischer und niederträchtiger Schriftzüge bedeckt; auf der andern Hälfte wies sich ein Gesicht eingegraben, und seltsamerweise hatte sich der Künstler augenscheinlich bemüht, so gut es ihm eben möglich war, jedwede Fratzenhaftigkeit davon fernzuhalten, und das war ihm auch so ziemlich gelungen. Es gab sicherlich häßlichere molukkische Frauen und Göttinnen, als diejenige gewesen sein mußte, die zu diesem Skulpturwerk Modell gesessen hatte.

Nachdem ich das magische Ei mit gebührender Aufmerksamkeit hin und her gewendet, es unter jeglichem Gesichtspunkt betrachtet und zuletzt sogar berochen hatte, gab ich es zurück und zuckte die Achseln.

»Sie nennen es den Stein der Abnahme und dulden es nicht,« sagte Karl Schaake.

»Der Stein der Abnahme?! Freilich ein sonderbares, bedeutungsvolles Wort!… der Stein der Abnahme!«

Ich nahm das Ding zum zweitenmal und betrachtete es noch einmal von allen Seiten, indem ich wiederholte:

»Der Stein der Abnahme!«

Den Schriftzügen vermochte ich nichts abzugewinnen, wohl aber allmählich dem Weibergesicht. Die Phantasie tut in allen diesen Stücken das Ihrige und tat das auch jetzt. Das kindische, unsichere Bild gewann ein tierisch-stupides Leben, und über alles einen Zug von unerbittlicher Grausamkeit und kahlem, nichtssagendem Hohn, der es mich auf der Stelle zum andernmal zurückgeben ließ:

»Sie dulden es nicht?«

»Unter keinen Umständen! Sie reißen selbst das Haus nieder, in welchem es gefunden wird.«

»Und Sie, lieber Freund, verspüren all Ihrem Europäertum zu Trotz ebenfalls nicht die mindeste Lust, dieses Es, diesen — Stein der Abnahme, hier — grade hier, in diesem Hause zu dulden? Es juckt Sie längst in allen Fingern, das Entsetzliche verstohlen in die Tasche zu schieben und es nachher in den Fluß zu werfen, da wo er Ihnen am tiefsten vorkommt? Nicht wahr?«

Der junge Mann nickte mit allem Nachdruck, den Blick nicht von mir abwendend.

»Nun, was hindert Sie denn, lieber Karl? Ich meine, wir können es vor dem Meister Autor, dem Bruder Mynheers van Kunemund, wie vor der niedlichen Erbin Mynheers — und vor letzterer am ersten verantworten. Sehen Sie, das Fenster steht weit genug geöffnet. Werfen Sie, und reinigen Sie das Haus von dem Unheil!«

So vieler Worte hatte es kaum bedurft. Beim ersten bereits war der Seefahrer aufgesprungen, und jetzt flog im weiten Bogen der Stein der Abnahme aus dem Fenster und klatschend mitten in das Bassin vor dem Hause.

»So — gottlob!« rief tief aufatmend Karl.

»So!« sagte ich lachend und habe späterhin Gelegenheit gefunden, mich dieses Lachens mehrfach zu erinnern. Fürs erste fanden wir uns noch einmal im Garten unter den Bienen, Blumen und Schmetterlingen zusammen und beredeten noch dieses und jenes, woran Gertrud Tofote, versunken in ein unruhiges Träumen, wenig Anteil nahm.

Dann fragte Herr Kunemund:

»Du wirst doch heute mit uns essen, Karl?« und Karl dankte zögernd und sagte:

»Ich habe der Muhme im Cyriacihofe versprochen, heute bei ihr zu bleiben, und sie wird schon längst eine recht schöne Rede über mein Ausbleiben für mich in Bereitschaft haben.«

So nahmen wir Abschied. Wir, der Seefahrer und ich, ließen die Erbin im Besitz der Erbschaft Mynheers van Kunemund, und ein jeder ging seines eigenen Weges: ich den meinigen, wie gesagt, durch verschiedene Jahre. In diesen Jahren hatte ich das Meinige in Wohl und Wehe abzutun und konnte mich nicht immer mit dem, was andere Leute eigentlich allein anging, beschäftigen. Aber dessenungeachtet behielt ich diesen Tag mit allen seinen Figuren und Vorgängen in merkwürdiger Frische in der Erinnerung. Den Meister Autor hatte ich ja sogar, wie man das so nennt, liebgewonnen. Und wenn man sich gewöhnlich wenig mehr bei dem Wort denkt, als daß ein wohltuend warmes Behagen von der oder der Persönlichkeit für uns ausgeht, so trat hier doch noch etwas anderes hinzu: ich hatte nämlich den Meister auch da zu respektieren, wo sich mein ganzes, oft flüchtig genug im Tage lebendes Wesen gegen seine Natur und sein Treiben als gegen etwas ganz Gewöhnliches und Einfältiges, wenngleich ungemein Feststehendes sträubte.

