Reineke Fuchs
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Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 5 Teile geteilt.
Laßt uns nach Schwaben entfliehn! dort kennt uns niemand; wir halten Uns nach Landes Weise daselbst. Hilf Himmel! es findet Süße Speise sich da und alles Guten die Fülle:
Hühner, Gänse, Hasen, Kaninchen und Zucker und Datteln, Feigen, Rosinen und Vögel von allen Arten und Größen; Und man bäckt im Lande das Brot mit Butter und Eiern. Rein und klar ist das Wasser, die Luft ist heiter und lieblich, Fische gibt es genug, die heißen Gallinen, und andre Heißen Pullus und Gallus und Anas, wer nennte sie alle? Das sind Fische nach meinem Geschmack! Da brauch ich nicht eben Tief ins Wasser zu tauchen; ich hab sie immer gegessen, Da ich als Klausner mich hielt. Ja, Weibchen, wollen wir endlich Friede genießen, so müssen wir hin, Ihr müßt mich begleiten.
Nun versteht mich nur wohl: es ließ mich diesmal der König Wieder entwischen, weil ich ihm log von seltenen Dingen. König Emmerichs herrlichen Schatz versprach ich zu liefern; Den beschrieb ich, er läge bei Krekelborn. Werden sie kommen, Dort zu suchen, so finden sie leider nicht dieses, noch jenes, Werden vergeblich im Boden wühlen, und siehet der König Dergestalt sich betrogen, so wird er schrecklich ergrimmen. Denn was ich für Lügen ersann, bevor ich entwischte, Könnt Ihr denken; fürwahr, es ging zunächst an den Kragen! Niemals war ich in größerer Not, noch schlimmer geängstigt, Nein! ich wünsche mir solche Gefahr nicht wiederzusehen. Kurz, es mag mir begegnen, was will, ich lasse mich niemals Wieder nach Hofe bereden, um in des Königs Gewalt mich Wieder zu geben; es brauchte wahrhaftig die größte Gewandtheit, Meinen Daumen mit Not aus seinem Munde zu bringen.
Und Frau Ermelyn sagte betrübt: Was wollte das werden? Elend sind wir und fremd in jedem anderen Lande; Hier ist alles nach unserm Begehren. Ihr bleibet der Meister Eurer Bauern. Und habt Ihr ein Abenteuer zu wagen Denn so nötig? Fürwahr, um Ungewisses zu suchen, Das Gewisse zu lassen, ist weder rätlich noch rühmlich. Leben wir hier doch sicher genug! Wie stark ist die Feste! Überzög uns der König mit seinem Heere, belegt' er Auch die Straße mit Macht, wir haben immer so viele Seitentore, so viel geheime Wege, wir wollen
Glücklich entkommen. Ihr wißt es ja besser, was soll ich es sagen? Uns mit Macht und Gewalt in seine Hände zu kriegen, Viel gehörte dazu. Es macht mir keine Besorgnis. Aber daß Ihr über das Meer zu gehen geschworen, Das betrübt mich. Ich fasse mich kaum. Was könnte das werden!
Liebe Frau, bekümmert Euch nicht! versetzte dagegen Reineke, höret mich an und merket: besser geschworen, Als verloren! So sagte mir einst ein Weiser im Beichtstuhl: Ein gezwungener Eid bedeute wenig. Das kann mich Keinen Katzenschwanz hindern! Ich meine den Eid, versteht nur. Wie Ihr gesagt habt, soll es geschehen. Ich bleibe zu Hause. Wenig hab ich fürwahr in Rom zu suchen, und hätt ich Zehen Eide geschworen, so wollt ich Jerusalem nimmer Sehen; ich bleibe bei Euch und hab es freilich bequemer; Andrer Orten find ichs nicht besser, als wie ich es habe. Will mir der König Verdruß bereiten, ich muß es erwarten, Stark und zu mächtig ist er für mich: doch kann es gelingen, Daß ich ihn wieder betöre, die bunte Kappe mit Schellen Über die Ohren ihm schiebe, da soll ers, wenn ichs erlebe, Schlimmer finden, als er es sucht. Das sei ihm geschworen!
Ungeduldig begann Bellyn am Tore zu schmälen: Lampe, wollt Ihr nicht fort? So kommt doch! lasset uns gehen! Reineke hört' es und eilte hinaus und sagte: Mein Lieber, Lampe bittet Euch sehr, ihm zu vergeben, er freut sich Drin mit seiner Frau Muhme, das werdet Ihr, sagt er, ihm gönnen. Gehet sachte voraus. Denn Ermelyn, seine Frau Muhme, Läßt ihn sobald nicht hinweg; Ihr werdet die Freude nicht stören.
Da versetzte Bellyn: Ich hörte schreien, was war es? Lampen hört ich; er rief mir: Bellyn, zu Hilfe! zu Hilfe! Habt Ihr im etwas übels getan? Da sagte der kluge Reineke: Höret mich recht! Ich sprach von meiner gelobten Wallfahrt; da wollte mein Weib darüber völlig verzweifeln, Es befiel sie ein tödlicher Schrecken, sie lag uns in Ohnmacht. Lampe sah das und fürchtete sich, und in der Verwirrung Rief er: Helfet, Bellyn! Bellyn! o säumet nicht lange, Meine Muhme wird mir gewiß nicht wieder lebendig! Soviel weiß ich, sagte Bellyn: er hat ängstlich gerufen. Nicht ein Härchen ist ihm verletzt, verschwor sich der Falsche; Lieber möchte mir selbst als Lampen was Böses begegnen. Hörtet Ihr? sagte Reineke drauf: es bat mich der König Gestern, käm ich nach Hause, da sollt ich in einigen Briefen Über wichtige Sachen ihm meine Gedanken vermelden. Lieber Neffe, nehmet sie mit, ich habe sie fertig. Schöne Dinge sag ich darin und rat ihm das Klügste. Lampe war über die Maßen vergnügt, ich hörte mit Freuden Ihn mit seiner Frau Muhme sich alter Geschichten erinnern. Wie sie schwatzten! sie wurden nicht satt! Sie aßen und tranken, Freuten sich übereinander; indessen schrieb ich die Briefe.
Lieber Reinhart, sagte Bellyn: Ihr müßt nur die Briefe Wohl verwahren; es fehlt, sie einzustecken, ein Täschchen. Wenn ich die Siegel zerbräche, das würde mir übel bekommen. Reineke sagte: Das weiß ich zu machen. Ich denke, das Ränzel, Das ich aus Braunens Felle bekam, wird eben sich schicken, Es ist dicht und stark, darin verwahr ich die Briefe. Und es wird Euch dagegen der König besonders belohnen; Er empfängt Euch mit Ehren, Ihr seid ihm dreimal willkommen. Alles das glaubte der Widder Bellyn. Da eilte der andre Wieder ins Haus, das Ränzel ergriff er und steckte behende Lampens Haupt, des ermordeten, drein und dachte daneben, Wie er dem armen Bellyn die Tasche zu öffnen verwehrte.
Und er sagte, wie er herauskam: Hänget das Ränzel Nur um den Hals und laßt Euch, mein Neffe, nicht etwa gelüsten, In die Briefe zu sehen; es wäre schädliche Neugier: Denn ich habe sie wohl verwahrt, so müßt Ihr sie lassen. Selbst das Ränzel öffnet mir nicht! Ich habe den Knoten Künstlich geknüpft, ich pflege das so in wichtigen Dingen Zwischen dem König und mir; und findet der König die Riemen So verschlungen, wie er gewohnt ist, so werdet Ihr Gnade Und Geschenke verdienen als zuverlässiger Bote.
