Nachtstücke

E. T. A. Hoffmann · Kapitel 3 von 3 · Teil 4/4

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Nachtstücke

Ich hatte geendet. »Daniel, Daniel! was machst…

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.

In einer Seitenallee begegneten sich Ernst und Willibald. Beide sahen sich eine Weile schweigend an und brachen dann in ein helles Gelächter aus. »Du kommst mir vor«, rief Willibald, »wie der im Irrgarten der Liebe herumtaumelnde Kavalier.« »Und mich dünkt«, erwiderte Ernst, »ich hätte dich schon in der asiatischen Banise erblickt.« - »Aber in der Tat«, fuhr Willibald fort, »des alten Hofrats Einfall ist so übel nicht. Er will nun einmal sich selbst mystifizieren, er will eine Zeit hervorzaubern, in der er wahrhaft lebte, unerachtet er noch jetzt ein munterer starker Greis mit unverwüstlicher Lebenskraft und herrlicher Frischheit des Geistes, an Erregbarkeit und fantasiereicher Laune es manchem vor der Zeit abgestumpften Jünglinge zuvortut. Er darf nicht dafür sorgen, daß jemand in Wort und Gebärde aus dem Kostüm falle, denn dafür steckt jeder eben in den Kleidern die ihm das ganz unmöglich machen. Sieh nur wie jüngferlich und zunferlich unsere jungen Damen in ihren Reifröcken einhertrippeln, wie sie sich des Fächers zu bedienen wissen. - Wahrhaftig mich selbst ergreift unter der Perücke, die ich auf meinen Titus gestülpt, ein ganz besonderer Geist altertümlicher Courtoisie, da ich eben das allerliebste Kind, des Geh. Rates Foerd jüngste Tochter, die holde Julie erblicke, so weiß ich gar nicht was mich abhält, mich ihr in demütiger Stellung zu nahen und mich also zu applizieren und explizieren: >Allerschönste Julia! wenn wird mir doch die längst gewünschte Ruhe durch deine Gegenliebe gewährt werden! Es ist ja unmöglich, daß den Tempel dieser Schönheit ein steinerner Abgott bewohnen könne. Den Marmor bezwingt der Regen und der Diamant wird durch schlechtes Blut erweichet; dein Herz will aber einem Ambosse gleichen, welches sich nur durch Schläge verhärtet; je mehr nun mein Herze klopfet, je unempfindlicher wirst du. Laß mich doch das Ziel deines Blicks sein, schaue doch wie mein Herz kocht und meine Seele nach der Erquickung lechzet, welche aus deiner Anmut quillt. Ach! - willst du mich durch Schweigen betrüben, unempfindliche Seele? Die toten Felsen antworten ja den Fragenden durch ein Echo und du willst mich Trostlosen keiner Antwort würdigen? - O Allerschönste<« - »Ich bitte dich«, unterbrach hier Ernst den Freund, der mit dem wunderlichsten Gebärdenspiel das alles gesprochen, »ich bitte dich, halt ein, du bist nun einmal wieder in deiner tollen Laune und merkst nicht, wie Julie, erst sich uns freundlich nähernd, mit einem Mal ganz scheu ausbog. Ohne dich zu verstehen, glaubt sie gewiß so wie alle in gleichem Fall, schonungslos von dir bespöttelt zu sein, und so bewährst du deinen Ruf als eingefleischten ironischen Satan und ziehst mich neuen Ankömmling ins Unglück, denn schon sprechen alle mit zweideutigem Seitenblick und bittersüßem Lächeln: >Es ist Willibalds Freund.<« - »Laß es gut sein«, sprach Willibald, »ich weiß es ja, daß viele Leute, zumal junge hoffnungsvolle Mädchen von sechszehn, siebzehn Jahren mir sorglich ausweichen, aber ich kenne das Ziel, wohin alle Wege führen, und weiß auch, daß sie dort mir begegnend oder vielmehr mich wie im eignen Hause angesiedelt treffend, recht mit vollem freundlichen Gemüt mir die Hand reichen werden.« - »Du meinst«, sprach Ernst, »eine Versöhnung, wie im ewgen Leben, wenn der Drang des Irdischen abgeschüttelt.« - »O ich bitte dich«, unterbrach ihn Willibald, »laß uns doch gescheut sein und nicht alte, längst besprochene Dinge aufs neue und gerade zur ungünstigsten Stunde aufrühren. Ungünstig für derlei Gespräche nenne ich nämlich deshalb eben diese Stunden, weil wir gar nichts Besseres tun können, als uns dem seltsamen Eindruck alles des Wunderlichen, womit uns Reutlingers Laune, wie in einen Rahmen eingefaßt hat, hingeben. Siehst du wohl jenen Baum, dessen ungeheure weiße Blüten der Wind hin- und herschüttelt? - Cactus grandiflorus kann es nicht sein, denn der blüht nur mitternachts und ich spüre auch nicht das Aroma, welches sich bis hierher verbreiten müßte. Weiß der Himmel, welchen Wunderbaum der Hofrat wieder in sein Tusculum verpflanzt hat.« - Die Freunde gingen auf den Wunderbaum los und wunderten sich in der Tat nicht wenig, als sie einen dicken dunklen Holunderbusch trafen, dessen Blüten nichts anders waren, als hineingehängte weißgepuderte Perücken, die mit ihren darangehängten Haarbeuteln und Zöpfchen, ein kurioses Spielzeug des launigten Südwinds, auf- und niederschaukelten. Lautes Lachen verkündete was hinter den Büschen verborgen. Eine ganze Gesellschaft alter gemütlicher lebenskräftiger Herren hatte sich auf einem breiten von buntem Buschwerk umgebenen Rasenplatz versammelt. Die Röcke ausgezogen, die lästigen Perücken in den Holunder gehängt, schlugen sie Ballon. Aber niemand übertraf den Hofrat Reutlinger, der den Ballon bis zu einer unglaublichen Höhe und so geschickt zu treiben wußte, daß er jedesmal dem Gegenspieler schlaggerecht niederfiel. In dem Augenblick ließ sich eine abscheuliche Musik von kleinen Pfeifen und dumpfen Trommeln hören. Die Herren endeten schnell ihr Spiel und griffen nach ihren Röcken und Perücken. »Was ist denn das nun wieder?« sprach Ernst. »Ich wette«, erwiderte Willibald, »der türkische Gesandte zieht ein.« - »Der türkische Gesandte?