Über Psychoanalyse: Fünf Vorlesungen

Sigmund Freud · Kapitel 4 von 6

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Über Psychoanalyse: Fünf Vorlesungen

Kapitel IV

 

Meine Damen und Herren! Sie werden nun zu wissen verlangen, was wir mit

Hilfe der beschriebenen technischen Mittel über die pathogenen Komplexe und

verdrängten Wunschregungen der Neurotiker in Erfahrung gebracht haben.

 

Nun vor allem eines: Die psychoanalytische Forschung führt mit wirklich

überraschender Regelmäßigkeit die Leidenssymptome der Kranken auf

Eindrücke aus ihrem Liebesleben zurück, zeigt uns, daß die pathogenen

Wunschregungen von der Natur erotischer Triebkomponenten sind, und nötigt

uns anzunehmen, daß Störungen der Erotik die größte Bedeutung unter den zur

Erkrankung führenden Einflüssen zugesprochen werden muß, und dies zwar bei

beiden Geschlechtern.

 

Ich weiß, diese Behauptung wird mir nicht gerne geglaubt. Selbst solche

Forscher, die meinen psychologischen Arbeiten bereitwillig folgen, sind geneigt

zu meinen, daß ich den ätiologischen Anteil der sexuellen Momente überschätze,

und wenden sich an mich mit der Frage, warum denn nicht auch andere seelische

Erregungen zu den beschriebenen Phänomenen der Verdrängung und

Ersatzbildung Anlaß geben sollen. Nun ich kann antworten: Ich weiß nicht,

warum sie es nicht sollten, habe auch nichts dagegen, aber die Erfahrung zeigt,

daß sie solche Bedeutung nicht haben, daß sie höchstens die Wirkung der

sexuellen Momente unterstützen, nie aber die letzteren ersetzen können. Dieser

Sachverhalt wurde von mir nicht etwa theoretisch postuliert; noch in den 1895

mit Dr. J. B r e u e r publizierten Studien über Hysterie stand ich nicht auf

diesem Standpunkte; ich mußte mich zu ihm bekehren, als meine Erfahrungen

zahlreicher wurden und tiefer in den Gegenstand eindrangen. Meine Herren! Es

befinden sich hier unter Ihnen einige meiner nächsten Freunde und Anhänger,

die die Reise nach Worcester mit mir gemacht haben. Fragen Sie bei ihnen an

und Sie werden hören, daß sie alle der Behauptung von der maßgebenden

Bedeutung der sexuellen Ätiologie zuerst vollen Unglauben entgegenbrachten,

bis sie durch ihre eigenen analytischen Bemühungen genötigt wurden, sie zu der

ihrigen zu machen.

 

Die Überzeugung von der Richtigkeit des in Rede stehenden Satzes wird durch

das Benehmen der Patienten nicht gerade erleichtert. Anstatt uns die Auskünfte

über ihr Sexualleben bereitwillig entgegenzubringen, suchen sie dieses mit allen Mitteln zu verbergen. Die Menschen sind überhaupt nicht aufrichtig in sexuellen

Dingen. Sie zeigen ihre Sexualität nicht frei, sondern tragen eine dicke

Oberkleidung aus — Lügengewebe zu ihrer Verhüllung, als ob es schlechtes

Wetter gäbe in der Welt der Sexualität. Und sie haben nicht unrecht, Sonne und

Wind sind in unserer Kulturwelt der sexuellen Betätigung wirklich nicht günstig;

eigentlich kann niemand von uns seine Erotik frei den anderen enthüllen. Wenn

Ihre Patienten aber erst gemerkt haben, daß sie sich’s in Ihrer Behandlung

behaglich machen dürfen, dann legen sie jene Lügenhülle ab, und dann erst sind

Sie in der Lage, sich ein Urteil über unsere Streitfrage zu bilden. Leider sind

auch die Ärzte in ihrem persönlichen Verhältnis zu den Fragen des Sexuallebens

vor anderen Menschenkindern nicht bevorzugt, und viele von ihnen stehen unter

dem Banne jener Vereinigung von Prüderie und Lüsternheit, welche das

Verhalten der meisten »Kulturmenschen« in Sachen der Sexualität beherrscht.

