Minna von Barnhelm
Minna von Barnhelm
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Tellheim
Mein Fräulein, ich bin nicht gewohnt zu klagen.
Fräulein Sehr wohl. Ich wüßte auch nicht, was mir an einem Soldaten, nach dem Prahlen, weniger gefiele als das Klagen. Aber es gibt eine gewisse kalte, nachlässige Art, von seiner Tapferkeit und von seinem Unglücke zu sprechen—
Tellheim
Die im Grunde doch auch geprahlt und geklagt ist.
Fräulein Oh, mein Rechthaber, so hätten Sie sich auch gar nicht unglücklich nennen sollen.—Ganz geschwiegen oder ganz mit der Sprache heraus.— Eine Vernunft, eine Notwendigkeit, die Ihnen mich zu vergessen befiehlt?—Ich bin eine große Liebhaberin von Vernunft, ich habe sehr viel Ehrerbietung für die Notwendigkeit.—Aber lassen Sie doch hören, wie vernünftig diese Vernunft, wie notwendig diese Notwendigkeit ist.
Tellheim Wohl denn; so hören Sie, mein Fräulein.—Sie nennen mich Tellheim; der Name trifft ein.—Aber Sie meinen, ich sei der Tellheim, den Sie in Ihrem Vaterlande gekannt haben; der blühende Mann, voller Ansprüche, voller Ruhmbegierde; der seines ganzen Körpers, seiner ganzen Seele mächtig war, vor dem die Schranken der Ehre und des Glückes eröffnet standen, der Ihres Herzens und Ihrer Hand, wenn er schon Ihrer noch nicht würdig war, täglich würdiger zu werden hoffen durfte.—Dieser Tellheim bin ich ebensowenig, als ich mein Vater bin. Beide sind gewesen.—Ich bin Tellheim, der Verabschiedete, der an seiner Ehre Gekränkte, der Krüppel, der Bettler.—Jenem, mein Fräulein, versprachen Sie sich: wollen Sie diesem Wort halten?—
Fräulein Das klingt sehr tragisch!—Doch, mein Herr, bis ich jenen wiederfinde— in die Tellheims bin ich nun einmal vernarret—, dieser wird mir schon aus der Not helfen müssen.—Deine Hand, lieber Bettler! (Indem sie ihn bei der Hand ergreift.)
Tellheim (der die andere Hand mit dem Hute vor das Gesicht schlägt und sich von ihr abwendet). Das ist zu viel!—Wo bin ich?—Lassen Sie mich, Fräulein! Ihre Güte foltert mich!—Lassen Sie mich.
Fräulein
Was ist Ihnen? Wo wollen Sie hin?
Tellheim
Von Ihnen!—
Fräulein
Von mir? (Indem sie seine Hand an ihre Brust zieht.) Träumer!
Tellheim
Die Verzweiflung wird mich tot zu Ihren Füßen werfen.
Fräulein
Von mir?
Tellheim Von Ihnen.—Sie nie, nie wiederzusehen.—Oder doch so entschlossen, so fest entschlossen—keine Niederträchtigkeit zu begehen—Sie keine Unbesonnenheit begehen zu lasen.—Lassen Sie mich, Minna! (Reißt sich los und ab.)
Fräulein (ihm nach). Minna Sie lasen? Tellheim! Tellheim!
3. Akt
1. Szene
(Die Szene: Der Saal.) (Just, einen Brief in der Hand)
Just Muß ich doch noch einmal in das verdammte Haus kommen!—Ein Briefchen von meinem Herrn an das gnädige Fräulein, das seine Schwester sein will.—Wenn sich nur da nichts anspinnt!—Sonst wird des Brieftragens kein Ende werden.—Ich wär es gern los, aber ich möchte auch nicht gern ins Zimmer hinein.—Das Frauenszeug fragt so viel, und ich antworte so ungern!—Ha, die Türe geht auf. Wie gewünscht! das Kammerkätzchen!
2. Szene
(Franziska. Just)
Franziska (zur Türe herein, aus der sie kömmt). Sorgen Sie nicht; ich will schon aufpassen.—Sieh! (indem sie Justen gewahr wird) da stieße mir ja gleich was auf. Aber mit dem Vieh ist nichts anzufangen.
Just
Ihr Diener, Jungfer—
Franziska
Ich wollte so einen Diener nicht—
Just
Nu, nu, verzeih Sie mir die Redensart!—Da bring ich ein Briefchen von
meinem Herrn an Ihre Herrschaft, das gnädige Fräulein—Schwester.—
War's nicht so? Schwester.
Franziska
Geb Er her! (Reißt ihm den Brief aus der Hand.)
Just
Sie soll so gut sein, läßt mein Herr bitten, und es übergeben.
Hernach soll Sie so gut sein, läßt mein Herr bitten—daß Sie nicht
etwa denkt, ich bitte was!—
Franziska
Nun denn?
Just Mein Herr versteht den Rummel. Er weiß, daß der Weg zu den Fräuleins durch die Kammermädchen geht:—bild ich mir ein!—Die Jungfer soll also so gut sein—läßt mein Herr bitten—und ihm sagen lassen, ob er nicht das Vergnügen haben könnte, die Jungfer auf ein Viertelstündchen zu sprechen.
Franziska
Mich?
Just
Verzeih Sie mir, wenn ich Ihr einen unrechten Titel gebe.—Ja, Sie!—
Nur auf ein Viertelstündchen; aber allein, ganz allein, insgeheim,
unter vier Augen. Er hätte Ihr was sehr Notwendiges zu sagen.
Franziska Gut! ich habe ihm auch viel zu sagen.—Er kann nur kommen, ich werde zu seinem Befehle sein.
Just
Aber, wenn kann er kommen? Wenn ist es Ihr am gelegensten, Jungfer?
So in der Dämmerung?—
Franziska Wie meint Er das?—Sein Herr kann kommen, wenn er will—und damit packe Er sich nur!
Just
Herzlich gern! (Will fortgehen.)
Franziska
Hör Er doch; noch auf ein Wort.—Wo sind denn die andern Bedienten des
Majors?
Just
Die andern? Dahin, dorthin, überallhin.
Franziska
Wo ist Wilhelm?
Just
Der Kammerdiener? den läßt der Major reisen.
Franziska
So? Und Philipp, wo ist der?
Just
Der Jäger? den hat der Herr aufzuheben gegeben.
Franziska
Weil er jetzt keine Jagd hat, ohne Zweifel.—Aber Martin?
Just
Der Kutscher? der ist weggeritten.
Franziska
Und Fritz?
Just
Der Läufer? der ist avanciert.
Franziska Wo war Er denn, als der Major bei uns in Thüringen im Winterquartiere stand? Er war wohl noch nicht bei ihm?
Just
O ja, ich war Reitknecht bei ihm, aber ich lag im Lazarett.
Franziska
Reitknecht? Und jetzt is Er?
Just
Alles in allem; Kammerdiener und Jäger, Läufer und Reitknecht.
Franziska Das muß ich gestehen! So viele gute, tüchtige Leute von sich zu lassen und gerade den Allerschlechtesten zu behalten! Ich möchte doch wissen, was Sein Herr an Ihm fände!
Just
Vielleicht findet er, daß ich ein ehrlicher Kerl bin.
Franziska Oh, man ist auch verzweifelt wenig, wenn man weiter nichts ist als ehrlich.—Wilhelm war ein andrer Mensch—Reisen läßt ihn der Herr?
Just
Ja, er läßt ihn—da er's nicht hindern kann.
Franziska
Wie?
Just
Oh, Wilhelm wird sich alle Ehre auf seinen Reisen machen. Er hat des
Herrn ganze Garderobe mit.
Franziska
Was? Er ist doch nicht damit durchgegangen?
Just Das kann man nun eben nicht sagen; sondern als wir von Nürnberg weggingen, ist er uns nur nicht damit nachgekommen.
Franziska
Oh, der Spitzbube!
Just Es war ein ganzer Mensch! Er konnte frisieren und rasieren und parlieren—und scharmieren—Nicht wahr?
Franziska Sonach hätte ich den Jäger nicht von mir getan, wenn ich wie der Major gewesen wäre. Konnte er ihn schon nicht als Jäger nützen, so war es doch sonst ein tüchtiger Bursche.—Wem hat er ihn denn aufzuheben gegeben?
