Olivia oder Die unsichtbare Lampe

Jakob Wassermann · Kapitel 8 von 9

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Olivia oder Die unsichtbare Lampe

S. 173

Es war wie ein Fiebertraum. Da erhob sich von neuem Olivias Bild, doch er erkannte nun und fühlte, was sie ihm bedeutet hatte, ahnte, was sie ihm war, was sie ihm wurde. Ein Verlangen nach ihrer Stimme kam über ihn, ihrem Wort, ihrem Zuspruch, ihrer Widerrede, Verlangen, sich ihr zu eröffnen, zu erklären, von ihr gebilligt und begriffen zu sein.

Als er am Morgen einen Blick in den Spiegel warf, war er entsetzt. Ein altes, fahles, hohlwangiges Gesicht starrte ihm gespenstergleich entgegen. Er machte eine Grimasse und stellte höhnend fest, daß seine Blütezeit vorüber sei.

 

Erst um die Dämmerungsstunde kam Olivia herauf.

Ohne noch einmal sich bitten zu lassen, gab ihr Lamm die schriftliche Einwilligung zum Bau der Baracken.

Sie dankte. Sie war müde und setzte sich nieder; eine gewisse Nervosität verriet auch jetzt, daß sie sich keine Rast erlauben zu dürfen glaubte.

Der gestern geschrien hatte, war schon tot. Sie erzählte es beiläufig. Es war für sie ein Fall unter vielen.

Er nickte. Damit müsse er sich abfinden, daß der Tod Stammgast in dem Hause sei, sagte er; mit ihrem Tun könne er sich nicht abfinden. Bis zur Atemlosigkeit gehetzt, wie er sie vor sich sehe, könne er sich nun und nimmer entschließen, ihr Unternehmen zu billigen oder gar zu preisen.

»Es mag der Weg für hundert andre sein, dein Weg ist es nicht, Olivia. Für die Haltlosen, die Enttäuschten, vom Leben Betrogenen der richtige Weg, für dich der Irrweg.«

»Warum, Robert? Es ist dein Trotz und dein tyrannischer Wille, die mir entgegenstehen. Ich habe Welt und Menschen anders gefunden, als du sie mir gezeigt hast,« antwortete sie.

»Anders gefunden? Wie denn, wenn man fragen darf? Bist du auch die Zeugin von großen Leiden, so bist du doch nicht befähigt, darüber zu urteilen, woher sie stammen und welche Gerechtigkeit in ihnen liegt.«

»Ich urteile nicht, ich leugne nichts, ich behaupte nichts. Das tun die Zuschauer, Robert, die herzlosen Zuschauer.«

»Ein Mann ist stets Zuschauer, meine Liebe, auch wo er handelt. Soll ich plötzlich vergessen, wogegen sich fünfundzwanzig Jahre lang mein Gemüt empört hat, wovon ich beleidigt und gedemütigt worden bin zeit meines Lebens? Euch ist der Krieg ein Unglück, ein Verhängnis, das nicht zu verhüten gewesen ist wie ein Hagelschlag oder eine Seuche, mir ist er die Sühne für eine unendliche, aufgehäufte Schuld. Im Grauen der Feuersbrunst wollt ihr nichts mehr davon wissen, daß ihr so lange gezündelt habt, bis die Flammen endlich zum Dach herausgeschlagen sind. Jetzt ringt ihr die Hände, jetzt wehklagt ihr, jetzt wollt ihr helfen und retten, jetzt, da es zu spät ist. Früher ward ihr taub, habt euch verhätschelt und verhärtet, seid Genüßlinge gewesen, Spieler, Trinker, Sportshelden, Bücherwürmer, Ehrabschneider und Rechtsbeuger. Es kommt mir so lächerlich vor, so unnütz, so aufgeblasen. Du mußt schon verzeihen, Olivia.«

Olivia erhob sich und erwiderte mit der Ruhe, die ihr die erlebten Gesichte, die Tage, die Nächte, die Schmerzen, das Ungeheure der geschauten Wirklichkeit gaben: »Du tust mir leid, Robert, mehr kann ich nicht sagen, du tust mir namenlos leid. Und wenn ich dich ansehe, weiß ich, daß das nur deine Worte sind. Dein Gefühl ist es nicht, kann’s nicht sein.«

»Ach, bleib’ bei mir mit dem Gefühl vom Hals! Was ich fühle, ist meine Privatsache, was ich denke, geht das Allgemeine an. Und ich denke, daß du mit dem Eimer in deinem schwachen Arm ein Meer von Blut nicht ausschöpfen kannst. Ich denke, daß einer Sintflut nicht abzuhelfen ist, indem man ein paar Zaunlatten in den Boden rammt. Ich denke, daß, wo der Sturm ganze Wälder zerschmettert hat, es ein fruchtloses Unterfangen ist, mit dem Leimtopf dabeizustehen. Ich denke, daß niemand das Recht hat, sich zu verschwenden, der, wenn auch nur in der Idee eines einzelnen, der Menschheit besser dient, indem er sich bewahrt. Wer geboren ist, Blumen zu hegen, der tauche seine Hände nicht in Blut, oder er entwürdigt die Natur. Weshalb die Welt noch mehr herunterbringen, da sie doch ohnehin schon auf den Hund gekommen ist. Das alles klingt ja verflucht grausam, aber das Schicksal gibt mir ein Exempel von Grausamkeit, das mir Mut einflößt.«

