Stine
Stine
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.
Und nach dieser Ankündigung schnellte das Plaid wieder in die Höhe, und an Stelle von Wandas brünettem Gesicht erschien eine weißgekleidete Kartoffelprinzessin mit rotem Turban und rotem Siegellackmund. Natürlich Judith. Diese verneigte sich, geschickt dirigiert, vor dem Publikum, sah abwechselnd nach links und rechts, wie wenn sie jemand erwartete, und begann dann in etwas heiserem Ton:
»Er ist es, Holofern, der schwergeprüfte Mann,
Ich seh' sein großes Schwert und einen Klunker dran.«
Wirklich zeigte sieh eben in diesem Augenblicke von der einen Seite her eine hagere Rotmantelgestalt mit einer Papierkrone:
»Wer bist du, schöne Frau? Wo kommst du hergereist?
Im Krieg ist mancher Mann manchmalen etwas dreist.«
»Auch im Frieden,« tuschelte Sarastro dem Baron zu. Judith aber fuhr fort:
»Ergebne Dreistigkeit erleid' ich sittig gern,
Ich nenne Judith mich und suche Holofern.«
»So bin ich's, den du suchst... Wie war ich so allein...«
»Doch nur durch deine Schuld« »Es soll nicht länger sein.«
Und unter einem halb befehlshaberischen, halb vertraulichen Augen-und Fingerwink auf sein Zelt zuschreitend, folgte Judith, während das gleichzeitig im Nebenzimmer erlöschende Licht anzeigte, daß der Vorhang vorläufig falle.
Der junge Graf wollte Beifall klatschen, der Oheim aber hielt ihn zurück und erklärte, »daß man sein Feuer, auch in solchen Dingen, nie zu früh verknattern müsse. Dies alles sei nur Vorspiel und stelle viel, viel Intrikateres in Aussicht. Er, für seine Person, sei vor allem neugierig, wie Fräulein Wanda gewisse szenische Schwierigkeiten, so beispielsweise das Konnubium und in zweiter Reihe die Dekapitation, überwinden werde. Freilich bestreite man jetzt das Vorhandensein szenischer Schwierigkeiten, aber alles habe doch seine Grenze.« Sarastro würde noch weiter gesprochen haben, wenn nicht das sich wieder erhellende Nebenzimmer den Fortgang der Handlung angezeigt hätte. Wirklich erschien im nächsten Augenblicke Judith aufs neue, diesmal, um ihren entscheidenden Monolog zu halten.
»Er sterbe... Muß er's denn? Mir selber ist es leid,
Er sprach von einem Schmuck und sprach von einem Kleid,
Allein, wer bürgt dafür? Ich weiß, wie Männer sind,
Ist erst der Sturm vorbei, so dreht sich auch der Wind:
Er sprach von Frau sogar, allein, was ist es wert?...
Komm denn an meine Brust, geliebtes Racheschwert;
Er hat es so gewollt, – ich fasse seinen Schopf,
Daß er mich zubegehrt, das kostet ihm den Kopf.«
Und im selben Augenblicke (die Gestalt des Holofernes war inzwischen aus der Tiefe heraufgestiegen) vollzog sich auch schon der Enthauptungsakt, und der Kopf des Holofernes flog, über die Gardine fort, ins andre Zimmer hinein, und fiel hier vor Baron Papageno nieder. Alles klatschte dem Stück und mehr noch dem virtuosen Schwerthiebe Beifall, der alte Baron aber nahm den ihm zu Füßen liegenden Kopf auf und sagte: »Wahrhaftig, bloß eine Kartoffel. Kein Holofernes. Und doch war es mir, als ob er lebe. Was eigentlich auch nicht wundernehmen kann. Denn früher oder später ist eine derartige Dekapitation unser aller Los. Irgend eine Judith, die wir ›zubegehren‹ – beiläufig eine herrliche Wortbildung –, entscheidet über uns und tötet uns so oder so.«
»Lassen Sie's, Baron. Wozu diese schwermütigen Betrachtungen. Ich find' es einfach superb. Und glücklich der Dichter, der derlei schaffen konnte. Sie, Fräulein Wanda, nannten vorhin einen Namen, aber vielleicht nur, um von sich persönlich abzulenken... Eigene Schöpfung?«
»O nein, Herr Graf.«
»Nun, wenn nicht von Ihnen, meine Gnädigste, von wem denn?«
»Von einem jungen Freunde.«
»Will sagen von einem alten Anbeter.«
»Nein, Herr Graf, von einem wirklichen jungen Freunde, von einem Studenten.«
»Das sind wir alle. Was studiert er? Darauf kommt es an.«
»Ich habe das Wort vergessen, und auf seiner Karte steht es immer nur halb. Und sein Museum ist in der Königgrätzer Straße. Da wollen sie, wenn mir recht ist, herauskriegen, wie die Welt entstanden ist und woraus und wann.«
»Und vielleicht auch warum? Ein sehr interessantes Studium... Und er dichtet auch?«
Wanda bejahte, zugleich hinzusetzend, daß es nichts Leichtes gewesen sei, seiner ernsten Richtung in der Kunst ein Stück wie Judith und Holofernes abzugewinnen. »Er werde seine Muse nicht entweihen,« seien damals seine Worte gewesen. Aber sie habe, Gott sei Dank, Mittel in Händen gehabt, ihn zu zwingen.
»Ah, ich verstehe...«
»Nein, nicht das, Herr Graf. Er ist ein sehr verschämter junger Mann und liest mir bloß seine großen Trauerspiele vor, immer mit einem Vorspiel. Und dabei hofft er auf meine Fürsprache. Damit hab' ich ihn in der Gewalt. Freilich, ich muß es sagen, es wird nichts mit ihm. Aber ein guter Junge, der mir alles zuliebe tut.«
»Glaub' ich«, lachte der Baron. »Aber, meine Gnädigste, wer wollt' es auch anders? Und nun denk' ich, wir machen einen Whist.«
Ein Spieltisch wurde herbeigeschafft und aufgeklappt, und die drei Herren und Wanda nahmen Platz. Auf ein niedriges Tischchen daneben wurde ein Champagnerkühler gesetzt, und der alte Graf in Person machte den Wirt. Eigentlich trank nur Wanda, trotzdem auch ihr ein Spatenbräu sehr viel lieber gewesen wäre. Stine stand hinter Papagenos Stuhl und mußte die Versicherung mit anhören: »eine reine Jungfrau bringe Glück.« Die Pittelkow machte sich wirtschaftlich zu tun und putzte bereits die Gabeln wieder blank.
So verging eine gute Weile. Zuletzt aber warf der alte Graf die Karten hin und sagte: »Kommt nichts dabei heraus. Ein Spiel ist eigentlich nur was, wenn es la banque ou la vie geht. Ich glaub', ich habe sieben Mark verloren und quäle mich nun schon eine Glockenstunde. Wanda, sind Sie bei Stimme? Natürlich; was frag' ich noch. Eine Dame wie Sie hat ihre Requisiten immer bei sich. Omnia mea mecum portans...«
Papageno lachte.