Just
Dem Kommandanten von Spandau.
Franziska Der Festung? Die Jagd auf den Wällen kann doch da auch nicht groß sein.
Just
Oh, Philipp jagt auch da nicht.
Franziska
Was tut er denn?
Just
Er karrt.
Franziska
Er karrt?
Just
Aber nur auf drei Jahr. Er machte ein kleines Komplott unter des
Herrn Kompanie und wollte sechs Mann durch die Vorposten bringen.—
Franziska
Ich erstaune, der Bösewicht!
Just
Oh, es ist ein tüchtiger Kerl! Ein Jäger, der funfzig Meilen in der
Runde durch Wälder und Moräste alle Fußsteige, alle Schleifwege kennt.
Und schießen kann er!
Franziska
Gut, daß der Major nur noch den braven Kutscher hat!
Just
Hat er ihn noch?
Franziska Ich denke, Er sagte, Martin wäre weggeritten? So wird er doch wohl wiederkommen?
Just
Meint Sie?
Franziska
Wo ist er denn hingeritten?
Just Es geht nun in die zehnte Woche, da ritt er mit des Herrn einzigem und letztem Reitpferde—nach der Schwemme.
Franziska
Und ist noch nicht wieder da? Oh, der Galgenstrick!
Just Die Schwemme kann den braven Kutscher auch wohl verschwemmt haben!—Es war gar ein rechter Kutscher! Er hatte in Wien zehn Jahre gefahren. So einen kriegt der Herr gar nicht wieder. Wenn die Pferde im vollen Rennen waren, so durfte er nur machen: "Burr!" und auf einmal standen sie wie die Mauern. Dabei war er ein ausgelernter Roßarzt!
Franziska
Nun ist mir für das Avancement des Läufers bange.
Just Nein, nein, damit hat's seine Richtigkeit. Er ist Trommelschläger bei einem Garnisonregimente geworden.
Franziska
Dacht ich's doch!
Just Fritz hing sich an ein liederliches Mensch, kam des Nachts niemals nach Hause, machte auf des Herrn Namen überall Schulden und tausend infame Streiche. Kurz, der Major sahe, daß er mit aller Gewalt höher wollte: (das Hängen pantomimisch anzeigend) er brachte ihn also auf guten Weg.
Franziska
Oh, der Bube!
Just Aber ein perfekter Läufer ist er, das ist gewiß. Wenn ihm der Herr funfzig Schritte vorgab, so konnte er ihn mit seinem besten Renner nicht einholen. Fritz hingegen kann dem Galgen tausend Schritte vorgeben und, ich wette mein Leben, er holt ihn ein.—Es waren wohl alles Ihre guten Freunde, Jungfer? Der Wilhelm und der Philipp, der Martin und der Fritz?—Nun, Just empfiehlt sich! (Geht ab.)
3. Szene
(Franziska und hernach der Wirt.)
Franziska (die ihm ernsthaft nachsieht). Ich verdiene den Biß!—Ich bedanke mich, Just. Ich setzte die Ehrlichkeit zu tief herab. Ich will die Lehre nicht vergessen.—Ah! der unglückliche Mann! (Kehrt sich um und will nach dem Zimmer des Fräuleins gehen, indem der Wirt kömmt.)
Wirt
Warte Sie doch, mein schönes Kind.
Franziska
Ich habe jetzt nicht Zeit, Herr Wirt—
Wirt
Nun ein kleines Augenblickchen!—Noch keine Nachricht weiter von dem
Herrn Major? Das konnte doch unmöglich sein Abschied sein!—
Franziska
Was denn?
Wirt Hat es Ihr das gnädige Fräulein nicht erzählt?—Als ich Sie, mein schönes Kind, unten in der Küche verließ, so kam ich von ungefähr wieder hier in den Saal—
Franziska
Von ungefähr, in der Absicht, ein wenig zu horchen.
Wirt Ei, mein Kind, wie kann Sie das von mir denken? Einem Wirte läßt nichts übler als Neugierde.—Ich war nicht lange hier, so prellte auf einmal die Türe bei dem gnädigen Fräulein auf. Der Major stürzte heraus, das Fräulein ihm nach, beide in einer Bewegung, mit Blicken, in einer Stellung—so was läßt sich nur sehen. Sie ergriff ihn, er riß sich los, sie ergriff ihn wieder. "Tellheim!"—Fräulein, lassen Sie mich!"—"Wohin?"—So zog er sie bis an die Treppe. Mir war schon bange, er würde sie mit herabreißen. Aber er wand sich noch los. Das Fräulein blieb an der obersten Schwelle stehn, sah ihm nach, rief ihm nach, rang die Hände. Auf einmal wandte sie sich um, lief nach dem Fenster, von dem Fenster wieder zur Treppe, von der Treppe in dem Saale hin und wider. Hier stand ich, hier ging sie dreimal bei mir vorbei, ohne mich zu sehen. Endlich war es, als ob sie mich sähe, aber, Gott sei bei uns! ich glaube, das Fräulein sahe mich für Sie an, mein Kind. "Franziska", rief sie, die Augen auf mich gerichtet, "bin ich nun glücklich?" Darauf sahe sie steif an die Decke und wiederum: "Bin ich nun glücklich?" Darauf wischte sie sich Tränen aus dem Auge und lächelte und fragte mich wiederum: "Franziska, bin ich nun glücklich?"—Wahrhaftig, ich wußte nicht, wie mir war. Bis sie nach ihrer Türe lief, da kehrte sie sich nochmals nach mir um: "So komm doch, Franziska; wer jammert dich nun?"—Und damit hinein.
Franziska
Oh, Herr Wirt, das hat Ihnen geträumt.
Wirt
Geträumt? Nein, mein schönes Kind, so umständlich träumt man nicht.—
Ja, ich wollte wieviel drum geben—ich bin nicht neugierig—aber ich
wollte wieviel drum geben, wenn ich den Schlüssel dazu hätte.
Franziska Den Schlüssel? zu unsrer Türe? Herr Wirt, der steckt innerhalb; wir haben ihn zur Nacht hereingezogen; wir sind furchtsam.
Wirt
Nicht so einen Schlüssel; ich will sagen, mein schönes Kind, den
Schlüssel, die Auslegung gleichsam, so den eigentlichen Zusammenhang
von dem, was ich gesehen.—
Franziska
Ja so!—Nun, adieu, Herr Wirt. Werden wir bald essen, Herr Wirt?
Wirt
Mein schönes Kind, nicht zu vergessen, was ich eigentlich sagen wollte.
Franziska
Nun? aber nur kurz—
Wirt
Das gnädige Fräulein hat noch meinen Ring; ich nenne ihn meinen—
Franziska
Er soll Ihnen unverloren sein.
Wirt Ich trage darum auch keine Sorge; ich will's nur erinnern, sieht Sie, ich will ihn gar nicht einmal wiederhaben. Ich kann mir doch wohl an den Fingern abzählen, woher sie den Ring kannte, und woher er dem ihrigen so ähnlich sah. Er ist in ihren Händen am besten aufgehoben. Ich mag ihn gar nicht mehr und will indes die hundert Pistolen, die ich darauf gegeben habe, auf des gnädigen Fräuleins Rechnung setzen. Nicht so recht, mein schönes Kind?
4. Szene
(Paul Werner. Der Wirt. Franziska.)
Werner
Da ist er ja!
Franziska
Hundert Pistolen? Ich meinte, nur achtzig.
Wirt
Es ist wahr, nur neunzig, nur neunzig. Das will ich tun, mein schönes
Kind, das will ich tun.
Franziska
Alles das wird sich finden, Herr Wirt.
Werner (der ihnen hinterwärts näher kömmt und auf einmal der Franziska auf die Schulter klopft). Frauenzimmerchen! Frauenzimmerchen!
Franziska (erschrickt). He!
Werner Erschrecke Sie nicht!—Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, ich sehe, Sie ist hübsch und ist wohl gar fremd—Und hübsche fremde Leute müssen gewarnet werden—Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, nehm Sie sich vor dem Manne in acht! (Auf den Wirt zeigend.)
