Natur und Mensch

Ernst Haeckel · Kapitel 6 von 7

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Natur und Mensch

VI. Brussa und der asiatische Olymp.

VI.

 

Brussa und der asiatische Olymp.

 

Wenn man auf dem Seewege nach Konstantinopel den Hellespontos passiert hat

und das Marmarameer ostwärts durchschneidet, erblickt man am südlichen

Gestade des letzteren in blauer Ferne langgestreckte Bergzüge. In mehrfach

unterbrochenen, edelgeformten Linien stufenweise ansteigend, finden dieselben

in einer majestätischen, mit ewigem Schnee bedeckten Kuppel ihren malerischen

Abschluß. Diese stolze Gebirgskuppel ist der Olympos der asiatischen Griechen,

der musische Olymp des Herodot, der bithynische Olmyp anderer klassischer

Autoren. Allerdings erfreut sich dieser asiatische Olympos nicht des hohen

Rufes wie sein europäischer Namensbruder, der auf der Grenze von Mazedonien

und Thessalien liegt und auf den die altgriechischen Sagen den Sitz der Götter

verlegen. Aber dennoch wird der abendländische Wanderer durch den Besuch

des ersteren weit mehr als durch die Besteigung des letzteren befriedigt werden.

Denn der wenig besuchte asiatische Olymp und seine nähere Umgebung ist mit

einer Fülle von Naturschönheiten geschmückt, welche dem europäischen

Götterberge abgehen, und die historischen Erinnerungen, welche sich an die von

ersterem beherrschte Schaubühne weltgeschichtlicher Dramen knüpfen,

verleihen ihm einen besonderen Reiz. Unmittelbar am Fuße des asiatischen

Olymps liegt Brussa, die von Hannibal gegründete Hauptstadt Bithyniens, die

Wiege der osmanischen Dynastie, eine von türkischen Dichtern vielbesungene

Perle des Orients, welche an hohem Reiz der Lage mit Damaskus und mit

Granada wetteifert.

Im Abendlande ist Brussa heutzutage ein wenig bekannter und wenig

genannter Ort. Für den Geschichtsforscher knüpfen sich freilich an diesen

Namen hochwichtige Begebenheiten; dem Arzt ist Brussa durch seine

heilkräftigen, weitberühmten heißen Quellen bekannt, das „Baden“ des Orients,

und für den Kaufmann ist diese ansehnlichste Handelsstadt Anatoliens durch

ihre Seidenwaren und Samtfabriken von großer Bedeutung. Aber von den hohen

Naturschönheiten Brussas, von den malerischen Reizen seiner Lage, von dem

üppigen Schmucke seiner südlichen Vegetation, von der Fülle rauschender Quellen in seinen kühlen Felsentälern ist in Europa wenig bekannt; unter

Tausenden von Touristen, die jetzt alljährlich nach Konstantinopel reisen,

gelangen nur sehr wenige nach dem kaum eine Tagereise davon entfernten

Brussa. Und doch ist sicher ein Besuch dieses herrlichen Ortes weit lohnender,

als viele berühmte „Sehenswürdigkeiten“ des Orients.

Der Besuch, den ich selbst im April 1873 dem asiatischen Olymp und Brussa

abstattete, ist mir unter den vielen anmutigen Erinnerungen, die ich von meiner

damals unternommenen Orientreise mit nach Hause brachte, eine der

wertvollsten geblieben; und wenn ich hier eine flüchtige Skizze davon mitteile,

so hoffe ich, dadurch manchen Leser, den sein Glücksstern nach den reizenden

Ufern des Bosporus führt, zu veranlassen, von der türkischen Hauptstadt aus

diesen höchst lohnenden Ausflug nach der Residenz der ersten Sultane des

Osmanenreiches zu unternehmen. Insbesondere möchte ich aber dadurch diesen

oder jenen Landschaftsmaler auf die ungehobenen Schätze aufmerksam machen,

die sein Auge in Brussa und seiner Umgebung reicher als in den ausgebeuteten

Gefilden von Neapel, Palermo oder Granada finden wird.

Wenige Wochen, bevor ich nach Brussa kam, hatte ich in Kairo die Märchen

von Tausend und einer Nacht lebendig an mir vorüberziehen sehen, hatte von der

Pyramide des Cheops einen Blick in die Libysche Wüste getan und von Suez auf

einem Kriegsschiffe des Khedive einen höchst interessanten Ausflug zu den

Korallenbänken des Roten Meeres am Fuße des Sinai unternommen. Von

Alexandrien war ich darauf nach Smyrna gefahren, von wo ich in Gesellschaft

liebenswürdiger deutscher Landsleute Exkursionen nach dem klassischen

Trümmerstätten von Magnesia und Ephesus unternahm, in ersterem das uralte, in

den Felsen gehauene Riesenbild der Niobe, in letzterem die kürzlich

ausgegrabenen Substruktionen des weltberühmten Dianatempels bewundernd.

Wenige Tage später genoß ich auf der Akropolis von Athen und auf den

Tempelruinen von Eleusis unvergeßliche Stunden lebendiger Erinnerung an die

Blüte des klassischen Altertums; und abermals nach wenigen Tagen erfreute ich

mich an den Ufern des Bosporus und am Goldenen Horn von Konstantinopel der

Fülle von Natur- und Kunstgenüssen, von historischen Reminiszenzen und

ethnographischen Bildern, mit denen die gewaltige Hauptstadt des

Türkenreiches noch heute geschmückt ist. Und doch, nachdem alle diese

wunderbaren Gemälde des Orients in der raschen Folge weniger Wochen an

meinem Auge vorübergegangen waren, nachdem die Phantasie durch das

Übermaß der genossenen großartigen und mannigfaltigen Bilder übersättigt

erschien, vermochte zuletzt noch das herrliche Brussa einen so tiefen Eindruck

zu hinterlassen, daß ich mir keinen schöneren und harmonischeren Abschluß zu

der langen Reihe der bunten vorhergegangenen Orientbilder wünschen könnte.

Es war ein heiterer, wolkenloser Frühlingsmorgen, als ich am 25. April 1873

in Gesellschaft des bekannten Landschaftsmalers Ernst Körner aus Berlin die

Fahrt nach Brussa antrat. Der Kanzler am deutschen Generalkonsulat in

Konstantinopel, Herr Rohnstock, welcher der türkischen Sprache vollkommen

mächtig ist, begleitete uns und hatte die Güte, die Rolle eines Dolmetschers zu

übernehmen. Während die aufsteigende Morgensonne mit ihren ersten Strahlen

die Fenster von Skutari und von den kleineren Ortschaften am asiatischen Ufer

des Bosporus vergoldete, stiegen wir nach der großen Brücke hinunter, welche

an der Ausmündung des Goldenen Horns das fränkische Pera mit dem

alttürkischen Stambul verbindet. In der Nähe dieser Brücke ankern die kleinen

Dampfboote, welche mehrmals wöchentlich von Konstantinopel nach dem Golfe

von Mudania fahren. Die kleine Stadt Mudania liegt am südlichen Gestade des

Marmarameeres, in gerader Linie etwa sechs deutsche Meilen südwärts von

Stambul entfernt. Sie ist der Hafenort von Brussa und steht durch eine gute, vier

Meilen lange Fahrstraße mit ihm in Verbindung.

