Was heißt: sich im Denken orientieren?
Was heißt: sich im Denken orientieren?
sehr von der Sinnlichkeit abstrahieren, so hängen ihnen doch noch immer Wir mögen unsere Begriffe noch so hoch anlegen und dabei noch so
b i l d l i c h e Vorstellungen an, deren eigentliche Bestimmung es ist, sie, die
sonst nicht von der Erfahrung abgeleitet sind, zum
E r f a h r u n g s g e b r a u c h e tauglich zu machen. Denn wie wollten wir auch
unseren Begriffen Sinn und Bedeutung verschaffen, wenn ihnen nicht irgendeine
Anschauung, (welche zuletzt immer ein Beispiel aus irgendeiner möglichen
Erfahrung sein muß), untergelegt würde? Wenn wir hernach von dieser
konkreten Verstandeshandlung die Beimischung des Bildes, zuerst der zufälligen
Wahrnehmung durch Sinne, dann sogar die reine sinnliche Anschauung
überhaupt weglassen: so bleibt jener reine Verstandesbegriff übrig, dessen
Umfang nun erweitert ist und eine Regel des Denkens überhaupt enthält. Auf
solche Weise ist selbst die allgemeine Logik zustande gekommen; und manche
h e u r i s t i s c h e Methode zu denken liegt in dem Erfahrungsgebrauche unseres
Verstandes und der Vernunft vielleicht noch verborgen, welche, wenn wir sie
behutsam aus jener Erfahrung herauszuziehen verständen, die Philosophie wohl
mit mancher nützlichen Maxime, selbst im abstrakten Denken, bereichern
könnte.
Von dieser Art ist der Grundsatz, zu dem der sel. MENDELSSOHN, soviel
ich weiß, nur in seinen letzten Schriften (den Morgenstunden S. 165–66 und dem
Briefe an Lessings Freunde S. 33 und 67) sich ausdrücklich bekannte: nämlich
die Maxime der Notwendigkeit, im spekulativen Gebrauche der Vernunft,
(welchem er sonst in Ansehung der Erkenntnis übersinnlicher Gegenstände sehr
viel, sogar bis zur Evidenz der Demonstration zutraute), durch ein gewisses
Leitungsmittel, welches er bald den G e m e i n s i n n (Morgenstunden), bald die
g e s u n d e Ve r n u n f t, bald den s c h l i c h t e n M e n s c h e n v e r s t a n d
(an Lessings Freunde) nannte, sich zu o r i e n t i e r e n. Wer hätte denken sollen,
daß dieses Geständnis nicht allein seiner vorteilhaften Meinung von der Macht des s p e k u l a t i v e n Vernunftgebrauchs in Sachen der Theologie so
verderblich werden sollte, (welches in der Tat unvermeidlich war); sondern daß
selbst die gemeine gesunde Vernunft bei der Zweideutigkeit, worin er die
Ausübung dieses Vermögens im Gegensatze mit der Spekulation ließ, in Gefahr
geraten würde, zum Grundsatze der Schwärmerei und der gänzlichen
Entthronung der Vernunft zu dienen? Und doch geschah dieses in der
M e n d e l s s o h n - und J a c o b i schen Streitigkeit, vornehmlich durch die nicht
unbedeutenden Schlüsse des scharfsinnigen Verfassers der R e s u l t a t e;(1)
wiewohl ich keinem von beiden die Absicht, eine so verderbliche Denkungsart
in Gang zu bringen, beilegen will, sondern des letzteren Unternehmung lieber als
argumentum ad hominem ansehe, dessen man sich zur bloßen Gegenwehr zu
bedienen wohl berechtigt ist, um die Blöße, die der Gegner gibt, zu dessen
Nachteil zu benutzen. Andererseits werde ich zeigen, daß es in der Tat b l o ß die
Vernunft, nicht ein vorgeblicher geheimer Wahrheitssinn, keine
überschwengliche Anschauung unter dem Namen des Glaubens, worauf
Tradition oder Offenbarung ohne Einstimmung der Vernunft gepfropft werden
kann, sondern, wie MENDELSSOHN standhaft und mit gerechtem Eifer
behauptete, bloß die eigentliche reine Menschenvernunft sei, wodurch er es nötig
fand und anpries, sich zu orientieren; ob zwar freilich hiebei der hohe Anspruch
des spekulativen Vermögens derselben, vornehmlich ihr allein gebietendes
Ansehen (durch Demonstration) wegfallen und ihr, sofern sie spekulativ ist,
nichts weiter als das Geschäft der Reinigung des gemeinen Vernunftbegriffs von
Widersprüchen und die Verteidigung gegen i h r e e i g e n e n sophistischen
Angriffe auf die Maximen einer gesunden Vernunft übrig gelassen werden muß.
