Über Psychoanalyse: Fünf Vorlesungen
Kapitel IV
Meine Damen und Herren! Sie werden nun zu wissen verlangen, was wir mit
Hilfe der beschriebenen technischen Mittel über die pathogenen Komplexe und
verdrängten Wunschregungen der Neurotiker in Erfahrung gebracht haben.
Nun vor allem eines: Die psychoanalytische Forschung führt mit wirklich
überraschender Regelmäßigkeit die Leidenssymptome der Kranken auf
Eindrücke aus ihrem Liebesleben zurück, zeigt uns, daß die pathogenen
Wunschregungen von der Natur erotischer Triebkomponenten sind, und nötigt
uns anzunehmen, daß Störungen der Erotik die größte Bedeutung unter den zur
Erkrankung führenden Einflüssen zugesprochen werden muß, und dies zwar bei
beiden Geschlechtern.
Ich weiß, diese Behauptung wird mir nicht gerne geglaubt. Selbst solche
Forscher, die meinen psychologischen Arbeiten bereitwillig folgen, sind geneigt
zu meinen, daß ich den ätiologischen Anteil der sexuellen Momente überschätze,
und wenden sich an mich mit der Frage, warum denn nicht auch andere seelische
Erregungen zu den beschriebenen Phänomenen der Verdrängung und
Ersatzbildung Anlaß geben sollen. Nun ich kann antworten: Ich weiß nicht,
warum sie es nicht sollten, habe auch nichts dagegen, aber die Erfahrung zeigt,
daß sie solche Bedeutung nicht haben, daß sie höchstens die Wirkung der
sexuellen Momente unterstützen, nie aber die letzteren ersetzen können. Dieser
Sachverhalt wurde von mir nicht etwa theoretisch postuliert; noch in den 1895
mit Dr. J. B r e u e r publizierten Studien über Hysterie stand ich nicht auf
diesem Standpunkte; ich mußte mich zu ihm bekehren, als meine Erfahrungen
zahlreicher wurden und tiefer in den Gegenstand eindrangen. Meine Herren! Es
befinden sich hier unter Ihnen einige meiner nächsten Freunde und Anhänger,
die die Reise nach Worcester mit mir gemacht haben. Fragen Sie bei ihnen an
und Sie werden hören, daß sie alle der Behauptung von der maßgebenden
Bedeutung der sexuellen Ätiologie zuerst vollen Unglauben entgegenbrachten,
bis sie durch ihre eigenen analytischen Bemühungen genötigt wurden, sie zu der
ihrigen zu machen.
Die Überzeugung von der Richtigkeit des in Rede stehenden Satzes wird durch
das Benehmen der Patienten nicht gerade erleichtert. Anstatt uns die Auskünfte
über ihr Sexualleben bereitwillig entgegenzubringen, suchen sie dieses mit allen Mitteln zu verbergen. Die Menschen sind überhaupt nicht aufrichtig in sexuellen
Dingen. Sie zeigen ihre Sexualität nicht frei, sondern tragen eine dicke
Oberkleidung aus — Lügengewebe zu ihrer Verhüllung, als ob es schlechtes
Wetter gäbe in der Welt der Sexualität. Und sie haben nicht unrecht, Sonne und
Wind sind in unserer Kulturwelt der sexuellen Betätigung wirklich nicht günstig;
eigentlich kann niemand von uns seine Erotik frei den anderen enthüllen. Wenn
Ihre Patienten aber erst gemerkt haben, daß sie sich’s in Ihrer Behandlung
behaglich machen dürfen, dann legen sie jene Lügenhülle ab, und dann erst sind
Sie in der Lage, sich ein Urteil über unsere Streitfrage zu bilden. Leider sind
auch die Ärzte in ihrem persönlichen Verhältnis zu den Fragen des Sexuallebens
vor anderen Menschenkindern nicht bevorzugt, und viele von ihnen stehen unter
dem Banne jener Vereinigung von Prüderie und Lüsternheit, welche das
Verhalten der meisten »Kulturmenschen« in Sachen der Sexualität beherrscht.
