Rittmeister Brand und Bertram Vogelweid, Zwei Erzählungen

Marie von Ebner-Eschenbach · Kapitel 3 von 4 · Teil 4/4

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Rittmeister Brand und Bertram Vogelweid, Zwei Erzählungen

Mary von Hannover

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.

XVI.

 

Die ganze folgende Woche hindurch kam Brand regelmäßig, um Georg abzuholen. Er übernahm ihn am Morgen an der Thür und gab ihn Abends an der Thür wieder ab. Der Kleine kehrte täglich mit einem größeren Wiesen- und Waldblumenstrauß heim, und auch täglich munterer, mit frischeren Augen, rosig angehauchten Wangen.

Das Porträt, das er an jenem Tage, an dem die Anwesenheit Brand’s seinen Unmuth erregt, in die tiefste Tiefe des Malkastens verbannt hatte, kam wieder zum Vorschein; Georg strichelte so lange daran, bis der Kopf und der geheimnißvolle Hintergrund, von dem man nicht wußte, ob er einen Gewitterhimmel mit Geisterschlacht, oder ganz einfach die Zimmerwand vorstellen sollte, ganz schwarz wurden. Aber Ähnlichkeit mit einem ins Mohrenhafte übersetzten Dietrich Brand war da, und nach einiger Zeit befestigte der Knabe das Bild an der Wand neben seinem Bette und schlief unter den rabendunkeln Augen des neuen Freundes ein. Freilich nur, um bald wieder zu erwachen. Ruhiger, gesunder Schlaf wollte sich weniger als je einfinden. In seinen Träumen setzte Georg die Wanderungen mit dem »Herrn Rittmeister« fort, lachte laut über die tollen Sprünge eines aufgescheuchten Häsleins, fuhr auf mit einem gellenden Schrei, weil er eine Schlange heranschleichen und sich ringeln sah auf seiner Bettdecke. Kaum beschwichtigt und wieder eingeschlummert, übte er im Schlafe seine neueste Kunst, ahmte den Schlag der Nachtigall nach, den Sang der Drossel, das zierliche Gezwitscher der Meise. Es klang eigen, lieblich und unheimlich zugleich, und Sophie fragte sich, ob ihrem armen Kinde auch die Freude, die es jetzt genoß, zum Unsegen werden sollte.

Die Bedenkzeit war um; am achten Tage kam Sophie selbst, den Touristen die Thür zu öffnen und Brand fragte:

»Was werden Sie beschließen?«

»Ich habe schon beschlossen, ich habe heute mein Amt angetreten.«

Dietrich fuhr zusammen. Ihm war, als stände er nicht mehr vor ihr an ihrer Schwelle, als sei sie ihm in weite Ferne gerückt, als hätte eine Kluft sich plötzlich zwischen ihnen aufgethan. Und in der war versunken, was ihm mehr, als er selbst es gewußt, die letzte Zeit hindurch das Leben erhellt hatte – eine leise und hold schimmernde Hoffnung auf zukünftiges Glück.

»So?« sprach er. »So? ... Ganz recht, Sie sind Ihr eigener Herr.«

Sie war’s und wollte es bleiben; hätte sie ihm das deutlicher beweisen können? Sein Rath, sein Wunsch, seine Bitten galten ihr nichts. Nun ja, wenn einem ein Mensch gleichgültig ist! Denke den Gedanken nur aus – eine erloschene Neigung läßt sich nicht wieder anfachen, nie. Dietrich verbarg seine schmerzvolle Enttäuschung; er lächelte nur sehr traurig, als Frau von Müller sagte:

»Sie sind im Begriff, meinem Kind zu Liebe Ihr Behagen aufzugeben, Ihre Freiheit, und ich sollte dieses große Opfer annehmen und selbst nicht das kleinste bringen? Es ist unmöglich. O, Herr Rittmeister, Sie an meiner Stelle würden das auch finden, Sie würden genau so fühlen und handeln wie ich.«

Brand erwiderte, daß er nicht im Stande sei, sich in die Empfindungsweise einer Dame hinein zu versetzen. Übrigens verstehe es sich von selbst, daß Sophie nichts Anderes thun könne und dürfe als das, was sie für das Rechte halte.

Er nahm Abschied und war ein wenig erbittert und fest entschlossen, mit sich fertig zu werden. Es mußte ihm gelingen, es gelingt jedem tüchtigen Menschen, dem eine schöne Aufgabe gestellt ist, an deren Erfüllung er mit ganzer Liebe geht, die ihn abzieht von der Grübelei über das eigene Wohl und Weh und dem thörichten Hangen und Bangen nach Unerreichbarem. Diese Aufgabe war zunächst: Georg an sich zu gewöhnen und die Eiswand ein- für allemal zum Schmelzen zu bringen, die immer noch von Zeit zu Zeit wie auf ein Zauberwort aus dem Boden stieg und sich zwischen ihm und dem Kinde aufstellte.

Dietrich warb um seine Zuneigung mit großer Kunst, mit stets bewährter Geduld, und mußte lange werben und durfte sich’s nie merken lassen, daß er warb. Er mußte ihn selbst herankommen lassen, den scheuen kleinen Menschen, der so viel Liebe brauchte und sich immer wieder in plötzlichen Anwandlungen des Mißtrauens von Dem abwendete, der ihm die reichste entgegen trug.

Der berühmte Kinderarzt, mit dem sich Brand seit der Geburt seines Täuflings befreundet hatte und dem er nun auch seinen Pflegesohn vorführte, empfahl die äußerste Sorgfalt. Gute Nahrung, gute Luft, Bewegung, aber keine Ermüdung, Beschäftigung, aber keine Anstrengung. So ein geschicktes Lootsen zwischen allen möglichen Klippen, schwer, schwer! – »Nun,« setzte er tröstend hinzu, als er den tieftraurigen Eindruck sah, den seine Worte auf Brand machten. »Sie bringen ihn vielleicht durch. Ein Erziehungskünstler sind Sie schon, jetzt müssen Sie noch das Krankenwarten erlernen. Schwächlich bleibt Ihnen der Bursch übrigens sein Lebtag.«

Schwächlich und einsam, dachte Brand. Georg paßte nicht in die Gesellschaft anderer Kinder; hülflos und fremd stand er bei den Samstag-Versammlungen, betheiligte sich nicht an den Spielen der Kinder, sah ihnen nur aufmerksam zu, und dabei verklärte gar oft ein Aufleuchten der Freude, der Liebe, der Bewunderung sein stilles Gesichtchen. Die Kinder wußten diese platonische Theilnahme nicht zu schätzen. Die Mädchen lachten ihn aus, die Buben neckten ihn, vor denen mußte ihn Brand fortwährend retten.

»Wehr’ Dich!« rief er ihm einmal zu, als ein übermüthiger Junge sich vor ihn hinstellte, ihn zum Kampf herausforderte und ihm statt aller anderen Präliminarien einen Faustschlag versetzte.

»Wehr’ Dich!« wiederholte Brand.

Georg richtete einen seltsam fragenden, überlegenden Blick auf ihn, schüttelte den Kopf und sprach: »Nein, laß’ ihn, den Armen.«

Was ging in ihm vor? Verstand er, was er da sagte? Woher kam ihm die Offenbarung, daß Unrecht thun mehr Qual in sich birgt als Unrecht erfahren, und bedauerte er deshalb den Knaben, der ihn schlug?