– Der erweiterte und genauer bestimmte Begriff des S i c h - O r i e n t i e r e n s
kann uns behülflich sein, die Maxime der gesunden Vernunft in ihren
Bearbeitungen zur Erkenntnis übersinnlicher Gegenstände deutlich darzustellen.
Sich o r i e n t i e r e n heißt in der eigentlichen Bedeutung des Worts: aus
einer gegebenen Weltgegend, (in deren vier wir den Horizont einteilen), die
übrigen, namentlich den A u f g a n g zu finden. Sehe ich nun die Sonne am
Himmel und weiß, daß es nun die Mittagszeit ist, so weiß ich Süden, Westen,
Norden und Osten zu finden. Zu diesem Behuf bedarf ich aber durchaus das
Gefühl eines Unterschiedes an meinem eigenen S u b j e k t, nämlich der rechten
und linken Hand. Ich nenne es ein G e f ü h l, weil diese zwei Seiten äußerlich in
der Anschauung keinen merklichen Unterschied zeigen. Ohne dieses Vermögen,
in der Beschreibung eines Zirkels, ohne an ihm irgendeine Verschiedenheit der
Gegenstände zu bedürfen, doch die Bewegung von der Linken zur Rechten von der in entgegengesetzter Richtung zu unterscheiden und dadurch eine
Verschiedenheit in der Lage der Gegenstände a priori zu bestimmen, würde ich
nicht wissen, ob ich Westen dem Südpunkte des Horizonts zur Rechten oder zur
Linken setzen und so den Kreis durch Norden und Osten bis wieder zu Süden
vollenden sollte. Also orientiere ich mich g e o g r a p h i s c h bei allen objektiven
Datis am Himmel doch nur durch einen s u b j e k t i v e n Unterscheidungsgrund;
und wenn in einem Tage durch ein Wunder alle Sternbilder zwar übrigens
dieselbe Gestalt und ebendieselbe Stellung gegeneinander behielten, nur daß die
Richtung derselben, die sonst östlich war, jetzt westlich geworden wäre, so
würde in der nächsten sternhellen Nacht zwar kein menschliches Auge die
geringste Veränderung bemerken und selbst der Astronom, wenn er bloß auf das,
was er sieht und nicht zugleich, was er fühlt, achtgäbe, würde sich
unvermeidlich d e s o r i e n t i e r e n. So aber kömmt ihm ganz natürlich das zwar
durch die Natur angelegte, aber durch öftere Ausübung gewohnte
Unterscheidungsvermögen durchs Gefühl der rechten und linken Hand zu Hülfe,
und er wird, wenn er nur den Polarstern ins Auge nimmt, nicht allein die
vorgegangene Veränderung bemerken, sondern sich auch ungeachtet derselben
o r i e n t i e r e n können.
Diesen geographischen Begriff des Verfahrens sich zu orientieren kann ich
nun erweitern und darunter verstehen: sich in einem gegebenen Raum überhaupt,
mithin bloß m a t h e m a t i s c h orientieren. Im Finstern orientiere ich mich in
einem mir bekannten Zimmer, wenn ich nur einen einzigen Gegenstand, dessen
Stelle ich im Gedächtnis habe, anfassen kann. Aber hier hilft mir offenbar nichts
als das Bestimmungsvermögen der Lagen nach einem s u b j e k t i v e n
Unterscheidungsgrunde; denn die Objekte, deren Stelle ich finden soll, sehe ich
gar nicht; und hätte jemand mir zum Spaße alle Gegenstände zwar in derselben
Ordnung untereinander, aber links gesetzt, was vorher rechts war, so würde ich
mich in einem Zimmer, wo sonst alle Wände ganz gleich wären, gar nicht finden
können. So aber orientiere ich mich bald durch das bloße Gefühl eines
Unterschiedes meiner zwei Seiten, der rechten und der linken. Eben das
geschieht, wenn ich zur Nachtzeit auf mir sonst bekannten Straßen, in denen ich
jetzt kein Haus unterscheide, gehen und mich gehörig wenden soll.
