Weihnachtserzählungen
Am Wege.
Wie ist das gewesen? Wie ist das nur gewesen ... Weit, weit zurück wanderten seine Gedanken. Bis in die Tage der Jugend, in die sonnigen stillen, ach so schönen, schönen Tage der Jugend ...
Seine Hand glitt von dem liebreizenden Blondköpfchen des Wirtstöchterleins langsam herab. Und die Kleine, die ihm diese Erinnerungen in der Seele wachrief, so daß sie aufstanden wie aus langem Schlaf, die liebe Kleine sah scheu und großäugig zu ihm auf. Sah, wie sein Blick weltfremd in unfaßbare Fernen ging, und der lange angegraute Bart über seiner Brust seltsam zitterte. Da er sich nicht regen wollte, schlich sie langsam zur Tür. Dort schaute ihre scheue Hoffnung nochmals und wieder und wieder zurück. Endlich huschte sie hinaus. Und hatte sein vergessen.
Der Mann aber dort in der dunklen Ecke lauschte der Erinnerung. Und die sprach: So wars: die Lichter brannten noch auf dem kleinen Tannenbaum, da war sie herübergekommen aus dem großen Hause, das sie das Schloß nannten. War gekommen, so hold, so still und so scheu, wie vorhin da das blonde Wirtstöchterlein. Und vorher, wie oft, wie so oft war sie da gekommen zu ihm, dem großen Knaben, und hatte sich von ihm erzählen lassen von all den wundersamen Dingen, die seine dämmernde Kinderseele schaute und schuf. An jenem Weihnachtsabend aber war das ganz seltsam. Da kam sie so still und so feierlich. Und hatte ihn flüsternd gefragt: Weißt du, wo das Glück wohnt?
Er sah in die Ferne und sah bunte Märchenwelten aufsteigen. Dort, dort wohl wohnte das Glück. Wo denn wohl sonst? Sie aber sprach wieder leise: »Das Glück wohnt bei euch.« Da fielen die Märchenwelten in seiner Seele jäh in Nacht und Finsternis. Und er sah nach der kleinen blonden Freundin – schier böse. »Wer, wer sagt dir das, Elsa? Wer sagt Dir das?«
Und von ihren Lippen kam es zaghaft: »Die Mutter.«
Wie sie das sagte damals! Ihre Seele weinte dabei. Und langsam, langsam stiegen aus den bangen Kinderherzen die Tränen in die großen scheuen Augen.
So war das damals. Und sie hatte geweint dabei. Hatte geweint, weil in ihrem großen schönen Hause das Glück nicht wohnte. Dort wohnte der Unfrieden. Auf leisen Sohlen schlich das Leid dort durch die vielen schönen Zimmer, wo so viel, o so unausdenkbar viel Glück und Freud' hätten wohnen können. So dachte er damals und war dem stolzen herrischen Manne gram, durch den die stille blasse Frau, der kleinen Freundin Mutter, so viel hatte erdulden müssen.
Und die, die hatte gesagt, bei ihnen, in ihrem kleinen Häuschen wohne das Glück. Der Knabe konnte das nicht fassen. Der Jüngling begriff's. Ja, das Glück wohnte bei ihnen, wohnte so lange ungetrübt bei ihnen, als der Vater lebte, und hatte ihm so lange ungetrübt geblüht, bis der Vater von drüben, der herrische Mann, zwischen ihn und Elsa getreten war. Stolz gab er ihm zu wissen: für so armer Leute Sohn sei ihm seine Tochter zu gut. Er solle lassen von ihr, wolle er nicht haben, daß er rauher käme als dies erste Mal – es wäre denn, so fügte er spöttisch hinzu, er käme als reicher Mann wieder. Da rief der Trotz aus dem Jüngling: ja, das werde er! Er werde erst wiederkommen zu ihm, wenn er ihm ebenbürtig sei in den Stücken, die ihm, dem Geldstolzen, so über alles gingen. Er werde erst wiederkommen, bis er so reich, reicher sei als er selber.