Ein solcher Mitleidskünstler sollte dieser kleine Georg sein, dem jede sentimentale Weichlichkeit fern lag, der, wie manches von Geburt an kränkliche Kind, körperliche Schmerzen mit klaglosem Heldenmuth ertrug? Er hatte kaum gezuckt, als die Faust des Angreifers auf ihn niederfiel, er hätte sich als Mann nicht anders benehmen können, wenn die schwere Hand des Schicksals ihn getroffen hätte.

Die Zeit, zu der Dietrich in den vergangenen Jahren seine Sommerreise angetreten hatte, war vorbei, und noch immer traf er nicht die geringste Vorbereitung, die Stadt zu verlassen. Frau Peters und ihr pausbäckiger Junge residirten schon seit einigen Wochen im Hochparterre der Villa in Neuwaldegg, die seit dem Tode der Eltern Brands leer gestanden hatte. Magdalena kam wöchentlich zweimal, um »im Geschäft« nachzusehen, das in ihrer Abwesenheit von der »Kusin« geführt wurde, und versäumte nie, Dietrich zu besuchen und zu ermahnen.

»Kommen’s doch hinaus, Herr Rittmeister, ’s is ja Sünd und Schad, so ein schönes Haus, und Niemand drin als ich und mein kleiner Bub. So ein schöner Garten, und wenn ich Abends da sitz allein unter den Buchen, da mein ich ordentlich, ich hör’ sie lamentiren, um ihren Herrn.«

»Glauben Sie das, Frau Peters,« erwiderte Brand. »Sie hören die Buchen um Jemand ganz Andern lamentiren als um mich.«

Magdalena erröthete und sprach resolut: »Daß ich nix dagegen hätt, wenn mein Mann da wär, das ist natürlich, aber auch Sie, Herr Rittmeister, gehören zu uns. Wenn einem der liebe Gott so was Schönes beschert, will er auch, daß man was davon hat. Auf so einen Besitz, so einen prächtigen, g’hören mehr Leut hin als wir Zwei, mein Peterl und ich.«

Brand wußte wohl, wer seiner Meinung nach »hingehörte«, wen er am Liebsten durch die Zimmer schreiten sähe, die ihm so traut belebt wurden durch die Erinnerung an seine Eltern. Er wußte, wem er am Liebsten gesagt hätte: Tritt ein, nicht als Gast, nein, als Gebieterin, und verwandle mir mein verödetes Eigenthum in ein trautes Zuhause. Sophie hielt ihn aber viel zu kurz, als daß er eine Anspielung auf einen so kühnen Wunsch wagen durfte. Er getraute sich nicht einmal, von seinen peinigenden Sorgen um sie zu sprechen und sah doch, daß ihre Kräfte in dem selben Maße sanken, in dem ihr Eifer, die übernommene Aufgabe gut zu erfüllen, stieg. Daß diese Aufgabe keine leichte sein werde, darüber hatte sie sich nicht getäuscht, hatte im Voraus gewußt, daß sie sich die Stellung, die man ihr g a b , erst m a c h e n müsse. Es war eben ein Kampfplatz in Miniatur, auf dem sie stand. Sie hatte den passiven Widerstand der älteren Fräulein gegen eine »plötzlich hereingeschneite« Autorität zu erdulden und die Unbotmäßigkeit der jungen Fräulein zu besiegen.

»Und – was mir am Schwersten fällt,« sagte sie, »ich muß mich gewöhnen, die Arbeit, die ich immer mit Ernst und Sorgfalt gethan habe, von Anderen mit empörender Nachlässigkeit thun zu sehen, ohne sie ihnen aus der Hand nehmen und kurz und gut selbst fertig machen zu dürfen. Ich werde für etwas ganz Anderes bezahlt; ich soll lehren, leiten, heranbilden.«

»Lehren, leiten, heranbilden – unmöglich, wenn man Ihnen keine Macht einräumt,« erwiderte Brand nach einigem Nachdenken. »Ich staune nur, daß ein großes Etablissement wie das von Madame Vernon’s überhaupt bestehen kann ohne militärische Organisation.«

Sie lachte: »Schlecht und recht geht’s doch weiter, und was mich betrifft, ich muß und ich werde mich zurecht finden. Es ist Feigheit von mir, daß ich klage. Eines, die Hauptsache, hat sich von Anfang an so gut gemacht, wie ich’s besser gar nicht wünschen kann – der Chef ignorirt mich. Das verdanke ich Ihnen, auch

d a s ...«

»Wann werden Sie sich eine Erholung gönnen?« fiel Brand rasch und beinahe aggressiv ein. »Wann gedenken Sie Urlaub zu nehmen?«

»In diesem Jahre doch nicht, im ersten Jahre doch nicht. Am wenigsten doch jetzt, da in sechs Wochen der Schluß der Ateliers für fast zwei Monate während der saison morte bevorsteht.«

Mit dieser Antwort mußte er sich bescheiden und war in nicht eben rosiger Laune, als Madame Amélie nach langer Zeit einmal wieder einen Hülferuf ertönen und Brand zu sich bitten ließ.

Er traf sie in einem bejammernswerten Zustand. Sie lag auf dem Ruhebette, über dessen Lehne ihre langen dichten Haare, in Strähnen aufgelöst, hingen; sie stöhnte und hielt dem Eintretenden mit krampfhaft zuckenden Fingern einige zerknitterte, thränengetränkte Briefe entgegen:

»Eh bien – voilà!«

Sie wußte Alles. Ein Armenadvokat hatte sie in Kenntniß von der neuen Schlechtigkeit ihres Gatten gesetzt, der die jüngste und hübscheste unter den jungen Arbeiterinnen verführt, verlassen und, als sie ausblieb aus dem Atelier, schändlich verleumdet hatte bei seiner Frau. O, ihr graute, ihr ekelte vor ihm. Er war kein pauvre chéri mehr, er war Monsieur Weiß, der fripon, den sie verachtete, und von dem sie sich trennen wollte, auch wenn ihr Herz darüber in Stücke ginge.

»In Stücke, d a r ü b e r ? da müßte es doch ein recht zerbrechliches Ding sein. Ich aber halte es für ein stolzes und standhaftes Herz, das sich aus erniedrigenden Banden befreien wird. Gehört Heldenmuth dazu? Sie haben ihn, Sie sind gewiß nicht umsonst die Tochter des Landes, das so viele Heroïnen geboren hat.«

Amélie richtete sich auf, der Schmeichelei war sie noch am Rande der Verzweiflung zugänglich.

Dietrich fuhr eine Weile in gleichem Tone fort, warf sich dann aber auf das Praktische: »Wenn Sie diesen Menschen noch eine Zeit lang als Chef walten lassen, führt er eine Paschawirthschaft ein, verwandelt Ihre Ateliers in Harems. Die Achtung, in der Ihr Haus steht, geht verloren. Ihr sauer erworbenes Geld, das Sie guldenweise hereingebracht haben, fliegt zu Tausenden hinaus. Wofür, Allgerechter! Ihre Schande, die Sünden, die man an Ihnen begeht, werden damit bezahlt.«

Madame Amélie hörte ihm zu, rieb sich die Schläfen mit Migränestift, erröthete und erbleichte. Niemals hatte die Beredsamkeit Brands eine solche Wirkung auf sie ausgeübt, wie im Augenblick, in dem er gegen Herrn Eduard für ihr Geld plaidirte. Sie gab ihm in Allem Recht. Ja, es war aus und mußte aus sein! Elend hatte der fripon sie gemacht, zur Bettlerin sollte er sie nicht machen. Sie trennte sich von ihm, sie that’s, wenn es auch – von dieser Befürchtung kam sie nicht los – ihren Tod herbeiführen oder doch beschleunigen werde.