« frug Ernst ganz erstaunt. »So nenne ich«, fuhr Willibald fort, »den Baron von Exter, der sich in G. aufhält und den du noch viel zu wenig gesehen hast, um in ihm nicht eins der wunderlichsten Originale zu erkennen, die es geben mag. Er ist ehemals Gesandter unseres Hofes in Konstantinopel gewesen und noch immer sonnt er sich in dem Reflex dieser wahrscheinlich genußreichsten Frühlingszeit seines Lebens. Seine Beschreibung des Palastes, den er in Pera bewohnte, erinnert an die diamantnen Feen-Paläste in Tausendundeiner Nacht, und seine Lebensweise an den weisen König Salomo, dem er auch darin gleichen will, daß er sich wirklich der Herrschaft über unbekannte Naturkräfte rühmt. In der Tat hat dieser Baron Exter seiner lügnerischen Prahlerei, seiner Charlatanerie unerachtet, doch etwas Mystisches, das mich wenigstens in drolligem Abstich mit seiner äußern etwas skurrilen Erscheinung oft wirklich mystifiziert. Davon, ich meine von seinem wirklich mystischen Treiben geheimer Wissenschaften, rührt auch seine enge Verbindung mit Reutlingern her, der diesem Wesen ganz ergeben ist mit Leib und Seele. - Beide sind wunderliche Träumer, aber jeder auf seine Weise, übrigens aber entschiedene Mesmerianer.« - Unter diesem Gespräch waren die Freunde bis an des Gartens großes Gattertor gelangt, durch welches soeben der türkische Gesandte einzog. Ein kleiner rundlicher Mann mit einem schönen türkischen Pelz und hohem aus farbigten Shawls aufgewickeltem Turban angetan. Aus Gewohnheit hatte er sich aber nicht von der eng anschließenden Zopfperücke mit kleinen Löckchen, aus Bedürfnis nicht von den filznen Podagristenstiefeln trennen können, wodurch freilich das türkische Kostüm schwer verletzt wurde. Seine Begleiter, die das abscheuliche musikalische Geräusch machten und in denen Willibald trotz der Vermummung Exters Koch und anderes Hausgesinde erkannte, waren zu Mohren angerußt und trugen spitze gemalte Papiermützen, den Sanbenitos nicht unähnlich, welches drollig genug aussah. Den türkischen Gesandten führte am Arm ein alter Offizier, nach seiner Tracht von irgend einem Schlachtfelde des Siebenjährigen Krieges erwacht und erstanden. Es war der General Rixendorf, Kommandant von G., der dem Hofrat zu Gefallen samt seinen Offizieren sich in das alte Kostüm geworfen hatte. »Salama milek!« sprach der Hofrat den Baron Exter umarmend, der sofort den Turban abnahm, und ihn wieder auf die Perücke stülpte, nachdem er sich den Schweiß von der Stirne mit einem ostindischen Tuch weggetrocknet. In dem Augenblick bewegte sich auch in den Zweigen eines Spätkirschenbaums der goldstrahlende Fleck, den Ernst schon lange betrachtet hatte, ohne enträtseln zu können, was da oben sitze. Es war bloß der Geheime Kommerzienrat Harscher in einem goldstoffnen Ehrenkleide, ebensolchen Beinkleidern und silberstoffner mit blauen Rosenboukets bestreuter Weste, der nun sich aus den Blättern des Kirschbaums entwickelte, und für sein Alter behende genug auf der angelehnten Leiter herabstieg und mit ganz feiner etwas quäkender Stimme singend oder vielmehr kreischend: »Ah! che vedo - o dio che sento!« dem türkischen Gesandten in die Arme eilte. Der Kommerzienrat hatte seine Jugendzeit in Italien zugebracht, war ein großer Musikus und wollte noch immer mittelst eines lang geübten Falsetts singen wie Farinelli. »Ich weiß«, sprach Willibald, »daß Harscher sich die Taschen mit Spätkirschen vollgestopft hat, die er, irgend ein Madrigal süß lamentierend, den Damen präsentieren wird. Da er aber wie Friedrich der Zweite den Spaniol ohne Dose in der Tasche ausgeschüttet trägt, wird er mit seiner Galanterie nur widerwilliges Ablehnen und finstre Gesichter einernten.« - Überall war nun der türkische Gesandte sowie der Held des Siebenjährigen Krieges mit Freude und Jubel empfangen worden. Letzterer wurde von Julchen Foerd mit kindlicher Demut begrüßt, tief beugte sie sich vor dem alten Herrn und wollte ihm die Hand küssen, da sprang aber der türkische Gesandte wild dazwischen, rief. »Narrheiten, tolles Zeug!« umarmte Julchen mit Heftigkeit, wobei er dem Kommerzienrat Harscher sehr hart auf die Füße trat, der aber vor Schmerz nur ein ganz klein wenig miaute und rannte dann mit Julien, die er unter den Arm gefaßt, davon. - Man sah, daß er sehr eifrig mit den Händen focht, den Turban auf- und abstülpte usw. »Was hat der Alte mit dem Mädchen vor?« sprach Ernst. »In der Tat«, erwiderte Willibald, »es scheint Wichtiges, denn, ist Exter gleich des Mädchens Pate und ganz vernarrt in sie, so pflegt er doch nicht sogleich aus der Gesellschaft mit ihr davonzulaufen.« - In dem Augenblick blieb der türkische Gesandte stehen, streckte den rechten Arm weit von sich und rief mit starker Stimme, daß es im ganzen Garten widerhallte: »Apporte!« - Willibald brach in ein lautes Gelächter aus. »Wahrhaftig«, sprach er dann, »es ist weiter nichts, als daß Exter Julien zum tausendstenmal die merkwürdige Geschichte vom Seehunde erzählt.« Ernst wollte diese merkwürdige Geschichte durchaus wissen. »Erfahre denn«, sprach Willibald, »daß Exters Palast dicht am Bosporus lag, so daß Stufen von dem feinsten karrarischen Marmor hinabführten ins Meer. Eines Tages steht Exter auf der Galerie in die tiefsinnigsten Betrachtungen versunken, aus denen ihn ein durchdringender gellender Schrei hinausreißt. Er schaut hinab und siehe, ein ungeheurer Seehund ist aus dem Meer hinaufgetaucht und hat einem armen türkischen Weibe, die auf den Marmorstufen saß, den Knaben von dem Arm hinabgerissen, mit dem er eben abfährt in die Meereswellen. Exter eilt hinab, das Weib fällt ihm trostlos weinend und heulend zu Füßen. Exter besinnt sich nicht lange, er tritt dicht ans Meer auf die letzte Stufe, streckt den Arm aus und ruft mit starker Stimme: >Apporte!