Lassen Sie uns nun in der Mitteilung unserer Ergebnisse fortfahren. In einer
anderen Reihe von Fällen führt die psychoanalytische Erforschung die
Symptome allerdings nicht auf sexuelle, sondern auf banale traumatische
Erlebnisse zurück. Aber diese Unterscheidung wird durch einen anderen
Umstand bedeutungslos. Die zur gründlichen Aufklärung und endgültigen
Herstellung eines Krankheitsfalles erforderliche Analysenarbeit macht nämlich
in keinem Falle bei den Erlebnissen der Erkrankungszeit Halt, sondern sie geht
in allen Fällen bis in die Pubertät und in die frühe Kindheit des Erkrankten
zurück, um erst dort auf die für die spätere Erkrankung bestimmenden Eindrücke
und Vorfälle zu stoßen. Erst die Erlebnisse der Kindheit geben die Erklärung für
die Empfindlichkeit gegen spätere Traumen, und nur durch die Aufdeckung und
Bewußtmachung dieser fast regelmäßig vergessenen Erinnerungsspuren
erwerben wir die Macht zur Beseitigung der Symptome. Wir gelangen hier zu
dem gleichen Ergebnis wie bei der Erforschung der Träume, daß es die
unvergänglichen, verdrängten Wunschregungen der Kindheit sind, die ihre
Macht zur Symptombildung geliehen haben, ohne welche die Reaktion auf
spätere Traumen normal verlaufen wäre. Diese mächtigen Wunschregungen der
Kindheit dürfen wir aber ganz allgemein als sexuelle bezeichnen.
Jetzt bin ich aber erst recht Ihrer Verwunderung sicher. Gibt es denn eine
infantile Sexualität? werden Sie fragen. Ist das Kindesalter nicht vielmehr die
Lebensperiode, die durch das Fehlen des Sexualtriebes ausgezeichnet ist? Nein,
meine Herren, es ist gewiß nicht so, daß der Sexualtrieb zur Pubertätszeit in die
Kinder fährt, wie im Evangelium der Teufel in die Säue. Das Kind hat seine
sexuellen Triebe und Betätigungen von Anfang an, es bringt sie mit auf die Welt, und aus ihnen geht durch eine bedeutungsvolle, an Etappen reiche Entwicklung
die sogenannte normale Sexualität des Erwachsenen hervor. Es ist nicht einmal
schwer, die Äußerungen dieser kindlichen Sexualbetätigung zu beobachten; es
gehört vielmehr eine gewisse Kunst dazu, sie zu übersehen oder wegzudeuten.
Durch die Gunst des Schicksals bin ich in die Lage versetzt, einen Zeugen für
meine Behauptungen aus Ihrer Mitte selbst anzurufen. Ich zeige Ihnen hier die
Arbeit eines Dr. S a n f o r d B e l l, die 1902 im »American Journal of
Psychology« abgedruckt worden ist. Der Autor ist ein Fellow der Clark
University, desselben Instituts, in dessen Räumen wir jetzt stehen. In dieser
Arbeit, betitelt: A preliminary study of the emotion of love between the sexes,
die drei Jahre vor meinen »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie« erschienen
ist, sagt der Autor ganz so, wie ich Ihnen eben sagte: The emotion of sex-love....
does not make its appearance for the first time at the period of adolescence, as
has been thought. Er hat, wie wir in Europa sagen würden, im amerikanischen
Stil gearbeitet; nicht weniger als 2500 positive Beobachtungen im Laufe von 15
Jahren gesammelt, darunter 800 eigene. Von den Zeichen, durch die sich diese
Verliebtheiten kundgeben, äußert er: The unprejudiced mind in observing these
manifestations in hundreds of couples of children cannot escape referring them
to sex origin. The most exacting mind is satisfied when to these observations are
added the confessions of those who have as children, experienced the emotion to
a marked degree of intensity, and whose memories of childhood are relatively
distinct. Am meisten aber werden diejenigen von Ihnen, die an die infantile
Sexualität nicht glauben wollten, überrascht sein zu hören, daß unter diesen früh
verliebten Kindern nicht wenige sich im zarten Alter von drei, vier und fünf
Jahren befinden.
Ich würde mich nicht wundern, wenn Sie diesen Beobachtungen eines engsten
Landsmannes eher Glauben schenken würden als den meinigen. Mir selbst ist es
vor kurzem geglückt, aus der Analyse eines fünfjährigen, an Angst leidenden
Knaben, die dessen eigener Vater kunstgerecht mit ihm vorgenommen,[14] ein
ziemlich vollständiges Bild der somatischen Triebäußerungen und der seelischen
Produktionen auf einer frühen Stufe des kindlichen Liebeslebens zu gewinnen.
