Über den Expressionismus in der Literatur und die neue Dichtung
Über die dichterische deutsche Jugend
An ein skandinavisches Publikum (März 1918)
Nicht, was man wähnt, einigt uns: nicht jenes Alter auf der Wage schwankend
der Zwanzig und Dreißig.
Nicht unsere Geburt in solcher Zeit, die uns heißt, auf die Rechte der Jugend
verzichten, die uns nimmt, was Generationen vor uns inbrünstig verführte: das
Meer, die Welt . . . die uns Eingeschlossenen diktiert, statt Lockungen und
Freiheiten nur das eine zu sehen: Tod und Pflichten.
Nicht Kampf gegen schon Stürzendes verbindet, wo wir doch, toleranter,
duldsamer als Vorangegangene, auf Formales geringsten Wert legen, wo
künstlerische Fragen, im Äußeren nur ruhend, uns gleichgültig abgewendet
sehen, vielmehr bedacht auf die Gesinnung.
Die Bindung ist das Ziel geistiger Kunst.
Wir spürten Jungsein in uns, als wir aufwuchsen, niemals um uns aber
Jugend. Wir blieben einzelne, bis selbst schaffend, an gleicher Arbeit erglüht,
wir gemeinsame Ziele, gleiche Begeisterungen an Stirn und Gesicht erkannten.
Nun waren wir herausgeschleudert aus abseitiger Verzweiflung, nun waren
wir ganz: Generation.
Eine Welle steigt mit den Mannesaltern, oft seltener noch, auf, und ihr Zittern
steht gefangen noch lange in der folgenden Zeit. Die Herzen stehen bei ihrer
Hochfahrt gereckt, Enthusiasmus entflammt, aus großer gemeinsamer Idee
gebiert sich die Gemeinsamkeit: Jugend.
Denn junge Menschen gab es zu jeder Zeit. Junge Menschen gab es, solang
wir unsere Knabenzeit zu den Jünglingen entfalteten und wuchsen. Nie aber
stand sie als Schar. Nie als Phalanx. Nie sahen wir Zusammensein zu großen
Taten, nie begeisterte Munde, die dies forderten, jenes schufen, anderes in
heiligem Eifer zerschlugen.
Jungsein allein genügt nicht.
Ist nicht, was Generationen mit dem Unvergleichlichsten und
Vergänglichsten, dem Namen der Jugend nennt. Es ist nur die Idee.
Der junge Mann, den der Bürger soupçonniert, den der alte Mann haßt, den
reife Frauen verlachen, der junge Mensch ist nur ein Mißverständnis des
Temperaments. Jugend, geschart, rufend unter Fahnen der Idee, die sie führt,
Jugend, geeint, ist eines der gewaltigsten Dinge, eine der Umwälzungen, die die
Menschheit weiterbringen.
Jugend dieses Sinnes heißt Revolution des Geistes.
Wir, in steriler Zeit groß geworden, nach schon gestorbenen Naturalisten
geboren, die Karusselle bürgerlichen Weltgefühls eitel um unser Erstaunen
schwingen sehend, wir, im Wachsen von keiner Dichtung begleitet, wir, die entbehrte, sehnsüchtig erwartete Ziele demütig und verwundert in eigener Brust
entdeckten . . . wo grüßt uns Herzschlag wie unserer, wo stürmten sie Barrikaden
vor uns, wo dröhnte das Zittern zuletzt, das uns so beseligt . . . ist das nicht
unsere Frage?
Ganz unten steht die Rotte um Goethe. In deutschem Sturm und Drang bricht
sich Bewegung, Soziales gemischt mit der Literatur, da bereitet chaotisch sich
vor, was Harmonie werden soll, unser aus blutendstem Herzen erschrienes, aus
letzter Sehnsucht und jetzt schon fast verzweifelt ersehntes Ziel: deutsche
Kultur.
