Mutter und Kind

Friedrich Hebbel · Kapitel 2 von 6

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Mutter und Kind

Dritter Gesang.

Nur nicht zu früh erwarten Sie mich. Ein glücklicher Schneider,

Dem sie unter die Arme gegriffen haben, erlaubt sich

Mit den Seinigen heute den ersten Pudding. Er lud mich,

Und ich möchte wirklich das kleine Fest nicht versäumen,

Denn nicht lieber seh' ich den Regenbogen am Himmel

Als im Menschengesicht die wiedererwachende Freude.

 

Dritter Gesang.

 

Rasch entfernt sich der Doktor, denn viel noch hat er zu schaffen,

Auch den Kaufherrn ruft gar manches ab, doch verwundert

Schaut er dem Alten nach und denkt: was mag er nur meinen?

Plötzlich fühlt er von hinten sich innig umschlungen, die Gattin

Hat sich ihm leise genähert, und wie er sich wendet, erstaunt er

Über den klaren Blick des reinen Auges und freut sich,

Sie so ruhig zu finden. Sie küßt ihn herzlich und drückt ihn

Mehrmals gegen die Brust, als wäre der Morgen der Hochzeit

Wiedergekehrt, an dem sie, dem Kreise der Schwestern entschlüpfend,

Die nach in ihr schmückten, und über die trennende Schwelle

Ihm entgegenhüpfend, an welcher er schüchtern und lauschend

Stehen geblieben war, dem fast Erschreckten bewiesen,

Daß sie nur darum so lange das kargste der Mädchen gewesen,

Um als reichste der Bräute noch in der letzten der Stunden

Für die erduldete Strenge ihm überschwenglich zu lohnen.

Denn, wie mancher Baum, zu dessen Füßen die Veilchen

Schon ihr Leben verhauchen und den die mildesten Lüfte

Unermüdlich umschmeicheln, nicht eine einzige Knospe

Öffnet, bevor der Mai den Frühling göttlich besiegelt:

Also hatte auch sie sogar dem Verlobten noch vieles

Abgeschlagen, was selbst die sprödeste Sitte gestattet

Und die sorglichste Mutter nicht rügt, und still sich bescheidend

Hatt' er's ertragen, obgleich nicht ohne quälende Zweifel.

Aber, wie solch ein Baum zuletzt die innere Fülle

Auch in heißeren Düften und volleren Blüten entbindet,

Als die übrigen alle, die nichts zusammengehalten:

Also hatte auch sie auf diese einzige Stunde,

Die mit Geben beginnt, um nicht mit Fordern zu enden,

Alle Wonnen gehäuft und ihn im Tiefsten beschwichtigt.

Unvergeßlich war ihm der Morgen, doch ward er nur selten

Wieder an ihn erinnert, und heute am wenigsten hätt' er

Dieses Zeichen der Liebe von ihrer Seite erwartet.

Feurig erwidert er's ihr, und als sie sich endlich ihm weigert,

Spricht er: wir stritten uns oft, ob fallende Früchte am besten

Schmeckten, oder gepflückte, ich hatte soeben von beiden,

Und ich finde sie gleich. Du aber sag' mir zuletzt noch,

Was mir den innigen Gruß verschafft hat, den ich so zärtlich

Nicht erhielt, seitdem ich von Philadelphia kehrte,

Und auch da wohl nur, weil eine verlogene Zeitung,

Sei sie noch jetzt mir gepriesen, mich scheitern ließ und versinken,

Als ich die Elbe bereits mit günstigem Winde hinauftrieb.

Sanft errötend versetzt sie: Du warst mir wieder gestorben,

Und so sehr ich den Traum auch hasse, weil er ein Nichts ist

Und mich dennoch beängstigt: für diesen könnte ich danken!