Der alte Graf aber fuhr fort: »Omnia mea... Welche Perspektive! Auf Ihr Wohl, Wanda. Und auf das Ihre, Fräulein Stine. Pauline braucht unser Wohl nicht, der ist wohl von selbst.«
»Na, na, Graf. Bloß nich so. Von selbst? Wovon denn? Weiß es Gott, es is auch nich immer 'n Vergnügen.«
»O vorzüglich, Pauline. Du bist doch die Beste. Stoß an, Kind. Aber nun singen, Wanda.«
»Ja, wer begleitet?«
»Natürlich der, der allein begleiten kann: Papageno.«
»Gut, gut.«
Und der alte Baron schob einen Stuhl ans Klavier, drehte den kleinen Schlüssel und öffnete. »Was soll es sein?«
»Nun,« sagte der alte Graf, »das wenigstens sind wir dir schuldig, Freund, daß wir mir der Papageno-Arie beginnen. Also: ›Bei Männern, welche Liebe fühlen, fehlt auch ein gutes Herze nicht.‹ Aber freilich, das ist eine Plattitüde, das ist selbstverständlich. Erst was folgt, ist das Eigentliche: ›Die süßen Triebe mitzufühlen, ist dann des Weibes erste Pflicht.‹«
Der Baron nickte zustimmend und wiederholte den Schluß: »ist dann des Weibes erste Pflicht«. Wanda aber, die, wie die meisten ihrer Art, an ganz unmotivierten Anstands- und Tugendrückfällen litt, sagte mit einem Male: »Nein, meine Herren, es ist noch zu früh. Ich finde, dies Lied ist schon über der Grenze.«
Die Herren sahen einander an, weil keiner wußte, was er aus diesem Unsinn machen sollte; die Pittelkow aber, die sich über das »Wandasche Gehabe« ganz aufrichtig ärgerte, fuhr energisch dazwischen und sagte: »Jott, Wanda, bloß keine Geschichten. Jrenze! Wenn einer so was hört! Man is entweder rüber, oder man is nich rüber. Un wenn man erst rüber is, und wir sind rüber, dann is es auch ganz egal, ob es Klock zehn is oder Klock elfe. Nein, Wanda, bloß nich zieren. Immer anständig, dafür bin ich; aber zieren kann ich nich leiden.« Es schien sich ein Streit entspinnen zu sollen, der, bei dem rücksichtslosen Charakter der Pittelkow, bei der alles immer biegen oder brechen mußte, leicht zu sehr unliebsamen Erörterungen hätte führen können. Niemand wußte das – nach allerpersönlichsten Erfahrungen – besser als der alte Graf selbst. Er sprang also über den Streitpunkt rasch weg und sagte: »Dann bin ich, wenn es die Zauberflöte nicht sein kann, für den Alten Feldherrn. Aber im Kostüm.«
Das wurde denn auch allerseits freudig aufgenommen, und nach kurzem Rückzug in die Nebenstube trat Wanda wieder ein, rot drapiert und eine Gardinenstange statt des Fahnenstocks in der Hand.
»Singen, singen!«
»Ich werde ja«, sagte Wanda, sich vor ihrem Publikum verneigend, »aber was? Der Alte Feldherr hat zwei Stücke.«
»Nun denn, das Hauptstück: ›Fordre niemand, mein Schicksal zu hören.‹ Ein wundervolles Lied und ebenso wahr wie ergreifend. Eigentlich könnt' es jeder singen, vor allem solche alte Feldherren wie wir. Nicht wahr, Papageno? Aber nun anfangen. Schnell, schnell.«
Und im nächsten Augenblick brach es los, und durch alle drei Stockwerke hin, so daß selbst die Polzins oben es hören konnten, klang es in immer erneutem Refrain:
»Ist mir nichts, ist mir gar nichts geblieben,
Als die Ehr' und dies alternde Haupt.«
Die Pittelkow hatte sich dabei hinter den Stuhl des alten Grafen gestellt und schlug mit ihrem Zeigefinger den Takt auf seiner kahlen Kopfstelle.
Wanda war glücklich und gab immer Neues zum besten, wobei die Pittelkow, die viel Gehör hatte, die zweite Stimme sang, während Sarastro mit seinem Baß und der nach wie vor am Klavier begleitende Papageno mit seinem schadhaft gewordenen Bariton einfielen.
Nur der junge Graf und Stine schwiegen und wechselten Blicke.
Sechstes Kapitel
So verging noch eine Stunde. Dann brach man endlich auf, und Sarastro und Papageno baten mit aller Dringlichkeit um die Ehre, Fräulein Wanda, »damit ihr nichts zustoße«, gemeinschaftlich nach Hause bringen zu dürfen. Der junge Graf schloß sich wohl oder übel an. Die so doppelt und dreifach Gefeierte drang freilich ihrerseits auf Vereinfachung des Verfahrens, immer wieder versichernd, »daß einer genüge«. Sie sah sich aber überstimmt. »Die Verantwortung sei zu groß.«
Als alle fort waren, nahm die Pittelkow ihre Schwester um die Taille, walzte mit ihr dreimal im Zimmer umher und sagte dann: »So, Stine, nu wird es erst nett. Eine braune Kanne voll hab' ich uns gleich noch beiseite gestellt, und ein paar Morgensemmeln sind auch noch da. Die werden nu wohl zäh genug sein; aber mit Butter geht es doch, da rutschen sie... Nein, diese Wanda, nich zu glauben. Und eine Stimme wie 'ne Harfenjule.«
Stine versuchte zum Guten zu reden, und warf der Schwester vor, daß sie, wie gewöhnlich, viel zu streng sei. Zudem verrate sie sich; alles, was sie da sage, sei doch bloß aus Eifersucht. Aber sie brauche gar nicht eifersüchtig zu sein, denn alle drei seien ja mitgegangen, und drei seien immer besser als einer. Die gute Wanda! Nun ja, wenn man wolle, so ließe sich jedem was am Zeug flicken (ihnen beiden auch; alles in allem aber sei die Grützmacher eigentlich eine nette Person, und jedenfalls eine sehr gutmütige).
»Ja«, sagte Pauline, »das ist sie; man bloß so wichtig und zierig. Und wenn sie sich dann ausgeziert hat, denn ziert sie sich wieder nicht genug und hat so etwas Johliges und Genierliches.«
»Du bist heute gut im Zuge«, lachte Stine. »Das also ist Wanda. Und nun sage mir, wie bin ich denn? Aber nein, sag es nur lieber nicht...«
»Will auch nicht...«
»Sage mir lieber etwas über die drei. Wie steht es mit dem alten Grafen?«
»Ein Ekel.«
»Und mit dem Baron?«
»Ein Dummbart.«
»Und mit dem jungen Grafen?«
»Ein armes, krankes Huhn.«
Siebentes Kapitel
Der nächste Tag verging, ohne daß sich die Schwestern auch nur gesehen hätten: die Pittelkow hatte wieder Ordnung zu schaffen, und Stine sollte bis Sonnabend abend noch eine große Rahmenstickerei abliefern.