< - Sogleich steigt der Seehund aus der Tiefe des Meers, im weiten Maule den Knaben, den er zierlich und geschickt, wie auch ganz unversehrt dem Magier überreicht und sodann jedem Dank ausweichend, sich wieder entfernt in das Meer niedertaucht.« - »Das ist stark - das ist stark«, rief Ernst. »Siehst du wohl«, fuhr Willibald fort, »siehst du wohl, wie Exter jetzt einen kleinen Ring vom Finger zieht und ihn Julien zeigt? Keine Tugend bleibt unbelohnt! - Außer dem, daß Exter dem türkischen Weibe den Knaben gerettet hatte, so beschenkte er sie noch, als er vernahm, daß ihr Mann ein armer Lastträger, kaum das tägliche Brot zu verdienen vermochte, mit einigen Juwelen und Goldstücken, freilich nur eine Lumperei, höchstens zwanzig- bis dreißigtausend Taler an Wert; darauf zog das Weib einen kleinen Saphir vom Finger und drang ihn Extern auf mit der Versicherung, es sei ein teures ererbtes Familienstück, das nur durch Exters Tat gewonnen werden könne. Exter nahm den Ring, der ihm von geringem Werte schien und erstaunte nicht wenig, als er später durch eine kaum sichtbare arabische Inschrift an des Ringes Reif belehrt wurde, daß er des großen Alis Siegelring am Finger trage, mit dem er jetzt zuweilen Mahomeds Tauben heranlockt und mit ihnen konversiert.« - »Das sind ganz erstaunliche Dinge«, rief Ernst lachend, »doch laß uns sehen, was dort in dem geschlossenen Kreise vorgeht, in dessen Mitte ein klein Ding, wie ein kartesianisches Teufelchen, auf- und niedergaukelt und quinkeliert.« -

Die Freunde traten auf einen runden Rasenplatz, ringsumher saßen alte und junge Herren und Damen, in der Mitte sprang ein sehr bunt gekleidetes, kaum vier Fuß hohes Dämchen, mit einem etwas zu großen Apfelköpfchen umher, und schnappte mit den Fingerchen und sang mit einem ganz kleinen, dünnen Stimmchen: »Amenez vos troupeaux bergères!« - »Solltest du wohl glauben«, sprach Willibald, »daß dies putzige Figurchen, die so überaus naiv und scharmant tut, Juliens ältere Schwester ist? Du merkst, daß sie leider zu den Weibern gehört, die die Natur mit recht bittrer Ironie mystifiziert, indem sie trotz alles Sträubens zu ewiger Kindheit verdammt, vermöge ihrer Figur und ihres ganzen Wesens im Alter noch mit jener kindischen Naivität kokettierend sich und andern herzlich zur Last werden müssen, wobei es denn oft an gehöriger Verhöhnung nicht mangelt.« - Beiden Freunden wurde das Dämchen mit ihrer französischen Faselei recht fatal, sie schlichen daher fort wie sie gekommen und schlossen sich lieber an den türkischen Gesandten an, der sie fortführte in den Saal, wo eben, da die Sonne schon niedersank, alles zu der Musik vorbereitet wurde, die man heute zu geben im Sinne hatte. Der Österleinische Flügel wurde geöffnet und jedes Pult für die Künstler an seinen Ort gestellt. Die Gesellschaft sammelte sich nach und nach, Erfrischungen wurden herumgereicht in altem reichen Porzellan; dann ergriff Reutlinger eine Geige und führte mit Geschicklichkeit und Kraft eine Sonate von Corelli aus, wozu ihn der General Rixendorf auf dem Flügel begleitete, dann bewährte sich der goldstoffne Harscher als Meister auf der Theorbe. Hierauf begann die Geheime Rätin Foerd eine große italienische Szene von Anfossi mit seltenem Ausdruck. Die Stimme war alt, tremulierend und ungleich, aber noch wurde alles dieses durch die ihr eigne Meisterschaft des Gesanges besiegt. In Reutlingers verklärtem Blick glänzte das Entzücken längst vergangener Jugend. Das Adagio war geendet, Rixendorf begann das Allegro, als plötzlich die Tür des Saals aufgerissen wurde und ein junger wohlgekleideter Mensch, von hübschem Ansehen, ganz erhitzt und atemlos hinein und zu Rixendorfs Füßen stürzte. »O Herr General! - Sie haben mich gerettet - Sie allein - es ist alles gut alles gut! O mein Gott, wie soll ich Ihnen denn danken.« So schrie der junge Mensch wie außer sich, der General schien verlegen, er hob den jungen Menschen sanft auf und führte ihn mit beschwichtigenden Worten heraus in den Garten. Die Gesellschaft war von dem Auftritt überrascht worden, jeder hatte in dem Jüngling den Schreiber des Geheimen Rates Foerd erkannt und schaute diesen mit neugierigen Blicken an. Der nahm aber eine Prise nach der andern und sprach mit seiner Frau französisch, bis er endlich, da ihm der türkische Gesandte näher auf den Leib rückte, rund heraus erklärte: »Ich weiß, Hochzuverehrende! durchaus mir nicht zu erklären, welcher böse Geist meinen Max hier so plötzlich mit exaltierten Danksagungen hineingeschleudert hat, werde aber sogleich die Ehre haben.« - Damit schlüpfte er zur Türe heraus und Willibald folgte ihm auf dem Fuße. Das dreiblättrige Kleeblatt der Foerdschen Familie, nämlich die drei Schwestern, Nannette, Clementine und Julie, äußerten sich auf ganz verschiedene Weise. Nannette ließ den Fächer auf- und niederrauschen, sprach von Etourderie und wollte endlich wieder singen: Amenez vos troupeaux, worauf aber niemand achtete. Julie war abseits in den Winkel getreten und der Gesellschaft den Rücken zugewendet, war es, als wolle sie nicht allein ihr glühendes Gesicht, sondern auch einige Tränen verbergen, die ihr, wie man schon bemerkt, in die Augen getreten. »Freude und Schmerz verwunden mit gleichem Weh die Brust des armen Menschen, aber färbt der dem verletzenden Dorn nachquillende Blutstropfe nicht mit höherem Rot die verbleichende Rose?