Ein leichter Kaik, einer venezianischen Gondel ähnlich, führt uns von der

Perabrücke zu dem kleinen Dampfer hinüber; wir finden sein Verdeck bereits

dicht besetzt mit türkischen Landleuten in buntfarbiger Tracht, mit zerlumpten

Fischern und verschleierten Weibern. Um acht Uhr lichtet unser Schiff die Anker

und bahnt sich mühsam seinen Weg durch das dichte Gewühl von Fahrzeugen

aller Nationen, welche den größten Hafen des Orients erfüllen. Rasch

durchkreuzen wir das südliche Ende des Bosporus, lassen die malerische, mit

Zypressen bedeckte Serailspitze von Stambul zu unserer Rechten, den alten

Leanderturm und den riesigen Begräbnisplatz von Skutari mit seinem berühmten

Zypressenwald zu unserer Linken liegen, und ergötzen uns an dem wundervollen

Bilde, welches das alte Stambul hier von der Südseite gewährt. Je weiter wir uns

von ihm entfernen, desto imposanter tritt die gewaltige Häusermasse der

türkischen Hauptstadt auf ihren Hügeln hervor; die Kuppeln ihrer zahlreichen

Moscheen und die schlanken Minarette daneben schimmern golden im Glanze

der Morgensonne. Unten am Strande zieht sich der Rest der alten Stadtmauer

hin, deren westliches Ende mit dem malerischen Schlosse der sieben Türme

abschließt. Dieses mächtige alte Kastell spielte lange Zeit als Zitadelle der

Hauptstadt eine wichtige Rolle bei den Belagerungen und erinnert uns mit seinen

mittelalterlichen Mauerkränzen und Turmzinnen an die gewaltigen Ereignisse,

die hier im Laufe von zwei Jahrtausenden vorübergezogen sind. Doch werden

wir in diesen historischen Betrachtungen bald durch den modernen Pfiff der

Lokomotive gestört, die längs der Mauern hindampft; sie befährt den neuen

Schienenweg nach Adrianopel, welcher wenige Monate nach unserer

Anwesenheit dem Verkehr übergeben wurde; ein wichtiger Fortschritt zur abendländischen Kultur und somit zur Auflösung des altersschwachen

Osmanenreiches.

Während wir südwärts steuern, entschwindet das glänzende Bild der

Konstantins-Stadt allmählich unseren Blicken. Wir fahren ziemlich nahe an den

Prinzeninseln vorüber, den lieblichen, mit Villen und Gärten bedeckten Eilanden,

auf denen im heißen Sommer die vornehmen Bewohner von Pera und Stambul

sich vom staubigen Gewühl des Alltagstreibens erholen. Scharen von Delphinen

umspielen unser Schiff und tauchen mit ihren Rückenflossen sich tummelnd

empor. Unser Kurs geht gerade auf eine steile, links weit vorspringende

Landspitze zu, das „Bos burun“ oder das „Vorgebirge des Eises“. Zwischen

diesen und den Prinzeninseln öffnet sich zu unserer Linken ein tief

einschneidender, von bewaldeten Bergen umgebener Meerbusen, der Golf von

Nikomedia, der „Sinus Astacenus“ der alten Römer. Tief im Grunde desselben

liegt das unbedeutende Städtchen Isnikmid, der letzte Rest des mächtigen alten

Nikomedia, jener früheren Residenz der bithynischen Könige, die durch

zahlreiche Erdbeben verwüstet wurde.

Zu unserer Rechten taucht jetzt aus der blauen Flut das schöne Eiland

Kalolimni auf; wir fahren zwischen ihm und dem Eiskap hindurch und werden

durch den herrlichen Anblick des Golfs von Mudania überrascht. Rings von

langgestreckten, schöngeformten Bergketten umschlossen, deren Füße

kulissenartig vorspringen, gleicht dieser Golf, der „Sinus Cianus“ der Alten,

einem großen, stillen Landsee. An seinen Gestaden landete Jason auf der

Argonautenfahrt. Am südlichen Ufer des Golfs, wo er sich in das Marmarameer

öffnet, liegt das Städtchen Mudania, eine Doppelreihe ärmlicher Holzhäuser, von

vielen pyramidenförmigen Lebensbäumen (Thuja) überragt. Ihre Bewohner sind

zum größten Teile griechische Gärtner und Weinbauer. Die Tochter eines solchen

war die hier geborene Sophia Witt, die später durch ihre Schönheit und ihren

Geist berühmt gewordene Gräfin Potocka.

Um zwölf Uhr mittags legt unser Boot an der Landungsbrücke von Mudania

an. Nachdem wir uns bei den Polizeibeamten mittels unseres türkischen Passes

legitimiert haben, besteigen wir einen der bereitstehenden offenen Wagen, der

mit zwei schmucken Schimmeln bespannt ist, und im munteren Trab fahren wir

auf der Landstraße nach Brussa.

Die Mittagssonne entsendete jetzt glühende Strahlen vom wolkenlosen

Aprilhimmel Kleinasiens herab, und zu unserer Linken schlugen die

plätschernden Wellen des spiegelklaren Meeres so verführerisch auf den weichen

Sand des schmalen Strandes, daß wir der Versuchung nicht widerstehen konnten,

unsere Fahrt nach kurzer Dauer zu unterbrechen und ein improvisiertes Bad zu

nehmen. Köstlich erfrischt von den kühlen Wellen und von einem frischen Trunk aus einer Felsenquelle, die nach kurzem Lauf sich ins Meer ergießt, gingen wir

jetzt eine Strecke neben dem Wagen aufwärts. Die Straße steigt zwischen

Olivengärten und Weinbergen in vielen Windungen bergan. Je höher wir

hinaufkommen, desto schöner gestaltet sich der Blick auf den blauen Golf zu

unseren Füßen und auf die edelgeformten, teils bebauten, teils bewaldeten Berge,

die denselben in stattlichem Kranze umschließen. Besonders werden unsere

Blicke durch den hohen, südöstlich gelegenen Berg Usuntschar gefesselt, seine

ungemein schöne Form erinnert auffallend an den berühmten „Monte

Pellegrino“ bei Palermo.