 

Lassen Sie uns nun in der Mitteilung unserer Ergebnisse fortfahren. In einer

anderen Reihe von Fällen führt die psychoanalytische Erforschung die

Symptome allerdings nicht auf sexuelle, sondern auf banale traumatische

Erlebnisse zurück. Aber diese Unterscheidung wird durch einen anderen

Umstand bedeutungslos. Die zur gründlichen Aufklärung und endgültigen

Herstellung eines Krankheitsfalles erforderliche Analysenarbeit macht nämlich

in keinem Falle bei den Erlebnissen der Erkrankungszeit Halt, sondern sie geht

in allen Fällen bis in die Pubertät und in die frühe Kindheit des Erkrankten

zurück, um erst dort auf die für die spätere Erkrankung bestimmenden Eindrücke

und Vorfälle zu stoßen. Erst die Erlebnisse der Kindheit geben die Erklärung für

die Empfindlichkeit gegen spätere Traumen, und nur durch die Aufdeckung und

Bewußtmachung dieser fast regelmäßig vergessenen Erinnerungsspuren

erwerben wir die Macht zur Beseitigung der Symptome. Wir gelangen hier zu

dem gleichen Ergebnis wie bei der Erforschung der Träume, daß es die

unvergänglichen, verdrängten Wunschregungen der Kindheit sind, die ihre

Macht zur Symptombildung geliehen haben, ohne welche die Reaktion auf

spätere Traumen normal verlaufen wäre. Diese mächtigen Wunschregungen der

Kindheit dürfen wir aber ganz allgemein als sexuelle bezeichnen.

 

Jetzt bin ich aber erst recht Ihrer Verwunderung sicher. Gibt es denn eine

infantile Sexualität? werden Sie fragen. Ist das Kindesalter nicht vielmehr die

Lebensperiode, die durch das Fehlen des Sexualtriebes ausgezeichnet ist? Nein,

meine Herren, es ist gewiß nicht so, daß der Sexualtrieb zur Pubertätszeit in die

Kinder fährt, wie im Evangelium der Teufel in die Säue. Das Kind hat seine

sexuellen Triebe und Betätigungen von Anfang an, es bringt sie mit auf die Welt, und aus ihnen geht durch eine bedeutungsvolle, an Etappen reiche Entwicklung

die sogenannte normale Sexualität des Erwachsenen hervor. Es ist nicht einmal

schwer, die Äußerungen dieser kindlichen Sexualbetätigung zu beobachten; es

gehört vielmehr eine gewisse Kunst dazu, sie zu übersehen oder wegzudeuten.

 

Durch die Gunst des Schicksals bin ich in die Lage versetzt, einen Zeugen für

meine Behauptungen aus Ihrer Mitte selbst anzurufen. Ich zeige Ihnen hier die

Arbeit eines Dr. S a n f o r d B e l l, die 1902 im »American Journal of

Psychology« abgedruckt worden ist. Der Autor ist ein Fellow der Clark

University, desselben Instituts, in dessen Räumen wir jetzt stehen. In dieser

Arbeit, betitelt: A preliminary study of the emotion of love between the sexes,

die drei Jahre vor meinen »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie« erschienen

ist, sagt der Autor ganz so, wie ich Ihnen eben sagte: The emotion of sex-love....

does not make its appearance for the first time at the period of adolescence, as

has been thought. Er hat, wie wir in Europa sagen würden, im amerikanischen

Stil gearbeitet; nicht weniger als 2500 positive Beobachtungen im Laufe von 15

Jahren gesammelt, darunter 800 eigene. Von den Zeichen, durch die sich diese

Verliebtheiten kundgeben, äußert er: The unprejudiced mind in observing these

manifestations in hundreds of couples of children cannot escape referring them

to sex origin. The most exacting mind is satisfied when to these observations are

added the confessions of those who have as children, experienced the emotion to

a marked degree of intensity, and whose memories of childhood are relatively

distinct. Am meisten aber werden diejenigen von Ihnen, die an die infantile

Sexualität nicht glauben wollten, überrascht sein zu hören, daß unter diesen früh

verliebten Kindern nicht wenige sich im zarten Alter von drei, vier und fünf

Jahren befinden.