Und so war er den Weg gegangen, den harten Weg, den der Bettelstudent gehn muß durch all die Lehrschulen, bis sie ihn reif erklärten für die Schule des Lebens. Das bescheinigten sie ihm mit dem Diplom eines Ingenieurs. Der Staat bot ihm eine bescheidene Stelle. Er schlug sie aus. Er mußte ja den Weg gehn, der zum Reichtum führt. Und der ist lang und hart und mühselig, ist ein Weg in die Irre, wenn nur immer die eigene Tüchtigkeit die Führerin ist und nicht auch das blinde Glück. Und so wanderte er. Und mit ihm wanderten treu und unverdrossen Sorge und Enttäuschung. Vor ihm her aber zogen immer Sehnsucht und Hoffnung. Und lockten und lockten. Immer wieder, immer und immer wieder.
Und zu Hause warteten sie. Mutter und Braut. Die stille blasse Frau im Schlosse drüben war zu müde geworden. Sie hatte nur auf den Tod gewartet. Den Erlöser. Weit, weit weg war er damals von der Heimat – und viel, o viel weiter noch von seinem Ziele. Da endlich, endlich lächelte ihm das Glück. Weit draußen war's, in den Niederlanden. Und endlich, endlich gelang das Große, das Ersehnte: er konnte seiner Gesellschaft eine Erfindung zur Verfügung stellen, die einen Geldstrom in ihre Kassen lenkte und ihn selbst zum reichen Manne machte. Noch ließen sie ihn nicht frei. Noch mußte er an der Spitze des ins Riesenhafte gewachsenen Unternehmens bleiben. Erst wenn alles in den festen Bahnen strammer Ordnung und sicherer Gewöhnung sei, könne er frei werden. Kaum, daß sie ihn über die Weihnachtsfeiertage ziehen ließen. Seiner Sehnsucht nach ... Verwundert blickte er um sich. Und traulich nicht – schier fremd grüßte ihn die kleine dürftige Wirtsstube, die einstens den armen Bettelstudenten so froh gegrüßt hatte. Ein Fremder in der Heimat. Niemand kannte ihn. Und niemand sollt' ihn erkennen! Freude rief's in ihm und Trotz. Sie, sie sollten ihn zuerst begrüßen – seine Berge! Und dann Mutter und Braut.
Da hörte er draußen in der großen Gaststube die Männer durcheinander sprechen. Dies und das. Nicht was sie sprachen, wollt' er erlauschen – nur erfreuen wollt' er sich an der solange, lange entbehrten heimatlichen Mundart. Eben wollt' ihn diese Freude hinausziehen zu den Männern. Da hörte er einen sagen: »Also hat sie's halt auch dermacht, die alt' Brunnerin.« – »Ja ja,« sagte drauf bedächtig ein anderer, »hab's schon g'hört. Gestern is verstorben. A recht a traurig's Weihnachten das.«
Da war der Mann drinnen bleich geworden. Sein Herz stand schier still. Er ging zu den Männern hinaus.
»Meint ihr die Frau Brunner drüben, die in Almau?«
»Dieselbige, wuhl.« Sie sahen erstaunt nach ihm.
Er aber warf den Pelz um seine Schultern und ging hastig zur Tür hinaus. Die Männer, die am Postschlitten arbeiteten, um die gebrochene Kufe wieder brauchbar zu machen, schauten ihm staunend nach. »Wird ihm halt doch die Zeit lang worden sein und er geht ein Stückerl voraus.« So meinten sie.
Die lange Verzögerung, die durch den kleinen Unfall eingetreten war, hatte ihn sehr verdrossen. Jetzt war es ihm gleich. Die Mutter wartete ja nimmer. Und Elsa wußte noch gar nicht, daß er kam. Er hatte bloß der Mutter geschrieben. Elsa sollte erst gerufen werden, wenn die Lichter brannten am Baum. Wenn die Lichter brannten ... Nun brannten wohl nur zwei Kerzen im ganzen Hause. Sie brannten zu Häupten der Mutter. Sie hatte ihn nicht mehr erwarten können ...