Wirt Je, unvermutete Freude! Herr Paul Werner! Willkommen bei uns, willkommen!—Ah, es ist doch immer noch der lustige, spaßhafte, ehrliche Werner!—Sie soll sich vor mir in acht nehmen, mein schönes Kind! Ha, ha, ha!
Werner
Geh Sie ihm überall aus dem Wege!
Wirt Mir! mir!—Bin ich denn so gefährlich?—Ha, ha, ha! Hör' Sie doch, mein schönes Kind! Wie gefällt Ihr der Spaß?
Werner
Daß es doch immer Seinesgleichen für Spaß erklären, wenn man ihnen die
Wahrheit sagt.
Wirt Die Wahrheit! ha, ha, ha!—Nicht wahr, mein schönes Kind, immer besser! Der Mann kann spaßen! Ich gefährlich?—ich?—So vor zwanzig Jahren war was dran. Ja, ja, mein schönes Kind, da war ich gefährlich; da wußte manche davon zu sagen; aber jetzt—
Werner
Oh, über den alten Narrn!
Wirt
Da steckt's eben! Wenn wir alt werden, ist es mit unsrer
Gefährlichkeit aus. Es wird Ihm auch nicht besser gehen, Herr Werner!
Werner Potz Geck und kein Ende!—Frauenzimmerchen, so viel Verstand wird Sie mir wohl zutrauen, daß ich von der Gefährlichkeit nicht rede. Der eine Teufel hat ihn verlassen, aber es sind dafür sieben andre in ihn gefahren—
Wirt Oh, hör Sie doch, hör Sie doch! Wie er das nun wieder so herumzubringen weiß!—Spaß über Spaß und immer was Neues! Oh, es ist ein vortrefflicher Mann, der Herr Paul Werner!—(Zur Franziska, als ins Ohr.) Ein wohlhabender Mann und noch ledig. Er hat drei Meilen von hier ein schönes Freischulzengerichte. Der hat Beute gemacht im Kriege!—Und ist Wachtmeister bei unserm Herrn Major gewesen. Oh, das ist ein Freund von unserm Herrn Major! das ist ein Freund! der sich für ihn totschlagen ließe!—
Werner Ja! und das ist ein Freund von meinem Major! das ist ein Freund!— den der Major sollte totschlagen lassen.
Wirt
Wie? was?—Nein, Herr Werner, das ist nicht guter Spaß.—Ich kein
Freund vom Herrn Major?—Nein, den Spaß versteh ich nicht.
Werner
Just hat mir schöne Dinge erzählt.
Wirt Just? Ich dacht's wohl, daß Just durch Sie spräche. Just ist ein böser, garstiger Mensch. Aber hier ist ein schönes Kind zur Stelle; das kann reden; das mag sagen, ob ich kein Freund von dem Herrn Major bin? Ob ich ihm keine Dienste erwiesen habe? Und warum sollte ich nicht sein Freund sein? Ist er nicht ein verdienter Mann? Es ist wahr, er hat das Unglück gehabt, abgedankt zu werden: aber was tut das? Der König kann nicht alle verdiente Männer kennen, und wenn er sie auch alle kennte, so kann er sie nicht alle belohnen.
Werner Das heißt Ihn Gott sprechen!—Aber Just—freilich ist an Justen auch nicht viel Besonders, doch ein Lügner ist Just nicht; und wenn das wahr wäre, was er mir gesagt hat—
Wirt Ich will von Justen nichts hören! Wie gesagt: das schöne Kind hier mag sprechen! (Zu ihr ins Ohr.) Sie weiß, mein Kind, den Ring!— Erzähl' Sie es doch Herrn Wernern. Da wird er mich besser kennenlernen. Und damit es nicht herauskömmt, als ob Sie mir nur zu Gefallen rede, so will ich nicht einmal dabei sein. Ich will nicht dabei sein; ich will gehn; aber Sie sollen mir es wiedersagen, Herr Werner, Sie sollen mir es wiedersagen, ob Just nicht ein garstiger Verleumder ist.
5. Szene
(Paul Werner. Franziska)
Werner
Frauenzimmerchen, kennt Sie denn meinen Major?
Franziska
Den Major von Tellheim? Jawohl kenn ich den braven Mann.
Werner
Ist es nicht ein braver Mann? Ist Sie dem Manne wohl gut?—
Franziska
Vom Grund meines Herzens.
Werner Wahrhaftig? Sieht Sie, Frauenzimmerchen; nun kömmt Sie mir noch einmal so schön vor.—Aber was sind denn das für Dienste, die der Wirt unserm Major will erwiesen haben?
Franziska Ich wüßte eben nicht; es wäre denn, daß er sich das Gute zuschreiben wollte, welches glücklicherweise aus seinem schurkischen Betragen entstanden.
Werner So wäre es ja wahr, was mir Just gesagt hat?—(Gegen die Seite, wo der Wirt abgegangen.) Dein Glück, daß du gegangen bist!—Er hat ihm wirklich die Zimmer ausgeräumt?—So einem Manne so einen Streich zu spielen, weil sich das Eselsgehirn einbildet, daß der Mann kein Geld mehr habe! Der Major kein Geld?
Franziska
So? Hat der Major Geld?
Werner Wie Heu! Er weiß nicht, wieviel er hat. Er weiß nicht, wer ihm alles schuldig ist. Ich bin ihm selber schuldig und bringe ihm hier ein altes Restchen. Sieht Sie, Frauenzimmerchen, hier in diesem Beutelchen (das er aus der einen Tasche zieht) sind hundert Louisdor und in diesem Röllchen (das er aus der andern zieht) hundert Dukaten. Alles sein Geld!
Franziska Wahrhaftig? Aber warum versetzt denn der Major? Er hat ja einen Ring versetzt—
Werner Versetzt! Glaub Sie doch so was nicht. Vielleicht, daß er den Bettel hat gern wollen los sein.
Franziska Es ist kein Bettel! Es ist ein sehr kostbarer Ring, den er wohl noch dazu von lieben Händen hat.
Werner Das wird's auch sein. Von lieben Händen; ja, ja! So was erinnert einen manchmal, woran man nicht gern erinnert sein will. Drum schafft man's aus den Augen.
Franziska
Wie?
Werner Dem Soldaten geht's in Winterquartieren wunderlich. Da hat er nichts zu tun und pflegt sich und macht vor langer Weile Bekanntschaften, die er nur auf den Winter meinet und die das gute Herz, mit dem er sie macht, für zeitlebens annimmt. Husch ist ihm denn ein Ringelchen an den Finger praktiziert; er weiß selbst nicht, wie es dran kömmt. Und nicht selten gäb' er gern den Finger mit drum, wenn er es nur wieder loswerden könnte.
Franziska
Ei! und sollte es dem Major auch so gegangen sein?
Werner Ganz gewiß. Besonders in Sachsen; wenn er zehn Finger an jeder Hand gehabt hätte, er hätte sie alle zwanzig voller Ringe gekriegt.
Franziska (beiseite). Das klingt ja ganz besonders und verdient untersucht zu werden.—Herr Freischulze oder Herr Wachmeister—
Werner Frauenzimmerchen, wenn's Ihr nichts verschlägt:—Herr Wachtmeister, höre ich am liebsten.
Franziska Nun, Herr Wachtmeister, hier habe ich ein Briefchen von dem Herrn Major an meine Herrschaft. Ich will es nur geschwind hereintragen und bin gleich wieder da. Will Er wohl so gut sein und so lange hier warten? Ich möchte gar zu gern mehr mit Ihm plaudern.
Werner Plaudert Sie gern, Frauenzimmerchen? Nun meinetwegen: geh Sie nur; ich plaudre auch gern; ich will warten.
Franziska
Oh, warte Er doch ja! (Geht ab.)
6. Szene
(Paul Werner.)