Da unten zerstörten junge Dichter ihr Leben, da sie so leben wollten, wie sie
dichteten, und da die Zerrissenheit ihres Geistes Ausgleich finden mußte in
äußerem Schicksal.
Glänzendes Feuerwerk.
Revolte der Kraft gegen die Verzweiflung. Ihr Dasein zerfetzt wie ihre
Dramen. Ihr Leben ist kurz.
Sie gehen nach Rußland, sterben in Moskau, sterben in Italien, sterben in der
Schweiz. Sie sterben in Deutschland.
Als steiles Monument ragend immer nur: Goethe.
Als hätten sie sich zerstören müssen, nach irgendeinem Schicksal, daß in
Goethes Saft solch unaussprechliche Kraft und Süßigkeit flösse, die nach allen
Seiten, gerecht und harmonisch, einen Untergrund legte zur künstlerischen
Struktur unseres Geistes, unserer Zeit.
Wieder eine Ballung, wieder ein großer Versuch zum geistigen Ausdruck: die
Romantik.
Da erhoben junge Leute sich zur Höhe des Gefühls. Da trugen Schwärmende
durch die Strecke vom Hirn gesäuberter phantasieloser Jahre, durch Jahre,
vertrocknet von Aufklärung, das Herz vor sich hin. Gelösten Schrittes aus Toga
und Chiton herausschreitend zu phantastischem Barock, in mittelalterliche
Bewegtheit, zog sie die Buntheit ihres Rhythmus zu den mystischen Quellen des
Blutes.
Ihr Stil erhielt Lockerung, ihr Geist die Spannkraft, in barocker Geistigkeit
deutsches Wesen zur Idee zu schmelzen. Bewegung schüttelte die Literatur von
innen. Nach außen war Stille.
Nicht jener Feuerbrand der Franzosen: Mussets Lieder, die den Boulevard
überflogen, Victor Hugos stampfende Forderung „couleur“, Théophile Gautier,
Fels in roter Weste, der alle Premierenschlachten schlug.
Nein, gelehrtenhaft ging es, wie es deutschem Wesen früher entsprach, in der
Stille der Korrektheit bis zum Verwelken.
Der letzte große Versuch zum geistigen deutschen Stil verflammte hier.
Noch war der Leib des Volkstums nicht genug in Training, nicht stark genug
von Massage. So brach die Welle ab, die vor säkularer Epoche Deutschland,
seinem Mittelalter näher, des Stromes der Kraft eigenmäßiger bewußt, seinem
Katholizismus dichter ans Herz binden wollte.
Von da ab kein großer geistiger Zug mehr. Junges Deutschland mit liberalen
Frondeuren. Naturalisten, schwächlicher Protest auf den Mechanismus
ungepflegter Zeit, Bürgerliches, sich eitel spiegelnd auf Pferden und Schaukeln,
immer wandernd um die eigene unwichtige Welt . . . dies Jahrhundert, es ward
gegeben als eine Medizin, an der zu leiden aber nicht zu vergehen das Schicksal
uns unerbittlich hieß.
Bürgerliches Jahrhundert mit bourgeoisen Temperamenten, epigonale Ritter
schon donquichottisch abgegangenen Geistes, zielloses Zerfasern des Menschen,
Jahrzehnte, gesäugt von der Arznei bittersten Jahrhunderts mit kapitalistischer
Fassade, immer nur das Eigentliche verschüttend, immer die Kulisse als Panier
erhoben, Zeit, die sich trennte und manifestierte nach Klassen, Zeit der
Rechtsanwälte, der Offiziere und Proletare . . . liegt nicht solche Zeit wie
maskenhaftes Lächeln grandios agierenden Schicksals, weggenommen vom
tragischen Gesicht der Zeit, irgendwo unwichtig abgeschüttelt schon der
Vergessenheit zugewendet, vor der nur glänzendes Können einiger Künstler es
schützt.
Schwingt nicht ein Regenbogen?