Müde trug er das junge schwere Leid über den Schnee in den wallenden Nebel hinein. Da rief die Stimme der Wirtin hinter ihm her: »Herr Brunner! Herr Brunner!« Sie hatte ihn also nachträglich doch erkannt. Wohl an seinem jähen Erschrecken und Erbleichen.
Er schlug rasch einen Nebenweg ein. Der Schlitten sollte ihn nicht einholen. Er wollte nicht, daß das unbeholfene Mitleid dieser guten Leute zu ihm spreche.
»Herr Brunner! Herr Brunner!« rief die Wirtin wieder. Und »Herr Brunner! Herr Brunner!« rief eine tiefe männliche Stimme langgedehnt seinen Namen. Und die Stimmen klangen ihm durch den Nebel wie aus weiter unermeßlicher Ferne und klangen ihm nicht wie Menschenstimmen. Hinter ihm tastete das Mitleid, vor ihm schritten Leid und Weh und in ihm war alle Freude erstorben. Die Mutter konnte den Sohn nimmer erwarten ...
Da stand plötzlich ein ungeheurer Zorn in ihm auf wider den Mann, der ihn einst vom blumigen Weg hinweggedrängt hatte auf die steinige staubige Straße, auf der die Menschen nach Geld und Gut und Reichtum jagen.
Wohl: er hatte es erjagt, dieses »Glück« – aber w i e kam er heim! Ein armer, jammervoll armer Reicher! In den fünfzehn Jahren des Kämpfens und Ringens, des Hoffens und Verzweifelns war seine Seele flügellahm geworden. Und schlecht, schlecht war er geworden da draußen im wüsten Kampfe, im gierigen Losstürmen auf das eine, eine niedere und ach so schwer erreichbare Ziel: das M i t f r e u e n hatte er schier verlernt – das Mitfreuen an dem ehrlichen Erfolg anderer. Und mehr als einmal war er dem gierigsten und schadenfreudigsten Sieger über den Edelsinn erlegen: dem Neid. Wie ein Almosen warf ihm das Leben endlich Gold hin, nachdem es ihm vorher den Reichtum der Seele geraubt hatte. Frühen Altersschnee in Haar und Bart – ein Irrwanderer, kehrte er heim. Und daran war nur er schuld, er, der hartherzige geldstolze Mann ... Niemand als der? Niemand sonst als dieser Mann?
Da schritt die Reue neben ihm und flüsterte ihm zu: »Denk daran! Ist sie nicht gekommen? Ist sie nicht zu dir gekommen in die Fremde mit einem gar warmen, gar lieben Brief? »Liebster,« so hat sie zu dir gesprochen, »ich bin nun mündig, der väterlichen Gewalt entwachsen. Das kleine Vermögen der Mutter ist mein. Es schützt uns vor Not und Armut – komm, o komm! Laß den freudentötenden Kampf nach Geld und Gut und komm! Such dir in der Heimat eine bescheidene Stelle und laß uns unser Heim errichten. Drinnen wird das Glück wohnen, das leuchtende seelenerwärmende Glück, wie es einst gewohnt hat bei deinen Eltern.« Und du, du hast gejubelt. Da aber bäumte sich dein Stolz auf und dein Trotz. Du wolltest dich nicht demütigen, wolltest nicht als Besiegter hintreten vor den Mann, der nur Spott und Hohn für dich gehabt hätte. Und du gingst den steinigen ausgedorrten Weg weiter. D u r f t e s t du das? Durftest du i h r und durftest du der Mutter all die lichten Stunden nehmen, die ihnen geworden wären, hättest du der Stimme der Liebe und nicht der Stimme des Trotzes gefolgt? Durftest du das? Wogen dir Spott und Hohn dieses Mannes mehr, stand dir dein Ehrgeiz höher als all die Freuden, die du erleben und geben hättest können? Die stillen sonnigen Freuden, die die Tausende, die dem gleichen Ziele zuwanderten und zuwandern, nie und nimmer erleben und geben können?«