Das Behagen behielt freilich stets die Oberhand. In mancher verdrießlichen Stunde schweifte meine Seele mit Wohlgefühl in des Alten Einsamkeit und sein sagenhaftes Leben hinüber; und in mancher unsichern Stunde habe ich ihn, den Meister Autor Kunemund, in der Einbildung um Rat gefragt, denselben jedesmal erhalten und wirklich dann und wann befolgt und zwar niemals zu meinem Schaden, wenngleich sehr häufig zur unmäßigen Verwunderung anderer Leute.

»Dem Mann geht es immer gut! Dem Mann kann es nie schlecht gehen!« dachte ich, und saß mit ihm in der Phantasie an der Schnitzbank und spielte mit dem tapfern, blanken Messer seines königlichen Ahnherrn. Und mit ihm sah ich seinen Wald im Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Wintergewande, in Sonnenlicht und Nebel, und sah die Alte und den Förster Tofote und das Kind, das schöne Kind. Und während ich an meinem eigenen Leben schnitzelte und zwar im Holz, das mir überwiesen worden war, philosophierte ich dann und wann, wie es sich gehörte, über das Material, welches andern in die Hände fiel, so zum Exempel über die Erbschaft Mynheers van Kunemund. Hundert Meilen entfernt vom Elmwalde kümmerte ich mich um jenen wunderlich schönen Garten, die liebliche Erbin darin und dachte an die rotweiße Meßstange, welche jener Stadterweiterungsplan der armen Gertrud Tofote zwischen ihrem Flieder, Jasmin und ihren Rosen eingepflanzt und aufgerichtet hatte. —

 

Elftes Kapitel.

 

Der Schnellzug hielt im freien Felde, ungefähr eine halbe Stunde von der Station, und während fünf Minuten unterhielten sich die Reisenden in sämtlichen Wagen, in der Erwartung, daß es sogleich weiter gehen werde, ruhig über die möglichen Gründe des plötzlichen Anhaltens. Nach einer weiteren Minute bogen sich die ungeduldigeren Passagiere aus den Fenstern, um sich nach diesen Gründen umzusehen, und einen kürzesten Moment später bot die lange Wagenreihe mit den daraus hervorguckenden Köpfen den Anblick einer Straßenseite, wenn drunten in der Gasse etwas ganz Außergewöhnliches vorgegangen ist oder vorgeht. Wenn nun aber auch kein Kanarienvogel der zärtlichen Pflege seiner altjüngferlichen Herrin entschlüpft war, so war nichtsdestoweniger etwas, wenn auch nicht Außergewöhnliches, so doch gewiß ziemlich Aufregendes passiert, zumal für diejenigen, welche dergleichen noch nicht auf ihren Reisen erlebt hatten.

»Personen- und Güterzug entgleist … Bahn unfahrbar!… Heizer und Lokomotivführer tot, viele Passagiere verwundet!« ging es plötzlich von Mund zu Munde durch alle Klassen des Zuges, und die bereits am Rande der Böschung in Gruppen stehenden Schaffner ließen sich nunmehr allgemach herbei, die Nachricht zu bestätigen und fingen auf Befehl des Zugführers an, die Wagentüren zu öffnen.

Allgemeines Herausklettern — Durcheinander von Frage und Antwort — hie und da Mitleid und Entsetzen in den Mienen; aber meistens doch nur, je nach dem Charakter oder der Eile der persönlichen Reisenot heftiges Gestikulieren, leises Murren und lautes Schimpfen! Wer es schon mitgemacht hat, weiß es, wie die Welt in solcher Lage sich gibt; wer noch nicht im freien Felde vor die Alternative gestellt wurde, in dem Coupé zu übernachten, oder nach eigenem Können und Vermögen seinen Weg über das Hindernis da vorn auf dem Geleise zu suchen, der mag sich selber den Puls fühlen. —

Was mich anbetraf, so hatte ich wenig zu versäumen, und nachdem mir die Gewißheit geworden war, daß für eine längere Zeit an ein Freiwerden der Bahn und ein Weiterfahren des Zuges nicht zu denken sei, ergab ich mich gleichmütig in die Situation, sah mich um und suchte mich in der Gegend zurecht zu finden.