Endlich kann ich diesen Begriff noch mehr erweitern, da er denn in dem
Vermögen bestände, sich nicht bloß im Raume d. i. mathematisch, sondern
ü b e r h a u p t i m D e n k e n d. i. l o g i s c h zu orientieren. Man kann nach der
Analogie leicht erraten, daß dieses ein Geschäft der reinen Vernunft sein werde,
ihren Gebrauch zu lenken, wenn sie von bekannten Gegenständen (der Erfahrung) ausgehend sich über alle Grenzen der Erfahrung erweitern will und
ganz und gar kein Objekt der Anschauung, sondern bloß Raum für dieselbe
findet; da sie alsdann gar nicht mehr imstande ist, nach objektiven Gründen der
Erkenntnis, sondern lediglich nach einem subjektiven Unterscheidungsgrunde, in
der Bestimmung ihres eigenen Urteilvermögens, ihre Urteile unter eine
bestimmte Maxime zu bringen.(2) Dies subjektive Mittel, das alsdann noch übrig
bleibt, ist kein anderes als das Gefühl des der Vernunft eigenen
B e d ü r f n i s s e s. Man kann vor allem Irrtum gesichert bleiben, wenn man sich
da nicht unterfängt zu urteilen, wo man nicht soviel weiß, als zu einem
bestimmenden Urteile erforderlich ist. Also ist Unwissenheit an sich die Ursache
zwar der Schranken, aber nicht der Irrtümer in unserer Erkenntnis. Aber wo es
nicht so willkürlich ist, ob man über etwas bestimmt urteilen wolle oder nicht,
wo ein wirkliches B e d ü r f n i s und wohl gar ein solches, welches der Vernunft
an sich selbst anhängt, das Urteilen notwendig macht und gleichwohl Mangel
des Wissens in Ansehung der zum Urteil erforderlichen Stücke uns einschränkt,
da ist eine Maxime nötig, wornach wir unser Urteil fällen; denn die Vernunft will
einmal befriedigt sein. Wenn denn vorher schon ausgemacht ist, daß es hier
keine Anschauung vom Objekte, nicht einmal etwas mit diesem Gleichartiges
geben könne, wodurch wir unseren erweiterten Begriffen den ihnen
angemessenen Gegenstand darstellen und diese also ihrer realen Möglichkeit
wegen sichern könnten, so wird für uns nichts weiter zu tun übrig sein, als zuerst
den Begriff, mit welchem wir uns über alle mögliche Erfahrung hinauswagen
wollen, wohl zu prüfen, ob er auch von Widersprüchen frei sei; und dann
wenigstens das Ve r h ä l t n i s des Gegenstandes zu den Gegenständen der
Erfahrung unter reine Verstandesbegriffe zu bringen, wodurch wir ihn noch gar
nicht versinnlichen, aber doch etwas Übersinnliches wenigstens tauglich zum
Erfahrungsgebrauche unserer Vernunft denken; denn ohne diese Vorsicht würden
wir von einem solchen Begriffe gar keinen Gebrauch machen können, sondern
schwärmen anstatt zu denken.
Allein hiedurch, nämlich durch den bloßen Begriff, ist doch noch nichts in
Ansehung der Existenz dieses Gegenstandes und der wirklichen Verknüpfung
desselben mit der Welt (dem Inbegriffe aller Gegenstände möglicher Erfahrung)
ausgerichtet. Nun aber tritt d a s R e c h t d e s B e d ü r f n i s s e s der Vernunft
ein als eines subjektiven Grundes, etwas vorauszusetzen und anzunehmen, was
sie durch objektive Gründe zu wissen sich nicht anmaßen darf, und folglich sich
im Denken, im unermeßlichen und für uns mit dicker Nacht erfülleten Raume
des Übersinnlichen lediglich durch ihr eigenes Bedürfnis zu o r i e n t i e r e n.