 

Ich würde mich nicht wundern, wenn Sie diesen Beobachtungen eines engsten

Landsmannes eher Glauben schenken würden als den meinigen. Mir selbst ist es

vor kurzem geglückt, aus der Analyse eines fünfjährigen, an Angst leidenden

Knaben, die dessen eigener Vater kunstgerecht mit ihm vorgenommen,[14] ein

ziemlich vollständiges Bild der somatischen Triebäußerungen und der seelischen

Produktionen auf einer frühen Stufe des kindlichen Liebeslebens zu gewinnen.

Und ich darf Sie daran erinnern, daß mein Freund Dr. C. G. J u n g Ihnen in

diesem Saale vor wenigen Stunden die Beobachtung eines noch jüngeren

Mädchens vorlas, welches aus dem gleichen Anlaß wie mein Patient — bei der

Geburt eines Geschwisterchens — fast die nämlichen sinnlichen Regungen,

Wunsch- und Komplexbildungen, mit Sicherheit erraten ließ. Ich verzweifle also

nicht daran, daß Sie sich mit der anfänglich befremdlichen Idee der infantilen Sexualität befreunden werden, und möchte Ihnen noch das rühmliche Beispiel

des Züricher Psychiaters E. B l e u l e r vorhalten, der noch vor wenigen Jahren

öffentlich äußerte, »er stehe meinen sexuellen Theorien ohne Verständnis

gegenüber«, und seither die infantile Sexualität in ihrem vollen Umfang durch

eigene Beobachtungen bestätigt hat.[15]

 

[14] Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. Jahrbuch für psychoanalyt. und

psychopathologische Forschungen. Bd. I, 1. Hälfte, 1909.

[15] B l e u l e r , Sexuelle Abnormitäten der Kinder. Jahrbuch der schweiz.

Gesellschaft für Schulgesundheitspflege, IX, 1908.

 

Wenn die meisten Menschen, ärztliche Beobachter oder andere, vom

Sexualleben des Kindes nichts wissen wollen, so ist dies nur zu leicht erklärlich.

Sie haben ihre eigene infantile Sexualbetätigung unter dem Drucke der

Erziehung zur Kultur vergessen und wollen nun an das Verdrängte nicht erinnert

werden. Sie würden zu anderen Überzeugungen gelangen, wenn sie die

Untersuchung mit einer Selbstanalyse, einer Revision und Deutung ihrer

Kindheitserinnerungen beginnen würden.

 

Lassen Sie die Zweifel fallen und gehen Sie mit mir an eine Würdigung der

infantilen Sexualität von den frühesten Jahren an.[16] Der Sexualtrieb des Kindes

erweist sich als hoch zusammengesetzt, er läßt eine Zerlegung in viele

Komponenten zu, die aus verschiedenen Quellen stammen. Er ist vor allem noch

unabhängig von der Funktion der Fortpflanzung, in deren Dienst er sich später

stellen wird. Er dient der Gewinnung verschiedener Arten von Lustempfindung,

die wir nach Analogien und Zusammenhängen als Sexuallust zusammenfassen.

Die Hauptquelle der infantilen Sexuallust ist die geeignete Erregung bestimmter,

besonders reizbarer Körperstellen, außer den Genitalien, der Mund-, After- und

Harnröhrenöffnung, aber auch der Haut und anderer Sinnesoberflächen. Da in

dieser ersten Phase des kindlichen Sexuallebens die Befriedigung am eigenen

Körper gefunden und von einem fremden Objekt abgesehen wird, heißen wir die

Phase nach einem von H a v e l o c k E l l i s geprägten Wort die des

A u t o e r o t i s m u s . Jene für die Gewinnung von sexueller Lust bedeutsamen

Stellen nennen wir e r o g e n e Z o n e n. Das Ludeln oder Wonnesaugen der

kleinsten Kinder ist ein gutes Beispiel einer solchen autoerotischen Befriedigung

von einer erogenen Zone aus; der erste wissenschaftliche Beobachter dieses

Phänomens, ein Kinderarzt namens L i n d n e r in Budapest, hat es bereits

richtig als Sexualbefriedigung gedeutet und dessen Übergang in andere und

höhere Formen der Sexualbetätigung erschöpfend beschrieben.[17] Eine andere

Sexualbefriedigung dieser Lebenszeit ist die masturbatorische Erregung der Genitalien, die eine so große Bedeutung für das spätere Leben behält und von