« So sprach mit vielem Pathos die jeanpaulisierende Clementine, indem sie verstohlen die Hand eines hübschen jungen, blonden Menschen faßte, der gar zu gern sich aus den Rosenbanden, womit ihn Clementine bedrohlich umstrickt und in denen er etwas zu spitze Dornen verspürt hatte, losgewickelt. Der lächelte aber etwas fade und sprach nur: »O ja, Beste!« - Dabei schielte er nach einem seitwärts stehenden Glase Wein, welches er gern auf Clementinens sentimentalen Spruch geleert. Das ging aber nicht, da Clementine seine linke Hand festhielt, er aber mit der Rechten soeben das Besitztum eines Stücks Kuchen ergriffen. In dem Augenblick trat Willibald zur Saaltür herein und alles stürzte auf ihn zu mit tausend Fragen, wie, was, warum und woher? Er wollte durchaus nichts wissen, zog aber ein verschmitzteres Gesicht als jemals. Man ließ nicht ab von ihm, weil man deutlich bemerkt, daß er im Garten sich mit dem Geheimen Rat Foerd zum General Rixendorf und zum Schreiber Max gesellt, und heftig mitgesprochen hatte. »Soll ich denn«, fing er endlich an, »soll ich denn in der Tat die wichtigste aller Begebenheiten vor der Zeit ausplaudern, so muß es mir vergönnt werden, zuvörderst an Sie, meine hochzuverehrenden Damen und Herren, einige Fragen zu richten.« - Man erlaubte das gern. »Ist Ihnen«, fuhr Willibald nun pathetisch fort, »ist Ihnen nicht allen der Schreiber des Herrn Geheimen Rat Foerd, Max geheißen, als ein wohlgebildeten, von der Natur reichlich ausgestatteter Jüngling bekannt?« - »Ja, ja, ja!« rief der Chor der Damen. »Ist Ihnen«, frug Willibald weiter, »ist Ihnen nicht sein Fleiß, seine wissenschaftliche Bildung, seine Geschicklichkeit im Geschäft bekannt?« - »Ja -ja!« rief der Chor der Herren, und wieder »Ja, ja, ja!« der vereinigte Chor der Herren und Damen, als Willibald noch frug, ob Max nicht weiter als der aufgeweckteste Kopf, voller Possen und Schnurren, sowie endlich als solch geschickter Zeichner bekannt sei, daß Rixendorf, der als Dilettant in der Malerei Ungewöhnliches leiste, es nicht verschmäht habe, selbst ihm zweckmäßigen Unterricht zu erteilen. »Es begab sich«, erzählte nun Willibald, »daß vor einiger Zeit ein junges Meisterlein von der ehrsamen Schneiderzunft seine Hochzeit feierte. Es ging dabei hoch her, Bässe schnurrten, Trompeten schmetterten durch die Gasse. Mit rechter Wehmut sah des Herrn Geheimen Rats Bedienter, Johann, zu den erleuchteten Fenstern herauf, das Herz wollte ihm springen, wenn er unter den Tanzenden Jettchens Tritte zu vernehmen glaubte, die, wie er wußte, auf der Hochzeit war. Als nun aber Jettchen wirklich zum Fenster herausguckte, da konnte er es nicht länger aushalten, er lief nach Hause, warf sich in seinen besten Staat und ging keck herauf in den Hochzeitsaal. Er wurde wirklich zugelassen, freilich unter der schmerzlichen Bedingung, daß im Tanz jeder Schneider vor ihm den Vorzug haben sollte, wodurch er freilich auf die Mädchen angewiesen wurde, mit denen ob ihrer Häßlichkeit oder sonstigen Untugenden, niemand tanzen mochte. Jettchen war auf alle Tänze versagt, aber sowie sie den Geliebten sah, vergaß sie alles, was sie versprochen, und der beherzte Johann stieß das dünnleibige Schneiderlein, das ihm Jettchen abtrotzen wollte, zu Boden, daß es über und über purzelte. Dies gab das Signal zum allgemeinen Aufstande. Johann wehrte sich wie ein Löwe, Rippenstöße und Ohrfeigen nach allen Seiten austeilend, doch er mußte der Menge seiner Feinde erliegen und wurde auf schmähliche Weise von Schneidergesellen die Treppe herabgeworfen. Voll Wut und Verzweiflung wollte er die Fenster einwerfen, er schimpfte und fluchte, da kam Max, der nach Hause ging, des Weges und befreite den unglücklichen Johann aus den Händen der Scharwacht, die eben über ihn herzufallen im Begriff stand. Nun klagte Johann sein Unglück und wollte durchaus nicht abstehen von tumultuarischer Rache, doch gelang es endlich dem klügern Max, ihn zu beruhigen, wiewohl nur unter dem Versprechen, daß er sich seiner annehmen und die ihm geschehene Unbill so rächen wolle, daß er ganz gewiß zufrieden sein werde« - Willibald hielt plötzlich ein. - »Nun? - nun? Und weiter? - Eine Schneiderhochzeit - ein Liebespaar - Prügel - was soll das dann werden?« So rief es von allen Seiten. »Erlauben Sie«, fuhr Willibald fort, »erlauben Sie, Hochzuverehrende! zu bemerken, daß, um mit dem berühmten Weber Zettel zu reden, in dieser Komödie von Johann und Jettchen Dinge vorkommen, die nimmermehr gefallen werden. - Es könnte sogar wider den feinsten Anstand gesündigt werden.« - »Sie werden's schon einzurichten wissen, lieber Herr Willibald«, sprach die alte Stiftsrätin von Krain, indem sie ihn auf die Schulter klopfte, »ich für meinen Teil kann einen Puff vertragen.« - »Der Schreiber Max«, erzählte Willibald weiter, »setzte sich andern Tages hin, nahm ein großes schönes Blatt Velinpapier, Bleifeder und Tusche, und zeichnete mit der vollendetsten Wahrheit einen großen stattlichen Ziegenbock hin. Die Physiognomie dieses wunderbaren Tiers gab jedem Physiognomen reichlichen Stoff zum Studium. In dem Blick der geistreichen Augen lag etwas Überschwengliches, wiewohl um das Maul und um den Bart herum einige Konvulsionen zitternd zu spielen schienen. Das Ganze zeugte von innerer unaussprechlicher Qual. In der Tat war auch der gute Bock beschäftigt, auf eine sehr natürliche, wiewohl schmerzliche Weise ganz kleine allerliebste, mit Schere und Bügeleisen bewaffnete Schneiderlein zur Welt zu befördern, die in den wunderlichsten Gruppen ihre Lebenstätigkeit bewiesen. Unter dem Bilde stand ein Vers, den ich leider vergessen, doch irr ich nicht, so hieß die erste Zeile: >Ei was hat der Bock - gegessen.