»Ich wundre mich,« sagte Olivia kopfschüttelnd, und ihre blauen Augen strahlten im Feuer des Unwillens. »Woher nimmst du die Kraft und den Entschluß, dich einer Verantwortung zu entziehen, die alle spüren, von der alle niedergezwungen werden? Bist du der Richter und untersteht die ganze übrige Welt deinem Spruch? Hast du nie gefehlt, nie selber gesündigt, hast du dir kein Versäumnis vorzuwerfen, bist du nicht auch ein Mensch und stehst mit uns allen unter dem gleichen Gesetz? Warum also diese Anmaßung, dieses Feilschen und Hadern, diese feige Flucht vor dem, was nun einmal ist?«

Er schwieg zunächst. Er ging ungeduldig auf und ab und pfiff leise. Er warf finstere Seitenblicke auf sie, und ihre schlanke, hochaufgerichtete Gestalt mit den seltsam zurückgebogenen Schultern erfüllte ihn mit einer Scheu, die er sich nicht eingestehen mochte. Er trat ans Fenster und trommelte an die Scheiben, und während er in den winterlichen Garten und in die kahlen Äste der Bäume schaute, sah er immer bloß sie, fühlte immer nur sie, bewunderte sie, schmähte sie, suchte nach ihr in seinem zerwühlten Innern, suchte sich in ihr, sammelte Gründe, quälte seinem Geist Rechtfertigungen ab.

Er sprach von dem Unheil, das über die Menschheit hereingebrochen war, als von der großen Reinigung. Er sprach von der geschichtlichen Notwendigkeit und von den politischen Verkleidungen, unter denen sie die Völker narre und durch die sie alle einzelnen zu vollbringen zwinge, was keiner zu tun wünsche. Längst seufzten die Länder, die Städte unter einem Überfluß von Menschen und von Produktion; die Fülle sei zur Not geworden, es sei wie in einem Zimmer gewesen, dessen Sauerstoff durch zu viele atmende Lungen verbraucht worden war. Sei sie nicht selbst mit den Worten zu ihm gekommen, es gäbe zu wenig Platz? Nun werde Platz geschaffen, darin liege die Fügung, und nicht nur Platz für den Körper, sondern auch für die Seele, für den Glauben, Platz für den Herrgott, der in Gefahr gewesen, in seinem Himmel zu ersticken. Da dürfe man nicht die Hände ringen und sich larmoyanter Wehklage überlassen; da zieme sich Ehrfurcht vor dem höheren Walten, denn wer falle, der sei eben der Ähre vergleichbar, die, wie die tausende ihrer Mitähren, reif sei für die Sichel des Schnitters. Jeder erlitte den Tod nun einmal. Auch wenn Millionen stürben, sei es doch nur ein einziger Tod, und es sei ein Fehler in der Phantasie des Lebenden, ihn millionenfach zu sehen.

Olivia schaute ihn an, lächelnd und mit einem erglühten Blick. »Ich bin auch eine Ähre, warum willst du mich sondern?« sagte sie.

»Ja, ich will dich sondern,« antwortete er heftig; doch stockte er, weil er die Vermessenheit des Wortes empfand und etwas damit verriet, was ihm selbst noch unbewußt in seiner tiefsten Brust verborgen war.

»Warum?« beharrte sie, und ihr Lächeln wurde so vergeistert, daß er Furcht vor ihr verspürte. »Wenn du die Dinge in solcher Art betrachtest, bin ich dann nicht ein Werkzeug für die, die ich rette, wie die Granate ein Werkzeug der Vernichtung ist? Könntest du nur einmal die Augen eines Menschen schimmern sehen, dem man die Schmerzen lindert! Du weißt nicht, was Dankbarkeit ist. Bedeutet denn das Leben für dich nichts? Das einmalige, herrliche, unbegreifliche, das man erst ahnt, wenn der Tod nach ihm langt –? Du weißt nicht, was Leben heißt!«

»Mach ich einen Dichter, einen Träumer, einen, der die Wirklichkeit des Seins nie zu beherrschen und nüchtern abzuschätzen gelernt hat, mach ich solch einen plötzlich zum Steuermann auf einem Schiff, während der Taifun rast, so tu’ ich ungefähr dasselbe, was du mit dir tust,« antwortete Lamm und wandte ihr das in allen Muskeln bebende Gesicht zu. »Wie alles in dir zerrissen und verbrannt ist! Jedes Maß zerstört, jede Form zerstört!«

»Nein, nein, nein!« rief sie ihm entgegen. »Nicht zerstört, nicht zerrissen, nur lebendig, endlich lebendig. Und wenn dieses Lebendigsein auch Zerstörung wäre, wer bin ich denn, daß ich auf mich achten sollte, mich schützen dürfte? Für wen, wofür mich bewahren? Wo ist das Bessere, Größere? Laß mich sein, wie ich bin, laß mich tun, was ich tue!«

Sie sah ihn eine Sekunde lang mit starren Augen an, dann brach der Blick und feuchtete sich. Sie trat ein paar Schritte auf ihn zu, preßte beide Hände wider ihre Brust und flüsterte, totenbleich: »Ach, Robert, es ist fürchterlich! Fürchterlich!«

Er umfing die Schwankende mit seinen Armen und stand regungslos da.

Nach einer Weile machte sie sich sanft los, strich mit der Hand über ihre Haare und sagte erschrocken: »Ich vergesse mich ganz. Es wartet soviel Arbeit auf mich. Gute Nacht, Robert.«

Schnell verließ sie das Zimmer.

 

Ungefähr vor einer Woche war ein Mann eingeliefert worden, den man ohne Uniform, bis aufs Hemd entkleidet, auf einem Schlachtfeld in Galizien gefunden hatte. Er hatte einen Schuß im Rückgrat, konnte nicht sprechen und keinerlei Auskunft über sich geben.