vielen Individuen überhaupt nie völlig überwunden wird. Neben diesen und

anderen autoerotischen Betätigungen äußern sich sehr frühzeitig beim Kinde

jene Triebkomponenten der Sexuallust oder, wie wir gern sagen, der Libido, die

eine fremde Person als Objekt zur Voraussetzung nehmen. Diese Triebe treten in

Gegensatzpaaren auf, als aktive und passive; ich nenne Ihnen als die wichtigsten

Vertreter dieser Gruppe die Lust, Schmerzen zu bereiten (Sadismus), mit ihrem

passiven Gegenspiel (Masochismus), und die aktive und passive Schaulust, von

welch ersterer später die Wißbegierde abzweigt, wie von letzterer der Drang zur

künstlerischen und schauspielerischen Schaustellung. Andere

Sexualbetätigungen des Kindes fallen bereits unter den Gesichtspunkt der

O b j e k t w a h l , bei welcher eine fremde Person zur Hauptsache wird, die ihre

Bedeutung ursprünglich Rücksichten des Selbsterhaltungstriebes verdankt. Der

Geschlechtsunterschied spielt aber in dieser kindlichen Periode noch keine

ausschlaggebende Rolle; Sie können so jedem Kinde, ohne ihm Unrecht zu tun,

ein Stück homosexueller Begabung zusprechen.

 

[16] Drei Vorlesungen zur Sexualtheorie, Wien, Fr. Deuticke, 1906, 2. Auflage, 1910.

[17] Jahrbuch für Kinderheilkunde, 1879.

 

Dies zerfahrene, reichhaltige, aber dissoziierte Sexualleben des Kindes, in

welchem der einzelne Trieb unabhängig von jedem anderen dem Lusterwerbe

nachgeht, erfährt nun eine Zusammenfassung und Organisation nach zwei

Hauptrichtungen, so daß mit Abschluß der Pubertätszeit der definitive

Sexualcharakter des Individuums meist fertig ausgebildet ist. Einerseits

unterordnen sich die einzelnen Triebe der Oberherrschaft der Genitalzone,

wodurch das ganze Sexualleben in den Dienst der Fortpflanzung tritt, und ihre

Befriedigung nur noch als Vorbereitung und Begünstigung des eigentlichen

Sexualaktes von Bedeutung bleibt. Anderseits drängt die Objektwahl den

Autoerotismus zurück, so daß nun im Liebesleben alle Komponenten des

Sexualtriebes an der geliebten Person befriedigt werden wollen. Aber nicht alle

ursprünglichen Triebkomponenten werden zu einem Anteil an dieser endgültigen

Feststellung des Sexuallebens zugelassen. Noch vor der Pubertätszeit sind unter

dem Einfluß der Erziehung äußerst energische Verdrängungen gewisser Triebe

durchgesetzt und seelische Mächte wie Scham, Ekel, Moral hergestellt worden,

welche diese Verdrängungen wie Wächter unterhalten. Kommt dann im

Pubertätsalter die Hochflut der sexuellen Bedürftigkeit, so findet sie an den

genannten seelischen Reaktions- oder Widerstandsbildungen Dämme, welche ihr

den Ablauf in die sogenannten normalen Wege vorschreiben und es ihr unmöglich machen, die der Verdrängung unterlegenen Triebe neu zu beleben. Es

sind besonders die k o p r o p h i l e n , d. h. die mit den Exkrementen

zusammenhängenden Lustregungen der Kindheit, welche von der Verdrängung

am gründlichsten betroffen werden, und ferner die Fixierung an die Personen der

primitiven Objektwahl.

 

Meine Herren! Ein Satz der allgemeinen Pathologie sagt aus, daß jeder

Entwicklungsvorgang die Keime der pathologischen Disposition mit sich bringt,

insofern er gehemmt, verzögert werden oder unvollkommen ablaufen kann.