Läuft die Brücke des Geistes nicht ehern, von den magischen Punkten der
Zeit zueinander gestellt?
Steht nicht, über solche Epoche aufgeschleudert, der Bogen zu Füßen
Bettinas, Tieks und Brentanos. Steht auf dem Aufprall des anderen Bogens nicht
Jugend von heute, Herzschlag empfindend tief aus magischer Nacht verflossenen
Jahrhunderts. Alle Herzen schlagend auf der Spitze der großen Gefühle, alle
Herzen entflammt vom großen Gedanken der Menschheit?
Hier steht, wenn so Vielfältiges sich einigen kann, eine Generation mit ihrer
Idee.
Das sind die Summen.
Braucht es Ergänzungen? Reihen werden nur genannt, Generationen, die hin
und wieder aufstehend, Gesicht und Geist der Zeit bestimmten. Dies sind die
Linien.
Nie aber ist jugendlicher Opfermut, Begeisterung der Jugend hiermit
erschöpft.
Die gab es, in einzelne zersplittert, jede Stunde, jeden Tag. Einzelgänger
haben wir mehr als ein anderes Volk. Hätten wir Kultur, hätten wir diese nicht,
die an den Wänden unmitteilsamer Zeit das Hirn zerschlugen.
Wo waren unseren Dichtern mütterliche Jahre, wo nahm empfangender,
wiederschenkender Boden des Volkstums sie auf? Ausgespien wie aus dem
Mund der Apokalypse, ging ihre Fahrt in den Irrsinn, die nichts hielt, nichts
begriff und niemand liebte.
Eigenwille und Chaotisches ihr Merkmal. Gigantische Begabung ohne Ziel
ihr Fatum.
Haben wir nicht Jahrhunderte nur nach innen gelebt und nie nach außen? Wo
ist Ansatz einer Kultur, da noch der Leib des Volkstums zuckt vor eigenem nicht
beendetem Gebären? War nicht lange unser Künstler ein Gelehrter, Dichter ein
Sonderling, der Akademiker ziellose Hilflosigkeit im Dasein?
Wir, dieser Zeit heftiger ausgeliefert, sie darum unerbittlicher bezwingend,
enger verstrickt als je Dichter einer Zeit, hingegeben in tödlichem Maße, wir
sind erst langsam an dem Anfang und dem Willen, deutschen Stil zu formen.
Wir stellen die Forderungen, messen den Maßstab, heben die Fahne, ohne
Rühmenswertes dabei zu finden, nur gehorchend der innersten Nötigung. Wir
wollen die Tradition des von selbst sich auswirkenden tätigen Geistes.
Wollen endlich für die Deutschen Fundament.
Erstreben jene lange Kette, von Nabelschnur zu Nabelschnur geleitet, die die
große bewunderte Literatur unseres romanischen Nachbarvolkes, die die
Literatur Frankreichs rund macht, unübertrefflich, durchlebt zur Harmonie.
Ach, es ist kostbarste Kraft fast ohne Maß verschäumt worden, ohne
sichtbares Resultat, aus der Eigenbrötlerischkeit der Deutschen, die wieder ihre
liebenswerte Stärke ist.
Tausende starben, verzweifelt, Hände wund, Blut verspritzt, hoffnungslos
über das Ziel . . . Tausende, deren Werk, aufgefangen, unsterbliche Leistung für
sich vorwärts bewegende Menschheit wäre. Sie alle, Vereinzelte, fielen: Pioniere
kommender Kultur. Losgerissene vom Mutterboden, Vagierende, Aufzuckende,
Suchende nach dem großen Zentrum ihres Wesens . . . was blieb als Tod?
Opfermutige kühne Jugend gab es jede Stunde, jeden Tag. Ach, ihr Dasein,
ihr Kämpfen, jene Jünglinge und Männer, titanenhaft über die Möglichkeit ihrer
Zeit begehrend, die ihre Spannung nicht aufnahm, ach, das Dasein dieser Jugend
ist das heroischste Thema unserer tragischen Geschichte.