Still und steif war er dagelegen, die Augen immer auf denselben Punkt in der Luft gerichtet. Er hatte ein außerordentlich schönes Gesicht, blaß, vergeistigt, durchformt; ein schwarzer Bart umrahmte es derart, daß Kinn und Wangen von Haaren frei waren.

Ob er Freund oder Feind war, wußte man nicht. Er trug die Nummer 42, das war alles. Man redete ihn in allen Sprachen aller Völker an, die im Krieg standen, doch gab er niemals ein Zeichen, daß er die Worte faßte. Man vermutete, er sei auch des Gehörs beraubt und hielt ihm Zeitungen und beschriebene Zettel vor; er beachtete nicht einmal die Gebärde. Ohne zu seufzen, ohne einen Laut der Klage lag er da.

Wennschon dies von einer völligen Teilnahmlosigkeit, ja von einem inneren Starrkrampf zeugte, hatten doch seine Augen den stärksten Glanz bewahrt, der sich denken ließ. Sie waren ununterbrochen weit geöffnet, und als ob der Bewegungsmuskel der Lider nicht mehr arbeitete, schlossen sie sich nicht eine Minute lang. Der Ausdruck in ihnen war keineswegs fieberisch; es war ein mildes Licht, ein seelenhaftes Strahlen, das auf Ärzte und Schwestern eine geheimnisvolle Anziehung übte. Oft standen mehrere Personen zugleich an seinem Lager, die sich für kurze Zeit ihrer Beschäftigung entzogen hatten, nur um diesem Blick zu begegnen und ihn festzuhalten.

Und in jeder Nacht kam Olivia an das Bett dieses Verwundeten, blieb stehen, schaute in das bleiche Gesicht und suchte, auch sie, den wunderbar verlorenen, wunderbar erfüllten Blick des fremden Mannes. In jeder Nacht unterbrach sie ihren Rundgang hier und verweilte wie ein Mensch, der Atem schöpft und sich besinnt und der Lösung eines düsteren Geheimnisses näher ist als bisher.

Seit dieser Mann im Hause war, seit sie diese Augen wahrgenommen hatte, die über dem wirren, wilden Geschehen wie zwei feine, einsame Sterne leuchteten, diesen Blick erfahren hatte, der schmerzlich-schmerzlos, wissend-bewußtlos aus dem Geisterreich zu dringen schien, hatten sich ihre jagende Unrast und grausamste Seelenpein etwas gelindert; sie tauchte empor aus der qualmenden Höllenglut und lenkte ihren Blick gen Himmel, vielleicht zum erstenmal im Leben mit der Ahnung und dem Gefühl von Gott.

Es war kein andrer Ausweg mehr gewesen als nach oben.

 

Mit dreizehn Schritten durchmaß Robert Lamm sein Giebelzimmer. Er hatte berechnet, daß er zwölftausendfünfhundert Schritte machen mußte, um eine Strecke von zehn Kilometern zurückzulegen. Er besaß einen Schrittzähler, mit dessen Hilfe er täglich die durchwanderte Bahn bestimmte. An manchen Tagen waren es zwölf, an manchen fünfzehn Kilometer.

Die Märsche dünkten ihm notwendig zur Erhaltung seiner Gesundheit. Auch konnte er beim Gehen besser denken.

Aber die Gedanken führten zu keinem Ergebnis. Jedesmal graute ihm davor, daß er nach dem dreizehnten Schritt wieder umkehren mußte. Wenn der neunte, der zehnte Schritt einen Aufschwung, eine Erleuchtung versprach, die Wand, die zur Umkehr zwang, machte alles wieder zunichte.

Fünf bis sechs Stunden Schlaf, zwei bis drei Marschieren und zwei bis drei Lektüre, blieben immer noch mindestens zwölf Stunden, die leer waren, zwölf boshaft schleichende Stunden. Jedes Geräusch im Hause, jeder Ruf, jedes Glockenzeichen, jedes Flüstern oder Murmeln war eine Feindseligkeit, war doch zugleich eine willkommene Unterbrechung. Wieviel da lauerte, schreckte, drohte, da draußen, da drunten!

Angst vor Begegnungen hielt ihn davon ab, die Schwelle zu überschreiten. Nach Verlauf einer Woche brütete er über Fluchtplänen. Doch wußte er, daß sich niemand um ihn kümmerte.

Ein sonderbares Vergnügen gewährte es ihm, die Personen an sich vorüberziehen zu lassen, die er ehedem mit seinem Haß bedacht hatte. Es stellte sich heraus, daß von diesem Haß nicht mehr viel übrig war; auch wenn seine Erinnerung noch so grobe Zerrbilder malte, vermochte er an jenen Leuten wenig zu entdecken, was ein so heftiges Gefühl gerechtfertigt hätte.

Die Ursache war nicht etwa die, daß er die Fähigkeit zu hassen verloren hatte, sondern daß alles, was noch an Haß in ihm war, sich gegen einen einzigen Menschen richtete: allein und unversöhnlich gegen Olivia.

Sie hatte ihn gezwungen, wider seine Überzeugung zu handeln. Sie hatte ihn um die letzte Hoffnung betrogen, die er noch gehegt, um die letzte, die geheimste Erwartung, die er trotz aller Weltverachtung und schmerzlichen Verlassenheit noch an die Zukunft geknüpft hatte.