< Ich kann übrigens versichern, daß dieser wunderbare Bock« - »Genug - genug«, riefen die Damen, »genug von dem garstigen Tier - von Max, von Max wollen wir hören.« - »Besagter Max«, nahm Willibald das Wort wieder auf, »besagter Max gab das wohlausgeführte und vollkommen geratene Tableau dem gekränkten Johann, der es so geschickt an die Schneiderherberge anzuheften wußte, daß einen ganzen Tag hindurch das müßige Volk nicht von dem Bildnis wegkam. Die Straßenjungen schwenkten jubelnd die Mützen und tanzten jedem Schneiderlein, das sich sehen ließ, hinterher, und sangen und kreischten gewaltig: >Ei was hat der Bock gegessen.< - >Niemand anders hat das Blatt gezeichnet, als des Geheimen Rats Max<, sagten die Maler, >niemand hat die Worte geschrieben, als des Geheimen Rats Max<, riefen die Schreibmeister, als die ehrsame Schneiderzunft die nötigen Erkundigungen einzog. Max wurde verklagt und sah, da er nicht wohl leugnen konnte, einer empfindlichen Gefängnisstrafe entgegen. Da rannte er voll Verzweiflung zu seinem Gönner, dem General Rixendorf; bei allen Advokaten war er schon gewesen. Die runzelten die Stirn, schüttelten die Köpfe und sprachen von hartnäckigem Ableugnen usw., was dem ehrlichen Max nicht wohlgefiel. Der General sprach dagegen: >Du hast einen dummen Streich gemacht, lieber Sohn! die Advokaten werden dich nicht retten, aber ich, und bloß darum, weil in deinem Bilde, das ich bereits gesehen, korrekte Zeichnung und verständige Anordnung ist. Der Bock, als Hauptfigur, hat Ausdruck und Haltung, sowie die bereits auf dem Boden liegenden Schneider eine gute Pyramidalgruppe bilden, die reich ist, ohne das Auge zu verwirren. Sehr weise hast du den im Schmerz der Quetschung sich hervorarbeitenden Schneider wieder als Hauptfigur der untern Gruppe behandelt, in seinem Gesicht liegt laokoontisches Weh! Ebenso rühmlich ist es, daß die fallenden Schneider nicht etwa schweben, sondern wirklich fallen, wiewohl nicht aus dem Himmel; manche zu gewagte Verkürzungen sind recht hübsch durch die Bügeleisen maskiert, auch hast du mit reger Fantasie die Hoffnung neuer Geburten angedeutet.<« - Die Damen fingen an ungeduldig zu murmeln, und der Goldstoffne lispelte: »Aber Maxens Prozeß, Verehrter?« - »>Indessen nimm mir's nicht übel<, sprach der General«, (so fuhr Willibald fort) »>die Idee des Bildes ist nicht die deinige, sondern uralt; doch das ist es eben, was dich rettet.< Mit diesen Worten kramte der General in seinem alten Schreibschranke, holte einen Tabaksbeutel hervor, auf dem sich Maxens Gedanke sauber und zwar beinahe ganz nach Maxens Weise ausgeführt befand, überließ denselben seinem Liebling zum Gebrauch und nun war alles gut.« - »Wie das, wie das?« rief alles durcheinander, aber die Juristen, die sich in der Gesellschaft befanden, lachten laut, und der Geheime Rat Foerd, der unterdessen auch hineingetreten war, sprach lächelnd: »Er leugnete den animum injuriandi, die Absicht zu beleidigen, und wurde freigesprochen.«- »Will soviel heißen«, fiel Willibald ihm in die Rede, »als daß Max sprach: >Ich kann nicht leugnen, daß das Bild von meiner Hand ist; absichtslos und ohne irgend die von mir so hochverehrte Schneiderzunft kränken zu wollen, kopierte ich das Blatt nach dem Original, das ich hier mit diesem Tabaksbeutel, der dem General Rixendorf, meinem Lehrer in der Zeichenkunst, gehört, überreiche. Einige Variationen habe ich meiner schaffenden Fantasie zu danken. Das Bild ist mir aus den Händen gekommen, ich habe es weder jemanden sonst gezeigt, noch gar etwa angeheftet. Über diesen Umstand, in dem allein die Injurie liegt, erwarte ich den Nachweis.< - Diesen Nachweis ist die ehrsame Schneiderzunft schuldig geblieben und Max heute freigesprochen worden. Daher sein Dank, seine unmäßige Freude.« - Man fand allgemein, daß doch die halb wahnsinnige Art und Weise, wie Max seinen Dank geäußert, durch die erzählten Umstände nicht ganz motiviert werde, nur die Geheime Rätin Foerd sprach mit bewegter Stimme: »Der Jüngling hat ein leicht verwundbares Gemüt und ein zarteres Ehrgefühl, als je ein anderer. Körperliche Strafe erdulden zu müssen hätte ihn elend gemacht, ihn auf immer von G. vertrieben.« - »Vielleicht«, fiel Willibald ein, »liegt hier noch etwas ganz Besonderes im Hintergrunde.« - »So ist es, lieber Willibald«, sprach Rixendorf, der hineingetreten war und die Worte der Geheimen Rätin vernommen hatte, »so ist es, und will es Gott, so soll sich bald alles recht hell und fröhlich aufklären.« -