Ja, sobald Ihr den König erblickt und wollt noch in beßres Ansehn Euch setzen bei ihm, so laßt ihn merken, als hättet Ihr mit gutem Bedacht zu diesen Briefen geraten, Ja, dem Schreiber geholfen; es bringt Euch Vorteil und Ehre.
Und Bellyn ergötzte sich sehr und sprang von der Stätte, Wo er stand, mit Freuden empor und hierhin und dorthin, Sagte: Reineke! Neffe und Herr, nun seh ich, Ihr liebt mich, Wollt mich ehren. Es wird vor allen Herren des Hofes Mir zum Lobe gereichen, daß ich so gute Gedanken, Schöne, zierliche Worte zusammenbringe. Denn freilich Weiß ich nicht zu schreiben, wie Ihr; doch sollen sies meinen, Und ich dank es nur Euch. Zu meinem Besten geschah es, Daß ich Euch folgte hierher. Nun sagt, was meint Ihr noch weiter? Geht nicht Lampe mit mir in dieser Stunde von hinnen?
Nein! versteht mich! sagte der Schalk: noch ist es unmöglich. Geht allmählich voraus, er soll Euch folgen, sobald ich Einige Sachen von Wichtigkeit ihm vertraut und befohlen. Gott sei bei Euch! sagte Bellyn: so will ich denn gehen. Und er eilete fort; um Mittag gelangt' er nach Hofe.
Als ihn der König ersah und zugleich das Ränzel erblickte, Sprach er: Saget, Bellyn, von wannen kommt Ihr? und wo ist Reineke blieben? Ihr traget das Ränzel, was soll das bedeuten? Da versetzte Bellyn: Er bat mich, gnädigster König, Euch zwei Briefe zu bringen, wir haben sie beide zusammen Ausgedacht. Ihr findet subtil die wichtigsten Sachen Abgehandelt, und was sie enthalten, das hab ich geraten; Hier im Ränzel finden sie sich; er knüpfte den Knoten.
Und es ließ der König sogleich dem Biber gebieten, Der Notarius war und Schreiber des Königs, man nennt ihn Bokert. Es war sein Geschäft, die schweren, wichtigen Briefe Vor dem König zu lesen, denn manche Sprache verstand er. Auch nach Hinzen schickte der König, er sollte dabei sein.
Als nun Bokert den Knoten mit Hinze, seinem Gesellen, Aufgelöset, zog er das Haupt des ermordeten Hasen Mit Erstaunen hervor und rief. Das heiß ich mir Briefe! Seltsam genug! Wer hat sie geschrieben? Wer kann es erklären?
Dies ist Lampens Kopf, es wird ihn niemand verkennen.
Und es erschraken König und Königin. Aber der König Senkte sein Haupt und sprach: O Reineke! hätt ich dich wieder! König und Königin beide betrübten sich über die Maßen. Reineke hat mich betrogen! so rief der König. O hätt ich Seinen schändlichen Lügen nicht Glauben gegeben! so rief er, Schien verworren, mit ihm verwirrten sich alle die Tiere.
Aber Lupardus begann, des Königs naher Verwandter: Traun! ich sehe nicht ein, warum Ihr also betrübt seid, Und die Königin auch. Entfernet diese Gedanken, Fasset Mut! es möcht Euch vor allen zur Schande gereichen. Seid Ihr nicht Herr? Es müssen Euch alle, die hier sind, gehorchen.
Eben deswegen, versetzte der König: so laßt Euch nicht wundern, Daß ich im Herzen betrübt bin. Ich habe mich leider vergangen. Denn mich hat der Verräter mit schändlicher Tücke bewogen, Meine Freunde zu strafen. Es liegen beide geschändet, Braun und Isegrim; sollte michs nicht von Herzen gereuen? Ehre bringt es mir nicht, daß ich den besten Baronen Meines Hofes so übel begegnet, und daß ich dem Lügner So viel Glauben geschenkt und ohne Vorsicht gehandelt. Meiner Frauen folgt ich zu schnell. Sie ließ sich betören, Bat und flehte für ihn; o wär ich nur fester geblieben! Nun ist die Reue zu spät, und aller Rat ist vergebens.
Und es sagte Lupardus: Herr König, höret die Bitte, Trauert nicht länger! was übels geschehen ist, läßt sich vergleichen. Gebet dem Bären, dem Wolfe, der Wölfin zur Sühne den Widder; Denn es bekannte Bellyn gar offen und kecklich, er habe Lampens Tod geraten; das mag er nun wieder bezahlen! Und wir wollen hernach zusammen auf Reineken losgehn, Werden ihn fangen, wenn es gerät, da hängt man ihn eilig; Kommt er zum Worte, so schwätzt er sich los und wird nicht gehangen. Aber ich weiß es gewiß, es lassen sich jene versöhnen.
Und der König hörte das gern; er sprach zu Lupardus: Euer Rat gefällt mir; so geht nun eilig und holet Mir die beiden Baronen, sie sollen sich wieder mit Ehren In dem Rate neben mich setzen. Laßt mir die Tiere Sämtlich zusammenberufen, die hier bei Hofe gewesen; Alle sollen erfahren, wie Reineke schändlich gelogen, Wie er entgangen und dann mit Bellyn den Lampe getötet. Alle sollen dem Wolf und dem Bären mit Ehrfurcht begegnen, Und zur Sühne geb ich den Herren, wie Ihr geraten, Den Verräter Bellyn und seine Verwandten auf ewig.
Und es eilte Lupardus, bis er die beiden Gebundnen, Braun und Isegrim, fand. Sie wurden gelöset; da sprach er: Guten Trost vernehmet von mir! Ich bringe des Königs Festen Frieden und freies Geleit. Versteht mich, ihr Herren: Hat der König euch übels getan, so ist es ihm selber Leid, er läßt es euch sagen und wünscht euch beide zufrieden; Und zur Sühne sollt ihr Bellyn mit seinem Geschlechte, Ja, mit allen Verwandten auf ewige Zeiten empfahen. Ohne weiteres tastet sie an, ihr möget im Walde, Möget im Felde sie finden, sie sind euch alle gegeben. Dann erlaubt euch mein gnädiger Herr noch über das alles, Reineken, der euch verriet, auf jede Weise zu schaden: Ihn, sein Weib und Kinder und alle seine Verwandten Mögt ihr verfolgen, wo ihr sie trefft, es hindert euch niemand. Diese köstliche Freiheit verkünd ich im Namen des Königs. Er und alle, die nach ihm herrschen, sie werden es halten! Nur vergesset denn auch, was euch Verdrießlichs begegnet, Schwöret, ihm treu und gewärtig zu sein, ihr könnt es mit Ehren. Nimmer verletzt er euch wieder; ich rat euch, ergreifet den Vorschlag.