Werner Das ist kein unebenes Frauenzimmerchen!—Aber ich hätte ihr doch nicht versprechen sollen zu warten.—Denn das Wichtigste wäre wohl, ich suchte den Major auf.—Er will mein Geld nicht und versetzt lieber?— Daran kenn ich ihn.—Es fällt mir ein Schneller ein.—Als ich vor vierzehn Tagen in der Stadt war, besuchte ich die Rittmeisterin Marloff. Das arme Weib lag krank und jammerte, daß ihr Mann dem Major vierhundert Taler schuldig geblieben wäre, die sie nicht wüßte, wie sie sie bezahlen sollte. Heute wollte ich sie wieder besuchen—ich wollte ihr sagen, wenn ich das Geld für mein Gütchen ausgezahlt kriegte, daß ich ihr fünfhundert Taler leihen könnte.—Denn ich muß ja wohl was davon in Sicherheit bringen, wenn's in Persien nicht geht.— Aber sie war über alle Berge. Und ganz gewiß wird sie dem Major nicht haben bezahlen können.—Ja, so will ich's machen; und das je eher, je lieber.—Das Frauenzimmerchen mag mir's nicht übelnehmen; ich kann nicht warten. (Geht in Gedanken ab und stößt fast auf den Major, der ihm entgegenkömmt.)
7. Szene
(v. Tellheim. Paul Werner)
Tellheim
So in Gedanken, Werner?
Werner
Da sind Sie ja! ich wollte eben gehen und Sie in Ihrem neuen
Quartiere besuchen, Herr Major.
Tellheim Um mir auf den Wirt des alten die Ohren vollzufluchen. Gedenke mir nicht daran.
Werner Das hätte ich beiher getan; ja. Aber eigentlich wollte ich mich nur bei Ihnen bedanken, daß Sie so gut gewesen und mir die hundert Louisdor aufgehoben. Just hat mir sie wiedergegeben. Es wäre mir wohl freilich lieb, wenn Sie mir sie noch länger aufheben könnten. Aber Sie sind in ein neu Quartier gezogen, das weder Sie noch ich kennen. Wer weiß, wie's da ist. Sie könnten Ihnen da gestohlen werden, und Sie müßten mir sie ersetzen; da hülfe nichts davor. Also kann ich's Ihnen freilich nicht zumuten.
Tellheim (lächelnd). Seit wenn bist du so vorsichtig, Werner?
Werner Es lernt sich wohl. Man kann heutezutage mit seinem Gelde nicht vorsichtig genug sein.—Darnach hatte ich noch was an Sie zu bestellen, Herr Major; von der Rittmeisterin Marloff; ich kam eben von ihr her. Ihr Mann ist Ihnen ja vierhundert Taler schuldig geblieben; hier schickt sie Ihnen auf Abschlag hundert Dukaten. Das übrige will sie künftige Woche schicken. Ich mochte wohl selber Ursache sein, daß sie die Summe nicht ganz schickt. Denn sie war mir auch ein Taler achtzig schuldig; und weil sie dachte, ich wäre gekommen, sie zu mahnen—wie's denn auch wohl wahr war—, so gab sie mir sie und gab sie mir aus dem Röllchen, das sie für Sie schon zurechtgelegt hatte.—Sie können auch schon eher Ihre hundert Taler ein acht Tage noch missen als ich meine paar Groschen.—Da nehmen Sie doch! (Reicht ihm die Rolle Dukaten.)
Tellheim
Werner!
Werner
Nun? Warum sehen Sie mich so starr an?—So nehmen Sie doch, Herr
Major!—
Tellheim
Werner!
Werner
Was fehlt Ihnen? Was ärgert Sie?
Tellheim (bitter, indem er sich vor die Stirne schlägt und mit dem Fuße auftritt). Daß es—die vierhundert Taler nicht ganz sind!
Werner
Nun, nun, Herr Major! Haben Sie mich denn nicht verstanden?
Tellheim Eben weil ich dich verstanden habe!—Daß mich doch die besten Menschen heut am meisten quälen müssen!
Werner
Was sagen Sie?
Tellheim Es geht dich nur zur Hälfte an!—Geh, Werner! (Indem er die Hand, mit der ihm Werner die Dukaten reichet, zurückstößt.)
Werner
Sobald ich das los bin!
Tellheim Werner, wenn du nun von mir hörst, daß die Marloffin heute ganz früh selbst bei mir gewesen ist?
Werner
So?
Tellheim
Daß sie mir nichts mehr schuldig ist?
Werner
Wahrhaftig?
Tellheim Daß sie mich bei Heller und Pfennig bezahlt hat: was wirst du denn sagen?
Werner (der sich einen Augenblick besinnt). Ich werde sagen, daß ich gelogen habe, und daß es eine hundsfött'sche Sache ums Lügen ist, weil man drüber ertappt werden kann.
Tellheim Und wirst dich schämen? Aber er, der mich so zu lügen zwingt, was sollte der? Sollte der sich nicht auch schämen? Sehen Sie, Herr Major, wenn ich sagte, daß mich Ihr Verfahren nicht verdrösse, so hätte ich wieder gelogen, und ich will nicht mehr lügen.—
Tellheim Sei nicht verdrießlich, Werner! Ich erkenne dein Herz und deine Liebe zu mir. Aber ich brauche dein Geld nicht.
Werner Sie brauchen es nicht? Und verkaufen lieber und versetzen lieber und bringen sich lieber in der Leute Mäuler?
Tellheim Die Leute mögen es immer wissen, daß ich nichts mehr habe. Man muß nicht reicher scheinen wollen, als man ist.
Werner
Aber warum ärmer?—Wir haben, solange unser Freund hat.
Tellheim
Es ziemt sich nicht, daß ich dein Schuldner bin.
Werner Ziemt sich nicht?—Wenn an einem heißen Tage, den uns die Sonne und der Feind heiß machte, sich Ihr Reitknecht mit den Kantinen verloren hatte, und Sie zu mir kamen und sagten: "Werner, hast du nichts zu trinken?" und ich Ihnen meine Feldflasche reichte, nicht wahr, Sie nahmen und tranken?—Ziemte sich das?—Bei meiner armen Seele, wenn ein Trunk faules Wasser damals nicht oft mehr wert war als alle der Quark! (Indem er auch den Beutel mit den Louisdoren herauszieht und ihm beides hinreicht.) Nehmen Sie, lieber Major! Bilden Sie sich ein, es ist Wasser. Auch das hat Gott für alle geschaffen.
Tellheim
Du marterst mich; du hörst es ja, ich will dein Schuldner nicht sein.
Werner Erst ziemte es sich nicht; nun wollen Sie nicht? Ja, das ist was anders. (Etwas ärgerlich.) Sie wollen mein Schuldner nicht sein? Wenn Sie es denn aber schon wären, Herr Major? Oder sind Sie dem Manne nichts schuldig, der einmal den Hieb auffing, der Ihnen den Kopf spalten sollte, und ein andermal den Arm vom Rumpfe hieb, der eben losdrücken und Ihnen die Kugel durch die Brust jagen wollte?—Was können Sie diesem Manne mehr schuldig werden? Oder hat es mit meinem Halse weniger zu sagen als mit meinem Beutel?—Wenn das vornehm gedacht ist, bei meiner armen Seele, so ist es auch sehr abgeschmackt gedacht!
Tellheim Mit wem sprichst du so, Werner? Wir sind allein; jetzt darf ich es sagen; wenn uns ein Dritter hörte, so wäre es Windbeutelei. Ich bekenne es mit Vergnügen, daß ich dir zweimal mein Leben zu danken habe. Aber, Freund, woran fehlte mir es, daß ich bei Gelegenheit nicht ebensoviel für dich würde getan haben? He!
Werner
Nur an der Gelegenheit! Wer hat daran gezweifelt, Herr Major? Habe
ich Sie nicht hundertmal für den gemeinsten Soldaten, wenn er ins
Gedränge gekommen war, Ihr Leben wagen sehen?
Tellheim
Also!
Werner
Aber—
Tellheim
Warum verstehst du mich nicht recht? Ich sage: es ziemt sich nicht,
daß ich dein Schuldner bin; ich will dein Schuldner nicht sein.
Nämlich in den Umständen nicht, in welchen ich mich jetzt befinde.
Werner So, so! Sie wollen es versparen bis auf bessre Zeiten; Sie wollen ein andermal Geld von mir borgen, wenn Sie keines brauchen, wenn Sie selbst welches haben und ich vielleicht keines.
Tellheim
Man muß nicht borgen, wenn man nicht widerzugeben weiß.
Werner
Einem Manne wie Sie kann es nicht immer fehlen.
Tellheim Du kennst die Welt!—Am wenigsten muß man sodann von einem borgen, der sein Geld selbst braucht.