Und ich darf Sie daran erinnern, daß mein Freund Dr. C. G. J u n g Ihnen in
diesem Saale vor wenigen Stunden die Beobachtung eines noch jüngeren
Mädchens vorlas, welches aus dem gleichen Anlaß wie mein Patient — bei der
Geburt eines Geschwisterchens — fast die nämlichen sinnlichen Regungen,
Wunsch- und Komplexbildungen, mit Sicherheit erraten ließ. Ich verzweifle also
nicht daran, daß Sie sich mit der anfänglich befremdlichen Idee der infantilen Sexualität befreunden werden, und möchte Ihnen noch das rühmliche Beispiel
des Züricher Psychiaters E. B l e u l e r vorhalten, der noch vor wenigen Jahren
öffentlich äußerte, »er stehe meinen sexuellen Theorien ohne Verständnis
gegenüber«, und seither die infantile Sexualität in ihrem vollen Umfang durch
eigene Beobachtungen bestätigt hat.[15]
[14] Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. Jahrbuch für psychoanalyt. und
psychopathologische Forschungen. Bd. I, 1. Hälfte, 1909.
[15] B l e u l e r , Sexuelle Abnormitäten der Kinder. Jahrbuch der schweiz.
Gesellschaft für Schulgesundheitspflege, IX, 1908.
Wenn die meisten Menschen, ärztliche Beobachter oder andere, vom
Sexualleben des Kindes nichts wissen wollen, so ist dies nur zu leicht erklärlich.
Sie haben ihre eigene infantile Sexualbetätigung unter dem Drucke der
Erziehung zur Kultur vergessen und wollen nun an das Verdrängte nicht erinnert
werden. Sie würden zu anderen Überzeugungen gelangen, wenn sie die
Untersuchung mit einer Selbstanalyse, einer Revision und Deutung ihrer
Kindheitserinnerungen beginnen würden.
Lassen Sie die Zweifel fallen und gehen Sie mit mir an eine Würdigung der
infantilen Sexualität von den frühesten Jahren an.[16] Der Sexualtrieb des Kindes
erweist sich als hoch zusammengesetzt, er läßt eine Zerlegung in viele
Komponenten zu, die aus verschiedenen Quellen stammen. Er ist vor allem noch
unabhängig von der Funktion der Fortpflanzung, in deren Dienst er sich später
stellen wird. Er dient der Gewinnung verschiedener Arten von Lustempfindung,
die wir nach Analogien und Zusammenhängen als Sexuallust zusammenfassen.
Die Hauptquelle der infantilen Sexuallust ist die geeignete Erregung bestimmter,
besonders reizbarer Körperstellen, außer den Genitalien, der Mund-, After- und
Harnröhrenöffnung, aber auch der Haut und anderer Sinnesoberflächen. Da in
dieser ersten Phase des kindlichen Sexuallebens die Befriedigung am eigenen
Körper gefunden und von einem fremden Objekt abgesehen wird, heißen wir die
Phase nach einem von H a v e l o c k E l l i s geprägten Wort die des
A u t o e r o t i s m u s . Jene für die Gewinnung von sexueller Lust bedeutsamen
Stellen nennen wir e r o g e n e Z o n e n. Das Ludeln oder Wonnesaugen der
kleinsten Kinder ist ein gutes Beispiel einer solchen autoerotischen Befriedigung
von einer erogenen Zone aus; der erste wissenschaftliche Beobachter dieses
Phänomens, ein Kinderarzt namens L i n d n e r in Budapest, hat es bereits
richtig als Sexualbefriedigung gedeutet und dessen Übergang in andere und
höhere Formen der Sexualbetätigung erschöpfend beschrieben.[17] Eine andere
Sexualbefriedigung dieser Lebenszeit ist die masturbatorische Erregung der Genitalien, die eine so große Bedeutung für das spätere Leben behält und von
vielen Individuen überhaupt nie völlig überwunden wird. Neben diesen und
anderen autoerotischen Betätigungen äußern sich sehr frühzeitig beim Kinde
jene Triebkomponenten der Sexuallust oder, wie wir gern sagen, der Libido, die
eine fremde Person als Objekt zur Voraussetzung nehmen. Diese Triebe treten in
Gegensatzpaaren auf, als aktive und passive; ich nenne Ihnen als die wichtigsten
Vertreter dieser Gruppe die Lust, Schmerzen zu bereiten (Sadismus), mit ihrem
passiven Gegenspiel (Masochismus), und die aktive und passive Schaulust, von
welch ersterer später die Wißbegierde abzweigt, wie von letzterer der Drang zur
künstlerischen und schauspielerischen Schaustellung. Andere
Sexualbetätigungen des Kindes fallen bereits unter den Gesichtspunkt der
O b j e k t w a h l , bei welcher eine fremde Person zur Hauptsache wird, die ihre
Bedeutung ursprünglich Rücksichten des Selbsterhaltungstriebes verdankt. Der
Geschlechtsunterschied spielt aber in dieser kindlichen Periode noch keine
ausschlaggebende Rolle; Sie können so jedem Kinde, ohne ihm Unrecht zu tun,
ein Stück homosexueller Begabung zusprechen.