Nachdem wir anderthalb Stunden gestiegen, haben wir den Sattel des

langgestreckten Bergrückens erreicht, welcher den Golf von Mudania und die

Ebene von Brussa trennt, und wir fahren nun, nach einem letzten Rückblick auf

das Marmarameer, hinter dem türkischen Dorfe Tschakirchan durch eine felsige

Schlucht bergab. Am Ausgange der letzteren überrascht uns plötzlich die

großartige Aussicht auf den weiten grünen Talkessel von Brussa, überragt von

der gewaltigen, den ganzen südlichen Hintergrund ausfüllenden Granitpyramide

des schneegekrönten Olympos. Das frischeste Frühlingsgrün schmückt die

lachende Ebene zu unseren Füßen, mitten hindurch windet sich in weitem S-

förmigen Doppelbogen der anmutige Fluß Nilufer. Er umgürtet den Fuß des

Olymps und nimmt in sein Bett die zahllosen Bergbäche und Quellen auf, die

den westlichen und nördlichen Abhängen des Berges entströmen. Den schönen

Namen Nilufer — d. h. „Lotosblume“ (Lotos Nenufar) — verdankt der Fluß

einer griechischen Prinzessin, die durch ihre Schönheit und Anmut weit berühmt

war. Diese unglückliche Fürstin wurde während ihres Hochzeitsfestes auf dem

festen Schlosse Biledschik von dem Sultan Osman, dem Gründer der

Osmanendynastie, überfallen, räuberisch entführt und in den Harem seines

Sohnes Orchan eingesperrt. Hier wurde sie später die Mutter des kriegerischen

Sultan Murad I.

Nach halbstündiger heißer Fahrt durch die Ebene, deren Wiesen stellenweise

ganz blau von Irisblüten waren, hatten wir das Gestade des Nilufer erreicht und

hielten Rast im Schatten eines anmutigen Eichenhaines; ein türkisches

Kaffeehaus erquickte uns mit köstlichem Mokkatrank. Hier zog auf der Straße

eine lange Karawane von schweren anatolischen Lastkameelen an uns vorüber,

wie man sie in den Straßen von Smyrna so oft sieht. Mit Ballen von kostbarer

Brussaseide belastet, gingen die schwerfälligen Tiere gravitätisch hintereinander

her, durch Stricke zu einer langen Kette verbunden. Den Kopf der langen

Kolonne bildete ein kleiner kluger Esel, wie er hier gewöhnlich als Führer der

Kamelzüge auftritt. Denn das Langohr vertritt hier im Morgenlande die leitende

Intelligenz der Huftiere, im Gegensatze zu den im Abendlande herrschenden Anschauungen.

Je mehr wir uns auf unserer weiteren Fahrt dem Olympgebirge näherten, desto

mehr entfalteten sich die landschaftlichen Reize der Gegend. In freundlichem

Gegensatze zu den dunkeln, waldigen Schluchten des Gebirges zeigte sich die

üppige Fruchtbarkeit des Tales in lachendem Frühlingsgrün. Plätschernde

Brunnen und mächtige Platanen an den Seiten des Weges verbreiteten Kühlung

und Schatten.

Die Sonne neigte sich schon stark gen Westen, als wir in die Stadt einfuhren.

Unsere Ankunft gestaltete sich dadurch besonders festlich, daß gerade ein

griechischer Feiertag war. Die ganze griechische Bevölkerung, in die buntesten

Festgewänder gekleidet, lustwandelte vor der Stadt und erfreute sich des

schönen warmen Frühlingsabends. In heiteren Gruppen lagerten viele Familien

auf den blumigen Hügeln vor den Mauern und ergötzten sich mit Musik, Spiel

und Tanz. Keine schönere Staffage hätte den Vordergrund des herrlichen Bildes

zieren können, das die prächtige Stadt mit ihren zahllosen Minaretten und

Kuppeln, im Glanze der Abendsonne funkelnd, unseren entzückten Augen

darbot.

In dem schön gelegenen „Hotel du Mont Olymp“, dem einzigen europäischen

Gasthofe von Brussa, fanden wir freundlichste Aufnahme und beste

Verpflegung. Der treffliche Wirt desselben, Don Franzesco Franchi aus Florenz,

war in jeder Weise bemüht, uns unseren Aufenthalt so angenehm als möglich zu

machen. Seine köstlichen Orangen und Feigen, die vorzüglichen Maccaroni

con pomi d’oro und die leckeren Forellen aus den Olymposbächen, gewürzt

durch den edlen, rosenroten, am Fuße des Götterberges gewachsenen Wein,

mundeten uns so vortrefflich, als ob es Nektar und Ambrosia von der

olympischen Göttertafel selbst gewesen wäre. Dabei ergötzten sich unsere

Geruchsnerven an den aromatischen Blumendüften der zahlreichen benachbarten

Gärten, in denen Rosen und Lilien, Jasmin und Nelken, Daphne und Balsamine

in üppigster Fülle blühten; und als ob Vater Zeus am Tore seiner Götterwohnung

alle Sinne gleichmäßig entzücken wolle, wurden wir noch am späten Abend

durch ein unerwartetes Konzert überrascht. Denn als wir das Verlangen nach

Speise und Trank gesättigt hatten, unsere Schlafzimmer aufsuchten und auf

deren Balkon hinaustraten, um die würzige Abendluft zu atmen, tönte uns aus

der benachbarten Waldschlucht der melodische Gesang zahlreicher Nachtigallen

entgegen. Während diese liebliche Sängerin bei uns meistens die Einsamkeit

aufsucht, wohnt sie in Kleinasien scharenweis in den Gärten und scheint im

Wettgesange besondere Kunst zu entfalten. Jeden Abend, wenn wir in Brussa

unser Lager aufgesucht hatten, lauschten wir noch lange ihren entzückenden

Liedern und wurden erst spät dadurch in den süßesten Schlaf gesungen.