»Im Gegentheil!« rief Brand. »Die Kraft haben, eine nichtsnutzige Neigung auszurotten aus unserem Innersten, heißt den besten Beweis liefern, daß wir recht lebendig sind. Rotten Sie aus, Madame! Es wäre doch des Teufels, wenn Sie etwas Unwürdiges nicht ausrotten könnten!«

Amélie gerieth in Extase: »Helfen Sie mir, Monsieur Rittmeister Brand, nobles, großes Herz! Verlangen Sie von mir einen heiligen Eid, daß ich werde unerbittlich bleiben ...« Sie erhob die Schwurfinger: »Je jure ...«

Dietrich ließ sie nicht weiter reden: »Ein fester Vorsatz ist ein Eid und darum nicht weniger heilig, weil wir ihn nur uns selbst geleistet haben.«

Sie dankte ihm für dieses schöne Wort, sie war es werth, daß man ein so schönes Wort zu ihr sprach, denn sie hatte volles Verständniß für alles Schöne und überhaupt ein sehr feines Gefühl. Jetzt war aber nicht le moment, Gefühle zu haben, jetzt regierte kühle raison allein das Thun und Lassen Madame Vernons. In raschen Zügen entwarf sie ihren Zukunftsplan. Heute noch wollte sie ihren Geschäftsfreund beauftragen, die vorbereitenden Schritte zur Scheidung einzuleiten, morgen bestellte sie ihr Haus, setzte eine Regentschaft mit Fräulein Julie an der Spitze ein, übermorgen reiste sie. O seliger Tag! Tag der Befreiung aus entehrendem Joche! Übermorgen fuhr sie nach ihrem »Paris bien-aimé«, zu ihren Verwandten, von denen sie bei ihren alljährlichen Künstlerfahrten nach der Metropole der Intelligenz, der Erfindungsgabe, des Geschmacks immer mit offenen Armen empfangen, von denen sie verwöhnt, choyirt, adorirt wurde.

»Einen letzten Freundschaftsdienst erweisen Sie mir,« schloß sie. »Gehen Sie zu Ihm –«

»Zu wem? –«

Sie senkte die Augen: »Zu Monsieur Weiß. Sagen Sie ihm, daß ich ihn verachte und lieber sterben, als ihn auch nur einmal wiedersehen will. Sie aber, mon bon ami, Sie kommen, übermorgen Lebewohl sagen der armen Amélie.«

Er versprach, sich gewiß noch vor ihrer Abfahrt einzufinden, und ging hinüber ins Bureau.

Der Chef stand vor dem Pulte, auf dem das Hauptbuch aufgeschlagen war und beschäftigte sich damit, seine Ringe von einem Finger auf den andern zu stecken und gründlich zu erwägen, auf welchem sie den schönsten Effekt machten.

Brand kam mit sozusagen knirschenden Schritten auf ihn zu, bestellte die Botschaft Madame Amélies und gab die Erklärung ab: »Auch wenn Ihre Frau Gemahlin mich nicht dazu aufgefordert hätte, wäre ich gekommen, um Ihnen zu sagen: Was ich thun konnte, um Sie in das Nichts zurückzustoßen, aus dem eine Ihnen tausendfach überlegene Frau Sie in unbegreiflicher Verblendung gerissen hat, das habe ich gethan.«

Weiß war anfangs äußerst betroffen und rathlos gewesen, sammelte sich aber allmählich und suchte dem unerwarteten Angriff zu begegnen: »Zu gütig, zu viel Ehre für uns. Inkommodiren sich ... mischen sich in unsere kleinen ehelichen Zwistigkeiten.«

»Sie haben mich mißverstanden,« versetzte Brand. »Von kleinen Zwistigkeiten ist nicht die Rede. Ihre Frau trennt sich von Ihnen, sie reist, sie begiebt sich nach Paris, in den Schutz ihrer Familie.«

»So, sie reist? Allein, die Arme?« Eduard steckte seine Ringe definitiv auf den kleinen Finger der linken Hand. Er war in den Wiederbesitz seiner ganzen Dreistigkeit gelangt, hatte die Rolle gefunden, die er heute dem »alten Hofmeister Brand« gegenüber spielen wollte, die des vielerfahrenen Weltmanns. »Wird eine traurige Reise sein,« sagte er und stieß einen leichten Seufzer durch die Nase aus.

»Und ein trauriges Zurückbleiben für Sie.«

»Vielleicht auch nicht. Wenn aber – kann ich ja nachreisen. Kenne Paris noch nicht, sehe mir’s vielleicht an – zur Abwechslung. Wir Männer lieben die Abwechslung, sind einmal auf den Wechsel gestellt ... nicht alle. Es giebt auch Ausnahmen, zum Beispiel Sie. Sie sind für die Tugend, für das Väterliche.«

Er bebte zurück vor dem Blick, den Brand auf ihn richtete; er wich aus, als dieser sich ihm um einen Schritt näherte, aber seine aufgestachelte Frechheit errang doch den Sieg über seine Feigheit: »Seien Sie, wofür Sie wollen und thun Sie nach Ihrem Belieben, Herr Rittmeister, ich thu’ nach dem meinen.« Seine Stimme wurde immer sicherer, die Finger der ausgestreckten Hand spielten nachlässig mit dem Drücker der elektrischen Glocke, die auf dem Schreibtische stand – eine Bewegung, und Hülfe war da. Herr Weiß durfte viel wagen, er war in guter Hut.

So fuhr er denn, seine Worte manchmal gewaltsam hervorstoßend, fort: »Jedes Thierel hat sein Manierel, heißt’s im Sprichwort: Das vergessen Sie immer, Sie möchten den Katzen Flügel und den Vögeln Pfoten anerziehn. Lassen Sie das bleiben, Herr Rittmeister, Sie plagen sich und ändern doch nichts, lassen Sie die Katzen ungeschoren laufen und die Vögel ungeschoren fliegen.«

»Herr,« erwiderte Brand, »die beklagenswerthe Thatsache, daß es unverbesserliche Hallunken giebt, erschüttert mir nicht den Glauben an die Macht der Erziehung.«

Er sprach diese Worte ganz ruhig, er wunderte sich selbst, wie ruhig er geworden war und jetzt seiner Wege ging.

Da hatte er wieder eine Lektion bekommen: »Laß ihn, den Armen,« sagte sein kleiner, lieber Junge. »Lassen Sie mich ungeschoren, Sie ändern doch nichts an mir,« sagte Herr Eduard. Kam das nicht auf Eins heraus? War es nicht dasselbe?

Dasselbe und nicht dasselbe, es ist ein Unterschied in der Qualität, wie ein Unterschied ist zwischen dem Nichtwissen des Philosophen und der Unwissenheit des Laffen, zwischen dem in ringender Qual geborenen Unglauben des Denkers, und dem frechen Annichtsglauben des Galgenstricks.

XVII.