Es läßt sich manches Übersinnliche denken; (denn Gegenstände der Sinne
füllen doch nicht das ganze Feld aller Möglichkeit aus), wo die Vernunft
gleichwohl kein Bedürfnis fühlt, sich bis zu demselben zu erweitern, viel
weniger dessen Dasein anzunehmen. Die Vernunft findet an denen Ursachen in
der Welt, welche sich den Sinnen offenbaren (oder wenigstens von derselben Art
sind als die, so sich ihnen offenbaren), Beschäftigung genug, um noch den
Einfluß reiner geistiger Naturwesen zu deren Behuf nötig zu haben; deren
Annehmung vielmehr ihrem Gebrauche nachteilig sein würde. Denn da wir von
den Gesetzen, nach welchen solche Wesen würken mögen, nichts, von jenen
aber, nämlich den Gegenständen der Sinne, vieles wissen, wenigstens noch zu
erfahren hoffen können; so würde durch solche Voraussetzung dem Gebrauche
der Vernunft vielmehr Abbruch geschehen. Es ist also gar kein Bedürfnis, es ist
vielmehr bloßer Vorwitz, der auf nichts als Träumerei ausläuft, darnach zu
forschen oder mit Hirngespinsten der Art zu spielen. Ganz anders ist es mit dem
Begriffe von einem ersten U r w e s e n als oberster Intelligenz und zugleich als
dem höchsten Gute, bewandt. Denn nicht allein, daß unsere Vernunft schon ein
Bedürfnis fühlt, den B e g r i f f des Uneingeschränkten dem Begriffe alles
Eingeschränkten, mithin aller anderen Dinge(3) zum Grunde zu legen; so geht
dieses Bedürfnis auch auf die Voraussetzung des D a s e i n s desselben, ohne
welche sie sich von der Zufälligkeit der Existenz der Dinge in der Welt, am
wenigsten aber von der Zweckmäßigkeit und Ordnung, die man in so
bewunderungswürdigem Grade (im Kleinen, weil es uns nahe ist, noch mehr wie
im Großen) allenthalben antrifft, gar keinen befriedigenden Grund angeben
kann. Ohne einen verständigen Urheber anzunehmen, läßt sich, ohne in lauter
Ungereimtheiten zu verfallen, wenigstens k e i n v e r s t ä n d l i c h e r Grund
davon angeben; und ob wir gleich die Unmöglichkeit einer solchen
Zweckmäßigkeit ohne eine erste v e r s t ä n d i g e U r s a c h e nicht
b e w e i s e n können; (denn alsdann hätten wir hinreichende objektive Gründe
dieser Behauptung und bedürften es nicht, uns auf den subjektiven zu berufen),
so bleibt bei diesem Mangel der Einsicht doch ein genugsamer subjektiver
Grund der A n n e h m u n g derselben darin, daß die Vernunft es b e d a r f, etwas,
was ihr verständlich ist, vorauszusetzen, um diese gegebene Erscheinung daraus
zu erklären, da alles, womit sie sonst nur einen Begriff verbinden kann, diesem
Bedürfnisse nicht abhilft.
Man kann aber das Bedürfnis der Vernunft als zwiefach ansehen: e r s t l i c h
in ihrem t h e o r e t i s c h e n, z w e i t e n s in ihrem p r a k t i s c h e n Gebrauch.
Das erste Bedürfnis habe ich eben angeführt; aber man sieht wohl, daß es nur bedingt sei, d. i. wir müssen die Existenz Gottes annehmen, wenn wir über die
ersten Ursachen alles Zufälligen, vornehmlich in der Ordnung der wirklich in der
Welt gelegten Zwecke, u r t e i l e n w o l l e n. Weit wichtiger ist das Bedürfnis
der Vernunft in ihrem praktischen Gebrauche, weil es unbedingt ist und wir die
Existenz Gottes vorauszusetzen nicht bloß alsdann genötigt werden, wenn wir
urteilen w o l l e n, sondern weil wir u r t e i l e n m ü s s e n. Denn der reine
praktische Gebrauch der Vernunft besteht in der Vorschrift der moralischen
Gesetze. Sie führen aber alle auf die Idee des h ö c h s t e n G u t e s, was in der
Welt möglich ist, sofern es allein durch F r e i h e i t möglich ist: die
S i t t l i c h k e i t; von der anderen Seite auch auf das, was nicht bloß auf
menschliche Freiheit, sondern auch auf die N a t u r ankommt, nämlich auf die
größte G l ü c k s e l i g k e i t, sofern sie in Proportion der ersten ausgeteilt ist.
Nun b e d a r f die Vernunft ein solches a b h ä n g i g e s höchste Gut und zum
Behuf desselben eine oberste Intelligenz als höchstes u n a b h ä n g i g e s Gut
anzunehmen; zwar nicht, um davon das verbindende Ansehen der moralischen
Gesetze oder die Triebfeder zu ihrer Beobachtung abzuleiten; (denn sie würden
keinen moralischen Wert haben, wenn ihr Bewegungsgrund von etwas anderem
als von dem Gesetz allein, das für sich apodiktisch gewiß ist, abgeleitet würde);
sondern nur, um dem Begriffe vom höchsten Gut objektive Realität zu geben,
d. i. zu verhindern, daß es zusamt der ganzen Sittlichkeit nicht bloß für ein
bloßes Ideal gehalten werde, wenn dasjenige nirgend existierte, dessen Idee die
Moralität unzertrennlich begleitet.