Wir hielten in der Ebene, wie gesagt, eine halbe Lokomotivviertelstunde von der nächsten Station entfernt, hatten also einen ziemlich beträchtlichen Weg, und zwar auf sehr schlechtem und gar noch dazu durch ein heftiges Gewitter am frühen Morgen aufgeweichtem und grundlos gemachtem Pfade zu dem Orte hin. Aber es war ein herrlicher, klarer, sonniger und doch durch eben jenes Morgengewitter erfrischter Sommernachmittag, und es gab schlimmere Klemmen als die meinige im menschlichen Leben: ich wenigstens hatte schlimmere und zwar ziemlich heiter überwunden, wenn auch dann und wann nur aus dem einfachen Grunde, weil ich mußte.

Ich hatte mich bald in der Gegend zurechtgefunden. In der Ferne, gegen Nordost zog sich wieder einmal der Elmwald hin; in der hügeligen Ebene zwischen dem Walde und der Eisenbahn, ungefähr eine Viertelwegstunde von der letztern lag ein Dorf in Gebüsch, Wiesen und Kornfeldern, und der Weg, den wir sämtlich zu treten hatten, wenn wir das Hindernis vor uns umgehen wollten, führte durch dieses Dorf. Zu Haufen und einzeln, teilweise schwer genug mit ihrem Gepäck belastet, schritten die Insassen des Bahnzuges den roten Dächern zu; ich aber, mit ein wenig besserm Humor für das Ertragen der Verdrießlichkeit ausgerüstet, ließ den Schwarm voranziehen. Eine Zigarre anzündend, klomm ich ihm den Hohlweg hinauf langsam bis auf die Höhe nach, erstieg dann die Böschung und saß am Rande eines unübersehbaren Weizenfeldes unter einem schattigen Fliederbusche nieder, und zwar in ziemlich eigentümlicher Stimmung.

Da war eben noch der wirreste Lärm, das Rasseln der Räder, das Geschwätz der Mitreisenden, das Ächzen der Maschine, kurz der Dampf, Qualm und die Musik der ganzen kostbaren Erfindung um mich gewesen und jetzt — die tiefste Stille — bis auf die Lerchen über mir im Blau und die Grille neben mir im Thymianbusch. Und, weithin zu überblicken, lag die Ebene im Sonnenduft, und im Süden das Gebirge im weißlichen Glanze. In Schlangenlinien zog sich der Bahnkörper durch die Fläche und um die Hügel, hier verschwindend, dort von neuem auftauchend, bis sich die Windungen im Dunste der Ferne verloren. Die Sonne glitzerte auf den Schienen; und dort, zwei- bis dreihundert Schritte von meinem grünen Busche entfernt, zwanzig Fuß tiefer als er, lag wie ein verendendes Ungeheuer der schwarze lange Wagenzug mit dem nur noch leise auskeuchenden Kopfe des Drachens, der Lokomotive. Nur die Beamten — der Lokomotivführer, Heizer und Schaffner waren noch um die Wagen beschäftigt, und in den ersten Klassen hatten einige verdrießliche Herrschaften von beiden Geschlechtern verzweiflungsmatt ihre Plätze festgehalten.

»Wie schön doch die Welt geblieben ist!« sagte ich erstaunt. »Gütiger Himmel, und das liegt noch immer dicht neben uns, und lächelt uns mitleidig nach, während wir da vorüberrasen, befangen im Wahn in dem wüsten Gelärm durch eigenes Mitlärmen, Mitkeuchen und Mitgreifen das zu gewinnen, woran wir längst vorbeigewirbelt wurden. Welch eine Fratze schneidet uns unser eigenes Leben, wenn wir es einmal in der rechten Beleuchtung anschauen! Meine Herrschaften, da wäre die Gelegenheit, für die, die da lachten, zum Weinen, und für die, die da weinten, zu einem Lachen zu kommen! O verflucht, lieber von Schmidt!«

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