 

 

Die Zeit, in der geschienen hatte, daß die Gesundheit Georgs sich stärke, kindliche Lebenslust in ihm erwache, war vorbei. Er sank wieder zurück in die frühere, stille, wehmüthige Niedergeschlagenheit. Schlaf- und ruhelos bei Nacht, stand er nach kurzem Morgenschlummer auf, um bald in ein traumseliges Hindämmern zu gerathen, das ihm wohl that, aus dem er sich aber oft gewaltsam aufraffte oder aufzuraffen suchte. Er litt nicht, er sprach nie einen Wunsch aus, er lächelte, wenn Jemand sagte, er sei krank. Ach nein, er war nicht krank, ihm fehlte nichts, er war auch ganz glücklich, er war nur müd’, sehr müd’.

Einige Male hatte Brand den Nachmittag mit ihm in Neuwaldegg zugebracht, zum Entzücken des kleinen Dietrich Peters. Wenn der hörte: Der Herr Rittmeister kommt, war er vom Gartenthor nicht fortzubringen, preßte sein Gesichtchen an die Eisenstäbe und schien durch die Kraft, mit der er’s that, die Kraft seiner Sehnsucht ausdrücken zu wollen. Sobald er Brand von Weitem erblickte, schrie er auf und rief in allen Tönen der Zärtlichkeit – jauchzend, jubelnd, in Rührung hinschmelzend: » M e i n J i t t meiste! M e i n He Jittmeiste!«

Und dem einsamen Manne, der eine unerwiderte Liebe im Herzen trug, that die anbetende und äußerungsbedürftige Liebe dieses Kindes wohl.

Auch der immer freundliche, immer nachgiebige Georg wurde von Peter Peters’ warmfühlendem Sprößling angebetet. Der große Georg war so gut mit ihm, that Alles, was er wollte, verwies ihm kaum je einen Ungehorsam, eine Unart, räumte ihm aber die Gelegenheit und die Versuchung zu Ungehorsam und Unart sorglich und unauffällig aus dem Wege.

»Hören Sie, Frau Peters,« sagte Brand zu Magdalena, »der Umgang mit meinem Pflegesohn dürfte für meinen Täufling sehr ersprießlich werden. Mein Georg, der ist ein Erzieher!«

Magdalena empfand dies Lob als Tadel ihrer Erziehungskunst, was ihr nicht angenehm war und ihr den Gepriesenen nicht angenehm machte. Sie hatte für ihn viel Mitleid und wenig Zuneigung. Daß er Stunden lang zeichnend, malend auf einem Flecke sitzen konnte, oder auch Stunden lang nichts Anderes thun, als Ameisen oder Vögel oder die Wolken am Himmel beobachten, das ging ihr wider den Strich, war der rührigen Frau unbegreiflich und deshalb unsympathisch.

»Und die Sanftmuth von dem Buben, Herr Rittmeister! Diese ewigen Rücksichten auf andere Leut’, und wie er so g’scheit spricht ... ’s is unnatürlich, Herr Rittmeister. Eine solche Bravheit, eine solche G’scheitheit kann gar nicht g’sund sein für einen Buben.«

»Für einen Buben, so? Ein Mädchen dürfte natürlich, ohne Gefahr, daß ihr Wohlbefinden darunter leidet, nach Belieben brav und gescheit sein,« erwiderte Dietrich. »Beim Manne, der sich ja doch nur zum zukünftigen Höllenbraten auswächst, kann es nicht zeitlich genug ‘brandeln’, meinen Sie. Das sind Irrthümer, meine liebe Frau Peters, sehr gefährliche Irrthümer, die ihr Scherflein beitragen können zu dem schändlichen Kampfe der Geschlechter, den die Weibmänner und die Mannweiber der ‘Moderne’ in die Welt gesetzt haben.«

Frau Peters war verdutzt: »Kampf der Geschlechter?« »Die Moderne?« Sie ahnte nicht, was das zu bedeuten hatte, und wollte doch den Herrn Rittmeister nicht fragen, aus Furcht, ungebildet zu erscheinen. So beschloß sie, zu warten und von ihrem Manne Aufklärung über die Sache zu verlangen.

 

Brand hatte seinen Besuch bei Madame Amélie bis zur letzten Stunde vor ihrer Abreise verschoben. Da bedurfte die Scheidende am nothwendigsten seines stärkenden Zuspruches. Er wollte noch einmal an ihren Stolz appelliren und die Hoffnung aussprechen, daß sie im Bewußtsein ihrer geretteten Würde Ersatz finden werde für ihr zweifelhaftes und immer bedrohtes Glück.

Als er sich um halb acht Uhr Morgens dem Hause näherte, sah er einen mit Koffern beladenen Landauer davor stehen. Sollte das der für Madame Vernon bestellte Wagen sein? Nicht zu denken! Der Pariser Zug geht erst wenige Minuten vor Neun ab, sie wird doch nicht eine geschlagene Stunde im Wartezimmer sitzen wollen. Indessen erschien aber ihr Stubenmädchen und reichte dem Kutscher eine umfängliche Hutschachtel auf den Bock hinauf. Kein Zweifel mehr – die seelenstarke Frau hatte Eile, ihren heroischen Entschluß auszuführen und ihr häusliches Domicil, diese Brutstätte des Unheils für Andere, des moralischen Unterganges für sie selbst, zu verlassen.

Brand trat unter das Hausthor, und im selben Augenblick kam die große Modistin ihm aus dem Treppenhause entgegen. Sechs ihrer Damen geleiteten sie, einige vergossen Thränen, andere schienen mühsam, aber heldenmüthig einen großen Schmerz niederzukämpfen. Amélie blieb stehen, ihr Gefolge umdrängte sie, ihre Hände wurden ehrfurchtsvoll gepreßt, stürmisch geküßt. Sie dankte mit Rührung und Grandezza für jedes Liebeszeichen.

Ein Gymnasiast, der eben vorüberging, weidete sich ein Weilchen an dem Anblick und rief: »Die reine Maria Stuart vom Burgtheater.«

Brand schob den kecken Jüngling zur Seite, näherte sich Madame Amélie mit erhobenem Hute und beglückwünschte sie: »Sie sind Ihrem Entschlusse treu geblieben, Madame, sehen Sie, es geht auch ohne Eid. Meine Hochachtung, Madame.«

Sie war merkwürdig verlegen, ja bestürzt: »Ach, oh – diese Liebenswürdigkeit! diese Güte!... Ich hätte wirklich nicht erwartet ... daß Sie so früh ...«

»Nicht erwartet? – Da ich Ihnen doch versprochen hatte ... Ich glaube fast, ich komme Ihnen ungelegen,« scherzte er.

Sie protestirte, und er ergriff ihren Arm und half ihr in den Wagen steigen. Dabei that er einen Blick in das Innere des Gefährts ... Alle Teufel! eine Ecke war schon besetzt, sehr dick und breit durch einen schönen Mann mit weiß und rothem Gesicht, mit schwellenden Lippen. Brand kannte das Lächeln, das höhnische und ängstliche Lächeln, zu dem sie sich in diesem Augenblicke verzogen. Entrüstet warf er den Wagenschlag zu. Amélie, schamroth und verwirrt, beugte den Kopf und machte eine um Verzeihung flehende Gebärde. Der Kutscher trieb die Pferde an.

Glückliche Reise, Unglückliche! Sie nimmt den Elenden mit – auf die Flucht vor ihm. O die Weiber, die Weiber!