Also war die Sühne beschlossen; sie mußte der Widder Mit dem Halse bezahlen, und alle seine Verwandten Werden noch immer verfolgt von Isegrims mächtiger Sippschaft. So begann der ewige Haß. Nun fahren die Wölfe Ohne Scheu und Scham auf Lämmer und Schafe zu wüten Fort, sie glauben das Recht auf ihrer Seite zu haben; Keines verschonet ihr Grimm, sie lassen sich nimmer versöhnen. Aber um Brauns und Isegrims willen und ihnen zu Ehren Ließ der König den Hof zwölf Tage verlängern; er wollte Öffentlich zeigen, wie ernst es ihm sei, die Herrn zu versöhnen. Siebenter Gesang
Und nun sah man den Hof gar herrlich bestellt und bereitet, Manche Ritter kamen dahin; den sämtlichen Tieren Folgten unzählige Vögel, und alle zusammen verehrten Braun und Isegrim hoch, die ihrer Leiden vergaßen. Da ergötzte sich festlich die beste Gesellschaft, die jemals Nur beisammen gewesen; Trompeten und Pauken erklangen, Und den Hoftanz führte man auf mit guten Manieren. Überflüssig war alles bereitet, was jeder begehrte. Boten auf Boten gingen ins Land und luden die Gäste, Vögel und Tiere machten sich auf, sie kamen zu Paaren, Reiseten hin bei Tag und bei Nacht und eilten zu kommen.
Aber Reineke Fuchs lag auf der Lauer zu Hause, Dachte nicht nach Hofe zu gehn, der verlogene Pilger; Wenig Dankes erwartet' er sich. Nach altem Gebrauche Seine Tücke zu üben, gefiel am besten dem Schelme. Und man hörte bei Hof die allerschönsten Gesänge, Speis und Trank ward über und über den Gästen gereichet, Und man sah turnieren und fechten. Es hatte sich jeder Zu den Seinen gesellt, da ward getanzt und gesungen, Und man hörte Pfeifen dazwischen und hörte Schalmeien. Freundlich schaute der König von seinem Saale hernieder; Ihm behagte das große Getümmel, er sah es mit Freuden.
Und acht Tage waren vorbei (es hatte der König Sich zu Tafel gesetzt mit seinen ersten Baronen, Neben der Königin saß er), und blutig kam das Kaninchen Vor den König getreten und sprach mit traurigem Sinne: Herr! Herr König! und alle zusammen! erbarmet Euch meiner! Denn Ihr habt so argen Verrat und mördrische Taten, Wie ich von Reineken diesmal erduldet, nur selten vernommen. Gestern morgen fand ich ihn sitzen, es war um die sechste Stunde, da ging ich die Straße vor Malepartus vorüber; Und ich dachte, den Weg in Frieden zu ziehen. Er hatte, Wie ein Pilger gekleidet, als läs er Morgengebete, Sich vor seine Pforte gesetzt. Da wollt ich behende Meines Weges vorbei, zu Eurem Hofe zu kommen. Als er mich sah, erhub er sich gleich und trat mir entgegen, Und ich glaubt, er wollte mich grüßen; da faßt' er mich aber Mit den Pfoten gar mörderlich an, und zwischen den Ohren Fühlt ich die Klauen und dachte wahrhaftig das Haupt zu verlieren: Denn sie sind lang und scharf, er druckte mich nieder zur Erde. Glücklicherweise macht ich mich los, und da ich so leicht bin, Konnt ich entspringen; er knurrte mir nach und schwur, mich zu finden. Aber ich schwieg und machte mich fort, doch leider behielt er Mir ein Ohr zurück, ich komme mit blutigem Haupte. Seht, vier Löcher trug ich davon! Ihr werdet begreifen, Wie er mit Ungestüm schlug, fast wär ich liegen geblieben. Nun bedenket die Not, bedenket Euer Geleite!
Wer mag reisen? wer mag an Eurem Hofe sich finden, Wenn der Räuber die Straße belegt und alle beschädigt?
Und er endigte kaum, da kam die gesprächige Krähe, Merkenau, sagte: Würdiger Herr und gnädiger König! Traurige Märe bring ich vor Euch, ich bin nicht imstande, Viel zu reden vor Jammer und Angst, ich fürchte, das bricht mir Noch das Herz: so jämmerlich Ding begegnet' mir heute Scharfenebbe, mein Weib, und ich, wir gingen zusammen Heute früh, und Reineke lag für tot auf der Heide, Beide Augen im Kopfe verkehrt, es hing ihm die Zunge Weit zum offenen Munde heraus. Da fing ich vor Schrecken Laut an zu schrein. Er regte sich nicht, ich schrie und beklagt ihn, Rief. O weh mir! und Ach! und wiederholte die Klage: Ach! er ist tot! wie dauert er mich! wie bin ich bekümmert! Meine Frau betrübte sich auch, wir jammerten beide. Und ich betastet ihm Bauch und Haupt, es nahte desgleichen Meine Frau sich und trat ihm ans Kinn, ob irgend der Atem Einiges Leben verriet', allein sie lauschte vergebens: Beide hätten wir drauf geschworen. Nun höret das Unglück.
Wie sie nun traurig und ohne Besorgnis dem Munde des Schelmen Ihren Schnabel näher gebracht, bemerkt' es der Unhold, Schnappte grimmig nach ihr und riß das Haupt ihr herunter. Wie ich erschrak, das will ich nicht sagen. O weh mir! o weh mir! Schrie ich und rief. Da schoß er hervor und schnappte mit einmal Auch nach mir; da fuhr ich zusammen und eilte zu fliehen. Wär ich nicht so behende gewesen, er hätte mich gleichfalls Festgehalten; mit Not entkam ich den Klauen des Mörders, Eilend erreicht ich den Baum! O hätt ich mein trauriges Leben Nicht gerettet! ich sah mein Weib in des Bösewichts Klauen. Ach! er hatte die Gute gar bald gegessen. Er schien mir So begierig und hungrig, als wollt er noch einige speisen; Nicht ein Beinchen ließ er zurück, kein Knöchelchen übrig. Solchen Jammer sah ich mit an! Er eilte von dannen, Aber ich konnt es nicht lassen und flog mit traurigem Herzen An die Stätte; da fand ich nur Blut und wenige Federn Meines Weibes. Ich bringe sie her, Beweise der Untat. Ach, erbarmt Euch, gnädiger Herr, denn solltet Ihr diesmal Diesen Verräter verschonen, gerechte Rache verzögern, Eurem Frieden und Eurem Geleite nicht Nachdruck verschaffen, Vieles würde darüber gesprochen, es würd Euch mißfallen. Denn man sagt: der ist schuldig der Tat, der zu strafen Gewalt hat Und nicht strafet; es spielet alsdann ein jeder den Herren. Eurer Würde ging' es zu nah, Ihr mögt es bedenken.
Also hatte der Hof die Klage des guten Kaninchens Und der Krähe vernommen. Da zürnte Nobel, der König, Rief: So sei es geschworen bei meiner ehlichen Treue, Diesen Frevel bestraf ich, man soll es lange gedenken! Mein Geleit und Gebot zu verhöhnen! Ich will es nicht dulden. Gar zu leicht vertraut ich dem Schelm und ließ ihn entkommen, Stattet ihn selbst als Pilger noch aus und sah ihn von hinnen Scheiden, als ging' er nach Rom. Was hat uns der Lügner nicht alles Aufgeheftet! Wie wußt er sich nicht der Königin Vorwort Leicht zu gewinnen! Sie hat mich beredet, nun ist er entkommen. Aber ich werde der Letzte nicht sein, den es bitter gereute, Frauenrat befolget zu haben. Und lassen wir länger Ungestraft den Bösewicht laufen, wir müssen uns schämen. Immer war er ein Schalk und wird es bleiben. Bedenket Nun zusammen, ihr Herren, wie wir ihn fahen und richten! Greifen wir ernstlich dazu, so wird die Sache gelingen.
Isegrimen und Braunen behagte die Rede des Königs. Werden wir doch am Ende gerochen! so dachten sie beide.