Werke schaffen von oft unerreichter Größe des chaotischen Aufbaues,
suchend ohne Ende, irrend an den Rändern des Radius, Vorstoß von jedem
Punkte der Peripherien, stets die Mitte wollend, die nicht bestand.
Gibt es Literatur, die mehr in solchem Ringen bestes Blut verspritzte?
Gibt es Literatur, reicher an Opfern der einzelnen, an Beispiel nicht geahnter
Hingabe des Geistes?
Gibt es Literatur, wo die Besten, so viele der Auserwählten im Wahnsinn erst, im Tod Erlösung fanden? Gibt es nicht die unsterblichen Namen, den
unsterblichsten Namen: Hölderlin?
Ging darum nicht Georg Büchner in so frühen Tod, weil sein ungeheurer
Ausbruch vorbeizuckte an der Zeit?
Verkam darum nicht Grabbe, verreckte nicht Lenz?
Stand nicht Hebbel wüst kämpfend gegen die Epoche, schoß Kleist die Kugel
nicht durch sein unauslöschliches Leben?
Ist nicht solches Schicksal, das ich anrufe, das Tragischste und Panische, die
Tragik, die ich beschwöre, wenn ich Nietzsches heiligen Namen nenne?
Trägt solch eigenwillige tapfere Jugend, in die Pausen der Geschichte
gesprengt und verzischend, nicht Vermächtnisse der letzten Bedeutung?
Umflorte Historie der deutschen Dichter, um die das Bürgerliche wuchs und
gedieh, die wahnsinnig wurden, verreckten, als Alkoholiker eingingen wie
Tiere? An Mutigen hat es nie gefehlt.
Nie war Tapferkeit ein Fehler unseres Volkes in der Handlung.
Nie auch im Geiste.
Uns fehlte nur Zeit.
Nichts verbindet außer der Tragik solch Abgesprengter und Suchender den
letzten geistigen Ausdruck der deutschen Dichtung, nichts bindet als sie Bettina
an unsere Zeit.
Der Weg der Dichtung unserer Tage führt aus der Hülle zur Seele, aus dem
Rang zum Menschen, vom Schildern zum Geist. Die Kunst wird positiv, sie
zerfetzt den Menschen nicht mehr, sie gibt den Kosmos in seine Lunge.
Befreite aus dem Ballon von Glas, der ihr Leben umfaßte, sehen die
Menschen endlich die Welt, in der Gefühle steigen, fallen, sich regulieren, die
Senkrechten ohne Ende sind, der Horizont ohne Maß. Vor in den Hintergrund
getretener, vor bürgerlicher, kapitalistischer Welt, solchem Ziel, solchen Künsten
zugewandter Stirn, steht die dichterische deutsche Jugend, große Gedanken der
Menschheit wieder denkend, stärker noch entflammt als die Fechter der
Romantik, die verschwommen noch nach dem Geiste suchten.
Ihre Zeit gehäuft von Leid, ihr Schicksal prometheisch angeschmiedet ans
Kreuz solchen Daseins, ihre Seele zum Grauen ergriffen vor dieser Opferung . . .
wann in Jahrhunderten erlitt Jugend so Hartes?
Aus Katastrophen und Zusammenbrüchen als einziger Halt eine Jugend,
streng die Forderungen der Menschlichkeit aufgepflanzt, unerbittlich die Hand
auf den Zielen, Schicksal dieses Krieges hinnehmend als Schickung wie anderes
Leid, aber hingerissen dadurch, den Glauben noch höher fliegen. Wollen härter
schweißen zu lassen, im Mord die eherne Stimme der Gerechtigkeit erbrausen zu
sehen, im Wahnsinn der Ereignisse das entflammte Herz sicher in steter Berufung zu tragen . . . wann geschah solches?