So sprach die Reue. Und ihm war, als schritten ungesehen im Nebel neben ihm all die ungezählten Hunderttausende, die vor ihm und mit ihm denselben steinigen Weg gewandert sind – und am Wege liegen blieben. Ein Grausen überkam ihn. Wie oft war er selber daran gewesen, umzusinken und zu verschmachten. Er wagte nicht aufzuschauen. Furcht hatte die Reue abgelöst. Sie lauerte nur darauf, ihm im Nebel die bleichen starren Gesichter aller derer zu zeigen, die mit verdorrten Seelen durchs Leben gingen und am Wege erlagen. Er sah nicht auf und sah nicht links und sah nicht rechts. Neben ihm aber hallten die gespensterhaften Schritte, die das Ohr nicht, die nur die Seele schaudernd vernimmt. Sie hallten, verwehten und erstarben. Und endlich fühlte er nur e i n e neben sich: die Mutter. Die aber sah mit hellen Augen nach ihm und lächelte ihn an mit jenem lieben stillen Lächeln, das sie immer so tapfer vor Leid und Weh zu stellen wußte. Da tastete mit sanften seidenweichen Fingern die Hoffnung wieder leise an seine Seele. Ein Drängen kam in ihn – unerklärlich froh. Und um ihn her war ein Flüstern, wie es oft an stillen Sommertagen geheimnisvoll über Wald und Fluren zittert und haucht. Schneller schritt er aus und fiel fast hin. So glatt war mit einem Male der Weg unter dem Schnee. Da rief eine Stimme warnend hinter ihm her:
»Sie, Herr! Sie! Nit da! Nit da!«
Er hörte kaum darauf. Da klangs lauter, ängstlicher, drängender:
»Herr, Sie brechen ja durch!«
Da krachte und klirrte und kreischte es auch schon unter seinen Füßen und stöhnte und seufzte so seltsam, als käm es herauf aus unendlichen Tiefen. Mit Schrecken hatte er erkannt, daß er im Nebel auf den flachuferigen kleinen See geraten war. Rasch kehrte er um. Da stand ein armes kleines Mutterl vor ihm, dicht in ein altes Wolltuch gehüllt.
»Da hats aber graten!« meinte sie halb ernst, halb schalkhaft. »Is ja noch gar dünn, das Eis! Mitten drin is er 'leicht gar noch offen, der See. Ah wuhl.«
Mit neugierigen Augen guckte sie nach dem stattlichen Manne, dem der Rauhfrost Haar und Bart und Pelz so dicht umsponnen hatte, daß er aussah, wie der König Winter selbst. Oder war der weiße Zauber erstanden aus frosterstarrten Reugedanken all der Tausende, die da an ihm vorübergeisterten?
Er dankte dem Mutterl warm, gab ihm Geld und ging. Sorge und Sehnsucht trieben ihn fort. Das Frauerl aber, das arme, rief ihm erschreckt nach:
»He! Sie, Herr! Sie müassn Eahna girrt haben! Das ist ja zviel! Das is ja um Gotts Willen viel zviel!«
Er schritt aus. Plötzlich wandte er sich um. Er wollte doch dem guten Weiblein nicht ein Almosen hingeworfen haben – seiner Lebensretterin! Und w i e ers gab, wars ein Almosen. Also fragte er:
»Hat's Mutterl wohl Kinder?«
»I freil wuhl – ihra zwölfi!«
»Nun, dann machen Sie den Kindern heut eine rechte Freud, bitte.« Und er gab ihr ein zweites Goldstück. »Von einem, dem heut eine große Freude gestorben ist.«
Sie starrte sprachlos auf die Goldstücke in ihrer Hand, den Freudenschreck im Gesicht.
»Is wohl schiar aso, wia d'Mutter gsagt hat. Muaß schiar aso sein.« So brummelte sie vor sich hin.
Er wollte gehn. Dennoch blieb er und fragte, was denn die Mutter gesagt habe?