Und still und ohne Begegnung wie der erste Tag schien auch der zweite vergehen zu sollen. Niemand kam zu Stine hinauf, und diese – nachdem Olga den Drücker gebracht hatte – wußte nur das eine, daß ihre Schwester Pauline mit beiden Kindern in die Stadt gegangen sei.
Langsam schwanden die Stunden, und die niedergehende Sonne hing schon tief zwischen den zwei Türmen des Hamburger Bahnhofs, als ein elegant gekleideter Herr die Invalidenstraße heraufkam und in Nähe des von Stine bewohnten Hauses eine Häusermusterung begann. Es war der junge Graf, der, seinem Sehen und Suchen nach zu schließen, die Pittelkowsche Hausnummer samt ihrem a, b, c vergessen haben mußte, trotzdem aber darauf rechnete, sich in dem Wirrwarr zurechtzufinden. Und sei's nun aus Zufall oder mit Hilfe kleiner Zeichen, er traf es wirklich; und als er gleich danach auf dem ersten Treppenflur: »Witwe Pittelkow« las, stieg er, nunmehr sicher geworden, ohne weiteres bis ins dritte Stock hinauf und klingelte. Stine, die die Schwester erwartet haben mochte, kam rasch und öffnete.
»Gott, Herr Graf.«
»Ja, Fräulein Stine.«
»Sie wollen zu meiner Schwester; meine Schwester muß gleich zurückkommen. Ich habe Drücker und Schlüssel und kann Ihnen aufschließen.«
»Nein, ich will nicht zu Ihrer Schwester; ich will zu Ihnen, Fräulein Stine.«
»Das geht nicht, Herr Graf. Ich bin allein, und ein alleinstehendes Mädchen muß auf sich halten. Sonst gibt es ein Gerede. Die Leute sehen alles.«
Er lächelte. »Wenn es so ist, Fräulein Stine, dann ist rasches Eintreten immer noch das sicherste.«
»Nun gut, Herr Graf... Ich bitte...«
Und damit trat sie von der Korridortür zurück und ging ihm voran, auf ihr Zimmer zu.
Die Polzin hatte, solange das Gespräch dauerte, beobachtend an ihrem Türguckloch gestanden, im selben Augenblick aber, wo Stine voranschreitend, den Grafen in ihr Zimmer führte, wandte sie sich ebenfalls in ihre halbdunkle Stube zurück, in der auf einem kleinen Klapptisch bereits das Abendbrot für ihren Mann stand: ein Bückling und ein rundes Landbrot, von dem sie jedesmal zwei kaufte, »weil sich das frische zu sehr wegschneide«.
»Na«, sagte Polzin, »was meinst du, Mutter? Drei Mark mehr is nu woll nich zuviel?«
»Drei...? Wo denkst du hin? Wenigstens fünfe. Man bloß, daß es noch nich sicher is. Er war so zittrig und bibberte so.«
Und bei diesen Worten legte sie das Ohr wieder an die Wand, während Polzin, der mit seiner Klapperei die Horcherszene nicht stören wollte, von seiner Arbeit aufstand und sich an sein Abendbrot machte.
Achtes Kapitel
Der unerwartete Besuch war inzwischen in das Frontzimmer eingetreten, und während Stine wieder auf das Fenster und ihre hier aufgestellte Rahmenstickerei zuschritt, forderte sie den jungen Grafen auf, auf dem schräg zur Seite stehenden Sofa Platz zu nehmen. Er lehnte dies aber ab und schob statt dessen einen Stuhl in die Nähe Stines, die sich ihrerseits sofort wieder ihrer Arbeit zuwandte, freilich in sichtlicher Erregung. Die Nadel flog, und der orangefarbene Faden von Flockseide blitzte bei jedem neuen Stich, den sie machte.
»Nun, Herr Graf«, begann sie, während sich ihr Kopf immer tiefer auf die Stickerei senkte, »was verschafft mir die Ehre? Was führt Sie zu mir?«
Aber ehe der, an den sich die Frage richtete, noch antworten konnte, fuhr sie schon mit einer ihr sonst fremden Lebendigkeit fort: »Ich glaube, Sie verkennen mich. Sie mögen darüber lachen; aber ich bin ein ordentliches Mädchen, und ist keiner in der Welt, der hintreten und zu mir sagen kann: ›Du lügst.‹ Ich sehe ja, wie's geht... nein, nein, lassen Sie mich ausreden... und solch ein Leben, wie's meine Schwester führt, verführt mich nicht; es schreckt mich bloß ab, und ich will mich lieber mein Leben lang quälen und im Spital sterben, als jeden Tag alte Herren um mich haben, bloß um Unanständigkeiten mit anhören zu müssen oder Anzüglichkeiten und Scherze, die vielleicht noch schlimmer sind. Das kann ich nicht, das will ich nicht. Und nun wissen Sie, woran Sie sind.«
»Fräulein Stine«, sagte der junge Graf, »Sie sagen, ich irrte mich in Ihnen. Ich glaube nicht, daß ich mich in Ihnen irre. Aber selbst, wenn es so wäre, so lassen Sie mich Ihnen sagen, Sie irren sich auch in mir. Ich komme zu Ihnen, weil Sie mir gefallen und mir eine Teilnahme eingeflößt haben, oder lieber rundheraus, weil Sie mir leid tun. Ich hab' es Ihnen wohl angesehen, daß an dem Abende neulich nicht alles nach Ihrem Sinn und Geschmack war, und da nahm ich mir vor, du willst sehen, wie's dem Fräulein Stine geht. Ja, Fräulein, das nahm ich mir vor, und wenn ich Ihnen helfen kann, so will ich Ihnen helfen und Ihnen Ihre Freiheit wiedergeben und Sie losmachen aus dieser Umgebung. Ich glaube, daß ich es kann, trotzdem ich kein Prinz bin und noch weniger ein Wundertäter. Und Sie dürfen auch nicht fürchten, daß ich eines Tages mit der Absicht kommen werde, mir einen schönen Dank dafür zu holen. Nein, nichts davon. Ich bin krank und ohne Sinn für das, was die Glücklichen und Gesunden ihre Zerstreuung nennen. Eine lange Geschichte, womit ich Sie nicht behelligen will, wenigstens heute nicht.«
Er hatte sich, während er diese letzten Worte sprach, erhoben und sah, seine Hand auf Stines Stuhl lehnend, in den Sonnenball, der eben zwischen den nach Westen stehenden Bäumen des Invalidenparks niederging. Alles schwamm in einem goldenen Schimmer, und das Schweigen, in das er verfiel, zeigte, daß er auf Augenblicke von nichts als von der Schönheit des sich vor ihm auftuenden Bildes hingenommen war. Endlich aber nahm er sich Stines Hand und sagte: »Was hab' ich da gesprochen von Freiheit geben und Sie wieder losmachen wollen! Geben Sie mir keine Antwort darauf. Alles falsch und eingebildet und töricht dazu. Weil ich mich selber hilfebedürftig fühle, war ich wohl des Glaubens, Sie müßten auch hilfebedürftig sein. Aber ich empfinde mit einem Male, daß Sie's nicht sind, daß Sie's nicht sein können.«