Es dauerte lange, bis er sich dies eingestand. Er war der Mann nicht, um einer solchen Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Sein Gemüts- und Sinnenleben war eine vernachlässigte Provinz seines Daseins, und die dunklen Wege der Seele nur zu ahnen, war ihm nicht bequem; er leugnete sie, wo es möglich war. Aber jetzt trat das Vergangene so nah an ihn heran; er wußte plötzlich, daß er schon das Bild des Kindes Olivia mit Lust in sich aufgenommen, und daß das Wächter- und Erzieheramt, das er ausgeübt, ihm mehr und anderes bedeutet hatte als eine Pflicht der Pietät und der Freundschaft. Auge und Empfindung hatten ihn getäuscht; er hätte sich befleckt, sie verraten geglaubt, wenn er von ihr, von sich, vom Schicksal gefordert, wenn er wissentlich zu erreichen getrachtet hätte, wonach sein ausgehungertes Herz lechzte. Wunsch und Sehnsucht zu ersticken und zu unterdrücken, dienten ihm aber menschlich nicht; es verfinsterte ihn und höhlte ihn aus.

Die Gestalt Olivias, die Stimme, der Schritt, der Blick, das Lächeln: alles das war ihm einst wie ein Eigentum gewesen, Frucht seiner Mühe, Lohn seiner Entbehrung, Ausgleich seiner trüben Erfahrung; ihm beschieden, weil zu tiefst nur von ihm erkannt. Für ihn gemacht, für ihn lebendig, weil er den magischen Schlüssel dazu besaß, das Wesen zu begreifen glaubte. Ihr Tun war seines, auch das anscheinend Widerstrebende war noch in der Harmonie mit ihm. Als sie unter seiner Belehrung zusammengebrochen war – er nannte es Belehrung, obwohl ihm sein Gewissen einen härteren Ausdruck vorschlug – als sie sich der Geißel seiner Worte und dem lähmenden Einfluß seiner Urteile durch die Flucht entzogen hatte, war er noch weit entfernt, sie verloren zu geben; mit fatalistischer Geduld vertraute er auf seine Wirkung in die Ferne, rechnete mit ihrer Wiederkehr, wie wenn er sie in Traumschlaf versetzt hätte und den Zeitpunkt abwarten wollte, der zur Erweckung am günstigsten war.

Ihr Erscheinen riß ihn völlig aus dieser Einbildung. Äußere Umstände, die stärker waren als alles, was er in die Wagschale hätte werfen können, hatten den Sieg über ihn erlangt. Ein Rausch von Zorn erfaßte ihn und erneute sich immer wieder, so oft er sich sagte, daß bei natürlicher Entwicklung der Dinge sein Anrecht unbestritten geblieben und die Schwankende, Haltlose ihm endlich in die Arme geführt hätte. Jetzt hatte er verspielt; der Einsatz bestand in seiner Existenz, in vielen Jahren hartnäckig und trotzig verhehlter Zuversicht. Er hatte auf jedes Gut und jedes Ziel sonst verzichtet und zäh und stumm, wie nur er sein konnte, alles auf das eine Los gesetzt. Er hatte verspielt, und er wußte es nun. Derselbe Sturm, den er geweissagt hatte, seitdem sein männlicher Geist und Wille in Konflikt geraten war mit den Gebresten der Zeit und den Unterlassungssünden ihrer Menschen, hatte die Blüte ausgerissen und verweht, die er im geschütztesten Winkel seines Lebensgartens gepflanzt hatte.

Hier war kein Appell möglich. Sie hatte ihm deutlich genug zu verstehen gegeben, daß jeder Versuch, sie zurückzuhalten, ihn in ihren Augen zum Verbrecher stempelte. Er durfte nicht hoffen, daß irgendein Mensch, weder Mann noch Weib, weder Freund noch Feind, in seinen Bemühungen etwas anderes erblickte als Verschrobenheit und Herzenskälte. Er hatte sie eingebüßt, sie war dahin, sie konnte ihn nicht mehr sehen und hören, sie hatte sich dem blutigen Chaos verdungen und bildete sich ein, nützlich zu sein und litt unsäglich, und würde immer ärger leiden müssen, je höher die Woge des Entsetzens stieg.

Es gab Stunden, wo er wie ein rachebrütender Teufel bleich und böse in einem Winkel seiner Kammer kauerte und sich das Hirn zermarterte mit den Gedanken, die ihm sein ohnmächtiger Groll und seine wirklich beispiellose Einsamkeit erregten. Es war etwas Troglodytisches um ihn; es umwehte ihn die Luft aus einer versteinerten Welt; er glich dem körperlosen Schatten, der nach einer Seele sucht und sie nicht finden kann. Er fühlte sich ausgestoßen und gänzlich vergessen, erniedrigt und beraubt; er fror und fieberte, er sann auf Gewaltstreiche, aber die Vorstellung, daß möglicherweise er es sein mußte, der sich zu beugen und zu unterwerfen hatte, war ihm noch mit keinem Hauch genaht.

 

Eines Nachmittags um die Dämmerungszeit schlich er aus dem Hause und ging zu Frau Khuenbeck.

Sie empfing ihn ohne Herzlichkeit. Er hatte sich jahrelang nicht um sie gekümmert, das trug sie ihm nach.

Sie machte ihn im stillen auch für alles verantwortlich, was mit Olivia geschehen war, und als er die Rede auf das Mädchen gebracht hatte, erklärte sie, daß sie ihre Tochter nur selten sehe. Olivia sei ungehalten, wenn man sie im Spital besuche. Eine Zeitlang seien keine Nachrichten von Ferdinand gekommen, da sei sie hingegangen und habe sich bei Olivia erkundigt, ob sie etwas erfahren habe. Sie habe nichts gewußt, habe aber auch keinerlei Besorgnis gezeigt. Sie habe ruhig zugehört, aber in ihrem Blick sei etwas gewesen, wobei einem eiskalt wurde.