[16] Drei Vorlesungen zur Sexualtheorie, Wien, Fr. Deuticke, 1906, 2. Auflage, 1910.
[17] Jahrbuch für Kinderheilkunde, 1879.
Dies zerfahrene, reichhaltige, aber dissoziierte Sexualleben des Kindes, in
welchem der einzelne Trieb unabhängig von jedem anderen dem Lusterwerbe
nachgeht, erfährt nun eine Zusammenfassung und Organisation nach zwei
Hauptrichtungen, so daß mit Abschluß der Pubertätszeit der definitive
Sexualcharakter des Individuums meist fertig ausgebildet ist. Einerseits
unterordnen sich die einzelnen Triebe der Oberherrschaft der Genitalzone,
wodurch das ganze Sexualleben in den Dienst der Fortpflanzung tritt, und ihre
Befriedigung nur noch als Vorbereitung und Begünstigung des eigentlichen
Sexualaktes von Bedeutung bleibt. Anderseits drängt die Objektwahl den
Autoerotismus zurück, so daß nun im Liebesleben alle Komponenten des
Sexualtriebes an der geliebten Person befriedigt werden wollen. Aber nicht alle
ursprünglichen Triebkomponenten werden zu einem Anteil an dieser endgültigen
Feststellung des Sexuallebens zugelassen. Noch vor der Pubertätszeit sind unter
dem Einfluß der Erziehung äußerst energische Verdrängungen gewisser Triebe
durchgesetzt und seelische Mächte wie Scham, Ekel, Moral hergestellt worden,
welche diese Verdrängungen wie Wächter unterhalten. Kommt dann im
Pubertätsalter die Hochflut der sexuellen Bedürftigkeit, so findet sie an den
genannten seelischen Reaktions- oder Widerstandsbildungen Dämme, welche ihr
den Ablauf in die sogenannten normalen Wege vorschreiben und es ihr unmöglich machen, die der Verdrängung unterlegenen Triebe neu zu beleben. Es
sind besonders die k o p r o p h i l e n , d. h. die mit den Exkrementen
zusammenhängenden Lustregungen der Kindheit, welche von der Verdrängung
am gründlichsten betroffen werden, und ferner die Fixierung an die Personen der
primitiven Objektwahl.
Meine Herren! Ein Satz der allgemeinen Pathologie sagt aus, daß jeder
Entwicklungsvorgang die Keime der pathologischen Disposition mit sich bringt,
insofern er gehemmt, verzögert werden oder unvollkommen ablaufen kann.