Clementine fand die ganze Geschichte sehr unzart, Nannette dachte gar nichts, aber Julie war sehr heiter geworden. Jetzt ermunterte Reutlinger die Gesellschaft zum Tanze. Sogleich spielten vier Theorbisten, unterstützt von ein paar Zinken, Violinen und Bässen, eine pathetische Sarabande. Die Alten tanzten, die Jungen schauten zu. Der Goldstoffne zeichnete sich aus durch zierliche und gewagte Sprünge. Der Abend ging ganz heiter hin, so auch der andere Morgen. Wie gestern sollte auch heute Konzert und Ball den festlichen Tag beschließen. Der General Rixendorf saß schon am Flügel, der Goldstoffne hatte die Theorbe im Arm, die Geheime Rätin Foerd die Partie in der Hand. Man wartete nur auf die Rückkehr des Hofrats Reutlinger. Da hörte man im Garten ängstlich rufen und sah die Bedienten herausrennen. Bald trugen sie den Hofrat mit geisterbleichem entstelltem Gesicht herein, der Gärtner hatte ihn unweit des Herzpavillons in tiefer Ohnmacht auf der Erde liegend gefunden. - Mit einem Schrei des Entsetzens sprang Rixendorf auf vom Flügel. Man eilte herbei mit spirituosen Mitteln, man fing an, dem Hofrat, der auf einem Kanapee lag, die Stirne mit Kölnischem Wasser zu reiben, der türkische Gesandte stieß aber alle zurück, indem er unaufhörlich rief. »Zurück, zurück, ihr unwissenden ungeschickten Leute! - ihr macht mir den kerngesunden, muntern Hofrat nur matt und elend!« - Damit schleuderte er seinen Turban über alle Köpfe weg in den Garten hinein, den Pelz hinterher. Nun beschrieb er mit der flachen Hand seltsame Kreise um den Hofrat, die enger und enger werdend, zuletzt beinahe Schläfe und Herzgrube berührten. Dann hauchte er den Hofrat an, der sogleich die Augen aufschlug und mit matter Stimme sprach: »Exter! Du hast nicht gut getan, mich zu wecken! - Die dunkle Macht hat mir den nahen Tod verkündet, und vielleicht war es mir vergönnt in dieser tiefen Ohnmacht hineinzuschlummern in den Tod.« - »Possen, Träumer«, rief Exter, »deine Zeit ist noch nicht gekommen. Schau dich nur um, Herr Bruder, wo du bist, und sei fein munter wie es sich schickt.« - Der Hofrat wurde nun gewahr, daß er sich im Saal in voller Gesellschaft befand. Er erhob sich rüstig vom Kanapee, trat in die Mitte des Saals, und sprach mit anmutigem Lächeln: »Ich gab Ihnen ein böses Schauspiel, Verehrte! aber an mir lag es nicht, daß das ungeschickte Volk mich gerade in den Saal trug. Lassen Sie uns über das störende Intermezzo schnell hinweggehen, lassen Sie uns tanzen!« - Die Musik begann sofort, aber als sich alles in der ersten Menuett pathetisch wandte und drehte, verschwand der Hofrat mit Exter und Rixendorf aus dem Saal. Als sie in ein entferntes Zimmer gekommen, warf sich Reutlinger erschöpft in einen Lehnsessel, hielt beide Hände vors Gesicht und sprach mit von Schmerz gepreßter Stimme: »Oh, meine Freunde! meine Freunde!« Exter und Rixendorf vermuteten mit Recht, daß irgend etwas Entsetzliches den Hofrat erfaßt haben müsse, und daß er sich jetzt darüber erklären werde. »Sag's nur heraus, alter Freund«, sprach Rixendorf, »sag's nur heraus, dir ist, Gott weiß auf welche Weise, Schlimmes im Garten begegnet.« - »Aber«, fiel Exter ein, »ich begreife gar nicht, wie dem Hofrat heute, und überhaupt in diesen Tagen Schlimmes begegnen konnte, da eben jetzt sein siderisches Prinzip reiner und herrlicher sich gestaltet als jemals.« - »Doch, doch!« fing der Hofrat mit dumpfer Stimme an, »Exter! es ist bald aus mit uns, der kecke Geisterseher klopfte nicht ungestraft an die dunklen Pforten. Ich wiederhole es dir, daß die geheimnisvolle Macht mich hinter den Schleier schauen ließ - der nahe, vielleicht gräßliche Tod ist mir verkündet.« - »So erzähle nur was dir geschah«, fiel Rixendorf ihm ungeduldig in die Rede, »ich wette, daß alles auf eine wunderliche Einbildung hinausläuft, ihr verderbt euch beide das Leben mit euern Fantastereien, du und Exter.«

»So vernehmt es denn«, fuhr der Hofrat fort, indem er aufstand von dem Lehnstuhl, und zwischen beide Freunde trat, »so vernehmt es denn, was mich vor Entsetzen und Graus in tiefe Ohnmacht warf. Ihr hattet euch schon alle in dem Saal versammelt, als ich, selbst weiß ich nicht wodurch, angetrieben wurde noch einsam einen Gang durch den Garten zu machen. Unwillkürlich lenkten sich meine Schritte nach dem Wäldchen. Es war mir, als höre ich ein leises, hohles Pochen und eine leise klagende Stimme. - Die Töne schienen aus dem Pavillon zu kommen - ich trete näher, die Tür des Pavillons steht offen - ich erblicke - mich selbst! - mich selbst! - aber so wie ich war vor dreißig Jahren, in demselben Kleide, das ich trug an jenem verhängnisvollen Tage, als ich in trostloser Verzweiflung mein elendes Leben enden wollte, als Julie wie ein Engel des Lichts mir erschien im bräutlichen Schmuck - es war ihr Hochzeitstag - die Gestalt - ich - ich lag auf dem Boden vor dem Herzen, und darauf klopfend, daß es hohl widerhallte, murmelte ich: >Nie - nie kannst du dich erweichen, du steinernes Herz!< - Regungslos starrte ich hin, wie der eiskalte Tod rannte es durch meine Adern. Da trat Julie bräutlich geschmückt, in voller Pracht der blühendsten Jugend, aus den Gebüschen hervor, und streckte voll süßen Verlangens die Arme aus nach der Gestalt, nach mir - nach mir dem Jünglinge! Bewußtlos stürzte ich zu Boden!« Der Hofrat sank halb ohnmächtig in den Lehnstuhl zurück, aber Rixendorf faßte seine beiden Hände, rüttelte sie, und rief mit starker Stimme: »Das sahst du, das sahst du, Bruder, weiter nichts? - Viktoria laß ich schießen aus deinen japanischen Kanonen! - mit deinem nahen Tode, mit der Erscheinung ist es nichts, gar nichts! Ich rüttle dich auf aus deinen bösen Träumen, damit du genesen, und noch lange leben mögest auf Erden.« - Damit sprang Rixendorf schneller, als es sein Alter zuzulassen schien, zum Zimmer heraus. Der Hofrat hatte wohl wenig von Rixendorfs Worten vernommen, er saß da mit geschlossenen Augen. Exter ging mit großen Schritten auf und ab, runzelte mißmütig die Stirn und sprach: »Ich wette, der Mensch will wieder alles auf gewöhnliche Manier erklären, aber das soll ihm schwer werden, nicht wahr, Hofrätchen? wir verstehen uns auf Erscheinungen! - Ich wollt nur, ich hätte meinen Turban und meinen Pelz!