»Haben Sie das vielleicht beobachtet,« fuhr Frau Khuenbeck fort, »den Blick, meine ich, den Blick einer Besessenen? Gewiß begeh’ ich ein Unrecht, wenn ich so etwas sage. Die Menschen beten sie ja an. Auch ich muß sie bewundern, aber sie ist mir fremd geworden. Geht das mit rechten Dingen zu?«

Lamm schwieg. Es genügte ihm, daß die Frau von Olivia sprach. Er hielt es für ausreichend, sie durch eine ermunternde Miene anzuspornen.

»Sie assistiert jetzt bei den Operationen,« berichtete Frau Khuenbeck. »Sie hat das Narkotisieren erlernt und eine solche Geschicklichkeit darin erworben, daß die Ärzte ihre Mithilfe jeder anderen vorziehen. Doktor Strygowski sagte mir, es sei wunderbar; instinktiv bringe sie genau die Tiefe des Betäubungsschlafes zustande, die für den betreffenden Fall erforderlich ist. Wenn einer schreit oder sich sträubt, so braucht sie ihn nur anzurühren, und er fügt sich.«

»Märchen,« warf Robert Lamm hin.

»Ich glaube nicht, daß es ein Märchen ist. Ich glaube, es ist ein Erbteil von ihrem Vater, der hatte auch so eine Zauberhand. Einige Ärzte meinen, daß sie sich auf eine besondere Kunst des Dosierens versteht. Es sind auch Chirurgen aus der Stadt gekommen, denen sie eine Erklärung geben sollte. Sie konnte aber nichts erklären.«

»Die Esel vom Fach vermuten immer da Wunder, wo ganz und gar keine sind,« bemerkte Lamm trocken.

Frau Khuenbeck zuckte die Achseln. »Ein Soldat sagte von ihr: sie packt einen so an, daß man vergißt, was einem bevorsteht. Aber was bedeutet mir das? Wie ich das zweite- oder drittemal dort war, mußte ich auf sie warten und ging im Flur auf und ab, und da kam sie mit dem blutenden, frisch abgesägten Bein eines Menschen. Es war in ein Linnen geschlagen, doch wer kann so ein Bild wieder loswerden, wenn er es einmal geschaut! Mir wurde weh vor Grausen, ich hatte das Gefühl, als begehe das Kind eine schreckliche Sünde.«

Robert Lamms Gesicht verzerrte sich. »So ein Bein, wissen Sie, ist außerdem verflucht schwer,« sagte er mit heiserer Stimme, »es mag gut und gern seine fünfzehn Kilo wiegen.«

»Diese Olivia,« rief Frau Khuenbeck, »die so heikel war, daß sie vom Tisch aufstand und nicht weiteressen konnte, wenn auf einem Salatblatt ein Wurm kroch! Was kann ihr die Welt noch sein, danach? Kann sie je wieder ein harmloses Leben führen, ein Leben mit kleinen Pflichten?«

Lamm erhob sich. »Wir werden das Problem heute nicht lösen, Verehrteste,« antwortete er schroff. »Unser Verstand ist überhaupt unzulänglich gegenüber dem traurigen Verwesungsvorgang, den man Leben nennt. Mich dürfen Sie schon gar nicht interpellieren. Ich gestehe Ihnen, mir wird übel, wenn ich ja oder nein sagen soll. Ich bin im Begriff, mir das Reden abzugewöhnen; meine Zunge hat nicht die geringste Lust mehr, Geräusche zu artikulieren. Ein überflüssiges Stück Fleisch, das mir im Munde fault. Empfehle mich Ihnen.«

 

Als er durch den Korridor seines Hauses schritt, traten ihm zwei Herren in den Weg. Der eine war Doktor Strygowski, der andere, der mit außerordentlicher Feinheit gekleidet war, hatte ein bartloses, etwas aufgeschwemmtes Gesicht, und seine Miene verriet Unsicherheit und Anmaßung. Er blieb vor dem Hofrat stehen, lüpfte den tadellos gebügelten Zylinder, nannte seinen Namen mit einem Ton von aufdringlicher Bescheidenheit und sagte, er sei entzückt von der Besichtigung des Hauses, das eine Perle unter den Lazaretten der Stadt sei, und er freue sich, dies öffentlich verkündigen zu können.

Lamm stand steif wie ein Stock. Der andere verbeugte sich, lächelte aus irgendeinem Grunde geschmeichelt und ging.

Doktor Strygowski sagte: »Einer unserer führenden Journalisten. Besichtigt Spitäler im Auftrag des Roten Kreuzes.«

Lamm nickte. »Kennen Sie die Geschichte vom Grafen Ulrich von Württemberg und dem Dieb?« fragte er. »Der Graf Ulrich hatte die Gewohnheit, oft den ganzen Tag vor seinem Schloß zu sitzen und mit jedem zu sprechen, der vorüberging. Einmal schlich sich ein Mensch aus dem Tor, der hatte drinnen in der Küche einen Fisch gestohlen und er hatte einen sehr kurzen Mantel an, unter dem der Fisch hervorhing. Da rief ihn der Graf zu sich und sagte zu ihm: ›Wenn du wieder Fische stehlen gehst, so zieh einen längeren Mantel an oder nimm einen kürzeren Fisch.‹«

Doktor Strygowski lachte. »Ich glaube, der Rat hat gefruchtet,« antwortete er. »Unsere Fischdiebe haben sich mit hinreichend langen Mänteln versehen.«

Lamm warf einen durchdringenden Blick auf den jungen Arzt. »Doktor Strygowski, wenn ich nicht irre –?«

»Strygowski ist mein Name. Ich bitte um Verzeihung, daß ich unterlassen habe –«

Lamm schüttelte ungeduldig den Kopf. »Nichts, nichts,« unterbrach er den Doktor. Dann ließ er abermals den Blick mit fast verletzender Unbekümmertheit auf dessen Zügen ruhen. Er war gefesselt von dem Ausdruck des Ernstes, der darin lag, und sagte: »Es wäre mir lieb, wenn Sie am Abend eine Stunde zu mir kommen würden. Ich habe einige Fragen an Sie zu richten.«

Doktor Strygowski erwiderte, er werde kommen, sobald es ihm seine Zeit erlaube.