Stine lächelte vor sich hin. Der junge Graf aber, der es nicht sah oder nicht sehen wollte, fuhr in dem ihm eigentümlich elegischen Tone fort: »Ja, Fräulein Stine, das Kranksein, das eigentlich von Jugend auf mein Lebensberuf war, es hat auch seine Vorteile; man kriegt allerlei Nerven in seinen zehn Fingerspitzen und fühlt es den Menschen und Verhältnissen ab, ob sie glücklich sind oder nicht. Und mitunter sogar den Räumen, darin die Menschen wohnen. Und hier lehren mich meine Sinne, Sie können nicht unglücklich sein. Es ist nicht ein Zufall, daß ein solches Bild hier vor Ihnen ausgebreitet liegt, und ein Zimmer, in das die Sonne jeden Abend so freundlich blickt, das ist ein gutes Zimmer.«
»Ja«, sagte Stine, »das ist es. Freilich, man soll sich seines Glückes nicht rühmen, schon um's nicht zu berufen. Aber es ist wahr, ich bin glücklich.«
Der junge Graf sah sie bei diesen Worten forschend und beinahe verwundert von der Seite her an. Er hatte sich darin gefallen, ihr, um der freundlichen Umgebung willen, in der er sie gegen Erwarten antraf, ohne weiteres das Glück zuzusprechen, und war nun doch betroffen, sie so rundheraus das bestätigen zu hören, was er ihr selber eben gesagt hatte. Stine sah das alles und setzte deshalb hinzu: »Sie müssen nun freilich nicht denken, ich wisse vor lauter Glück nicht ein noch aus. So steht es auch nicht. Ich bin glücklich, aber nicht wie die, welche die Not nicht kennen und immer nur gute Tage haben. Und ich bin auch nicht so glücklich wie die katholische Schwester, die mich letzten Winter in meiner Krankheit pflegte. Solche fromme Seele, die nichts will, als Gott wohlgefällig sein, ja, die hat freilich mehr, und mit der steht es besser. Aber ich bin so gut dran wie gewöhnliche Menschen, die Gott schon danken, wenn ihnen nichts Schlimmes passiert.«
»Und das Zusammenleben mit Ihrer Schwester! Ist es Ihnen keine Last und keine Sorge?«
»Nein. Ich liebe meine Schwester, und sie liebt mich.«
»Aber Sie sind doch so sehr verschieden.«
»Nicht so sehr, wie Sie glauben. Sie verkennen meine Schwester; meine Schwester ist sehr gut.«
»Aber das Verhältnis, in dem sie steht! Es muß doch darüber geredet werden und Anstoß geben bei Leuten, die noch ihren Katechismus haben und die zehn Gebote halten.«
»Ja, bei denen gibt es freilich Anstoß, und meine Schwester, wenn sie mit solchen zusammentrifft, muß oft böse Worte hören. Aber so heftig sie sonst ist, so ruhig ist sie dabei. Sie hat nämlich einen sehr guten Verstand und ein großes Gerechtigkeitsgefühl, und wenn sie solche Worte hört, so sagt sie: ›Ja, Stine, das ist nun mal nicht anders; wer sich in den Rauch hängt, der wird schwarz.‹«
»Nun gut. Aber einen je besseren Verstand Ihre Schwester hat, und je mehr sie zugibt, so wie sie lebt, das Urteil und Gerede der Leute herauszufordern, desto mehr muß sie doch leiden unter der Mißachtung, die sie trifft.«
»Es wäre vielleicht so«, nahm Stine wieder das Wort, »wenn alle Menschen in einerlei Weise dächten. Aber das ist nicht der Fall. Die, die sie verurteilen (und die mitunter lieber schweigen sollten), das sind immer nur einzelne; die meisten plappern ihre Lehren und Vorwürfe nur so herunter und meinen es nicht bös und denken in ihrem Herzen ganz anders darüber.«
»Wie das?«
»Ja, das ist schwer zu sagen; aber es ist so und kann auch kaum anders sein. Denn die, die Not leiden, wollen vor allem aus ihrer Not und ihrem Elend heraus und sinnen und simulieren bloß, wie das zu machen sei. Brav sein und sich rechtschaffen halten, das ist alles sehr gut und schön, aber doch eigentlich nur was Feines für die Vornehmen und Reichen, und wer arm ist und das Feine mitmachen will, über den ziehen sie bloß her (und die gestern noch die Strengsten waren, am meisten) und reden und spotten, daß man was Apartes sein wolle. ›Die denkt wohl, sie sei es.‹ Ach, wie oft hab' ich das hören müssen.«
»Welche Verworrenheit der Begriffe!«
»Ja, so nennen Sie's, und ich mag nicht widersprechen. Aber dieselben Leute, die so verworren scheinen, sind auch wieder sehr hell und halten auf Pflicht, wo sie sich aus freien Stücken verpflichtet haben. Und das gleicht manches wieder aus. Neben ihrem bloßen Gerede, das heute so ist und morgen so, gibt es auch was, das ihnen feststeht, und das ist das Wort und die Zusage. Mit dem ›sich gut halten‹, solange man frei ist, kann man's am Ende halten, wie man will; aber mit dem Kontrakte muß man's halten, wie man soll. Was ich übernehme, das gilt, und ehrlich sein ist die Hauptsache geworden. Und so kann es einer armen Frau passieren, in einem Verhältnis, das nicht löblich ist, doch noch gelobt zu werden.«
»Und dieses Vorzuges genießt Ihre Schwester?«
»Ja. Daß sie das Verhältnis hat, ist ihr kein Lob, aber bei der großen Mehrzahl auch keine Schande. Die arme Frau, so sagen sie, sie hätt's lieber anders. Aber sie muß. Und muß ist eine harte Nuß. Und so läßt man sie's nicht entgelten und fordert nur das eine von ihr, daß sie, was sie versprochen, auch respektiere. Wanda darf tun und lassen, was sie will; meine Schwester Pauline darf es nicht. Die muß halten, wozu sie sich verpflichtet; und ich darf Ihnen versichern, es wird gehalten.«
»Und in das alles hat sich Ihre Schwester hineingefunden? Vielleicht sogar mit Leichtigkeit?«
»Doch nicht leicht. Eher schwer. Aber, die Wahrheit zu gestehen, nicht schwer von Tugend wegen (davon will sie nichts wissen), sondern nur deshalb, weil ihr von Natur an einem Leben nichts liegt, wie sie's zu führen gezwungen ist. Meine Schwester ist arbeitsam und ordentlich und ganz ohne Passion. Wenigstens hat sie mir das hundertmal versichert.«
»Und aufrichtig?«