Laß mich schweigen, ich habe gelobt, nicht wieder zu weinen,

Und ich müßte vielleicht, wenn ich noch weiter erzählte,

Aber, du sollst schon sehn. Jetzt kenn' ich die Öde, jetzt weiß ich,

Was es bedeutet, allein in weiten Gemächern zu sitzen,

Alle Stunden des Tages zu zählen und doch sich bei keiner

Sagen zu dürfen: nun tritt er herein, nun prüft er die Mienen

Deines Gesichtes und beut, sobald sie ihm traurig erscheinen,

Dir die Rechte als Freund, sobald sie ermunternd ihm lächeln,

Dir die Lippe als Gatte! Jetzt hab' ich's in Wahrheit empfunden,

Nicht aus Grille bloß mir eingebildet! Drum will ich

Dir in allem auch folgen! Es gibt der Waisen so viele

In dem großen Hause, das jeglicher segnet1), der Reigen,

Welcher zu Pfingsten die Straßen durchzieht, daß er Bürger erfahre,

Wie man sie kleidet und nährt, ist jährlich noch immer gewachsen:

Nehmen wir eine heraus! Wir könnten heute noch wählen,

Wenn du denkst, wie bisher! Ein Knabe oder ein Mädchen,

Was dir gefällt, ist mir recht! Wir machen einen auf Erden,

Zweie im Himmel glücklich! Ich werde dich selber begleiten.

Wiederhol' es mir morgen--versetzt er mit Lächeln--so wollen

Wir es weiter bereden. Ich denke es anders zu machen,

Wenn es dein Wille bleibt. Warum der sterbenden Mutter Nicht sogleich aus den Armen den Säugling nehmen und, gänzlich

Über sein Schicksal beruhigt, ins Grab sie senden, warum ihn

Erst von Fremden empfangen? Doch alles dieses auf morgen!

Denn wie sehr ich mich auch der schönen Wallung erfreue,

Welche dich heute bewegt, ich werde sie nimmer mißbrauchen,

Und sie kommt mir zu rasch, als daß ich ihr völlig vertraue!

Damit geht er von hinnen, denn lange schon warteten seiner

Ungeduldig die Schreiber. Doch kann er's nicht lassen, noch einmal

An der Tür sich zu wenden. Mir lobe noch einer die Mädchen!

Ruft er dann und enteilt. Und wahrlich, er durfte es wagen,

Denn die hohe Gestalt im weißen Morgengewande

Mit den glühenden Augen und reichlich wallenden Locken

Ist vollendet zu nennen in stolzer Erscheinung, es deutet

Nichts zurück auf die Jugend, das unentwickelt und unreif

Nicht zu zeitigen wäre, und nichts hinein in das Alter,

Das sich zu voll schon zeigte, es ist die reizende Mitte

Zwischen Blüte und Frucht, der köstliche Gipfel des Lebens,

Wo in holdester Pause die endlich gesättigten Kräfte

Ihren Sabbat feiern und nur mit sich selber noch spielen.

Tief, wie nie noch, ergriffen von ihrer Macht, zu beglücken,

Sieht sie dem Eilenden nach. Ein eigener Schauder erfaßt sie,

Als sein treues Gesicht, das freilich derb, wie ein Holzschnitt

Aus den ältesten Zeiten, nur krampfhaft lachen und weinen,

Aber nicht lächeln kann, mit fröhlichem Nicken verschwindet

Und die Türe sich schließt. Denn diese hat sie im Traume

Immer vor sich gehabt und alle Schrammen und Ritzen,

Welche sogar Magdalenen beim emsigsten Bohnen entgingen,

Deutlich sich eingeprägt. Er sollte kommen und kam nicht,

Aber statt seiner erschien nach langem ängstlichen Harren,

Während es die Minuten vorüberkrochen, wie Stunden,

Schwarz gekleidet der Schneider und fragte mit ernsten Gebärden,

Ob es ihr jetzt gefalle, die Trauer zu wählen, es warte

Draußen auch schon der Zeichner mit einem Modell zu dem Denkmal,

Den sie bestellt, wie ihn selbst, das Werk sei herrlich geraten,

Ganz besonders die Büste des Abgeschiednen, nicht treuer

Hänge sein Bild an der Wand vor ihren eigenen Augen,

Als es sich über dem Grabe zur größte Zierde des Kirchhofs

Bald, in Eisen gegossen, erheben werde! Da war sie

Vor Entsetzen erwacht und mit unendlicher Rührung Hatte sie durch das Spiel der Glocken hindurch2), wieder es stündlich

Von den Türmen erschallt in frommen Choralmelodien,

Seine Stimme vernommen und rasch und still sich erhoben.