Dasselbe gilt für die so komplizierte Entwicklung der Sexualfunktion. Sie wird
nicht bei allen Individuen glatt durchgemacht und hinterläßt dann entweder
Abnormitäten oder Dispositionen zu späterer Erkrankung auf dem Wege der
Rückbildung (Regression). Es kann geschehen, daß nicht alle Partialtriebe sich
der Herrschaft der Genitalzone unterwerfen; ein solcher unabhängig gebliebener
Trieb stellt dann das her, was wir eine P e r v e r s i o n nennen, und was das
normale Sexualziel durch sein eigenes ersetzen kann. Es kommt, wie bereits
erwähnt, sehr häufig vor, daß der Autoerotismus nicht völlig überwunden wird,
wovon die mannigfaltigsten Störungen in der Folge Zeugnis ablegen. Die
ursprüngliche Gleichwertigkeit beider Geschlechter als Sexualobjekte kann sich
erhalten, und daraus wird sich eine Neigung zur homosexuellen Betätigung im
reifen Leben ergeben, die sich unter Umständen zur ausschließlichen
Homosexualität steigern kann. Diese Reihe von Störungen entspricht den
direkten Entwicklungshemmungen der Sexualfunktion; sie umfaßt die
P e r v e r s i o n e n und den gar nicht seltenen allgemeinen I n f a n t i l i s m u s
des Sexuallebens.
Die Disposition zu den Neurosen ist auf andere Weise von einer Schädigung der
Sexualentwicklung abzuleiten. Die Neurosen verhalten sich zu den Perversionen
wie das Negativ zum Positiv; in ihnen sind dieselben Triebkomponenten als
Träger der Komplexe und Symptombildner nachweisbar wie bei den
Perversionen, aber sie wirken hier vom Unbewußten her; sie haben also eine
Verdrängung erfahren, konnten sich aber derselben zum Trotze im Unbewußten
behaupten. Die Psychoanalyse läßt uns erkennen, daß überstarke Äußerung
dieser Triebe in sehr frühen Zeiten zu einer Art von partieller F i x i e r u n g
führt, die nun einen schwachen Punkt im Gefüge der Sexualfunktion darstellt.
Stößt die Ausübung der normalen Sexualfunktion im reifen Leben auf
Hindernisse, so wird die Verdrängung der Entwicklungszeit gerade an jenen
Stellen durchbrochen, wo die infantilen Fixierungen stattgefunden haben.
Sie werden jetzt vielleicht den Einwand machen: Aber das ist ja alles nicht Sexualität. Ich gebrauchte das Wort in einem viel weiteren Sinne, als Sie
gewohnt sind, es zu verstehen. Das gebe ich Ihnen gern zu. Aber es fragt sich, ob
nicht vielmehr Sie das Wort in viel zu engem Sinne gebrauchen, wenn Sie es auf
das Gebiet der Fortpflanzung einschränken. Sie opfern dabei das Verständnis der
Perversionen, den Zusammenhang zwischen Perversion, Neurose und normalem
Sexualleben, und setzen sich außer stande, die leicht zu beobachtenden Anfänge
des somatischen und seelischen Liebeslebens der Kinder nach ihrer wahren
Bedeutung zu erkennen. Wie immer Sie aber über den Wortgebrauch entscheiden
wollen, halten Sie daran fest, daß der Psychoanalytiker die Sexualität in jenem
vollen Sinne erfaßt, zu dem man durch die Würdigung der infantilen Sexualität
geleitet wird.
Kehren wir nun nochmals zur Sexualentwicklung des Kindes zurück. Wir haben
hier manches nachzuholen, weil wir unsere Aufmerksamkeit mehr den
somatischen als den seelischen Äußerungen des Sexuallebens geschenkt haben.