»Herr Doktor, der Transport,« sagte Schwester Nina, die vom Eingangsflur heraufkam. Lamm kannte die schöne, blasse Frau Senoner. Er grüßte kühl.

Die Sanitätsleute kamen mit den Bahren. Regungslos lagen die verwundeten Männer, mit eingesunkenem Brustkorb und auf die Seite geneigtem Kopf. Ihre Gesichter waren von einem verwitterten Grau, das Blut war durch die Verbände gedrungen und klebte auf der Haut. Mit dumpf-ungläubiger Verwunderung sahen sie vor sich hin. Alles was sie wahrnahmen, verursachte ihnen eine mit Furcht gemischte Spannung, über die sie grübelten.

Hinter den letzten Trägern ging Olivia. Sie war in einen ziemlich groben Mantel gehüllt, das Gesicht war entfärbt. Als sie Robert Lamm gewahrte, nickte sie ihm ohne Lächeln zu.

 

Es war elf Uhr vorbei, als Doktor Strygowski in Robert Lamms Stube trat. Er entschuldigte sein spätes Kommen. Lamm deutete schweigend auf einen Sessel gegenüber seinem Lehnstuhl.

»Ich will über Olivia Khuenbeck mit Ihnen sprechen,« begann er ohne Umschweife. »Vielleicht ist Ihnen bekannt, daß Olivia während ihrer ganzen Jugend unter meiner Obhut gestanden ist. Ich fühle mich noch immer für das, was sie tut, verantwortlich. Möglich, daß es eine Torheit ist, aber es ist nun einmal so. Wie beurteilen Sie die Eignung Olivias zu dem Beruf, den sie sich hier erwählt hat?«

Ein wenig verwundert über den Ton eines verhörenden Richters, antwortete der junge Arzt nach einigem Überlegen: »Zu einem Urteil oder einer Kritik fehlt jede Befugnis, wo etwas so Ungewöhnliches vollbracht wird.«

»Hat sie von Anfang an gewußt, was ihr beschieden sein würde, wenn sie beharrlich blieb?«

»Ohne Zweifel,« versetzte Doktor Strygowski.

»Beachten Sie eines,« fuhr Lamm eindringlich fort; »viele Menschen, die sich an ein schwieriges Unternehmen wagen, ermangeln der Kenntnis und aufrichtiger Einschätzung ihrer Fähigkeit. Sie brauchen darum nicht zu versagen, oft zeigen sich die höheren Kräfte mit der höheren Forderung. Aber wo es sich um den beständigen Anblick von Blut und Wunden handelt, muß unbedingt die Phantasie nach und nach ertötet werden, sonst ist an eine fruchtbare Arbeit nicht zu denken. Der Augenschein schwächt sich ab, die Gewohnheit macht die Sinne stumpf.«

»Das kann ich nicht leugnen, und es gilt in allen Fällen, nur bei Schwester Olivia nicht,« versetzte Doktor Strygowski. »Ihr Geist und ihr Gemüt sind der Abstumpfung nicht unterworfen. Das ist das Merkwürdige und das Seltene bei ihr. Nicht bloß, daß sie sich an das vielfältig Entsetzliche nicht gewöhnt, nie gewöhnen wird, sondern jeder neue Eindruck reißt ihr Herz von neuem auf. Sie ist dem Grauen, dem Schmerz, der Empörung, dem Mitleid mit einer Intensität überliefert, die ohne Grenze ist.«

»Also ein Phänomen, ganz einfach ein Phänomen,« sagte Lamm mit erheuchelter Lebhaftigkeit. Er lehnte sich tief in den Sessel zurück und umklammerte mit den Fingern die Armlehnen fest.

Doktor Strygowski fuhr fort: »Sie kennt jeden einzelnen Mann, und wir haben jetzt hundertzwanzig Leute im Haus. Sie kennt die Beschaffenheit der Wunden bei jedem, sie weiß ob Hoffnung besteht, das Leben zu erhalten oder nicht, jede Besserung oder Verschlimmerung spürt sie unmittelbar und ist sogleich zur Stelle, wenn Gefahr droht. Die Fieberzustände sind ihr so vertraut, daß alles Fieberwesen, vom gelispelten Betteln um Wasser bis zur Raserei, vom Zähneklappern bis zur Hochglut zur besonderen Sprache und Mitteilung für sie geworden ist. Und sie begnügt sich nicht, sie will immer noch ein Mehr; von sich selbst heißt das, nur von sich selbst.«

Lamm erhob sich, ging auf und ab, setzte sich wieder. Er zwang sich mühsam zu Ruhe. »Ich begreife es nicht,« stieß er hervor, »begreife es nicht. Ich will gar nicht die Frage erörtern, wie sie es physisch aushalten soll; aber Tag für Tag das alles sehen! Und nicht nur sehen, auch hören, das Stöhnen, Wimmern, Klagen, die verzweifelten Rufe. Hier oben schaudert mir manchmal die Haut, und ich bin doch ein hartgesottener alter Kerl. Aber sie, sie! Diese Mimose! Von jedem Windhauch war sie abhängig, jede übel gelaunte Miene hat sie erschreckt; sie an einem Wirtshaus vorüberzuführen, wo Betrunkene lärmten, war ein Wagnis.«