War vor diesen Katastrophen diese Jugend gehöhnt, gescholten, nur die
Seltenen berührend, nun wuchs sie zum Ausgleich. Spielen die Schaubühnen
nicht Stücke, die unzumutbar bürgerlichem Publikum früher erschienen? War
Dichtung nicht Privileg weniger Köpfe in Deutschland . . . lesen nicht Jünglinge,
Männer Bücher ihrer Dichter, wie nie früher Dichtung gelesen ward? Sagen
Schauspieler nicht Verse auf Podiums und Kathedern? Erklärt solches
Geheimnis fabulöser Wirkung nicht sich allein durch seine Einzigartigkeit
selbst?
Ewiges Wechselspiel der erlesenen Kräfte.
Durstet die Zeit nicht nach der Kunst, die aus dem Geist kommt und nicht aus
dem Stückwerk der Menschen? Braucht die harte Epoche nicht den Halt, der
nicht in der fließenden Zeit steht, sondern aufgepflanzt im Innern der Menschen?
Ist etwas mehr not als Trost gleichzeitig mit Erhebung? Ist ein Zweifel, daß
Kunst in den Zielen enorm sein muß, die von Zeitgenossen, die leiden Stunde
und Tag um Tag, begehrt wird mit solcher Inbrunst? Daß eine Kunst tief nach
Wahrheit gehen muß, die selbst über Mode und den Snob hoch hinaus gesucht
wird, obwohl sie schwer ist, schwerer als jede Kunst, die Deutschen seither ward
in der Dichtung? Ist es eine Frage, daß nur groß gespannte Kunst dies Menschen
reichen kann, deren Sehnsucht so nach Tiefstem geht? Ist es eine Frage, die fast
nicht zu stellen mehr, kaum der Antwort bedürftig ist, daß diese Kunst nichts in
ihren Achsen bewegt als jene Kraft aller Größe: Idee der Menschheit?
Den schlichten Menschen in demütiger Höhe als Instrument . . . was bedarf
es weiter? Die Welt steht offen mit Frage und Antwort.
Großen Gefühlen untertan, auf ihnen schweifend . . . was sollen da Themen,
was soll der bürgerliche Gehalt vergangener Kunst?
Das Neue geht weit über Literatur, wird schon Frage der Moralität.
Solche Dichtung ist ethisch von selbst: der Mensch vor die Ewigkeit gestellt.
Keine Predigt.
Nie erbauende Literatur.
Aber Wille zur Steigerung und Hebung der Menschen . . . ihr Gehalt.
Drei kreisende Ringe in der Brust, die seit Ewigkeit große Kunst bewegten
. . . dies ist, was sie erfüllt auf dem Wege: Liebe, Gott, Gerechtigeit.
Wie die großen Maler hingegangener Zeit mit wenigen Vorwürfen ihr ganzes
Leben verbrachten, den gleichen Vorwurf immer mit neuer Gläubigkeit inniger
gestaltend, läuft Kunst, die nicht nur die Literatur, die die Menschen angeht, stets
nach gleichem Ziel.
Kreist solch Schaffen um den schlichten unverbildeten Menschen, hebt sein
Element ihn über Kausales, muß seine Handlung gerecht sein auch im Bösen, letzthinnig in beliebiger Schlichtheit, vom dunklen Drang des Ethos angedonnert
in jeder Handlung.
Die jungen Dichter, diesem Menschen die Freiheit gebend, dem Ausschlag
seines Gefühls zu folgen, wohin es führe . . . die jungen Dichter, die wählen
lassen zwischen Laster und Güte, sehen, wie von magnetischem Pole angerissen,
ihre Menschen alle zur Güte streben. Doch nichts von Weichheit vor solchen
Aufgaben! Nichts Gebundenes, selbst nicht in christlichem Sinne.