»Ja, sehn S' Herr, uns ist just gestern aa a Freud gstorben, wia Eahna. Freili d'Mutter, sie is schon recht alt, recht alt is schon gwesen. So an etla neunzg Jahr. Ja. Aber daß just an d e m Tag hat gehn müass'n, das is ihr so viel unliab gwesen. Schau, hats gsagt, i kann nix dafür. Der Mensch kann si halt sei Sterbstund nit aussuachn. Ewi nit. I aber habs tröst. Und drauf hats gsagt: schauts Kinder, es is halt in Herrgott sein Willn, daß i just an dem Tag zu eahm auffikimm. Da kann i eahm ja glei sagn: Herr, lieber Gott-Vater, der du so viele Engerln hast – schau, i hab drunt auf der Erdn aa so a hübschi Schoar Engerln, hoaßt das halt – Enkelkinder. Und da just heunt der Geburtstag is von dein allerheiligsten Herrn Sohn, so mach denen drunt, dene arme Hascher, halt amal a rechte Freud! Und dabei hats soviel liab gwackelt und deut mit ihrn müadn Kopf. Ihre Augen aber san helliacht wordn und san nur so ganga von oan zum ondan, wia zwoa lustige Schelma. Alli zwölfi sans nämli dagstandn, die Kinder, und habns angschaut und habn si nit zrührn traut. Nur aus d'Augn hat eahna so gwiß a liabigs Valanga gschaut. Da hat das guati alte Häuterle glacht und hat gsagt: »I kenn engs schon an, was eng jetztn da denkts, alle miteinander! Laßts eng nur nit d' Freud verderben wegen meina! Laßts eng nur nöt d' Freud verderben!« Das is 's letzte gwesen, was gredt hat. Und sie hat Wort ghaltn. Sie hat bitt für ihre Enkelkinder.«
Dabei sah sie wieder die Goldstücke an. Dann erfaßte sie jäh die Hand des gütigen Mannes und küßte sie unter tausend »Vergelts Gott!«
»Liabs Mutterl«, sagte er gerührt und fand zwanglos Klänge der langentwöhnten heimatlichen Mundart wieder, »liabs Mutterl, das freut mich, daß mich die Großmutter zu Ihnen gschickt hat. Aber sehn S', da hätt ich beinah vergessen – sie hat mir ja gesagt, drei, drei soll ich Ihnen geben. Weil halt aller guten Dinge drei sind.« Er legte ihr noch ein Goldstück auf die Hand und schritt schnell davon. Rasch hatte ihn der Nebel aufgenommen.
Plötzlich überkam ihn eine treibende Angst: wenn Elsa den Brief geöffnet hätte! Wenn sie ihn erwartete! Nach so langem, langem Warten jetzt noch stundenlang warten müssen – das nähme die letzten Kräfte, löschte der sehnsuchtsdurstigen Seele alles Glühen aus ... Und wenn sie gar erfahren hätte, er sei drunten in der Bahnstation gesehen worden und nicht mit der Post gekommen – was müßte sie denken, was erleiden!
Rasch klomm er die scharfansteigende Straße hinan. Sein Heimatsort lag hoch. Und plötzlich trat er aus dem dichten Nebel ins Helle. In stiller Winterpracht, übergossen von dem rosigen Lichte der scheidenden Sonne, lagen seine Berge vor ihm, grüßten ihn und kannten ihn! Wie er auch, verwirrt von der Majestät der Berge und der Majestät des Schweigens, starr dastand: sein i n n e r e r Mensch kniete vor all der göttlichen Herrlichkeit und weinte und lachte, jubelte und betete und dankte Gott für die erlösende Stunde dieses Wiedersehens und – der Auferstehung.
Wie lange er so stillversunken und weltvergessen gestanden hatte – er hätts nicht sagen können. Als er aber weiter ging, wußte er: die Schätze seiner Seele lagen nur verschüttet in ihm. Die Heimat gab sie ihm wieder.
Als er endlich vor seinem schmucken bescheidenen Vaterhause stand, funkelten droben die Sterne. Dunkel wars im großen Zimmer und daneben in der kleinen trauten Kammer brannte ein spärliches Licht. Er wußte, was für ein Licht, und wußte, wem es brannte ...