Tief war das Herz ihr beklemmt. Der Fluch des ganzen Geschlechtes,

Daß es nicht schätzt, was es hat, und überschätzt, was es nicht hat,

Drückte sie so darnieder, als wäre nur sie ihm erlegen,

Während doch alle zusammen den Duft der lockenden Früchte

Gleich beim Pflücken verwischen, und weil sich zwischen den Fingern

Freilich das Gold nicht findet, das auf den Zweigen so reizte,

Neu verlangend den Baum erklettern, um aber und aber

Ihn zu plündern und sich zu täuschen! Der bittre Gedanke,

Ihrem Gatten wohl oft durch ihr verdüstertes Wesen

Stille Freude getrübt und edel verheimlichten Kummer,

Statt ihn zu lindern, erhöht zu haben, verließ sie nicht wieder:

All die kleinen Momente, an denen das Leben so reich ist,

Wo ein freundlicher Blick mit einem finstern erwidert

Wurde, ein herzliches Wort mit einem kalten und leeren,

Traten in greller Beleuchtung vor ihre geängstigte Seele,

Und sie fand nicht den Mut, ihm guten Morgen zu sagen,

Eh' sei ein stilles Gelübde im tiefsten Gemüte beschworen.

Fest auch steht ihr Entschluß, es unverbrüchlich zu halten,

Ja, sie wiederholt's, indem sie der Türe den Rücken

Wendet, die ihr den Traum so klar ins Gedächtnis gerufen,

Daß sie ihr Auge bisher, wie magisch, an sich gefesselt.

Als sie ins eigne Gemach zurückkehrt, trifft sie die Zofe

Eben vorm Spiegel: sie möchte von Magdalenen berichten,

Die sich bei ihr erkundigt, ob Kalifornien weit ist

Und ob wirklich die Straße mit Totengerippen gepflastert,

Wie sie auf ängstliches Fragen bei Hoffmann und Campe erfahren.

Aber die Törin errötet und schleicht sich davon, als sie plötzlich

Ihre Herrin, anstatt auf sie zu hören, die Nadel

Greifen sieht, um vor Nacht noch die längst begonnene Arbeit,

Welche schon aufgegeben erschien, für den Herrn zu vollenden.

Denn die Neugier will's durch tätige Buße beweisen,

Daß sie verwandelst ist, und wirklich wird sie noch fertig,

Wenn auch im Laufe der Stunden gar manche ihrer Bekannten

Prunkend und prahlend erscheinen, gehüllt in die neuesten Roben,

Welche Paris geliefert, und brennend, Neid zu erregen,

Oder zum wenigsten doch in stiller Bewundrung zu schwelgen.

Ja, sie werden sogar, obgleich sie nur stören und hindern,

Besser empfangen, wie sonst, und finden offnere Ohren,

Für ihr erstaunliches Glück, das Mode-Journal zu beschämen.

Denn es will ihr dünken, als hätten sie, tändelnd und gaukelnd

Und die schillernden Flitter aus kindischer Freude am Wechsel,

Wie die Vögel sich mausern, vertauschend und wieder vertauschend,

Sich vor Schlimmrem bewahrt, sie schaut nicht mehr mit Verachtung

Auf die Schwestern herunter, es scheint ihr doch besser, zu spielen,

Als beständig zu brüten, den Liebsten aber zu quälen.

So vergeht ihr der Tag in furchtbar-ernster Betrachtung,

Welche sie über sich selbst im Geist erhebt und sie kräftigt,

Während im zierlichen Fleiß der Finger das Herz sich erleichtert.

Und es naht sich der Abend. Nun gilt's noch, die Gaben zu ordnen,

Die sie bestimmt fürs Haus--seit Jahren tat es die Zofe--

Dann, sich festlich zu schmücken, und beides dauert so lange,

Daß der Doktor erscheint, bevor sie noch selber gekommen.

Überglücklich begrüßt der Kaufherr ihn und erzählt ihm,

Was am Morgen geschehn, und wie es weiter gegangen.

Doch der Alte erwidert als Prüfer der Herzen und Nieren:

Einer Genesenden gleicht sie, und alle Genesenden fühlen,

Wenn sie das Übel verließ, sich frei von Wunsch und Verlangen,

Denn sie haben das Maß des Menschlichen wieder gewonnen,

Das die Begierde zerbrach, und wollen nur leben und atmen.