Aber sie trauten sich nicht zu reden, sie sahen, der König War verstörten Gemüts und zornig über die Maßen. Und die Königin sagte zuletzt: Ihr solltet so heftig, Gnädiger Herr, nicht zürnen, so leicht nicht schwören; es leidet Euer Ansehn dadurch und Eurer Worte Bedeutung. Denn wir sehen die Wahrheit noch keineswegs am Tage; Ist doch erst der Beklagte zu hören. Und wär er zugegen, Würde mancher verstummen, der wider Reineken redet. Beide Parteien sind immer zu hören; denn mancher Verwegne Klagt, um seine Verbrechen zu decken. Für klug und verständig Hielt ich Reineken, dachte nichts Böses und hatte nur immer Euer Bestes vor Augen, wiewohl es nun anders gekommen. Denn sein Rat ist gut zu befolgen, wenn freilich sein Leben Manchen Tadel verdient. Dabei ist seines Geschlechtes Große Verbindung wohl zu bedenken. Es werden die Sachen Nicht durch übereilung gebessert, und was Ihr beschließet, Werdet Ihr dennoch zuletzt als Herr und Gebieter vollziehen.
Und Lupardus sagte darauf: Ihr höret so manchen; Höret diesen denn auch. Er mag sich stellen, und was Ihr Dann beschließt, vollziehe man gleich. So denken vermutlich Diese sämtlichen Herrn mit Eurer edlen Gemahlin.
Isegrim sagte darauf: Ein jeder rate zum Besten! Herr Lupardus, höret mich an. Und wäre zur Stunde Reineke hier und entledigte sich der doppelten Klage Dieser beiden, so wär es mir immer ein leichtes, zu zeigen, Daß er das Leben verwirkt. Allein ich schweige von allem, Bis wir ihn haben. Und habt Ihr vergessen, wie sehr er den König Mit dem Schatze belogen? Den sollt er in Hüsterlo neben Krekelborn finden, und was der groben Lüge noch mehr war. Alle hat er betrogen und mich und Braunen geschändet; Aber ich setze mein Leben daran. So treibt es der Lügner Auf der Heide. Nun streicht er herum und raubet und mordet. Deucht es dem Könige gut und seinen Herren, so mag man Also verfahren. Doch wär es ihm Ernst, nach Hofe zu kommen, Hätt er sich lange gefunden. Es eilten die Boten des Königs Durch das Land, die Gäste zu laden, doch blieb er zu Hause.
Und es sagte der König darauf: Was sollen wir lange Hier ihn erwarten? Bereitet euch alle (so sei es geboten!), Mir am sechsten Tage zu folgen. Denn wahrlich das Ende Dieser Beschwerden will ich erleben. Was sagen die Herren? Wär er nicht fähig, zuletzt ein Land zugrunde zu richten? Macht euch fertig, so gut ihr nur könnt, und kommet im Harnisch, Kommt mit Bogen und Spießen und allen andern Gewehren, Und betragt euch wacker und brav! Es führe mir jeder, Denn ich schlage wohl Ritter im Felde, den Namen mit Ehren. Malepartus, die Burg, belegen wir, was er im Haus hat, Wollen wir sehen. Da riefen sie alle: Wir werden gehorchen!
Also dachte der König und seine Genossen, die Feste Malepartus zu stürmen, den Fuchs zu strafen. Doch Grimbart, Der im Rate gewesen, entfernte sich heimlich und eilte, Reineken aufzusuchen und ihm die Nachricht zu bringen; Traurend ging er und klagte vor sich und sagte die Worte: Ach, was kann es nun werden, mein Oheim! Billig bedauert Dich dein ganzes Geschlecht, du Haupt des ganzen Geschlechtes! Vor Gericht vertratest du uns, wir waren geborgen: Niemand konnte bestehen vor dir und deiner Gewandtheit.
So erreicht' er das Schloß, und Reineken fand er im Freien Sitzen. Er hatte sich erst zwei junge Tauben gefangen; Aus dem Neste wagten sie sich, den Flug zu versuchen, Aber die Federn waren zu kurz; sie fielen zu Boden, Nicht imstande, sich wieder zu heben, und Reineke griff sie, Denn oft ging er umher, zu jagen. Da sah er von weiten Grimbart kommen und wartete sein; er grüßt' ihn und sagte: Seid mir, Neffe, willkommen vor allen meines Geschlechtes! Warum lauft Ihr so sehr! Ihr keichet! bringt Ihr was Neues?
Ihm erwiderte Grimbart: Die Zeitung, die ich vermelde, Klingt nicht tröstlich, Ihr seht, ich komm in ängsten gelaufen; Leben und Gut ist alles verloren! Ich habe des Königs Zorn gesehen: er schwört, Euch zu fahen und schändlich zu töten. Allen hat er befohlen, am sechsten Tage gewaffnet Hier zu erscheinen mit Bogen und Schwert, mit Büchsen und Wagen. Alles fällt nun über Euch her, bedenkt Euch inzeiten!
Isegrim aber und Braun sind mit dem Könige wieder Besser vertraut, als ich nur immer mit Euch bin, und alles, Was sie wollen, geschieht. Den gräßlichsten Mörder und Räuber Schilt Euch Isegrim laut, und so bewegt er den König; Er wird Marschall, Ihr werdet es sehen, in wenigen Wochen. Das Kaninchen erschien, dazu die Krähe, sie brachten Große Klagen gegen Euch vor. Und sollt Euch der König Diesmal fahen, so lebt Ihr nicht lange! das muß ich befürchten.
Weiter nichts? versetzte der Fuchs. Das ficht mich nun alles Keinen Pfifferling an. Und hätte der König mit seinem Ganzen Rate doppelt und dreifach gelobt und geschworen: Komm ich nur selber dahin, ich hebe mich über sie alle. Denn sie raten und raten und wissen es nimmer zu treffen. Lieber Neffe, lasset das fahren, und folgt mir und sehet, Was ich Euch gebe. Da hab ich soeben die Tauben gefangen, Jung und fett. Es bleibt mir das liebste von allen Gerichten! Denn sie sind leicht zu verdauen, man schluckt sie nur eben hinunter; Und die Knöchelchen schmecken so süß! sie schmelzen im Munde, Sind halb Milch, halb Blut. Die leichte Speise bekommt mir, Und mein Weib ist von gleichem Geschmack. So kommt nur, sie wird uns Freundlich empfangen; doch merke sie nicht, warum Ihr gekommen! Jede Kleinigkeit fällt ihr aufs Herz und macht ihr zu schaffen. Morgen geh ich nach Hofe mit Euch; da hoff ich, Ihr werdet, Lieber Neffe, mir helfen, so wie es Verwandten geziemet.
Leben und Gut verpflicht ich Euch gern zu Eurem Behufe, Sagte der Dachs, und Reineke sprach: Ich will es gedenken; Leb ich lange, so soll es Euch frommen! Der andre versetzte: Tretet immer getrost vor die Herren und wahret zum besten Eure Sache, sie werden Euch hören; auch stimmte Lupardus Schon dahin, man sollt Euch nicht strafen, bevor Ihr genugsam Euch verteidigt; es meinte das gleiche die Königin selber. Merket den Umstand und sucht ihn zu nutzen! Doch Reineke sagte: Seid nur gelassen, es findet sich alles. Der zornige König, Wenn er mich hört, verändert den Sinn, es frommt mir am Ende.