Zögernd drückte seine Hand die Klinke, auf der jene liebe Hand da drinnen, ach, wie so oft, so oft geruht hatte. Und zögernd trat er ein. Leise. Sein Herz pochte durch die Stille. In dem kleinen dunklen Vorraum legte er Pelz und Mütze ab und strich sich die Eiskristalle aus Bart und Haar. Behutsam, behutsam öffnete er endlich die Tür in die große Stube – da, wo einstens das Glück wohnte und aus stillen Augen lachte. Und behutsam, behutsam schloß er sie wieder. Die Klinke aber gab, ins Schloß zurückschnellend, einen gar seltsamen lauten, lange nachklirrenden Klang. Schier wie ein fröhlicher Schrei hatte es geklungen: Da ist er!
Die Tür in der Wand gegenüber ging auf. Sein Herz erstarrte: dort auf der Schwelle, umflossen vom milden gelblichen Lichte stand sie – Elsa, die Braut. Stand in der schneeweißen Schönheit des jähen Schrecks.
Langsam tat er einen Schritt und schwer, schwer und heiser rang es sich aus seinem Munde: »Ich weiß es schon.«
Da tauchte hinter Elsa, in weiße Linnen gehüllt, eine Gestalt auf und sah mit großen verwunderten Augen nach ihm – seine Mutter.
Er taumelte erschüttert einige Schritte vor. Ein Stuhl stand im Weg und im Dunkel. Er stürzte darüber.
Tief erschrocken eilten die Frauen herbei. Elsa kam mit dem Lichte. Langsam hatte der Mann sich aufgerichtet und blickte totenbleich nach der Mutter wie nach einer Erscheinung.
»Mutter – bist du 's wirklich? Sie sagten – sie sagten – – du seist gestorben ...«
Die Frauen sahen sich sprachlos an.
»Die alt Brunnerin, sagten sie, sei gestern verschieden. Die von Almau hier.«
Die Mutter faßte sich zuerst.
»Bibi ist gestorben, Franz, die alte Bibi.«
»Die – alte – Bibi ...« So hieß die alte Bibiana Brunner schon in den Tagen seiner Jugend. Ein Lächeln trat in seine Züge. »Und hat ihre Tochter nicht eine Menge Kinder?«
»Freilich hat die Bachlehnerin eine helle Schar davon. Ich mein, wohl ein Dutzend.«
»So war ich also der lieben alten Bibi ein unbewußter Himmelsbote. Und du, Mutter, du wolltest wohl eben, des Wartens müde und erstarrt von der Enttäuschung, zu Bette gehn?«
Die Mutter nickte. Da schloß er sie in seine Arme. Nun war der seltsame Bann gelöst, der auf ihren freudendrängenden Seelen gelegen war wie Reif auf jungblühenden Blumen. Und es war, als wäre ein unsichtbarer Vierter zögernd und unhörbar davongeschlichen.
Als die Dreie dann, froh vereint, unterm Baume saßen, erzählte der glückselige Mann von seinem Wege hieher und sagte ihnen, er sei da seinen harten schweren Lebensweg noch einmal gewandert mit all seinem Leid und seinen wenigen, ach so armen Freuden. Nun aber sei er am Ziele – ein wandermüder Mann. Und nun wolle er endlich, endlich – L e b e n ! Wahrhaftig lebe der Mensch ja nur in Glück und Freude. Und wahre Freude schaffe: L i e b e g e b e n. Je reicher wir Liebe geben, Menschenliebe geben, desto reicher werde unsere Seele, desto tiefer und reiner unsere Freude, desto schöner, desto gottähnlicher unser Leben ...
In dieses Gespräch hinein sangen draußen die Weihnachtsglocken feierlich ihr weihevolles Hohelied.
Da standen die drei glücklichen Menschen auf und gingen durch die funkelnde frostklirrende Sternennacht in die dämmerernste Kirche an die Krippe des Gottmenschen, den sie ans Kreuz geschlagen hatten, weil er Liebe, Liebe, Liebe gab in unausdenklicher Fülle.
border1