Werner
O ja, so einer bin ich! Wozu braucht' ich's denn?—Wo man einen
Wachtmeister nötig hat, gibt man ihm auch zu leben.
Tellheim Du brauchst es, mehr als Wachtmeister zu werden, dich auf einer Bahn weiterzubringen, auf der ohne Geld auch der Würdigste zurückbleiben kann.
Werner Mehr als Wachtmeister zu werden? Daran denke ich nicht. Ich bin ein guter Wachtmeister und dürfte leicht ein schlechter Rittmeister und sicherlich noch ein schlechtrer General werden. Die Erfahrung hat man.
Tellheim Mache nicht, daß ich etwas Unrechtes von dir denken muß, Werner! Ich habe es nicht gern gehört, was mir Just gesagt hat. Du hast dein Gut verkauft und willst wieder herumschwärmen. Laß mich nicht von dir glauben, daß du nicht sowohl das Metier als die wilde, liederliche Lebensart liebest, die unglücklicherweise damit verbunden ist. Man muß Soldat sein für sein Land oder aus Liebe zu der Sache, für die gefochten wird. Ohne Absicht heute hier, morgen da dienen, heißt wie ein Fleischerknecht reisen, weiter nichts.
Werner Nun ja doch, Herr Major, ich will Ihnen folgen. Sie wissen besser, was sich gehört. Ich will bei Ihnen bleiben.—Aber, lieber Major, nehmen Sie doch auch derweile mein Geld. Heut oder morgen muß Ihre Sache aus sein. Sie müssen Geld die Menge bekommen. Sie sollen mir es sodann mit Interessen wiedergeben. Ich tu es ja nur der Interessen wegen.
Tellheim
Schweig davon!
Werner Bei meiner armen Seele, ich tu es nur der Interessen wegen!—Wenn ich manchmal dachte: Wie wird es mit dir aufs Alter werden? wenn du zuschanden gehauen bist? wenn du nichts haben wirst? wenn du wirst betteln gehen müssen? so dachte ich wieder: Nein, du wirst nicht betteln gehn; du wirst zum Major Tellheim gehn; der wird seinen letzten Pfennig mit dir teilen; der wird dich zu Tode füttern; bei dem wirst du als ein ehrlicher Kerl sterben können.
Tellheim (indem er Werners Hand ergreift). Und, Kamerad, das denkst du nicht noch?
Werner Nein, das denk ich nicht mehr.—Wer von mir nichts nehmen will, wenn er's bedarf, und ich's habe, der will mir auch nichts geben, wenn er's hat, und ich's bedarf.—Schon gut! (Will gehen.)
Tellheim Mensch, mache mich nicht rasend! Wo willst du hin? (Hält ihn zurück.) Wenn ich dich nun auf meine Ehre versichere, daß ich noch Geld habe; wenn ich dir auf meine Ehre verspreche, daß ich dir es sagen will, wenn ich keines mehr habe; daß du der erste und einzige sein sollst, bei dem ich mir etwas borgen will:—bist du dann zufrieden?
Werner
Muß ich nicht?—Geben Sie mir die Hand darauf, Herr Major.
Tellheim
Da, Paul!—Und nun genug davon. Ich kam hieher, um ein gewisses
Mädchen zu sprechen—
8. Szene
(Franziska, aus dem Zimmer des Fräuleins. v. Tellheim. Paul Werner.)
Franziska (im Hereintreten). Sind Sie noch da, Herr Wachtmeister?—(Indem sie den Tellheim gewahr wird.) Und Sie sind auch da, Herr Major?—Den Augenblick bin ich zu Ihren Diensten. (Geht geschwind wieder in das Zimmer.)
9. Szene
(v. Tellheim. Paul Werner.)
Tellheim
Das war sie!—Aber ich höre ja, du kennst sie, Werner?
Werner
Ja, ich kenne das Frauenzimmerchen.—
Tellheim
Gleichwohl, wenn ich mich recht erinnere, als ich in Thüringen
Winterquartier hatte, warst du nicht bei mir?
Werner
Nein, da besorgte ich in Leipzig Mundierungsstücke.
Tellheim
Woher kennst du sie denn also?
Werner Unsere Bekanntschaft ist noch blutjung. Sie ist von heute. Aber junge Bekanntschaft ist warm.
Tellheim
Also hast du ihr Fräulein wohl auch schon gesehen?
Werner Ist ihre Herrschaft ein Fräulein? Sie hat mir gesagt, Sie kennten ihre Herrschaft.
Tellheim
Hörst du nicht? aus Thüringen her.
Werner
Ist das Fräulein jung?
Tellheim
Ja.
Werner
Schön?
Tellheim
Sehr schön.
Werner
Reich?
Tellheim
Sehr reich.
Werner Ist Ihnen das Fräulein auch so gut wie das Mädchen? Das wäre ja vortrefflich!
Tellheim
Wie meinst du?
10. Szene
(Franziska wieder heraus, mit einem Brief in der Hand. v Tellheim.
Paul Werner.)
Franziska
Herr Major—
Tellheim
Liebe Franziska, ich habe dich noch nicht willkommen heißen können.
Franziska In Gedanken werden Sie es doch schon getan haben. Ich weiß, Sie sind mir gut. Ich Ihnen auch. Aber das ist gar nicht artig, daß Sie Leute, die Ihnen gut sind, so ängstigen.
Werner (vor sich). Ha, nun merk ich. Es ist richtig!
Tellheim
Mein Schicksal, Franziska!—Hast du ihr den Brief übergeben?
Franziska
Ja, und hier übergebe ich Ihnen—(Reicht ihm den Brief.)
Tellheim
Eine Antwort?—
Franziska
Nein, Ihren eignen Brief wieder.
Tellheim
Was? Sie will ihn nicht lesen?
Franziska
Sie wollte wohl, aber—wir können Geschriebenes nicht gut lesen.
Tellheim
Schäkerin!
Franziska Und wir denken, daß das Briefschreiben für die nicht erfunden ist, die sich mündlich miteinander unterhalten können, sobald sie wollen.
Tellheim Welcher Vorwand! Sie muß ihn lesen. Er enthält meine Rechtfertigung— alle die Gründe und Ursachen—
Franziska
Die will das Fräulein von Ihnen selbst hören, nicht lesen.
Tellheim
Von mir selbst hören? Damit mich jedes Wort, jede Miene von ihr
verwirre; damit ich in jedem ihrer Blicke die ganze Größe meines
Verlusts empfinde?—
Franziska
Ohne Barmherzigkeit!—Nehmen Sie! (Sie gibt ihm den Brief.) Sie
erwartet Sie um drei Uhr. Sie will ausfahren und die Stadt besehen.
Sie sollen mit ihr fahren?
Tellheim
Mit ihr fahren?
Franziska Und was geben Sie mir, so laß ich Sie beide ganz allein fahren? Ich will zu Hause bleiben.
Tellheim
Ganz allein?
Franziska
In einem schönen verschloßnen Wagen.
Tellheim
Unmöglich!
Franziska Ja, ja; im Wagen muß der Herr Major Katz aushalten; da kann er uns nicht entwischen. Darum geschieht es eben.—Kurz, Sie kommen, Herr Major; und Punkte drei.—Nun? Sie wollten mich ja auch allein sprechen. Was haben Sie mir denn zu sagen?—Ja so, wir sind nicht allein. (Indem sie Wernern ansieht.)
Tellheim Doch, Franziska, wir wären allein. Aber da das Fräulein den Brief nicht gelesen hat, so habe ich dir noch nichts zu sagen.
Franziska So? wären wir doch allein? Sie haben vor dem Herrn Wachtmeister keine Geheimnisse?
Tellheim
Nein, keine.
Franziska
Gleichwohl, dünkt mich, sollten Sie welche vor ihm haben.
Tellheim
Wie das?
Werner
Warum das, Frauenzimmerchen?
Franziska
Besonders Geheimnisse von einer gewissen Art.—Alle zwanzig, Herr
Wachtmeister? (Indem sie beide Hände mit gespreizten Fingern in die
Höhe hält.)
Werner
St! st! Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen!
Tellheim
Was heißt das?
Franziska Husch ist's am Finger, Herr Wachtmeister? (Als ob sie einen Ring geschwind ansteckte.)