Es ist also nicht E r k e n n t n i s, sondern gefühltes(4) B e d ü r f n i s der
Vernunft, wodurch sich MENDELSSOHN (ohne sein Wissen) im spekulativen
Denken orientierte. Und da dieses Leitungsmittel nicht ein objektives Prinzip der
Vernunft, ein Grundsatz der Einsichten, sondern ein bloß subjektives (d. i. eine
Maxime) des ihr durch ihre Schranken allein erlaubten Gebrauchs, ein Folgesatz
des Bedürfnisses ist und f ü r s i c h a l l e i n den ganzen Bestimmungsgrund
unsers Urteils über das Dasein des höchsten Wesens ausmacht, von dem es nur
ein zufälliger Gebrauch ist, sich in den spekulativen Versuchen über denselben
Gegenstand zu orientieren: so fehlte er hierin allerdings, daß er dieser
Spekulation dennoch so viel Vermögen zutraute, für sich allein auf dem Wege
der Demonstration alles auszurichten. Die Notwendigkeit des ersteren Mittels
konnte nur stattfinden, wenn die Unzulänglichkeit des letzteren völlig
zugestanden war: ein Geständnis, zu welchem ihn seine Scharfsinnigkeit doch
zuletzt würde gebracht haben, wenn mit einer längeren Lebensdauer ihm auch
die den Jugendjahren mehr eigene Gewandtheit des Geistes, alte gewohnte Denkungsart nach Veränderung des Zustandes der Wissenschaften leicht
umzuändern, wäre vergönnet gewesen. Indessen bleibt ihm doch das Verdienst,
daß er darauf bestand, den letzten Probierstein der Zulässigkeit eines Urteils hier
wie allerwärts nirgend als a l l e i n i n d e r Ve r n u n f t zu suchen: sie mochte
nun durch Einsicht oder bloßes Bedürfnis und die Maxime ihrer eigenen
Zuträglichkeit in der Wahl ihrer Sätze geleitet werden. Er nannte die Vernunft in
ihrem letzteren Gebrauche die gemeine Menschenvernunft; denn dieser ist ihr
eigenes Interesse jederzeit zuerst vor Augen, indes man aus dem natürlichen
Geleise schon muß getreten sein, um jenes zu vergessen und müßig unter
Begriffen in objektiver Rücksicht zu spähen, um bloß sein Wissen, es mag nötig
sein oder nicht, zu erweitern.
Da aber der Ausdruck: A u s s p r u c h d e r g e s u n d e n Ve r n u n f t, in
vorliegender Frage immer noch zweideutig ist und entweder, wie ihn selbst
MENDELSSOHN mißverstand, für ein Urteil aus Ve r n u n f t e i n s i c h t oder,
wie ihn der Verfasser der Resultate zu nehmen scheint, ein Urteil aus
Ve r n u n f t e i n g e b u n g genommen werden kann, so wird nötig sein, dieser
Quelle der Beurteilung eine andere Benennung zu geben, und keine ist ihr
angemessener als die eines V e r n u n f t g l a u b e n s. Ein jeder Glaube, selbst
der historische, muß zwar v e r n ü n f t i g sein; (denn der letzte Probierstein der
Wahrheit ist immer die Vernunft), allein ein Vernunftglaube ist der, welcher sich
auf keine andere Data gründet als die, so in der r e i n e n Vernunft enthalten sind.
Aller G l a u b e ist nun ein subjektiv zureichendes, objektiv aber m i t
B e w u ß t s e i n unzureichendes Fürwahrhalten; also wird er dem W i s s e n
entgegengesetzt. Andrerseits, wenn aus objektiven, obzwar mit Bewußtsein
unzureichenden Gründen etwas für wahr gehalten, mithin bloß g e m e i n e t
wird, so kann dieses M e i n e n doch durch allmähliche Ergänzung in derselben
Art von Gründen endlich ein W i s s e n werden. Dagegen, wenn die Gründe des
Fürwahrhaltens ihrer Art nach gar nicht objektiv gültig sind, so kann der Glaube
durch keinen Gebrauch der Vernunft jemals ein Wissen werden. Der historische
Glaube z. B. von dem Tode eines großen Mannes, den einige Briefe berichten,
k a n n e i n W i s s e n w e r d e n, wenn die Obrigkeit des Orts denselben, sein
Begräbnis, Testament usw. meldet. Daß daher etwas historisch bloß auf
Zeugnisse für wahr gehalten, d. i. geglaubt wird, z. B. daß eine Stadt Rom in der
Welt sei, und doch derjenige, der niemals da gewesen, sagen kann: I c h w e i ß,
und nicht bloß: I c h g l a u b e, es existiere ein Rom, das steht ganz wohl
beisammen. Dagegen kann der reine Ve r n u n f t g l a u b e durch alle natürliche
Data der Vernunft und Erfahrung niemals in ein W i s s e n verwandelt werden, weil der Grund des Fürwahrhaltens hier bloß subjektiv, nämlich ein notwendiges
Bedürfnis der Vernunft ist (und, solange wir Menschen sind, immer bleiben
wird), das Dasein eines höchsten Wesens nur v o r a u s z u s e t z e n, nicht zu
demonstrieren. Dieses Bedürfnis der Vernunft zu ihrem sie befriedigenden
t h e o r e t i s c h e n Gebrauche würde nichts anders als reine
Ve r n u n f t h y p o t h e s e sein, d. i. eine Meinung, die aus subjektiven Gründen
zum Fürwahrhalten zureichend wäre; darum, weil man, gegebene
W i r k u n g e n z u e r k l ä r e n, niemals einen andern als diesen Grund
erwarten kann und die Vernunft doch einen Erklärungsgrund bedarf. Dagegen
der Ve r n u n f t g l a u b e, der auf dem Bedürfnis ihres Gebrauchs in
p r a k t i s c h e r Absicht beruht, ein P o s t u l a t der Vernunft heißen könnte;
nicht, als ob es eine Einsicht wäre, welche aller logischen Forderung zur
Gewißheit Genüge täte, sondern weil dieses Fürwahrhalten, (wenn in dem
Menschen alles nur moralisch gut bestellt ist), dem Grade nach keinem Wissen
nachsteht,(5) ob es gleich der Art nach davon völlig unterschieden ist.