Fast hätte Dietrich es laut ausgerufen. Die Damen unter dem Thor waren indessen von toller Lustigkeit ergriffen worden, schnatterten und lachten, daß es ein Vergnügen gewesen wäre, ihnen zuzuhören, wenn die Immoralität dieses Gelächters ein Vergnügen hätte aufkommen lassen. Unter der Anführung Fräulein Juliens, die im Bewußtsein ihrer Regentschaftswürde um zwei Zoll gewachsen schien, hüpften und tanzten die Frauenzimmer die Stiege wieder hinauf. Mißbilligend sah Brand ihnen nach.

Beim Abschied und nach dem Abschied muß man euch sehen, ihr falschen Kröten! dachte er. Alsbald aber regte sich sein Gerechtigkeitsbedürfniß und veranlaßte ihn zu allerlei Erwägungen und zu der Frage: »Machen wir Soldaten es nicht im Grunde ebenso? Mit Trauerklängen begleiten wir den entschlafenen Kameraden zur letzten Ruhestätte – mit klingendem Spiele marschiren wir hinweg von seinem Grabe.«

Der Vergleich hinkt freilich wie jeder Vergleich. Übrigens sei es wie es wolle – mit Weibererziehung gedachte Brand sich vorläufig wenigstens nicht mehr zu befassen.

Sophie war bei dem theatralischen Abschied der Principalin nicht erschienen: Dietrich traf sie unterwegs, und sogleich fiel ihre Blässe und ihre sorgenvolle Miene ihm auf. »Was ist Ihnen,« sprach er sie an. »Sie sehen bekümmert aus.«

»Das bin ich auch. Georg ist in der Nacht von heftigem Fieber ergriffen worden, und ich habe den Arzt rufen lassen, ihn aber nicht erwarten können.«

» I c h will ihn erwarten und Ihnen Botschaft ins Atelier bringen,« sagte Dietrich.

»Nicht selbst,« erwiderte sie rasch, »schicken Sie mir Nachricht. Ich bitte.« Sie machte eine flehende Gebärde, nickte ihm zu und eilte davon.

In der Wohnung angelangt, wurde Dietrich von Klein-Annerl begrüßt.

»Weißt Du was?«« rief sie, »nimm heute mich mit auf die Reise. Georg bleibt da, er ist eingeschlafen.«

Und so war’s. Auf einem Sessel in der Fensterecke, mit seinem Hütchen auf dem Schoße, zum Ausgehen bereit, war er in Schlaf gesunken. Sein Kopf hing tief herab auf die Brust, sein Athem ging unhörbar leise. Er war sehr gewachsen in der letzten Zeit, die Ärmel seiner Jacke reichten kaum noch bis zu den schmalen Handgelenken. Wie glichen seine Hände denen seiner Mutter, wie farblos aber und wie abgezehrt waren sie!

Dietrich stand lange vor ihm, ehe er erwachte, plötzlich auffuhr und in das Gesicht des Freundes blickte.

»Lieber Herr Rittmeister, guter Herr Rittmeister,« sagte er freudig, und seine Augen leuchteten.

Das war die erste Liebeserklärung, die Brand von dem Kinde zu hören bekam. Sie erhellte ihm die Seele bis auf den tiefsten Grund, doch that er, als ob er nichts Neues und Merkwürdiges an ihr fände, und fragte: »Wie geht’s? Wie fühlst Du Dich? Wollen wir heute in die Berge?«

»In die Berge, ja, ja, in die Berge,« wiederholte das Kind, erhob sich, wankte und fiel besinnungslos in Dietrichs Arme.

Er und Pauline brachten ihn zu Bette und labten ihn. Der Arzt, der bald darauf erschien, fand ihn noch in halber Betäubung, sprach sich nicht aus, wollte am Abend wiederkommen. Da war Sophie schon zu Hause, und für sie hatte er nur Worte des Trostes und der Beruhigung. Zu Brand sagte er aber schon am nächsten Tage im Vertrauen:

»Wir schwanken auf einem schmalen Brette über dem Abgrund.«

Und es wurde ein langes, langes Schwanken, eine schwere, schleichende Krankheit. Sie fraß allmählich die physischen Kräfte des Kindes auf, konnte aber seiner Intelligenz, seiner Phantasie, seiner Güte, allen liebenswürdigen Eigenschaften, die ihn beseelten, nichts anhaben. Sie kamen vielmehr erst recht zu Tage, jetzt, da seine Scheu, zu äußern, was er fühlte, gewichen war.

»Nur nicht aufregen,« warnte der Arzt, »dämpfen! Zerstreuung braucht er jetzt nicht, langweilen soll er sich.«

Aber leider langweilte Georg sich nie; Alles interessirte ihn, ein Schatten, der an der Mauer hinglitt, ein Baumblatt, das durchs offene Fenster hereinflog, gab seinem Geiste überreichen Stoff zu rastlosem Denken und Sinnen.

Einmal erfuhr er einen großen Schmerz. Der Arzt hatte den Rath gegeben, Annerl fortzubringen aus der Nähe des Kranken, und es wurde beschlossen, sie der treuen Obhut der Frau Peters anzuvertrauen. Als diese kam, um ihre Schutzbefohlene in Empfang zu nehmen, brach Annerl beim Abschiede von ihrem Bruder in heiße Thränen aus. Sie war aber kaum in die Küche getreten, wo Dietrich Peters von seiner Mutter deponirt worden war, als man sie auch schon fröhlich lachen und ihn begrüßen hörte.

Georg richtete sich im Bette auf bei diesem Freudenausrufe. »Jetzt ist sie glücklich, wenn sie nur glücklich ist, die Kleine,« sagte er, kehrte sich mit dem Gesichte gegen die Wand – und weinte ganz leise.

Bei einem Haar hätte Brand mitgeweint, so nahe ging ihm das Leid, das seinem lieben Jungen widerfuhr. Aber zwischen dem, was sich an weichen Empfindungen in einem Manne regt und dem, was von ihnen zu Tage kommt, liegt eine Welt des Unausgesprochenen. Brand hielt sich immer im Zaume, verrieth nie eine Schwäche und pflegte eifrigst das Talent zur erziehlichen Krankenwartung, das er in sich entdeckte. Dazu gehörte unter Anderem auch eine ganz vortreffliche, originelle Erzählungsgabe, von der Dietrich bisher nichts geahnt hatte. Kein brutales Vorbringen all’ dessen, was Einem eingefallen ist, nein, ein Erfinden während des Erzählens, und dabei ein fortwährendes Beobachten des Eindrucks, den dieses hygienische Fabuliren hervorbringt. Der Eindruck, den es macht, ist seine Muse, sein Stachel und Zügel: er lehrt: jetzt darfst du steigern, spannen, und jetzt mußt du nachlassen, wohlthuend und sanft, und jeden Mißton auflösen und verklingen lassen in Frieden und Harmonie.

Das konnte Brand, das hatte er gelernt, das hatte die Liebe zu seinem lieben Jungen ihn gelehrt. Und was nicht Alles noch! Die Anordnungen des Doktors befolgte er gewissenhaft, aber gegen seine Diagnose erhob er Einwendungen:

»Es ist eine Entwicklungskrankheit, glauben Sie mir, aus der Georg sich neu gestärkt erheben, und dann erst recht kräftig an Leib und Seele gedeihen wird. Er wird seine kleinen Absonderlichkeiten und Empfindlichkeiten abstreifen, und Einer wie Tausende werden in allem Geringfügigen und Nebensächlichen; Einer wie Wenige aber in allem Großen, Ernsten, Wichtigen. Machen Sie ihn nur zu einem gesunden Menschen, Herr Doktor, zu einem tüchtigen, einem ausgezeichneten Menschen, wird er sich machen ohne Sie und ohne mich, denn – ich sehe das schon – er gehört zu Denen, die sich selbst und gelegentlich ganz unbewußt den Erzieher erziehen.«

XVIII.