« - Dies wünschend pfiff er sehr stark auf einer kleinen silbernen Pfeife, die er beständig bei sich trug, und sogleich brachte auch ein Mohr aus seinem Gefolge beides, Turban und Pelz. Bald darauf trat die Geheime Rätin Foerd hinein, ihr folgte der Geheime Rat mit Julien. Der Hofrat raffte sich auf, und in den Versicherungen, daß ihm wieder ganz wohl geworden, wurde er es wirklich. Er bat, des ganzen Vorfalls zu vergessen, und eben wollten alle bis auf Exter, der sich in seiner türkischen Kleidung aufs Sofa gestreckt, und aus einer übermäßig langen Pfeife, deren Kopf, auf Räder gestellt, am Boden hin und her schurrte, Tabak schmauchte und Kaffee trank, in den Saal zurückkehren, als die Tür aufging, und Rixendorf hastig hereintrat. An der Hand hielt er einen jungen Menschen in alttatarischer Kleidung. Es war Max, bei dessen Anblick der Hofrat erstarrte. »Sieh hier dein Ich, dein Traumbild«, hub Rixendorf an, »es ist mein Werk, daß mein trefflicher Max hier blieb und von deinem Kammerdiener aus deiner Garderobe Kleider empfing, um gehörig kostümiert erscheinen zu können. Er war es, der im Pavillon an dem Herzen kniete. - Ja, an deinem steinernen Herzen, du harter unempfindlicher Oheim! kniete der Neffe, den du unbarmherzig verstießest, einer träumerischen Einbildung halber! Verging sich der Bruder schwer gegen den Bruder, so hat er es längst gebüßt mit dem Tode im tiefsten Elend - da steht die vaterlose Waise, dein Neffe - Max, wie du geheißen, dir ähnlich an Leib und Seele, wie der Sohn dem Vater - tapfer hielt sich der Knabe, der Jüngling auf den Wellen des brausenden Lebensstroms empor - da - nimm ihn auf - erweiche dein hartes Herz! - reiche ihm die wohltätige Hand, daß er eine Stütze habe, wenn zu sehr der Sturm auf ihn einbricht.« - In demütiger gebeugter Stellung, heiße Tränen in den Augen, hatte sich der Jüngling dem Hofrat genähert. Der stand da geisterbleich, mit blitzenden Augen, den Kopf stolz in die Höhe geworfen, stumm und starr, aber sowie der Jüngling seine Hand erfassen wollte, wich er, ihn mit beiden Händen von sich abwehrend, zwei Schritte zurück, und rief mit fürchterlicher Stimme: »Verruchter - willst du mich morden? - Fort - aus meinen Augen, ja du spielst mit meinem Herzen, mit mir! - Und auch du Rixendorf verschworen zum läppischen Puppenspiel, das ihr mir auftischt? - fort - fort aus meinen Augen - du - du, der du zu meinem Untergange geboren - du Sohn des schändlichsten Ver…« - »Halt ein«, brach Max plötzlich los, indem Zorn und Verzweiflung glühende Blitze aus seinen Augen schossen, »halt ein, unnatürlicher Oheim - herzloser, unnatürlicher Bruder. Schuld auf Schuld, Schande und Schmach hast du auf meines armen unglücklichen Vaters Haupt gehäuft, der verderblichen Leichtsinn, aber nie Verbrechen in sich hegen konnte! - Ich wahnsinniger Tor, daß ich glaubte, jemals dein steinernes Herz rühren, jemals, mit Liebe dich umfangene, meines Vaters Vergehen sühnen zu können! - Elend - verlassen von aller Welt, aber an der Brust eines Sohnes hauchte mein Vater sein mühseliges Leben aus - >Max! - sei brav! - sühne den unversöhnlichen Bruder - werde sein Sohn<, das war das letzte, was er sprach. - Aber du verwirfst mich, so wie du alles verwirfst, was sich dir naht mit Liebe und Ergebung, während der Teufel selbst dich mit trügerischen Träumen umgaukelt. - Nun, so stirb denn einsam und verlassen! - Mögen habsüchtige Diener auf deinen Tod lauern und sich in die Beute teilen, wenn du kaum die lebensmüden Augen geschlossen - statt der Seufzer, statt der trostlosen Klagen derer, die dir mit treuer Liebe bis in den Tod anhängen wollten, magst du sterbend das Hohngelächter, die frechen Scherze der Unwürdigen hören, die dich pflegten, weil du sie bezahltest mit schnödem Golde! - Niemals, niemals siehst du mich wieder!« -

Der Jüngling wollte zur Türe hinausstürzen, da sank Julie laut schluchzend nieder, schnell sprang Max zurück, fing sie in seinen Armen auf, und heftig sie an seine Brust drückend, rief er mit dem herzzerreißenden Ton des trostlosesten Jammers: »O Julie, Julie, alle Hoffnung ist verloren!« - Der Hofrat hatte dagestanden, zitternd an allen Gliedern, sprachlos - kein Wort konnte sich entwinden den bebenden Lippen, doch als er Julien in Maxens Armen sah, schrie er laut auf, wie ein Wahnsinniger. Er ging mit starkem kräftigen Schritt auf sie los, er riß sie von Maxens Brust hinweg, hob sie hoch in die Höhe und frug kaum vernehmbar: »Liebst du diesen Max, Julie?« - »Wie mein Leben«, erwiderte Julie voll tiefen Schmerzes, »wie mein Leben. Der Dolch, den Sie in sein Herz stoßen, trifft auch das meine!« - Da ließ sie der Hofrat langsam herab, und setzte sie behutsam nieder in einen Lehnstuhl. Dann blieb er stehen, die gefalteten Hände an die Stirn gedrückt. - Es war totenstill ringsumher. Kein Laut - keine Bewegung der Anwesenden! - Dann sank der Hofrat auf beide Knie. Lebensröte im Gesicht, helle Tränen in den Augen hob er das Haupt empor, beide Arme hoch ausgestreckt zum Himmel, sprach er leise und feierlich: »Ewig wartende unerforschliche Macht dort oben, das war dein Wille - mein verworrenes Leben nur der Keim, der im Schoß der Erde ruhend, den frischen Baum emportreibt mit herrlichen Blüten und Früchten? - O Julie, Julie! - o ich armer verblendeter Tor!