Selten war Überschwang so hart, Kunst so stürmisch, Rhythmus der Seele
derart unbändig geführt. Menschen schaukeln im Kosmos. Liebe ist ihnen
Neigung zur Menschheit. Ist Religiosität, die über Konfessionelles hin das letzte,
das streng gerichtet Rechte will.
Donnernder schallt ihnen als die Kanonen der größten Offensiven das Wort
der Zusammengehörigkeit unter den Menschen. Ist Kampf, sei er vom Geist. Sie
wollen Gerechtigkeit, aber nicht von der Macht, ungeistig wie nur eine, sondern
Gerechtigkeit der Tat und Liebe. Kämpferisch wie kaum eine Generation
kämpfen sie um den Geist. Aus Blut und Qualm der Epoche sich hebend und
fordernd treffen sie auf solchen Wegen Gott.
Mit fiebrigen Händen, heißen Munden suchen sie; ergriffenste Prosa,
unerhörter Rhythmus leidenschaftlichsten Gedichts fängt ihn ein. Jede Erde,
jedes Blatt, jedes Tier erliegt der Beschwörung, einzustimmen in solche
Harmonie. Kein Raum, der nicht mitzittert im religiösen Akkord der einfachen
Schöpfung.
Gott wird überallhin wiedergeboren.
Seine Liebe schlägt zurück, ein Kranz bindet sich um die metaphysisch
schwebende Erde. Nur das Wichtige hat Sinn, nur die Förderung, die jedes Echte
trägt. Jedes Ding, angegriffen, bestürmt, entschält sich. Voll Ehrfurcht nähert
Dichtung sich dem nur Wichtigen, dem Kern des Dinges.
Keine Fassade mehr . . . Gefühl nur der Menschen . . . Erde unter
unwägbarem Himmel . . . Melodie der Schöpfung aus dichterischem Ruf.
Neue Zeit mit unwahrscheinlichen Kämpfen naht und droht.
Gelassen und mutig sieht das Geschlecht nach vorn. Ihm gibt es nur
Menschen, ohne Vorurteile, ohne Hemmung, ohne gezüchtete Moral. Ihm gibt es
keine innere Trennung der Nation zu Nation. Sieht so gerichteter Blick nicht
durch das Volk zum Menschen?
Bewußtsein der Verantwortung bringt die Verpflichtung. Ahnen, Vorhut zu
sein kommender Menschheit, großen Marschtritts ähnlichen Wollens Vortreter
zu sein nur in einer Epoche der glatten Macht, der Militärs, der Knebelungen
gegen die Freiheit und den Geist der Zeit, zwischen tausend Schlachten der
Völker . . . Blutschuld am Geiste heißt verpflichtet sein, was gleicher Gesinnung vorausging.
Dies geht über Deutschland auf Europa. Nach Westen gerichtet, Verehrung
den großen Genien französischen Namens, gewiß, daß ebenso wie ohne Jean
Paul, ohne Hölderlin, Luther und Goethe die Geschichte der Menschheit
undenkbar sei ohne Voltaire, Pascal, Rabelais, Rousseau und Balzac. Nach Osten
zum Licht des russischen Volkes gesprochen, Ehrfurcht Tolstoi, Gogol,
Puschkin, Dostojeweski! Aus dem Norden hallend die Stimme des wilden, auch
in Zerrissenheit noch an die Güte, an die Menschheit geklammerten Strindberg.
Geht solche Verpflichtung nicht weiter? Überschreitet den dünnen Bord
Europas? Kommt auf die Welt? Schafft Liebe nicht grenzenlos sich zu jedem,
das die Welt weiterschafft?
Ist solcher Geist, in Katastrophen erhoben, in Gewittern der Seele gesalbt von
Blitzen des Grausens, aus Büchern ergreifend, auf Schaubühnen das neue Pathos
erhebend, steil die Gesinnung vor sich aufgerichtet, ist solcher nicht anderer Zeit
als der gegenwärtigen uns täglich mit Sinnlosigkeit, mit Drohung, mit
diktatorischem Irrsinn schlagenden fast schon zugehörig?