Die primitive Objektwahl des Kindes, die sich von seiner Hilfsbedürftigkeit
ableitet, fordert unser weiteres Interesse heraus. Sie wendet sich zunächst allen
Pflegepersonen zu, die aber bald hinter den Eltern zurücktreten. Die Beziehung
der Kinder zu ihren Eltern ist, wie direkte Beobachtung des Kindes und spätere
analytische Erforschung des Erwachsenen übereinstimmend dartun, keineswegs
frei von Elementen sexueller Miterregung. Das Kind nimmt beide Elternteile
und einen Teil besonders zum Objekt seiner erotischen Wünsche. Gewöhnlich
folgt es dabei selbst einer Anregung der Eltern, deren Zärtlichkeit die
deutlichsten Charaktere einer, wenn auch in ihren Zielen gehemmten,
Sexualbetätigung hat. Der Vater bevorzugt in der Regel die Tochter, die Mutter
den Sohn; das Kind reagiert hierauf, indem es sich als Sohn an die Stelle des
Vaters, als Tochter an die Stelle der Mutter wünscht. Die Gefühle, die in diesen
Beziehungen zwischen Eltern und Kindern und in den daran angelehnten
zwischen den Geschwistern untereinander geweckt werden, sind nicht nur
positiver, zärtlicher, sondern auch negativer, feindseliger Art. Der so gebildete
Komplex ist zur baldigen Verdrängung bestimmt, aber er übt noch vom
Unbewußten her eine großartige und nachhaltige Wirkung aus. Wir dürfen die
Vermutung aussprechen, daß er mit seinen Ausläufern den K e r n k o m p l e x
einer jeden Neurose darstellt, und wir sind darauf gefaßt, ihn auf anderen
Gebieten des Seelenlebens nicht minder wirksam anzutreffen. Der Mythus vom
König Ö d i p u s , der seinen Vater tötet und seine Mutter zum Weib gewinnt, ist
eine noch wenig abgeänderte Offenbarung des infantilen Wunsches, dem sich
späterhin die I n z e s t schranke abweisend entgegenstellt. Die H a m l e t -
Dichtung S h a k e s p e a r e s ruht auf demselben Boden des besser verhüllten Inzestkomplexes.
Um die Zeit, da das Kind von dem noch unverdrängten Kernkomplex beherrscht
wird, setzt ein bedeutungsvolles Stück seiner intellektuellen Betätigung im
Dienste der Sexualinteressen ein. Es beginnt zu forschen, woher die Kinder
kommen, und errät in Verwertung der ihm gebotenen Anzeichen mehr von den
wirklichen Verhältnissen, als die Erwachsenen ahnen können. Gewöhnlich hat
die materielle Bedrohung durch ein neu angekommenes Kind, in dem es
zunächst nur den Konkurrenten erblickt, sein Forscherinteresse geweckt. Unter
dem Einfluß der in ihm selbst tätigen Partialtriebe gelangt es zu einer Anzahl
von »i n f a n t i l e n S e x u a l t h e o r i e n«, wie daß es beiden Geschlechtern
das gleiche männliche Genitale zuspricht, daß es die Kinder durch Essen
empfangen und durch das Ende des Darmes gebären läßt, und daß es den
Verkehr der Geschlechter als einen feindseligen Akt, eine Art von
Überwältigung erfaßt. Aber gerade die Unfertigkeit seiner sexuellen
Konstitution und die Lücke in seinen Kenntnissen, die durch die Latenz des
weiblichen Geschlechtskanals gegeben ist, nötigt den infantilen Forscher, seine
Arbeit als erfolglos einzustellen. Die Tatsache dieser Kinderforschung selbst,
sowie die einzelnen durch sie zu Tage geförderten infantilen Sexualtheorien
bleiben von bestimmender Bedeutung für die Charakterbildung des Kindes und
den Inhalt seiner späteren neurotischen Erkrankung.
Es ist unvermeidlich und durchaus normal, daß das Kind die Eltern zu Objekten
seiner ersten Liebeswahl mache. Aber seine Libido soll nicht an diese ersten
Objekte fixiert bleiben, sondern sie späterhin bloß zum Vorbild nehmen und von
ihnen zur Zeit der definitiven Objektwahl auf fremde Personen hinübergleiten.
Die A b l ö s u n g des Kindes von den Eltern wird so zu einer unentrinnbaren
Aufgabe, wenn die soziale Tüchtigkeit des jungen Individuums nicht gefährdet
werden soll. Während der Zeit, da die Verdrängung die Auslese unter den
Partialtrieben der Sexualität trifft, und später, wenn der Einfluß der Eltern
gelockert werden soll, der den Aufwand für diese Verdrängungen im
wesentlichen bestritten hat, fallen der Erziehungsarbeit große Aufgaben zu, die
gegenwärtig gewiß nicht immer in verständnisvoller und einwandfreier Weise
erledigt werden.
Meine Herren! Urteilen Sie nicht etwa, daß wir uns mit diesen Erörterungen über
das Sexualleben und die psychosexuelle Entwicklung des Kindes allzu weit von
der Psychoanalyse und von der Aufgabe der Beseitigung nervöser Störungen
entfernt haben. Wenn Sie wollen, können Sie die psychoanalytische Behandlung
nur als eine fortgesetzte Erziehung zur Überwindung von Kindheitsresten beschreiben.