Dasselbe gilt für die so komplizierte Entwicklung der Sexualfunktion. Sie wird

nicht bei allen Individuen glatt durchgemacht und hinterläßt dann entweder

Abnormitäten oder Dispositionen zu späterer Erkrankung auf dem Wege der

Rückbildung (Regression). Es kann geschehen, daß nicht alle Partialtriebe sich

der Herrschaft der Genitalzone unterwerfen; ein solcher unabhängig gebliebener

Trieb stellt dann das her, was wir eine P e r v e r s i o n nennen, und was das

normale Sexualziel durch sein eigenes ersetzen kann. Es kommt, wie bereits

erwähnt, sehr häufig vor, daß der Autoerotismus nicht völlig überwunden wird,

wovon die mannigfaltigsten Störungen in der Folge Zeugnis ablegen. Die

ursprüngliche Gleichwertigkeit beider Geschlechter als Sexualobjekte kann sich

erhalten, und daraus wird sich eine Neigung zur homosexuellen Betätigung im

reifen Leben ergeben, die sich unter Umständen zur ausschließlichen

Homosexualität steigern kann. Diese Reihe von Störungen entspricht den

direkten Entwicklungshemmungen der Sexualfunktion; sie umfaßt die

P e r v e r s i o n e n und den gar nicht seltenen allgemeinen I n f a n t i l i s m u s

des Sexuallebens.

 

Die Disposition zu den Neurosen ist auf andere Weise von einer Schädigung der

Sexualentwicklung abzuleiten. Die Neurosen verhalten sich zu den Perversionen

wie das Negativ zum Positiv; in ihnen sind dieselben Triebkomponenten als

Träger der Komplexe und Symptombildner nachweisbar wie bei den

Perversionen, aber sie wirken hier vom Unbewußten her; sie haben also eine

Verdrängung erfahren, konnten sich aber derselben zum Trotze im Unbewußten

behaupten. Die Psychoanalyse läßt uns erkennen, daß überstarke Äußerung

dieser Triebe in sehr frühen Zeiten zu einer Art von partieller F i x i e r u n g

führt, die nun einen schwachen Punkt im Gefüge der Sexualfunktion darstellt.

Stößt die Ausübung der normalen Sexualfunktion im reifen Leben auf

Hindernisse, so wird die Verdrängung der Entwicklungszeit gerade an jenen

Stellen durchbrochen, wo die infantilen Fixierungen stattgefunden haben.

 

Sie werden jetzt vielleicht den Einwand machen: Aber das ist ja alles nicht Sexualität. Ich gebrauchte das Wort in einem viel weiteren Sinne, als Sie

gewohnt sind, es zu verstehen. Das gebe ich Ihnen gern zu. Aber es fragt sich, ob

nicht vielmehr Sie das Wort in viel zu engem Sinne gebrauchen, wenn Sie es auf

das Gebiet der Fortpflanzung einschränken. Sie opfern dabei das Verständnis der

Perversionen, den Zusammenhang zwischen Perversion, Neurose und normalem

Sexualleben, und setzen sich außer stande, die leicht zu beobachtenden Anfänge

des somatischen und seelischen Liebeslebens der Kinder nach ihrer wahren

Bedeutung zu erkennen. Wie immer Sie aber über den Wortgebrauch entscheiden

wollen, halten Sie daran fest, daß der Psychoanalytiker die Sexualität in jenem

vollen Sinne erfaßt, zu dem man durch die Würdigung der infantilen Sexualität

geleitet wird.

 

Kehren wir nun nochmals zur Sexualentwicklung des Kindes zurück. Wir haben

hier manches nachzuholen, weil wir unsere Aufmerksamkeit mehr den

somatischen als den seelischen Äußerungen des Sexuallebens geschenkt haben.

Die primitive Objektwahl des Kindes, die sich von seiner Hilfsbedürftigkeit

ableitet, fordert unser weiteres Interesse heraus. Sie wendet sich zunächst allen

Pflegepersonen zu, die aber bald hinter den Eltern zurücktreten. Die Beziehung

der Kinder zu ihren Eltern ist, wie direkte Beobachtung des Kindes und spätere

analytische Erforschung des Erwachsenen übereinstimmend dartun, keineswegs

frei von Elementen sexueller Miterregung. Das Kind nimmt beide Elternteile

und einen Teil besonders zum Objekt seiner erotischen Wünsche. Gewöhnlich

folgt es dabei selbst einer Anregung der Eltern, deren Zärtlichkeit die

deutlichsten Charaktere einer, wenn auch in ihren Zielen gehemmten,

Sexualbetätigung hat. Der Vater bevorzugt in der Regel die Tochter, die Mutter

den Sohn; das Kind reagiert hierauf, indem es sich als Sohn an die Stelle des

Vaters, als Tochter an die Stelle der Mutter wünscht. Die Gefühle, die in diesen

Beziehungen zwischen Eltern und Kindern und in den daran angelehnten

zwischen den Geschwistern untereinander geweckt werden, sind nicht nur

positiver, zärtlicher, sondern auch negativer, feindseliger Art. Der so gebildete