Revolution des Geistes schafft neue Form, der Bruch mit der Vergangenheit
wird radikal. Kellers große Tradition versumpfte in bourgeoiser Niederung.
Größer entfachtes Weltgefühl schafft die Kunst zur Vision. Nun diktiert der
Geist, wohl eng verschmolzen der Materie, doch sie gestaltend, nicht in ihrer
Abhängigkeit. Doch auch nicht in der dünnen Sphäre saftloser Geistigkeit. Die
Gleichung heißt Geist und Blut. Nicht Geist und Geist. Wir wollen nicht
schemenhafte Arien, die viele heut singen. Wir wollen den Naturalismus
aufpeitschen zu fanatischer Vision. Das Ding vergewaltigen im Geist . . .! Prosa
wird wieder Dichtung. Theater Kampfplatz größter Zusammenhänge der Seele.
Sätze gestrafft mit der Biegung adliger Linie schöner Leiber. Form und Gehalt
schon eins geworden, elastisch und bebend, stark die Verzückung und die
Forderung zu tragen . . . ist dies nicht genug?
In einem zentaurischen Bilde liegt das Gemeinsame verschmolzen: der
Träger und das Getragene . . . unbändige im Gewitter des Ethos erscheinende
Dichtung, schlank im umzuckten Lauf, stark aus den Lenden emporgetaucht das
männlich Getragene. In der Neuheit des Bildes aber verwirrend, doch siegreich
und schön wie Kyniska, die erste Frau, die in Athen sich Pferde hielt und, selber
lenkend, in den olympischen Spielen mit ihnen siegte.
Doch vielleicht erscheint es, daß Sie, wenn ich skandinavischem Publikum,
dessen Dichter ich nicht nur verehre, sondern deren Atem ich liebe und deren
gutem Geist ich ohne Ermüdung Verkünder bin in meiner Heimat . . . daß Sie,
wenn ich schwedischem Publikum unsere Ziele dergestalt bringe, lächeln über so
viel Begeisterungsfähigkeit eines Deutschen, der, seiner Nation Tugenden übertreibend, von eigenen Dingen, der von den Zielen seiner Generation allzu
hingegebenen Herzens redet, fast der Kritik nicht mehr mächtig und illuminiert
als ein Schwärmer.
Was tat ich?
Gab ich anderes als Glauben?
Kamen hier Feststellungen über meßbare Zeit?
Nur Linien des Geistes.
Kann dies fallen? Niemals schwankte in irgendeiner Historie Begeisterung
mit so starkem Ziel. Was sollen die Menschen? Rührt nicht an die Tragik, ihr
Schicksal. Das ist kommender Zeit dunkel angehörig. Jugend, so vielspältig in
Aufbau, Gebärde, Gehalt . . . kann anderes sie halten als eine Idee.
Würde dies falsch sein, was ich sage, versagten sie alle. Es bliebe stehen,
steiler als je. Dies ist die Grundlage des Jahrhunderts. Ob erreichbar, ob nicht, es
bleibt gepflanzt. Es bleibt geglaubt. Das nimmt nichts. Auch nicht mörderischste
Zeit.
Selbst wenn alle Begabungen, schlecht gewertet im künstlerischen Maßstab,
taub aus der Geschichte fielen, diese erstrebten Werke im Schatten später größer
aufsteigenden Lichtes faulten. Dichter das in Zukunft träge und feig im Erwerb
desavouierten, was heute ihr Lob ist, ja ich selbst, der dies heute kündet, es
unaufhaltsam in späteren Jahren irr und grausam schmähte . . . was machte dies
all?
Ohnmächtige Auflehnung gegen den Geist, der treibt und schafft.