Waren so schon die ersten Eindrücke, die wir am Abend unserer Ankunft in

Brussa empfingen, höchst angenehm, so überzeugten uns unsere Wanderungen

in der Stadt und in der näheren Umgebung bald, daß eine lieblichere

Sommerfrische im Orient wohl nicht gefunden werden kann. Fürwahr, die

türkischen Dichter haben recht, wenn sie diese Stadt als ein irdisches Paradies

besingen. Reizend schön, lieblich und großartig zugleich ist die ganze Lage und

Umgebung der Stadt, in vieler Beziehung derjenigen von Granada ähnlich. Als

ich auf der alten Schloßruine von Brussa, auf steilem Felsen hoch über der Stadt

stand, und als mein Blick über die Häusermassen, Kuppeln und Gärten zu

meinen Füßen schweifte, und weiter hinaus über die ausgedehnte, üppige grüne

Ebene und in blauer Ferne über den umschließenden Kranz von malerischen

Höhenzügen, da tauchte lebendig die Erinnerung an das herrliche Panorama in

mir auf, das ich vor Jahren auf der Alhambra und über der berühmten Vega von

Granada genossen hatte. Wie die andalusische Hauptstadt von den

schneegekrönten Höhen der Sierra Nevada, so wird Brussa von dem gewaltigen

Schneehaupte des Olymp überragt. Hier wie dort erhält die Lage der Stadt ihren

besonderen Reiz durch die Anlehnung an das wilde und großartige Gebirge,

durch den Quellenreichtum der buschigen Felsenschluchten und durch die

üppige Vegetation der von vielen Bächen bewässerten Ebene. Auch bieten die

beiden Städte viele Vergleichungspunkte in den zahlreichen und prächtigen

Denkmälern islamitischer Kunst und Geschichte, mit denen sie noch heute

geschmückt sind. Aber die Verhältnisse sind in Brussa großartiger und

gewaltiger als in Granada. Die anatolische Osmanenresidenz mit ihren vielen

hundert glänzenden Kuppeln, weißen Minaretten und schwarzen Zypressen

daneben ist weit malerischer als die berühmte andalusische Kalifenresidenz, und

auch in bezug auf die sprudelnde Wasserfülle und die Üppigkeit der südlichen

Vegetation ist die erstere der letzteren weit überlegen. Im übrigen aber hat doch

der landschaftliche Charakter beider Gegenden sehr viel Ähnlichkeit, und es legt

ein gutes Zeugnis für den Schönheitssinn und das feine Naturgefühl der

mohammedanischen Fürsten ab, daß sie ebenso in Kleinasien wie in Spanien die

mit den höchsten Naturreizen geschmückte Stadt zum bleibenden Herrschersitz

wählten. Das Gegenteil gilt von den christlichen Königen Spaniens, den

Gönnern der heiligen Inquisition; denn diese erwählten zu ihrer Residenz das

traurige Madrid, mitten auf der öden Hochebene von Kastilien, ohne Wald und

ohne Wasser.

Die üppige Ebene von Brussa, die südlich vom Olympgebirge, nördlich von

den Höhenzügen des Arganthonios (jetzt Katirli) umschlossen wird, ist ungefähr

vier deutsche Meilen lang, eine Meile breit, und fast in ihrer ganzen Ausdehnung

teils mit fruchtbaren Wiesen, teils mit Maulbeerpflanzungen bedeckt. Dieser Maulbeerwald ist das große Proviantmagazin für die Seidenraupen, welche

Brussas wichtigsten Handelsartikel, die kostbare Brussaseide, spinnen.

Zahlreiche, aus dem Olymp hervorquellende Bäche sorgen für beständige

Bewässerung der Ebene. Während die Hauptmasse des Olymp nach Süden steil

abfällt, strahlen nach Norden von seinem Fuße zwölf gewaltige Bergrücken aus,

zwischen denen ebensoviele Schluchten liegen. In jeder Schlucht rauscht ein

Bergstrom, der aus tausend Quellen das schmelzende Schneewasser des

Olympgipfels sammelt. Diese Bergströme führen auch im heißesten Sommer

eine nie versiegende Wasserfülle in das Tal, und darin liegt bei dem köstlichen

Klima die Hauptursache der üppigen Vegetationsfülle, wie des poetischen Reizes

der herrlichen Gegend. Überall rieseln kalte und warme Quellen aus den

Schluchten des Götterberges, Wasserfälle stürzen von seinen jähen Felswänden,

plätschernde Brunnen versorgen alle Teile der Stadt, und hier wird der

Koranspruch zur Wahrheit:

 

„Das Wasser hat Leben

Allen Dingen gegeben.“

(Min el — mai

Küllun schejun hai. )

 

Eine von den erwähnten Schluchten, wegen ihrer himmelhohen Felswände das

Himmelstal (Gökdereh) genannt, geht durch den östlichen Teil der Stadt mitten

hindurch und ist von einer kühnen Brücke überspannt. Im Grunde rauscht der

wilde Bergstrom über Felsentrümmer, während die Felsenmauern an beiden

Seiten, unterhalb der Häuser, mit Buschwerk und Schlingpflanzen behangen

sind. Eine andere, kleinere, aber ebenfalls sehr malerische Schlucht (Kodocha

Naib) durchschneidet den westlichen Teil der Stadt. Zwischen diesen beiden

Schluchten erheben sich, mitten über Brussa, auf einer gewaltigen, fast senkrecht

abfallenden Felsenterrasse, die Ruinen der Zitadelle und der ältesten

osmanischen Herrscherpaläste, derjenigen von Muhammed I. und Murad I.,

daneben die Moschee Sultan Orchans und die Grabkapellen von Orchan und

Osman. Auch vom Marmorbade des Harems sind noch bedeutende Reste

vorhanden. Von der alten Festung, der ältesten des osmanischen Reiches, sind

nur noch ein paar Mauern und Turmruinen übrig, und im Grase versteckt liegen

vier uralte, verrostete, eiserne Kanonenläufe. Wilder Wein und Efeu überziehen

wuchernd das zerfallene Trümmerwerk. Gleich hinter der Zitadelle liegt

Bunarbaschi, das „Quellenhaupt“, einer der beliebtesten öffentlichen

Spaziergänge Brussas. Hier trifft man jederzeit, besonders aber gegen Abend,

lustwandelnde oder auf den Rasenplätzen gelagerte Gruppen, die im Schatten

alter Platanen ihren Tschibuk rauchen, Kaffee schlürfen und dem Gemurmel der vorübereilenden Bergbäche lauschen.

Unmittelbar an diese reizende Promenade stößt ein Friedhof mit mächtigen

alten Zypressen, und wenn wir diesen durchschreiten und dann auf einem

anmutigen Felsenpfade den Berg eine Viertelstunde hinansteigen, so kommen

wir zu den berühmten Wallfahrtsorten zweier mohammedanischer Heiligen,

Murad Abdal und Seid Nassir. Von hier genießen wir bei Abendbeleuchtung eine

der schönsten Aussichten über die ganze, zu unseren Füßen liegende Stadt, über

die weite grüne Ebene und über die fernen Arganthoniosberge, die im Glanze der

Abendsonne sich in das zarteste rosige Gewand hüllen.