Aber das ändert sich wieder. Drum muß man die Pause benutzen,

Und so fatal mir der Pastor mit Sakrament und Ermahnung

Auch in der Krisis ist, so gern doch seh' ich ihn nahen,

Wenn ich selbst mich entferne, denn rein ist der Boden von Unkraut,

Und der göttliche Same mag Wurzel fassen und treiben.

Also wollen wir's auch mit ihr verhalten, und hat sie

Selbst den Entschluß gefaßt, der einzig hilft auf die Länge,

Denn, was Juden als Fluch, gilt Christen noch immer als Unglück,

Und die bittre Empfindung wird wieder und wieder sich regen,

Nun, so müssen wir sorgen, ihn rasch in die Tat zu verwandeln,

Und es trifft sich besonders!--Da öffnet sich plötzlich die Türe

Und im seltensten Putz, sie weiß, wie sehr es ihm schmeichelt,

Wenn sie die eigenen Reize erhöht durch seine Geschenke,

Tritt die Gattin herein. Er eilt ihr entgegen, der Alte

Folgt ihm aber sogleich, und zwischen sie tretend und beide

An den Händen fassend, beginnt er eifrig von neuem:

Unten verbringt das Mädchen, das ich dem Hause empfohlen,

Weinend den ganzen Tag, weil ihr Verlobter im Frühling

Nach Amerika will, um dort entweder zu sterben,

Oder so viel zu erwerben, als nötig ist für die Heirat;

Hier vermißt Ihr das Kind, das jetzt mit leuchtenden Augen

Und mit glühenden Wangen von einem Tische zum andern

Hüpfen sollte und Euch durch Händeklatschen und Jubeln

In die Jugend zurückversetzen! Da möcht' ich doch raten:

Gebt das Paar zusammen und macht den Erstling zum Erben!

Edel sind sie und brav, Ihr werdet es nimmer bereuen,

Wenn das Wort sich bewährt, das alte, vom Stamm und vom Apfel,

Und so sicher Ihr selbst das Kind ins Leben gerufen,

Ebenso sicher auch werdet Ihr's inniger lieben, wie eines,

Denn Ihr wählt's Euch nicht aus, Ihr fragt nicht nach Augen und Haaren,

Wie es doch sonst wohl geschähe, es wird Euch von oben gesendet,

Wie den Eltern, auch seid Ihr so heilig, wie diese, gebunden

Und Ihr heißt es vielleicht, als wär' es ein eignes, willkommen.

Ja, es könnte sogar für Euer eigenes gelten,

Wenn Ihr wolltet, Ihr nähmet die Mutter mit auf die Reise,

Welche Ihr jährlich macht, und kämet ohne sie wieder:

Sie vergäß' es über das zweite und fände sich glücklich

Ander Seite des Gatten in Hülle und Fülle des Wohlstands,

Aber es würde bei Euch auf einmal lebendig und fröhlich,

Denn was die Pendel den Uhren, das sind die Kinder den Häusern!

Sie erwidert dem Alten mit Hast und fiebrisch errötend:

Dieses wäre das Beste, und also muß es auch werden!

Was sie auch immer verlangen, so werden sie alles erhalten,

Aber bevor noch der Säugling den Mutter-Namen gestammelt,

Muß sie sich trennen von ihm, denn mich nur darf er so nennen!

Da entgegnet der Doktor: So sprech' ich denn gleich mit dem Mädchen!

Und er verläßt das Gemach. Sie eilt ihm nach bis zur Türe,

Unwillkürlich gedrängt, ihn umzurufen, doch hält sie

Auf der Schwelle noch ein und sagt, zum Gatten gewendet,

Der sie verfolgt mit dem Blick: Nicht wahr, wir dürfen es nehmen,

Wenn sie selber es geben? Er holt sie zurück und erwidert:

Dieses gelt' uns als Zeichen! Doch, wie sie auch immer sich fassen:

Wir vereinigen sie! Das hab' ich schon still mir geschworen.

Was auch siege im Kampf: der Wunsch, ihr Kind zu behalten,

Oder es glücklich zu wissen, und glücklich können wir's machen, Ruhig warten wir's ab, denn wahrlich, ich will sie belohnen.