Und so gingen sie beide hinein und wurden gefällig Von der Hausfrau empfangen; sie brachte, was sie nur hatte. Und man teilte die Tauben, man fand sie schmackhaft, und jedes Speiste sein Teil; sie wurden nicht satt und hätten gewißlich Ein halb Dutzend verzehrt, wofern sie zu haben gewesen.
Reineke sagte zum Dachse: Bekennt mir, Oheim, ich habe Kinder trefflicher Art, sie müssen jedem gefallen. Sagt mir, wie Euch Rossel behagt und Reinhart, der Kleine? Sie vermehren einst unser Geschlecht und fangen allmählich An, sich zu bilden, sie machen mir Freude von Morgen bis Abend. Einer fängt sich ein Huhn, der andre hascht sich ein Küchlein; Auch ins Wasser ducken sie brav, die Ente zu holen Und den Kiebitz. Ich schickte sie gern noch öfter zu jagen; Aber Klugheit muß ich vor allem sie lehren und Vorsicht, Wie sie vor Strick und Jäger und Hunden sich weise bewahren. Und verstehen sie dann das rechte Wesen und sind sie Abgerichtet, wie sichs gehört, dann sollen sie täglich Speise holen und bringen und soll im Hause nichts fehlen, Denn sie schlagen mir nach und spielen grimmige Spiele. Wenn sies beginnen, so ziehn den kürzern die übrigen Tiere, An der Kehle fühlt sie der Gegner und zappelt nicht lange: Das ist Reinekens Art und Spiel. Auch greifen sie hastig, Und ihr Sprung ist gewiß; das dünkt mich eben das Rechte!
Grimbart sprach: Es gereichet zur Ehre, und mag man sich freuen, Kinder zu haben, wie man sie wünscht, und die zum Gewerbe Bald sich gewöhnen, den Eltern zu helfen. Ich freue mich herzlich, Sie von meinem Geschlechte zu wissen, und hoffe das Beste. Mag es für heute bewenden, versetzte Reineke: gehn wir Schlafen, denn alle sind müd und Grimbart besonders ermattet. Und sie legten sich nieder im Saale, der über und über War mit Heu und Blättern bedeckt, und schliefen zusammen.
Aber Reineke wachte vor Angst; es schien ihm die Sache Guten Rats zu bedürfen, und sinnend fand ihn der Morgen. Und er hub vom Lager sich auf und sagte zu seinem Weibe: Betrübt Euch nicht! es hat mich Grimbart gebeten, Mit nach Hofe zu gehn; Ihr bleibet ruhig zu Hause. Redet jemand von mir, so kehret es immer zum besten Und verwahret die Burg, so ist uns allen geraten.
Und Frau Ermelyn sprach: Ich find es seltsam! Ihr wagt es Wieder nach Hofe zu gehn, wo Eurer so übel gedacht wird. Seid Ihr genötigt? Ich seh es nicht ein, bedenkt das Vergangne!
Freilich, sagte Reineke drauf: es war nicht zu scherzen! Viele wollten mir übel, ich kam in große Bedrängnis; Aber mancherlei Dinge begegnen unter der Sonne. Wider alles Vermuten erfährt man dieses und jenes, Und wer was zu haben vermeint, vermißt es auf einmal. Also laßt mich nur gehn, ich habe dort manches zu schaffen. Bleibet ruhig, das bitt ich Euch sehr, Ihr habet nicht nötig, Euch zu ängstigen. Wartet es ab! Ihr sehet, mein Liebchen, Ist es mir immer nur möglich, in fünf, sechs Tagen mich wieder. Und so schied er von dannen, begleitet von Grimbart, dem Dachse.
Achter Gesang
Weiter gingen sie nun zusammen über die Heide, Grimbart und Reineke, grade den Weg zum Schlosse des Königs. Aber Reineke sprach: Es falle, wie es auch wolle, Diesmal ahndet es mir, die Reise führet zum besten.
Lieber Oheim, höret mich nun! Seitdem ich zum letzten Euch gebeichtet, verging ich mich wieder in sündigem Wesen; Höret Großes und Kleines, und was ich damals vergessen.
Von dem Leibe des Bären und seinem Felle verschafft ich Mir ein tüchtiges Stück; es ließen der Wolf und die Wölfin Ihre Schuhe mir ab; so hab ich mein Mütchen gekühlet. Meine Lüge verschaffte mir das, ich wußte den König Aufzubringen und hab ihn dabei entsetzlich betrogen: Denn ich erzählt ihm ein Märchen, und Schätze wußt ich zu dichten. Ja, ich hatte daran nicht genug, ich tötete Lampen, Ich bepackte Bellyn mit dem Haupt des Ermordeten; grimmig Sah der König auf ihn, er mußte die Zeche bezahlen. Und das Kaninchen, ich drückt es gewaltig hinter die Ohren, Daß es beinah das Leben verlor, und war mir verdrießlich, Daß es entkam. Auch muß ich bekennen, die Krähe beklagt sich Nicht mit Unrecht, ich habe Frau Scharfenebbe, sein Weibchen, Aufgegessen. Das hab ich begangen, seitdem ich gebeichtet. Aber damals vergaß ich nur eines, ich will es erzählen, Eine Schalkheit, die ich beging, Ihr müßt sie erfahren, Denn ich möchte nicht gern so etwas tragen; ich lud es Damals dem Wolf auf den Rücken. Wir gingen nämlich zusammen Zwischen Kackyß und Elverdingen, da sahn wir von weitem Eine Stute mit ihrem Fohlen, und eins wie das andre Wie ein Rabe so schwarz; vier Monat mochte das Fohlen Alt sein. Und Isegrim war vom Hunger gepeinigt, da bat er: Fraget mir doch, verkauft uns die Stute nicht etwa das Fohlen? Und wie teuer? Da ging ich zu ihr und wagte das Stückchen. Liebe Frau Mähre, sagt ich zu ihr: das Fohlen ist Euer, Wie ich weiß; verkauft Ihr es wohl? Das möcht ich erfahren. Sie versetzte: Bezahlt Ihr es gut, so kann ich es missen, Und die Summe, für die es mir feil ist, Ihr werdet sie lesen, Hinten steht sie geschrieben an meinem Fuße. Da merkt ich, Was sie wollte, versetzte darauf: Ich muß Euch bekennen, Lesen und Schreiben gelingt mir nicht eben so, wie ich es wünschte. Auch begehr ich des Kindes nicht selbst: denn Isegrim möchte Das Verhältnis eigentlich wissen; er hat mich gesendet.
Laßt ihn kommen! versetzte sie drauf. er soll es erfahren.
Und ich ging, und Isegrim stand und wartete meiner. Wollt Ihr Euch sättigen, sagt ich zu ihm: so geht nur, die Mähre Gibt Euch das Fohlen, es steht der Preis am hinteren Fuße Unten geschrieben; ich möchte nur, sagte sie, selber da nachsehn. Aber zu meinem Verdruß mußt ich schon manches versäumen, Weil ich nicht lesen und schreiben gelernt. Versucht es, mein Oheim, Und beschauet die Schrift, Ihr werdet vielleicht sie verstehen.
Isegrim sagte: Was sollt ich nicht lesen! das wäre mir seltsam! Deutsch, Latein und Welsch, sogar Französisch versteh ich: Denn in Erfurt hab ich mich wohl zur Schule gehalten, Bei den Weisen, Gelahrten, und mit den Meistern des Rechtes Fragen und Urteil gestellt; ich habe meine Lizenzen Förmlich genommen, und was für Skripturen man immer auch findet, Les ich, als wär es mein Name. Drum wird es mir heute nicht fehlen. Bleibet, ich geh und lese die Schrift, wir wollen doch sehen!