»Wer sieht ins Herz? Aber ich glaube: ganz aufrichtig. Und wenn Sie meine Schwester so gut kennten wie ich, so würden Sie's auch glauben.«
»Und doch sagte sie mir, als ich vorgestern nach Olga fragte: ›Danach dürfen Sie nicht fragen.‹ Einen Vater hat sie, das ist gewiß. Aber mehr kann ich Ihnen nicht sagen.«
Stine lächelte verlegen vor sich hin. Endlich aber sagte sie: »Ja, in diesem Tone spricht sie gern, das ist wahr; aber nicht aus schlechter Sitte, sondern aus Übermut. Sie weiß, daß sie noch immer sehr hübsch ist, und hat aus Eitelkeit und Gefallsucht, wovon ich sie nicht freisprechen kann, eine sie beständig quälende Lust, die Männer in Verwunderung zu setzen, bloß um sie hinterher auszulachen. Ich kenne sie besser, weil ich ihr Leben kenne. Sie war kaum zwanzig, als Olga geboren wurde. Da hatte sie nun das Kind – eine gewöhnliche Verführungsgeschichte, womit ich Sie verschonen will; und weil man ihren Anspruch mit einer hübschen Geldsumme zufriedenstellte, so war sie nun eine ›gute Partie‹ geworden und verheiratete sich auch bald danach. Und wie meist in solchen Fällen: mit einem kreuzbraven Mann. Aber ich muß auch sagen, er kam ihr zu. Sie war eine ganz vorzügliche Frau. Nicht das geringste konnt ihr nachgesagt werden; und als der Mann krank wurde, hat sie ihn mit allem, was sie hatte, treu bis zum Tode gepflegt. Freilich, als er dann in seinem Grabe lag, war auch der letzte Notgroschen hin, und ihr Herr Onkel, der in demselben Hause wohnte, nahm sich ihrer an. Und da kam es dann – nun, Sie wissen wie. Das geht jetzt ins dritte Jahr, und sie wünscht es sich nicht anders, trotzdem sie klagt und wettert, übrigens ohne sich viel dabei zu denken. Sie nimmt ihr gegenwärtig Leben als einen Dienst, drin sich Gutes und Schlimmes die Waage hält; aber des Guten ist doch mehr, weil sie keine Sorge hat um das tägliche Brot. Und nun bitt' ich Sie, wenn Sie sie wiedersehen, so sehen Sie sich ihr Tun und Treiben auf meine Worte hin an, und Sie werden finden, daß ich nicht zuviel gesagt habe.«
»Und was fordert sie von Ihnen?«
»Fordert? Nichts. Sie liebt mich und ist seelensgut zu mir und freut sich, daß ich auf mich halte, und ermutigt mich darin. ›Es ist immer das klügste so,‹ das sind ihre Worte. Würd' es aber anders kommen, so wär' es nicht viel, und sie würde nur sagen: ›Ich weiß wohl, Stine, das Richtige läßt sich nicht immer tun.‹ Ja, sie sieht das, was sie das Richtige nennt, für etwas Wünschenswertes an, aber nicht als etwas Notwendiges; sie gönnt es mir, nichts weiter.«
Allmählich, während dies Gespräch geführt wurde, war die Sonne drüben niedergegangen, und nur ein letztes verblassendes Abendrot schimmerte noch zwischen dem Gezweige der Parkbäume. Stine hatte längst den Stickrahmen beiseite gestellt, und der junge Graf, der ihr jetzt gegenübersaß, sah in dem Fensterspiegel, wie die ganze Straße hinunter die Gaslaternen aufflammten. Er war so benommen davon, daß er eine Weile schwieg und dem eigentümlichen Straßenbilde zusah.
»Ich sehe«, sagte Stine, »der Spiegel tut es Ihnen auch an. Ich weiß das schon; es ist immer dasselbe.«
Der junge Graf nickte. Dann nahm er Stines Hand wie zum Abschied und sagte, während er sich rasch erhob: »Ich darf doch wiederkommen, Fräulein Stine?«
»Besser wäre es, Sie kämen nicht. Sie beunruhigen mich nur.«
»Aber Sie verbieten es nicht, Sie sagen nicht nein?«
»Ich sage nicht nein, weil ich es nicht sagen darf. Meine Schwester würd' es unklug finden, und ich weiß, daß ich ihr Rücksichten schuldig bin.«
»So denn auf Wiedersehen, Fräulein Stine.«
Stine gab ihm das Geleit bis auf den kleinen Korridor; dann aber rasch in ihre Stube zurückkehrend, trat sie ans offene Fenster und sog die frische Luft ein, die vom Park her herüberkam. Aber es blieb ihr bang ums Herz, und sie hatte das bestimmte Gefühl, daß ihr nur Schweres und Schmerzliches aus dieser Bekanntschaft erwachsen werde. »Warum hab' ich nicht nein gesagt? Ich habe mich nun in seine Hand begeben... Und doch, ich will nicht, will nicht. Ich hab' es ihr auf dem Sterbebette schwören müssen. ›Stine,‹ sagte sie, ›halte dich. Es kommt nichts dabei heraus. Du bist nicht so hübsch wie deine Schwester Pauline, das ist mir ein Trost. Ach, das Hübschsein...‹ – Ich war noch ein halbes Kind damals; aber was ich ihr versprochen, ich will es halten!«
Im selben Augenblick, wo der junge Graf, von Stine geleitet, aus dem Zimmer in den Korridor trat, trat auch die Polzin von ihrem Horchplatz wieder an den Klapptisch zurück, wo sich nun zwischen den beiden Eheleuten sofort ein kurzes, aber intimes Zwiegespräch entspann.
»Er ist eigentlich lange geblieben«, sagte Polzin, während er sich wieder an den Webstuhl setzte. »Wie war es denn?«
»Gar nichts war es. Und wird auch nichts.«
»I wo«, sagte Polzin. »Es wird schon werden. Alles muß doch Zeit und Weile haben. Aber du denkst immer...«
»Ach was, denken; ich denke gar nich. Ich sage bloß, wenn was werden soll, wird es gleich. Un wenn es nich gleich wird, wird es garnich... Ich kenne doch auch die Mannsleute.«
»Ja, ja«, sagte Polzin und griente, » die kennst du.«
»Höre, Polzin, komme mir nich so. Fange nich wieder alte Geschichten an.«
»I, wie werd' ich denn... Ich meine ja bloß...«
Neuntes Kapitel
Der junge Graf wiederholte seine Besuche. Während der ersten Woche kam er einen Tag um den andern, dann täglich; aber immer blieb er nur bis Spätnachmittag. Dann ging er wieder.
Einmal kam ausnahmsweise der Abend heran, und man öffnete die Fenster und sah hinaus. Die Schwere der Luft machte, daß das Straßentreiben unten anders als sonst auf die Sinne wirkte; die Lichter brannten trüber, und das Geläute der Pferdebahnglocke klang gedämpfter herauf. Über dem Parke drüben stand der Mond und warf seinen Schimmer auf einen frei zwischen den Bäumen stehenden Obelisken; die Nachtigallen schlugen, und die Linden blühten in aller Pracht.