Tellheim
Was habt ihr?
Werner
Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, Sie wird ja wohl Spaß verstehn?
Tellheim Werner, du hast doch nicht vergessen, was ich dir mehrmal gesagt habe, daß man über einen gewissen Punkt mit dem Frauenzimmer nie scherzen muß?
Werner Bei meiner armen Seele, ich kann's vergessen haben!—Frauenzimmerchen, ich bitte—
Franziska
Nun, wenn es Spaß gewesen ist; dasmal will ich es Ihm verzeihen.
Tellheim Wenn ich denn durchaus kommen muß, Franziska: so mache doch nur, daß das Fräulein den Brief vorher noch lieset. Das wird mir die Peinigung ersparen, Dinge noch einmal zu denken, noch einmal zu sagen, die ich so gern vergessen möchte. Da, gib ihr ihn! (Indem er den Brief umkehrt und ihr ihn zureichen will, wird er gewahr, daß er erbrochen ist.) Aber sehe ich recht? Der Brief, Franziska, ist ja erbrochen.
Franziska Das kann wohl sein. (Besieht ihn.) Wahrhaftig, er ist erbrochen. Wer muß ihn denn erbrochen haben? Doch gelesen haben wir ihn wirklich nicht, Herr Major, wirklich nicht. Wir wollen ihn auch nicht lesen, denn der Schreiber kömmt selbst. Kommen Sie ja; und wissen Sie was, Herr Major? Kommen Sie nicht so, wie Sie da sind, in Stiefeln, kaum frisiert. Sie sind zu entschuldigen, Sie haben uns nicht vermutet. Kommen Sie in Schuhen, und lassen Sie sich frisieren.—So sehen Sie mir gar zu brav, gar zu preußisch aus!
Tellheim
Ich danke dir, Franziska.
Franziska
Sie sehen aus, als ob Sie vorige Nacht kampiert hätten.
Tellheim
Du kannst es erraten haben.
Franziska Wir wollen uns gleich auch putzen und sodann essen. Wir behielten Sie gern zum Essen, aber Ihre Gegenwart möchte uns an dem Essen hindern; und sehen Sie, so gar verliebt sind wir nicht, daß uns nicht hungerte.
Tellheim Ich geh! Franziska, bereite sie indes ein wenig vor, damit ich weder in ihren noch in meinen Augen verächtlich werden darf.—Komm, Werner, du sollst mit mir essen.
Werner
An der Wirtstafel hier im Hause? Da wird mir kein Bissen schmecken.
Tellheim
Bei mir auf der Stube.
Werner
So folge ich Ihnen gleich. Nur noch ein Wort mit dem Frauenzimmerchen.
Tellheim
Das gefällt mir nicht übel! (Geht ab.)
11. Szene
(Paul Werner. Franziska.)
Franziska
Nun, Herr Wachtmeister?—
Werner Frauenzimmerchen, wenn ich wiederkomme, soll ich auch geputzter kommen?
Franziska Komm Er, wie Er will, Herr Wachtmeister; meine Augen werden nichts wider Ihn haben. Aber meine Ohren werden desto mehr auf ihrer Hut gegen Ihn sein müssen.—Zwanzig Finger, alle voller Ringe! Ei, ei, Herr Wachtmeister!
Werner
Nein, Frauenzimmerchen; eben das wollt' ich Ihr noch sagen: die
Schnurre fuhr mir mir so heraus! Es ist nichts dran. Man hat ja wohl
an einem Ringe genug. Und hundert—und aberhundertmal habe ich den
Major sagen hören: "Das muß ein Schurke von einem Soldaten sein, der
ein Mädchen anführen kann!"—So denk ich auch, Frauenzimmerchen.
Verlaß Sie sich darauf!—Ich muß machen, daß ich ihm nachkomme.—Guten
Appetit, Frauenzimmerchen! (Geht ab.)
Franziska
Gleichfalls, Herr Wachtmeister!—Ich glaube, der Mann gefällt mir!
(Indem sie hineingehen will, kömmt ihr das Fräulein entgegen.)
12. Szene
(Das Fräulein. Franziska.)
Fräulein Ist der Major schon wieder fort?—Franziska, ich glaube, ich wäre jetzt schon wieder ruhig genug, daß ich ihn hätte hierbehalten können.
Franziska
Und ich will Sie noch ruhiger machen.
Fräulein Desto besser! Sein Brief, oh, sein Brief! Jede Zeile sprach den ehrlichen, edlen Mann. Jede Weigerung, mich zu besitzen, beteuerte mir seine Liebe.—Er wird es wohl gemerkt haben, daß wir den Brief gelesen.—Mag er doch, wenn er nur kömmt. Er kömmt doch gewiß?—Bloß ein wenig zu viel Stolz, Franziska, scheint mir in seiner Aufführung zu sein. Denn auch seiner Geliebten sein Glück nicht wollen zu danken haben, ist Stolz, unverzeihlicher Stolz! Wenn er mir diesen zu stark merken läßt, Franziska—
Franziska
So wollen Sie seiner entsagen?
Fräulein
Ei, sieh doch! Jammert er dich nicht schon wieder? Nein, liebe
Närrin, eines Fehlers wegen entsagt man keinem Manne. Nein, aber ein
Streich ist mir beigefallen, ihn wegen dieses Stolzes mit ähnlichem
Stolze ein wenig zu martern.
Franziska Nun, da müssen Sie ja recht sehr ruhig sein, mein Fräulein, wenn Ihnen schon wieder Streiche beifallen.
Fräulein Ich bin es auch; komm nur. Du wirst deine Rolle dabei zu spielen haben. (Sie gehen herein.)
4. Akt
1. Szene
(Die Szene: Das Zimmer des Fräuleins.) (Das Fräulein völlig und reich, aber mit Geschmack gekleidet. Franziska. Sie stehen vom Tische auf, den ein Bedienter abräumt.)
Franziska
Sie können unmöglich satt sein, gnädiges Fräulein.
Fräulein Meinst du, Franziska? Vielleicht, daß ich mich nicht hungrig niedersetzte.
Franziska
Wir hatten ausgemacht, seiner während der Mahlzeit nicht zu erwähnen.
Aber wir hätten uns auch vornehmen sollen, an ihn nicht zu denken.
Fräulein
Wirklich, ich habe an nichts als an ihn gedacht.
Franziska
Das merkte ich wohl. Ich fing von hundert Dingen an zu sprechen, und
Sie antworteten mir auf jedes verkehrt. (Ein andrer Bedienter trägt
Kaffee auf.) Hier kömmt eine Nahrung, bei der man eher Grillen machen
kann. Der liebe melancholische Kaffee!
Fräulein Grillen? Ich mache keine. Ich denke bloß der Lektion nach, die ich ihm geben will. Hast du mich recht begriffen, Franziska?
Franziska
O ja; am besten aber wäre es, er ersparte sie uns.
Fraülein Du wirst sehen, daß ich ihn von Grund aus kenne. Der Mann, der mich jetzt mit allen Reichtümern verweigert, wird mich der ganzen Welt streitig machen, sobald er hört, daß ich unglücklich und verlassen bin.
Franziska (sehr ernsthaft). Und so was muß die feinste Eigenliebe unendlich kitzeln.
Fräulein Sittenrichterin! Seht doch! Vorhin ertappte sie mich auf Eitelkeit, jetzt auf Eigenliebe.—Nun, laß mich nur, liebe Franziska. Du sollst mit deinem Wachtmeister auch machen können, was du willst.
Franziska
Mit meinem Wachtmeister?
Fräulein Ja, wenn du es vollends leugnest, so ist es richtig.—Ich habe ihn noch nicht gesehen, aber aus jedem Worte, das du mir von ihm gesagt hast, prophezeie ich dir deinen Mann.
2. Szene
(Riccaut de la Marliniere. Das Fräulein. Franziska.) Riccaut (noch innerhalb der Szene). Est-il permis, Monsieur le Major?
Franziska
Was ist das? Will das zu uns? (Gegen die Türe gehend.)
Riccaut Parbleu! Ik bin unriktig.—Mais non—Ik bin nit unriktig—C'est sa chambre—
Franziska
Ganz gewiß, gnädiges Fräulein, glaubt dieser Herr, den Major von
Tellheim noch hier zu finden.