« - Der Hofrat verhüllte sein Gesicht, man vernahm sein Weinen. - So dauerte es einige Sekunden, dann sprang der Hofrat plötzlich auf, stürzte auf Max, der wie betäubt dastand, los, riß ihn an seine Brust, und schrie, wie außer sich: »Du liebst Julien, du bist mein Sohn - nein mehr als das, du bist ich, ich selbst - alles gehört dir - du bist reich, sehr reich - du hast ein Landgut - Häuser, bares Geld - laß mich bei dir bleiben, du sollst mir das Gnadenbrot geben in meinen alten Tagen - nicht wahr, du tust das? - Du liebst mich ja! - nicht wahr, du mußt mich ja lieben, du bist ja ich selbst - scheue dich nicht vor meinem steinernen Herzen, drücke mich nur fest an deine Brust, deine Lebenspulse erweichen es ja! - Max - Max mein Sohn - mein Freund, mein Wohltäter!« - So ging es fort, daß allen vor diesen Ausbrüchen des überreizten Gefühls bange wurde. Rixendorf, dem besonnenen Freunde, gelang es endlich, den Hofrat zu beschwichtigen, der, ruhiger geworden, nun erst ganz einsah, was er an dem herrlichen Jünglinge gewonnen, und mit tiefer Rührung gewahrte, wie auch die Geheime Rätin Foerd in der Verbindung ihrer Julie mit Reutlingers Neffen das neue Aufkeimen einer alten verlornen Zeit erblickte. Großes Wohlgefallen äußerte der Geheime Rat, der viel Tabak schnupfte und sich in wohlgestelltem nationell ausgesprochenem Französisch darüber ausließ. Zuvörderst sollten nun Juliens Schwestern von dem Ereignis benachrichtigt werden, die waren aber nirgends aufzufinden. Nannettens halber hatte man schon in allen großen japanischen Vasen, die in dem Vestibule herumstanden, nachgesehen, ob sie, zu sehr sich über den Rand beugend, vielleicht hineingefallen, aber vergebens, endlich fand man die Kleine unter einem Rosenbüschchen eingeschlafen, wo man sie nur nicht gleich bemerkt, und ebenso holte man Clementinen in einer entfernteren Allee ein, wo sie dem entfliehenden blonden Jüngling, dem sie vergebens nachgesetzt, eben mit lauter Stimme nachrief. »O der Mensch sieht es oft spät ein, wie sehr er geliebt wurde, wie vergeßlich und undankbar er war und wie groß das verkannte Herz!« - Beide Schwestern waren etwas mißmütig über die Heirat der jüngern, wiewohl viel schöneren und reizenderen Schwester, und vorzüglich rümpfte die schmähsüchtige Nannette das kleine Stülpnäschen; Rixendorf nahm sie aber auf den Arm und meinte, sie könnte wohl einmal einen viel vornehmeren Mann mit einem noch schöneren Gute bekommen. Da wurde sie vergnügt und sang wieder: »Amenez vos troupeaux bergères!« Clementine sprach aber sehr ernst und vornehm: »In der häuslichen Glückseligkeit sind die windstillen, zwischen vier engen Wänden vorgetriebnen bequemen Freuden nur der zufälligste Bestandteil: ihr Nerven- und Lebensgeist sind die lodernden Naphthaquellen der Liebe, die aus den verwandten Herzen ineinanderspringen.« - Die Gesellschaft im Saal, die schon Kunde bekommen von den wunderlichen aber fröhlichen Ereignissen, erwartete mit Ungeduld das Brautpaar, um mit den gehörigen Glückwünschen losfahren zu können. Der Goldstoffne, der am Fenster alles angehört und angeschaut, bemerkte schlau: »Nun weiß ich, warum der Ziegenbock dem armen Max so wichtig war. Hätte er einmal im Gefängnis gesteckt, so war durchaus an keine Aussöhnung zu denken.« Alles applaudierte dieser Meinung, wozu Willibald die Losung gab. Schon wollte man fort aus dem Nebenzimmer in den Saal, als der türkische Gesandte, der so lange auf dem Sofa geblieben, nichts gesprochen, sondern nur durch Hin- und Herrutschen und durch die seltsamsten Grimassen seine Teilnahme zu erkennen gegeben hatte, wie toll aufsprang und zwischen die Brautleute fuhr: »Was was«, rief er, »nun gleich heiraten, gleich heiraten? - Deine Geschicklichkeit, deinen Fleiß in Ehren, Max! aber du bist ein Kiek-in-die-Welt, ohne Erfahrung, ohne Lebensklugheit, ohne Bildung. Du setzest deine Füße einwärts und bist grob in deinen Redensarten wie ich vorhin vernommen, als du deinen Oheim den Hofrat Reutlinger Du nanntest. Fort in die Welt! nach Konstantinopel! - da lernst du alles was du brauchst fürs Leben - dann kehre wieder und heirate getrost mein liebes holdes Kind, das schöne Julchen.« Alle waren ganz erstaunt über Exters seltsames Begehren. Der nahm aber den Hofrat auf die Seite; beide stellten sich gegenüber, legten einander die Hände auf die Achseln und wechselten einige arabische Worte. Darauf kam Reutlinger zurück, nahm Maxens Hand und sprach sehr mild und freundlich: »Mein lieber guter Sohn, mein teurer Max, tue mir den Gefallen und reise nach Konstantinopel, es kann höchstens sechs Monate dauern, dann richte ich hier die Hochzeit aus!« - Aller Protestationen der Braut unerachtet mußte Max fort nach Konstantinopel.

Nun könnte ich, sehr geliebter Leser! wohl füglich meine Erzählung schließen, denn du magst es dir vorstellen, daß Max, nachdem er aus Konstantinopel, wo er die Marmorstufe, wohin der Seehund Extern das Kind apportiert, nebst vielem andern Merkwürdigen geschaut hatte, zurückgekehrt war, wirklich Julien heiratete, und verlangst wohl nicht noch zu wissen, wie die Braut geputzt war und wieviel Kinder das Paar bis jetzt erzeugt hat. Hinzusetzen will ich nur noch, daß am Tage Mariä Geburt des Jahres 18- Max und Julie einander gegenüber im Pavillon bei dem roten Herzen knieten. Häufige Tränen fielen auf den kalten Stein, denn unter ihm lag das ach! nur zu oft blutende Herz des wohltätigen Oheims. Nicht um des Lord Horions Grabmal nachzuahmen, sondern weil er des armen Onkels ganze Lebens- und Leidensgeschichte darin angedeutet fand, hatte Max mit eignet Hand die Worte in den Stein gegraben:

Es ruht!

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E. T. A. Hoffmann

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