Der junge Graf wies darauf hin und sagte: »Das ist nun ein Park und heißt auch so. Aber ist es nicht eigentlich wie ein Kirchhof? Daß alles blüht, das hat der Kirchhof auch. Und der Obelisk sieht aus wie ein Grabstein.«
»Und ist auch so was.«
»Wie das? Ist da jemand begraben?«
»Nein, begraben nicht. Aber ein Denkmal ist es, das zur Erinnerung an die mit der ›Amazone‹ Verunglückten errichtet wurde. Hundert oder mehr, und ich habe manchmal ihre Namen gelesen. Es ist rührend; lauter junge Leute.«
»Ja«, sagte der junge Graf, »ich entsinne mich, lauter junge Leute.« Dann schwieg er wieder, und der Ton, in dem er gesprochen hatte, klang fast, wie wenn er sie mehr beneide als beklage.
Bald danach brach er auf, sichtlich bewegt von der Wendung, die das Gespräch genommen, und Stine sah, als er auf die Straße hinaustrat, daß er nicht, wie gewöhnlich, nach links hin auf die Bahnhofsbrücke zuschritt, sondern, quer über den Damm, nach dem eingegitterten Park. Da stand er nun an dem Gitter und beugte sich vor, und es war, als ob er die Namen, die der Obelisk trug, in dem Halblicht zu lesen versuche.
An diesem Tage hatte sein Besuch etwas länger gedauert; sonst blieb er nur bis Sonnenuntergang und hatte seine Freude daran, Stine bei der Arbeit zu sehen und dabei plaudern zu hören. Er nahm teil an allen Vorkommnissen; am liebsten aber war es ihm, wenn sie Geschichten aus ihrem Leben erzählte, von ihren Kinder- und Schultagen, von dem frühen Tod ihrer Mutter und von der Einsegnung, die kurz nachher gewesen, und wie die Leute im Hause gesammelt hätten, um ihr das Einsegnungskleid schenken zu können. Und wie sie dann in demselben Jahre noch in das große Woll- und Stickereigeschäft eingetreten sei – dasselbe, für das sie jetzt noch arbeite; meistens zu Haus, aber mitunter auch im Geschäft selbst –, und wie sie da lebten und Freundschaften schlössen und in der Weihnachtswoche bis in die halbe Nacht beisammensäßen und der Reihe nach eine immer vorlesen müsse. Das sei nicht bloß gestattet, das sei sogar gewünscht; denn der Herr des Geschäfts sei klug und gütig und wisse, was es wert sei, die, die arbeiten müßten, bei Lust und Liebe zu halten. Und so käm' es auch, daß sie keinen Wechsel im Personal hätten, oder doch nur sehr selten, und alle gern blieben, es sei denn, daß sie sich verheirateten. Überhaupt müsse sie sagen, es würde so viel von Aussaugen und Quälen und von Bedrückung gesprochen, aber nach ihrer eigenen Erfahrung könne sie dem durchaus nicht zustimmen. Im Gegenteil. Im Winter hätten sie Maskenball und Theaterstücke; denn ihr Geschäftsherr, wie sie nur wiederholen könne, vergesse nie, daß ein armer Mensch auch mal aus dem Alltag heraus wolle. Das Schönste aber seien die Landpartien im Sommer. Da würden ein paar Kremser gemietet, und noch vor Tau und Tage ging es ins Freie hinaus, nach Schildhorn und Grunewald oder nach Tegel und dem Finkenkrug. Oder auch zu Wasser, was freilich, solange sie da sei, nur einmal gewesen, aber ihr auch ganz unvergeßlich geblieben sei. Da wär' ein Dampfschiff gemietet worden, und die ganze Spree hinauf, an Treptow und Stralow und dann an Schloß Köpenick und Grünau vorüber, wären sie bis in die Einsamkeit gefahren, bis an eine Stelle, wo nur ein einziges Haus mit einem hohen Schilfdach dicht am Ufer gestanden habe. Da wären sie gelandet und hätten Reifen gespielt. Ihr aber sei das Herz so zum Zerspringen voll gewesen, daß sie nicht habe mitspielen können, wenigstens nicht gleich, weshalb sie sich unter eine neben dem Hause stehende Buche gesetzt und durch die herabhängenden Zweige wohl eine Stunde lang auf den Fluß und eine drüben ganz in Ampfer und Ranunkeln stehende Wiese geblickt habe, mit einem schwarzen Waldstreifen dahinter. Und es sei so still und einsam gewesen, wie sie gar nicht gedacht, daß Gottes Erde sein könne. Nur ein Fisch sei mitunter aufgesprungen und ein Reiher über die Wasserfläche hingeflogen. Und als sie sich satt gesehen an der Einsamkeit, habe sie die andern wieder aufgesucht und mit ihnen gespielt; und sie höre noch das Lachen und sähe noch, wie die Reifen in der Sonne geblitzt hätten.
Der junge Graf hörte nichts lieber als dergleichen Erzählungen, und so glücklich ihn jedes Wort stimmte, so lehrreich war es ihm auch. Er war in der Vorstellung herangewachsen, daß die große Stadt ein Babel sei, darin die Volksvergnügungen, wenn nicht mit Sittenlosigkeit und Roheit, so doch mit Lärm und Gejohle ziemlich gleichbedeutend seien, und mußte nun aus Stines Munde hören, daß dies Babel eine Vorliebe für Lagern im Grünen, für Zeck und Anschlag habe. Dergleichen verfehlte denn auch nicht, seine Gedanken immer mehr einer ihm angebotenen, allen Standesvorurteilen abgewandten Richtung zuzuwenden, und wenn Stine mit solchen Schilderungen, ernsten und heiteren, ihn in die Gemütlichkeit hineingeplaudert hatte, wurd' er zuletzt selber mitteilsam und sogar gesprächig und erzählte von seinem eigenen Leben: von dem Predigtamtskandidaten, bei dem er bis zum Überdruß Gesangbuchlieder und Bibelsprüche habe lernen müssen, weil es so das bequemste für den Lehrer gewesen, von seinen Vorbereitungen zum Examen, durch das er nur (denn er habe nie was gelernt) wie durch ein Wunder hindurchgekommen sei, und endlich, nach seinem Eintritt ins Regiment, von seinen Avantageur-und Fähnrichstagen. Das wäre seine beste Zeit gewesen, seine einzig frohe, trotzdem es bei seinem frommen und eisenfresserischen Kommandeur ein für allemal festgestanden habe: »ein Fähnrich ist ein Nichtsnutz«. Und da mit einem Male hab' es geheißen »Krieg«; ein Jubel wäre losgebrochen, und drei Tage später hab' er schon eingepfercht in einem Waggon gesessen, überglücklich, auch seinerseits aus dem Garnisonseinerlei heraus zu sein. Überglücklich, aber freilich nicht auf lange. Denn wieder drei Tage später, und er habe, aus dem Sattel geschossen, dagelegen, und als einen Halbtoten hätten sie ihn weggetragen. Und während seine Kameraden von Sieg zu Sieg gezogen seien, hätt' er sich in einem Nest an der Grenze hingequält und nicht gewußt, ob er leben oder sterben solle. Und die Natur hab' es auch nicht recht gewußt und habe sich nicht entscheiden wollen. Aber zuletzt habe sie sich entschieden, und er sei genesen. Oder doch halb. Ob zu seinem Glück? er wisse es nicht. »Es ist doch das schönste, wenn die Sonne niedergeht und ausruhen will von ihrem Tagewerk.«
Stine verstand ihn wohl und bat ihn, als er das sagte, nicht so zu sprechen. Er müsse doppelt hoffen; denn wer vom Tode gerettet sei, der lebe lange. So sage das Sprichwort, und die Sprichwörter hätten immer recht.