Setze ich anderes hier fort als die Tradition meines Volkes, das die tiefen
Ideen, die es einmal erkannte, in den besten Erscheinungen bis zum Tode
festhielt, im Glauben oft unerbittlicher als in der Handlung, für welche die
andere Seite des Volkes oft einstand, die weniger zum Geist gehörte? Setze ich
anderes fort als die Geschichte der Jugend Deutschlands, Geschichte erlauchter
Männer und Jünglinge, den immer wiederkehrenden tragischen Intervall unserer
Geschichte? Denn hätten wir wie jene den Glauben nicht, wie sollten wir heute
bestehen?
Vielleicht aber sehen wir, nach der Pause des Jahrhunderts den Geist
vielstimmig, doch eindeutig aus uns rufen hörend, ja Denkmale neuen Weltbilds
um uns da und da schon aufgerichtet erblickend, vielleicht sehen wir Erfolg zu
sicher und nah.
Vielleicht überschätzen wir, wie Sie kühleren und nordischeren Geistes
bestimmter abschätzen, Leistung bereits mit der Idee, die führt.
Vielleicht, ach, ist auch uns das Schicksal unserer brüderlichen Jugend, die
vor uns stritt, wahnsinnig ward und verreckte, vielleicht ist uns auch das
Schicksal aller bester deutscher Jugend bestimmt, statt der Erfüllung . . . auch nur Leidensstation zu sein deutschen Geistes und der Welt.
Daß uns nichts bleibt, die glaubten, aus so viel edlem hingegangenen Blut die
endgültige Fahne zu heben, statt Ernten und Beginnen nichts als Vorbereiten im
Leid.
Sollte das Ziel im Beginn schon immer entweichend, Traum unserer Kultur
ein Phantom, flüchtig gleich einem Tier und nie einholbar bestem Herzblut
bleiben? . . . Ach, sollte die Tragik deutscher Jugend ohne Ende sein?
Medusisches Antlitz der Verheißung wieder verschwimmen? Alles umsonst
getan sein in der Zeit, wo deutsche Jugend, zerstückt wie nie, unter Feuer und
Eisen der Kanonen verdirbt, alle Begeisterung, alle Anstrengung umsonst in der
Wirkung, die wir der Sinnlosigkeit entgegenhalten? Ach, Sie, der Sie solches
nicht vom satanischen Mittelpunkt, es in abgeschwächten Echos der Peripherie
und entfernter nur spüren, Sie ahnen die Anspannung nicht, mit der wir das
Gegengewicht halten dieser Welt jeden Tag. Sollte dies zwecklos sein? Kann
man das glauben? Wo bliebe Gerechtigkeit, Sieg des Geistes? Das Ziel herrlich
gepflanzt in solcher Zeit, und nichts erreichen . . . wie schmerzlich. Wäre es
möglich, frage ich, in solcher Zeit zu leben ohne den Glauben an die Menschheit
unserer Idee, an die innere Überlegenheit unserer Minorität? Wäre es möglich,
einen Tag nur zu existieren, ohne daß Geist, heftig umwerbend, über uns stände?
Unmenschlich und sinnlos der Zweifel.
Kein Nacken erhöbe sich, kein Lächeln erleuchtete mehr die Welt, fiele er
nicht ab. Kein Hirn wagte den Gedanken der Menschheit einmal nur noch zu
fassen. Wäre zu denken, daß einem dies fehlte?
Fiele die Erde nicht, meteorisch und zwecklos, feuergeflügelt ins Nichts?
Wäre der Mensch denkbar, wäre es möglich, daß es einen gebe, einen, der
den Mut, der die Stirn hätte, die unmögliche, dieser Zeit nur den Blick eines
Auges lang entgegenzutreten ohne den Glauben?
Bedenken Sie diese Frage, die fast eine verzweifelte ist, aber als bestätigende
und sichere sich ausweist . . . ich weiß, Sie werden und müssen die Antwort,
damit gerecht gemessen werde, Sie müssen die Antwort sagen:
Nein.