Und er ging und fragte die Frau: Wie teuer das Fohlen? Macht es billig! Sie sagte darauf: Ihr dürft nur die Summe Lesen, sie stehet geschrieben an meinem hinteren Fuße. Laßt mich sehen! versetzte der Wolf. Sie sagte: Das tu ich! Und sie hub den Fuß empor aus dem Grase, der war erst Mit sechs Nägeln beschlagen; sie schlug gar richtig und fehlte Nicht ein Härchen, sie traf ihm den Kopf, er stürzte zur Erden, Lag betäubt wie tot. Sie aber eilte von dannen,
Was sie konnte. So lag er verwundet, es dauerte lange.
Eine Stunde verging, da regt' er sich wieder und heulte Wie ein Hund. Ich trat ihm zur Seite und sagte: Herr Oheim, Wo ist die Stute? Wie schmeckte das Fohlen? Ihr habt Euch gesättigt, Habt mich vergessen! Ihr tatet nicht wohl: ich brachte die Botschaft! Nach der Mahlzeit schmeckte das Schläfchen. Wie lautete, sagt mir, Unter dem Fuße die Schrift? Ihr seid ein großer Gelehrter.
Ach, versetzt' er: spottet Ihr noch? Wie bin ich so übel Diesmal gefahren! Es sollte fürwahr ein Stein sich erbarmen. Die langbeinige Mähre! Der Henker mags ihr bezahlen! Denn der Fuß war mit Eisen beschlagen, das waren die Schriften! Neue Nägel! Ich habe davon sechs Wunden im Kopfe.
Kaum behielt er sein Leben. Ich habe nun alles gebeichtet. Lieber Neffe! vergebet mir nun die sündigen Werke! Wie es bei Hofe gerät, ist mißlich; aber ich habe Mein Gewissen befreit und mich von Sünden gereinigt. Saget nun, wie ich mich beßre, damit ich zu Gnaden gelänge.
Grimbart sprach: Ich find Euch von neuem mit Sünden beladen. Doch es werden die Toten nicht wieder lebendig; es wäre Freilich besser, wenn sie noch lebten. So will ich, mein Oheim, In Betrachtung der schrecklichen Stunde, der Nähe des Todes, Der Euch droht, die Sünde vergeben als Diener des Herren: Denn sie streben Euch nach mit Gewalt, ich fürchte das Schlimmste, Und man wird Euch vor allem das Haupt des Hasen gedenken! Große Dreistigkeit war es, gestehts, den König zu reizen, Und es schadet Euch mehr, als Euer Leichtsinn gedacht hat.
Nicht ein Haar! versetzte der Schelm: und daß ich Euch sage, Durch die Welt sich zu helfen, ist ganz was Eignes; man kann sich Nicht so heilig bewahren als wie im Kloster, das wißt Ihr. Handelt einer mit Honig, er leckt zuweilen die Finger. Lampe reizte mich sehr; er sprang herüber, hinüber, Mir vor den Augen herum, sein fettes Wesen gefiel mir, Und ich setzte die Liebe beiseite. So gönnt ich Bellynen Wenig Gutes. Sie haben den Schaden; ich habe die Sünde. Aber sie sind zum Teil auch so plump, in jeglichen Dingen Grob und stumpf. Ich sollte noch viel Zeremonien machen? Wenig Lust behielt ich dazu. Ich hatte von Hofe Mich mit ängsten gerettet und lehrte sie dieses und jenes, Aber es wollte nicht fort. Zwar jeder sollte den Nächsten Lieben, das muß ich gestehn; indessen achtet ich diese Wenig, und tot ist tot, so sagt Ihr selber. Doch laßt uns Andre Dinge besprechen; es sind gefährliche Zeiten. Denn wie geht es von oben herab? Man soll ja nicht reden; Doch wir andern merken darauf und denken das Unsre.
Raubt der König ja selbst so gut als einer, wir wissens; Was er selber nicht nimmt, das läßt er Bären und Wölfe Holen und glaubt, es geschähe mit Recht. Da findet sich keiner, Der sich getraut, ihm die Wahrheit zu sagen—so weit hinein ist es Böse—kein Beichtiger, kein Kaplan; sie schweigen! Warum das? Sie genießen es mit, und wär nur ein Rock zu gewinnen. Komme dann einer und klage! der haschte mit gleichem Gewinne Nach der Luft, er tötet die Zeit und beschäftigte besser Sich mit neuem Erwerb. Denn fort ist fort, und was einmal Dir ein Mächtiger nimmt, das hast du besessen. Der Klage Gibt man wenig Gehör, und sie ermüdet am Ende. Unser Herr ist der Löwe, und alles an sich zu reißen, Hält er seiner Würde gemäß. Er nennt uns gewöhnlich Seine Leute: fürwahr, das Unsre, scheint es, gehört ihm!
Darf ich reden, mein Oheim? Der edle König, er liebt sich Ganz besonders Leute, die bringen und die nach der Weise, Die er singt, zu tanzen verstehn. Man sieht es zu deutlich. Daß der Wolf und der Bär zum Rate wieder gelangen, Schadet noch manchem. Sie stehlen und rauben, es liebt sie der König; Jeglicher sieht es und schweigt: er denkt, an die Reihe zu kommen. Mehr als vier befinden sich so zur Seite des Herren, Ausgezeichnet vor allen, sie sind die Größten am Hofe. Nimmt ein armer Teufel, wie Reineke, irgendein Hühnchen, Wollen sie alle gleich über ihn her, ihn suchen und fangen, Und verdammen ihn laut mit Einer Stimme zum Tode. Kleine Diebe hängt man so weg, es haben die großen Starken Vorsprung, mögen das Land und die Schlösser verwalten. Sehet, Oheim, bemerk ich nun das und sinne darüber, Nun, so spiel ich halt auch mein Spiel und denke daneben Öfters bei mir: es muß ja wohl recht sein, tuns doch so viele! Freilich regt sich dann auch das Gewissen und zeigt mir von ferne Gottes Zorn und Gericht und läßt mich das Ende bedenken. Ungerecht Gut, so klein es auch sei, man muß es erstatten. Und da fühl ich denn Reu im Herzen; doch währt es nicht lange. Ja, was hilft dichs, der Beste zu sein, es bleiben die Besten Doch nicht unberedet in diesen Zeiten vom Volke. Denn es weiß die Menge genau nach allem zu forschen, Niemand vergessen sie leicht, erfinden dieses und jenes; Wenig Gutes ist in der Gemeine, und wirklich verdienen Wenige drunter auch gute, gerechte Herren zu haben. Denn sie singen und sagen vom Bösen immer und immer; Auch das Gute wissen sie zwar von großen und kleinen Herren, doch schweigt man davon, und selten kommt es zur Sprache. Doch das Schlimmste find ich den Dünkel des irrigen Wahnes, Der die Menschen ergreift: es könne jeder im Taumel Seines heftigen Wollens die Welt beherrschen und richten. Hielte doch jeder sein Weib und seine Kinder in Ordnung, Wüßte sein trotzig Gesinde zu bändigen, könnte sich stille, Wenn die Toren verschwenden, in mäßigem Leben erfreuen! Aber wie sollte die Welt sich verbessern? Es läßt sich ein jeder Alles zu und will mit Gewalt die andern bezwingen. Und so sinken wir tiefer und immer tiefer ins Arge. Afterreden, Lug und Verrat und Diebstahl und falscher Eidschwur, Rauben und Morden, man hört nichts anders erzählen. Falsche Propheten und Heuchler betrügen schändlich die Menschen.