Nicht weniger als 365 malerische Aussichtspunkte und anmutige

Spaziergänge zählen die Bewohner von Brussa mit Stolz in ihrer herrlichen

Umgebung auf, und ebenso groß soll auch die Zahl der glänzenden Kuppeln, der

Moscheen und Gruftkirchen sein, die aus dem bunten Häusermeer der Stadt und

aus den überall eingestreuten grünen Gärten hervorragen. Doch ist wohl die

Mehrzahl derselben jetzt halb verfallen oder ganz zerstört. Immerhin dürften

noch gegen 200 Kuppeln vorhanden sein, und diese gehören nebst den schlanken

Minaretten und den uralten Zypressen zu den charakteristischen Zierden der

Stadt. Die weißen Minarette, die gleich hohen Marmorsäulen über die

metallglänzenden Kuppeln der Moscheen emporstreben, stehen in lichtvollem

Kontrast zu den düstern, schwarzgrünen Zypressen, welche überall einzeln und

gruppenweise in der Stadt und ihrer nächsten Umgebung zerstreut sind. Nie habe

ich gewaltigere und ehrwürdigere Zypressen gesehen als hier in Brussa.

Verglichen mit diesen mächtigen, uralten Riesen, erschienen mir die berühmten

Zypressen der Villa d’Este in Tivoli bei Rom als schlanke Jünglinge. Überaus

wirkungsvoll heben sich ihre dichten, schwarzen Nadelpyramiden auf der

lichtvollen und farbenprächtigen Landschaft von Brussa ab, besonders wenn die

untergehende Sonne diese mit einem zauberhaften roten Glanze überzieht.

Gleich allen anderen Städten des Orients ist auch Brussa im Innern viel

weniger anziehend als von außen. Doch zeichnen sich die engen Straßen durch

verhältnismäßige Reinlichkeit aus, und die blumenreichen Gärten hinter den

Häusern geben ihnen einen freundlichen Charakter. Die Stadt zieht sich über

eine Stunde lang am Olympabhange hin, ist aber kaum eine Viertelstunde breit.

Die Einwohnerzahl, früher weit über hunderttausend, beträgt jetzt kaum 70000,

darunter ungefähr 10000 Armenier, 6000 Griechen und 3000 Juden. Auch einige

deutsche Kaufleute leben in Brussa, darunter ein Badenser, namens Schwab, der

zugleich das Amt eines deutschen Vizekonsuls vertritt. Wir lernten in ihm einen

ebenso liebenswürdigen als fein gebildeten und poetisch begabten Landsmann

kennen und denken mit Vergnügen an die höchst angenehmen Abende zurück,

die wir in seinem gastfreien Hause verlebten. Ganz besonders erfreut war ich, in Herrn Schwab einen warmen Freund der „Natürlichen Schöpfungsgeschichte“ zu

entdecken und zu hören, daß er dem „Darwinismus“ unter den Anwohnern des

asiatischen Olympos schon manchen Anhänger geworben hat.

Unter den öffentlichen Gebäuden von Brussa sind vor allen die von den

ältesten Osmanen-Sultanen gegründeten Moscheen und Grabdenkmäler von

Interesse, sowohl durch ihren architektonischen Schmuck als durch die daran

geknüpften historischen Erinnerungen. Alle die älteren Herrscher der Osmanen-

Dynastie haben sich hier durch schöne Kuppeldome verewigt: voran Osman,

Ertoghruls Sohn, der als Gründer des Osmanenreichs sich welthistorische

Bedeutung erwarb; dann Orchan, der nach langer hartnäckiger Belagerung im

Jahre 1326 Brussa eroberte, kurz vor dem Tode seines Vaters Osman; darauf

Murad I., welcher den Schrecken der türkischen Waffen nach Europa trug und

1389 in der siegreichen Schlacht auf dem Amselfeld in Serbien fiel. Murads

Sohn war Childrim Bajasid, der „Blitzstrahl“, der gewaltige Krieger, der bis in

das westliche Ungarn vordrang, 1396 bei Nikopolis den deutschen Kaiser

Sigismund schlug, selbst aber 1402 in der furchtbaren Schlacht bei Angora von

dem Mongolen Timur geschlagen und gefangengenommen wurde. Auf Bajasid

folgte sein Sohn Mohammed I., auf diesem Murad II. und dann Mohammed II.,

der 1453 Konstantinopel eroberte. Alle diese mächtigen Sultane des

Osmanenreiches, die das ganze Abendland mit ihrer furchtbar wachsenden

Macht in Schrecken setzten, haben in Brussa eine Zeitlang residiert und

Moscheen gestiftet; die meisten sind auch dort begraben.

Auf der Ostseite der Stadt hat Childrim Bajasid seine Moschee erbaut, durch

edle Einfachheit ausgezeichnet. Daneben steht sein Grabmal, im ältesten und

einfachsten Stil der osmanischen Baukunst. Nicht weit davon erhebt sich auf

einem Hügel mit herrlicher Aussicht die prachtvolle Moschee Mohammeds I.,

die für die schönste des ganzen osmanischen Reiches gilt. Polierte Platten von

buntfarbigem Marmor schmücken die Außenwände, so daß der Dom schon von

fern wie ein Edelstein glänzt. Ein wundervolles Tor, mit den zierlichsten

Marmorarabesken, führt in das Innere, das mit blauen und grünen

Porzellanplatten getäfelt ist; darauf prangen Koraninschriften in weißem

Schmelz. Der Mirab (die Nische, worin der Koran liegt) ist von rotem Marmor,

mit Gold verziert. Auch die Kuppeln und Minarettes dieser wundervollen

Moschee waren ehedem ganz mit grünem persischen Porzellan bekleidet,

weshalb sie den Namen der „grünen Moschee“ erhielt.

Am anderen Ende von Brussa, nahe dem westlichen Eingang, liegt an einem

höchst malerischen Platze, von hohen Platanen und Zypressen umgeben, die

„Muradieh“, die Moschee und Gruftkirche Murads II., daran stoßend ein

Dutzend Mausoleen, Kapellen und Schulen. In den Gruftkirchen hängen noch Kleider und Waffen der Sultane und ihrer Familien. Auf den Sarkophagen liegen

schwarze Samtdecken, mit Silber und Gold gestickt, davor der Koran und

Gebetbücher in prächtigen alten Pergamentbänden mit feiner Malerei. Reizend

ist der Garten vor dieser Moschee, in welchem jetzt eben Rosen, Lilien und

Jasmin ihre Wohlgerüche ausströmen.