Er lächelte bei diesen Worten und lenkte dann auch seinerseits wieder zu heiteren Dingen über. Und bald danach trennte man sich in Herzlichkeit und guter Laune.
Zehntes Kapitel
Es war in der dritten Woche nach ihrer Bekanntschaft, ein Freitagabend, und der junge Graf hatte noch keine zehn Minuten das Haus verlassen, als es oben an der Flurtür klopfte. Das war das Zeichen für die Polzin, die denn auch sofort erschien und sich mit der Pittelkow begrüßte.
»War Besuch hier, liebe Polzin? Ich meine bei Stine?«
»Kann ich wirklich nich sagen, liebe Frau Pittelkow. Sie wissen, wir sehen und hören nichts.«
Es schien, daß sich die Polzin über dies ihr Lieblingsthema noch weiter verbreiten wollte; Stine jedoch, die das draußen auf dem Flur geführte Gespräch gehört und die Stimme der Schwester erkannt hatte, ließ es nicht dazu kommen. »Ei, das ist hübsch, Pauline, daß du da bist.« Und hiermit wandte sie sich wieder in ihr Zimmer zurück, um, vorsichtig umhersuchend, von einem schon im vollen Abendschatten stehenden Eckschrank die Lampe herunterzunehmen.
»Laß man, Stinechen,« sagte die Schwester. »Es ist so hübsch schmustrig hier, un das Schmustrige hab' ich nu mal am liebsten, un is immer wie'n altes schwarzes Kreppschintuch, so man sich gleich einmummeln un anlehnen kann, un braucht nicht steif un grade zu sitzen. Nein, laß man, Stine; wir haben Licht genug von unten her. Sieh doch bloß, da kuckt ja der Mond grad über Sieboldten seinen Schornstein weg.«
Unter solchem Geplauder hatte die Pittelkow auf dem Sofa Platz genommen und sagte, während sie sich behaglich in die Kissen drückte:
»Ja, was ich sagen wollte, Stine, das Grafchen war eben wieder hier?«
»Ja, Pauline.«
»Jott, Kind, wie dir die Backen brennen.«
»Ja, sie brennen mir. Aber ich weiß eigentlich nicht, warum. Es ist fast zum Ärgern; ich bin rot geworden und brauchte doch nicht.«
»Ach, mein Stineken, werde du man rot; es is immer besser, mal zuviel als mal zu wenig. Aber was ich sagen wollte, das Grafchen... Es gefällt mir nich, daß er hier immer bei Dagesschluß die Treppe raufsteigt, grad als müßt' er die Betglocke läuten.«
»Er ist der beste Mensch von der Welt, Pauline. Nie hätt' ich geglaubt, daß es einen so guten Menschen gäbe. Den ersten Tag hatte ich eine Aussprache mit ihm und redete von Anständigkeit und Auf-sich-halten, und daß ich ein ordentliches Mädchen sei. Aber ich schäme mich jetzt fast, daß ich so was gesagt habe. Denn immer ängstlich sein ist auch nicht gut und zeigt bloß, daß man sich nicht recht traut und daß man schwächer ist, als man sein sollte.«
Die Pittelkow lächelte vor sich hin und schien antworten zu wollen, aber Stine fuhr fort: »Ja, Pauline, der beste Mensch, ohne Falsch und ohne Hochmut, aber auch ohne Glück. Wenn er mir so gegenübersitzt, ist es mir oft, als ob wir die Rollen vertauscht hätten, und als ob ich eine Prinzessin wär' und könnt' ihn glücklich machen. Er sieht mich dann immer an und hört auf jedes Wort, das ich spreche, nicht bloß zum Schein und aus Haberei, nein, solch dummes Ding bin ich nicht mehr, mir so was einzubilden, wenn es nicht wahr wäre. Nichts von bloß so tun; ich seh' es ihm an, daß er wirklich dabei ist, und daß ihn alles freut, was ich da so hinplaudere. Freilich, du wirst mich für eitel halten und es nicht glauben wollen.«
»O, warum nich, Stine? Warum soll ich es nich glauben? Ich glaub' es alles. Aber alles hat auch seinen Grund, und sogar seinen guten Grund. Und ich kenn' ihn auch.«
»Und ich denke mir, ich kenn' ihn auch und weiß, woran es liegt. Sieh, es liegt daran, er hat so wenig Menschen gesehen und noch weniger kennengelernt. In seiner Eltern Hause gab es nicht viel davon (sie sind alle stolz und hart, und seine Mutter ist seine Stiefmutter), und dann hat er Kameraden und Vorgesetzte gehabt und hat gehört, wie seine Kameraden und seine Vorgesetzten sprechen; aber wie Menschen sprechen, das hat er nicht gehört, das weiß er nicht recht. Ich denke mir das nicht aus, ich hab' es von ihm, es sind seine eigenen Worte. Ja, Pauline, daran liegt es. Das ist der Grund, daß ich armes Ding ihm gefalle; nichts weiter. Er ist unglücklich in seinem Haus und seiner Familie. Vor allem aber denke nur nicht, er sei mein Anbeter oder Liebhaber, oder wie du's sonst noch nennen willst. Ich sehe wohl, daß er mich lieb hat, aber das ist doch was andres, und das kann ich dir sagen: noch ist kein Wort über seine Lippen gekommen, dessen ich mich vor Gott und Menschen oder vor mir selber zu schämen hätte.«
»Glaub' es«, sagte die Pittelkow. »Glaub' es alles. Aber, meine liebe Stine, das ist es ja eben. Ich hab' es mir so gedacht, gerade so. Gleich als ich ihn das erstemal sah, als die beiden Alten mit da waren und Wanda Holofernessen köppte, da wußt' ich es. Sieh, Kind, es sind mir so viele Mannsleute zu Gesicht gekommen, und wenn ich welche sehe, na, so kenn' ich sie gleich durch un durch un kann sie aussuchen wie Handschuh nach der Nummer, un weiß gleich, was los is. Un mit dem jungen Grafen is nich viel los. Er is man schwächlich, un die Schwächlichen sind immer so un richten mehr Schaden an als die Dollen.«
Stine sah die Schwester an.