 

Die Stellung Sophiens im Hause Vernon war seit der Abreise ihrer Gönnerin ungemein schwierig geworden. Die Untergebenen legten offene Feindseligkeit an den Tag. Fräulein Julie veränderte den Ton. Kein Entgegenkommen mehr, nicht die geringste Freundlichkeit. Ja, sie trug nun einmal die Verantwortung für das strengste Aufrechthalten der Disziplin im Geschäfte. Sie bedauerte sehr, daß Frau von Müller ein krankes Kind zu Hause hatte; schlug aber ihre Bitte, durch wenige Tage nur etwas später als sonst ins Atelier kommen zu dürfen, rund ab. Nicht sie hatte Gnaden auszutheilen, dieses Vorrecht genoß einzig die Prinzipalin. Etwas Anderes ist, wenn Frau von Müller Urlaub nehmen will; den kann sie jede Stunde haben, selbstredend mit Verzicht auf ihre hohe, sehr hohe Besoldung.

Dietrich nannte das Vorgehen Fräulein Juliens ganz korrekt, als ihm Sophie so gelassen, als ihr möglich war, von ihrem Mißerfolg berichtete.

»Aber,« meinte sie, »man kann noch etwas mehr als korrekt, man kann barmherzig, man kann sein – wie Sie. Was thun Sie für uns! Nie vermag ich Ihnen zu danken ...«

Er blickte sie vorwurfsvoll an: »Danken! Sie werden doch m i r nicht danken ... Wenn Sie wüßten, wie mir vor aller Dankbarkeit graut ...«

»Seitdem Sie aus Dankbarkeit den Major von Müller geheirathet haben,« hätte er hinzufügen müssen, wenn Sophie den Grund seines Abscheus gegen eine so schöne Tugend hätte erfahren wollen. Aber sie fragte nicht, und er schwieg.

Sehr bald darauf erfüllte sie ihm den sehnlichen Wunsch, den auszusprechen er nicht gewagt hatte: sie nahm Urlaub.

»Ich bringe Alles wieder ein, was ich jetzt versäume,« sagte sie, »ich werde doppelt fleißig sein, sobald Georg nur wieder hergestellt ist.«

An der Überzeugung, daß er genesen werde, hielten Brand und sie unerschütterlich fest, diese Hoffnung ließen sie sich nicht rauben.

Zwei Nächte hatte Sophie aufrecht, auf einem hölzernen Sessel sitzend, neben dem Bette des Kranken gewacht. Am nächsten Abend stand auf einmal ein großer, bequemer Fauteuil da. Peter Peters hatte ihn gebracht mit tausend dringenden Entschuldigungen seines Herrn, und an das Fußende von Georgs Lager gestellt. Und dann war Brand gekommen mit neuen und noch dringenderen Entschuldigungen.

»Lassen Sie das Ding nicht hinauswerfen, haben Sie die einzige Gnade; es ist ein Reconvalescenten-Fauteuil, dulden Sie ihn hier eine Zeitlang wenigstens, dem Kinde zu Liebe.«

Sie staunte, daß er so flehentlich bat. Er fürchtete, ihren Stolz zu verletzen, und sie hatte dem Wohlthäter ihres Kindes gegenüber keinen mehr.

»Aber Herr Rittmeister,« sagte sie, »wie können Sie noch daran zweifeln, daß ich Ihr Geschenk freudig annehme? Ich nehme ja so viel von Ihnen an, das Opfer Ihrer Zeit, Ihres ...«

Er unterbrach sie: »Opfer? – Sie betrüben mich. Wissen Sie denn nicht, daß, was Sie mein Opfer nennen, mein Glück ist? Vor Kurzem noch war ich ein ganz armer Teufel, ein alter, vergrämter Mann, der nichts mehr vor sich sah als eine Reihe eintönig, einförmig hinreichender Jahre; jetzt bin ich reich ...« Er suchte ein allzu warmes Wort zu vermeiden: »Durch meine Theilnahme für Sie, und meine Liebe zu Ihren Kindern.«

Sophiens Augen hatten sich ein wenig verschleiert, aber sie sprach in munterem Tone: »Und zu Dietrich Peters.«

»Gott segne den Kleinen, die erste Aufrichtung verdankte ich ihm. Aber er hat ein robustes Elternpaar ... es ist doch etwas Anderes, etwas ...« Seine Stimme gerieth in Gefahr, umzukippen, alle moralischen Rippenstöße, die er sich zur Stärkung versetzte, blieben wirkungslos. Der Grimm, den er darüber empfand, spiegelte sich in seinem Gesichte wider und gab ihm ein so bärbeißiges Aussehen, daß Sophie, die schon einen Schritt auf ihn zu gemacht hatte, sich ganz erschrocken abwendete, und die Hand, die sie ihm hatte reichen wollen, liebkosend auf das Haupt ihres Kindes legte.

Als es Abend wurde, sprach sie nicht wie sonst: »Herr Rittmeister, Sie müssen heim.« Sie saß in dem bequemen Lehnstuhl, ihre Füße ruhten auf einem Schemel, ihr Kopf sank in die Kissen zurück.

»Die Mutter schläft,« flüsterte Georg, »lassen wir sie schlafen, und Du erzähl’ mir eine schöne Geschichte.«

»Eine schöne Geschichte. Ja, mein Junge, was für eine denn?«

»Etwas von Feen, das habe ich am liebsten.« Das Kind richtete seine fieberglänzenden Augen voll Erwartung auf ihn.

Er besann sich. Der Kopf war ihm so seltsam wüst. »Von Feen, gut, von alten, uralten – ein Kind kann sich’s nicht vorstellen, wie alt sie sind.«

»Aber Du, Herr Rittmeister, kannst Dir’s vorstellen, Du kannst Alles, Herr Rittmeister,« sprach Georg aus tiefster Überzeugung.

»Glaub’ doch das nicht, ich kann nur erzählen von uralten Feen,« versetzte Brand in einschläferndem Tone. »Sie haben graue Kleider an, mit Schleppen und schweben hin und her. Denk’ Dir wie das Pendel an einer großen Uhr – ein langes, langweiliges Pendel, so schweben die grauen Feen hin und her.«

»Es kommen aber auch rothe, und die tanzen.«

Richtig! Brand sah richtig rothe Feen tanzen, wie Funken unter Bäumen mit klingenden Blättern, und im Hintergrunde zogen Landschaften vorbei von wundersamer Schönheit, und ein Licht lag über ihnen, milder als Sonnen-, anders als Mondlicht, ein Licht, wie es auf Erden keines giebt und von dem sich einen Begriff nur machen kann, wer es geschaut hat, denn schauen muß man’s, nicht sehen ... Er unterbrach sich. Was er da Alles zusammen redete ...