Ein reiner Vernunftglaube ist also der Wegweiser oder Kompaß, wodurch der
spekulative Denker sich auf seinen Vernunftstreifereien im Felde übersinnlicher
Gegenstände orientieren, der Mensch von gemeiner, doch (moralisch) gesunder
Vernunft aber seinen Weg, sowohl in theoretischer als praktischer Absicht, dem
ganzen Zwecke seiner Bestimmung völlig angemessen vorzeichnen kann; und
dieser Vernunftglaube ist es auch, der jedem anderen Glauben, ja jeder
Offenbarung zum Grunde gelegt werden muß.
Der B e g r i f f von Gott, und selbst die Überzeugung von seinem D a s e i n,
kann nur allein in der Vernunft angetroffen werden, von ihr allein ausgehen und
weder durch Eingebung, noch durch eine erteilte Nachricht von noch so großer
Auctorität zuerst in uns kommen. Widerfährt mir eine unmittelbare Anschauung
von einer solchen Art, als sie mir die Natur, soweit ich sie kenne, gar nicht
liefern kann, so muß doch ein Begriff von Gott zur Richtschnur dienen, ob diese
Erscheinung auch mit allen dem übereinstimme, was zu dem Charakteristischen
einer Gottheit erforderlich ist. Ob ich gleich nun gar nicht einsehe, wie es
möglich sei, daß irgendeine Erscheinung dasjenige auch nur der Qualität nach
darstelle, was sich immer nur denken, niemals aber anschauen läßt, so ist doch
wenigstens soviel klar, daß, um nur zu urteilen, ob das Gott sei, was mir
erscheint, was auf mein Gefühl innerlich oder äußerlich wirkt, ich ihn an meinen
Vernunftbegriff von Gott halten und darnach prüfen müsse, nicht ob er diesem
adäquat sei, sondern bloß, ob er ihm nicht widerspreche. Ebenso: wenn auch bei
allem, wodurch er sich mir unmittelbar entdeckte, nichts angetroffen würde, was jenem Begriffe widerspräche, so würde dennoch diese Erscheinung,
Anschauung, unmittelbare Offenbarung oder wie man sonst eine solche
Darstellung nennen will, das D a s e i n eines Wesens niemals beweisen, dessen
Begriff, (wenn er nicht unsicher bestimmt und daher der Beimischung alles
möglichen Wahnes unterworfen werden soll), U n e n d l i c h k e i t der Größe
nach zur Unterscheidung von allem Geschöpfe fodert, welchem Begriffe aber
gar keine Erfahrung oder Anschauung adäquat sein, mithin auch niemals das
Dasein eines solchen Wesens unzweideutig beweisen kann. Vom Dasein des
höchsten Wesens kann also niemand durch irgendeine Anschauung z u e r s t
überzeugt werden; der Vernunftglaube muß vorhergehen, und alsdann könnten
allenfalls gewisse Erscheinungen oder Eröffnungen Anlaß zur Untersuchung
geben, ob wir das, was zu uns spricht oder sich uns darstellt, wohl befugt sind
für eine Gottheit zu halten und nach Befinden jenen Glauben bestätigen.