»Ja, du siehst mich an, Kind. Aber es is wahr un wahrhaftig so. Du denkst wunder, wie du mich beruhigst, wenn du sagst: ›Es is keine Liebschaft.‹ Ach, meine liebe Stine, damit beruhigst du mich gar nich; konträr im Gegenteil. Liebschaft, Liebschaft. Jott, Liebschaft is lange nicht das schlimmste. Heut' is sie noch, un morgen is sie nich mehr, un er geht dahin, und sie geht dahin, un den dritten Tag singen sie wieder alle beide: ›Geh du nur hin, ich hab' mein Teil.‹ Ach, Stine, Liebschaft! Glaube mir, daran stirbt keiner, un auch nich mal, wenn's schlimm geht. Was is denn groß? Na, dann läuft 'ne Olga mehr in der Welt rum, un in vierzehn Tagen kräht nich Huhn nich Hahn mehr danach. Nein, nein, Stine, Liebschaft is nich viel, Liebschaft is eigentlich gar nichts. Aber wenn's hier sitzt (und sie wies aufs Herz), dann wird es was, dann wird es eklig.«
Stine lächelte.
»Du lachst, und ich weiß auch warum. Du lachst, weil du denkst, Pauline weiß nichts davon und kann auch nichts davon wissen; denn es hat ihr nie hier gesessen. Un das hat auch seine Richtigkeit damit. Ich bin noch so drum rumgekommen. Aber, meine liebe Stine, man erlebt nicht bloß an sich selbst, man erlebt auch an andern. Un ich sage dir, von so was, wie du mit dem Grafen vorhast oder der Graf mit dir, von so was is noch nie was Gutes gekommen. Es hat nu mal jeder seinen Platz, un daran kannst du nichts ändern, un daran kann auch das Grafchen nichts ändern. Ich puste was auf die Grafen, alt oder jung, das weißt du, hast es ja oft genug gesehen. Aber ich kann so lange pusten, wie ich will, ich puste sie doch nich weg, un den Unterschied auch nich; sie sind nun mal da, und sind, wie sie sind, und sind anders aufgepäppelt wie wir, und können aus ihrer Haut nicht raus. Un wenn einer mal raus will, so leiden es die andern nich und ruhen nich eher, als bis er wieder drin steckt. Un denn kannst du hier solang in die Sonne kucken, bis sie morgens bei Polzins oder bei der Frau Privatsekretär wieder rauskommt, er kommt doch nich, er sitzt erster Klasse mit Plüsch un hat noch ein Luftkissen bei sich, un sie hat 'nen blauen Schleier an'n Hut, und so geht es heidi! nach Italien. Un das is denn, was sie Hochzeitsreise nennen.«
»Ach, Pauline, so kommt es nicht.«
»Ja, so kommt es, mein armes Stineken. Un wenn es nich so kommt, na, denn kommt es noch schlimmer; denn is er ein Eigensinn un will partout mit'n Kopp durch die Wand, un hast du denn den Kladderadatsch erst recht. Glaube mir, Kind, von 'ne unglückliche Liebe kann sich einer noch wieder erholen un ganz gut rausmausern, aber von's unglückliche Leben nich.«
Elftes Kapitel
Baron Papageno (niemanden über sich) wohnte von alter Zeit her drei Treppen hoch, teils weil er das seiner Meinung nach erst in etwa Dachhöhe beginnende Ozon auch in seiner Berliner Abschwächung nicht missen wollte, teils weil er einen Widerwillen hatte, bei jeder über ihm stattfindenden Mahlzeit ein halbes Dutzend Menschen und Stühle herumpoltern zu hören. Namentlich war ihm das Hin- und Herschrammen in den Tod verhaßt, das seiner in früheren Wohnungen gemachten Erfahrung nach überall da blühte, wo Kinder mit zu Tische saßen, Kinder, die noch nicht alt genug waren, ihren Stuhl manierlich heranzustellen, und sich deshalb aushilfsweise zum Schieben gezwungen sahen. Neben dem Griffelgequietsch auf Schiefertafeln gab es nichts, was ihn so nervös gemacht hätte, wie solche Stuhl- und Rutschfahrten ihm zu Häupten.
Aber freilich, seine der gesamten Wohnungsfrage geltenden Sorglichkeiten beschränkten sich nicht auf Luftschicht und Hausruhe, sondern zeigten sich beinahe mehr noch in dem Raffinement, mit dem er bei der Wahl der Stadtgegend verfahren war und Zietenplatz- und Mohrenstraße-Ecke gewählt hatte. Wie sich denken läßt, hielt er diese seine Kastellecke für nicht mehr und nicht weniger als den schönsten Punkt der Stadt und lag darüber mit dem alten Grafen in einer beständigen Fehde. Dieser seinerseits zog die Behrenstraße weit vor, unterlag aber bei den sich darüber entspannenden Streitigkeiten jedesmal, weil er in der üblen Lage war, mit bloßen legitimistischen Sentiments gegen Tatsachen fechten zu müssen. »Ich bitte Sie, Graf«, sagte dann Papageno mit einer von vornherein überlegenen Miene, »was haben Sie, Hand aufs Herz, in der Behrenstraße? Sie sehen nun schon sieben Jahre lang in das Portal der kleinen Mauerstraße hinein, ohne je was anderes herauskommen zu sehen als eine Kutsche mit einer alten Prinzessin oder einer noch älteren Hofdame. Das ist mir aber, offen gestanden, trotzdem die Kutschen zu sind, als Point de vue nicht anziehend genug. Und nun vergleichen Sie damit meine Mohrenstraße-Ecke. Sag' ich zuviel, wenn ich behaupte, daß mir, von meinem Auskuck aus, ganz Berlin, soweit es mitspricht, zu Füßen liegt? Was ich jeden Morgen zuerst zu begrüßen in der Lage bin, ist der alte Zieten auf seinem Postament. Als er noch weiß war, war er mir freilich noch lieber, und wenn ich ihn damals so marmorblank in der Morgensonne dastehen und leuchten sah, dacht' ich mitunter, er werde reden wie der selige Memnon aus seiner Säule. Nun, das hat er schon damals unterlassen, und seitdem er erz- und olivenfarben geworden ist, ist es vollends damit vorbei – die besseren Tage liegen ihm und anderen zurück. Aber besser oder nicht, der alte Zieten ist überhaupt nur Vorposten an dieser Stelle, hinter dem ich (die Menge muß es bringen) an jedem neuen Tage nach links hin die Gamaschen des alten Dessauers und nach rechts hin die Fahnenspitze des alten Schwerin blinken sehe. Vielleicht ist es auch sein Degen. Und en arrière meiner Generäle türmen sich die Ministerien auf; und Pleß und Borsig, und wenn ich mich noch weiter vorbeuge, seh' ich sogar das Gitter von Radziwill, jetzt Bismarck, und durchdringe mich mit dem patriotischen Hochgefühle: hier Preußen unter dem Alten Fritzen, dort Preußen unter dem Eisernen Kanzler.«