Die größte Moschee von Brussa, auf dem höchsten Punkte der Stadt gelegen,

ist vom Sultan Murad I. angefangen, von seinem Sohn Bajasid I. fortgeführt und

erst von seinem Enkel Mohammed I. vollendet. Sie bildet ein Quadrat von 200

Fuß Seitenlänge, und ihr Dach ist aus 19 Kuppeln zusammengesetzt. An Stelle

der zwanzigsten befindet sich ein mächtiges kreisrundes Fenster und darunter ein

großes viereckiges Wasserbecken, in dem Forellen spielen; eine

Eigentümlichkeit dieser Moschee. Mirab und Estrade sind mit

Marmorarabesken, Pfeiler und Wände mit seltsamen Schriftzügen, Sprüchen aus

dem Koran geschmückt. Früher wurde diese Moschee in den Ramasannächten

mit 700 Lampen erleuchtet.

Viele von den Moscheen und den andern merkwürdigen Gebäuden Brussas,

die Hammer in seinem „Umblick auf einer Reise von Konstantinopel nach

Brussa“ (1818) genau beschrieben hat, sind gelegentlich der wiederholten

Verheerungen der schönen Stadt durch Krieg, Feuersbrünste und Erdbeben,

insbesondere durch das letzte große Erdbeben von 1855, zerstört worden. Unter

den wohlerhaltenen Gebäuden sind besonders noch die warmen Bäder zu

erwähnen, schön gewölbte Kuppeldome, in denen mächtige warme Quellen

sprudeln. Diese Thermalquellen, sieben an der Zahl, brechen aus den Tiefen des

Olymp hervor; sie waren schon im Altertum wegen ihrer Heilkraft berühmt und

wurden vielleicht für Hannibal die Veranlassung, hier die Stadt zu gründen, die

er seinem Gastfreunde und Gönner, dem Könige Prusias von Bithynien zu Ehren

„Prusa“ nannte. Noch jetzt werden die Heilquellen Brussas alljährlich von

mehreren tausend Patienten aus allen Teilen des Orients besucht. In manche der

Bäder werden heiße und kalte Quellen nebeneinander geleitet und nach

Bedürfnis in den Marmorbassins gemischt. Die Temperatur ist teilweise

ausnehmend hoch und beträgt bei den vier mächtigen Hauptquellen 66 Grad R.

Unter den Ausflügen, die wir von Brussa aus unternahmen, war der weiteste

und interessanteste die Ersteigung des Olymp. Am 26. April um 5 Uhr morgens

bestiegen wir die starken türkischen Bergpferde, welche uns auf den ungefähr

8000 Fuß hohen Götterberg hinauftragen sollten. Zwei berittene und bewaffnete

Türken dienten uns als Führer und als Eskorte. Der klare wolkenlose Himmel

und die empfindlich kalte Morgenluft versprachen uns einen schönen Tag, und

sie hielten Wort. Nachdem wir die Stadt am östlichen Ende verlassen und eine

kurze Strecke durch Weingärten geritten waren, führte uns ein steiler und steiniger Pfad in dem Walde aufwärts, der als dichter grüner Mantel den ganzen

unteren Teil des gewaltigen Berges einhüllt. Der nördliche Abhang des Olymp

gliedert sich in drei verschiedene Terrassen, von denen die unterste gegen 2000,

jede der beiden oberen ungefähr 3000 Fuß hoch ist. Die oberste Terrasse ist fast

ohne Baumwuchs, die mittlere mit Nadelholz, die untere mit Laubholz bedeckt;

hier unten bestand auf unserem Wege der Laubwald größtenteils aus edlen

Kastanien und Nußbäumen, weiter oben gesellten sich dazu viele Buchen und

Eichen. Wilder Wein, Waldreben, Brombeeren und andere Schlingpflanzen

winden sich in zierlichen Girlanden von Baum zu Baum und dichtes

Efeugewand umschließt die altersgrauen Stämme. Der Boden zwischen den

Baumwurzeln ist mit einem lachenden Teppich bunter Frühlingsblumen geziert:

roten Anemonen, violetten Hyazinthen, blauen Veilchen, gelben Ranunkeln und

weißen Narzissen. Der gelbe Jasminstrauch verbreitet mit seinen zierlichen

Blütentrauben ringsum balsamischen Duft. Der Weg führt eine lange Strecke an

dem steilen östlichen Rande des Gökdereh oder Himmelstales empor, dessen

gewaltiger Felsenkessel mit senkrecht abfallenden Wänden in schwindelnder

Tiefe zu unseren Füßen liegt. Die granitische Felsenmasse des Olymp ist auf

dieser ersten Terrasse zum größten Teile von einem Gürtel von schiefrigem

Gneiß umgeben, jedoch ist derselbe an vielen Stellen von weißem Marmor

durchsetzt. Auf der zweiten Terrasse tritt fast überall der Granit zutage. Auf der

dritten Terrasse ist der rote Granit wieder vielfach von grauem und weißem

Marmor bedeckt, der auch den Gipfel bildet.

Nachdem wir etwa eine Stunde lang an der oberen Kante der

Himmelsschlucht emporgestiegen waren, erreichten wir an der Grenze der ersten

und zweiten Terrasse einen sehr anmutigen Platz. Der Wald ist hier auf eine

ausgedehnte Strecke gelichtet und der quellenreiche Felsboden mit üppigem

Rasen bedeckt. Das Gebell großer zottiger Wolfshunde, die uns

entgegensprangen, lenkte unsere Blicke auf eine Ziegenherde, die in einiger

Entfernung am Felsenhang weidete, und daneben wurden wir einige sonderbare

Zelte von halbtonnenförmiger Gestalt gewahr. Es waren die Sennhütten

turkomanischer Hirten, die den Sommer über auf den Abhängen des Olymp

Alpenwirtschaft treiben. Im Winter ziehen sie als unstete, halbwilde Nomaden in

der Ebene umher. Ihre Schafe und Ziegen sollen von den Herden Sultan Osmans

abstammen, der an 40000 Lämmer auf dem Olymp weiden ließ.

Auf dieser Turkmenenplatte genossen wir einen herrlichen Rückblick über die

ganze grüne Ebene von Brussa, tief unten im Grunde der blaue See von

Jenischehr, rechts im Hintergrunde die schöne Bergkette des Arganthonios, links

jäh zu unserer Seite das großartige Gökdereh. Von der Turkmenenplatte aufwärts

führte uns der Weg fast drei Stunden lang über die Granitgehänge der zweiten Terrasse, deren Walddecke meist aus Nadelholz, größtenteils Edeltannen und

Lärchenfichten, besteht. Namentlich unter ersteren finden sich prachtvolle alte

Stämme von gewaltiger Höhe und Stärke, mit langen, grauen Bartflechten

behangen. Große Strecken des Forstes waren durch Waldbrände zerstört, und

wie riesige Gespenster ragten die nackten, gebleichten Stämme der hohen

Edeltannen mit ihren halbverkohlten Zweigen aus den üppigen

Farnkrautbüschen hervor, die sich auf der Brandstätte angesiedelt hatten.