Riccaut Iß so!—Le Major de Tellheim; juste, ma belle enfant, c'est lui que je cherche. Ou est-il?
Franziska
Er wohnt nicht mehr hier.
Riccaut Comment? nok vor vier un swansik Stund hier logier? Und logier nit mehr hier? Wo logier er denn?
Fräulein (die auf ihn zukömmt). Mein Herr-Riccaut. Ah, Madame—Mademoiselle— Ihro Gnad verzeih—
Fräulein Mein Herr, Ihre Irrung ist sehr zu vergeben und Ihre Verwunderung sehr natürlich. Der Herr Major hat die Güte gehabt, mir als einer Fremden, die nicht unterzukommen wußte, sein Zimmer zu überlassen.
Raccaut
Ah, voila de ses politesses! C'est un tres galant-homme que ce Major!
Fräulein Wo er indes hingezogen—wahrhaftig, ich muß mich schämen, es nicht zu wissen.
Riccaut
Ihro Gnad nit wiß? C'est dommage; j'en suis fache.
Fräulein Ich hätte mich allerdings darnach erkundigen sollen. Freilich werden ihn seine Freunde noch hier suchen.
Riccaut
Ik bin sehr von seine Freund, Ihro Gnad—
Fräulein
Franziska, wißt du es nicht?
Franziska
Nein, gnädiges Fräulein.
Riccaut
Ik hätt ihn zu sprek sehr notwendik. Ik komm ihm bringen eine
Nouvelle, davon er sehr frölik sein wird.
Fräulein Ich bedauere um so viel mehr.—Doch hoffe ich, vielleicht bald ihn zu sprechen. Ist es gleichviel, aus wessen Munde er diese gute Nachricht erfährt, so erbiete ich mich, mein Herr—
Riccaut
Ik versteh.—Mademoiselle parle francais? Mais sans doute; telle que
je la vois!—La demande etait bien impolie; vous me pardonnerez,
Mademoiselle.—
Fräulein
Mein Herr—
Riccaut
Nit? Sie sprek nit Französisch, Ihro Gnad?
Fräulein Mein Herr, in Frankreich würde ich es zu sprechen suchen. Aber warum hier? Ich höre ja, daß Sie mich verstehen, mein Herr. Und ich, mein Herr, werde Sie gewiß auch verstehen; sprechen Sie, wie es Ihnen beliebt.
Riccaut Gutt, gutt! Ik kann auk mik auf Deutsch explizier.—Sachez donc, Mademoiselle—Ihro Gnad soll also wiß, daß ik komm von die Tafel bei der Minister—Minister von—Minister von—wie heiß der Minister da drauß?—in der lange Straß?—auf die breite Platz?—
Fräulein
Ich bin hier noch völlig unbekannt.
Riccaut Nun, die Minister von der Kriegsdepartement.—Da haben ik zu Mittag gespeisen—ik speisen a l'ordinaire bei ihm—und da iß man gekommen reden auf der Major Tellheim; et le ministre m'a dit en confidence, car Son Excellence est de mes amis, et il n'y a point de mysteres entre nous—Se. Exzellenz, will ik sag, haben mir vertrau, daß die Sak von unserm Major sei auf den Point zu enden und gutt zu enden. Er habe gemakt ein Rapport an den Könik, und der Könik habe darauf resolvier, tout-a-fait en faveur du Major.—Monsieur, m'a dit Son Excellence, vous comprenez bien, que tout depend de la maniere, dont on fait envisager les choses au roi, et vous me connaissez. Cela fait un tres joli garcon que ce Tellheim, et ne sais-je pas que vous l'aimez? Les amis de mes amis sont aussi les miens. Il coute un peu cher au roi ce Tellheim, mais est-ce que l'on sert les rois pour rien? Il faut s'entr'aider en ce monde; et quand il s'agit de pertes, que ce soit le roi, qui en fasse, et non pas un honnete-homme de nous autres. Voila le principe, dont je ne me depars jamais.—Was sag Ihro Gnad hierzu? Nit wahr, das iß ein brav Mann? Ah que Son Excellence a le coer bien place! Er hat mir au reste versiker, wenn der Major nit schon bekommen habe une Lettre de la main—eine Könikliken Handbrief, daß er heut infailliblement müsse bekommen einen.
Fräulein Gewiß, mein Herr, diese Nachricht wird dem Major von Tellheim höchst angenehm sein. Ich wünschte nur, ihm den Freund zugleich mit Namen nennen zu können, der so viel Anteil an seinem Glücke nimmt—
Riccaut Mein Namen wünscht Ihro Gnad?—Vous voyez en moi—Ihro Gnad seh in mik le Chevalier Riccaut de la Marliniere, Seigneur de Pret-au-val, de la branche de Prensd'or.—Ihro Gnad? steh verwundert, mik aus so ein groß, groß Familie zu hören, qui est veritablement du sang Royal.—Il faut le dire; je suis sans doute le cadet le plus avantureux, que la maison a jamais eu.—Ik dien von meiner elfte Jahr. Ein Affaire d'honneur makte mik fliehen. Darauf haben ik gedienet Sr. Papstliken Eilikheit, der Republik St. Marino, der Kron Polen und den Staaten- General, bis ik endlik bin worden gezogen hierher. Ah, Mademoiselle, que je voudrais n'avoir jamais vu ce pays-la! Hätte man mik gelaß im Dienst von den Staaten-General, so müßt ik nun sein aufs wenikst Oberst. Aber so hier immer und ewik Capitaine geblieben, und nun gar sein ein abgedankte Capitaine—
Fräulein
Das ist viel Unglück.
Riccaut
Qui, Mademoiselle, me voila reforme, et par-la mis sur le pave!
Fräulein
Ich beklage sehr.
Riccaut Vous etes bien bonne, Mademoiselle.—Nein, man kenn sik hier nit auf den Verdienst. Einen Mann wie mik su reformir! Einen Mann, der sik nok dasu in diesem Dienst hat rouinir!—Ik haben dabei sugesetzt mehr als swansik tausend Livres. Was hab ik nun? Tranchons le mot; je n'ai pas le sou, et me voila exactement vis-a-vis du rien.—
Fräulein
Es tut mir ungemein leid.
Riccaut Vous etes bien bonne, Mademoiselle. Aber wie man pfleg su sagen: ein jeder Unglück schlepp nak sik seine Bruder; qu'un malheur ne vient jamais seul: so mit mir arrivir. Was ein Honnete-homme von mein Extraction kann anders haben für Ressource als das Spiel? Nun hab ik immer gespielen mit Glück, solang ik hatte nit vonnöten der Glück. Nun ik ihr hätte vonnöten, Mademoiselle, je joue avec un guignon, qui surpasse toute croyance. Seit funfsehn Tag iß vergangen keine, wo sie mik nit hab gesprenkt. Nok gestern hab sie mik gesprenkt dreimal. Je sais bien, qu'il y avait quelque chose de plus que le jeu. Car parmi mes pontes se trouvaient certaines dames—Ik will niks weiter sag. Man muß sein galant gegen die Damen. Sie haben auk mik heut invitir, mir su geben revanche; mais—vous m'entendez, Mademoiselle.—Man muß erst wiß, wovon leben, ehe man haben kann, wovon su spielen—
Fräulein
Ich will nicht hoffen, mein Herr—
Riccaut
Vous etes bien bonne, Mademoiselle—
Fräulein (nimmt die Franziska beiseite). Franziska, der Mann dauert mich im Ernste. Ob er mir es wohl übelnehmen würde, wenn ich ihm etwas anböte?
Franziska
Der sieht mir nicht darnach aus.
Fräulein
Gut!—Mein Herr, ich höre—daß Sie spielen, daß Sie Bank machen; ohne
Zweifel an Orten, wo etwas zu gewinnen ist. Ich muß Ihnen bekennen,
daß ich—gleichfalls das Spiel sehr liebe—
Riccaut Tant mieux, Mademoiselle, tant mieux! Tous les gens d'esprit aiment le jeu a la fureur.
Fräulein
Daß ich sehr gern gewinne; sehr gern mein Geld mit einem Mann wage,
der—zu spielen weiß.—Wären Sie wohl geneigt, mein Herr, mich in
Gesellschaft zu nehmen? mir einen Anteil an Ihrer Bank zu gönnen?