»Sag’ nur weiter,« bat Georg, »ich weiß, was das heißt. – Ich sehe Dich und schaue die Feen.« –

Dietrich war unglücklich; statt das Kind sanft einzulullen, regte er es zum Denken an. Voll Zärtlichkeit und Reue strich er ihm über den Scheitel: »Weißt Du was? Denk’ nicht, schlafe. Lieber Junge, wenn Du einschlafen könntest, das wäre so gescheit und so gut!«

Georg seufzte tief auf, preßte die Wange an das Kissen, schloß die Augen und regte sich nicht mehr. Sophie schlief sanft und fest. Es war so still, daß Dietrich das Ticken seiner Taschenuhr hörte, die er auf den Tisch gelegt hatte neben das Nachtlämpchen und die Arzneiflasche. Merkwürdig hell drang der leise, gleichmäßige Schall durch ein seltsames Brausen in seinem Kopfe hindurch.

Seine Adern klopften, eisige Schauer schüttelten ihn, und im Nacken fühlte er sich gepackt von einer Riesenfaust, die ihm den Kopf zusammenpreßte.

Teufel, Teufel, was soll das heißen? In der vorigen Nacht schon wollten ähnliche Sinnestäuschungen ihn narren; aber er hatte sich ihrer erwehrt, war aufgestanden wie gewöhnlich, und wie gewöhnlich in die Berggasse gegangen.

Allerdings hatte der Doktor, den er dort traf, ihm auf die Schulter getippt und gesagt:

»Es giebt heute einen glühend heißen Tag, fahren Sie zeitig nach Hause, Herr Rittmeister, Sie haben Fieber.«

Fieber? In seinem ganzen Leben hatte Dietrich nie Fieber gehabt, außer damals nach seiner Verwundung. Fieber! Wenn man wissen will, ob Jemand Fieber hat, greift man ihm an den Puls. Sich aber hinstellen vor ihn, ihm nur einen Blick zuwerfen und gleich wissen: Der fiebert – das kann man auch dann kaum, wenn man Seheraugen hat wie dieser Doktor.

Dietrich stand leise auf – ihm war, als zöge er an jedem Fuße einen Centner mit – und sah nach der Uhr. Bald Zwei; die Stunde, zu der Pauline kommen sollte, um die Gebieterin am Krankenbette abzulösen. Als Brand zu seinem Platze zurückkehrte, war Sophie eben erwacht.

»Um Gotteswillen, wie viel Uhr?... Das Medikament ... Ich habe versäumt ...«

»Nichts, nichts,« beruhigte Brand. »Sehen Sie, da ist Pauline. Verlassen Sie sich nur auf uns Zwei.«

Die erschöpfte Frau gab seinen und den Bitten ihrer Dienerin nach und ging in ihr Zimmer, um noch ein paar Stunden zu ruhen vor der Ankunft des Arztes.

Als dieser Schlag Sechs eintrat, war sie wieder auf ihrem Posten. Sehr blaß, sehr müde, aber vollkommen angekleidet, anmuthig – rührend anmuthig! – in ihrer Ärmlichkeit, und bereit ihr Tagewerk tapfer anzutreten.

Der Arzt war heute zufrieden mit seinem Patienten, fand ihn frischer als seit langem. »Aber Ihnen,« sagte er zu Brand, »Ihnen geht’s elend. Sie müssen zu Bette. Nein, nein in vollem Ernst. Kommen Sie mit, ich bringe Sie in meinem Wagen nach Hause.«

XIX.

 

 

So also ist Einem, der ganz unmotivirt, ohne jeden vernünftigen Grund, aufs Krankenlager geworfen wird. Aufs Krankenlager in der selben Zeit, da er sich zum ersten Male der Vielgeliebten und Vielverehrten wirklich nützlich machen könnte!

Peter war zu Tod erschrocken, als er seinen Herrn erblickte, der, vom Doktor begleitet, die Stiege herauf kam, wankend, erdfahl, mit tief eingefallenen Augen, sich ins Bett kommandiren und sich sogar helfen ließ beim Auskleiden, er, der Rittmeister Brand! Kein Wunder, daß Peter den Kopf verlor, stille Thränen vergoß, an seine Frau telegraphirte und sie in die Stadt berief zur Pflege des Herrn und zu seinem eigenen Troste.

Frau Peters eilte herbei, wurde aber schlecht empfangen. Dietrich gerieth in Zorn über das eigenmächtige Vorgehen seines Dieners. Dieser Peter! Kannte dieser Peter ihn noch nicht, glaubte er wirklich, daß Dietrich Brand einer Frau erlauben werde, sein Krankenzimmer zu betreten, wenn es denn, hol’s der Teufel, ein Krankenzimmer gab? Magdalena wurde nicht vorgelassen, sondern beordert, allsogleich nach Neuwaldegg zurückzukehren, wo sie ein Feld für ihre Thätigkeit hatte und wohin ihre Pflicht sie rief.

Brand aber verlebte einen schlimmen Tag und eine noch schlimmere Nacht. Nie, niemals hätte er es für möglich gehalten, daß eine Krankheit – pah! nicht einmal eine Krankheit, nur ein armseliges Unwohlsein – einen Mann so packen und niederwerfen konnte! Machtlos, sich machtlos fühlen dem eigenen Körper gegenüber, dem Sklaven! Giebt es eine tiefere Beschämung? Er verfluchte sich selbst. In seinem Kopfe ging es zu wie in einem Hammerwerk, in seiner Kehle schnitt es wie mit Messern, der ganze Mensch glühte wie eine Kohle.

Trotz alledem fand ihn der Arzt, der Morgens kam, rasirt, gebadet, sorgfältig angekleidet in einem Lehnstuhl am Fenster des Schlafzimmers sitzen.

»Wie geht es bei Frau Major von Müller?« war Dietrichs erste, mit bedenklich kurzem Athem vorgebrachte Frage.

»Ganz leidlich,« erwiderte der Arzt und vermied dabei, den forschend auf ihn gerichteten Augen des Kranken zu begegnen. »Frau Sophie ist aber sehr besorgt um Sie.«

»Sehr besorgt um mich?« wiederholte Brand mit leisem Zweifel, mit wehmüthiger Wonne.

»Sie läßt Sie dringend bitten, sich zu schonen, einmal auch an sich zu denken.«

»Was soll ich thun?«

»Zu Bette gehen, gewissenhaft Arznei nehmen. Sie sind dann wahrscheinlich in einigen Tagen hergestellt, und das wäre gut, denn Frau Sophie wird Ihrer Stütze recht sehr bedürfen.«

Dietrich erschrak: »Was ist mit ihr? Ist sie krank?«

»Nein, nein,« darüber beruhigte ihn der Doktor, aber mit sehr wenig Worten; er hatte Brand nur einen Augenblick sehen wollen, setzte sich nicht einmal, griff wieder nicht nach dem Pulse des Patienten, legte bloß die schmale, blasse Hand auf dessen Schulter und sprach mit sanfter Bitte: »Bleiben Sie wenigstens zu Hause.«

»Zu Befehl,« erwiderte Brand, worauf ihn der Arzt ein wenig spöttisch und unbeschreiblich gütig ansah und sich mit einem kurzen: »Adieu!« empfahl.

Warum in aller Welt hatte er spöttisch dreingesehen? Aus niederträchtiger, ärztlicher Schadenfreude? Oder machte es ihm Spaß, daß ein alter Soldat sich seinen Anordnungen so ängstlich unterwarf wie ein maroder Pfründner? Ja, das war’s, und darüber gedachte ihn Brand eines Besseren zu belehren. Plötzlich entschlossen, streckte er die Rechte aus und drückte den Tasterknopf der elektrischen Glocke an der Wand anhaltend und energisch nieder.

Peter eilte herbei.