Wenn also der Vernunft in Sachen, welche übersinnliche Gegenstände
betreffen, als das Dasein Gottes und die künftige Welt, das ihr zustehende Recht,
z u e r s t zu sprechen bestritten wird, so ist aller Schwärmerei, Aberglauben, ja
selbst der Atheisterei eine weite Pforte geöffnet. Und doch s c h e i n t in der
J a c o b i schen und M e n d e l s s o h n i schen Streitigkeit alles auf diesen
Umsturz, ich weiß nicht recht, ob bloß der Ve r n u n f t e i n s i c h t und des
Wissens (durch vermeinte Stärke in der Spekulation) oder auch sogar des
Ve r n u n f t g l a u b e n s, und dagegen auf die Errichtung eines andern
Glaubens, den sich ein jeder nach seinem Belieben machen kann, angelegt. Man
sollte beinahe auf das letztere schließen, wenn man den S p i n o z i s t i s c h e n
Begriff von Gott als den einzigen mit allen Grundsätzen der Vernunft
stimmigen(6) und dennoch verwerflichen Begriff aufgestellt sieht. Denn, ob es
sich gleich mit dem Vernunftglauben ganz wohl verträgt einzuräumen, daß
spekulative Vernunft selbst nicht einmal die M ö g l i c h k e i t eines Wesens, wie
wir uns Gott denken müssen, einzusehen imstande sei: so kann es doch mit gar
keinem Glauben und überall mit keinem Fürwahrhalten eines Daseins
zusammenbestehen, daß Vernunft gar die U n m ö g l i c h k e i t eines
Gegenstandes einsehen und dennoch aus anderen Quellen die Wirklichkeit
desselben erkennen könnte.
Männer von Geistesfähigkeiten und von erweiterten Gesinnungen! Ich
verehre Eure Talente und liebe Euer Menschengefühl. Aber habt Ihr auch wohl
überlegt, was Ihr tut, und wo es mit Euren Angriffen auf die Vernunft hinaus
will? Ohne Zweifel wollt Ihr, daß F r e i h e i t z u d e n k e n ungekränkt
erhalten werde; denn ohne diese würde es selbst mit Euren freien Schwüngen des Genies bald ein Ende haben. Wir wollen sehen, was aus dieser Denkfreiheit
natürlicherweise werden müsse, wenn ein solches Verfahren, als Ihr beginnt,
überhandnimmt.
Der Freiheit zu denken ist e r s t l i c h der b ü r g e r l i c h e Z w a n g
entgegengesetzt. Zwar sagt man: die Freiheit zu s p r e c h e n oder zu
s c h r e i b e n, könne uns zwar durch obere Gewalt, aber die Freiheit zu
d e n k e n durch sie gar nicht genommen werden. Allein wie viel und mit
welcher Richtigkeit würden wir wohl d e n k e n, wenn wir nicht gleichsam in
Gemeinschaft mit andern, denen wir unsere und die uns ihre Gedanken
m i t t e i l e n, dächten! Also kann man wohl sagen, daß diejenige äußere Gewalt,
welche die Freiheit, seine Gedanken öffentlich m i t z u t e i l e n, den Menschen
entreißt, ihnen auch die Freiheit zu d e n k e n nehme; das einzige Kleinod, das
uns bei allen bürgerlichen Lasten noch übrig bleibt, und wodurch allein wider
alle Übel dieses Zustandes noch Rat geschafft werden kann.
Z w e i t e n s wird die Freiheit zu denken auch in der Bedeutung genommen,
daß ihr der G e w i s s e n s z w a n g entgegengesetzt ist; wo ohne alle äußere
Gewalt in Sachen der Religion sich Bürger über andere zu Vormündern
aufwerfen, und statt Argument durch vorgeschriebene, mit ängstlicher Furcht vor
der G e f a h r e i n e r e i g e n e n U n t e r s u c h u n g begleitete
Glaubensformeln alle Prüfung der Vernunft durch frühen Eindruck auf die
Gemüter zu verbannen wissen.
D r i t t e n s bedeutet auch Freiheit im Denken die Unterwerfung der
Vernunft unter keine andere Gesetze, als d i e s i e s i c h s e l b s t g i b t; und
ihr Gegenteil ist die Maxime eines g e s e t z l o s e n G e b r a u c h s der
Vernunft, (um dadurch, wie das Genie wähnt, weiter zu sehen als unter der
Einschränkung durch Gesetze). Die Folge davon ist natürlicherweise diese, daß,
wenn die Vernunft dem Gesetze nicht unterworfen sein will, das sie sich selbst
gibt, sie sich unter das Joch der Gesetze beugen muß, die ihr ein anderer gibt;
denn ohne irgendein Gesetz kann gar nichts, selbst nicht der größte Unsinn, sein
Spiel lange treiben. Also ist die unvermeidliche Folge der e r k l ä r t e n
Gesetzlosigkeit im Denken (einer Befreiung von den Einschränkungen durch die
Vernunft) diese: daß Freiheit zu denken zuletzt dadurch eingebüßt und, weil
nicht etwa Unglück, sondern wahrer Übermut daran schuld ist, im eigentlichen
Sinne des Worts v e r s c h e r z t wird.