Riccaut Comment, Mademoiselle, vous voulez etre de moitie avec moi? De tout mon coeur.
Fräulein
Vors erste nur mit einer Kleinigkeit—(Geht und langt Geld aus ihrer
Schatulle.)
Riccaut
Ah, Mademoiselle, que vous etes charmante!—
Fräulein Hier habe ich, was ich ohnlängst gewonnen, nur zehn Pistolen—ich muß mich zwar schämen, so wenig—
Riccaut
Donnez toujours, Mademoiselle, donnez. (Nimmt es.)
Fräulein
Ohne Zweifel, daß Ihre Bank, mein Herr, sehr ansehnlich ist—
Riccaut Jawohl, sehr ansehnlik. Sehn Pistol? Ihr Gnad soll sein dafür interessir bei meiner Bank auf ein Dreiteil, pour le tiers. Swar auf ein Dreiteil sollen sein—etwas mehr. Dok mit einer schöne Damen muß man es nehmen nit so genau. Ik gratulir mik, su kommen dadurk in liaison mit Ihro Gnad, et de ce moment je recommence a bien augurer de ma fortune.
Fräulein
Ich kann aber nicht dabei sein, wenn Sie spielen, mein Herr.
Riccaut
Was brauk Ihro Gnad dabei su sein? Wir andern Spieler sind ehrlike
Leut untereinander.
Fräulein Wenn wir glücklich sind, mein Herr, so werden Sie mir meinen Anteil schon bringen. Sind wir aber unglücklich—
Riccaut
So komm ik holen Rekruten. Nit wahr, Ihro Gnad?
Fräulein Auf die Länge dürften die Rekruten fehlen. Verteidigen Sie unser Geld daher ja wohl, mein Herr.
Riccaut
Wofür seh mik Ihro Gnad an? Für ein Einfalspinse? für ein dumme
Teuf?
Fräulein
Verzeihen Sie mir—
Riccaut Je suis des bons, Mademoiselle. Savez-vous ce que cela veut dire? Ik bin von die Ausgelernt—
Fräulein
Aber doch wohl, mein Herr—
Riccaut
Je sais monter un coup—
Fräulein (verwundernd). Sollten Sie?
Riccaut
Je file la carte avec une adresse—
Fräulein
Nimmermehr!
Riccaut
Je fais sauter la coupe avec une dexterite—
Fräulein
Sie werden doch nicht, mein Herr?—
Riccaut
Was nit? Ihro Gnade, was nit? Donnez-moi un pigeonneau a plumer, et—
Fräulein
Falsch spielen? betrügen?
Riccaut Comment, Mademoiselle? Vous appellez cela betrügen? Corriger la fortune, l'enchainer sous ses doigts, etre sur de son fait, das nenn die Deutsch betrügen? Betrügen! Oh, was ist die deutsch Sprak für ein arm Sprak! für ein plump Sprak!
Fräulein
Nein, mein Herr, wenn Sie so denken—
Riccaut Laissez-moi faire, Mademoiselle, und sein Sie ruhik! Was gehn Sie an, wie ik spiel?—Gnug, morgen entweder sehn mik wieder Ihro Gnad mit hundert Pistol, oder seh mik wieder gar nit—Votre tres-humble, Mademoiselle, votre tres-humble—(Eilends ab.)
Fräulein (die ihm mit Erstaunen und Verdruß nachsieht). Ich wünsche das letzte, mein Herr, das letzte!
3. Szene
(Das Fräulein. Franziska)
Franziska (erbittert). Kann ich noch reden? O schön! o schön!
Fräulein Spotte nur; ich verdiene es. (Nach einem kleinen Nachdenken und gelassener.) Spotte nicht, Franziska; ich verdiene es nicht.
Franziska
Vortrefflich! Da haben Sie etwas Allerliebstes getan, einen
Spitzbuben wieder auf die Beine geholfen.
Fräulein
Es war einem Unglücklichen zugedacht.
Franziska Und was das beste dabei ist: der Kerl hält Sie für seinesgleichen.—Oh, ich muß ihm nach und ihm das Geld wieder abnehmen. (Will fort.)
Fräulein
Franziska, laß den Kaffee nicht vollends kalt werden, schenk ein.
Franziska Er muß es Ihnen wiedergeben; Sie haben spielen. Zehn Pistolen! Sie hörten ja, Fräulein, daß es ein Bettler war! (Das Fräulein schenkt indes selbst ein.) Wer wird einem Bettler so viel geben? Und ihm noch dazu die Erniedrigung, es erbettelt zu haben, zu ersparen suchen? Den Mildtätigen, der den Bettler aus Großmut verkennen will, verkennt der Bettler wieder. Nun mögen Sie es haben, Fräulein, wenn er Ihre Gabe, ich weiß nicht wofür, ansieht.—(Und reicht der Franziska eine Tasse.) Wollen Sie mir das Blut noch mehr in Wallung bringen? Ich mag nicht trinken. (Das Fräulein setzt sie wieder weg.) "Parbleu, Ihro Gnad, man kenn sik hier nit auf den Verdienst." (In dem Tone des Franzosen.) Freilich nicht, wenn man die Spitzbuben so ungehangen herumlaufen läßt.
Fräulein (kalt und nachdenkend, indem sie trinkt). Mädchen, du verstehst dich so trefflich auf die guten Menschen: aber, wenn willst du die schlechten ertragen lernen?—Und sie sind doch auch Menschen.—Und öfters bei weitem so schlechte Menschen nicht, als sie scheinen.—Man muß ihre gute Seite nur aufsuchen.—Ich bilde mir ein, dieser Franzose ist nichts als eitel. Aus bloßer Eitelkeit macht er sich zum falschen Spieler; er will mir nicht verbunden scheinen, er will sich den Dank ersparen. Vielleicht, daß er nun hingeht, seine kleine Schulden bezahlt, von dem Reste, soweit er reicht, still und sparsam lebt und an das Spiel nicht denkt. Wenn das ist, liebe Franziska, so laß ihn Rekruten holen, wenn er will.—(Gibt ihr die Tasse.) Da, setz weg!— Aber, sage mir, sollte Tellheim nicht schon da sein?
Franziska
Nein, gnädiges Fräulein, ich kann beides nicht, weder an einem
schlechten Menschen die gute, noch an einem guten Menschen die böse
Seite aufsuchen.
Fräulein
Er kömmt doch ganz gewiß?—
Franziska Er sollte wegbleiben!—Sie bemerken an ihm, dem besten Manne, ein wenig Stolz, und darum wollen Sie ihn so grausam necken?
Fräulein Kömmst du da wieder hin?—Schweig, das will ich nun einmal so. Wo du mir diese Lust verdirbst; wo du nicht alles sagst und tust, wie wir es abgeredet haben!—Ich will dich schon allein mit ihm lassen, und dann— Jetzt kömmt er wohl.
4. Szene
(Paul Werner (der in einer steifen Stellung, gleichsam im Dienste, hereintritt). Das Fräulein. Franziska.)
Franziska
Nein, es ist nur sein lieber Wachtmeister.
Fräulein
Lieber Wachtmeister? Auf wen bezieht sich dieses Lieber?
Franziska
Gnädiges Fräulein, machen Sie mir den Mann nicht verwirrt.—Ihre
Dienerin, Herr Wachtmeister; was bringen Sie uns?
Werner (geht, ohne auf die Franziska zu achten, an das Fräulein). Der Major von Tellheim läßt an das gnädige Fräulein von Barnhelm durch mich, den Wachtmeister Werner, seinen untertänigen Respekt vermelden und sagen, daß er sogleich hier sein werde.
Fräulein
Wo bleibt er denn?
Werner Ihro Gnaden werden verzeihen; wir sind noch vor dem Schlage drei aus dem Quartier gegangen, aber da hat ihn der Kriegszahlmeister unterwegens angeredt, und weil mit dergleichen Herren des Redens immer kein Ende ist: so gab er mir einen Wink, dem gnädigen Fräulein den Vorfall zu rapportieren.
Fräulein
Recht wohl, Herr Wachtmeister. Ich wünsche nur, daß der
Kriegszahlmeister dem Major etwas Angenehmes möge zu sagen haben.