»Meinen Paletot, meinen Hut,« befahl Dietrich, »ich gehe – oder vielleicht ich fahre – zu Frau Major von Müller.«

Nicht ein Wort des Widerspruchs kam über Peters Lippen, doch betrachtete er den Gebieter mit der hoffnungslosen und liebevollen Traurigkeit, mit der eine Mutter ihr starrsinniges Kind betrachtet. Brand fühlte die Empfindung seines Dieners nach, und auch er blieb stumm. Man sagt nicht, man beweist, was man kann.

Peter sah ihn eine so gewaltige Anstrengung machen, als ob er sich aus einem Sumpfe, in dem er halb versunken war, emporarbeiten wollte, sah ihn aufschnellen – und fast zugleich besinnungslos zu Boden sinken.

Es war so schnell geschehen, daß Peter den Sturz nicht verhindern konnte. Jetzt kniete er bei seinem Herrn, hob ihn auf, trug ihn in seinen Armen (welches Glück, daß Brand davon nichts wußte!) auf das Bett, labte ihn und brachte ihn bald wieder zu sich. Als der Rittmeister die Augen aufschlug, stand Peter aber schon abgewendet und ordnete die Kleider im Schranke.

»Ich will heute doch lieber zu Hause bleiben,« sagte Dietrich nach einer Weile, »ich hab’ etwas Schwindel, das kommt von den verfluchten Medikamenten.«

»Von nichts Anderem, Herr Rittmeister,« versetzte Peter.

»Du brauchst dem Doktor nichts davon zu sagen,« nahm Brand nach einer abermaligen Pause wieder das Wort, »es würde ihn kränken, und am Ende bildet er sich noch ein, daß ich ohnmächtig geworden bin wie ein bleichsüchtiger Backfisch.«

»Natürlich, Herr Rittmeister, denn wer kann wissen, was ein Zivilist sich einbildet.«

Zweimal im Laufe des Vormittags mußte Peter einen Kommissionär in die Berggasse schicken, um Nachrichten zu holen. Nur bei Pauline; die gnädige Frau durfte nicht belästigt werden mit den vielen Anfragen. Pauline ließ den Rittmeister beschwören, sich keine Sorgen zu machen. Er fand die Antwort ungenügend und sendete Peter in Person nach einer Botschaft aus, und der kehrte mit der Meldung zurück:

»Die gnädige Frau läßt sich empfehlen, dem kleinen Georg geht’s gut.«

»Wirklich, wirklich? Hast Du ihn gesehen?«

»Ihn nicht, aber die Frau Majorin ist selbst herausgekommen, sie selbst ...« Eine unbesiegbare Rührung packte und würgte ihn.

»Jetzt weint er wieder, der Waschlappen,« murmelte Brand und dankte Gott im Stillen, daß er der armen Mutter ihr Kind wieder geschenkt und auch ihm, der es freilich nicht anders erwartet hatte, seinen lieben Jungen.

Es duldete ihn nicht länger im Bette; er ließ sich ankleiden, konnte aber nur auf den Arm seines Dieners gestützt bis zum Lehnsessel gelangen.

Gegen die siebente Abendstunde wurde geläutet, und unmittelbar darauf läutete auch Dietrich und befahl Peter, der hereinstürzte, hochroth im Gesicht und mit verklärter Miene:

»Niemanden vorlassen, keinen Menschen!«

»Herr Rittmeister, es ist die Frau Majorin von Müller.«

Brand erhob sich. Mit ihm zugleich erhob sich aber auch der Fußboden und rollte Wellen, die Decke flatterte wie ein Segel. Dietrich war froh, bei dem allgemeinen Aufruhr wieder in die Arme seines Fauteuils zurückkehren zu können:

» We r kommt? Wer?...«

Da stand sie schon auf der Schwelle.

»Gnädige Frau ... Mein höchster Wunsch – Sie bei mir!«

Sie konnte nicht gleich sprechen, sie ging langsam auf ihn zu und reichte ihm beide Hände.

»Verzeihen Sie,« sagte er. »Nein, daß ich Sie so empfangen muß. Invalid, nicht einmal entgegen gehen, nicht einmal aufstehen ... Nein, daß Sie zu mir kommen ... Es geht also besser. Mein lieber, kleiner Freund – wie hab’ ich mich nach ihm gesehnt!«

»Er sich auch nach Ihnen.« Sanft entzog sie ihm ihre Hände, setzte sich ihm gegenüber und schlug den Schleier zurück: »Auch Sie sind sehr leidend.«

»Gewesen!« rief er aus.

Nie, niemals hatte ihr Anblick ihn so bewegt in allen Herzenstiefen. Nie war sie ihm so erhaben hold erschienen, Majestät und Lieblichkeit in einer Gestalt.

Brand ließ sie nicht aus den Augen: »Aufrichtig, gnädige Frau,« sprach er, und seine Stimme zitterte, »wie steht’s mit ihm?«

»Gut,« anwortete sie, »ganz gut.«

Er athmete auf, er wurde heiter und gesprächig. Er hatte viel nachgedacht in diesen Tagen der Einsamkeit. Was denkt man nicht Alles zusammen in zweimal vierundzwanzig Stunden! Seine ganze Vergangenheit war vor ihm lebendig geworden, und die leuchtende Überzeugung hatte ihn durchdrungen, daß er nur zu danken habe.

»Gnädig hat mein Herr und Gott sich mir immer erwiesen, zweimal in meinem Dasein aber allgütig. An dem Tage,« Brand senkte nachdenklich den Kopf, »an dem ich im Begriff war, ein Licht auszulöschen, das er angefacht hatte, und er mich in seiner Huld davor beschützte, den Frevel zu begehen. Ein zweites Mal – da er mich Sie, verehrte Frau, wiederfinden ließ, die ich durch eigene Thorheit verloren hatte und jetzt lieben darf – in Ihren Kindern.«

Sie hatte ihm still und teilnehmend zugehört, nun stand sie rasch auf, sagte ihm Lebewohl und wünschte ihm eine recht gute Nacht.

Peter erhielt den Auftrag, einen Wagen zu nehmen und die gnädige Frau nach Hause zu bringen. So geschah’s, und er kam zurück mit einem Gruß von ihr, und Dietrich ging zur Ruhe und schlief wie ein Gesunder. Er erwachte gestärkt, glücklich, und obwohl es regnete, war für ihn die Welt voll Sonnenschein.

Im Laufe des Vormittags brachte ein Dienstmann einen Brief.

»Von der Frau Majorin,« sagte Peter und überreichte ihn ängstlich und zögernd.

Der Inhalt des Schreibens lautete:

»Lieber gütiger Herr Rittmeister!

Seien Sie stark, machen Sie sich auf das

Traurigste gefaßt. Ihr kleiner Freund ist todt,

gestern gestorben, als die Kirchenglocken zum Ave

läuteten. Selig entschlafen – ich weiß jetzt,

was das heißt. Ich bin zu Ihnen gekommen,

um es Ihnen zu sagen, und konnte nicht, Sie

haben mir zu leid gethan ...«

Brand las nicht weiter. Das Blatt entsank seiner Hand. Sie war gekommen, um ihm zu sagen: Das Kind ist todt, und hatte es nicht vermocht; sie wußte, wie weh es ihm thun würde, und hatte es ihm nicht sagen können. Aus Mitleid, aus himmlischem Erbarmen – – – Nein, das war mehr als Mitleid und Erbarmen – unendlich mehr.