Jeder lebt nur so hin! und will man sie treulich ermahnen, Nehmen sies leicht und sagen auch wohl: Ei, wäre die Sünde Groß und schwer, wie hier und dort uns manche Gelehrte Predigen, würde der Pfaffe die Sünde selber vermeiden. Sie entschuldigen sich mit bösem Exempel und gleichen Gänzlich dem Affengeschlecht, das, nachzuahmen geboren, Weil es nicht denket und wählt, empfindlichen Schaden erduldet.
Freilich sollten die geistlichen Herren sich besser betragen! Manches könnten sie tun, wofern sie es heimlich vollbrächten: Aber sie schonen uns nicht, uns andre Laien, und treiben Alles, was ihnen beliebt, vor unsern Augen, als wären Wir mit Blindheit geschlagen; allein wir sehen zu deutlich, Ihre Gelübde gefallen den guten Herren so wenig, Als sie dem sündigen Freunde der weltlichen Werke behagen.
Denn so haben über den Alpen die Pfaffen gewöhnlich Eigens ein Liebchen; nicht weniger sind in diesen Provinzen, Die sich sündlich vergehn. Man will mir sagen, sie haben Kinder wie andre verehlichte Leute; und sie zu versorgen, Sind sie eifrig bemüht und bringen sie hoch in die Höhe. Diese denken hernach nicht weiter, woher sie gekommen, Lassen niemand den Rang und gehen stolz und gerade, Eben als wären sie edlen Geschlechts, und bleiben der Meinung, Ihre Sache sei richtig. So pflegte man aber vor diesem Pfaffenkinder so hoch nicht zu halten; nun heißen sie alle Herren und Frauen. Das Geld ist freilich alles vermögend.
Selten findet man fürstliche Lande, worin nicht die Pfaffen Zölle und Zinsen erhüben und Dörfer und Mühlen benutzten. Diese verkehren die Welt, es lernt die Gemeine das Böse: Denn man sieht, so hält es der Pfaffe, da sündiget jeder, Und vom Guten leitet hinweg ein Blinder den andern. Ja, wer merkte denn wohl die guten Werke der frommen Priester, und wie sie die heilige Kirche mit gutem Exempel Auferbauen? Wer lebt nun darnach? Man stärkt sich im Bösen. So geschieht es im Volke, wie sollte die Welt sich verbessern?
Aber höret mich weiter. Ist einer unecht geboren, Sei er ruhig darüber, was kann er weiter zur Sache? Denn ich meine nur so, versteht mich. Wird sich ein solcher Nur mit Demut betragen und nicht durch eitles Benehmen Andre reizen, so fällt es nicht auf, und hätte man unrecht, Über dergleichen Leute zu reden. Es macht die Geburt uns Weder edel noch gut, noch kann sie zur Schande gereichen. Aber Tugend und Laster, sie unterscheiden die Menschen. Gute, gelehrte geistliche Männer, man hält sie, wie billig, Hoch in Ehren, doch geben die bösen ein böses Exempel. Predigt so einer das Beste, so sagen doch endlich die Laien: Spricht er das Gute und tut er das Böse, was soll man erwählen? Auch der Kirche tut er nichts Gutes, er prediget jedem: Leget nur aus und bauet die Kirche; das rat ich, ihr Lieben, Wollt ihr Gnade verdienen und Ablaß! so schließt er die Rede, Und er legt wohl wenig dazu, ja gar nichts, und fiele Seinetwegen die Kirche zusammen. So hält er denn weiter Für die beste Weise zu leben, sich köstlich zu kleiden, Lecker zu essen. Und hat sich so einer um weltliche Sachen Übermäßig bekümmert, wie will er beten und singen? Gute Priester sind täglich und stündlich im Dienste des Herren Fleißig begriffen und üben das Gute; der heiligen Kirche Sind sie nütze, sie wissen die Laien durch gutes Exempel Auf dem Wege des Heils zur rechten Pforte zu leiten.
Aber ich kenne denn auch die Bekappten; sie plärren und plappern Immer zum Scheine so fort und suchen immer die Reichen, Wissen den Leuten zu schmeicheln und gehn am liebsten zu Gaste. Bittet man einen, so kommt auch der zweite; da finden sich weiter Noch zu diesen zwei oder drei. Und wer in dem Kloster Gut zu schwatzen versteht, der wird im Orden erhoben, Wird zum Lesemeister, zum Kustos oder zum Prior. Andere stehen beiseite. Die Schüsseln werden gar ungleich Aufgetragen. Denn einige müssen des Nachts in dem Chore Singen, lesen, die Gräber umgehn; die anderen haben Guten Vorteil und Ruh und essen die köstlichen Bissen.
Und die Legaten des Papstes, die äbte, Pröpste, Prälaten, Die Beguinen und Nonnen, da wäre vieles zu sagen! Überall heißt es: Gebt mir das Eure und laßt mir das Meine. Wenige finden sich wahrlich, nicht sieben, welche der Vorschrift Ihres Ordens gemäß ein heiliges Leben beweisen. Und so ist der geistliche Stand gar schwach und gebrechlich.
Oheim! sagte der Dachs: ich find es besonders, Ihr beichtet Fremde Sünden. Was will es Euch helfen? Mich dünket, es wären Eurer eignen genug. Und sagt mir, Oheim, was habt Ihr Um die Geistlichkeit Euch zu bekümmern, und dieses und jenes? Seine Bürde mag jeglicher tragen, und jeglicher gebe Red und Antwort, wie er in seinem Stande die Pflichten Zu erfüllen strebt; dem soll sich niemand entziehen, Weder Alte noch Junge, hier außen oder im Kloster. Doch Ihr redet zu viel von allerlei Dingen und könntet Mich zuletzt zum Irrtum verleiten. Ihr kennet vortrefflich, Wie die Welt nun besteht und alle Dinge sich fügen; Niemand schickte sich besser zum Pfaffen. Ich käme mit andern Schafen, zu beichten bei Euch und Eurer Lehre zu horchen, Eure Weisheit zu lernen; denn freilich muß ich gestehen: Stumpf und grob sind die meisten von uns und hättens vonnöten.
Also hatten sie sich dem Hofe des Königs genähert. Reineke sagte: So ist es gewagt! und nahm sich zusammen. Und sie begegneten Martin, dem Affen, der hatte sich eben Aufgemacht und wollte nach Rom; er grüßte die beiden. Lieber Oheim, fasset ein Herz! so sprach er zum Fuchse, Fragt' ihn dieses und jenes, obschon ihm die Sache bekannt war. Ach, wie ist mir das Glück in diesen Tagen entgegen! Sagte Reineke drauf da haben mich etliche Diebe Wieder beschuldigt, wer sie auch sind, besonders die Krähe Mit dem Kaninchen; sein Weib verlor das eine, dem andern Fehlt ein Ohr. Was kümmert mich das? Und könnt ich nur selber Mit dem Könige reden, sie beide solltens empfinden. Aber mich hindert am meisten, daß ich im Banne des Papstes Leider noch bin. Nun hat in der Sache der Dompropst die Vollmacht, Der beim Könige gilt. Und in dem Banne befind ich Mich um Isegrims willen, der einst ein Klausner geworden, Aber dem Kloster entlief, von Elkmar, wo er gewohnet. Und er schwur, so könnt er nicht leben, man halt ihn zu strenge, Lange könn er nicht fasten und könne nicht immer so lesen. Damals half ich ihm fort. Es reut mich; denn er verleumdet Mich beim Könige nun und sucht mir immer zu schaden. Soll ich nach Rom? Wie werden indes zu Hause die Meinen In Verlegenheit sein! Denn Isegrim kann es nicht lassen, Wo er sie findet, beschädigt er sie. Auch sind noch so viele, Die mir übels gedenken und sich an die Meinigen halten. Wär ich aus dem Banne gelöst, so hätt ich es besser, Könnte gemächlich mein Glück bei Hofe wieder versuchen.