Zwischen den Aschenhaufen und den umherliegenden verkohlten

Baumtrümmern sproßte neues reiches Pflanzenleben aus den Ruinen der

vorhergegangenen Generation empor. Hunderte von kleinen Bächen, von dem

schmelzenden Olymposschnee gespeist, rieselten zwischen den Felsentrümmern,

und mehrmals mußten unsere Pferde durch reißende Bergwasser schreiten, deren

schäumende Wellen bis zu unserem Sattel emporreichten.

Der gewaltige Bergspalt des Himmelstales, auf dessen östlichem Rande sich

unser Pfad bisher meistens hielt, findet jetzt seinen Abschluß durch eine

kolossale Mauer von himmelhohen Felswänden, die von dem untern Rande der

dritten Olympterrasse fast senkrecht abstürzen.

Prächtige Wasserfälle schäumen donnernd zwischen den zerklüfteten

Granitpfeilern in die furchtbare Tiefe hinab und lösen sich unten in feinen

Wasserstaub auf. Üppige weiche Moospolster bekleiden die hervorragenden

Köpfe des triefenden Gesteins. Unser beschwerlicher Pfad weicht der

unersteiglichen Felsenmauer, die südwärts von uns liegt, aus und wendet sich

mehr gegen Osten, über einen zerklüfteten Abhang hinweg, der über und über

mit den großartigsten Felsentrümmern bedeckt ist. Die riesigen Granitblöcke, die

hier chaotisch durcheinander und übereinander liegen, sind von früheren

Reisenden treffend mit den Wurfgeschossen verglichen, deren sich die Giganten

bei ihrem mißlungenen Sturme auf die Götterburg bedienten; oder auch mit den

zerrissenen Gliedern der Giganten selbst, die Jupiter mit seinem Blitzstrahl

zerschmetterte und in Stein verwandelte.

Mühsam zwischen diesem Granitgetrümmer uns hindurchwindend, gelangen

wir zu einer steilen Felsentreppe, über welche unsere wackeren Rosse mit

bewunderungswürdiger Geschicklichkeit und Vorsicht hinanklettern. Nur an

wenigen Stellen müssen wir absteigen und den guten Tieren selbst mit

heraufhelfen. Nachdem wir die steilen, zum Teil in eine senkrechte Felswand

gehauenen Stufen glücklich erklommen haben, stehen wir plötzlich vor einem

neuen überraschenden Bilde. Vor uns liegt die dritte Terrasse, eine ausgedehnte

Hochebene, mit Tausenden von riesigen Granitblöcken bedeckt, hier und da auch

mit einigen niederen, ganz verkümmerten Tannen. Über denselben aber steigt in

erhabener Majestät der gewaltige Dom des Olympgipfels auf, eine schön gewölbte Kuppe, von oben bis unten in einen schimmernden Schneemantel

gehüllt. Zu unserer Rechten liegt am oberen Waldrande vorn ein kleiner, von

Gebüsch umgebener, Forellen enthaltender Alpensee. Mein Freund Körner hat

diese großartige Szenerie in einem prächtigen Ölbilde verewigt, das jetzt mein

Studierzimmer schmückt.

In munterem Galopp reiten wir nun auf dem weichen Moosboden gerade auf

unser Ziel los. Doch nimmt der Wasserreichtum des von tausend Quellen

getränkten Hochmoores bald so sehr zu, daß unsere Rosse bei jedem Schritte tief

in den Schlamm sinken. Wir müssen absteigen und sie vorsichtig hinter uns

herziehen, bis wir wieder festen Granitboden unter den Füßen haben. Wir

begegnen hier einer langen Karawane von Eseln, die in Zwerchsäcken

Olymposschnee herabholen, in Brussa und Konstantinopel die Hauptquelle für

das schöne Fruchteis, das die Bewohner im heißen Sommer erquickt.

Langsam über eine fast geneigte, teilweise mit Schnee bedeckte Berglehne

aufsteigend, haben wir endlich um 10 Uhr den nördlichen Fuß des

kegelförmigen Gipfels erreicht. Hier liegt eine halb verfallene steinerne Hütte,

die im Sommer von turkmenischen Hirten bewohnt wird. Sie erinnerte mich an

die Casa inglese am Fuße des obersten Aschenkegels des Ätna, in der ich im

Oktober 1859 übernachtete, und an die ähnliche Steinhütte, in der ich im

November 1866 oben auf dem Pik von Teneriffa rastete, bevor ich die

Besteigung des obersten, damals ebenfalls ganz mit Schnee bedeckten Kegels

begann. Obgleich die elende Turkmenenhütte uns wenig mehr als ein trockenes

Plätzchen inmitten der umgebenden Schneelandschaft gewährte, so war uns doch

eine halbstündige Rast in derselben nach dem ununterbrochenen, anstrengenden,

fünfstündigen Reiten und Klettern sehr willkommen.

Wir zäumten unsere Pferde ab, breiteten die Satteldecken auf dem zerfallenen

Gemäuer aus und zündeten aus umherliegendem Wurzelwerk und mitgebrachten

Kohlen ein wohltuendes Feuer an. Bald kochte über demselben ein kräftiger

Kaffee, und mit ausgezeichnetem Appetit verzehrten wir den Inhalt unserer

Satteltaschen: olympischen Käse und anatolische Hühnereier, Smyrnafeigen und

zyprische Orangen. Der treffliche rosenrote Feuerwein aus dem Olymphotel goß

neue Kraft in unsere ermüdeten Glieder. Während dieses herzerfreuenden

Mahles bewunderten wir den großartigen Ernst der Alpenlandschaft, die uns

umgab, und beratschlagten, ob und wie wir die Ersteigung des unmittelbar vor

uns liegenden Schneekegels bewerkstelligen könnten. Unsere Freunde unten in

Brussa hatten uns zwar vorher schon versichert, daß in dieser Jahreszeit an eine

Besteigung des Gipfels nicht zu denken sei und daß wir des Schnees wegen

höchstens bis zur dritten Terrasse kommen würden. Auch wollten unsere Führer

davon nichts wissen und verweigerten jeden Versuch zur Mitwirkung; ja sie prophezeiten uns sogar sicheren Untergang im Schnee, wenn wir

unbegreiflicherweise auf den Gipfel klettern wollten. Indessen lag der

schneeblinkende Doppelgipfel so verlockend vor uns, daß wir wenigstens den

Versuch einer Ersteigung beschlossen, zumal ein glücklicher Erfolg ähnlicher

früherer Wagnisse uns ermutigte. War ich den höheren und steileren Schneekegel

des Pik von Teneriffa vor sieben Jahren allein und gegen den Willen der Führer

glücklich hinaufgekommen, so mußte auch dieses, offenbar viel weniger

schwierige Unternehmen glücken; und so traten wir denn wohlgemut nach

halbstündiger Rast unsere Wanderung an.