Überrascht von der Aufwallung eines Mannes, den er für trocken und unempfindlich gehalten hatte, senkte Doktor Strygowski den Kopf. »Vor einigen Tagen war ich mit Schwester Olivia in einem Haus, wo irrsinnige Verwundete untergebracht sind,« erzählte er mit leiser Stimme; »da waren Zimmer angefüllt mit Männern, die aneinander vorübergingen, ohne einander zu gewahren, in gleichmäßigem Marschtempo, mit Blicken der angstvollsten Erwartung; Zimmer, wo Männer saßen, die stundenlang die Hände steif zum Gebet gefaltet hatten oder nach ihren Angehörigen riefen; da war es schwer, sich zusammenzunehmen, sehr schwer. Schwester Olivia hatte eine Gebärde, die ich nicht vergessen kann seitdem; so, als wollte sie sagen: ›O Gott, was ist mit deiner Welt geschehen, was ist mit eurer Welt geschehen, ihr Menschen!‹«

»Ja, das kann ich mir gut denken,« antwortete Lamm nun wieder mit erkünstelter Ruhe. »Aber erklären Sie mir doch, was in ihr vorgeht,« fügte er hinzu und kniff die Augen sonderbar zusammen; »mich läßt da die Logik im Stich.«

»Die menschliche Seele ist ein wunderbarer Organismus, Herr Hofrat,« sagte Doktor Strygowski sinnend. »Ich will nicht von mir reden. Ich bin Arzt. Aber auch ein Arzt, für den der Menschenkörper Studium und Sache wird, gerät jetzt bisweilen mit der sogenannten göttlichen Weltordnung in Konflikt. Man fragt sich, was das alles soll, das Leben und Sterben und die ganze Qual. Wenn nun solche Gedanken an mir nagen, und ich schaue Schwester Olivia an, da ist mir zumute, wie etwa einem stümpernden Dilettanten, der vor einem Künstler steht. Die leidet! Das ist Leiden! Gewiß, der Tag faßt vieles, man vergißt, man flieht, die gespannte Saite lockert sich durch einen Scherz, ein unbefangenes Wort, einen geistigen Zuspruch, aber bei ihr ist auch davon keine Spur. Es scheint mir oft, als sei sie bereits einen Schritt über die Alltäglichkeit hinausgelangt, ich kann es mir nicht anders erklären, irgendein unbekanntes Element hat sich ihrer bemächtigt, für mich im stillen nenne ich es die Metempsyche.«

Lamm schwieg, kaum daß er atmete, und nach einer kurzen Weile fuhr Doktor Strygowski fort: »Sie versteht die Heiterkeit nicht mehr, das harmlose Gespräch nicht mehr, das selbstverständliche Weitergehen des Daseins nicht mehr. Sie versteht nicht, daß es noch Menschen gibt, die von ihren Geschäften, ihren Wünschen, ihren persönlichen Vorteilen und Enttäuschungen reden können. Ich sah sie einmal ins Pflegerinnenzimmer treten, als eines der Mädchen vor dem Spiegel saß und sich frisierte, einigermaßen umständlich, wie es ja manche Frauen tun. Die Miene, mit der sie wehmütig und unwillig staunte, war ergreifend. Sie selbst hat sich ja ihr Haar abgeschnitten, wie Sie wissen.«

»Nein, ich wußte es nicht,« murmelte Lamm, »ich wußte es in der Tat nicht. Das unvergleichliche Haar! In Generationen schafft die Natur so etwas nicht zum zweitenmal.«

»Unter unseren freiwilligen Damen,« begann Doktor Strygowski wieder, »ist auch eine vielgerühmte Schauspielerin, Schwester Susanne, eine verwöhnte Gesellschaftsdame mit Prinzessinnen-Allüren; um sie ist der ganze Lügendunst des Theaters, und sie verrichtet ihre Obliegenheiten mit der großen Geste, mit der sie ihre Rollen spielt. Es ist seltsam, zu sehen, wenn Schwester Olivia mit ihr spricht. Sie schlägt die Augen zu Boden, als schäme sie sich, und ihre Haltung hat etwas, wie soll ich sagen, etwas geradezu magisch Edles. Sie weiß natürlich, wie es um so manche dieser Frauen bestellt ist; daß sie sich im Pflegedienst Abwechslung und Zerstreuung verschaffen wollen, daß sie die Leere ihres Gemütes zudecken durch einen Eifer, der ihnen Beifall einträgt.«

Robert Lamm lachte bitter auf. »Sie sind ein gründlicher Herr, das muß man gestehen,« sagte er. »Nun, und das wucherische Treiben der Lieferanten, weiß sie auch von dem? Und wie verhält sie sich dazu? Und zu der Schwerfälligkeit der Ämter und Behörden, der Schmähsucht der Unzufriedenen, den Ränken der Beleidigten, den Ausreden der Faulen, den krampfhaften Bemühungen der Streber und Ordensjäger, dem frühzeitigen Erlahmen derer, die in rascher Begeisterung Wunder zu tun versprochen hatten, mit einem Wort, dem ganzen landesüblichen Unrat, wie verhält sie sich dazu?«