Komplex ist zur baldigen Verdrängung bestimmt, aber er übt noch vom

Unbewußten her eine großartige und nachhaltige Wirkung aus. Wir dürfen die

Vermutung aussprechen, daß er mit seinen Ausläufern den K e r n k o m p l e x

einer jeden Neurose darstellt, und wir sind darauf gefaßt, ihn auf anderen

Gebieten des Seelenlebens nicht minder wirksam anzutreffen. Der Mythus vom

König Ö d i p u s , der seinen Vater tötet und seine Mutter zum Weib gewinnt, ist

eine noch wenig abgeänderte Offenbarung des infantilen Wunsches, dem sich

späterhin die I n z e s t schranke abweisend entgegenstellt. Die H a m l e t -

Dichtung S h a k e s p e a r e s ruht auf demselben Boden des besser verhüllten Inzestkomplexes.

 

Um die Zeit, da das Kind von dem noch unverdrängten Kernkomplex beherrscht

wird, setzt ein bedeutungsvolles Stück seiner intellektuellen Betätigung im

Dienste der Sexualinteressen ein. Es beginnt zu forschen, woher die Kinder

kommen, und errät in Verwertung der ihm gebotenen Anzeichen mehr von den

wirklichen Verhältnissen, als die Erwachsenen ahnen können. Gewöhnlich hat

die materielle Bedrohung durch ein neu angekommenes Kind, in dem es

zunächst nur den Konkurrenten erblickt, sein Forscherinteresse geweckt. Unter

dem Einfluß der in ihm selbst tätigen Partialtriebe gelangt es zu einer Anzahl

von »i n f a n t i l e n S e x u a l t h e o r i e n«, wie daß es beiden Geschlechtern

das gleiche männliche Genitale zuspricht, daß es die Kinder durch Essen

empfangen und durch das Ende des Darmes gebären läßt, und daß es den

Verkehr der Geschlechter als einen feindseligen Akt, eine Art von

Überwältigung erfaßt. Aber gerade die Unfertigkeit seiner sexuellen

Konstitution und die Lücke in seinen Kenntnissen, die durch die Latenz des

weiblichen Geschlechtskanals gegeben ist, nötigt den infantilen Forscher, seine

Arbeit als erfolglos einzustellen. Die Tatsache dieser Kinderforschung selbst,

sowie die einzelnen durch sie zu Tage geförderten infantilen Sexualtheorien

bleiben von bestimmender Bedeutung für die Charakterbildung des Kindes und

den Inhalt seiner späteren neurotischen Erkrankung.

 

Es ist unvermeidlich und durchaus normal, daß das Kind die Eltern zu Objekten

seiner ersten Liebeswahl mache. Aber seine Libido soll nicht an diese ersten

Objekte fixiert bleiben, sondern sie späterhin bloß zum Vorbild nehmen und von

ihnen zur Zeit der definitiven Objektwahl auf fremde Personen hinübergleiten.

Die A b l ö s u n g des Kindes von den Eltern wird so zu einer unentrinnbaren

Aufgabe, wenn die soziale Tüchtigkeit des jungen Individuums nicht gefährdet

werden soll. Während der Zeit, da die Verdrängung die Auslese unter den

Partialtrieben der Sexualität trifft, und später, wenn der Einfluß der Eltern

gelockert werden soll, der den Aufwand für diese Verdrängungen im

wesentlichen bestritten hat, fallen der Erziehungsarbeit große Aufgaben zu, die

gegenwärtig gewiß nicht immer in verständnisvoller und einwandfreier Weise

erledigt werden.

 

Meine Herren! Urteilen Sie nicht etwa, daß wir uns mit diesen Erörterungen über

das Sexualleben und die psychosexuelle Entwicklung des Kindes allzu weit von

der Psychoanalyse und von der Aufgabe der Beseitigung nervöser Störungen

entfernt haben. Wenn Sie wollen, können Sie die psychoanalytische Behandlung

nur als eine fortgesetzte Erziehung zur Überwindung von Kindheitsresten beschreiben.