Martin versetzte: Da kann ich Euch helfen, es trifft sich! Soeben Geh ich nach Rom und nütz Euch daselbst mit künstlichen Stücken. Unterdrücken laß ich Euch nicht! Als Schreiber des Bischofs, Dünkt mich, versteh ich das Werk. Ich schaffe, daß man den Dompropst Grade nach Rom zitiert, da will ich gegen ihn fechten. Seht nur, Oheim, ich treibe die Sache und weiß sie zu leiten; Exequieren laß ich das Urteil, Ihr werdet mir sicher Absolviert, ich bring es Euch mit; es sollen die Feinde Übel sich freun und ihr Geld zusamt der Mühe verlieren: Denn ich kenne den Gang der Dinge zu Rom und verstehe, Was zu tun und zu lassen. Da ist Herr Simon, mein Oheim, Angesehn und mächtig; er hilft den guten Bezahlern. Schalkefund, das ist ein Herr! und Doktor Greifzu und andre, Wendemantel und Losefund hab ich alle zu Freunden. Meine Gelder schickt ich voraus; denn, seht nur, so wird man Dort am besten bekannt. Sie reden wohl von Zitieren:
Aber das Geld begehren sie nur. Und wäre die Sache Noch so krumm, ich mache sie grad mit guter Bezahlung. Bringst du Geld, so findest du Gnade; sobald es dir mangelt, Schließen die Türen sich zu. Ihr bleibet ruhig im Lande; Eurer Sache nehm ich mich an, ich löse den Knoten. Geht nur nach Hofe, Ihr werdet daselbst Frau Rückenau finden, Meine Gattin; es liebt sie der König, unser Gebieter, Und die Königin auch, sie ist behenden Verstandes. Sprecht sie an, sie ist klug, verwendet sich gerne für Freunde. Viele Verwandte findet Ihr da. Es hilft nicht immer, Recht zu haben. Ihr findet bei ihr zwei Schwestern, und meiner Kinder sind drei, daneben noch manche von Eurem Geschlechte, Euch zu dienen bereit, wie Ihr es immer begehret. Und versagte man Euch das Recht, so sollt Ihr erfahren, Was ich vermag. Und wenn man Euch druckt, berichtet mirs eilig! Und ich lasse das Land in Bann tun, den König und alle Weiber und Männer und Kinder. Ein Interdikt will ich senden, Singen soll man nicht mehr, noch Messe lesen, noch taufen, Noch begraben, was es auch sei. Des tröstet Euch, Neffe!
Denn der Papst ist alt und krank und nimmt sich der Dinge Weiter nicht an, man achtet ihn wenig. Auch hat nun am Hofe Kardinal Ohnegenüge die ganze Gewalt, der ein junger Rüstiger Mann ist, ein feuriger Mann von schnellem Entschlusse. Dieser liebt ein Weib, das ich kenne; sie soll ihm ein Schreiben Bringen, und was sie begehrt, das weiß sie trefflich zu machen. Und sein Schreiber Johannes Partey, der kennt aufs genauste Alte und neue Münze; dann Horchegenau, sein Geselle, Ist ein Hofmann; Schleifenundwenden ist Notarius. Bakkalaureus beider Rechte, und bleibt er nur etwa Noch ein Jahr, so ist er vollkommen in praktischen Schriften. Dann sind noch zwei Richter daselbst, die heißen Moneta Und Donarius; sprechen sie ab, so bleibt es gesprochen.
So verübt man in Rom gar manche Listen und Tücken, Die der Papst nicht erfährt. Man muß sich Freunde verschaffen! Denn durch sie vergibt man die Sünden und löset die Völker Aus dem Banne. Verlaßt Euch darauf, mein wertester Oheim! Denn es weiß der König schon lang, ich laß Euch nicht fallen;
Eure Sache führ ich hinaus und bin es vermögend. Ferner mag er bedenken, es sind gar viele den Affen Und den Füchsen verwandt, die ihn am besten beraten, Und das hilft Euch gewiß, es gehe, wie es auch wolle.
Reineke sprach: Das tröstet mich sehr; ich denk es Euch wieder, Komm ich diesmal nur los. Und einer empfahl sich dem andern. Ohne Geleit ging Reineke nun mit Grimbart, dem Dachse, Nach dem Hofe des Königs, wo man ihm übel gesinnt war.
Neunter Gesang
Reineke war nach Hofe gelangt, er dachte die Klagen Abzuwenden, die ihn bedrohten. Doch als er die vielen Feinde beisammen erblickte, wie alle standen und alle Sich zu rächen begehrten und ihn am Leben zu strafen, Fiel ihm der Mut; er zweifelte nun, doch ging er mit Kühnheit Grade durch alle Baronen, und Grimbart ging ihm zur Seite. Sie gelangten zum Throne des Königs, da lispelte Grimbart: Seid nicht furchtsam Reineke, diesmal; gedenket: dem Blöden Wird das Glück nicht zuteil, der Kühne sucht die Gefahr auf Und erfreut sich mit ihr; sie hilft ihm wieder entkommen. Reineke sprach: Ihr sagt mir die Wahrheit, ich danke zum schönsten Für den herrlichen Trost, und komm ich wieder in Freiheit, Werd ichs gedenken. Er sah nun umher, und viele Verwandte Fanden sich unter der Schar, doch wenige Gönner, den meisten Pflegt' er übel zu dienen; ja, unter den Ottern und Bibern, Unter Großen und Kleinen trieb er sein schelmisches Wesen. Doch entdeckt' er noch Freunde genug im Saale des Königs.
Reineke kniete vorm Throne zur Erden und sagte bedächtig: Gott, dem alles bekannt ist und der in Ewigkeit mächtig Bleibt, bewähr Euch, mein Herr und König, bewahre nicht minder Meine Frau, die Königin, immer, und beiden zusammen Geb er Weisheit und gute Gedanken, damit sie besonnen Recht und Unrecht erkennen; denn viele Falschheit ist jetzo Unter den Menschen im Gange. Da scheinen viele von außen, Was sie nicht sind. O hätte doch jeder am Vorhaupt geschrieben, Wie er gedenkt, und säh es der König! da würde sich zeigen, Daß ich nicht lüge und daß ich Euch immer zu dienen bereit bin. Zwar verklagen die Bösen mich heftig; sie möchten mir gerne Schaden und Eurer Huld mich berauben, als wär ich derselben Unwert. Aber ich kenne die strenge Gerechtigkeitsliebe Meines Königs und Herrn, denn ihn verleitete keiner Je, die Wege des Rechtes zu schmälern; so wird es auch bleiben.
Alles kam und drängte sich nun, ein jeglicher mußte Reinekens Kühnheit bewundern, es wünscht' ihn jeder zu hören; Seine Verbrechen waren bekannt, wie wollt er entrinnen?