»Ich glaube, das alles legt sie sich förmlich selber zur Last und verwandelt es in eine Forderung an sich,« erwiderte Doktor Strygowski. Er dachte eine Weile nach, bevor er zögernd fortfuhr: »Sie muß ein Erlebnis von einschneidender Bedeutung gehabt haben. Sie muß einmal so zu Boden geschlagen worden sein, daß es aller Kraft bedurfte, die ein Gemüt überhaupt aufbringen kann, damit sie sich wieder erheben konnte. Deshalb ihre Strenge, deshalb die Klarheit in ihr, deshalb ihr unbeirrbar gerichteter Weg.«

»Ach was, Flausen!« rief Lamm schroff, ja fast wild. »Flausen! Darauf fall’ ich Ihnen nicht herein!«

Ein rascher Blitz des Unwillens traf ihn aus Strygowskis Augen. »Ich habe Ihnen meine Meinung nicht aufgedrängt, Herr Hofrat,« sagte er leise. »Daß ich Olivia Khuenbeck bewundere, will ich nicht leugnen. Ich gestehe sogar, daß ich noch nie einen Menschen in diesem Maß bewundert habe. Meine Bewunderung ist um so größer, als ich mir nicht verhehle, nicht verhehlen kann, w o h i n der Weg führt, den sie geht.«

Lamm schwieg betroffen. Die beiden Männer sahen sich an.

»Und Sie haben kein – Kapital in diese Bewunderung investiert? Sie wollen keine Zinsen daraus ziehen?« fragte Lamm mit verkniffenem Mund.

»Ich verstehe nicht –«

»Ich meine, ob Sie nicht ein bißchen bestochen sind, vielleicht ohne es zu wissen? Ich meine, ob Sie ohne Vorbehalt sprechen, ohne geheime Hoffnung, ohne die Erinnerung an einen Nervenkitzel, ohne ein egoistisches Ziel.«

»Hierauf habe ich keine Antwort.«

»Das ist jedenfalls bequem.« Lamm erhob sich und begleitete seine Worte mit heftigen, abgehackten Gebärden. »Ich soll also schlechterdings an Engel glauben, an graduierte Engel mit Schnurrbart und Brille! Seit wann sind denn die Doktoren der Medizin unter die Idealisten und Propheten gegangen? Hat euch die blutige Zeit betrunken gemacht?«

»Ihr Ungestüm gibt Ihrer Beschuldigung noch nichts Plausibles,« sagte Strygowski, der blaß geworden war.

»Ich beschuldige Sie nicht, ich weiß nichts von Ihnen, Sie sind mir fremd, lassen wir Ihre Person aus dem Spiel,« fuhr Lamm grollend fort. »Wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin, will ich abbitten. Aber können Sie sich als erfahrener Mann, als redlicher Beobachter vorstellen, daß ein Wesen wie Olivia sich Tag für Tag, Stunde für Stunde unter Männern bewegt, ohne nur im Geringsten als Weib auf diese Männer zu wirken? Meine Frage enthält keine Frivolität. Sie sehen, ich bin tiefernst. Wir leben auf einem Planeten, mag er auch noch so mangelhaft gezimmert sein, auf dem es für bestimmte Daseinsformen bestimmte Gesetze gibt. Hunger ist Hunger, Blut ist Blut. Hunger will Sättigung, Blut will Wärme. Riechen Sie nicht den tückischen Giftstoff, von dem das ganze Haus erfüllt ist? Glauben Sie, daß irgendein Weib sich dem entziehen kann, auch wenn sie Olivia heißt?«

»Ich glaube es,« erwiderte Doktor Strygowski entschlossen. »Was Sie sagen, ist keine Wahrheit für mich, sondern eine Anklage, die erst bewiesen werden muß. Es müßte erst bewiesen werden, daß die Caritas, vor der ich meine Knie beuge, ein lemurischer Unhold ist.«

»Ist sie auch!« rief Lamm mit Leidenschaft. »Ein Unhold und Lügengeist, der Frauen- und Mädchenseelen mit falschen Hoffnungen umgarnt, um sie dann, jeder Illusion bar, hinaus ins Leben zu stoßen.«

Ein langes Schweigen trat ein. Strygowski zog die Uhr aus der Tasche, überlegte eine Weile, während er die Uhr in der Hand behielt und sagte dann: »In einer Viertelstunde macht Schwester Olivia ihre zweite Nachtrunde. Ein Vorurteil kann nur durch den Augenschein widerlegt werden. Unmöglich, daß Sie auf Ihrer Meinung beharren, wenn Sie sie dabei sehen.«

»Ich brauche den Augenschein nicht,« knurrte Lamm. »Alles was ist, kann ich mir erdenken, Augenschein ist Augentrug.«

»Diese Paradoxie ist mir bekannt,« entgegnete der Arzt; »ich kenne dieses Leiden.« Er blickte traurig zu Boden.

In diesem Augenblick vernahmen sie ein seltsames, eintöniges Plärren, ein singsangähnliches Heulen wie von einem Hund. Der Hofrat ging zur Tür und lauschte. Dann öffnete er die Türe, schritt durch den kleinen Vorraum und die Treppe hinunter.

Doktor Strygowski folgte ihm.

 

Auf der untersten Treppenstufe saß zusammengekauert ein Mensch. Erst als er ihm nahe war, erkannte Lamm seinen Diener Gerold. Er war es, der wie ein Idiot halblaut vor sich hinheulte und dabei mit dem Oberkörper schaukelte. »Was treibst du da?« herrschte ihn Lamm an.

»Herr Hofrat, ich find’ im ganzen Haus kein Plätzchen, wo es still ist,« flüsterte der Diener. Er schaute empor; sein Kopf sah aus wie geschwollen.