Das glückliche Gelingen mußte davon abhängen, ob die vor uns liegende

steile Schneewand, die in ununterbrochener Flucht von der Turkmenenhütte bis

zum Doppelgipfel aufstieg, zugänglich war; ob der Schnee weich genug war, um

darin festen Fuß zu fassen, hart genug, um nicht zu tief einzusinken. In der Tat

war dies der Fall, und wir konnten ohne Gefahr, wenn auch nur langsam und

beschwerlich, im Zickzack über die glänzende Lehne emporsteigen. Unsere

kleine Gesellschaft kam jedoch bald auseinander, da sich jeder seinen eigenen

Weg suchte. Ich hielt mich am weitesten östlich, zog die kürzeste und steilste

Richtung vor und hatte nach anderthalbstündigem anstrengenden Klettern

glücklich den höchsten Gipfel erreicht; es war gerade 12 Uhr mittags. Eine halbe

Stunde später traf auch der Maler Körner oben ein, der sich seinen Pfad auf einer

etwas flacher geneigten Schneelehne gesucht und dadurch einen Umweg

gemacht hatte. Unsere anderen Reisegefährten, die eine ungünstigere, zu sehr

von der Sonne aufgeweichte Schneehalde betreten hatten, erreichten die Höhe

nicht und kehrten nach vergeblichen Versuchen zur Turkmenenhütte zurück, wo

unsere Führer bei den Pferden geblieben waren.

Eigentümlich erhebend und großartig war die gewaltige Rundsicht, die wir

nun auf dem Gipfel des asiatischen Olymp, in ungefähr 8000 Fuß Höhe über

dem Meere, genossen, und die durch das herrlichste, klarste Sonnenlicht

begünstigt wurde. Wir standen auf einem anatolischen „Dreiherrenspitz“, denn

der Gipfel des Olympos bezeichnet die Grenze dreier Provinzen des alten

römischen Weltreiches. Bithynien im Norden und Osten, Phrygien im Süden,

Mysien im Westen. Vor allem großartig und prächtig ist der Blick nach Norden,

wo unser Auge über die grüne Ebene von Brussa und den blauen Golf von

Mudania hinüber auf das Marmarameer schweift, auf die Prinzeninseln und

weiter bis zum Bosporus, ja bis zu dem Häusermeer und dem Kuppelwald von

Konstantinopel, das wir eben noch erkennen können. Westwärts erfreut sich das

Auge an den herrlichen grünen Gefilden des fruchtbaren und früher reich

bevölkerten mysischen Küstenlandes, aus denen die beiden großen Landseen

von Apollonia und Manija wie zwei blinkende Augen glanzvoll hervorschauen. Im Süden hingegen erblicken wir weit und breit nur dunkles Waldgebirge,

Kuppen über Kuppen gehäuft, die Gipfel noch mit Schnee bedeckt, ohne eine

Spur von menschlichen Wohnsitzen. Ostwärts ist die Rundsicht großenteils

durch die benachbarten niederen Höhen des Olymprückens verdeckt.

Welche Ereignisse vollzogen sich auf der welthistorischen Schaubühne,

welche unser Auge hier mit einem Blicke meilenweit überfliegt! Welche Fülle

der größten historischen Erinnerungen knüpft sich allein an die Wasserstraße zu

unseren Füßen, die gleich einem Zauberbande zwei Weltteile trennt und

verbindet! Hier führten Xerxes und Darius ihre persischen Heeresmassen nach

Griechenland hinüber; hier traten die römischen Legionen von Europa nach

Asien über, um die Königreiche von Bithynien und Mysien der

Universalherrschaft Roms zu unterwerfen; aus demselben Boden sammelten die

ersten Osmanensultane, deren Wiege in Brussa stand, ihre Türkenheere, die in

kurzer Zeit der Schrecken Europas wurden; und ebenda strömten wiederum die

bunten Scharen der Kreuzfahrer aus allen Landen Europas nach dem „Heiligen

Lande“, um das leere Phantom der Grabeskirche zu erobern!

Nachdem wir uns an dem wunderbaren Panorama gesättigt und die daran sich

knüpfenden Erinnerungen in raschem Phantasiefluge an uns hatten

vorüberziehen lassen, warfen wir noch einen Blick auf die nächste Umgebung,

auf die weißen Marmorblöcke, die den Gipfel des Olymp bedecken, und auf die

winzige Alpenflora, die zwischen denselben den Boden bekleidet. Da erkannten

wir, unter der Schneedecke versteckt, zierliche kleine Saxifragen und Gentianen,

niedliche Kruziferen und Primeln, Alpenpflanzen, deren schöne, farbenreiche

Blüten im Hochsommer den Gipfel des Götterberges mit buntem Schmucke

zieren. Gegenwärtig waren nur das im Winterschlaf versunkene Kraut der

Zwergflora sichtbar und trockene Früchte aus dem vorigen Jahre. Aber ein

Schwarm von niedlichen roten, schwarz getüpfelten Marienkäferchen

(Coccionella) tummelte sich im Sonnenschein auf dem schneebedeckten Rasen.

Auch eine der beliebtesten und am meisten charakteristischen Pflanzen unserer

Hochalpen fehlte nicht: das Edelweiß, oder doch eine diesem nahe verwandte,

mit weitem Filz bedeckte Gnaphalium-Art.

Als bleibendes Andenken an die gelungene Olympbesteigung schlug ich mir

die Spitze des am höchsten vorragenden Marmorblockes ab und steckte sie zu

den Alpenpflanzen in die Wandertasche; vertrauend, daß Vater Zeus darüber

nicht zürnen werde, wenn sein Götterberg um einen halben Fuß niedriger ist.

Dann trat ich mit meinem Gefährten Körner wohlgemut den Rückweg an. Über

die glatte Schneewand herabrutschend, waren wir in kurzer Zeit wieder bei der

Turkmenen-Hütte und banden uns hier noch einen schönen Strauß von den

bunten Blumen, die unmittelbar am Rande des schmelzenden Schnees blühten: gelber und violetter Safran (Crocus), blaue Meerzwiebel (Scilla) und rote

Aurikeln (Primula). Dann setzten wir uns wieder zu Pferde, genossen auf dem

Rückwege, der mit mehr Muße zurückgelegt wurde, noch eine prachtvolle

Abendbeleuchtung und waren um 8 Uhr abends wieder in Brussa.

 

Ende.