Der Gang der Dinge ist ungefähr dieser. Zuerst gefällt sich das G e n i e sehr
in seinem kühnen Schwunge, da es den Faden, woran es sonst die Vernunft
lenkte, abgestreift hat. Es bezaubert bald auch andere durch Machtsprüche und große Erwartungen und scheint sich selbst nunmehr auf einen Thron gesetzt zu
haben, den langsame, schwerfällige Vernunft so schlecht zierete; wobei es
gleichwohl immer die Sprache derselben führet. Die alsdann angenommene
Maxime der Ungültigkeit einer zu oberst gesetzgebenden Vernunft nennen wir
gemeine Menschen S c h w ä r m e r e i; jene Günstlinge der gütigen Natur aber
E r l e u c h t u n g. Weil indessen bald eine Sprachverwirrung unter diesen selbst
entspringen muß, indem, da Vernunft allein für jedermann gültig gebieten kann,
jetzt jeder seiner Eingebung folgt, so müssen zuletzt aus inneren Eingebungen
durch äußere Zeugnisse bewährte Fakta, aus Traditionen, die anfänglich selbst
gewählt waren, mit der Zeit a u f g e d r u n g e n e Urkunden, mit einem Worte,
die gänzliche Unterwerfung der Vernunft unter Fakta d. i. der A b e r g l a u b e
entspringen, weil dieser sich doch wenigstens in eine g e s e t z l i c h e F o r m
und dadurch in einen Ruhestand bringen läßt.
Weil gleichwohl die menschliche Vernunft immer noch nach Freiheit strebt,
so muß, wenn sie einmal die Fesseln zerbricht, ihr erster Gebrauch einer lange
entwöhnten Freiheit in Mißbrauch und vermessenes Zutrauen auf
Unabhängigkeit ihres Vermögens von aller Einschränkung ausarten, in eine
Überredung von der Alleinherrschaft der spekulativen Vernunft, die nichts
annimmt, als was sich durch o b j e k t i v e Gründe und dogmatische
Überzeugung rechtfertigen kann, alles übrige aber kühn wegleugnet. Die
Maxime der Unabhängigkeit der Vernunft von ihrem e i g e n e n B e d ü r f n i s
(Verzichttuung auf Vernunftglauben) heißt nun U n g l a u b e; nicht ein
historischer, denn den kann man sich gar nicht als vorsätzlich, mithin auch nicht
als zurechnungsfähig denken, (weil jeder einem Faktum, welches nur
hinreichend bewährt ist, ebensogut als einer mathematischen Demonstration
glauben muß, er mag wollen oder nicht); sondern ein Ve r n u n f t u n g l a u b e,
ein mißlicher Zustand des menschlichen Gemüts, der den moralischen Gesetzen
zuerst alle Kraft der Triebfedern auf das Herz, mit der Zeit sogar ihnen selbst
alle Autorität benimmt und die Denkungsart veranlaßt, die man
F r e i g e i s t e r e i nennt, d. i. den Grundsatz, gar keine Pflicht mehr zu
erkennen. Hier mengt sich nun die Obrigkeit ins Spiel, damit nicht selbst
bürgerliche Angelegenheiten in die größte Unordnung kommen; und da das
behendeste und doch nachdrücklichste Mittel ihr gerade das beste ist, so hebt sie
die Freiheit zu denken gar auf und unterwirft dieses, gleich anderen Gewerben,
den Landesverordnungen. Und so zerstört Freiheit im Denken, wenn sie so gar
unabhängig von Gesetzen der Vernunft verfahren will, endlich sich selbst.
Freunde des Menschengeschlechts und dessen, was ihm am heiligsten ist! Nehmt an, was Euch nach sorgfältiger und aufrichtiger Prüfung am
glaubwürdigsten scheint, es mögen nun Fakta, es mögen Vernunftgründe sein;
nur streitet der Vernunft nicht das, was sie zum höchsten Gut auf Erden macht,
nämlich das Vorrecht ab, der letzte Probierstein der Wahrheit(7) zu sein!
Widrigenfalls werdet Ihr, dieser Freiheit unwürdig, sie auch sicherlich einbüßen
und dieses Unglück noch dazu dem übrigen schuldlosen Teile über den Hals
ziehen, der sonst wohl gesinnt gewesen wäre, sich seiner Freiheit
g e s e t z m ä ß i g und dadurch auch zweckmäßig zum Weltbesten zu bedienen!
Königsberg.
I. K a n t.